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Kalte Dusche

Es regnet und ist eher frisch. Blöd gelaufen für die Medien.

Wenn man in der Datenbank SMD unter dem Stichwort «Hitze» sucht, bekommt man im letzten Monat 5372 Treffer. «Hitzesommer» ergibt 214 Resultate, «Klimawandel» wurde in 2220 Werken beklagt und beschrieben.

«Gerade schwappt eine weitere Hitzewelle über ganz Europa. Prognostiziert ist ein extremer Hitzesommer – vielleicht erwartet uns sogar der heisseste seit Messbeginn. Das sind die spürbaren Auswirkungen des Klimawandels», prognostiziert der «Blick».

«Während der Hitzetage verwandeln sich einige Drämmli in eine Sauna», schwitzt die «Basler Zeitung». «Die Kerntemperatur des Körpers wird entscheidend», diagnostiziert CH Media. «Was steigende Wassertemperaturen für unsere Seen bedeuten», sorgt sich der «Zürcher Oberländer».

«AKW Beznau stellt wegen der Hitze einen seiner Reaktoren ab», alarmieren diverse Medien. Und srf.ch resümiert:
«Lokal wärmster und sonnigster Juni seit Messbeginn».
Dazu gab es natürlich Unmengen von Tips und Ratschlägen, wie man diese brütende Hitze überleben kann. Welche Wassermengen sollte man zu sich nehmen, nützt Glacé oder schadet sie, welche Kleidung braucht’s, sollte man sich noch sportlich betätigen, welchen Einfluss hat die Hitze aufs Hirn, kann man arbeitsfrei oder hitzefrei verlangen? Ist schwitzen gesund, und wenn nein, warum nicht? Kann man heisse Luft unbeschadet einatmen?
So haben es auch Fische nicht leicht: «35 Grad im Anmarsch – in Gewässern beginnt der Überlebenskampf», berichtet «20 Minuten» von der Kriegszone Gewässer. srf.ch geht dem weiter auf den Grund: «Geht Äschen und Forellen bald der Sauerstoff aus?« Und eifrig warnt auch der Bund vor Gesundheitsrisiken wegen Wärme. Von Hautkrebs und anderen schweren Schäden durch Sonneneinstrahlung ganz zu schweigen.
Immerhin, Zol-Online hat wenigstens einen originellen Ratschlag auf Lager: «Jammern hilft gegen Hitze». Tamedia hingegen überrascht mit: «Städtische Hitze: Überraschung im Hitzesommer: Bäume kühlen mehr als gedacht». Das dürfte bei der Fraktion der Klimawandel-Beklager für heisse und rote Köpfe gesorgt haben.
Und dann das. Es regnet, Temperatursturz, blöd aber auch. «Das Wetter war ein richtiges Arschloch», sagte Steven Spielberg über die Dreharbeiten zum «Weissen Hai».
Gerade, wo sich die Medien in Sachen Hitzesommer so richtig warm gelaufen hatten, mit Angstschweiss auf der Stirne eine unerträgliche und kontinuierliche Hitze über Europa, über der Schweiz verkündeten, kommt eine kalte Dusche.
Es ist halt für die Journaille ein zunehmend ernster werdendes Problem, dass sich die Wirklichkeit nicht so verhalten will, wie ihr unablässig angeraten wird. Trump, Putin, Teheran, Israel, niemand und nichts tut ihnen den Gefallen, innezuhalten, in sich zu gehen, ein Einsehen zu haben und endlich mal Besserung zu geloben.
Auf nichts ist mehr Verlass, nicht mal aufs Wetter.

 

 

Hitzetod im Regensommer

Ist der Klimawandel am Tod einer Mutter schuld?

Von Thomas Baumann*
Der Arzt André Seidenberg gilt als «Pionier einer neuen Drogenpolitik» in der Schweiz. Obwohl etwas gar unbescheiden sich auf der eigenen Webseite so rühmend, trifft die Charakterisierung im Grossen und Ganzen zu.
Daneben versucht er sich als Autor — sei es auf seinem eigenen Blog oder gelegentlich im Tages-Anzeiger.
Da lässt er sich  über den Tod seiner Mutter aus. Als Arzt fällt das durchaus in sein Fachgebiet.
Seine Mutter war die erste vom Gericht als Einzelperson akzeptierte Klägerin gegen die «ungenügende Schweizer Klimapolitik». «In den ersten heissen Tagen im Mai 2021 traf sie der Schlag», so Dr. Seidenberg. Wenige Wochen später starb sie.
Der Verdächtige für den Tod der Mutter ist schnell gefunden: der Klimawandel. «What else?», wie George Clooney mit einer Kaffeetasse in der Hand zu fragen pflegte.
Machen wir den Faktencheck. Die Quelle ist so offiziell wie unverdächtig: Das Klimabulletin von Meteoschweiz.
Bereits der einleitende Abschnitt setzt den Ton: «Im Jahr 2021 waren in der Schweiz für einmal nicht hohe Temperaturen, sondern der viele Niederschlag das bestimmenden Wetterelement. Nach einem milden und niederschlagsreichen Winter mit lokal grossen Schneefällen folgte ein nasser Frühling mit nassem Ende. Der Sommer war nördlich der Alpen einer der nassesten seit Messbeginn.»
Weiter geht es in ähnlichem Ton: «Die Schweiz erlebte den kältesten Frühling seit über 30 Jahren mit einem landesweiten Mittel von 1,1 Grad Celsius unter der Norm 1981-2010. Nach einem leicht überdurchschnittlichen März kam die Kälte in den Monaten April und Mai. Der April war landesweit der kälteste der letzten 20 Jahre. Die Maitemperatur blieb landesweit gemittelt 2,3 Grad Celsius unter der Norm 1981-2010. In den letzten 30 Jahren zeigten sich nur die Maimonate 2019 und 2013 ebenso kühl.»
«Nasser Sommer: Auf der Alpennordseite brachte der Sommer nach einem regenreichen Mai gebietsweise den nassesten Juni und den nassesten Juli seit Messbeginn.» Seit Messbeginn!
Immerhin, etwas Sonne gab es auch noch: «Zur Sommerwärme hat vor allem der schweizweit viertwärmste Juni beigetragen.» Diesem ist zu verdanken, dass dass die Sommertemperatur wenigstens noch um 0,5 Grad über der Norm 1981-2010 lag.
Ein Hitzesommer sieht jedoch definitiv anders aus. Offenbar hatte ausgerechnet eine heisse Periode im Juni 2021 der Mutter von Dr. Seidenberg zugesetzt. Das ist unglücklich — aber irgendwann muss es ja auch heiss sein, wenn Juli und August schon kalt und regnerisch sind.
Dennoch sinniert Dr. Seidenberg, ob er seiner Mutter «in den ersten heissen Tagen im Mai [hätte] Blut abnehmen sollen, um ihre Austrocknung zu beweisen». Doch sieht er selber ein: «Eine individuelle Beweisführung bis zur Schuld der Schweizer Behörden am Tod meiner Mutter war nicht möglich.»
Damit hat er durchaus recht — allerdings anders als von ihm selbst gedacht. Der Klimawandel ist bekanntlich ein globales Phänomen: Die schweizerische Regierung hat vielleicht die Möglichkeit, darauf hinzuwirken, dass global etwas gegen den Klimawandel getan wird — verhindern kann sie ihn jedoch nicht eigenhändig.
Hier eine Schuld der «Schweizer Behörden» zu insinuieren, ist so unsinnig wie faktenwidrig. Wenn ein Fussgänger von einem Auto überfahren wird, dann ist auch nicht das Strassenverkehrsamt schuld, welches das Auto zugelassen hat.
Klar, gäbe es überhaupt keine Zulassungen von Autos mehr, gäbe es auch keine Verkehrsunfälle mit PKWs mehr. Doch genauso gut könnte die Regierung sämtliche Bäume fällen lassen, weil jemand von einem herabfallenden Ast erschlagen werden könnte.
Sollte der Ukraine-Krieg tatsächlich in einen Atomkrieg ausarten, dann trifft auch die schweizerischen Behörden eine gewisse Mitschuld daran: schliesslich hätte man sich noch intensiver für eine Friedenslösung engagieren können. Aber zu behaupten, die schweizerischen Behörden seien schuld an einem Atomkrieg, ist genau so verwegen, wie zu behaupten, dass sie am Klimawandel schuld sei.
Und was ist von den Klimaseniorinnen zu halten, welche gemäss Dr. Seidenberg «verspottet und als vertrottelte, manipulierte Greisinnen dargestellt» wurden?
Was die Manipulation anbelangt: Der «Verein Klimaseniorinnen» hat seinen Sitz an derselben Adresse wie der Hauptsitz von Greenpeace Schweiz, nämlich an der Badenerstrasse 171 in Zürich. Ein wasserdichtes Alibi sieht definitiv anders aus.
Und auch sonst präsentiert sich die Angelegenheit reichlich infantil: Wer hat denn all das CO2 in die Luft geblasen? Die Jungen oder die ältere Generation? Die Antwort ist schnell gegeben: Die ältere Generation, und dabei insbesondere die Seniorinnen, weil die ja noch länger leben und entsprechend mehr Klimagase ausstossen als die Senioren.
Tatsächlich erinnern diese «Klimaseniorinnen» an eine Horde Teenager, welche sich ins Koma saufen —  und sich am nächsten Tag darüber aufregen, dass es im Zimmer nach Kotze stinkt.
Und Mami — pardon: die Behörden — sollen den selber produzierten Dreck dann gefälligst wegputzen. Mehr Anspruchshaltung geht kaum!
Der Tages-Anzeiger wird mit solchen Artikeln immer mehr zur «Bravo». Ein auch nur rudimentärer Faktencheck? Fehlanzeige, solange bloss die Gesinnung stimmt. Im Vergleich dazu ist die Kolumne von Dr. Sommer in «Bravo» geradezu ein wissenschaftlicher Aufsatz.

*Der Artikel erschien zuerst in der «Walliser Zeitung». Mit freundlicher Genehmigung des Autors. 

Alle Wetter!

Tamedia erklärt die Lage – der Leser sorgt sich.

Der schwere Sturm über La Chaux-de-Fonds hat es in sich. Er forderte ein Todesopfer und verursachte happige Gebäudeschäden, dazu umgestürzte Bäumen und andere Verwüstungen.

Die Gelegenheit, endlich einmal die Überlegenheit einer Qualitätszeitung auszuspielen. Oder so. Die Autorenzeile unter dem ersten Artikel lautet «SDA/aru/mst». Das bedeutet, dass zwei Nasen die SDA-Tickermeldung veredelt haben. Augenzeugenberichte vor Ort, der Tamedia-Korrespondent im Jura? Welcher Korrespondent?

Aber glücklicherweise gibt es die sozialen Medien und Plattformen, wo jede Menge Videos und Fotos hochgeladen werden, die man zu einem «Tamedia Video» umtopfen kann. Dabei dachte ZACKBUM, das Teil heisse nun endgültig «Tages-Anzeiger». Aber das wäre ein anderes Thema.

Hier wird etwas Schadenbilanz gezogen, das obligate Mitgefühl des Bundespräsidenten erwähnt, und dann «eingeordnet». Allerdings: «Es ist noch unklar, wie dies meteorologisch einzuordnen ist.» Downburst oder Tornado oder beides oder keines von beidem?

Auf jeden Fall sei es ein «extremes Windereignis». Das hat was, bei Spitzengeschwindigkeiten von angeblich über 200 km/h. Immerhin wurde der «Journalist Laurent Duvanel, der selber in La Chaux-de-Fonds wohnt», aufgetrieben, besser als nix.

Aber dann lebt Tamedia noch richtig auf, es folgt der Beratungsteil. Ein «Gewitter- und Unwetterforscher» erklärt, dass man nicht nur das Wetterradar auf dem Handy betrachten solle, «sondern auch den Himmel aufmerksam beobachten». Dabei – merke auf – kann man die Gefährlichkeit sauber einschätzen. «Wenn eine Gewitterwolke dunkel und bedrohlich wirkt, dann birgt sie auch Gefahrenpotenzial.» Das muss einem ja mal gesagt werden. Bei grünlich sollte man auch aufpassen, das sei ein «Anzeichen für einen sehr intensiven Niederschlag oder sogar Hagel». Leider: «oft – aber nicht immer

Aber selbst solche Extremwetterberichterstattung hält Tamedia nicht davon ab, genderkorrekt die Sprache zu malträtieren: So hätten «Autofahrende» den Trümmern eines Lastwagendachs nicht ausweichen können. Es gab dann aber keine Verletzende.

Während es hier aber noch gesittet zugeht, tobt in der Kommentarspalte der Klimaretter unter den Lesern.

«Klimawandel/Klimakollaps … Sollten wir aufhören, uns über Klimaaktivist:innen lustig zu machen … sofortiger Stopp aller Ferienflüge, keine fossilen Flüge mehr bis Ende Jahr. Ein Aus für die Fleischwirtschaft … Ich bin wutentbrannt …»

Plus die ganze Leier, ob das noch Wetter oder schon Klima sei. Normal oder Vorbote des Untergangs. Einer kündigt sogar an, seinen geplanten Surf-Urlaub in Portugal zu canceln. Hoffentlich erwischt ihn dann niemand am Flughafen.

Das kommt halt davon, wenn man den Lesern keine Faktenbasis, keine Einordnung, keine Bandbreite von verschiedenen wissenschaftlichen Meinungen bietet. Das kann man mit Fug und Recht als Volksverdummung bezeichnen.

Wir können allerdings froh sein, dass Unwetter und Blitze nicht mehr als Erscheinungsformen eines zürnenden Gottes «gelesen» werden. Bislang.

Hilfe, mein Papagei onaniert: Hitzestau

Reden wir über das Wetter.

Wenn’s mal heiss wird in der Schweiz, haben die Sonntagsblätter ihr Thema gefunden.

Wenn alle vom Wetter reden, wieso dann nicht einen Riesenartikel übers Wetter machen? Dazu das Reizwort «Klimawandel», ein Wetterfrosch runzelt bedenklich die Stirne, und schon ist eine Doppelseite plus Cover gefüllt.

Fehlt noch was? Natürlich, ein Frauenthema. Wie kann man das mit dem kleinsten Aufwand ins Blatt heben? Richtig, man macht ein Interview.

Auch der ansonsten sehr geschätzte Armin Müller kann mal danebenliegen: «Bei Bitcoin & Co. handelt es sich um Nullsummenspiele, der Gewinn des einen ist der Verlust des anderen. Es entsteht kein Mehrwert.» Bei Bitcoin & Co. handelt es sich um Währungen. Die sind immer Nullsummenspiele. Oder käme jemand auf die Idee, bei einer Kursänderung des Schweizerfrankens gegenüber dem Dollar von Gewinn und Verlust zu sprechen? Oder sich darüber zu beschweren, dass aus einer Währung kein Mehrwert entsteht? Vielleicht nochmal zum Thema Geldtheorie etwas nachlesen.

Denn weder ist die Kryptogemeinde gescheitert, noch ändert der letzte Kurssturz (in einer langen Reihe) etwas daran, dass Kryptowährungen den ersten ernsthaften Versuch darstellen, das Geldmonopol der staatlichen Notenbanken in Frage zu stellen. Deshalb werden sie auch so kritisch beharkt. Als Facebook ernsthaft mit dem Gedanken spielte, auch eine eigene Kryptowährung ins Leben zu rufen, klingelten in der Politik (und somit auch in den Medien) überall die Alarmsirenen. Und der Versuch wurde (vorläufig) abgewürgt. Alles, weil auf Blockchain aufgebaute Zahlungsmittel die Zukunft sind.

Vom ernst Falschen zum unernst Lächerlichen. Dass Daniel Craig sich in ein rosa Samtjackett zwängte, konnte man nur als Stinkefinger in Richtung seiner Rolle als James Bond interpretieren. Er hatte wohl Angst, dass man ihn trotz Todesfall wiederbeleben könnte. Aber ein Bond in einem rosa Anzug? Niemals. Der einzige Grund, als Mann rosa zu tragen, ist: ich will zeigen, dass ich Mut zur Lächerlichkeit habe.

Hier geht’s wenigstens noch schön männlich zu. Auch wenn so ein Töff, mit dem Mann über Stock und Stein brettern kann, so ziemlich allem widerspricht, wofür Tamedia ideologisch steht. Aber Gesinnung ist das eine, Inserateeinnahmen ist das andere, Wichtigere.

Alle reden vom Wetter, natürlich die NZZaS auch. Plus eine extra Öko-Beilage, grossflächig beworben auf der Front. Braucht das Thema wirklich die halbe Seite vorne? Nun ja, wenn es sonst nicht viel zu berichten gibt …

Im Blatt wird die Allerweltsexpertin Anne Applebaum interviewt. Das tut so ziemlich jeder, und sie sagt auch zu ziemlich jedem so ziemlich das Gleiche. Wieso auch noch die NZZaS ihr eine Plattform gibt, damit sie Altbekanntes wiederholt?

Aber offenbar wollte man eine Reihe «wir interviewen oder porträtieren altbackene Menschen» machen. Dazu passt auch ein Porträt von Andreas Gross. Genau, der Gross, der vor vielen, vielen, vielen Jahren mal mit der Gesellschaft für eine Schweiz ohne Armee Furore machte. Und anschliessend eigentlich nur noch durch seine üppigen Reisespesen auffiel.

Zu guter letzt setzt Peer Teuwsen seine Reihe fort: Ich interviewe scheintote Rockstars. Nach Mick Jagger nun auch noch Elton John. Ja, meine lieben jungen Leser, das ist so ähnlich wie mit den Sissi-Filmen. Umso mehr sich der Leser altersmässig gegen unten von Teuwsen unterscheidet, desto mehr fragt er sich: Jagger? Wer ist Jagger? Elton John? Wer ist denn das? Macht der vielleicht Werbung für Fielmann?

Aber, sonst wäre es nicht die NZZaS und man müsste nur meckern, dann kommt noch eine grosse Reportage über Äthiopien. Äthiopien? War da mal was? Gab es da nicht mal einen Friedensnobelpreisträger? Und gibt es ausserhalb der Ukraine tatsächlich noch eine Welt? Immerhin, diese Fragen beantwortet die NZZaS, und dafür sei sie am Schluss hier versöhnlich gelobt.

Und der SoBli? Ach nö, auch ZACKBUM braucht manchmal eine Verschnaufpause.