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Orwell lässt grüssen

Moskau feiert, Kiew feiert. Und Gaza wird zerstört und entvölkert.

Massenmedien, die den Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben wollen, sollten ein Mindestmass an Objektivität bewahren. Die es absolut nicht gibt, aber man könnte ja versuchen, sich ihr anzunähern.

Russland begeht den 80. Jahrestag des Sieges über den Hitler-Faschismus. Kein Land der Welt hat wie die verblichene Sowjetunion einen dermassen hohen Blutzoll (mehr als 27 Millionen Tote) und gigantische Zerstörungen durch den Angriffskrieg des Hitler-Faschismus erlitten. Die Westalliierten haben erst 1944 mit der Landung in der Normandie ernsthaft eingegriffen. Aus Furcht, dass die nach Stalingrad siegreiche Rote Armee ganz Europa, mindestens das ganze Deutsche Reich erobern könnten.

Winston Churchill, nie um ein offenes Wort verlegen, meinte nach dem Sieg: «Vielleicht haben wir das falsche Schwein geschlachtet.» Das war auch die Hoffnung der Soldateska um den Kriegsverbrecher Graf von Stauffenberg, die Hitler vergeblich aus dem Weg räumen wollte, um einen Separatfrieden mit dem Westen auszuhandeln, um dann gemeinsam die UdSSR zu vernichten.

Dass Präsident Putin den Jahrestag dazu missbraucht, den Überfall auf die Ukraine zu rechtfertigen, kann als Propagandagedöns denunziert werden. Es ist genauso dummes Gequatsche wie die Ankündigung Präsident Trumps, den Ukrainekrieg am ersten Tag, allenfalls nach 100 Tagen zu beenden.

Die westlichen Staatschefs glänzten in Moskau durch Abwesenheit, knirschend musste eingestanden werden, dass dennoch viele Führer grosser Staaten in Moskau anwesend waren, in erster Linie Chinas Präsident Xi.

Die Anwesenheit eines Vertreters der EU in Moskau wurde im Rahmen der Meinungsfreiheit und der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten hingegen harsch kritisiert.

Respektvolles Gedenken an die unvorstellbaren Opfer der Sowjetunion ist eine Sache. Das kurz erwähnen, um dann auf Putin einzuprügeln, ist eine andere, unerträgliche.

Der US-Regisseur und Oscar-Preisträger Oliver Stone lässt sich von «Russia Today» zitieren: «Vor Journalisten äusserte er seine Empörung über Geschichtsrevisionismus und russophobe Politik in der Europäischen Union. «Ich finde das echt krass und bin echt schockiert, aber es passiert».» Damit hat er, anwesend in Moskau, den Bereich des Erwähnbaren in den westlichen Mainstreammedien verlassen.

Dafür gaben sich an der Gedenkfeier in Kiew die wichtigsten Vertreter der EU ein Stelldichein. Deutschland, England, Frankreich, auch Polen, waren mit Präsident und Ministerpräsidenten anwesend. Dabei waren grosse Teile der ukrainischen Bevölkerung Helfershelfer des Faschismus, halfen willig dabei, Hunderttausende von Juden zu deportieren oder gleich vor Ort umzubringen.  Der Kriegsverbrecher Stepan Bandera wird bis heute im Westen der Ukraine mit Denkmälern und Heldenverehrung gewürdigt. Die Asow-Brigaden, eine kriminelle ukrainische Soldateska, halten sein Andenken und seine Ideologie weiter hoch.

Die Teilnahme russischer Vertreter an den peinlichen, kleinen Gedenkveranstaltungen in Deutschland (der 8. Mai ist nichtmal ein allgemeiner Feiertag) ist unerwünscht. Als Ausdruck höchster Toleranz werden die Denkmäler zur Erinnerung an den heldenhaften Kampf der UdSSR (noch) nicht geschleift. Kann aber noch kommen.

Die DDR feierte den 8. Mai als Tag der Befreiung, die wiedervereinigte BRD wenn schon als Tag der Niederlage.

Zudem ist die israelische Regierung rund um den zur Fahndung ausgeschriebenen mutmasslichen Kriegsverbrecher Netanyahu finster entschlossen, die letzten Reste der Infrastruktur im Gazastreifen zu zerstören. Seit Längerem werden keine Hilfslieferungen mehr nach Gaza durchgelassen. Die Bevölkerung sollte sich am besten in Luft auflösen – oder einfach  krepieren. Frauen, Kinder, Alte, das ist der israelischen Soldateska so egal wie zuvor der Hamas.

Auch das ist natürlich eine nicht ausgewogene Darstellung dieser Ereignisse. Aber Moskaus Siegesparade als reine «Propagandashow» zu denunzieren, über Kiew hingegen wohlwollend zu berichten, beim Völkermord im Gazastreifen so distanziert wie möglich der Berichterstatterpflicht nachzugehen, das hat nichts mehr mit geldwerten Leistungen zu tun.

Der Konsument würde gerne dafür bezahlen, in einer aus den Fugen geratenen Welt Orientierungshilfe, Einordnung zu bekommen. Für diese Hilfestellung wären viele gerne bereit, Abonnements zu unterhalten, die inzwischen auch nicht mehr ganz billig sind.

Obwohl seit Jahren das Prinzip herrscht: weniger Angebot für höhere Preise.

Stattdessen:

«Protzparade, wie Putin seinen Krieg rechtfertigt, Kriegspropaganda, Moskau schränkt das Internet ein, insgesamt 29 ausländische Staats- und Regierungschefs sollen russischen Staatsmedien zufolge an der Parade teilnehmen».

Oder gleich, auch «Die Zeit» zerstört ihr Renommee: «Die Erinnerung an den Weltkrieg muss eine Mahnung sein, Russland bei seinem Angriff auf die Ukraine zu stoppen.» Oder der «Spiegel»: «Ein Aussteiger berichtet, wie Putin die Geschichte missbraucht».

Dagegen Schalmeien bei der Beschreibung des Propaganda-Events in Kiew.

Schön, gibt es die Papstwahl. Da rücken die Verbrechen der israelischen Regierung im Gazastreifen, die allen Regeln des Völkerrechts widersprechenden Angriffe auf Syrien und den Libanon in den Hintergrund. Man stelle sich vor, Russland würde nicht nur in der Ukraine einen Krieg führen, sondern auch noch willkürlich umliegende Staaten bombardieren und attackieren.

Die Journaille würde sich nicht mehr einkriegen. Aus Furcht, mit der Antisemitismus-Keule erschlagen zu werden, wagt es kaum einer, an Israels völlig illegalen, menschenverachtenden Militäroperationen Kritik zu üben.

Dafür gibt es einen Stellvertreterkrieg um den European Song Contest in Basel. Soll Israel daran teilnehmen? Nemo, der Vorjahressieger, und viele andere Kunstschaffende haben sich dagegen ausgesprochen, die Veranstalter halten unverbrüchlich daran fest. Statt Friede, Freude, Eierkuchen, bereitet sich die Stadt auf Ausschreitungen und üble Zusammenstösse vor.

Natürlich sind alle Solidaritätsadressen an die verbrecherische Hamas verächtlich und zeugen von völliger Verspeiltheit. Aber dass Events, die Multimillionen von Zuschauern haben, ein Geschenk für alle sind, für ihre Anliegen einzutreten, kann wohl nicht überraschen.

Liest man hier Einordnung, Reflexion? «So tobt Basel», schreibt die bz doppeldeutig. Denn es steht ja auch noch die Meisterfeier an. Hier wird mal wieder «unabdingbare Verteidigung des Existenzrechts Israels» und «from the river to the sea» aufeinanderprallen. Natürlich unversöhnlich, und sicherlich auch gewalttätig.

Bemühen sich da die Medien, die Gründe für das Verhalten beider Antagonisten ihren Konsumenten verständlich zu machen? Die Frage stellen, heisst, sie zu beantworten.

 

Wumms: Richard Swartz

Wie man aus einer Taxifahrt einen Artikel leiert.

Richard Swartz ist ein mässig bekannter schwedischer Journalist. Nach dem Fall der Berliner Mauer bezeichnet er sich selbst als «Niemand», der ein erstes Buch auf Deutsch veröffentlicht hatte. Und der grosse Schriftsteller Stefan Heym «hatte grosszügig angeboten, den Grünschnabel mit seiner Anwesenheit zu unterstützen».

Das hätte er besser nicht getan, denn Swartz ist geblieben, dass sich zwar die Menschen im Berliner Literaturhaus drängten, aber nicht wegen ihm. Und während Heym ein Buch nach dem anderen signierte, «war es vor mir leer, und die Tinte in meinem Füller trocknete».

So eine verletzte Autorenseele ist nachtragend. Also erinnert sich Swartz «an meine merkwürdigen Begegnungen mit einem der bekanntesten Autoren der DDR». Genauer gesagt war es eine, und im Zentrum seiner Beschreibung steht die gemeinsame Taxifahrt mit Heym nach der verunglückten Dichterlesung. Da habe Heym sich an seinem Nachnamen aufgehalten, woraus Swartz eine pseudogelehrte Abhandlung über echte und angenommene Namen macht und als unglaubliche News verkündet, dass Heym ja in Wirklichkeit Helmut Flieg hiess.

Was angesichts des Monuments von Werk, das Heym hinterliess, nun so ziemlich die unwichtigste Information über ihn ist, die man geben kann. Auch ZACKBUM-Autor René Zeyer hatte Begegnungen mit Heym, aber er käme doch nie auf die Idee, irgendwelche unwichtigsten Reminiszenzen Jahrzehnte später zum Besten zu geben.

Am Schluss seines Texts macht Swartz nochmal klar, wieso Heym ein grosser Schriftsteller war und er selbst ein kleines Licht bleibt:

«Stefan Heym, einst Helmut Flieg, ist Namensgeber eines grossen internationalen Literaturpreises der Stadt, und aus dem Haus seiner Kindheit hat man ein Museum gemacht. Alles, um sich an ihn zu erinnern. Ich spaziere durchs Zentrum und kann mich binnen kürzester Zeit davon überzeugen, dass es dieselbe hässliche und heruntergekommene Stadt ist wie jene, die Karl-Marx-Stadt hiess. Seltsam eigentlich. Aber ich bin sicher, dass ein alter Chemnitzer wie Stefan Heym sich zurechtgefunden hätte, obwohl er nicht mehr Helmut Flieg heisst

Allerdings hätte Heym, was Swartz zu erwähnen vergisst, wohl sein Veto eingelegt, dass dieser Flachschreiber 2020 den Internationalen Heym-Preis bekommen hat. Allerdings zusammen mit Slavenka Drakulic, einer kroatischen Schriftstellerin. Was den Narzissten Swartz sicherlich nochmal getroffen haben dürfte.

Auch hier erhebt sich die Frage, wieso die Qualitätskontrolle der NZZ einmal mehr versagt und diesen Nonsens-Text publiziert. Mit einem Inhalt, der noch dünner ist als die Printausgabe des Blatts, wo es doch so viele interessante Stücke gäbe, die es verdienten, veröffentlicht zu werden. Statt eines sich aufplusternden Swartz, der zu recht immer im Schatten eines wirklichen Schriftstellers wie Heym stehen wird. Und dass der Flieg hiess, ist nun schlichtweg völlig bedeutungslos.

Alleine, dass Swartz mit keinem Wort das beeindruckende Oeuvre erwähnt, das Heym hinterliess, desavouiert diesen Möchtegern, der niemals verwand, dass ihm Heym bei ihrer einzigen Begegnung die Show stahl.

Tag der deutschen Zweiheit

Der 3. Oktober ist deutscher Nationalfeiertag.

Gut, dass wir das in der Schweiz wissen. Na und? Gleichzeitig ist der 3. Oktober aber auch das Wiegenfest des unermüdlichen ZACKBUM-Redaktors.

Er kann immerhin die historische Besonderheit betrachten, dass ausgerechnet an seinem Geburtstag sein Geburtsland in der Geschichte verschwand. Denn am 3. Oktober hörte die DDR, der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschen Boden, auf zu existieren.

Aber immerhin, dafür wurde der Welt René Zeyer geschenkt. Das mögen natürlich einige bedauern. Lässt sich aber mit friedlichen Mitteln nicht ändern.

Mit Verlaub feiert heute Deutschland sich selbst, das Geburtstagskind tut’s auch und nimmt frei.

Um Enttäuschungen vorzubeugen: Am Montag geht’s in alter Frische, also in älterer Frische weiter.