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Der digitale Scheinriese

Betrachtet von Journi-Zwergen. Es ist ein Trauerspiel fehlender Sachkompetenz.

Man könnte meinen, dass Journalisten in der Lage sind, ein Ereignis einzuordnen, das in ihrer unmittelbaren Nähe stattfindet. Also zum Beispiel die Zusammenlegung der Online-Marktplätze von TX Group, Ringier und Mobiliar.

Aber das täuscht; Journalisten sind nur in der Lage, die Betrachtung des eigenen Bauchnabels wortreich wiederzugeben. Eine Sternstunde im «Magazin»: «Unsere Autorin leidet unter Antropomorphismus.» Nein, man möchte nicht wissen, was das ist.

«Kennen Sie die vier Katzenwäsche-Hotspots?»

Die Antwort ist nein, was war schon wieder die Frage? Dabei sind das nur zwei Beispiele von Tamedia, wenn wir noch «watson» oder die «Republik», aber lassen wir das.

Zurück zu einem ernsten Thema; der Zusammenschluss der Online-Marktplätze. Das erste Problem dabei: Nur Journalisten mit Todeswunsch würden darüber schreiben: «So ein Quatsch». Zumindest dann, wenn sie weiterhin nicht zu den Opfern der x-ten Sparrunde bei Tamedia oder Ringier gehören möchten.

Jubel bei den einen, Kritik bei den anderen

Umgekehrt wäre es eher erstaunlich, wenn CH Media, das nicht auf Marktplätze setzt, sondern sein Geld lieber in Privat-TV und -Radio steckt, diesen Zusammenschluss grossartig fände. So weit geht dann auch dort die objektive Berichterstattung nicht. «Es ist ein Deal mit vielen Fragezeichen», unkt Christian Mensch.

Nun leidet auch er unter einem weitverbreiteten Problem: mangelnde Fachkenntnis. Mensch ist zweifellos intelligent und kann schreiben. Aber die Feinheiten eines solchen Zusammenschlusses entgehen ihm dann doch. Damit ist er natürlich nicht alleine. Dass alle Gazetten von Tamedia und Ringier in Jubelarien ausbrechen, ist keine Überraschung.

Wie säuselt «Blick»: «Big Bang bei Marktplätzen». Selbst CH Media will beobachten: «Ein digitaler Riese formiert sich». Für Tamedia beantwortet die altgediente Wirtschaftsredaktorin Rita Flubacher selbstgestellte Fragen zur «Bündelung der Onlinemarktplätze». Genauer gesagt: Sie rudert um die Beantwortung herum. «Für Zusammenlegungen noch viel zu früh», keine Prüfung durch Wettbewerbskommission (Weko) nötig, «das Joint Venture liegt unter der Interventionsschwelle der Weko».

Umsatzzahlen? «Werden erst nach Abschluss der Transaktion publiziert». Wer hat das Sagen? Alle Beteiligten halten «je 25 Prozent der Stimmrechte». Und wann geht’s an die Börse? «Mittelfristig». Das nennt man mal eine knallharte Recherche.

Was sagen nun die neidischen Zuschauer? Bei CH Media verstolpert sich Mensch etwas in den Zahlen; er schätzt einen Gesamtumsatz von «wohl rund 500 Millionen Franken». Das wäre aber enttäuschend, denn alleine schon «Ricardo» kommt auf 600 Millionen. Dann werde eine Meldepflicht bei der Weko «durch eine komplexe Struktur ohne einen dominierenden Partner vermieden». Interessanter Ansatz.

Aber immerhin, eine gute Frage hat Mensch auf Lager; wieso denn die bereits gemeinsam betriebene Jobplattform von Ringier und Tamedia nicht ins Joint Venture gewandert sei. Die «Kohärenz» wäre damit gefährdet, habe Pietro Supino, der Boss der TX Group, darauf geantwortet. «Was er damit meint, ist nicht die einzig verbliebene offene Frage», setzt Mensch eine Schlusspointe.

Dabei liesse sich die problemlos beantworten. Joint Venture unter drei Partnern inklusive Beizug eines vierten von bislang nicht kooperierenden Plattformen. Passt da eine von zwei Partnern bereits gemeinsam betriebene kohärent dazu? Eben.

Aus den heiligen Hallen der Wirtschaftskompetenz kommt auch nur Lauwarmes

Was sagt denn nun das Kompetenzzentrum für Wirtschaftsfragen? Die geballte Fachkenntnis von gleich drei Redaktoren bietet die NZZ auf, mit der gebotenen Neutralität wird getitelt: «Online-Markplätze verbünden sich». Aber auch hier bekommt der Ton gleich am Anfang ein leichtes Tremolo: «Der Zusammenschluss … wirft einige Fragen auf.»

Die Antworten der Autoren werfen allerdings auch Fragen auf. Hier wird die Ansicht ebenfalls kolportiert, dass die Weko sich den Zusammenschluss nicht anschauen müsse, weil es vier gleichberechtigte Partner gebe und weil das neue Unternehmen «mit weniger als 500 Millionen Fr. Umsatz im Schweizer Geschäft eine kleine Nummer» sei im Vergleich zu Google oder Facebook.

Insgesamt 8 Fragen werfen die NZZ-Cracks auf und beantworten sie auch gleich selbst. Immerhin ist ihnen auch aufgefallen, dass der Partner Mobiliar-Versicherung schon lange an den Scout-24-Plattformen von Ringier beteiligt ist, seit letztem Jahr auch mit 25 Prozent direkt an Ringier.

Eher tänzelnd vorsichtig nähert sich die NZZ der Frage, wie unabhängig denn die Berichterstattung in den Gazetten der Verlage über dieses Joint Venture sein könne:

«Sowohl TX Group wie Ringier betonen, dass die journalistische und finanzielle Unabhängigkeit ihrer zahlreichen Medientitel gewahrt bleibe.»

Da lachen zwar die Hühner, aber NZZ-Wirtschaftsfachleute machen ein ernstes Gesicht dabei. Was allerdings auch diesen Cracks nicht wirklich aufgefallen ist: Ringier ist ja zusätzlich auch mit Axel Springer verbandelt. Wie sieht denn da eigentlich das Binnenverhältnis bezüglich dieses Zusammenschlusses aus? Wäre doch auch eine interessante Frage.

Es bleiben noch ein paar Fragen …

Wie steht es denn um die Machverhältnisse im neuen Club? Offensichtlich bilden Ringier und Mobiliar ein Päckli mit je 25 Prozent Stimmrechte; das bedeutet, dass TX und der Vierte im Bunde, General Atlantic, das andere Päckli formen. Der Investor ist der einzige Beteiligte, der entschieden mehr Stimmrechte als Aktienanteil hat. Wäre auch eine interessante Frage: warum?

Was nicht nur die rund 1000 Mitarbeiter der Marktplätze, sondern auch die noch überlebenden Medienschaffenden der beiden Verlage interessieren dürfte: damit ist dann jede Form der Quersubventionierung ausgeschlossen. Also die früher in Print erschienen Anzeiger sind nicht nur digital geworden, sondern fallen als mögliche Einkommensquelle weg.

Aber auch darüber ist natürlich im völlig unabhängigen Journalismus der beiden Verlage kein Wort zu hören oder zu lesen. Erst recht nicht darüber, dass hier keineswegs ein «Digital-Riese» entsteht. Sondern ein Digital-Zwerg, bei dem es ein Mikroskop braucht, wenn man ihn neben den wirklichen Riesen erkennen will. Der unter Artenschutz gestellt werden muss, damit er nicht unabsichtlich totgetreten wird. Aber der Steuerzahler soll’s ja richten.

Patient Kuba: Ferndiagnosen

Vielleicht übernimmt Südafrika die Meldungshoheit. Aber noch wird Kuba verarztet.

Die NZZ hat die Berichterstattung über Kuba verlagert. Um den Überblick zu behalten, braucht es Distanz, meint die Qualitätszeitung. Deshalb berichtet nun Thomas Milz – aus Rio de Janeiro. Dort sitzt auch der Lateinamerika-Korrespondent des «Spiegel», der aus Brasilien den ganzen Kontinent bis hinauf nach Mexiko abdeckt – natürlich inklusive Kuba.

Lateinamerika ist ein wenig grösser als Europa; die Absurdität dieser Art von Berichterstattung wird einem vielleicht klarer, wenn man sich einen Europa-Korrespondenten vorstellen würde, der für ein lateinamerikanisches Land berichtet und – zum Beispiel – seinen Sitz in Madrid hätte. Aber von dort aus über Ungarn, Norwegen, Malta oder Griechenland berichtete.

So wie Milz über Nicaragua, Mexiko, Chile, Haiti, natürlich Brasilien – und nun auch über Kuba schreibt. Dank Google und Internet ist er heutzutage natürlich besser informiert als frühere Korrespondenten, die sich mühsam per Fax oder Telefon auf dem Laufenden halten mussten. Aber auch moderne Kommunikationsmittel ersetzen keine spezifischen Kenntnisse.

Das ist natürlich kein persönlicher Fehler des Korrespondenten, wer wäre nicht überfordert, müsste er von Madrid aus ganz Europa bestreichen. Als erfahrener Journalist hält sich Milz an das, was die anderen auch schreiben, und was mit Video- und Tondokumenten aus Kuba belegt scheint. Nur einmal unterläuft ihm ein Schnitzer:

«So war die Versorgungslage in den neunziger Jahren sicherlich prekärer als heute.»

Das ist so kreuzfalsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig wäre. In den 90er-Jahren zehrte die Insel noch von Reserven, die Dollarshops waren wohlgefüllt, aus den Staatsbetrieben konnte noch massenhaft geklaut werden, der Bauboom zur Ankurbelung des Tourismus war eine Quelle für einen breiten Strom von Baumaterialien, die viele tausend Gebäude vor dem endgültigen Zerfall retteten. Zudem erschloss der gewaltig ansteigende Tourismus ganz neue Einnahmequellen. Es entwickelte sich eine wahre Dollar-Apartheit. Zuvor hatten sich vor allem verdiente Genossen aus Ostblockstaaten auf die Insel verirrt, und von denen war nicht viel zu holen.

Kratzen an der Oberfläche ohne vertiefte Kenntnisse

Dann schreibt Milz von Schlägertrupps im Dienste des Regimes. Er meint damit wohl die «brigadas de respuesta rápida». Eine Art Bürgerwehr, die wie vieles auf Kuba durchaus nützliche, wie auch schädliche Aktionen durchführt. Also vom Aufräumen nach Unwettern bis zum Niederknüppeln von Protesten. Das gilt auch für die CDR, die «Comités de Defensa de la Revolución». Diese Komitees zur Verteidigung der Revolution waren in den 60er-Jahren gegründet worden, als Antwort auf ständige Sabotageaktionen der Exilkubaner, mit Anschlägen auf Regierungsbehörden, Kaufhäuser oder Symbole der Revolution.

Militant verteidigungsbereit: CDR.

Seither sind sie immer mehr zu einem Blockwartsystem verkommen, zwecks Kontrolle der Nachbarschaft. Völlig ins Aus manövriert sich Milz hingegen mit seiner Schlussanalyse:

«Notfalls hat das Regime noch eine andere Karte im Ärmel, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Im April 1980 öffnete Fidel Castro den Hafen von Mariel für ausreisewillige Kubaner. Innert vier Monaten verliessen rund 125 000 Kubaner die Insel. Nach den grossen Protesten von 1994 wiederholte Castro die Aktion. Rund 35 000 unzufriedene Kubaner verliessen damals ihre Heimat.»

Das ist nun, sorry, liebe NZZ, einfach Stuss. Denn der kleine Unterschied zu heute ist: damals bekam – Relikt des Kalten Kriegs – jeder Kubaner sofort politisches Asyl und eine Niederlassungsbewilligung in den USA. Seit Präsident Obama ist das Geschichte, vorbei. Wie man wissen sollte.

Noch so ein Kuba-Kenner in der Qualitätszeitung

Vorsichtiger kommentiert Werner J. Marti:

«Der Fall der Diktatur ist noch nicht absehbar, aber mit vermehrter Unruhe in Kuba ist zu rechnen.»

Ein wahrer Satz, so wie: morgen scheint die Sonne. Aber mit Regen ist zu rechnen. Marti war bis 2013 «Korrespondent für Südamerika in Buenos Aires», also auch er ein ausgewiesener Kubakenner. Früher gab es noch den Zentralamerika-Korrespondenten Peter Gaupp mit Sitz in Costa Rica. Nach diversen, teilweise ziemlich bösartigen und faktenfreien Ferndiagnosen hatte er Einreiseverbot nach Kuba, was natürlich die Berichterstattung auch nicht einfacher machte. Aber de mortuis nihil nisi bene, wie man in der NZZ formulieren würde.

All diesen Ferndiagnostikern entgeht der Kern des Problems, die Ursache der aktuellen Krise. Mangelwirtschaft, kaum vorhandene eigene Produktivität oder Wertschöpfung, lächerliche Löhne, zerbröckelnde Infrastruktur, das sind alles keine neuen Probleme. Sie begleiten die Revolution seit ihren Anfängen, verschärft seit dem Zusammenbruch des Ostblocks Anfang 90er-Jahre. Nur unterbrochen durch die milden Gaben aus Venezuela, als sich das ölreichste Land der Welt noch solche Bruderhilfe leisten konnte.

Bis an die Zähne bewaffnet sieht anders aus.

Die kubanische Bevölkerung wurde nicht in erster Linie durch ein repressives Regime brutal unterdrückt. Sondern durch eine Art Übereinkunft. Ihr mischt euch nicht in Dinge ein, die euch nichts angehen. Also Politik, Einparteienherrschaft, Bekenntnis zum Sozialismus. Dafür drücken wir die Augen zu, wenn ihr euch durchs Leben mischelt. Ohne Rücksicht auf angeblich unverzichtbare revolutionäre Tugenden. Resolver, Probleme lösen, das war schon immer das Zauberwort auf Kuba. Legal, illegal, scheissegal.

Das Regime hat die alte Übereinkunft mit dem Volk aufgekündigt

Aber um sich all das zu mischeln, was man halt so braucht – und was meistens nur in Devisen zu unerschwinglichen Preisen erhältlich war –, muss man Zugang zu gefüllten Staatslagern haben.

  • Denn wo nichts ist, kann auch nichts geklaut werden.

Das Regime wusste und tolerierte immer, dass es überall und bei allem einen beachtlichen Schwund gab. Also von dem, was vorne reinkam – ein zweistelliger Prozentsatz hinten rausgetragen wurde. Abgesehen vom Statuieren von Exempeln, wenn’s zu bunt getrieben wurde, war das okay.

Kubanische Elendsverwaltung.

Das ergriff auch zunehmend alle staatlichen Dienstleistungen, bei denen ein Bakschisch immer beförderlicher wurde, sei es auch nur, um einen Stempel auf ein Papier gedrückt zu bekommen. Auch Bereicherung, Privatinitiativen wurden zumindest toleriert. Es entwickelte sich um den Tourismus herum ein breites, privates Dienstleistungsangebot, das die angebliche Überlegenheit der sozialistischen Staatsbetriebe ad absurdum führte.

Wenn nix reinkommt, kann auch nix rausmarschieren

Aber der Tourismus ist zusammengebrochen, die wichtigsten Devisenquellen sind versiegt, die Lager leer. Das Ventil eines neuen Massenexodus existiert eben nicht mehr. Das Regime hat den Konsens einseitig aufgekündigt, seine feinen Repressionsmittel funktionieren nicht mehr.

Früher war es üblich, dass der Staatsangestellte (immer noch 90 Prozent aller Werktätigen), unabhängig von seiner Leistung, bei Wohlverhalten existenziell wichtige Güter drastisch verbilligt erhielt. Den dringend benötigten Kühlschrank, einen Ventilator, einen Kochherd, einen Dampfkochtopf, Material zum Renovieren. Sonst nur zu exorbitanten Preisen in Devisenshops erhältlich.

Politische Dissidenz oder gar offener Protest, und man landete ganz hinten auf der Warteliste. Aber ganz hinten. All das ist mangels Material vorbei. Und dafür bekommt das Regime nun die Quittung. Für nichts anderes.

 

 

Kuba: Aussenberichterstattung

Das Elend des Regimes widerspiegelt sich im Elend der Berichterstattung.

Zum ersten Mal seit 1994 gab es Massenproteste auf der letzten Insel des Sozialismus. Damals war’s der Höhepunkt des sogenannten período especial, der speziellen Periode in Friedenzeiten. Euphemismus für die schwere Wirtschaftskrise, die die Insel nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers fast untergehen liess.

Aber damals beruhigte der charismatische Comandante en Jefe Fidel Castro höchstpersönlich die aufgebrachten Kubaner auf der Uferpromenada Malecón. Und öffnete das Ventil am Dampfkochtopf; die Kontrolle des Zugangs zum Meer wurde aufgehoben, Zehntausende von Kubanern suchten auf Flössen der Medusa ihr Heil in der Flucht nach Norden. Und Tausende soffen dabei ab.

Was ist Realität, was Traum, was Magie, was bleierne Schwere?

Comandante tot, Ventil zugeschraubt, diesmal ist’s ernster. Nach einem kurzen Zwischenhoch, dank brüderliche Hilfe aus Venezuela, steckt Kuba anhaltend in einer Wirtschaftsmisere. Der Tourismus, Deviseneinnahmequelle Nummer zwei, liegt am Boden, Corona. Überweisungen der Exilkubaner, Einnahmequelle Nummer eins, sind erschwert.

Nachdem es dem Regime in 61 Jahren nicht gelungen ist, die fruchtbare karibische Insel zum Selbstversorger bei Nahrungsmitteln zu machen (was sie bis 1959 war), müssen jedes Jahr rund 90 Prozent der Lebensmittel importiert werden. Das kostet rund eine Milliarde Dollar an Devisen. Die kann das Regime kaum mehr zusammenkratzen, also sind die Läden leer, selbst die wiedereingeführten Dollarshops.

Alle Bestandteile eines perfekten Sturms sind vorhanden

Gleichzeitig stellt die cupola, die herrschende Clique, ihre korrupte Raffgier immer unverschämter zur Schau. Eine Enkelin des Castro-Clans, nur als symbolisches Beispiel, bot auf Airbnb eine totalrenovierte Villa an bester Lage mit Pool, Koch, Chauffeur und Bediensteten, zur Miete an. Für schlappe 660 Dollar – am Tag. Vilma Rodriguez benützte dafür nicht mal ein Pseudonym, ist nicht mal ein pincho, ein Gestochener, wie die hohen Militärs mit den Sternchen auf den Schulterklappen genannt werden.

 

 

 

 

 

 


Für kubanische Lebensverhältnisse obszöne Bilder aus der «Villa Vida».

«Villa Vida», «Das Leben» heisst der Touristentraum in einem Land, wo das Durchschnittseinkommen bei rund 50 Franken im Monat liegt; Kaufkraft nicht messbar. Inzwischen wurde der alte Castro-Slogan «patria o muerte», Vaterland oder Tod, in «patria y vida» verwandelt.

Das Regime unter dem farblosen Präsidenten Díaz Canel spult lediglich die alten Sprüche ab; das sei ein von Konterrevolutionären aus dem Ausland gesteuerter Versuch, mit teilweise bezahlten Provokateuren die Revolution zu bekämpfen, die angebliche Einheit des Volkes aufzubrechen. Dem werde sich jeder überzeugte Revolutionär mit Leib und Leben entgegenstellen.

Wie in solchen Situationen üblich, hat das Regime den Zugang zum Internet erschwert, was die Übermittlung von Nachrichten einschränkt, aber nicht unmöglich macht. Aus inzwischen 15 kubanischen Städten wurden in den letzten Tagen Demonstrationen gemeldet, die von den Sicherheitskräften zwar begleitet, aber nicht verhindert wurden.

Jugendliche suchen die Konfrontation mit den schwarz gekleideten Spezialkräften.

Das Regime hat keine Perspektive mehr zu bieten, ausser fortgesetzten Opfern, ausser ständigen heroischen Überwindungen von neuen Problemen. Seine wirtschaftliche Inkompetenz ist eklatant und offensichtlich, es mangelt an Führungspersonal, die sogenannten «historicos», die historischen Führer der Revolution, sterben weg oder sind, wie Raúl Castro, um die 90 Jahre alt. Also stehen ganz schön viele Zeichen auf Sturm.

Ein Reportagetraum – wäre es früher gewesen

Das wäre der ideale Moment, um vor Ort die Situation zu verfolgen; Che Guevara, Zigarren, Rum, Mulatas, die Insel fasziniert bis heute, Berichten ist höhere Aufmerksamkeit gewiss als aus Haiti.

Stattdessen erleben wir ein Festival der Fernberichterstattung. In «Die Welt» beschreibt Tobias Käufer die «seltene Wut der Kubaner», aus dem fernen Bogotá. Die NZZ überlässt die Beschreibung ihrer Mitarbeiterin Sandra Weiss, die sich schon in der Vergangenheit mit einfachsten Zahlen verstolperte und aus Puebla berichtet, im fernen Mexiko. Nau.ch rückt eine SDA-Meldung ins Netz, im «Walliser Bote» berichtet Klaus Ehringfeld – aus Mexiko City. Im «Blick» darf eine Helena Schmid ans Gerät; 22 Jahre jung und daher weitsichtig; Kuba von nah, aus dem Newsroom an der Dufourstrasse Zürich.

«Blick» macht auf lustig mit dem Titel aus der fernen Ferne (Zürich – Havanna 8200 km).

Die «Süddeutsche Zeitung» beobachtet das Geschehen aus Buenos Aires in Argentinien, was – Überraschung – von Tamedia eins zu eins übernommen wird. Bloss knapp 7000 Kilometer Distanz bis Havanna. Nun muss es nicht unbedingt ein Vorteil sein, vor Ort Ereignissen nachzuspüren. Aber nehmen wir einmal an, die Berichte über Massenproteste in Süditalien kämen aus Oslo, Warschau, Hamburg, Moskau oder Lissabon. Da würde sich der Leser doch fragen, wie kompetent denn diese Ferndiagnosen, diese Weit-weg-Analysen, diese am Bildschirm abgekupferten «Ich war dabei»-Berichte sind.

Nach den ersten Meldungen muss natürlich der analytische Muskel angespannt werden. Das erledigt für Tamedia Simon Widmer, «Redaktor International». Zuvor bei der SoZ in gleicher Funktion. Ob ihn ein zweimonatiges Praktikum bei der «Myanmar Times» für diese Einordnung qualifiziert?

Deshalb. Weshalb? Halt so. Allgemein unzufrieden, der Kubaner.

Ach, und müssen die Kommunisten jetzt «zittern», kommt es zu «einem Regimewechsel»? Ja und nein, kann sein, muss nicht sein, die Übersicht:

Wie wahr. Woran Widmer allerdings eine offensichtliche Nervosität festmachen will? Hat ein Regierungsmitglied öffentlich gezittert? Man weiss es nicht.

Die NZZ, das weiss ich aus eigener Erfahrung, leistete sich in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts noch einen eigenen Korrespondenten mit Sitz in Havanna. Ob dessen Berichte dadurch besser waren als das heutige Fernschreiben, sei dahingestellt. Aber zumindest konnte der NZZ-Leser dem Bemühen folgen, mit Zeit, Lust und Laune der Realität dieser Insel des real existierenden Surrealismus näher zu kommen. Zumindest wurde er mit dem ständigen Scheitern dieses Versuchs unterhalten.

Wie schaut’s denn in der Wirklichkeit aus?

Wie schlimm ist die Lage aktuell wirklich, gibt es noch Rückhalt fürs Regime, wie soll’s weitergehen, mangels organisierter Opposition auf der Insel, wird das Regime nicht davor zurückschrecken, das erste Mal Militär gegen die Bevölkerung einzusetzen? Haben die Herrscher dort noch genügend Rückhalt? Wenn man teilweise doch an Übergewicht leidende Kubaner schreien hört, dass sie am Verhungern seien, ist das eine zynische Betrachtung von aussen – oder ist die Ernährungslage wirklich beängstigend?

Realer Trübsinn mit libreta, der Rationierungskarte.

Das alles – und viel mehr – könnte eigentlich nur mit einem Augenschein vor Ort beurteilt werden. Es gibt Flüge nach Havanna, weiterhin, und von vielen Orten der Welt aus. Nur: das kostet, und im Elendsjournalismus dieser Tage ist das das Killerargument, das weiterhin Berichterstattung aus der Ferne oder vom Schreibtisch in Europa aus verursacht.

Der Beobachter kann sich selbst ein Bild machen, wenn er will

Jeder, der etwas Spanisch versteht, kann sich auf oppositionellen Webseiten wie cibercuba.com selbst ein Bild der Lage machen. Natürlich ein einseitiges, das sind alles Newsquellen aus den USA, meistens von Exilkubanern finanziert. Aber es gibt das Angebot auch auf Englisch, selbst die Parteizeitung «Granma» hat internationale Ausgaben, wenn man die Gegenseite hören will. Zudem hat Kuba – vor der Revolution – sozusagen CNN in Radio erfunden. «Radio reloj», Uhrenradio,  sendet seit 1947 rund um die Uhr. Nur Wortbeiträge, unterbrochen von der Zeitansage jede Minute, was half, als eine Armbanduhr noch ein Luxusgegenstand war.

Vor Ort könnte man aus Eindrücken ein Kaleidoskop zusammenstellen, das Verständnis schaffen würde. Aber aus Buenos Aires, Mexiko oder gar vom Zürcher Schreibtisch aus geht das natürlich nicht – und es erhebt sich einmal mehr die Frage, wieso der Konsument dafür etwas bezahlen soll.

Vor allem, wenn null lokale Kenntnisse vorhanden sind in der Berichterstattung. Auch dazu nur ein Beispiel. Einer der Schlachtrufe der Demonstranten lautet «Díaz Canel, singao». Das ist Kubanisch und das hätte man sich niemals öffentlich getraut, wenn der Name Castro lauten würde. Ein singao ist ein, höflich übersetzt, motherfucker, Hurensohn, neben maricón (Schwuchtel) mit Abstand das stärkste Schimpfwort, das es gibt. «Come mierda» (friss Scheisse), das Adäquat fürs deutsche Arschloch, ist schon fast liebevoll im Vergleich. Dass singao als Slogan verwendet wird, reicht als Symbol für den Zerfall der Autorität des Staatspräsidenten und Parteiführers. Aber dafür muss man nicht nur Spanisch können …