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Anschwellende Verluderung

So wie in Havanna die Müllberge wachsen, verludert der öffentliche Diskurs.

Nach über 4200 Beiträgen darf man mal wieder Bilanz ziehen.

Als ZACKBUM im Juli 2020 startete, konnte man sich vieles noch nicht vorstellen. Corona mitsamt Hysterie und im roten Bereich drehenden Journalisten, die jeden Kritiker staatlicher Entscheidungen als potenziellen Massenmörder, Schwurbler oder Verschwörungstheoretiker denunzierten.

Man konnte sich auch nicht vorstellen, dass keiner dieser Hysteriker, dieser Corona-Kreischen wie Marc Brupbacher & Co.  anschliessend auch nur ein Wort der Selbstkritik verlor.

Man konnte sich nicht vorstellen, dass bei all dem anschwellenden Gejammer über einbrechende Einnahmen der Medien und die dadurch unausweichlichen Sparmassnahmen der wichtigste Grund dafür übersehen wurde und wird: die Selbstverzwergung, die Belanglosigkeit, die mangelnde Relevanz, Kompetenz und das Überhandnehmen der Betrachtung des Bauchnabels des Journalisten.

Je unwichtiger seine Meinung wird, desto wichtiger nimmt er sie. Je inkompetenter und wirklichkeitsferner er sie äussert, desto allergischer reagiert er auf Kritik.

Debatte und argumentative Auseinandersetzung, man kann es nicht oft genug wiederholen, ist der einzige Weg zu Erkenntnisgewinn. Im Gegensatz zu Naturwissenschaften herrscht hier nicht in erster Linie falsch/richtig, sondern stringent und überzeugend, vor dem Hintergrund eines gewissen Bildungs- und Wissensniveaus.

Dummheit, Heuchelei, Einäugigkeit, selbstreferenzielles Geschwafel, Bebreiung mit vorurteilsgeschwängertem Gequatsche, die bewusste Verwechslung von Mensch und Meinung – immer mehr aktive und passive Teilnehmer an öffentlichen Auseinandersetzungen verlieren die Lust daran.

Israelische Kriegsverbrechen im Gazastreifen und anderswo – Antisemit. Die Unterstützung der EU für die Ukraine könnte ein fataler Fehler sein – Putinknecht. Nicht alles, was Trump tut, ist kreuzfalsch – Vollidiot. Die Welt hasst die europäische Heuchelei, bei der die Völker- und Massenmorde in Schwarzafrika keine Rolle spielen – verpeilter Panafrikaner. USA, China, Russland, Indien, Asien sind die herrschenden Machtzentren der Welt – nein, wir Zentraleuropäer sind die Wiege der Kultur und das Zentrum der Welt.

Trump belegt ein paar Europäer wegen ihm nicht genehmer Meinungen oder Handlungen mit Einreiseverboten – Riesengeschrei in der EU. Die EU belegt zwei Schweizer wegen ihr nicht genehmen Meinungen mit drastischen und existenzgefährdenden Sanktionen – Ruhe und recht geschieht’s ihnen.

Das Problem all dieser Flachdenker in den Medien ist: wer die Widersprüche aus der Wirklichkeit nimmt, weil sie sonst für ihn überkomplex, unverständlich, bedrohlich wird, lässt den Teil des Publikums wegschnarchen, der nicht einfach wieder und wieder eine Bestätigung der eigenen, vorgefassten Meinung braucht und will.

Die Welt war schon immer, seit wir in der Lage sind, ihr intellektuell, reflektierend und abstrahierend zu begegnen, kompliziert, bunt, widersprüchlich und vor allem sich jeder Vereinfachung entziehend.

Es gab Zeiten, als man das als bereichernd und spannend empfand.

Mit zunehmender Verunsicherung, Verblödung und dem damit einhergehenden Bedürfnis, für komplexe Sachverhalte simple Erklärungen zu erhalten, geht das zunehmend verloren.

Es steigert sogar die allgemeine Verunsicherung. Denn immer wieder stellt sich heraus, dass diese furzdummen Reduktionen auf einfache Schlagworte früher oder später an der Komplexität der Wirklichkeit zerschellen.

Diktatoren wie im Irak oder in Panama sind Freunde des Westens und eigentlich unverstandene, nette Menschen. Bis sie es nicht mehr sind. Die afghanischen Mudschahedin waren tapfere Freiheitskämpfer gegen die UdSSR, bis sie es plötzlich nicht mehr waren. Die EU war das Friedensprojekt, das Haus Europas, die Wertegemeinschaft, bis sie es nicht mehr war. Die USA waren der Hort von freedom and democracy, der grosse Freund Europas, bis sie es plötzlich nicht mehr waren.

Wer soll das verstehen? Wer soll das verstehen, wenn ihm die Welterklärer in den Massenmedien nur ihr eigenes Unverständnis wortreich servieren?

Wie oft in den letzten Jahren hat Putin den Krieg gegen die Ukraine bereits verloren, ist Russland wirtschaftlich zusammengekracht, wächst die Spannung in der Bevölkerung, muss die Machtelite Aufruhr und Aufstand fürchten, sind die militärischen und finanziellen Ressourcen aufgebraucht?

Dem Mut dieser falschen Propheten, dieser angeblichen Koryphäen und Fachleuten, die letzte Fehlprognose ungerührt durch die nächste zu ersetzen, gebührt eine gewisse Hochachtung vor so viel fehlendem Schamgefühl.

Es hat etwas zunehmend Masochistisches, täglich durch diesen Wortmüll zu waten und als Antidotum Kritik daran zu üben, die von den happy few verstanden, von den meisten als zu anstrengend empfunden wird.

Und vom Autor zunehmend als sinnfrei und zwecklos.

Abschied von Peter Buser

Die Trauerfeier hatte eine Würde, von der die Mainstream-Berichterstatter nicht mal träumen können.

 

«Oft sehen wir so viel Schmutz, dass wir am Glauben an das Reine verzweifeln könnten. Mozart hilft uns dann zurück.»

Es war ein Anlass für die Happy Few, der am Dienstagmorgen im Landhaus zu Solothurn stattfand. Die hatten sich versammelt, um Peter Buser zu gedenken, der Ende Juli im Alter von 84 Jahren verstorben ist.

«Die Ehrlichen sind oft unhöflich. Die wahren Unhöflichen sind aber die Unehrlichen.»

Tausend weisse Rosen als Symbol für seine Pracht und ausufernde Opulenz. Zoë Jenny trug aus seinen Gedichten und Aphorismen ausgewählte Texte vor.  Yury Revich und Benedict Klöckner,  zwei Weltklasse-Solisten, gaben dem Anlass zusammen mit einer begabten Pianistin und einer Balletteuse den klassisch-musikalischen Rahmen.

Elias Meier, Freund und Begleiter von Peter Buser, fand die richtigen Worte zu Mann und Werk. Der ganze Anlass wird zu gegebener Zeit im Internet zugänglich gemacht werden.

«Die La Fontaines und La Rochefoucaulds haben die Menschen in bester Absicht ins Bad der Jauche gestossen. Wenn man sieht, wie unsere Generation die Jauche liebt und in ihr teilnahmslos ersäuft, weiss man nicht, ob man die Erleuchter loben oder verdammen soll.»

Welch ein wohltuender Kontrast zu dem oberflächlichen Gewäffel um den angeblichen «Sexisten» Buser, geboren aus einer einzigen, launischen Antwort auf eine provokativ politisch-korrekte Frage.

Buser war nicht einfach, es war auch nicht einfach mit ihm. Aber er war reich. Nein, nicht im banalen Wortsinn, er war bereichernd. Man konnte herrlich mit ihm streiten, lachen – und sich furchtbar über ihn ärgern. Aber auch wieder mit ihm versöhnen.

Denn wem es noch um umfassende Bildung geht, um Gedichte, um Klassiker, um Musik, um Philosophie, der fand hier einen Gesprächspartner, der seinesgleichen suchte.

«Die Sprache ist launenhaft und unzuverlässig wie die Katze. Sie schmeichelt schnurrend und liebkosend um das Bein, dann kratzt sie unversehens mit gehärteter Pfote und faucht. Wenn man sie tagsüber zum Fangen von Mäusen brauchte, streunt sie auf dem Feld des Nachbarn. Nachts dann, wenn man verdiente Ruhe sucht, schleicht sie sich ins Bett und quält mit allerlei Gaukeln und Tändeln.»

Welche Bögen konnte man mit ihm abschreiten, wenn es gelang, seine Obsessionen in Schranken zu weisen. Belohnt wurde man durch Gedichte, eigene und auswenig zitierte der Klassiker, durch Musik, eigene und konzertreif auf dem Flügel gespielte seiner grossen Lieblinge Schubert, Mozart, Schumann.

«Wenn man Trakl liest, ergeht es einem wie bei gewissen Schubert-Stellen. Man kann nur noch an Gott glauben.»

Dieser Prachtband mit seinen Gedichten, Werken eines Starfotografen und einem Vorwort von Martin Walser symbolisiert perfekt, wer er war und was er wollte. Opulentes, Übergrosses, Gewagtes.

«Mich macht die Vollkommenheit dieser Universalpoesie ganz glücklich.»
Aus dem Vorwort von Martin Walser.

So verliessen die Trauernden zur Melodie des «Heimatvogel» von Buser die Trauerfeier. So wollte er es; ein beschwingter Abschied, kein trauriger. Mit weissen Rosen, von jedem Schmutz befreit, mit dem er gegen sein Lebensende beworfen wurde. Weil er zwar im Herzen ein Schweizer, ein Trimbacher geblieben war, aber zu gross für diese Schweiz geworden, zu ungestüm, zu wenig korrekt, unfähig zur Anpassung und Selbstverzwergung.

Oftmals lautstark und aggressiv – wie viele zu sensible Menschen.

«Die Vorschläge sowohl des Herrn Marx als auch des Herrn Nietzsche wären ja vornehmer und erhebender als die des Bergpredigers. Nur hat der erste jedes Personal verloren und der zweite schon gar nicht anwerben können, sodass wir ärgerlicherweise auf den letzteren zurückgeworfen sind. Wohl auf alle Zeiten.»

Seine Werke werden ihn – und natürlich seine Kritiker – überdauern. Das ist schön zu wissen.

«Schweig stille, mein Herze. Der Kopf sagt, dieses Gedicht sei etwas sprunghaft und von Herrn Mörike eher schlecht gefügt. Die Tränen kümmert es nicht.»