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Langer Weg zum Artikelende

Roger Köppel bewirbt sich bei der «Republik».

Zugegeben, das ist eine Fake News. Aber als Interpretation zulässig. Denn es zeigt sich wieder einmal, was passiert, wenn es auf einer Redaktion keine Checks and Balances gibt.

Es kommt einem vor, als habe der Chefredaktor, Verleger, Herausgeber, Besitzer und eigen- sowie allmächtige Vielschreiber und Vielredner Köppel alle 84 Seiten der «Weltwoche» alleine gefüllt. Dabei sind es «nur» sieben plus eine Seite Wort zum Donnerstag, plus eine Spalte «Übernimmt Schweiz neue EU-Sanktionen

Das Hauptstück «Langer Weg zum Frieden» dauert mehr als 34’000 A lang. Zu lang. Dabei rezykliert Köppel seinen Artikel «Langer Weg zum Frieden» vom 20. Februar in der neusten Ausgabe der WeWo. Damals brauchte er «nur» knapp 20’000 A, um sich von einem Tolstoi-Zitat («schrieb in «Krieg und Frieden» …», kleiner hat’s Köppel nicht) bis zum Schluss zu mäandern.

Vielleicht kopierte er den Titel auch vom «Meininger Tagblatt», denn das schrieb am 19. Februar vom «langen Weg zum Frieden». Da brauchte es nur 1445 A, um die Story zu erzählen.

Aber Köppel ist offenbar der Ansicht, dass die 20’000 A nur ein Warmlaufen war, um mit einer seiner Lieblingsmarotten den Leser in den Tiefschlaf zu wiegen: «Die Rückkehr zu sachlichen Beziehungen mit Moskau bleibt Pflicht.» Für wen und warum?

Nun, auf jeden Fall hülfe da eine regelmässige Lektüre der «Weltwoche», meint überraschungsfrei ihr Machthaber: «Darum ist es so wichtig, dass Zeitungen wie die Weltwoche nicht einfach nur nachbeten und andächtig beklatschen, was unsere Regierungen verlautbaren.»

Wenn er allerdings von der WeWo spricht, meint er natürlich sich selbst: «Meine Einschätzungen beruhen auf Lektüre und Gesprächen, mehreren Besuchen in Russland und in der Ukraine über mehrere Jahrzehnte.» Also DIE Koryphäe für eigentlich alles, was mit Russland und der Ukraine zu tun hat.

Kleine Zwischenfälle wie ein lobhudelndes Porträt über Putin, seine Darstellung als «Der Missverstandene», dem man doch absurderweise zutraue, die Ukraine zu überfallen. Je nun, auch Koryphäen können sich mal irren. Das hatte die andere Koryphäe Thomas Fasbender verbrochen. Die Story erschien just an dem Tag, als Putin mit der kurzen militärischen Spezialoperation begann. Künstlerpech wie bei «la crise n’existe pas».

Damals jubelte die WeWo über «UBS und CS wieder auf dem Vormarsch», als die UBS genau am Erscheinungstag um Staatshilfe winselte.

Aber gut, zurück zum Eigenlob eines Chefs, bei dem sich niemand traut, ihm zu sagen: lass mal gut sein, in der Kürze liegt die Würze. Aber hallo, wenn Köppel nun mit dem grossen Pinsel auf der Leinwand der Weltbühne den Werdegang Putins nachmalt, dann kennt er kein Halten.

Nato-Osterweiterung, George Kennan, George W. Bush, «uraltes Schlachtfeld der Imperien», «in den historischen Zwischenschichten abgelagerte Sprengkörper», «bedrohlich brodelte das Giftgebräu voll übelriechender Substanzen», unermüdlich stapelt Köppel eine hochglanzpolierte Worthülse auf die andere. Maidan, Krim, «Gaunerwort «Zeitenwende»», auch wieder mit Tolstoi-Zitat, ein unverschämtes Adjektiv «… ist der Überfall vermutlich ein Bruch des Völkerrechts». Vermutlich, echt jetzt?

Dann der rhetorische Schlenker, den man ruhig als die Köppel-Pirouette labeln darf Zuerst der Absprung: «Natürlich hat kein Staat Anrecht auf eine Sicherheits- und Einflusszone in seiner Nachbarschaft.» Dann die Drehung und die Landung: «Doch die Russen sind beileibe nicht die erste und einzige Grossmacht, die auf ein Vordringen anderer Grossmächte in ihr Revier allergisch reagiert

Fritzli, der mit den Fingern in der verbotenen Keksdose erwischt wird, reumütig sein Fehlverhalten einräumt, aber zu bedenken gibt, dass Hansli das doch auch täte, also sei es dann schon nicht so schlimm. Womit Fritzl wenigstens seine Eltern zum Schmunzeln bringt. Aber als ernsthaftes Argument bei einem ernsten Thema?

Als Vergleich zerrt Köppel die Kuba-Krise aus der Mottenkiste der Geschichte. Bei der Stationierung sowjetischer Atomraketen sind die USA bekanntlich damals  in der Insel einmarschiert und haben Castro und seine Mannen in einem jahrelangen Krieg niederzuringen versucht. Oder so.

Und noch ein Beispiel für eine solche Köppel-Pirouette: «Putins Angriff war keine «full scale»-Invasion, wie die Briten schreiben. Er liess nur 190 000 Soldaten einmarschieren. Als die Wehrmacht Polen überfiel, betrug die Truppenstärke 1,5 Millionen.» Na dann …

Wer es schafft, bis zum bitteren Ende durchzuhalten, wird nicht belohnt, sondern bestraft. Mit Banalitäten wie

«Kriege sind schlimm. Das ist nichts Neues.»

Oder: «Europa, die Welt kann sich keinen Krieg mit Russland leisten.»

Köppel in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Wäre aber für die Welt besser, wenn er nicht jede Woche ihr kurz oder länglich den Tarif durchgäbe.

Diesen Sprachdurchfall könnte man ohne Imodium auf einen Satz eindicken: Putin ist gar nicht so schlimm, man sollte halt mit ihm reden.

Der klare Blick

Wollen wir es mal mit etwas Verrücktem probieren? Mit Zweckrationalität.

Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, aber es gibt wahrscheinliche Szenarien. Dass Aliens landen oder ein Meteor alles Leben auf der Erde auslöscht, gehört zu den unwahrscheinlichen.

Im Fall der Ukraine gibt es drei Möglichkeiten.

  1. Russland bringt seine «militärische Spezialoperation» zu Ende. Das heisst, das Land wird erobert und in Kiew eine Marionettenregierung installiert, die Moskaus Interessen vertreten wird.
  2. Russland scheitert mit diesem Plan, es entwickelt sich ein Partisanen- oder Guerillakrieg, wo es wie in Afghanistan oder Vietnam keinen Sieger und keinen Verlierer gibt. Bis Russland des Aderlasses überdrüssig wird und sich zurückzieht.
  3. Es gibt einen Verhandlungsfrieden, bei dem Russland ein gesichtswahrender Rückzug erlaubt wird. Die Krim bleibt russisch, die östlichen Republiken auch oder werden einer Volksabstimmung unterstellt. Ebenfalls behält Russland einen Landzugang zur Krim.

Welche der drei Varianten wird’s wohl sein? Logischerweise ist Variante 3 vorzuziehen. Denn Russland erleidet zwar militärische Verluste und Schäden an seinen Hauptexportprodukten. Aber in der Ukraine sind bereits heute geschätzte Schäden von über 600 Milliarden Dollar an der Infrastruktur entstanden, vom menschlichen Leid ganz zu schweigen.

Kurzer Ausflug. Präsident Putin muss sich vorwerfen lassen, dass er sich ohne Not in eine Situation manövriert hat, aus der er nur als Verlierer herauskommt. Sollte es ihm gelingen, die Ukraine ganz unter Kontrolle zu bringen, lasten auf Russland die Kosten des Wiederaufbaus, eine gewaltige Hypothek.

Entwickelt sich ein langjähriger Abnützungskrieg, sind die wirtschaftlichen Folgen für Russland ebenfalls exorbitant. Man darf nicht vergessen, dass der Vietnamkrieg die USA zwang, von der Goldbindung des Dollar Abstand zu nehmen, so teuer wurde der.

Gibt es eine Verhandlungslösung, hat Putin dennoch die Beziehungen zum Westen so nachhaltig beschädigt, dass es wohl eine Generation brauchen wird, um zu einer wie auch immer gearteten Normalität zurückzukehren. Währenddessen wird sich Europa unabhängig von russischen Rohstofflieferungen machen; ob China diese Nachfrage ersetzen kann, ist fraglich.

Martialisch blökende Kriegsgurgeln behaupten, dass die Gefahr eines Atomkriegs klein oder vernachlässigbar sei. Oder wie das der «Auslandchef» von Tamedia so unnachahmlich formulierte: «Waffenlieferungen an die Ukraine führen nicht einfach so zum Atomkrieg, sondern nur dann, wenn sich der Kreml zum Tabubruch entscheidet und eine Nuklearwaffe einsetzt.»

Das ist Unfug. Sollte der Kreml zur Überzeugung kommen, dass der Westen oder die NATO dermassen massiv auf Seiten der Ukraine in den Krieg eingreift, dass Russland militärisch schwer in die Bredouille gerät, liegt es nahe, dass er mit einer atomaren Option zumindest drohen wird. Sein Aussenminister hat bereits das Terrain vorsondiert und die Möglichkeit eines atomaren Schlagabtauschs in den Raum gestellt.

Bislang haben lediglich die USA Atombomben als Kriegswaffe eingesetzt. Das war zu einer Zeit, als sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs das Monopol auf diese Waffe hatten. Seither stand die Welt einige Male am Rande einer nuklearen Auseinandersetzung, am nächsten bei der Kuba-Krise im Oktober 1962.

Seither bewahrte die Verrücktheit MAD alle Atommächte vor dem Einsatz der Waffe. Mutual Assured Destruction, Gleichgewicht des Schreckens, oder einfach: wer zuerst Atomwaffen einsetzt, stirbt als Zweiter.

In Sandkastenübungen spielen die Militärs aller Atommächte schon lange mit der Option eines begrenzten Atomkriegs. Dabei dürfte es sich allerdings um eine Illusion handeln. Oder auch hier konkret: Putin setzt in der Ukraine Atomwaffen ein, weil er mit konventionellen Waffen nicht mehr weiterkommt. Das bedeutet, das grössere Landstriche verstrahlt und auf lange Zeiten unbewohnbar werden. Was soll ein solcher Pyrrhussieg bezwecken?

Oder aber, Putin setzt Atomwaffen gegen ein NATO-Mitglied ein. Das hat sofort einen Gegenschlag zur Folge, Weltuntergang.

Letzte logische Schlussfolgerung: da die Ukraine, so bedauerlich das für ihre Bewohner auch sein mag, nicht das Auslösen eines weltweiten Atomkriegs wert ist, muss es eine Verhandlungslösung geben, die es Putin zumindest ermöglicht, seine Invasion als Erfolg der eigenen Bevölkerung zu verkaufen.

Umso länger der Krieg andauert, umso mehr Opfer er auch auf russischer Seite fordert, umso spürbarer die westlichen Sanktionen werden, desto mehr wird er sich in die Ecke gedrängt fühlen. Es wäre wohl zu viel von der Geschichte verlangt, die Hoffnung darauf zu setzen, dass ja auch die Atommacht UdSSR untergegangen ist, ohne in letzter Verzweiflung die Welt mit in den Abgrund zu reissen.

Was man über Putin weiss, macht es eher unwahrscheinlich, dass er sich geschlagen auf einen seiner luxuriösen Landsitze zurückziehen und dort seine Memoiren schreiben wird. Abgesehen davon, dass er weiss, dass er einen solchen Rückzug von der Macht nicht überleben würde. Also wird er wohl alles daran setzen, sie zu behalten.

Wer eine Fachmeinung zur Möglichkeit und den Folgen eines atomaren Schlagabtauschs verträgt, kann das Interview mit dem emeritierten MIT-Professor und Atomkrieg-Experten Theodor A. Postol nachlesen.

Das alles macht die Option «gebt Putin Saures» zur schlechtesten aller denkbaren.