Lest Enzensberger!

Diese Lücke ist nicht zu schliessen.

Es war verdächtig ruhig um ihn geworden, das liess schon Ungutes ahnen. Denn einen wacheren Geist hat Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht besessen.

Ein Sprachgenie, vielsprachig, ein Dichter und Denker, ein Essayist, ein Impulsgeber, ein eleganter Schreiber, Inspiration, unerreicht in seiner Vielfältigkeit.

Jetzt ist Hans Magnus Enzensberger mit 93 Jahren gestorben. Wie soll man diesen Literaturkontinent vermessen? Das von ihm gegründete «Kursbuch» war Orientierungshilfe über Jahrzehnte hinweg. Die «Andere Bibliothek» eine Sammlung von inspirierenden und schlichtweg gut und geschmackvoll gestalteten Büchern.

Seine eigenen Werke sind in ihrer Vielfalt unerreicht. Das Museum der modernen Poesie, der Landsberger Poesieautomat, Der Untergang der Titanic, Ach, Europa!, Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums, Schreckens Männer – Versuch über die radikalen Verlierer, Sanftes Monster Brüssel, Hammerstein oder der Eigensinn, seine Übersetzungen, Das Verhör von Habana. Und für Enzensberger-Anfänger: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen.

Geniestreiche eines Genies, alles zusammen. Welch einen Humor hatte der Mann, sein belustigtes Kichern bleibt einem im Ohr, die wachen Augen, der messerscharfe Verstand.

Was man auch immer von ihm liest, man ist intelligent unterhalten, badet in herausragender Beherrschung der Sprache, der Sprachen, wird immer auf geraden oder verschlungenen Wegen zu Einsichten und Erkenntnissen geführt. Wenn es jemanden gibt, der den Zeitgeist immer schneller als andere aufnahm, wiedergab, verarbeitete, nie stehenblieb, dann war er das.

Öffentliche Auftritte, gar Talkshows oder prätentiöses Gehabe als Dichter waren ihm völlig fremd. Alleine die Beschreibung, wie er in seiner Münchner Wohnung einen Tisch voller Inspirationsquellen in Form von Zeitschriften hielt, denen er sich schnuppernd und geschmäcklerisch näherte, der Mann hatte ein Niveau, einen Kenntnisstand und eine Fähigkeit, mit wenigen sprachlichen Handgriffen ein Thema zu durchdringen, unglaublich.

Er gehört zu den wenigen Schriftstellern, die einen ernsthaft daran zweifeln lassen, ob man selbst etwas einigermassen Brauchbares zuwege bringt. Welch ein wacher Geist. Ganz am Anfang meines Schreibens wurde ich nach München eingeladen; Enzensberger hatte gerade «Transatlantik» gegründet, der Versuch, einen deutschen «New Yorker» zu etablieren. Mein Stück war angenommen worden, welche Ehre, ich durfte tatsächlich den von mir schon damals bewunderten HME kennenlernen, er hatte sich extra das Frühstück freigehalten.

Man sprach über dies und das, gerade war die «Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss erschienen, eine dreibändige Bibel für alle intellektuellen Linken. Enzensberger hielt nicht sonderlich viel davon, es knacke etwas in den Gelenken, das sei zu fäustelnd, zu sehr Gesinnung.

Eines meiner Idole kritisiert das andere, es wurde schnell schwierig, man verhakte sich etwas. Schliesslich meinte Enzensberger, dass leider der gute erste Eindruck durch mein Stück getäuscht habe, mit einer weiteren Zusammenarbeit werde das wohl nichts.

Die Begründung: «Sie haben viel zu viele Antworten und viel zu wenig Fragen.» Ich war so was von sauer und enttäuscht, wie konnte mir mein Idol nur so etwas vorwerfen, wo ich doch sicher war, die meisten Antworten für so ziemlich alle Probleme der Welt zu haben.

Dieser Satz hat mich ein Leben lang begleitet, er wurde immer wahrer, er wirkte segensreich, er half, ideologische Verhärtungen zu lösen, den Zusammenbruch des kommunistischen Lagers zu verarbeiten. Dabei war es nur ein einziger, schnell dahingeworfener Satz von jemandem, der genügend Sätze niedergeschrieben hat, von denen jeder einzelne es wert ist, nochmals gelesen und genossen zu werden.

In seinen Essays kann man erleben, wie sich jemand tänzelnd, vermeintlich federleicht auch den schwersten Themen nähert, vielleicht unerreicht in den «Aussichten auf den Bürgerkrieg», aber es gäbe so viele Beispiele. Dann der Dichter, der Nachdichter, der Übersetzer Enzensberger, welches Monument, das Museum der modernen Poesie; das gehört in jeden Haushalt, der nicht als völlig literaturfern gelten möchte.

Was bleibt, ist wieder einmal die bittere Feststellung, dass die Zahl der Zwerge durchaus zunimmt. Die Zahl der Riesen aber schmerzlich ab. Ein herausragender Denker und Dichter und Essayist deutscher Zunge; da wird das Aufzählen schwer und schwerer, will man Lebende erwähnen. Wer oder was heutzutage Literaturpreise gewinnt oder sich als Essayist lächerlich machen darf, das ist wirklich bedrückend, wenn man sich von einem ganz, ganz Grossen verabschieden muss.

Immerhin, seine Spuren hat er hinterlassen, seine Bücher sind alle noch da. Was den Überlebenden bleibt: lest Enzensbeger. Seine Werke spenden etwas, was so selten geworden ist: intellektuelle Unterhaltung, intelligenten Spass. Sie nötigen Bewunderung ab, ohne goetheanisch abgehoben daherzukommen. HME hat sich immer erfolgreich bemüht, so verständlich wie möglich zu schreiben. Alles als kinderleicht erscheinen zu lassen, was so verdammt schwer zu machen ist.

Ausser man ist ein Genie wie er. Hoffentlich sitzt er nun mit Diderot, Molière, Neruda, Durutti, Büchner, Lichtenberg und vielen anderen angenehmen Zeitgenossen am Teetisch. Man kennt sich, man versteht sich, man unterhält sich, immer wieder brandet Lachen auf.

Das wünscht man ihm von Herzen.

Die Eule der Minerva

Zum überraschenden Tod der Schriftstellerin Hilary Mantel.

Dieses Stück ist bereits in der «Weltwoche» erschienen. Es behält seinen Wert als Hommage und Würdigung einer ganz aussergewöhnlichen Frau.

Wer in die Geschichte blickt, schaut immer auch in sich selbst hinein. Weil da häufig nicht viel ist, entstehen dann historische Romane, die mit Mantel und Degen die innere Leere überdecken. Hilary Mantel aber hebt sie auf ein neues literarisches und intellektuelles Niveau. Mit messerscharfen Dialogen, historisch fundiert und souverän führt sie den Leser durch das Leben von Thomas Cromwell (1485 – 1540), dem genialen Berater des englischen Monster-Königs Heinrich VIII. Selten bedauert man mehr, dass «Wölfe» schon nach 768 Seiten, «Falken» gar nach 480 zu Ende ist. Warum?

Wer in die Geschichte blickt, will etwas Gegenwärtiges darin gespiegelt sehen. Die Zeit von Heinrich VIII hatte «Sex, Melodrama, Verrat, Verführung und gewaltsamen Tod. Was will man mehr», sagt Mantel. Aber wenn sie nur das beschreiben würde, wäre es lediglich in die Vergangenheit transponierte Gegenwart. Mantel führt uns jedoch in die Dunkelkammern der Macht am Hofe, in die schwarzen Seelen der Menschen hinein, wo nur wenig Licht und viel Düsternis ist. Wo sich ein Emporkömmling wie Cromwell, Sohn eines Schmieds, nur mit meisterhafter Verwendung von Charme, Bestechung und Einschüchterung ins Zentrum der Macht arbeiten kann. Mit Worten und dem Warten auf den rechten Moment. Was ihm am Schluss dennoch den Kopf kostet.

Lange blieb Mantel die gebührende Anerkennung verwehrt, denn «Wölfe» war bereits ihr zwölfter Roman. «Erst wartet man 20 Jahre auf einen Booker-Preis, und dann werden es gleich zwei», kommentierte sie die neuerliche Verleihung dieser angesehenen Auszeichnung im Jahre 2012. Bei der ersten, 2009, hatte sie fröhlich angekündigt, dass sie das Preisgeld für «sex and drugs and rock’n’roll» ausgeben werde.

Die damals 57-jährige englische Autorin weiss, was Ironie bedeutet. Denn seit vielen Jahren leidet sie unter Endometriose, einer chronischen und sehr schmerzhaften Erkrankung der Gebärmutter, die häufig und auch bei ihr falsch oder gar nicht diagnostiziert wird. Mantel wurde in ihrer Jugend hospitalisiert und gegen Depressionen behandelt. Erst Jahre später stellte sie sich selbst die richtige Diagnose, kämpft aber bis heute gegen die Folgewirkungen dieser auch mit Operationen nicht völlig therapierbaren Erkrankung. Solches Leid muss man wohl erlebt haben, wenn man so federleicht und tonnenschwer den Tod von Cromwells Frau beschreiben kann: «Als er am nächsten Morgen aufwacht, schläft Liz noch. Die Laken sind feucht. Er küsst ihren Haaransatz. Sie schmeckt salzig.» Cromwell geht nach unten, glaubt seine Frau zu sehen, die ihm folgt. «Aber sie ist nicht da. Er hat sich geirrt

Die Schriftstellerin weiss, was durchhalten bedeutet. Bereits 1985 veröffentlichte sie ihr erstes Werk, das genauso wie ihre folgenden Bücher weitgehend unbeachtet blieb. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaft arbeitete Mantel als Verkäuferin, Altenpflegerin, als Sozialarbeiterin in Afrika und begleitete ihren Mann, ein Geologe, für einige Jahre nach Saudi-Arabien. Sie beobachtete, analysierte, schrieb. Zuerst über die Gegenwart, dann über das Vergangene.

Wer in die Geschichte blickt, weiss, wie sie ausgegangen ist. «Aber wir wissen nicht, wie es gemanagt wurde», sagt Mantel. 1992 erschien ihr Roman «A Place of Greater Safety». Erst seit letztem Jahr liegt dieses 1100 Seiten umfassende Meisterwerk über die Französische Revolution unter dem Titel «Brüder» auf Deutsch vor. Georges Danton, Maximilien Robespierre und Camille Desmoulins begleitet sie auf deren Weg in den ersten Versuch der Neuzeit, in Europa ein Unrechtsregime nicht nur zu stürzen, sondern eine bessere, menschlichere Gesellschaft zu errichten. Eben «Liberté, Fraternité, Egalité».

Nun gibt es kaum ein historisches Ereignis, das so umfangreich und ausführlich beschrieben wurde. Von Historikern wie Albert Soboul, im Vorfeld von Schriftstellern wie Lion Feuchtwanger in seinem Roman «Die Füchse im Weinberg». Wir wissen, wie es ausgegangen ist. Wir streiten uns bis heute über die richtige Interpretation dieser ersten modernen Revolution. Wie auch über alle, die ihr folgten. Wir kennen ihr Personal, Louis XVI, Marie-Antoinette, Jean-Paul Marat, Jacques-René Hébert, Antoine de Saint-Just, Lafayette, Napoleon. Ihre Begriffe, Sansculotten, die Jakobinermütze, die Trikolore, der Sturm auf die Bastille, die Guillotine. Selbst unsere politische Einteilung nach links und rechts stammt aus dieser Zeit.

Wer in die Geschichte blickt, muss etwas Neues herausbefördern, wenn er mit einem gewaltigen Roman den Leser begeistern will. «Gesetze schreiben bedeutet, die Kraft auszuprobieren, mit der Worte auf die Wirklichkeit einwirken», lässt Mantel Cromwell sinnieren. Genau das ist das Neue im Blickwinkel von «Brüder». Riss nicht Desmoulins mit einer Rede, einer Eingebung des Moments, die Pariser Bevölkerung zum Sturm auf die Bastille hin? Konnte nicht der wortgewaltige Anwalt Danton nur mit der Kraft des Sprechens bedeutende politische Entscheidungen dem Volk verständlich machen? Hatte Robespierre, schmächtig, kein guter Rhetoriker, mehr als die messerscharfe Präzisionslogik seiner Ausführungen, um im Nationalkonvent Minderheiten in Mehrheiten zu verwandeln, schon gefasste Beschlüsse umzustürzen?

Ginge es in «Brüder» nur um Redeschlachten, würden hier bloss Sprechpuppen auftreten. Aber Mantel verwandelt die historischen Figuren in Menschen aus Fleisch und Blut, die nicht nur in Dialogen in einer Intensität die Klingen kreuzen, wie es zuvor lediglich in Büchners Geniestreich «Dantons Tod» auf der Theaterbühne stattfand. Sondern die leben, lieben, leiden, zweifeln. Sich bereichern wie Danton, Frauenhelden sind wie Desmoulins, lebensunfähig wie Robespierre, der «Unbestechliche».

Wenn das alles wäre, hätte Mantel ein überbordendes Sittengemälde verfasst, eine aus einem Meer von historischen Fakten, Zitaten, Ereignissen kondensierte Erzählung. Aber sie will natürlich mehr, in ihrer Einleitung gibt sie einen Hinweis darauf: «Man mag sich beim Lesen fragen, wie Fakt und Fiktion auseinanderzuhalten sind. Als grober Anhaltspunkt mag dienen: Was besonders unwahrscheinlich klingt, ist vermutlich wahr.» Wobei sie ausdrücklich «keinen Anspruch auf Objektivität» erhebt.

Wer sich mit Geschichte beschäftigt, will daraus lernen. Gibt es Muster? Ist die Geschichte ein ewig drehendes Rad wie bei Shakespeare? Ist sie schicksalhaft vorbestimmt wie in der griechischen Tragödie? Oder gibt es Fortschritt, steht die nächste Generation auf den Schultern der vorangehenden, wie das die Aufklärung formulierte, durch deren Erkenntnisse die Französische Revolution erst möglich wurde? Wie kann man sie beeinflussen, dominieren sie Klassenkämpfe, welche Rolle spielen die Massen, der Einzelne? Wird die Geschichte von den Siegern geschrieben, während die Unterdrückten ihre andere Sicht der Geschichte finden müssen, wie das Peter Weiss in seiner «Ästhetik des Widerstands» darzustellen versuchte?

So viele Fragen, so wenig Antworten. Und da setzt Hilary Mantel wie die Eule der Minerva zu ihren Ausflügen in die Geschichte an. Die Eule beginne ihren Flug erst «mit der einbrechenden Dämmerung», schrieb Georg Friedrich Hegel. Er meinte damit, dass selbst die Philosophie erst Erklärungen liefern kann, wenn die zu deutenden Geschehnisse bereits Geschichte, also längst vergangen sind. Mit ewig gültigen Erkenntnissen hält sich Mantel aber wohlweislich zurück. Sie schlüpft mit begeisternder Besessenheit in ihre handelnden Figuren hinein. «Veranschaulichung und Erklärung» sind die beiden Antipoden, zwischen denen sie sich bewegt.

Mehr noch als in den wahrlich finsteren Zeiten, in denen Cromwell lebte, faszinieren uns bis heute Veranschaulichung und Erklärung in der Französischen Revolution. Vor allem natürlich die Frage, wie es möglich war, dass der erste moderne Versuch, nicht nur eine Monarchie und Adelsherrschaft hinwegzufegen, sondern darauf eine auf Menschenrechte für alle, Vernunft und Freiheit aufgebaute Gesellschaft zu errichten, in einer Schreckensherrschaft, in der Terreur vorläufig endete. Wie der als Autor der französischen Erklärung der Menschenrechte angesehene Saint-Just sich in einen Todesengel verwandelte, der zusammen mit Robespierre auf dem Schafott endete. Nachdem Robespierre, beeinflusst von Saint-Just,  seine «Brüder» Danton und Desmoulins darauf geopfert hatte. Nachdem sich das Streben nach dem Guten und Gerechten in ein Gemetzel verwandelt hatte.

Dass sich die ehemals Herrschenden zur Wehr setzen, begleitet jede Revolution. In Frankreich verbündete sich der Adel mit den europäischen Monarchien zum bewaffneten Widerstand, in Russland Adel und Grossgrundbesitzer mit den imperialistischen Staaten. Natürlich tobt bis heute ein ideologischer Kampf darum, ob die Terreur Revolutionen immanent ist – oder eine durch den äusseren Druck bewirkte Deformation.

Viel Veranschaulichung liefert Mantel im Aufeinanderprallen ihrer drei Protagonisten. Wie sie von Betrachtern zu Handelnden werden, mitgerissen von den Ereignissen und selbst mitreissend. Worte werden zur Guillotine, ein falsches Wort führt aufs Schafott. Schlimmer noch: «Es gibt Phasen in der Revolution, in denen alleine schon am Leben zu sein ein Verbrechen darstellt, und die Menschen müssen ihre Köpfe herzugeben wissen, wenn das Volk sie fordert», sagt Robespierre zu Desmoulins. Denn schnell ging es nicht mehr um eine bessere Welt, sondern um die beste aller Welten; Robespierre «hatte eine Republik der Gerechtigkeit, der Gemeinschaft, der Selbstaufopferung im Sinn, er sah ein freies Volk vor sich».

Desmoulins nannte sich selbst den «procureur de la lanterne», Danton duldete als Justizminister die Septembermassaker des Jahres 1792, zusammen mit Robespierre formte und lenkte er den Wohlfahrtsausschuss, das eigentliche Machtzentrum der Revolution, der Schreckensherrschaft. Alle drei sahen sich auf ihre Art als Exekutoren des Volkswillens. Als diejenigen, die zur Beförderung der guten Sache, zur Verteidigung der Revolution auch Schlechtes tun müssen. Gegen ihre eigenen Prinzipien verstossen, im Namen eines absoluten Prinzips. Wer sich ihnen in den Weg stellt, verrät die Revolution, schlimmer noch, die «Republik der Gerechtigkeit». Auch Namen wie Danton oder Desmoulins schützen vor diesem Verdacht nicht, nicht mal der Name Robespierre oder Saint-Just.

Wir wissen, wie es ausging, aber wir wissen nicht, wie es dazu kam, sagt Mantel. Wir wollen jedoch Ordnung in die Dinge bringen. Aus der Vergangenheit lernen, um die Gegenwart zu begreifen und die Zukunft zu gestalten. Sonst wäre die Geschichte ja nur ein riesiger Ozean, in der wie Trümmerstücke einzelne Ereignisse zusammenhangslos herumschwimmen. Die Instrumente fürs Einordnen sollte uns die Geschichtswissenschaft liefern. Nur ist sie genauso wenig eine exakte Naturwissenschaft wie die sogenannte Finanzwissenschaft. Also bastelt sich letztlich jeder, manche mit kleinem Besteck, andere mit grosser Kelle, sein Geschichtsbild zusammen. Manche meinen, alle Antworten zu haben. Andere interessieren sich mehr für Fragen.

In diesen ewigen Zwiespalt – hole ich nur aus der Geschichte heraus, was ich vorher in sie hineingetragen habe, oder kann ich den Anspruch erheben, darzustellen, wie es war – stürzt sich Mantel mit einem originellen Ansatz: Sie schreibt, wie es sehr wohl gewesen sein könnte. Dass sie eine Geschichte schreibt – und nicht die Geschichte – macht ihre Romane über längst vergangene Geschehnisse, über längst zu Staub zerfallene Menschen zu einem Erlebnis. Liefert Erklärungen, aber keine Gesetzmässigkeiten, keine auf heute übertragbare Prinzipien. Man besucht mit Danton Robespierre in seiner kargen Kammer. Man steht vor Desmoulins und begreift, wäre der wackelige Stuhl, auf dem er während seiner Rede stand, umgefallen, hätte es vielleicht den Sturm auf die Bastille nicht gegeben. Man zittert an der Seite von Cromwell, während er sich am Hofe Heinrichs VIII seiner Haut erwehrt, ein Wolf unter Wölfen.

Ein Vierteljahrtausend später werden auch in der Französischen Revolution die Brüder zu Wölfen, wollen Brüderlichkeit durch Schrecklichkeit erschaffen. Aber Mantel hütet sich, mehr als Veranschaulichung und Erklärung zu liefern. Wohl deswegen bleiben auch die Figuren Saint-Just und Marat seltsam blass, obwohl sie die ideologischen Treiber der Geschehnisse waren. Immerhin plant sie, einen weiteren Roman über Marat zu schreiben, man darf gespannt sein.

Man legt nach der Lektüre «Brüder» aus der Hand und weiss, dass Mantel dieser Roman mit seinem fast unüberschaubaren Personal und seinen 1100 Seiten etwas zu lang geraten ist. Da hatte sie noch nicht völlig die meisterhafte Souveränität von «Wölfe» und «Falken» erreicht. Aber man bedauert gleichzeitig zutiefst, dass die Geschichte so endet, wie sie eben endete. Indem Danton das Schafott besteigt und dem Scharfrichter Sanson zuruft: «Zeigen Sie den Leuten meinen Kopf. Es ist die Mühe wert.» An dieses historische Ereignis schliesst Mantel noch die literarische Erfindung an, wie sich Robespierre in Vorahnung seines eigenen Todes an seine Mutter erinnert, die klöppelte, «unter ihren Fingern das luftige Muster, es fliegt davon, ins Nichts.» Und kontrastiert das mit einer historische Meldung aus der «Times» vom 8. April 1794, in der das Ende von Danton und Desmoulins kommentiert wird. Ersterer starb, weil es unausweichlich war, dass der «Geschicktere der beiden», also Robespierre, «einen Weg gefunden haben würde, seinen Rivalen zu beseitigen». Der «Times»-Journalist fährt fort: «Wir begreifen nicht, warum Camille Desmoulins, der von Robespierre so unverhohlen protegiert wurde, im Triumph dieses Diktators zermahlen wurde.»

Ist also das menschliche Streben nach dem Besseren nur vergebliche Mühe? Können auch unlautere Motive das Gute befördern? Muss auch das edelste Motiv, es besser zu wissen und die Massen deshalb zu ihrem Glück zwingen dürfen, in Diktatur und Massenmord führen? Der Leser lernt bei der Lektüre, dass es wohl besser ist, in der Geschichte und in seiner eigenen Gegenwart Betrachter zu bleiben, nicht zum Handelnden zu werden. Wenn man das Privileg lebt, nicht dazu gezwungen zu sein. Worte wirken, aber wer will schon ernsthaft Verantwortung für die Wirkung übernehmen? Ich für meinen Teil halte Diagnosen für bekömmlicher als Therapievorschläge. Das unterscheidet mich von vielen Wortführern und Weltverbesserern.

Man legt nach der Lektüre das Buch «Brüder» mit Bedauern aus der Hand, weil es noch viel länger sein sollte. Denn selten ist man näher am Begreifen der Geschichte und auch am Nichtbegreifen, wie wenn man Mantel liest. Sich selber sein im Anderssein, näher kann man als Leser diesem Satz von Hegel wohl nicht kommen.

Hilary Mantel:

  • Wölfe. 768 Seiten, 2010 auf Deutsch erschienen
  • Falken. 480 Seiten, 2013 auf Deutsch erschienen
  • Brüder. 1100 Seiten, 2012 auf Deutsch erschienen

Alle im DuMont Buchverlag.

My oh my

Sein Blues war so gültig, dass wir gar nicht dachten, dass er verstummen könnte.

Wer sich den Künstlernamen Endo Anaconda gibt, kann mit der Sprache spielen wie mit einer Geliebten.

Er hat nichts ausgelassen. Den Schmerz, die Drogen, das verpfuschte Leben, das erfüllte Leben, das pralle Leben.

Er konnte seine Musik reduzieren, weil er selbst so ein barocker Mensch war. Seine Begleitband spielte das Einfache, das so verdammt schwer zu spielen ist.

Er brauchte kein Gehabe und kein Gehampel. Er sang nicht, er lebte seine Lieder.

Er ist gar nicht weg. Sicher nicht. Wir wissen doch, wo er jetzt ist. Natürlich, in Wallisellen. Denn wer es schafft, diesem Unort Seele und Schmerz zu geben, der ist gar nicht weg. Der ist auch nicht in elysischen Gefilden, und schon gar nicht in der Hölle.

Man muss nur darauf achten, wenn man durch Wallisellen fährt. Im Augenwinkel, als Schatten, als übergrosse Gestalt steht da einer, trägt einen Hut, wie ihn sonst nur Leonard Cohen mit Würde anhatte.

Ist gepflegt schlampig angezogen, macht aus jedem Ton ein kleines Kunstwerk, macht aus Asphalt Poesie, aus Asche ein Feuer, aus betoniertem Grauen ein Gedicht. Aus einem Gedicht ein Lied, und das bleibt. Aus Momenten kleine Ewigkeiten machen, aus Vergänglichem Gültiges, das können nur wenige Künstler. So wie er.

Seine Stimme bleibt. Sein Leid, seine Leidenschaft. Weil er nicht sang, sondern sich in seine Lieder hineinwarf. Mit allem, was er hatte. Und damit sein Publikum eroberte. Aber nicht besiegte, sondern bereicherte.

Selbst ein Walliseller wusste nach einem Konzert von Endo, dass Leben Leidenschaft ist. Sehnsucht, scheitern, besser scheitern. Traurig-komisch scheitern, aber damit über sich hinauswachsen. In die Höhen, wo Poesie auf den Schwingen des Liedes fliegt.

Er hat uns alle erhoben, dafür sind wir zutiefst dankbar und bleiben berührt.

6. September 1955,  † 1. Februar 2022.

Der Buchmacher

Klaus Wagenbach, der Unbeugsame und Geniale, ist mit 91 gestorben.

Die streng schwarzen Quarthefte bildeten lange Jahre den festen Bestandteil jeder besseren privaten Bibliothek. Milde Gaben von Günter Grass interessierten da weniger.

Aber Johannes Bobrowski, Stephan Hermlin und auch Wolf Biermann, der Wendehals, der nach seinem Rausschmiss aus der DDR den Verleger schmählich im Stich liess, der ihm die Treue gehalten hatte.

Erich Fried, der mit seinen «Liebesgedichten» dem Verlag den ersten grossen Bestseller verschaffte. Verrückte Projekte wie die Shakespeare-Neuübersetzung durch Fried, dazu immer Heimat für heisse Themen. Das «Kursbuch» mit Hans Magnus Enzensberger, als der Suhrkamp-Verlag Schiss bekam.

Dann die Rotbücher, Ulrike Meinhof, das Manifest der RAF «Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa». Dann die Reihe SALTO, die zunehmende Lockerheit eines Verlegers, der nie verbiestert oder verbittert war, sowohl geistigen wie leiblichen Genüssen zugetan, wohl daher auch mit einer zunehmenden Liebe für Italien.

2014 feierte der Wagenbach-Verlag sein 50. Jubiläum. Auch den Weg vom Herzlinken und Systemgegner zum respektierten Überverleger legte Wagenbach ohne die geringsten Schäden zurück.


Schon 1975 gab er den Wagenbach Taschenbüchern zur Taufe das Motto auf den Weg:

«Lasst uns Denken und Laune anstiften statt vorschreiben. Und den Kopf schütteln, das heißt lockern

Besser kann man das nicht sagen. Solange es Menschen gibt, die sich kaum einen besseren Zeitvertreib vorstellen können, als von einem guten Buch in andere Seiten dieser Welt entführt zu werden, solange wird der Wagenbach Verlag weiterleben. Weil er immer wieder zeigt, dass zwischen zwei Buchdeckeln Welten, Bereicherung, Anregung und Unterhaltung Platz haben.

Also ist er unsterblich geworden, und was kann einem passionierten Buchmacher Besseres passieren. Dessen Sicht auf diese Welt früh durch eine intensive Beschäftigung mit dem Werk von Franz Kafka geprägt wurde.

Seine Kafka-Interpretationen, seine Biografie über den bis heute bannenden Autor des Abgründig-Unerklärlichen, daran kommt auch keiner vorbei, der sich mit einem Schriftsteller beschäftigen will, der so vieles erahnte und vorhersah, was erst nach seinem Tod schreckliche Wirklichkeit wurde.

Wagenbach hat viele Kinder gezeugt. Streng schwarz gekleidete, dann immer buntere, im Verlauf der Zeit wurde es eine Rasselbande. Nicht alles waren ganz grosse Würfe, aber so vieles und immer wieder und Neuentdeckungen.

Hier in der Schweiz kam Egon Ammann, der mein erstes Buch verlegte, Wagenbach wohl am nächsten. Zwei dionysische Figuren, bukolisch und lebensfroh, von barocken Sinnen, masslos, aber nie wahllos. Welch ein nie wieder erlebtes Glück des Autors, als Ammann sagte: «Sie haben hier Ihren Verlag gefunden, fühlen Sie sich zu Hause.»

Beide waren beseelt von einer ewigen Liebe, die erhört wurde: die Liebe zum guten Buch. Wer etwas auf sich hält, schmökert mal einen Abend lang durch die Wagenbach-Bände, die er in seiner eigenen Bibliothek hütet. Und man erinnere sich, welche Funkenflüge, welche Bereicherung, welche Geistesnahrung einem Wagenbach unermüdlich verschaffte.

Wer das nicht kann, der verdient es nicht, sich Literat oder Literaturkenner nennen zu dürfen. Wir wüssten da einige Kandidaten (auch Kandidatinnen), aber wir sind elegisch gestimmt und verzichten auf Namensnennungen.

Stattdessen: man werfe einfach einen Blick auf die Autorenliste des Verlags.

Dann neige man sein Haupt in tiefer Ehrfurcht und in leiser Beschämung, so viele nicht zu kennen. Aber so viele dann doch. Danke, Klaus Wagenbach, einfach danke.

Bond mit Bobos

Alle haben nun drüber geschrieben, wir haben «No Time to Die» gesehen. Und waren not amused.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Dylanologen heissen die Freunde Bob Dylans, die ihn unverdrossen durch alle Tiefen und Niederungen seiner Karriere begleiten. Durch seine religiöse Phase und durch die nicht mehr endende Phase des Krächzgesangs.

Bond-Fans mussten sich durch verschiedene Inkarnationen des Geheimagenten kämpfen. Mit dem seit 2006 amtierenden Daniel Craig meinte man, endlich wieder einen echten Bond gefunden zu haben.

Zwar nicht mit so eleganter Lebensart wie Sean Connery, dafür aber auch nicht wie diese ironisierenden Kleiderständer danach und auch nicht so überagierend gefährlich-böse wie Pierre Brosnan, den man immer mit einer schreibenden Schmachtlocke verwechseln wollte.

Grosse Wumme, kleine Gefühle: geht.

Sondern ein echter Handwerker des Todes. Seit dem «Zerrissenen Vorhang» von Hitchcock wurde nicht mehr so deutlich vorgeführt, dass Abmurksen manchmal gar nicht so einfach ist. «Geschüttelt oder gerührt?»: «sehe ich aus, als ob mich das kümmert?» Gute Antwort. Die kurze Verliebtheit, das Tränchen im Auge, als seine geliebte M in seinen Armen stirbt, okay, das geht noch knapp.

Dass Bond ein Kind hat, nun, er kann sicherlich nicht Anhänger von safer Sex sein, ganz klar. Aber eine mit bebender Stimme vorgetragene Liebeserklärung? Spätestens hier möchte der Zuschauer auch gerne die Lizenz zum Töten. Besser, zum Erlösen.

Grosse Gefühle, keine Wumme: geht nicht.

Natürlich schlägt es dem härtesten Geheimagenten aufs Gemüt, wenn er grössere Teile seines Abenteuers in einem braunen Cordanzug mit Hosenträgern bestreiten muss. Dagegen ist die chinesische Wasserfolter ein Klacks.

Immerhin muss er keinen Bollinger mehr trinken, aber immer noch Omega tragen, was auch nicht viel besser als diese Sprudelbrause ist. Der graugemusterte Anzug von Tom Ford, der offenbar zeigen wollte, dass er ausser Smoking auch noch was kann, sass dann auch wieder zu knapp, war zu kurz und machte auch keinen Spass.

Zum Sterben hässlich: da herrscht schlechte Laune.

Kein Wunder, dass Bond eigentlich den ganzen Film über schlechte Laune hatte. Wohl auch, weil die neue schwarze 007, die aber ihren Platz kennt und diese «just a number» wieder an ihn ehrfürchtig abtritt, der Bösewicht, dem selbst ein vernarbtes Gesicht keine andere Aura als «zum Knuddeln» gibt; selbst der als schwul geoutete Q: alles nur Reverenzen an den Zeitgeist, unnötig, die Handlung behindernd, den Film unnötig lang machen.

Die symbolische Szene des Films

Gut, die Action ist noch von altem Schrot und Korn. Da fliegen Wagen durch die Luft und Bond auch, da darf der alte Aston Martin nochmal zeigen, was Panzerung plus eigebaute Gadgets alles hergeben. Aber gleichzeitig ist das auch der symbolische Moment des Films.

Bond liefert sich die übliche Autoverfolgungsjagd mit den unermüdlich nachwachsenden Bösen, seine Liebste an der Seite. Aber er wird eingekreist, von allen Seiten unter Feuer genommen. Der böse Handlanger des Bösewichts feuert unablässig näherkommend eine Runde nach der anderen in die Panzerglasscheibe. Aber Bond sitzt katatonisch am Steuer und betrachtet das Treiben. Melancholisch, müde, desillusioniert, schlecht gelaunt.

Hat der Mann vielleicht eine Laune.

Erst auf die Aufforderung «tu was!» wacht er wieder auf und waltet seines Amtes. Maschinengewehre hinter den Scheinwerfern raus, mit Vollgas um die eigene Achse, alles niedermähen und im Rauchvorhang verschwinden. Aber selbst das hat gedauert.

Das Ende, wir wollen nicht so bösartig wie die WeWo sein und verraten es nicht, nun ja. Selbst der einzige Bond, der auf seinem Höhepunkt aufhörte, hatte dann nochmal einen Rückfall. «Never say never again», damit ruinierte Sean Connery fast die Figur Bond und sich selbst als Bond-Darsteller. Es wurde auch schmerzlich bewusst, wie wichtig die emblematische Musik ist.

Viel zu viel Verneigung vor den modernen Zeiten

Auch hier ging man wohl zu sehr dem Zeitgeist auf den Leim. Schon die Kastratenstimme im Titelsong von «Spectre» muss unter «schnell vergessen» abgebucht werden. Adele mit «Skyfall» war noch  grosses Kino. Aber die Flüsterstimme von Billie Eilish? Es muss ja nicht unbedingt wieder die Opernstimme von Shirley Bassey (unvergessen «Goldfinger») sein, die als einzige drei* Titelsongs singen durfte.

Aber Abgesang, Schwanengesang, Elegie statt Gefahr, Gefiepse statt Fanfare, das ist auch nicht nachhaltig.

Darf eine Frau schneller schlucken als Bond?

Craig hat’s im wahrsten Sinne des Wortes hinter sich. Natürlich ist Bond unsterblich, alleine schon, weil er immer noch eine Geldmaschine ist. Nun haben die Produzenten ein Weilchen Zeit, über die Positionierung des Nachfolgers nachzudenken.

Kleine Wumme, grosse Gefühle: geht auch nicht.

Wenn’s eine einigermassen niveauvolle Kampfmaschine mit Lebensart und Kenntnis aller guten Dinge im Leben wird, die aus Überzeugung tötet und am liebsten in Handarbeit, kommt’s gut. Wenn sie dazu noch säuft und raucht und Frauen flachlegt (oder sich von Frauen flachlegen lässt), kommt’s gut. Wenn sie nachdenklicher als Connery oder angefasster als Roger Moore ist, auch gut.

Aber bitte kein Weichei, keine Frau, kein Selbstzweifel, kein Gefühlschaos, kein sensibler Mann. Ausser, man will aus Bond eine Karikatur machen, und das gab’s auch schon. Hat aber nicht funktioniert.

Bond mit nostalgischem Liebesweh? Geht überhaupt nicht.

*Nach Leserhinweis von zwei auf drei korrigiert.

So viel Licht, so wenig Schatten

Der grosse Schauspieler Jean-Paul Belmondo ist tot. Ach, Bébel.

Er spielte auch, das muss gesagt werden, richtig blöde Blödelrollen. Aber was kann man einem Schauspieler nicht verzeihen, der aus einem so hässlichen Gesicht mit einer vom Boxen verunstalteten Nase so ein Lächeln aufblitzen lassen konnte?

Jean-Paul Belmondo (1933 – 2021)  spielte den jugendliche Filou, den Kleinkriminellen in «À bout de souffle», das stilprägend für die ganze «Nouvelle Vague» war. Er spielte an der Seite von Lino Ventura in «Classe tous risques», einem der dunkelsten Serie-Noir-Filme Frankreichs. Er spielte auch unter der Regie von Jean-Pierre MelvilleDer eiskalte Engel»), dem Grossmeister des existenzialistischen Kriminalfilms. Der war über Bébel begeistert: «Der kann alles.»

«Borsalino», der Ausstattungsfilm über das Gangstermilieu in Marseille an der Seite von Alain Delon, ein Traumpaar des Films war geboren. «Stavisky» über den gleichnamigen Betrüger, «Angst über der Stadt», Belmondo etablierte sich als Charakter- und als Action-Schauspieler auf anspruchsvollem Niveau.

Als man ihn im Kino nicht mehr so wirklich wollte, kehrte er zu seiner ewigen Liebe zurück: dem Theater. Dafür kaufte er sich sogar 1992 das Théatre des Varietés in Paris. «Un homme et son chien» war 2008 sein Abschied vom Kino. 2001 hatte er einen Schlaganfall erlitten, von dem er sich mit grosser Energie und Disziplin erholte und allen nochmals beweisen wollte, welch ein gigantischer Schauspieler er eigentlich war.

Seine Rollen als Kraftprotz, sein sehr französisches Beziehungsleben standen vielleicht im Wege, damit er als das respektiert wurde, was er eigentlich war: neben Lino Ventura und Alain Delon der wohl grösste Schauspieler seiner Generation. Er war kein Naturtalent, sondern erarbeitete sich seine Fähigkeiten:

«Schauspielen muss man lernen», meinte er. «Es ist nicht allzu schwer, aber man muss es lernen.»

Was man nicht lernen kann, ist in diese Klasse von Schauspielergesichtern zu gehören, die eine Grossaufnahme vertragen und dominieren. Wie alle wirklich Grossen hatte es Belmondo nicht nötig, seine Rollen zu überspielen. Zumindest in seinen vielen guten Filmen. In seinen vielen schlechten war er sich aber nicht zu schade, bis zum Slapstick zu sinken.

Aber wie er in «Stavisky» den ganzen Film trägt, aus diesem durchtriebenen Betrüger eine sympathische, fast tragische Gestalt macht, wie er in seinen Kriminalfilmen den abgebrühten Gangster, aber mit Herz gibt, wie er zusammen mit Alain Delon in «Borsalino» einen Kultfilm prägt, wie er bei Melville durch zart angedeutete Gefühle komplettere Rollen abliefert als Delon, der in «Le Samuraï» zwar das wohl kälteste Porträt eines Gangsters spielte, das aber nur regungs- und gefühlslos, das war schon grosse Schauspielkunst von Belmondo.

Daher kam es auch nur zu zwei gemeinsamen Auftritten der beiden Stars; da sich Delon nie in drittklassigen Rollen verausgabt hatte, war sein Ruf zwar grösser, aber Belmondo dominierte in «Borsalino» sicherlich bis zur Eifersucht seines Kollegen den Film.

20 Jahre nach einem Schlaganfall sind eine lange Zeit, in der Belmondo wie in einem langen Fade-out am Schluss eines grossartigen Films aus dem Leben verschwand. Aber dennoch in so vielen guten und erinnerungswerten Rollen erhalten bleibt. Mit einem Lächeln, das einen ganzen, dunklen Kinosaal erhellen konnte. Kann.

Abschied von Peter Buser

Die Trauerfeier hatte eine Würde, von der die Mainstream-Berichterstatter nicht mal träumen können.

 

«Oft sehen wir so viel Schmutz, dass wir am Glauben an das Reine verzweifeln könnten. Mozart hilft uns dann zurück.»

Es war ein Anlass für die Happy Few, der am Dienstagmorgen im Landhaus zu Solothurn stattfand. Die hatten sich versammelt, um Peter Buser zu gedenken, der Ende Juli im Alter von 84 Jahren verstorben ist.

«Die Ehrlichen sind oft unhöflich. Die wahren Unhöflichen sind aber die Unehrlichen.»

Tausend weisse Rosen als Symbol für seine Pracht und ausufernde Opulenz. Zoë Jenny trug aus seinen Gedichten und Aphorismen ausgewählte Texte vor.  Yury Revich und Benedict Klöckner,  zwei Weltklasse-Solisten, gaben dem Anlass zusammen mit einer begabten Pianistin und einer Balletteuse den klassisch-musikalischen Rahmen.

Elias Meier, Freund und Begleiter von Peter Buser, fand die richtigen Worte zu Mann und Werk. Der ganze Anlass wird zu gegebener Zeit im Internet zugänglich gemacht werden.

«Die La Fontaines und La Rochefoucaulds haben die Menschen in bester Absicht ins Bad der Jauche gestossen. Wenn man sieht, wie unsere Generation die Jauche liebt und in ihr teilnahmslos ersäuft, weiss man nicht, ob man die Erleuchter loben oder verdammen soll.»

Welch ein wohltuender Kontrast zu dem oberflächlichen Gewäffel um den angeblichen «Sexisten» Buser, geboren aus einer einzigen, launischen Antwort auf eine provokativ politisch-korrekte Frage.

Buser war nicht einfach, es war auch nicht einfach mit ihm. Aber er war reich. Nein, nicht im banalen Wortsinn, er war bereichernd. Man konnte herrlich mit ihm streiten, lachen – und sich furchtbar über ihn ärgern. Aber auch wieder mit ihm versöhnen.

Denn wem es noch um umfassende Bildung geht, um Gedichte, um Klassiker, um Musik, um Philosophie, der fand hier einen Gesprächspartner, der seinesgleichen suchte.

«Die Sprache ist launenhaft und unzuverlässig wie die Katze. Sie schmeichelt schnurrend und liebkosend um das Bein, dann kratzt sie unversehens mit gehärteter Pfote und faucht. Wenn man sie tagsüber zum Fangen von Mäusen brauchte, streunt sie auf dem Feld des Nachbarn. Nachts dann, wenn man verdiente Ruhe sucht, schleicht sie sich ins Bett und quält mit allerlei Gaukeln und Tändeln.»

Welche Bögen konnte man mit ihm abschreiten, wenn es gelang, seine Obsessionen in Schranken zu weisen. Belohnt wurde man durch Gedichte, eigene und auswenig zitierte der Klassiker, durch Musik, eigene und konzertreif auf dem Flügel gespielte seiner grossen Lieblinge Schubert, Mozart, Schumann.

«Wenn man Trakl liest, ergeht es einem wie bei gewissen Schubert-Stellen. Man kann nur noch an Gott glauben.»

Dieser Prachtband mit seinen Gedichten, Werken eines Starfotografen und einem Vorwort von Martin Walser symbolisiert perfekt, wer er war und was er wollte. Opulentes, Übergrosses, Gewagtes.

«Mich macht die Vollkommenheit dieser Universalpoesie ganz glücklich.»
Aus dem Vorwort von Martin Walser.

So verliessen die Trauernden zur Melodie des «Heimatvogel» von Buser die Trauerfeier. So wollte er es; ein beschwingter Abschied, kein trauriger. Mit weissen Rosen, von jedem Schmutz befreit, mit dem er gegen sein Lebensende beworfen wurde. Weil er zwar im Herzen ein Schweizer, ein Trimbacher geblieben war, aber zu gross für diese Schweiz geworden, zu ungestüm, zu wenig korrekt, unfähig zur Anpassung und Selbstverzwergung.

Oftmals lautstark und aggressiv – wie viele zu sensible Menschen.

«Die Vorschläge sowohl des Herrn Marx als auch des Herrn Nietzsche wären ja vornehmer und erhebender als die des Bergpredigers. Nur hat der erste jedes Personal verloren und der zweite schon gar nicht anwerben können, sodass wir ärgerlicherweise auf den letzteren zurückgeworfen sind. Wohl auf alle Zeiten.»

Seine Werke werden ihn – und natürlich seine Kritiker – überdauern. Das ist schön zu wissen.

«Schweig stille, mein Herze. Der Kopf sagt, dieses Gedicht sei etwas sprunghaft und von Herrn Mörike eher schlecht gefügt. Die Tränen kümmert es nicht.»

 

Rico Bandle und die Liederlichkeit

Über den Tod hinaus nachtreten: bei Tamedia verrutschen alle Massstäbe ins Nichts.

Der Banker, Mäzen und Lebemann Peter Buser ist 84-jährig gestorben. Er war ein grosser Liebhaber von Musik und Literatur, veranstaltete Konzerte auf eigene Kosten, spielte begnadet Klavier, gab freimütig Geld für ihm wichtig erscheinende Anliegen.

Aber wie formuliert Rico Bandle in seinem Holper-Deutsch:

«Damit hatte er sich endgültig ins gesellschaftliche Abseits gestellt: In einem TV-Beitrag wies der über 80-jährige Selfmade-Millionär Peter Buser eine blutjunge Freundin an, vor ihm auf den Boden sitzen. Als die Reporterin nach dem Grund fragte, sagte er: «Sie muss in einer untertänigen Stellung sein. Weil ich bin der Herr.»»

Schiefe Sprache, schiefer Inhalt, falsche Behauptungen: eine Duftmarke des Qualitätsjournalismus aus dem Hause Tamedia. Buser wies nicht an, die Freundin setzte sich mangels Platz in der Ecke des Flügels schräg vor Buser gegen die Wand gelehnt auf den Boden, sein launiges Zitat auf eine provokative Frage der Interviewerin lautete anders.

Ein richtiges Schmierenstück.

Ein Stück journalistischer Dreck halt, ein Nachruf nach der Art des Hauses. Schon im Lead glänzt Bandle mit Unsinn: «Der verstorbene Bankier war wegen Sexismus in Ungnade gefallen.» Bei Scharfrichter Bandle? Beim moralischen Gewissen Bandle? Oder bei wem?

Zu Lebzeiten wehrte sich Buser gegen solchen Quatsch, so musste sich der «Blick» bei ihm entschuldigen und eine Genugtuung zahlen. Bandle geht aber wohl zu Recht davon aus, dass ein toter Buser das nicht mehr tun wird, also ist eigentlich alles erlaubt.

Nun hat Bandle davon Wind bekommen, dass am Dienstag eine Trauerfeier für Buser in Solothurn stattfinden wird, bei der alle Aspekte des langen Lebens dieses Exzentrikers gewürdigt werden sollen. «Dabei erweist ihm eine Persönlichkeit die Ehre, von der man das nicht unbedingt erwartet hätte: Schriftstellerin Zoë Jenny wird Gedichte vorlesen.»

Leider mag Bandle nicht erklären, wieso man – also genauer er – das nicht unbedingt erwartet hätte, dass eine Schriftstellerin dem grossen Kenner und Liebhaber der Literatur eine Ehre erweist, zu der dieser missratene Schreiber nicht in der Lage ist. Er gibt noch weitere Zoten aus dem Privatleben Busers zum Besten: «Sein Schlafzimmer sei eingerichtet gewesen wie ein Bordell, erzählen Besucher.»

Die hätten erst mal seine Badezimmer in Zürich und Liechtenstein sehen sollen. Macht Ungnade, Wohnungseinrichtung und angeblicher Sexismus das Leben Busers aus? Auch wenn Bandle Busers Kunstveranstaltungen erwähnt, seine Aussage ist klar: wie kann man sich nur bei dieser Trauerfeier eines im Abseits stehenden Sexisten blicken lassen.

Da hat man dann mindestens Bandle Rechenschaft abzulegen, am besten sollte man wohl ganz darauf verzichten, bei der Trauerfeier für einen Sexisten aufzutreten. Das gilt wohl auch für Yury Revich und Benedict Klöckner. Aber die Namen dieser Weltklasse-Solisten sagen Bandle wohl nichts, daher erwähnt er sie weder, noch hat er sie angefragt, was sie sich denn dabei denken.

De mortuis nihil nisi bene. Falls Bandle kein Latein kann (Buser beherrschte ein Dutzend Sprachen, darunter Latein und Griechisch): Man muss über Tote nicht nur Gutes sagen. Aber ein Mindestmass an Anstand sollte man vielleicht doch bewahren. So man hat.

Damit Bandle noch mehr Anlass zur Erregung hat: auch René Zeyer wird an dieser Trauerfeier teilnehmen. So viel Respekt muss sein. Sollte Bandle das auch tun wollen, könnte es ihm allerdings passieren, dass er unsanft ins Freie befördert würde. Schmierfinken sind nicht erwünscht.

 

Ruhe sanft, Glaubwürdigkeit

Eigentlich kann man das Gequatsche über das höchste Gut im Journalismus nicht mehr hören. Daher eine Grabrede.

So sicher, wie ein Bibelzitat in der Sonntagspredigt vorkommt, wird im Journalismus das Wort «Glaubwürdigkeit» wie ein Banner gehisst. Umgeben von den Wimpeln «unabhängig, nicht käuflich, redaktioneller Content und gekaufter Werbeplatz haben null miteinander zu tun».

Während die meisten Medien fast täglich den Gegenbeweis antreten, meinen sie weiterhin, damit punkten zu können. Denn sie halten, hieran deutlich sichtbar, ihre Konsumenten für furzblöd.

Da sie das aber (mehrheitlich) nicht sind, tragen wir doch endlich dieses Wort im Zusammenhang mit privaten Profitunternehmen zu Grabe, die als Produkt halt keine Schrauben, sondern News anbieten.

Verwischen bis zur Unkenntlichkeit

Um nicht die falsche Leiche zu beerdigen: Werbefreiheit als Garant für Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit ist natürlich auch Quatsch. Wie nicht nur die «Republik» beweist, ist dann das Organ zu 100 Prozent von der Gesinnungsblase seiner Unterstützer abhängig. Die nicht zögern, ihren Liebesentzug wegen der Veröffentlichung eines «falschen» Artikels sofort mit Abbestellung zu manifestieren.

Es ist auch okay, wenn Reiseberichterstattung inzwischen ausschliesslich «in Zusammenarbeit mit» stattfindet. Leicht euphemistische Umschreibung für: die haben bezahlt, wir haben publiziert. Auch dass alle Shopping-Tipps, Modeanregungen, Einrichtungshinweise, überhaupt alle mit käuflichen Waren verbundene Ratschläge nicht nach bestem Wissen und Gewissen gemacht werden, ist klar.

Die Grenzen zwischen bezahltem Inhalt und Inhalt, für den der Konsument bezahlen soll, verwischen sich aber bis zur Unkenntlichkeit. Ein kleines «Paid Content», ein «präsentiert von», eine Native Ad, eine «Content Bridge», alles kleinere oder grössere Sargnägel über der verblichenen Glaubwürdigkeit, die wir hier bestatten.

Das waren noch Zeiten, als Vielschreiber Max Küng Werbetexte für das Möbelhaus Pfister im «Magazin» rezyklierte. Das waren noch Zeiten, als das Füllen einer ganzen Ausgabe mit dem künstlerisch wertvollen, weil von Beda Achermann gestalteten Migros-Geschäftsbericht noch für Protestgeheul sorgte.

Wie Werbung ihre Glaubwürdigkeit steigern kann

Inzwischen wird vielfach gekaufte Werbefläche dem Erscheinungsbild von redaktioneller Eigenleistung so angepasst, dass irgendwann der Hinweis «das ist eine bezahlte Werbung» zur Steigerung der Glaubwürdigkeit ersetzt wird mit: «Das ist KEIN redaktioneller Inhalt».

Heutzutage, um ganz oben einzusteigen, lässt sich NZZ-Chefredaktor Eric Gujer im Hotelblog eines Fastenhotels mit lobenden Antworten auf Fragen zur Qualität des Gebotenen interviewen. Wobei er darauf hinweist, dass er dieses Angebot auf Anregung seiner Gattin benütze. Die wiederum unter ihrem nom de plume, Claudia Schwartz*, zwei Seiten in der NZZ füllt. Eine mit als «Erfahrungsbericht» verkleideten Lobhudelei auf eben dieses Hotel, die zweite mit einem «wie wollten Sie sich schon immer mal unbelästigt von kritischen Fragen aufplustern»-Interview mit dem «Chefarzt» eben dieser Fastenklinik im Luxushotel.

Auf dieser Ebene würde niemand vermuten wollen, dass Familie Gujer sich so gratis eine lustige Fastenkur gegönnt hat. Obwohl die Reinigung von Körper und Geist zu zweit doch rund 12’000 Franken kostet, für zwei Wochen, und weniger mache ja keinen Sinn, weiss Gujer in dem Interview. Aber erschütternd ist doch, dass die NZZ, in Gestalt ihrer Kommunikationsverantwortlichen, an die Gujers meine Fragen weiterreichten, überhaupt nicht, nicht im geringsten, auf keinen Fall auch nur den Hauch eines Geschmäckle erkennen kann.

Glaubwürdigkeit als guter Werbespruch

Denn, liebe Trauergäste, Glaubwürdigkeit – ebenso wie Anstand oder Höflichkeit – ist im heutigen Managersprech ein Soft Factor, ein Asset, das man gut bewerben kann, aber nicht unbedingt pflegen muss. Kann man schliesslich schlecht quantifizieren, wie viel kostet ein Stück Glaubwürdigkeit? Wie misst man den Schaden, falls die beschädigt werden sollte?

Diese Medienmanager als Erbsenzähler, die wohl deswegen auch dieser Trauerfeier fernbleiben, lassen sich von ihrer Zahlenhörigkeit den Blick auf etwas so Einfaches wie fundamental Wichtiges bei Medien verstellen.

Glaubwürdigkeit heisst, dass der Leser darauf zählen kann, dass der von ihm bezahlte Inhalt nach bestem Wissen und Gewissen des Journalisten hergestellt wurde,

zudem unter Beachtung gewisser Grundregeln. Und dass der Journalist seine Urteile, seine Bewertungen, seine Einschätzungen ganz sicher nicht käuflich in den Wind hängt.

Wieso soll der Leser für gekauften Inhalt bezahlen?

Denn der Berichterstatter ist (meistens) vor Ort, der Leser nicht. Der Leser muss ihm glauben, dass seine Darstellung von Angola, von Brasilien, von den USA oder Russland der Versuch ist, möglichst realitätsnah zu berichten, was sich dort abspielt. Stellt der Leser aus eigener Kenntnis oder aus anderen Gründen zu oft fest, dass diese Berichterstattung das Papier nicht wert ist, auf das sie gedruckt wird, nicht mal die winzige Energie, die ihr Transport auf den Bildschirm braucht, dann fragt er sich völlig zu Recht, wieso er dafür bezahlen soll. Mit Geld oder Aufmerksamkeit.

Fahrenheit 451: Das wenden viele Medien bei ihrer Glaubwürdigkeit an.

Daher, liebe Anwesenden, verabschieden wir uns hier von der Glaubwürdigkeit der Medien. Sie hatte ein längeres, erfülltes irdisches Dasein, überstand auch viele schwere Krankheiten, Angriffe auf Leib und Leben, wurde oftmals vergewaltigt, niedergeschlagen, eingesperrt, beraubt. Stand aber immer wieder auf. Nicht mehr länger. Ruhe wohl, Asche zu Asche, Staub zu Staub.

*Dank des Hinweises eines aufmerksamen Lesers wurde der falsch geschriebene Nachname korrigiert.

Der Porno-Graf ist tot

Larry Flynt, der Gründer des Hustler-Konzerns, ist mit 78 Jahren gestorben. Ein lebenslanger Kämpfer für freien Blick auf Geschlechtsteile. Und für Meinungsfreiheit.

Der Porno-Verleger ist den meisten wohl wegen des mit Preisen überschütteten Milos-Forman-Films «Larry Flynt – die nackte Wahrheit» bekannt. Seine Rolle übernahm ein grossartiger Woody Harrelson, Courtney Love hat eine nicht minder beeindruckende Rolle als die grosse Liebe von Flynt. Selten ist eine Drogenabhängige, mit HIV infizierte, an sich selber zerbrechende Frau mit solcher Intensität gespielt worden. Althea Flynt war ab 1976 an seiner Seite; sie ertrank 1987 in ihrer Badewanne.

Flynt hat seine grossen Gegenspieler Hugh Hefner (Playboy) und Bob Guccione (Penthouse) überlebt. In Kentucky in elenden Verhältnissen geboren und aufgewachsen, war Flynt von Anfang an der Prolet unter den Herausgebern von sogenannten Herrenmagazinen. Beim «Hustler» ging es weniger um gepflegte, literarische Interviews, womit der «Playboy» sich ein Feigenblatt vor die erotischen Fotos von Frauen in anzüglichen Posen hängte.

Bei «Hustler» ging es zur Sache, es waren meistens nicht kunsterotische Aufnahmen, sondern Fotos in jeder Form der expliziten oder impliziten Obszönität, inklusive freier Blick auf (weibliche) Geschlechtsteile, begleitet von brutalster Satire.

Selbst brutale Satire ist von der Meinungsfreiheit geschützt

Als im «Hustler» das erste Mal des frommen TV-Predigers Jerry Falwell als Inzest mit seiner Mutter auf dem Klo dargestellt wurde, gab es 1983 einen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Flynt prozessierte den Fall bis zum Obersten Bundesgericht durch, das 1988 zur heute noch wegweisenden Entscheidung kam, das die im ersten Verfassungsgrundsatz garantierte Meinungsfreiheit höher zu gewichten sei als allfällige Beschädigungen von Falwells Ruf.

Denn Flynt war nicht einfach nur ein Porno-Verleger, der damit laut eigenen Aussagen stinkreich geworden war. Sondern ein fanatischer Kämpfer für Meinungsfreiheit, für die Rechte von Homosexuellen, deren sonst wie Aussatz gemiedenen Magazine er verlegte.

Er gab Geld mit beiden Händen aus, um in ständigen Rechtshändeln dieses Recht auf freie Meinungsäusserung zu verteidigen. Nach einem solchen Gerichtstermin wurde 1976 von einem Rassisten ein Attentat auf Flynt verübt. Der irre Fanatiker wollte damit nicht gegen Pornografie protestieren, sondern dagegen, dass im «Hustler» auch anzügliche Fotos mit Mitgliedern verschiedener Rassen publiziert wurden.


Gelähmt, stinkreich und niemals mit Maulkorb.

Seither sass Flynt gelähmt in einem goldenen Rollstuhl. Bis es möglich war, die Nervenverbindungen zu unterbrechen, litt er jahrelang unter schwersten Schmerzen, die er mit starken Mitteln bekämpfen musste. Als der Verursacher dieses Lebensschmerzes wegen eines anderen Mordes hingerichtet wurde, hatte sich Flynt lautstark und öffentlich für dessen Begnadigung zu Lebenslänglich ausgesprochen.

Eine meinungsstarke Saftwurzel

In der Schweiz hätte man ihn wohl als Saftwurzel bezeichnet. Er war stolz auf seine proletarische Herkunft, stellte seinen Reichtum ungeniert zur Schau und nützte vor allem aus, dass ihn sein Geld davor schützte, wegen seinen ständig politisch sehr unkorrekten Magazinen und Meinungen im Gefängnis zu landen.

Er lobte mehrfach Millionenbeträge für die Aufdeckung von Skandalen aus. Das letzte Mal versprach er eine Million jedem, der nachweisen könnte, das Trump in kriminelle Geschäfte oder Machenschaften verwickelt sei.

Er enterbte eine seiner Töchter, als die 1998 zur entschiedenen Gegnerin von Pornografie geworden war und als frühe Vertreterin von #metoo in einem Buch behauptet hatte, sie sei in ihrer Kindheit von Flynt sexuell missbraucht worden. Er wehrte sich vehement und mit all seinen Möglichkeiten gegen diesen Vorwurf und behauptete, seine Tochter sei von religiösen Gruppen missbraucht worden. Womit er wohl Recht gehabt haben dürfte.

Ein ungehemmter Sexist mit Hang zu Sexobjekten

Heutzutage würde Flynt in Grund und Boden beschimpft werden, wollte er nochmal mit einem Magazin auf den Markt, in dem Frauen einwandfrei und eingestandenermassen als Sexobjekt dargeboten werden, als dauererregte, nichts anderes als die Verführung von Männern im Kopf habende Vamps. Auch hier gab Flynt Zeit seines Lebens ungehemmt zu, dass er natürlich ein Sexist sei, damit auch keine Probleme habe, dazu ein nicht von Schuldkomplexen gestörtes Verhältnis zu Sex.

Als ihm in der damals noch verklemmteren und prüden US-Gesellschaft vorgeworfen wurde, er suhle sich in schmutzigem Sex, hemmungslos und triebhaft,  erwiderte er trocken: Genauso sei es, wenn Sex richtig gemacht werde.

Im heutigen Genderwahn und der allgegenwärtigen Angst, wegen sexueller Übergriffe in Teufels Küche zu kommen, welcher Art auch immer die seien, und entscheidend ist dabei einzig das Gefühl der betroffenen Frau, könnte sich Flynt über mangelnde Möglichkeiten, sein Geld für Prozesse auszugeben, nicht beklagen.

Larry Flynt hatte Grips und Humor.

Er ist tatsächlich aus der Zeit gefallen, schon vor seinem Tod. Aber während der Eiertanz um Diskriminierungsfallen, männlich-aggressiv verwendete Sprache, gar das um sich greifende Ausfüllen einer gegenseitigen Einverständniserklärung vor möglichen intimen Handlungen zu einer mit Kernseife geschrubbten Trostlosigkeit, zum Absterben allen Spasses, zur politisch korrekten Begattung als lustlose Verrichtung führt, war Flynt ganz anders.

Flynt war auch ein humanistisch denkender Mensch

Nämlich so, wie die heutigen Kampffeministinnen niemals sein können oder wollen. Nachdem er den Prediger Falwell wirklich übel angerempelt hatte, aber geschützt durch die Meinungsfreiheit davonkam, schrieb er bei dessen Tod im Jahr 2007, dass die beiderseitige Ehrlichkeit in dem, was sie vertraten, sie zu Freunden gemacht hatte. Obwohl sie nicht weiter auseinanderliegen könnten; der Porno-Graf Flynt und der Gegner von Schwangerschaftsabbrüchen, der Feind von Lesben und Schwulen und überhaupt jeder Unzucht.

«Wenn du jemanden kennenlernst, findest du was, was du magst.» Diese Fähigkeit, die Welt, die Menschen und deren Ansichten als komplex, kompliziert, nicht widerspruchsfrei, menschlich halt zu tolerieren, so wie er Toleranz für sich selbst forderte, das macht Flynt zu weit mehr als einen Verleger von Pornoheftchen. Es macht ihn zu einem guten Menschen, und jetzt gibt es schon wieder einen weniger davon.