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Stunde der Komödianten

Haut den Walder. Dabei müssen die harschen Kommentatoren auf ihr Glashaus achten.

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Die NZZ legt für einmal die Glacehandschuhe beiseite. In ihrem steten Bemühen, schon im Titel alles zu sagen, schwingt sie den Morgenstern: «Journalisten sollen die Pandemiepolitik der Regierungen unterstützen, findet der CEO von Ringier. Dies ist eine Bankrotterklärung.»

Benedict Neff haut ungeniert der Konkurrenz eine rein. «Befremdliches Verständnis von Journalismus», fängt er harmlos an. Dann gibt er Gas: «Das ideologische Fundament für diese Form der regierungsgefälligen Berichterstattung scheint der CEO von Ringier selbst gelegt zu haben.»

Anschliessend wird geholzt: «mildernde Umstände gibt es nicht … Werte des eigenen Geschäfts verraten … Komplize der Regierung.» Das ist keine Abrechnung, das ist eine Hinrichtung.

SRF ist inzwischen auch aufgewacht und gibt Marc Walder die Möglichkeit, sich in einem Interview zu erklären. Hier war er allerdings noch in Verwedelungs- und Abstreitstimmung.

Ungeordneter Rückzug mit Entschuldigung

Das änderte sich dann zunehmend; interner Erklärungsversuch, Entschuldigung Richtung «Bild», deren kritische Berichterstattung er indirekt scharf kritisiert hatte. Wahrscheinlich rief Mathias Döpfner mal kurz an und faltete Walder zusammen.

Inzwischen gesteht er «Fehler» ein, sogar, dass er etwas Überflüssiges gesagt habe. Aber, heute ist ja alles egal, in einem Interview in der NZZ (wieso denn nicht in Ringier-Organen; nicht seriös genug für wichtige Mitteilungen?) beharrt er aber:

«Doch auf die Tatsache, dass unsere Publikationen nicht auf billigen Empörungsjournalismus setzen, sondern faktenorientiert und sachlich über die Notwendigkeit verschiedener Massnahmen schreiben, bin ich stolz.»

Die Lobhudeleien für Bundesrat Berset, der in einer Ringier-Gazette als Dressman und Interviewer auftreten darf, seien faktenorientiert und sachlich? Es darf gelacht werden.

Grossartiger Film mit grossartigen Schauspielern.

Inzwischen ist auch CH Media aufgewacht und – immerhin vier Tage nach dem Explodieren des Skandals – darf Francesco Benini kommentieren. Der fällt in seinen NZZ-Jargon zurück:  «Dass der Chef eines Medienunternehmens in einer solchen Lage seine unbedingte Treue zum Bundesrat bekundet, mutet befremdlich an.»

Hau den Boten

Zu viel mehr Kritik an Walder lässt er es nicht kommen. Dafür haut er dem Boten kräftig eins über die Rübe. Denn «den Text» habe Philipp Gut geschrieben. Der arbeite als Journalist und leite zugleich «die Kampagne gegen das Medienpaket»: «Das ist eine dubiose Rollenvermischung, denn ein Journalist sollte beobachten und einordnen, aber nicht selber zum Akteur werden. Nicht nur bei Ringier sollte man also über die Bücher, was die Aufgabe der Journalisten anbelangt

Vielleicht sollte man das auch bei CH Media, denn dass dieser Familienclan vom Medienpaket profitieren würde und deshalb dafür ist, das wäre doch möglicherweise von Interesse für die Leser.

Auch Tamedia legt noch einen drauf und spricht von «Gift für die Demokratie».

Aber es ist wie bei Graham Greenes Roman «Die Stunde der Komödianten». Schäbig ist das Handeln der meisten Journalisten, verlogen, heuchlerisch, selbstgerecht, unreflektiert und arrogant.

«Sind wir nicht alle Komödianten?» Burton und Taylor.

Walder hat sich tatsächlich selten dämlich benommen. Denn das sagt man doch nicht vor laufender Kamera, mitsamt dem bescheuerten Satz, dass es «im kleinen Kreis» bleiben solle.

Bei allen anderen sind die Redaktionen unabhängig?

Aber welche Heuchelei, wenn nun die Konkurrenz von Ringier so tut, als gäbe es bei ihr nichts Heiligeres als die völlig Unabhängigkeit der Redaktion. Nur sind halt die anderen Familienclans intelligent genug, solche Sätze nicht vor einer Videokamera zu sagen.

Eine Bemerkung im Lift, ein kurzes «übrigens» bei einer zufällig-beabsichtigten Begegnung auf dem Flur, ein Wink beim Verabschieden nach einer Sitzung, so macht man das. Oder es wird ein Bote ausgeschickt, der ganz im Vertrauen beim Chefredaktor ausplaudert, dass er zufällig gehört habe, dass die oberste Etage überhaupt nicht glücklich sei mit der Berichterstattung.

Jeder Chefredaktor, der seinen Posten liebt, weiss, dass es dann nicht der richtige Moment ist, Rückgrat zu zeigen. Das konnten sich nur früher mal wenige leisten, die so erfolgreich waren, dass ihnen die Meinung der Besitzer wurst war. Das ging dann allerdings auch nicht ewig gut.

Aber heutzutage, bei diesen Wendehälsen und Gummirücken, wo jeder von oben bis unten in erster Linie Schiss hat, ob er die nächste Sparrunde auch überleben wird: da werden alle sibyllinischen Bemerkungen aus den Besitzerclans begierig aufgesogen und im vorauseilenden Gehorsam erfüllt.

Wer sollte solchen Stuss glauben?

Oder glaubt jemand ernsthaft, in der NZZ würde jemand wagen, das Gegenteil der Meinung des Chefredaktors zu schreiben? Oder den Namen René Zeyer als möglichen Autor erwähnen, nachdem der lustige Ferienerlebnisse der Familie Gujer ausplauderte?

Es ist richtig; Walder hat sich selbst und die wenigen überlebenden Chefredaktoren desavouiert. Aber war es vorher wirklich ein Geheimnis, dass weder Christian Dorer noch Gieri Cavelty nur und ausschliesslich so kommentieren und lenken, wie es ihren journalistischen Überzeugungen entspricht?

Glaubte vorher jemand, dass sich Benini bei CH Media gegen das Medienpaket aussprechen würde, wenn er es persönlich scheisse fände? Und würde sich Benedict Neff auch so inquisitorisch äussern, wenn es um einen Fall im eigenen Beritt ginge?

Der grösste Vorwurf, den man Walder machen kann, ist der einer strafwürdigen Dummheit. Wer aber den Inhalt seiner Aussage damit kritisiert, dass doch die Trennung zwischen Verlag und Redaktion, zwischen Besitzern und Ausführenden, heilig sei, der ist nichts mehr als ein Komödiant, ein Heuchler, ein Opportunist.

Das alles trägt genauso zum Verlust des Ansehens der Medien bei wie die dumme Bemerkung Walders. Nein, es ist noch schlimmer. Walder hat ja nur beschrieben, was völlig normal ist im Verlagswesen. Was überall so gehandhabt wird. Wer das allerdings abstreitet, braucht sich um seinen Ruf keine Sorgen mehr zu machen.