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NZZ und Neutralität, Teil 2

Ballade eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam.

Von Philipp Gut*

Bretscher zensiert Neutralitätsgegner

Noch war die Neutralität in Stein gemeisselt, wie man es der eigenen Geschichte schuldig war. Abgesehen von einem kurzzeitigen Schlenker im Schlepptau des Bundesrats während der Völkerbundskrise («differenzielle Neutralität») zog die Redaktion die neutralitätspolitische Blattlinie stoisch durch. Schon im Ersten Weltkrieg hatte die Neue Zürcher Zeitung als so neutral wie kein anderes Medium auf dem Kontinent gegolten – was bis zum Vorwurf der «Farblosigkeit» ihrer Kriegsberichterstattung reichte. Die englische Zeitschrift The Contemporary Review stellte 1917 anerkennend fest, die NZZ habe sich durch eine «kühle Unparteilichkeit» («cold impartiality») eine einzigartige Position in der Schweiz und in ganz Europa erworben.

Wie sehr die Schweizer Neutralität durch Redaktion und Verwaltungsrat hochgehalten wurde, zeigte sich neben der Publizistik auch in der Personalpolitik. Der deutsche Chefredaktor Gustav Kombst bezahlte eine neutralitätskritische Äusserung gar mit seinem Job. Er habe es sich im Jahr 1834 erlaubt, die Schweizer Neutralität im Kampf der Despotien gegen die «freiheitsliebenden Staaten» als «leeres Wort» abzutun, was bereits nach sechzehn Arbeitstagen seinen Abgang nach sich gezogen habe, lesen wir in Thomas Maissens «Geschichte der NZZ 1780–2005».

Sogar nicht getätigte Aussagen zur Neutralität konnten die Gemüter erhitzen und eine stürmische Debatte auslösen. So geschehen im Jahr 1952, als der Zürcher Mittelalterhistoriker Marcel Beck in einer 1.-August-Rede plante, die Schweizer Neutralität in Frage zu stellen und stattdessen «Alternativen» ins Auge zu fassen, konkret einen Nato-Beitritt. Er sandte den Redetext zuvor der NZZ -Redaktion. Bretscher geriet darüber so in Rage, dass er beim Bildungsdirektor intervenierte, der Beck zurückpfiff. Der Professor strich die Passage aus der Rede, doch die Affäre machte ihn auf einen Schlag bekannt, und er nutzte sie als Sprungbrett für eine politische Karriere in der Demokratischen Partei. Am Ende seiner Ansprache zum Nationalfeiertag holte er zum Gegenschlag aus: «Es gibt dunkle Mächte in diesem Land, mögen sie Kartelle, Verbände, Gewerkschaften oder Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung heissen

Tempi passati. Es gehört zur Ironie dieser Geschichte, dass die heutigen NZZ-Redaktoren genau jene Alternativen zu einer neutralen Schweiz propagieren, die ihren Vorgängern die Haare zu Berge stehen liessen. Gerne hätte die Weltwoche von Gujer erfahren, weshalb aus seiner Sicht nicht mehr gilt, was ein Bretscher und andere damals so vehement vertreten haben. Warum ist heute falsch, was über Jahrhunderte richtig war? Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe antwortete Gujer nicht.

Vielleicht hängt die Abkehr von der Tradition seiner Zeitung ja auch mit gewissen Auslandengagements zusammen, bei denen das Verständnis für die schweizerische Neutralität eher gering ausfallen dürfte. So ist Gujer ehemaliges Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), die transatlantisch ausgerichtet und mit dem politischen Establishment verzahnt ist. Finanziert wird sie gemäss Jahresbericht unter anderem vom deutschen Auswärtigen Amt, vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aber auch von der EU-Kommission und der Nato, von Rüstungsfirmen wir der Airbus Defence and Space GmbH sowie von Stiftungen wie den von George Soros gegründeten Open Society Foundations.

Zumindest in früheren Jahren ist auch eine Mitgliedschaft im Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland dokumentiert, der nach eigenen Angaben «das Verständnis für Rolle und Arbeit der Nachrichtendienste in Deutschland im nationalen wie internationalen Kontext» fördern will, insbesondere in Bezug auf den Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz, die Landesbehörden für Verfassungsschutz, das Bundesamt für den Militärischen Abschirmdienst, das Militärische Nachrichtenwesen der Bundeswehr und die mit ihnen verbundenen Behörden und Einrichtungen.

Dass der Verfassungsschutz seinen ehemaligen Präsidenten Hans-Georg-Maassen überwacht und gegen die Alternative für Deutschland, die grösste Oppositionspartei der Bundesrepublik, vorgeht, kann man Gujer nicht anlasten. Aber seine Nähe zu solchen Organisationen könnte seine publizistischen Positionen ein Stück weit erklären. Auf die Frage der Weltwoche , ob er da nicht Interessenkonflikte mit seiner Tätigkeit als Journalist und Chefredaktor einer Schweizer Zeitung sehe und wie er diese Doppelrolle interpretiere, antwortete Gujer ebenfalls nicht. Dass er nach seinem Abgang von der Redaktionsspitze ab nächstem Jahr die NZZ-Aktivitäten in Deutschland vorantreiben soll, passt da ins Bild. Es ist eine Heimkehr ins Land seiner Mutter und seiner Kindheit.

«Es liegt an uns»

Was dem Chef recht ist, ist seinen Untergebenen billig. Auch Häsler betätigt sich innerhalb und ausserhalb der Redaktion, beruflich, nebenberuflich, privat, als Transatlantik-Aktivist in einer Art und Weise, die bisweilen sonderbare Formen annimmt. «Vielen Dank, Amanda Rivkin Häsler, dass du das möglich gemacht hast. Es liegt an uns, uns um den transatlantischen Verbund liberaler Demokratien zu kümmern», tönte Häsler auf Linkedin in englischer Sprache zu einem Beitrag des Bern Security Dialogue.

Dazu muss man wissen: Diese Amanda Rivkin Häsler ist seine zweite Frau, nachdem er sich zuvor mit dem Namen seiner ersten Frau geschmückt und als Georg Häsler Sansano gezeichnet hatte. Und dieser Bern Security Dialogue ist von Häsler selbst gegründet worden. Zu seinen Aktivitäten gehört ein «Alpine Security Monitor», ein Newsletter, der wiederum von Rivkin betrieben wird. Im Tandem treten sie auch an Veranstaltungen auf, und Rivkin, Staatsbürgerin der USA und Lettlands, ist stets mit ihrer Kamera dabei, wenn Häsler eine Person von Rang und Namen trifft.

Der Berner Sicherheitsdialog verfolgt erklärtermassen das Ziel einer «gemeinsamen Sicherheitsstrategie für Europa und insbesondere für den Alpenraum». Für die bewaffnete Neutralität der Schweiz ist da definitiv kein Platz. Umso mehr, als Rivkin Häsler in den sozialen Medien verkündet, es sei eine Ehre, «Teil des Nato-Netzwerks» zu sein. Ins nachgerade Komische kippt es, wenn die Nichtschweizerin Rivkin auf der gemeinsamen Plattform mit ihrem NZZ -Ehemann im Kontext der Neutralitätsdebatte hochtrabend formuliert, letztlich sei «jede Nation nicht mehr und nicht weniger als die Summe aller, die hier leben» – womit sie sich flugs zur Schweizerin erklärt –, und wie die «Schweiz als Nation» auf «Versuche gegnerischer Einmischung» reagiere, sei «ausschliesslich Sache der Schweiz als souveräner Staat und ihrer Bevölkerung». Als Pressekontakt unter dem gequirlten Quark wird, na wer wohl, angegeben? Georg Häsler.

Das wäre alles nicht der Rede wert, würde Häsler bei der Neuen Zürcher Zeitung nicht den Zentralbereich Sicherheitspolitik verantworten und «ressortübergreifend vertiefen», wie seine Arbeitgeberin betont. Verbirgt sich da vielleicht auch ein gewisses Führungsproblem an der Falkenstrasse? Und reicht dieses womöglich über die Chefredaktion hinauf bis an die Spitze des Verwaltungsrats? Dort sitzt mit Isabelle Welton, geborene Lalive d’Epinay, verheiratet mit einem Amerikaner, eine Frau, die zwar eine gewisse Managementerfahrung unterhalb der Konzern-CEO-Stufe mitbringt, aber das politische Profil eines Slicks aufweist. Ein Ulrich Bremi, Nationalrat und Fraktionspräsident der Freisinnigen Partei, ein Fritz Honegger, Bundesrat, oder auch noch der Bankier Konrad Hummler waren da von einem ganz anderen Kaliber.

Agent Moskaus!

In seiner Neujahrsansprache vom 1. Januar 1982 äusserte sich Honegger, damals Bundespräsident, auch zur Neutralität. Im abgelaufenen Jahr hätten sich in der Bevölkerung «die Furcht vor kriegerischen Auseinandersetzungen stärker bemerkbar gemacht». Der Bundesrat sei sich «der Gefahr, der wir durch das Wettrüsten ausgesetzt sind, durchaus bewusst». Er warne aber davor, die Angst als Berater beizuziehen. Die «Aufrechterhaltung unserer bewaffneten Neutralität und die Unterstützung aller ehrlich gemeinten Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens in Freiheit werden auch im neuen Jahr bewährte Leitlinien unserer Politik bleiben», so Honegger. Wer heute solche selbstverständlichen Dinge sagt, wird in der NZZ gegrillt und als Agent Moskaus verunglimpft. Dazwischen liegt die Geschichte eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam.

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*Der Artikel erschien zuerst in der «Weltwoche». Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Drei Frauen, drei Schlagwörter

Im Zirkus nennt man das ein «one-trick pony».

Also ein Zugpferd, das aber nur einen einzigen Trick kann. Diesem Prinzip haben sich auch drei weibliche Führungsfiguren verschrieben. Es gibt dann noch einige Möchtegerns wie beispielsweise Kerstin Hasse, aber die müssen noch viel üben, sind nicht so fokussiert.

Nehmen wir sie per Dienstalter. Da hätten wir zuerst Ladina Heimgartner. Sie braucht eine extrabreite Visitenkarte, denn sie ist Mitglied des Executive Board der Ringier AG, Head of Global Media und noch CEO der «Blick»-Gruppe.

In diese Positionen ist sie mit der Verwendung des Wortes «Resilienz» gekommen. Man könnte das auch die Fähigkeit nennen, Krisen zu überwinden. Oder schlichtweg Widerstandsfähigkeit. Aber zugegeben, Resilienz ist doch viel schicker. Dazu noch einen Sprutz Feminismus und die Fähigkeit, im richtigen Moment auf den Abzug zu drücken: the sky is the limit, wie der Ami so sagt.

Dann hätten wir Isabelle Welton. Die braucht keine übergrosse Visitenkarte. Sondern versüsst sich das Leben durch einige VR-Mandate und die «Rubidia GmbH», die irgendwie bei Unternehmenskultur und Veränderungsprozessen berät. Nachdem sie unauffällig zehn Jahre im NZZ-Verwaltungsrat sass, ist sie nun zur Präsidentin gewählt worden. In dieser neuen Funktion hat sie gleich Pflöcke eingeschlagen, indem sie auf das Wort «Purpose» hinweist. Purpose hört sich natürlich viel gewichtiger an als Zweck. Sagte man, jedes Unternehmen muss einen Zweck erfüllen, bestünde Gähn-Alarm. Aber ein Unternehmen braucht einen «Purpose», aber hallo.

Erst in den Startlöchern steht Jessica Peppel-Schulz. Sie wird, bestens ausgeruht und schlecht vorbereitet nach zwei Jahren Sabbatical, im September in die Position des CEO bei Tamedia eingearbeitet werden. Als Gastgeschenk hat sie das Wort «Empowerment» dabei. Selbstermächtigung, Vertrauen auf eigene Fähigkeiten. Wunderbar, bedeutet eigentlich nix, hört sich aber so schön geschwollen an, wenn man’s auf Englisch ausspricht.

Nun stellen wir uns die drei Damen in einer Gesprächsrunde vor. «Resilienz», «Purpose», «Empowerment». «Empowerment, Purpose, Resilienz». Wer das länger als zwei Runden durchhält, bekommt den Verdienstorden für die erfolgreiche Unterdrückung des Gähnreflexes und des Kopfschüttelns.

NZZ: Frauen an die Macht

Nun auch die alte Tante: sie hat eine VR-Präsidentin.

«Isabelle Welton ist Inhaberin der Rubidia GmbH, einem Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Unternehmenskultur und Veränderungsprozesse.» So die Selbstdarstellung. Welton ist seit 2013 im VR der NZZ AG und  fiel dort in diesen zehn Jahren – durch nichts auf.

Nun hat sie ihre Antrittsrede gehalten und fiel darin – durch nichts auf. ZACKBUM nennt solche Leerformeln gebackene Luft, und davon lieferte Welton wie ein Heissluftfön ab.

«Angesichts der laufenden Entwicklungen … auch in Zukunft in jeder Minute gefordert. Wir müssen selbstkritisch und erfinderisch bleiben. Wir müssen unternehmerische Chancen packen und dabei auch Risiken eingehen … Wir werden in den nächsten Jahren die Weiterentwicklung unserer Angebote gezielt vorantreiben. Unternehmerisches Denken und Handeln muss gefördert und der gegenseitige Austausch intensiviert werden … ich werde deshalb diesem Thema hohe Priorität einräumen.»

Welchem Thema? Ist doch egal. Hat man schon mal von einem Unternehmen gehört, das seine Angebote ungezielt vorantreibt? Nicht gefordert ist? Nicht unternehmerisches Denken fördern will? Auf dies und das nicht mit höherer Priorität eingeht?

Dann scheint sich Welton ein wenig Ladina Heimgartner von Ringier zum Vorbild genommen haben. Die kommt bekanntlich mit dem Wort «Resilienz» und etwas Feminismus weit herum und in die höchsten Positionen. Welton versucht’s nun mit «Purpose». Jedes Unternehmen muss seinen Zweck haben, eine wahrhaft umwerfende Erkenntnis. Die im Übrigen schon seit einigen Jahren kursiere. Also eigentlich, seit es Unternehmen gibt, und das ist schon ziemlich lange so.

Sicher kann man von einer Antrittsrede nicht erwarten, dass hier Pflöcke eingeschlagen werden, konkrete Strategien auf den Tisch gelegt, Ziele formuliert. Oder vielleicht doch, denn auch die NZZ ist tatsächlich gewaltigen Herausforderungen und Problemen ausgesetzt; wie will sie alleine weiter überleben, wie will sie ihr (geschrumpftes) Vermögen sinnvoll einsetzen? Wo soll’s hingehen mit dem Content, wie soll der dargeboten werden?

Da wären ein paar Hinweise durchaus willkommen gewesen. Aber vielleicht kann man den Purpose der NZZ nun so umschreiben: die neue VR-Präsidentin unbeschädigt überleben