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Lob des SoBli

Ja, es geschehen Zeichen und Wunder.

Wer niedermacht, muss auch loben können. Und irgendwie gelingt es in letzter Zeit den Chefredaktoren von «Blick» und «SonntagsBlick», trotz anhaltendem Sperrfeuer aus den oberen Etagen Relevanz zurückzugewinnen.

Statt enteiertem und auf frauenfreundlich gebürstetem Unsinns-Journalismus wird’s wieder kantiger.

Ein besonderes Lob hat sich mit der letzten Ausgabe Reza Rafi verdient. Und zwar alleine schon mal mit seinem Editorial.

Denn was sich im Sudan seit Jahren abspielt, ist ein Jahrhundertverbrechen mit Millionen von Vertriebenen und Massakrierten. Hier werden Verbrechen ohne Ende begangen. Zwei Warlords kämpfen mit allen Mitteln und unter Einsatz einer entmenschten Soldateska um die Macht. Ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.

Chefredaktor Rafi schreibt völlig richtig:

«Die Bilder wecken Erinnerungen an den Völkermord in Ruanda 1994. Das Desinteresse der globalen Öffentlichkeit und die Gleichgültigkeit der Weltpolitik sind das Gemeinsame mit den Gräueln in der Vergangenheit.»

Die Hintergründe sind wie fast immer letztlich finanzieller und wirtschaftlicher Natur: «Die im Sudan mordende RSF-Miliz wird unterstützt von den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Dubai befindet sich einer der weltweit grössten Umschlagplätze für Gold. Das Steuerparadies am Golf hat keine eigenen Vorkommen, der bitterarme «failed state» Sudan dafür umso mehr. Der blutige Krieg ist auch ein Konflikt um Bodenschätze, gesponsert von muslimischen Bruderstaaten

Aber weil die VAR zur Achse der Guten gehören, wird über ihre Beteiligung an diesen Verbrechen genauso hinweggesehen wie über die Beteiligung Saudiarabiens an den Greueltaten im Jemen. Falsche Weltgegend, falsche Hautfarbe.

Hingegen wird jedes in der Ukraine verwundete Kind öffentlich und ausführlich betrauert. Was ihm widerfährt, ist ebenfalls schlimm. Aber man sollte vielleicht doch die Relationen wahren, statt einseitige Propagandaschlachten zu schlagen.

In diesem Sinne ist Rafis Editorial erfrischend und lobenswert. Auch seiner bitteren Schlussfolgerung muss man zustimmen:

«Der Schweiz als Depositarstaat der Genfer Konvention bleibt das Mahnen und Appellieren; und wenn Amerika und Europa, die Wiege der Menschenrechte, abseitsstehen, passiert nichts. In der viel beschworenen neuen Weltordnung lauert die moralische Impotenz.»

Die «Entlassungswelle bei Expads» als Aufmacherstory ist vielleicht auch nicht ein echter Boulevard-Heuler, aber durchaus von Relevanz.

Schon der Titel ist nicht schlecht «Streching mit der Staatspartei», und die Analyse des Spagats der FDP, deren neuer Co-Präsident gegen das Abkommen mit der EU ist, während der Parteitag mit überwältigender Mehrheit dafür stimmte, ist nochmals ein Einsatz von einigem Hirnschmalz durch Rafi.

Und der Rest? Nun ja, wir wollten diesmal ausschliesslich loben …

Zerstreuungszentralen

Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Vertrauen. Bereicherung. Wenn nix davon existiert …

Die deutschsprachige Schweiz wird von drei Medienhäusern plus einem kleinen Leuchtturm beschallt, im Tageszeitungsgeschäft.

Was nicht zu Tamedia gehört, gehört CH Media, mit abnehmender Bedeutung wankt Ringiers «Blick» durch die Medienlandschaft. Und dann gibt es noch die NZZ, die leider gelegentlich schwächelt.

Daneben gibt es nur noch wenige kleine Guerilleros und den in der zweiten Generation langsam abgebenden Somedia-Verlag in der Südostschweiz. Über all dem schweben die staatlichen Übermedien von SRF.

Alles andere ist Randgruppenprogramm, vielleicht noch mit Ausnahme der «Weltwoche» und ab und an der WoZ.

Nun sollte es die vornehmste Aufgabe der sogenannten Vierten Gewalt sein, politisches und gesellschaftliches Geschehen zu kontrollieren, darüber zu informieren und dem mündigen Leser die Möglichkeit zur eigenen Meinungsbildung zu geben.

Dabei sollte zwischen der eigentlichen Nachricht und der Kommentierung sorgfältig unterschieden werden. Die persönliche Befindlichkeit des Boten, des Journalisten, sollte dabei keine Rolle spielen, seine Meinung höchstens dann, wenn er etwas Qualifiziertes zum Thema beizutragen hat.

Bei konfliktiven Themen sollten verschiedenen Meinungen und Standpunkten die Möglichkeit eingeräumt werden, sich in diesen Quasi-Duopolmedien zu äussern.

Zudem sollte es ihre vornehmste Aufgabe sein, möglichst umfassend und kompetent über Themen zu berichten, die der Bevölkerung, zumindest der Leserschaft, unter den Nägeln brennen. Also beispielsweise das Thema Altersversorgung und Pensionskassen. Situation auf dem Mietermarkt. Einwanderung. Schulsystem. Kriminalität. Überlastete Infrastruktur. Entwicklung des Verhältnisses zur EU. Sanktionen gegenüber reichen Russen. Um nur die wichtigsten Themen zu nennen.

Konjunktiv.

Seit etwas mehr als vier Jahren beobachtet ZACKBUM diese Medienlandschaft und hat 3550 Beiträge veröffentlicht, die knapp 14’000 Kommentare auslösten, plus diverse direkte Kontakte.

ZACKBUM kann also behaupten, einen gewissen Überblick über die Entwicklung in den letzten vier Jahren und den aktuellen Zustand dieser Medien zu haben.

Dabei sind folgende Fakten augenfällig:

  1. Anfänglich befleissigten sich noch einige Journalisten, auf Anfragen von ZACKBUM zu reagieren oder gar zu antworten. Das hat sich radikal geändert. Entweder gibt es keine Antwort mehr, oder die Frage wird zwecks Veredelung an die Medienstelle weitergeleitet. Die gerne mitteilt: Redaktor xy möchte hierzu keine Stellung nehmen.
  2. Besonders auffällig war das Verhalten der 72 erregten Tamedia-Mitarbeiterinnen. Sie wurden mehrfach mit konkreten Fragen um Stellungnahmen gebeten und allesamt angeschrieben. Reaktion: keine Reaktion.
  3. Der Informationsfluss von Whistleblowern ist ziemlich ausgetrocknet. Das liegt wohl daran, dass die Angst um den eigenen Arbeitsplatz deutlich zugenommen hat, was angesichts der unablässigen Sparwellen auch kein Wunder ist. Zudem haben viele kritische Geister die skelettierten Medien verlassen.
  4. Ausser dem Ausschlachten von gestohlenen Geschäftsunterlagen, die sich in Papers, Leaks und Flops verwandelten, ist kaum nennenswerte Recherchiertätigkeit entfaltet worden.
  5. Die Behandlung der Corona-Epidemie hat gewaltigen Schaden an der Reputation, Glaubwürdigkeit und Werthaltigkeit des Inhalts der Tageszeitungen angerichtet. Vor allem Tamedia verstand sich als Sprachrohr der Regierung oder der Task Force. Kritiker an staatlichen Massnahmen wurden teilweise übel beschimpft («potenzielle Massenmörder»), es wurden hysterische Untergangsszenarien für das Gesundheitssystem entwickelt, von bis zu 100’000 Toten gefaselt, die Wirksamkeit der Impfung unkritisch bejubelt. Kritische Stimmen wurden ignoriert oder beschimpft. Diverse dafür völlig unqualifizierte Journalisten verwandelten sich in wahre Amokläufer und forderten sogar eine Zwangsimpfung für alle. Ein Trauerspiel.
  6. Nicht in diesem Ausmass, aber in einem ähnlichen wiederholt sich das bei der Berichterstattung über die Invasion der Ukraine. Auch da stört vor allem, dass starke Meinungen mit schwachen Kenntnissen eine unappetitliche Melange eingehen.
  7. In diesen vier Jahren ist eine bedenkliche Zunahme von Artikeln zu verzeichnen, die sich ausschliesslich mit Nabelschau des Schreibenden befassen. Sein Befindlichkeiten, seine Weltsicht, seine Ängste und Befürchtungen werden thematisiert. Ohne Rücksicht darauf, dass das die meisten Leser überhaupt nicht interessiert.
  8. Wohl bedingt durch die deutlich abnehmende Relevanz und Bedeutung der Tageszeitungen macht sich zunehmend eine verbissene, oberlehrerhafte Befehlsausgabe bemerkbar. Der Journalist ordnet nicht nur alle Ereignisse auf der Welt nach seinem Gusto, er teilt auch dem Leser mit, wie der sich zu verhalten habe. Insbesondere in Sachen Umweltschutz oder korrekte Anwendung von Sprache.
  9. Obwohl sämtliche Meinungsumfragen beweisen, dass der überwältigenden Mehrheit der Leser Sprachvergewaltigungen mit Gender-Sternchen, Binnen-I und ähnlichem Unfug schwer auf den Zeiger gehen, sehen viele Medien auch hier eine Erziehungsaufgabe. Das gilt auch für faschistoide Sprachreinigungsmassnahmen wie beispielsweise das Verbot, das Wort Mohr zu verwenden.
  10. Angesichts der Social Media und anderen Werbemöglichkeiten (sowie Einnahmen, die nicht bei Schweizer Verlagshäusern anfallen), wirken die Verlagsmanager wie Droschkenfahrer, die verkniffen auf ihrem Bock hockenbleiben und finster beobachten, wie Automobile sie überflüssig machen. Aber der Droschkenfahrer musste sich dann eine neue Einkommensquelle suchen. Die Vollversager in den Geschäftsleitungen der Medienhäuser brauchen das (noch) nicht zu fürchten.
  11. Last, but not least: es ist ein weiterer Niveauverlust zu verzeichnen. Sprachbeherrschung, Hintergrundwissen, Kultur, Geschichte, die Wüste lebt und wird Immer grösser.

Alles eine Frage der Relevanz

Sexismus, Rassismus, Vergewaltigung, Genderstern, Sprachreinigung: furchtbar wichtig. Alles andere: nebensächlich.

So eher im Kleingedruckten konnte man zur Kenntnis nehmen: der Kinder- und Jugendpsychologische Dienst Zürichs hat eine Verdoppelung der Fälle von Suizidversuchen unter Jugendlichen festgestellt.

Eine Verdoppelung. Die Ursachen sind klar: mangelnde soziale Kontakte, keine Ablenkungen, zu Hause zusammenhocken, wenn die Eltern auch Homeoffice machen. Wegen des Lockdown.

Ganze Dienstleistungsbereiche werden dem Erdboden gleichgemacht. Reisebüros, Gastronomie, kleine Shops ohne grosse Reserven. Der Gang durch ein beliebiges Shoppingcenter genügt, um die Dimension des Problems zu erfassen.

Rund 400’000 Werktätige waren in Kurzarbeit, im Monat Januar. Tendenz wieder steigend, nach dem Rekordschock im März 2020; mehr als eine Million Kurzarbeiter. Was geschieht Ende Juni, wenn das Programm ausläuft?

Was ist relevant?

Verluste, Kosten im Multimilliardenbereich, hüst und hott, lockern, verschärfen, lockern, verschärfen, bis möglichst viele KMU aus dem letzten Loch pfeifen. Kein Thema. Ein wenig Geschimpfe über das Impfchaos, Stirnrunzeln, dass Deutschland bei ähnlichen Zahlen wie in der Schweiz wieder auf die Notbremse steigt, während hier gelockert wird.

Was für mittelfristige Auswirkungen kommen?

Was sind für mittelfristige Auswirkungen zu erwarten? Auf die Wirtschaft, auf die Gesellschaft, auf die Verschuldung, auf die Sozialversprechen wie Altersrente? Wie rechtsstaatlich sauber ist der Entzug dermassen vieler Freiheitsrechte? Wie hat die Gewaltenverteilung zwischen Regierung, Parlament, Ämtern, Wissenschaft funktioniert?

Welche Szenarien, welche Trigger, welche Weichenstellungen müssen diskutiert werden, um die Zeit nach der Pandemie möglichst gut aufzugleisen? Was kann die Schweiz als Kleinstaat selber tun, wobei ist sie von grösseren Mächten abhängig? Was bedeutet die Pandemie für das Kräfteverhältnis auf der Welt, für die globalen Handelsströme?

Worauf müssen wir uns in der Schweiz vorbereiten, wenn alle Formen der Corona-Hilfen auslaufen? Wie lässt sich das am besten bewerkstelligen, dass dadurch möglichst wenig Flurschaden entsteht?

Wie kann sich Kunst und Kultur erholen, was kann getan werden? Wie steht es um die Qualität der öffentlichen Debatte, welche Massnahmen wären geboten, um zu versuchen, auf einen allgemein zivilisierten Umgangston zurückzufinden? Wie kann man dem Misstrauen gegen Regierung, Massnahmen und Medien begegnen? Wie kann man den Gebührensender wieder so aufstellen, dass er seinem Verfassungauftrag nachkommt?

Viele Fragen – und die Antworten?

Ist es wirklich sinnvoll, private Medienkonzerne mit Kurzarbeitsunterstützung, Sonderkrediten und zusätzlichen Subventionen zu überschütten, auf dass die Besitzer sich an einer erquicklichen Dividende erfreuen können? Ist das bei der SRG sinnvoll?

Wer behaupten kann, die Schweizer Medien hätten ihm in den letzten Tagen oder Wochen auch nur eine dieser Fragen zufriedenstellend beantwortet oder zumindest einen Denkanstoss gegeben, der soll sich sofort hier melden.

So etwas müsste unbedingt mit allen Lesern geteilt werden. ZACKBUM befürchtet aber: Die Ausbeute wird bescheiden sein. Sehr bescheiden. Beängstigend bescheiden.

Der Berg der unbeantworteten Fragen.

Wikipedia: Die Welt der pickligen Nerd-Götter

Wikipedia ist auch ein Hort der Willkür.

Die «TagesWoche» gab es rund sieben Jahre lang. Das ist eigentlich eine erstaunlich lange Zeit für eine Zeitung, deren einzige Existenzberechtigung ein «wir sind dagegen» war. Gegen die bösen Blocher-Medien. Gegen die betriebswirtschaftlich gerechtfertigte Führung einer Tageszeitung in Basel, die zuvor vor dem Aus stand. Das war das ganze Programm der TagesWoche. Das reichte immerhin bis zum bitteren Ende 2018.

Die TagesWoche hat einen Eintrag auf Wikipedia.

Ganz knapp erreichte das Pendlerblatt NEWS die Zwei-Jahresmarke. In dieser Zeit schaffte das Blatt einiges: Es wurde täglich an Knotenpunkten des öffentlichen Lebens und eigens dafür bereitgestellten Boxen zur Verfügung gestellt. Die Zeitung schaffte auch einiges nicht: sie war an keinem einzigen Tag auch nur für den Hauch von gesellschaftlicher Relevanz zuständig. Eine Schleuder von Agenturmeldungen ist vermutlich noch die freundlichste Umschreibung. Niemand las die Zeitung, niemand wollte sie wirklich.

NEWS hat einen Eintrag auf Wikipedia.

Praktisch reine Willkür

Die Liste könnte beliebig weitergeführt werden. Wikipedia ist eine Art Chronik des Lebens, auch des Lebens, das längst Geschichte ist, und es ist nichts zu sagen gegen diese Einträge, die uns helfen, die Vergangenheit einzuordnen. Aber kennt jemand die Kriterien, die dafür sorgen, dass man in diesen erlauchten Kreis aufgenommen wird? Ob tot oder lebendig? Theoretisch gibt es sie. Aber in der praktischen Anwendung sind sie vor allem eines: reine Willkür.

Wir – sprich: Die Medienmarke «Die Ostschweiz» – kann davon ein Lied singen. Wir werden systematisch von Wikipedia ausgesperrt. Die Nutzer der Wissensplattform dürfen auf keinen Fall erfahren, dass es uns gibt. Weshalb auch immer.

Es gibt «Die Ostschweiz» auf Wikipedia. Es ist ein sehr kurzer Abgesang auf die gedruckte Tageszeitung, die Ende 1997 eingestellt wurde. Nachdem wir die Marke im April 2018 wiederbelebt hatten, beantragten wir eine Ergänzung des Eintrags. Mit der banalen Information, dass rund 20 Jahre nach dem Ende von «Die Ostschweiz» der Traditionsname in neuer Form wiederaufersteht. Sprich: Wir wollten nicht mal einen eigenen Eintrag. Es hätte uns gereicht, wenn der bisherige ergänzt worden wäre. Das Begehren wurde abgelehnt: Wikipedia-Einträge, so lernten wir, dürfen sich nur immer um eine bestimmte Sache drehen und nicht um eine Art Neuauflage. Da die neue «Die Ostschweiz» rein formal mit der alten nichts zu tun hat, darf der Eintrag nicht mit der neuen Situation vermengt werden.

Gut, kann man akzeptieren. Auch wenn die Realität eine andere Sprache spricht, denn es gibt Millionen von Artikeln auf Wikipedia, in denen es um X geht und plötzlich die Rede von Y ist, aber was solls: Wir waren verständnisvoll und beantragten stattdessen einen ganz neuen Eintrag unter dem Titel: «Die Ostschweiz (Onlinezeitung)». Denn, so unsere naive Überzeugung, wir hatten ja etwas erschaffen, das Teil der Wirklichkeit war, und davon durfte und sollte man auch auf Wikipedia lesen.

Was heisst schon relevant?

Nein. Durfte und sollte man nicht. Auch dieser Versuch fand keine Gnade, der Entwurfseintrag wurde gelöscht. Einer der Wikipedia-Götter schrieb als Begründung kurz und knapp: «Relevanz?»

Ach. Relevanz. Relevanz? Seit zweieinhalb Jahren informieren wir jeden Monat rund 150’000 Leserinnen und Leser in der Ostschweiz über das, was die Region bewegt. Das ist offensichtlich nicht relevant. Um bedeutend genug zu sein für Wikipedia, hätten wir wie die TagesWoche Millionen einer reichen Erbin an die Wand fahren und nach einigen Jahren eingehen müssen – dann hätte es vermutlich gereicht. Wir haben definitiv was falsch gemacht: Uns gibt es immer noch, und wir stehen dank eines motivierten Aktionariats finanziell gesund da. Wenn etwas funktioniert, ist es nicht relevant. Offenbar ist das basisdemokratisch geführte Wikipedia zutiefst sozialistisch angehaucht und mag nur, was nicht rentiert, anders lässt sich das nicht erklären.

Relevanz? Wären wir doch nur das «Pöschtli», eine in Thusis herausgegebene Wochenzeitung. Die erreicht zwar nur einen Bruchteil unserer Leserschaft, aber offenbar ist sie im Gegensatz zu uns wichtig genug. Warum? Vielleicht, weil hin und wieder Artikel auf Rätoromanisch erscheinen. Das hilft immer in der Schweiz, aber damit können wir beim besten Willen nicht dienen. Nichts gegen das «Pöschtli», wirklich, aber kennt irgendjemand ausserhalb von Thusis diese Publikation?

Sicher auch nicht schlecht wäre es, wenn wir die jüdische Gemeinde in der Schweiz ansprechen würden. Denn «Tachles», das jeden Monat 7000 Leserinnen und Leser bedient, ist auch eines Wikipediaeintrags würdig. Nein, ich habe nichts gegen Juden, um dem zu erwartenden Aufschrei vorauszukommen, aber: Das ist relevant, und wir sind es nicht?

Pickel müsste man haben

Relevanz? Wer definiert die? Bei Wikipedia sind es einige Nerds, die vermutlich noch bei den Eltern wohnen, seit 15 Semestern «studieren» und vom Keller aus Beiträge bearbeiten in Ermangelung eines anderen Hobbys. Beziehungsweise sie gutheissen oder ablehnen. Wir stellen sie uns so vor: Fettige Haare, Pickel, eine Nickelbrille, ein seit längerem nicht gewaschenes T-Shirt mit dem Aufdruck einer amerikanischen Universität – und ein grenzenloses Sendungsbewusstsein. Die Leute, die über Relevanz entscheiden, sind vermutlich selbst die fleischgewordene Irrelevanz.

Nein, wir gehen nicht unter, wenn man uns auf Wikipedia nicht findet. Aber Journalisten haben – jedenfalls, wenn sie den Namen verdienen – ein ausgeprägtes Empfinden für Ungerechtigkeiten. Und es gibt beim besten Willen keinen Grund dafür, warum zugrunde gegangene, rein politisch motivierte Titel oder Nischenmedien unter Ausschluss einer breiten Öffentlichkeit auf Wikipedia sagen dürfen, dass sie existieren (oder existiert haben), aber ein prosperierendes Regionalmedium nicht.

Fazit: Pickel müsste man haben.

Von Stefan Millius, Chefredaktor «Die Ostschweiz».

Packungsbeilage: Der ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert in «Die Ostschweiz».