Lautes Stillen

Man muss im Journalismus Prioritäten setzen.

Das tut das Qualitätsorgan aus dem Hause Tamedia und schiebt diese Meldung zuoberst ins Netz:

Das ist politisch korrekt, weist auf einen Missstand hin, unter dem naturgemäss nur Frauen (und natürlich Babys) leiden. Allerdings, ZACKBUM ist dann doch verwundert über die Autorenzeile: Roland Gamp. Wir fragen uns: ist das schon kulturelle Aneignung? Kann ein Mann übers Stillen schreiben? Ginge es, wenn eine Autorin über Erektionsprobleme berichtete?

Wir sind doch schon so weit, dass eine weisse Übersetzerin keinesfalls das Werk einer schwarzen Autorin, Pardon, eines Wesens mit Vulva, das auch noch zu den «people of color» gehört, übersetzen darf.

Aber item, das wird sicherlich innerhalb von Tamedia zu Diskussionen Anlass geben, wir hoffen mal auf einen neuerlichen Protestbrief. Dabei zeigt der Autor – für einen Mann – deutlich Sensibilität und Anteilnahme. Denn er hat sein Handwerk gelernt und beginnt mit dem sogenannten szenischen Einstieg anhand eines Einzelfalls. Kleiner Trommelwirbel: «Melanie M. sitzt im Klassenzimmer und stillt ihren Sohn. Es ist dunkel. Die Primarlehrerin hat die Fensterläden heruntergelassen und die Tür abgeschlossen.» Denn sie will natürlich nicht, dass sie in ihrer Pause von neugierigen Schülern beobachtet wird. Dass ein neugieriger Redaktor zuschaut, das ist hingegen okay. Oder sollte er etwa aus zweiter Hand berichten?

«Melanie ist angespannt. «Du weisst: Genau jetzt muss diese Milch fliessen», sagt sie. «Das ist ein enormer Druck.»»

Stillen unter Druck, wenn da nur nicht die Milch sauer wird. Pardon, das ist natürlich eine typisch männliche Blödbemerkung. Nach dem Einzelfall, so hat es Gamp gelernt, kommt der Aufschwung ins Allgemeine: «Seit 2014 schreibt das Arbeitsgesetz bezahlte Zeitfenster vor, um Milch abpumpen oder den Nachwuchs stillen zu können.»

Dann müssen natürlich weitere tragische Schicksale erwähnt werden: «Anna (Name geändert) informierte ihre Schulleiterin im letzten Jahr, dass sie nach der Babypause Milch abpumpen wolle. «Da kam eine Mail zurück, dass ich das in den Pausen tun solle.» Sie versuchte es drei Monate. Und gab frustriert auf. «Die Pause am Nachmittag war gerade einmal 15 Minuten, das reichte überhaupt nicht», sagt die Lehrerin aus dem Kanton Zürich. «Nun habe ich aufgehört mit dem Stillen. Mehrere Monate früher, als ich eigentlich wollte.»»

Es herrscht Krieg auf der Welt, Hunger und Elend. Dazu steigen die Energiepreise, und wir fragen uns, wie Mütter ihre nackte Brust darbieten können, wenn die Raumtemperatur im Bibberbereich liegt. Aber dem Tagi ist’s die grosse Frontstory wert:

Nun lässt sich ein solches Thema nicht unbedingt politisch korrekt bebildern, also hat sich der Tagi für eine riesige Zeichnung entschieden. Die ist nicht nur gross, sondern auch grottenschlecht, weshalb wir sie nur auszugsweise wiedergeben.

Falls es noch jemand nicht kapiert haben sollte, welchen gesellschaftlichen Missstand der Tagi hier anprangert, auf der Meinungsseite zwei darf der Autor nochmals nachkarten:

Denn es herrschen (im brutalen Wortsinn) stillfeindliche Zustände in der Schweiz: «Viele Arbeitgeber foutieren sich um erwerbstätige Mütter, die bezahlte Stillzeiten einfordern. Behandeln sie so, als wären sie mühsame Querulantinnen.» Das ist natürlich mühsam. Gerade im Schulbereich muss der Arbeitgeber doch einsehen, dass die Lehrerin nicht gleichzeitig unterrichten und stillen kann. Wenn er allerdings darauf hinweist, dass dafür dann doch einige Pausen zur Verfügung stehen, wird er selbst in den Augen von Gamp zum mühsamen Querulanten.

An dieser Stelle müssen wir aber einen sprachpolizeilichen Verweis aussprechen: «Arbeitgeber»? Gohts no? Das müssten mindestens Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sein. Allenfalls Arbeitgebende. Ein unverzeihlicher Fauxpas bei einem so heiklen Thema. Vom Gebrauch des Wortes Mütternde raten wir hingegen ab. Stillende ist aber erlaubt.

Der festangestellte männliche Redaktor kann sich nicht vorstellen, dass der Arbeitgeber (Pardon, Arbeitgebende) doch im Rahmen des gesetzlich Erlaubten von seinem bezahlten Angestellten (generisches Maskulin) eine Gegenleistung erwartet. Denn Stillzeit ist zwar Arbeitszeit, aber keine wertschöpfende Arbeit. Das sehen Babys natürlich anders, sorry.

7 KOMMENTARE
  1. Victor Brunnern,
    Victor Brunnern, says:

    Der Autor Roland Gamp ist auch im «job enrichment»-Programm beim Tagi-Belle. Das heisst er darf auch über Themen schreiben die eigentlich den «Nesthäckchen» zustehen würde. Das er bei diesen Freihheiten voll dreinschlägt, «Betroffene» sucht und findet versteht sich. Besondere Umstände, getakteter Stundenplan interessiert ihn nicht besonders. Dafür über «frauenfeindliche» Schulbehörden klagen. Gamp schreibt aus der Blase, weit weg von den Realitäten und weit weg vom Versuch des Verstehens, dafür ist ihm der Applaus der Bevormundungs- und Mahnfingerclique «wirmüssenwirsollenwirdürfen» sicher!

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  2. Tim Meier
    Tim Meier says:

    In den Schulen werden Pausenbeginn und -ende mit der Glocke signalisiert. Logisch kommen da stillende Frauen unter Druck. Und der korreliert mit dem ansteigenden Lärmpegel, der aus dem lehrerlosen Klassenzimmer dringt. Lösung: Babysitter, der während dem Unterricht das Baby und in den Stillpausen die Klasse hütet? Bezahlt vom Staat? Nun, jede junge Mutter muss selber wissen ,was sie sich und ihrem Baby mit ihrem Egoismus zumutet. Sagt der alte Weisse, dessen Ansichten dauernd als old-fashioned dargestellt werden.

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