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Es darf gelacht werden: Afghanistan brunzblöd

Journalisten bei ihrer Lieblingsbeschäftigung beobachtet: Feldherren am Schreibtisch spielen.

Wenn von brunzblöd die Rede ist, kommt einem natürlich zunächst «watson» in den Sinn. Dort wird man auch sofort fündig. Der Geostratege und Historiker Peter Blunschi holt zuerst weit aus, knöpft sich dann die Kommentatoren beim «Tages-Anzeiger» und der NZZ vor, um zu urteilen:

«Kritiker von Joe Bidens Truppenabzug behaupten, der Verbleib von wenigen US-Soldaten in Afghanistan hätte die Taliban abschrecken können. Diese Illusion ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.»

Wozu hatte man Geschichte in der Schule, sagt sich Blunschi, und zieht einen kühnen Bogen zum Ende des Ersten Weltkriegs und der «Dolchstosslegende» damaliger Militärköpfe. Hat zwar nix mit Afghanistan im Jahr 2021 zu tun, hört sich aber gelehrt an. Gelehrt? Blunschi studierte «zeitweise Germanistik und Publizistik, kam dann aber schon früh zum Journalismus». Auf Deutsch: Studium abgebrochen, seither schreibt er über alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Gibt’s denn nur Kritik an der Kritik bei «watson»? Aber nein, Vanessa Hann weiss: «So hätte der Westen die Misere in Afghanistan verhindern können: 3 Punkte». Die Praktikantin hat an der ZHAW «vor ihrem Einstieg in den Journalismus Kommuniklation studiert» und schreibt ebenfalls alles weg, was nicht schnell genug die Flucht ergreift.

ZACKBUM hätte nie gedacht, dass wir den Obergeostrategen und Rechthaber aller Klassen mal vermissen würden. Doch leider scheint Philipp Löpfe in den Ferien zu weilen. Schade aber auch.

Nächstes Gratis-Angebot an Einblicken

Ans Portemonnaie fasst bei «20 Minuten» die neue leitende Redaktorin Claudia Blumer: Rund 30 Schweizer seien noch in Afghanistan, ohne in offizieller Mission unterwegs zu sein, und deren Evakuierung müssen die dann zu «marktüblichen Preisen» bezahlen. Das ist zwar schon seit Jahrzehnten überall auf der Welt so, aber vielleicht wusste das Blumer nicht. Das EDA weiss auch nicht viel:

«Wie viel die 30 Schweizer für ihre Rettung werden bezahlen müssen, gibt das EDA nicht bekannt. «Das ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht definiert», sagt Sprecher Valentin Clivaz.»

Nicht viel wissen, beste Ausgangslage für eine Newsstory. Immerhin, «20 Minuten» verzichtet weiterhin eisern auf Kommentare, das ist wohltuend. So bleibt auch Platz für die Hammermeldung der Woche:

Was die Taliban dazu sagen würden?

Die zwei weiteren Gratisportale und ihr Angebot

Das dritte Gratismedium im Bunde, nau.ch,  lässt es bei einem Newsticker bewenden, in der wohl richtigen Annahme, dass ohne grosses Gemetzel Afghanistan langsam aus den Schlagzeilen verschwindet.

Ach, da gäbe es noch den heimlichen Star unter den Gratis-Newsportalen: «blue news». Das hat sich sogar zu einer Eigenleistung aufgerafft, ein Interview. Kostet nix, braucht keine Spesen, der Journalist kann in seiner Verrichtungsbox sitzenbleiben.

Hinauf zum Hochamt der Analyse

Welche Erkenntnisse haben denn die Qualitätsmedien zur Hand? Wir schauen ganz nach oben, zur NZZ. Da ist Weltanalyse natürlich Chefsache, also dekretiert Eric Gujer:  «Der Westen kann die Welt nicht retten». Eine schockierende Nachricht nicht nur für Afghanistan. Brauchen wir nun geistliche Unterstützung, um uns auf das Ende der unrettbaren Welt vorzubereiten?

Wer solche Grossanalysen schwingt, sollte sich im Kleinen nicht irren. Doch Gujer schreibt einleitend über den Rückzug aus Vietnam:

«Das Bild des Helikopters auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon hat sich in das Gedächtnis eingebrannt.»

Leider liest Gujer die reine Quelle der Wahrheit nicht aufmerksam genug. Wir bei ZACKBUM können zwar die Welt auch nicht retten, aber immerhin das Gedächtnis von eingebrannten Fehlmeinungen reinigen: Es war nicht das Dach der Botschaft, lieber Chefredaktor. Vielleicht mal wieder etwas das Hirn auslüften, am besten in einem Wellness-Hotel in Österreich?

Was weiss denn das Qualitätsimperium Tamedia? «Taliban in Afghanistan: Den Gotteskriegern droht das Geld auszugehen». Nun ist aber Tamedia selbst leider das Geld schon länger ausgegangen. Also das Geld, um eine eigenständige Berichterstattung als Gegenleistung für schweineteure Abonnements zu liefern. Denn dieser Artikel ist natürlich, wie das meiste in diesem Blatt, von der «Süddeutschen Zeitung» übernommen. Was es auch nicht besser macht, denn deren Analysefähigkeiten waren auch schon mal grandioser.

Das ist doch sicherlich beim anderen Mitspieler im Duopol der Tageszeitungen anders. Nicht wirklich. CH Media greift auf die Erkenntnisse von Michael Wrase zurück. Der kennt sich im Mittleren Osten aus, Iran, Beirut, Damaskus und so. Das qualifiziert ihn selbstverständlich zum Afghanistan-Spezialisten. Daher macht er sich hurtig an die Beantwortung von zehn Fragen. Als erfahrener «Spezialist» hält er sich bei seinen Antworten aber mehr zurück als ein Banker, der über die Kurse von morgen befragt wird; sind die Taliban nun gemässigter als früher?

«Wie ihre versprochenen Korrekturen aussehen werden, ist gegenwärtig schwer zu beurteilen.»

Das hätte ein afghanischer Windhund, könnte er sprechen, auch nicht besser formuliert.

Ganz deutlich positioniert sich hingegen das Blatt mit dem Regenrohr im Logo, der «Blick»:

Ob das tatsächlich flächendeckend gemacht wird, weiss allerdings niemand. Doch besser eine steile Ansage, als überhaupt keine Aussage.

Afganistan brunzblöd; wer bislang nicht verstanden hat, wieso die westliche Intervention dort scheiterte, nach diesem Scheitern der westlichen Medien, genauer der Schweizer, dürfte es klar sein. Ein fremdes Land mit fremden Gebräuchen und Traditionen braucht etwas Grips statt Geplapper. Kenntnis statt Geschwurbel. Sonst wird das nie was.