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Wehe, wehe, Weltwoche

Platzverschwendung erschlägt Lesenswertes.

ZACKBUM fragt sich, wieso auch die «Weltwoche» ihre Titelgeschichte einem singenden Niemand widmen muss, der anscheinend erst letzten November herausfand, dass er/sie/es eigentlich notbinär sei. Pardon, nonbinär.

Der Conchita-Wurst-Imitation wird es gehen wie seinem Vorbild. Da nützt es auch nichts, ihn in einen pseudo-bedeutungsschwangeren Text ehrfürchtig zu beweihräuchern. «Ich, ich ging durch die Hölle und zurück», what a bullshit, kann man da nur sagen. «Highway to hell», das ist hübsche Asphaltlyrik, ein treibender Beat, satte Gitarrenriffs, unsterblich. Dieser «Code» ist eine Eintagsfliege, die schon tot ist, während sie noch summt.

Was für ein Geschwurbel vom sonst zurechnungsfähigen Jürgen Wertheimer:

«Es geschieht nicht sehr oft, dass Lieder derart ins Nervenzentrum vordringen und – obwohl sie von etwas ganz anderem zu handeln scheinen – eine eminent politische Botschaft senden. «Lili Marleen» von 1938 etwa löste sich von seinem ursprünglichen Anlass und wurde zur internationalen Antikriegshymne, ebenso wie das gleichermassen bekannte «Sag mir, wo die Blumen sind», das ursprünglich ukrainischer Herkunft ist.»

Das mit diesem Queen-trifft-Eminem-Verschnitt zu vergleichen, eine Frechheit. Dass auch noch Schiller missbraucht wird, da fehlen die Worte. Völlig absurd wird es, wenn es Wertheimer mit eigenem Gestammel versucht: «Denn unter dem Gewand einer scheinbar rein privat anmutenden Recherche nach seiner eigenen Identität verbirgt sich der Appell, alle Zumutungen von oben einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.»

Ein Appell verbirgt sich unter einem Gewand? Hat man denn allen ins Gehirn geniesst?

Gibt es noch etwas Schlimmeres, als in einen Schlagertext tiefere Bedeutung zu geheimnissen? Doch, leider. Wenn Tom Kummer über Nemo schreibt. Darf man Schmerzensgeld verlangen, wenn man so einen Stuss lesen muss? «Vor Nemo hatten schon die Pop-Ikonen David Bowie und Freddie Mercury auffallende Zähne. Buddy Holly wurde von kranken Zähnen und Mundgeruch malträtiert.»

Kann man das noch steigern? Leider ja. Wenn nämlich Daniel Ryser bei einem ernsten Thema auf dem Egotrip unterwegs ist (wann ist er das nicht),. Er schreibt nämlich über Julian Assange, was verdienstvoll wäre, wenn er nicht in erster Linie über sich selbst schreiben würde. Als er «mit Julian Assange in London Whisky zum Frühstück trank». Oder als er mit Assange Fondue ass. Oder als er mit Assange «einen Stapel Harrods-Sandwiches» ass. Ryser geht es nur um sich selbst:

«Ich selbst war bei meinen Besuchen auf der Botschaft natürlich anfangs erstaunt darüber … Jennifer Robinson, die Anwältin von Assange, sagte mir vor einigen Jahren bei einem Interview … die Männer, die mich am Eingang jeweils gescannt hatten … und wir dachten, die Verfolgung werde bald ein Ende haben … Bei einem kürzlichen Treffen in Strassburg sagte mir Wikileaks-Chefredaktor Kristinn Hrafnsson … traf ich mich im New Yorker Financial District mit Ben Wizner … «Haben Sie denn so viel Zeit?», fragte mich Nils Melzer … Das Interview, das Ende Januar 2020 im Magazin Republik publiziert wurde, ging um die Welt … sagt Stella, als wir uns in Strassburg zu einem Kaffee treffen …»

Und so geht das quälende 32’500 A lang. Eingerahmt wir das von der «Weisheit des Herzens», völlig abgespacter Scheiss, den Kolumnen von Anabel Schunke und Tamara Wernli, deren Lektüre im Kopf wehtut, aber immerhin auch einem wiederbelebten Urs P. Engeler und einem Wolfram Knorr, der Francis Ford Coppola ein wohlverdientes Denkmal setzt. Gäbe es nicht Literatur und Kunst, bevor Alberto Venzago unermüdlich sein Archiv abstaubt, David Schärer Flachheiten absondert (aber immerhin, es gibt die Peanuts auf dieser Seite, das tröstet). So saufen die wenigen guten Storys in diesem Brei ab.

Dass die WeWo auch so noch mehr Denkstoff bietet als die Einheitssauce aus Aarau und Zürich, das spricht nicht für sie, sondern gegen die anderen. Es ist bedauerlich, dass das Magazin so viel Platz schlichtweg verschenkt, vergeudet, vertrottelt.

Dabei wäre die Alternative ganz einfach. Alleine ein Verzicht auf Ryser und Kummer würde einige Seiten für Besseres freimachen. Der Verzicht auf die beiden Kolumnistinnen gäbe immerhin auch zwei Seiten her. Und der Verzicht auf Nihil-Themen wie Nemo würde das Blatt in eine andere Liga katapultieren.

Es ist verblüffend, wie wenige Autoren das Niveau eines ganzen Heftes dramatisch absenken können.

ZACKBUM wünscht von Herzen gute Besserung.

Zweimal die Pest

Die «Weltwoche» ist das Gegenprogramm zum Medienmief. Mit zwei Ausnahmen.

ZACKBUM liefert die Packungsbeilage gleich am Anfang. René Zeyer publiziert ab und an in der «Weltwoche». Somit wäre er Partei, wenn das Magazin nicht das einzige Blatt im deutschen Sprachraum wäre, wo sich der Chefredaktor dortselbst kritisieren und beschimpfen lässt – wenn es gut geschrieben ist.

Da wir das schon mehrfach ausprobierten, klatschen wir den Vorwurf der Voreingenommenheit locker weg und wiederholen: ohne die WeWo wäre die Schweizer Medienszene deutlich ärmer. Und das will angesichts ihres ärmlichen Erscheinungsbildes etwas heissen.

Aber was gut ist, kann immer noch besser werden. Im Fall der WeWo ist der Weg der Besserung leicht einzuschlagen. Es braucht kein Redesign, es braucht keine Blutzufuhr, selbst der Copy/paste-Journalist Urs Gehriger, das einzige männliche Trump-Groupie, darf seinen Platz behalten. Nur wäre der Frauenquote und dem Ansehen von weiblichem Journalismus geholfen, wenn die Quotenfrauen Anabel Schunke und Tamara Wernli ihr Geholpertes woanders absondern würden. Ach, und Dania, die Fragen über Sex beantwortet, die man nie stellen wollte, könnte sich ihnen anschliessen.

Genderkorrekt sollten zwei männliche Mitarbeiter so schnell wie möglich von der Payroll gestrichen werden. Wieso Tom Kummer einer von ihnen sein muss, braucht wohl keine grossen Begründungen. Der «literarische Korrespondent der Weltwoche» hat alles ruiniert, was es an Ruf, Seriosität und der Eigenschaft, ernst genommen zu werden, im Journalismus gibt. Selbst mit dieser Oberzeile ist es nicht lustig oder lesenswert, was er schreibt:

In der WeWo soll sich der Leser nicht fragen müssen, was Fakt und Fiction ist, was wahr oder gelogen, was erlebt oder erfunden. Abgesehen davon, dass der nächste Skandal, wie es ihn auch schon mehrfach in der WeWo gab, um die Ecke lauert. Wozu ihn abwarten?

Die zweite störende Fehlbesetzung ist Matthias Matussek. Glauben ist Privatsache, und dass der ehemalige «Spiegel»-Mann sein religiöses Erweckungserlebnis hatte, das ihn in die Arme des Katholizismus trieb, sei ihm unbenommen. Aber muss das sein:

Leider neigt der Besitzer, Verleger, Herausgeber und Chefredaktor Roger Köppel mit zunehmendem Alter zu religiösen Himmelsreisen, was dem Blatt auch nicht guttut.

Aber heutzutage eine solche Lobhudelei auf den wohl schrecklichsten Papst seit den Zeiten der Medici, das ist schon ein ganz schwaches Stück:

Dass er von anderen Pfaffen als «Mozart der Theologie» gelobhudelt wird, unbenommen. Die katholische Kirche, die älteste Verbrecherorganisation der Welt, hat sich noch nie durch grosse Realitätsnähe ausgezeichnet.

Aber Lobhudelei auf Benedikt XVI., der Homosexuelle unbarmherzig brandmarkte, tausendfachen Missbrauch, Pädophilie und alles Gotteslästerliche ignorierte oder schönschwätzte, Geburtenkontrolle, Abtreibung, Zölibat, Islam, Verteidigung der Pius-Brüderschaft mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson – und schliesslich sein Rücktritt vom Amt, was für die katholische Kirche unerhört war, all das überschattet sehr dunkel die weisse Robe, die er sich anmassend weiter überstreifte, obwohl sie eigentlich dem amtierenden Papst vorbehalten ist.

Hitlerjunge, Angehöriger der Wehrmacht, Falschaussagen im Zusammenhang mit dem deutschen Missbrauchsskandal, strikter Gegner der Befreiungstheologie, mittelalterliche Vorstellungen über die Rolle der katholischen Kirche in der Gesellschaft, entschiedener Gegner der Schwangerschaftsberatung, Rückbesinnung auf die Kirchentradition von 1054, die Christianisierung der Ureinwohner Lateinamerikas sei von denen «unbewusst herbeigesehnt worden», die angebliche Einzigartigkeit der römisch-katholischen Kirche – wäre dieser Papst nicht Papst gewesen, hätte man sich über solch weltabgewandten Unsinn höchsten lustig machen können.

Man kann – de mortuis nihil nisi bene – ihn auch in den Himmel jubeln, aber wer wie Matussek keine Peinlichkeitsschwelle kennt, müsste vor sich selbst beschützt werden:

«Ich habe ihn auf einer seiner letzten grossen Reisen zum Weltjugendtag im August 2011 in Madrid kennenlernen dürfen, ich durfte mich kurz neben ihn setzen. Er fragte: «Na, Herr Matussek, wie geht es Ihnen denn beim Spiegel ?» Und lächelte. Um nicht zu sagen: grinste.
«Mal so, mal so, Heiliger Vater», sagte ich, perplex darüber, wie gut er im Bilde war, und lachte zurück, «im Moment eher so.» Ich hatte erlebt, wie er vor mir mit anderen gesprochen hatte, lächelnd, tröstend, wie er im Zwiegespräch diese Frau aufgerichtet hatte, die auf tragische Weise Familienmitglieder verloren hatte.
Wir übersetzten dann gemeinsam das Augustinus-Wort, das ich ihm als Widmung in mein Buch «Das katholische Abenteuer» geschrieben hatte: «Incipit exire, qui incipit amare» – Wer beginnt loszulassen, beginnt zu lieben? Loslassen, oder doch vielleicht wörtlich: hinausgehen? Hat er da bereits an den Ausgang, den Weggang gedacht, an eine Zeit, in der er sich ganz seiner Liebe zu Gott und seinen Studien widmen kann

Darf man so etwas – ausserhalb einer katholischen Erbauungsschrift – wirklich noch veröffentlichen? Kann man so ungehemmt jubilieren, wenn man auch nur einen Band von Karlheinz Deschners «Kriminalgeschichte des Christentums» gelesen hat?

Papstmodeschau in Fellinis «Roma».

Kann man so viel Licht leuchten lassen, nonchalant von «Pannen» schwafeln, wo dieses Pontifikat doch eine einzige Ansammlung von Pleiten, Pech und Pannen war?

Darüber kann man sicherlich diskutieren, aber so etwas im angeblich gut gelaunten Blatt für Erkenntnisse veröffentlichen, sozusagen die Gegenaufklärung in eine Bastion der Aufklärung einladen, das geht einfach nicht.

Matussek kann doch froh sein, dass uns heutzutage nicht mehr die Möglichkeiten und Methoden der Heiligen Inquisition zur Verfügung stehen. Ihm soll nichts geschehen, keine Streckbank, kein glühendes Blei ins Maul, keine Quälereien, um seine unsterbliche Seele zu retten. Ein simples Schreibverbot in der WeWo wäre völlig ausreichend.

 

Wumms: Silvia Aeschbach

Die Tamedia-Journalistin kann noch mehr als Tipps fürs Älterwerden geben.

Es kommt selbst im skelettierten Sparjournalismus äusserst selten vor, dass eine Redaktorin in ihrem Blatt ihr eigenes Buch rezensieren, also bejubeln darf. Die «SonntagsZeitung» hat das Silvia Aeschbach ermöglicht.

Dadurch gestärkt, hat Aeschbach nun wohl das Gefühl, sie könne eigentlich alles. Auch eine Filmrezension. Opfer dieses Trugschlusses ist «Blonde», das fiktionale Biopic über Marilyn Monroe. Das hat schon Tamara Wernli in der WeWo missverstanden, also sagt sich Aeschbacher: da capo.

Dass der Film nicht mehr der neuste ist, eigentlich überall von allen schon kommentiert wurde, na und. Jetzt kommt Aeschbach: «Warum dieser Film Marilyn Monroe missbraucht».

Hoppla. Aeschbach zieht ziemlich vom Leder:

«Der Spielfilm, der Marilyn Monroe und ihre Lebensgeschichte widerspiegeln will, beruht nicht nur auf falschen Fakten, sondern zeigt die Schauspielerin ausschliesslich als hypersexualisiertes Opfer ohne eigenen Willen, das selbstzerstörerisch veranlagt und fast keinen einzigen Tag in seinem Leben glücklich war.»

Welche «falschen Fakten» zum Beispiel? Da ist Aeschbach gnadenlos: «So wie beispielsweise die Eingangsszene, in der die kleine Norma Jean von ihrer psychisch kranken Mutter beinahe in der Badewanne ertränkt wird. … Aber es gibt keinen einzigen Beweis dafür, dass sie jemals gegen Norma Jean handgreiflich wurde oder sie sogar umbringen wollte.»

Nun, auch Beckmesserei will gekonnt sein. Natürlich gibt es dafür Belege. Ausser, Aeschbach will behaupten, der Ehemann von Monroe, Arthur Miller, habe gelogen, als er mehrfach berichtete, wie seine Frau ihm ihr Leiden darüber gestand, dass sie von ihrer Mutter misshandelt und auch beinahe umgebracht worden sei. Aeschbach unterschlägt auch die vorangehende Szene im Film, wo die psychisch kranke Mutter mit ihrer Tochter zum Haus des vermeintlichen Vaters fahren will – mitten in einen Waldbrand hinein. Davon wird sie nur durch die Intervention eines Polizisten abgehalten.

Genauso absurd ist die Behauptung von Aeschbach, «Marilyn Monroe war alles andere als ein dummes Blondchen, als das sie immer wieder dargestellt wird». Gerade in diesem Film wird gezeigt, wie sie den berühmten Autor Arthur Miller mit ihren literarischen Kenntnissen und ihrer Fähigkeit, sich in von ihm beschriebene Figuren hineinzudenken, schwer beeindruckt. Wie glücklich sie zeitweise in dieser Ehe war, zeigt der Film ebenfalls eindrücklich.

Richtig peinlich wird es, wenn Aeschbach mit ihrem Hang zur Selbstbespiegelung fortfährt: «Als ehemalige Filmjournalistin verfolge ich die Aufarbeitung des Lebens von Marilyn Monroe seit Jahrzehnten. Ich habe praktisch alle ihre Filme gesehen und zahlreiche Biografien gelesen

Da verbietet sich jeder Scherz darüber, dass Aeschbacher auch blond ist …

 

 

Zwei Tiefflieger

Wie sich Journalisten auch lächerlich machen können.

Ein Thema haben wir bei der Aufzählung vergessen, wie Journalisten sich öffentlich und peinlich entblössen können. Wenn sie über kulturelle Erlebnisse berichten. Da trifft im schlimmsten Fall ein niedriger Horizont auf künstlerische Weiten. Ein tiefergelegter Geschmack auf anspruchsvolle Kost. Gerade haben wir zwei Beispiele dafür überlesen müssen. Wir wollten über beide Protagonisten nicht mehr schreiben. Aber eben …

Tamara Wernli, die zusammen mit Anabel Schunke in der «Weltwoche» das Gnadenbrot des Frauenbonus verspeist, hat einen Film gesehen. Sehen heisst nicht verstehen:

«Blonde» zeichnet als Literaturverfilmung das Leben eines der ersten weiblichen Superstars der Leinwand nach. Das findet Wernli gar nicht gut: «Der Film zeigt eine hilfsbedürftige und psychisch völlig labile Marilyn, die beinahe einen Vormund braucht und mit tränengefüllten Rehaugen von Szene zu Szene taumelt, von der Welt benutzt und missbraucht

Kann man so sehen, muss man nicht so sehen. Vielleicht könnte man sich auch bemühen, den Film zu verstehen. Aber Wernli will mit feministischem Besteck sezieren. Sie gesteht dem Regisseur Andrew Dominik zu, dass er fiktional «Figuren nach eigenem Empfinden interpretieren» könne. Tut er zwar nicht, denn er lehnt sich an eine fiktionale Biographie an. Das erspart ihm den Vorwurf nicht: «Aber was, fragt man sich, mag der Zweck sein hinter dieser einseitigen Darstellung des Kultstars als überfordertes Geschöpf ohne Talent, eigenen Ambitionen und Durchsetzungsvermögen

Keine Ahnung, welchen Film Wernli gesehen hat, «Blonde» kann’s kaum gewesen sein. Denn der ist cineastisch anspruchsvoll, vielleicht ein Mü zu lang, aber alleine die Todesszene ist hochstehend gefilmt, die verwischten Erinnerungen, die Verwechselungen von Realität und Trauma, das Leiden der Norma Jean an der Kunstfigur Monroe, ihre Begegnung mit Henry Miller. Augenfutter, würde Wolfram Knorr sagen.

Wernli hingegen kennt keine Scham und errötet nicht wie ihre Schuhe, während sie diesen Satz schreibt:

«Die Andeutung, die sich durch den ganzen Film zieht, dass sie eigentlich nie berühmt sein, sondern einfach nur ein normales Leben führen wollte, lässt mich als einstige aspiring actress mit Hollywood-Vergangenheit aber wirklich lachen.»

Da schweigt des Medienkritikers Höflichkeit, bloss: it’s hopeless, bei solchem Narzissmus.

Wir wollten, bei Gutenberg, den Namen hier nie mehr erwähnen. Aber wir müssen Erich Maria Remarque gegen Philipp Loser in Schutz nehmen. Zunächst gibt Loser damit an, dass er doch tatsächlich die «New York Times» liest. Bravo. Da könnte er lernen, wie Journalismus nicht in kurzen Hosen, sondern unter Erwachsenen so geht. Tut er aber nicht. Stattdessen dient ihm das nur als angeberische Einleitung hierzu: «Krieg ist Horror. War er schon immer. Niemand hat das so eindrücklich beschrieben wie Erich Maria Remarque in dem Roman «Im Westen nichts Neues», der vor fast hundert Jahren erschienen ist.»

Niemand? So eindrücklich? Wie bemerkte der unerbittliche Marcel Reich-Ranicki so richtig: der Roman zeuge von «ungewöhnlicher literarischer Begabung wie von provozierender Effekthascherei». Das Werk sei «klassische Gymnasiumslektüre», räumt Loser ein, womit er auch noch erwähnt hätte, dass er ein solches besuchte. Aber da kommt man eben nicht wirklich in Kontakt mit grosser Literatur.

Tolstoi «Krieg und Frieden», Wassili Grossman «Leben und Schicksal», John Dos Passos «Drei Soldaten», Arnold Zweig «Der Streit um den Soldaten Grischa», Louis-Ferdinand Céline «Kanonenfutter», Ludwig Renn «Krieg», Ernest Hemingway «Wem die Stunde schlägt», Thomas Pynchon «Die Enden der Parabel», Denis Johnson «Ein gerader Rauch». Ein Auszug aus der grossen Liste von wahrlich bedeutenden Kriegsromanen.

Aber Loser hat’s lieber einfach, das entspricht mehr seinem Pennäler-Gemüt und seinen intellektuellen Fähigkeiten. Die er so zum Ausdruck bringt:

«Man liest diese einfachen Sätze, die vor fast hundert Jahren geschrieben wurden, und denkt an die jungen Ukrainer, die in einem Krieg kämpfen, den sie nie wollten. An die jungen Russen, die in einen Krieg geschickt werden, den viele von ihnen nie wollten.»

Es gibt die Banalität des Bösen. Und es gibt die Banalität des Blöden. Man fragt sich, was schlimmer ist.

 

Wernli hat man nicht gernli

Seien wir ehrlich: die «Weltwoche» hat ein Frauenproblem. Katharina Fontana geht. Bedauerlich. Wernli bleibt. Bedauerlicher.

Die Kolumne von Claudia Schumacher hat einen grossen Vorteil. Man kann sie so schnell überblättern, dass es nicht mal einen Phantomschmerz gibt. Bei Tamara Wernli kann man höchstens sagen, dass durch ihre Kolumne der Begriff «letzte Seite» eine tiefere Bedeutung bekommt.

Wir haben sie schon mal streng zurechtgewiesen, dem Hinweis eines sprachlos gequälten Lesers folgend. Aber so ist’s mit der heutigen Jugend und auch mit nicht mehr so jugendlichen Kolumnistinnen: schwerhörig, beratungsresistent. Ausserdem ist das auch unnötig: wenn man nix anderes kann und immer wieder eine geschützte Werkstatt findet, wo man mit der staubigen Bröseligkeit des gleichnamigen Guetzlis immer wieder die einzigen Trümpfe ausspielt: Frau, konservativ, provokativ.

Leider bedient sie auch alle Vorurteile, die es gegen echte und unechte Blondinen gibt. In ihrer neusten Kolumne in der «Weltwoche» begibt sich die Video-Bloggerin leider in Themengebiete, von denen sie keine Ahnung hat. Das zeichnet auch ganz allgemein ihre Schriftstücke aus, aber diesmal ist’s besonders schmerzlich.

Was unterscheidet Wernli von Marie-Antoinette?

Das fängt beim Titel an und zieht sich bis zum letzten Satz durch. «Die Marie-Antoinette des ZDF», was will uns die Blondine damit sagen? Kommt da was mit Brot und Kuchen, mit Guillotine? Indirekt, sehr indirekt, denn Wernli köpft tatsächlich Logik, Zusammenhänge und verständliche Schlussfolgerungen.

Soweit ich den Flachgebieten der eher zusammenhangslosen Sätze folgen konnte, geht es Wernli darum: Jan Böhmermann, «einer der bekanntesten Entertainer im deutschsprachigen Raum», verführt viele junge Menschen zum Sozialismus. Ohä, und das erst noch unter weiss gepuderte Perücke mit einer Kratzhand aus Elfenbein, das Mieder züchtig geschnürt? Moment, das müssen wir so stehenlassen, Erklärung folgt.

Erregungsbewirtschaftung à la Geissens.

Wie tut er das denn? Mit Aufforderungen, Marx, Engels oder Lenin zu lesen? Indem er sich lobend darüber äussert, dass Marie-Antoinette wie auch ihr Gatte geköpft wurden? Nicht ganz. Er fordere nämlich «Google verstaatlichen, Facebook enteignen und Twitter regulieren».

Tiefenpsychologie Wernli starrt auf Schreckliches

Wernli gibt sich schockiert, etwa so wie Marie-Antoinette, wenn ihr Gatte den Wunsch nach schon wieder einem neuen Juwelengehänge wegen Ebbe in der Kasse ablehnen musste. Man stelle sich vor, entrüstet sich das Wernli, da hätten Unternehmer was Grossartiges aufgebaut, und nun wolle Böhmermann das denen einfach wegnehmen. Schlimmer noch: «Enteignungsfantasien lassen ja immer tief in die Seele eines Menschen blicken», weiss Tiefenpsychologin Wernli. Und sie erblickt Schreckliches.

Da Böhmermann auf Twitter User blocke, mit deren Meinung er nicht übereinstimme (wer errät, welcher User das sein könnte?), soll mit dieser Verstaatlichung «Leuten, die Dinge sagen, die er für falsch hält, die entsprechenden (privaten) Plattformen entzogen werden – also sollte ein bisschen die demokratische Mehrheitsgesellschaft enteignet werden.»

Hier muss ich dem Leser helfen; ich brauchte auch eine ganze Weile, um diese Logik ansatzweise nachvollziehen zu können. Mein Resultat stundenlanger Bemühungen, einen tiefen Blick in das gedankliche Chaos von Wernli zu werfen: Böhmermann will diese Internet-Giganten verstaatlichen, zumindest regulieren. Soweit noch einigermassen verständlich.

Wir schreiten unbeirrt in einem gedanklichen Labyrinth voran

Warum? Weil damit Leuten, mit deren Meinung er nicht übereinstimme, das Maul gestopft werden könne, was dann die «demokratische Mehrheitsgesellschaft» enteigne. Ich gebe zu: hier bin ich dann erschöpft zurückgesunken. Nix verstan. Wenn ich nicht ganz falsch informiert bin, treffen ja zurzeit die grossartigen privaten Unternehmer die Entscheidung, wer auf Twitter und Facebook gesperrt wird (zum Beispiel Trump).

Gleichzeitig erlegt ihnen der Staat, zum Beispiel der deutsche, die Pflicht auf, selbst dafür zu sorgen, dass strafrechtlich relevante, hetzerische, rassistische oder menschenverachtende Posts schnell gelöscht werden. Falls nicht, drohen happige Bussen. Also ist doch das eigentliche Problem, dass hier staatliche Kontrollmacht, nämlich das Bestimmen und die Durchsetzung aller Regeln und Normen innerhalb eines Rechtsstaats, an private Akteure weitergereicht wird.

Ungeheuerlich bedenklich. Und während jedes Medienorgan, auch die «Weltwoche», nicht nur für die Inhalte der Schreiber verantwortlich ist, sondern auch für Kommentare, denen eine Plattform gegeben wird, konnten sich die Internetgiganten bislang auf eine Ausnahmeregelung in der US-Gesetzgebung stützen. Sie seien keine Medienorgane, bei ihnen würden nur Privatpersonen einen Meinungsaustausch betreiben, und ausserdem sei es gar nicht möglich, Milliarden von Posts jeden Tag zu kontrollieren.

Was verstand schon Marie-Antoinette vom Internet?

Also Rückzug des Rechtsstaats, Wildwest im Internet, wie das Armdrücken von Facebook mit Australien zeigt, zudem die arrogante Machtfrage, ob Facebook stärker ist als der australische Staat oder nicht. Ob Facebook weiterhin mit Kundendaten, mit Werbung, mit völliger Verantwortungslosigkeit und haftungsfrei unkontrolliert Milliarden verdienen kann – oder nicht.

Aber von Wirtschaft, Machtfragen, Rechtsstaat, Verantwortlichkeiten hat Wernli ungefähr gleich viel Ahnung wie Marie-Antoinette. Ach ja, und wieso sei die in Böhmermann wiederauferstanden? Nun, ich hab’s auch nicht verstanden, aber ich kann’s referieren: Sollte Böhmermann sich nicht im Klaren sein, dass seine Enteignungsideen «absurd» seien, dann würde das bedeuten, dass sich «die Marie-Antoinette des ZDF überhaupt nicht mehr spürt, sich für unantastbar hält.»

Um das zu verstehen, braucht man entweder einen viel grösseren oder einen viel kleineren Kopf, als ich ihn habe. Ich als Sprachrohr der demokratischen Mehrheitsgesellschaft gebe zu Protokoll: Ein Verzicht auf Wernli in der «Weltwoche», damit sie sich voll auf den «Nebelspalter» konzentrieren kann, würde ich weder als Enteignung, noch als Zensur empfinden. Im Gegenteil. Als Erleichterung und Bereicherung.

Rollenspiele

Tamara Wernli hat man einfach gernli. Einmal, zweimal, keinmal.

Frau, konservativ, provokativ. Mit dieser Nummer macht Tamara Wernli seit einiger Zeit den Abschied von der «Weltwoche» leichter. Letzte Seite, «Tamaras Welt», aber nicht meine, Heft wird zugeklappt.

Neben Claudia Schumacher ist Wernli wohl die bröseligste Platzverschwendung seit Erfindung des «Petit Beurre»-Krümelmonsters. Es ist ja auch nicht leicht, jede Woche keinen Einfall zu haben und damit eine Seite zu füllen. Über den Zusammenhang zwischen Corona und Sex im Stresstest. Über die angekündigte, aber wohl ausbleibende Apokalypse. Über die Abgabe von Gratis-Tampons.

Und was einem halt sonst noch einfällt, während man die High Heels auf den Schreibtisch legt. Die meisten dieser Stücke zeichnen sich durch humorlose Staubtrockenheit aus. Aber eigentlich kommt Wernli ja vom Bewegtbild, daher weiss sie, wie man eine Kamera aufstellt und etwas für Studio-Atmosphäre sorgt. Denn sie ist eine «Video-Bloggerin».

Tamaras Welt ist überall. Leider

So bespasst sie immerhin über 50’000 Abonnenten ihres Channels auf YouTube mit bislang 113 Videos. Bei diesem Oeuvre fällt es natürlich schwer, Frau und Werk richtig zu würdigen. Also greifen wir doch einfach das jüngste Spitzenerzeugnis heraus.

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können, das zeichnet nach Karl Kraus den Journalisten aus. Da legt Wernli noch locker ein, zwei Scheite drauf. Sie kann ihn nämlich nicht ausdrücken, wendet ihre Kernkompetenz Humorlosigkeit auf Satireversuche an und erschreckt uns damit gleich doppelt.

So in der «Parodie» «Corona: Wie sie uns heimlich ERZIEHEN wollen». Zunächst die Packungsbeilage: Für Schäden oder Nebenwirkungen lehne ich jede Verantwortung ab. In diesem Brüller sitzt eine locker gekleidete Wernli einer streng mit Brille, Deux-Piece und natürlich Goldkettchen mit kleinem Glitzersteinchen verkleideten gegenüber.

Zusammenarbeit: Roger Köppel (links) und Tamara Wernli (rechts).

Wernli streng gegen Wernli locker

Wernli streng spielt eine «Moralexpertin», die Wernli locker zu einem «Moraltest» aufgeboten hat, um «zu sehen, ob sie ein guter Mensch sind». Der Leser wird es mir danken, dass ich ihm das 60-minütige Feuerwerk an Pointen, knackig-witzigen Dialogen und krachenden Niederlagen der «Moralexpertin» erspare. Es steht am Schluss ungefähr 40 zu 0 für die lockere Wernli. Oh, ich sehe gerade, es sind nur 6 Minuten.

Auf jeden Fall endet die Horror-Parodie einer Satire damit, dass die lockere Tamara durch den Test gefallen, daher ein «schlechter Mensch» sei und ihr empfohlen wird, sich in ein Boot-Camp zu begeben.

Selbst der Blumenstrauss seufzt auf

Für die bis hierher Überlebenden fällt dann die strenge Tamara aus der Rolle, schiebt sich die Intellektuellen-Brille ins Haar und wünscht den Zuschauern ein gutes neues Jahr. Als sie androht, auch 2021 ihre Fans zu bespassen, lässt sogar der Blumenstrauss neben ihr hörbar eine Blüte fallen. Was soll er sonst auch machen, der Arme.

Vielleicht sollte Wernli mal ein paar Ausgaben von «Die Anstalt» im ZDF anschauen. Da wird der Fake-Dialog zwischen einem böswilligen Zyniker und einem um Fassung ringenden aufgeklärten Menschen in Perfektion dargeboten. Erst noch faktenbasiert mit Schautafeln. Sicher, das Beste, was dem deutschen Farbfernsehen seit Harald Schmidt eingefallen ist. Aber leider ist die Hoffnung wohl vergeblich, dass Wernli zur Einsicht fähig ist, dass die Welt schon trübe und traurig genug ist. Auch ohne Tamaras Welt.