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Hysterie als Grundstimmung

Atemlos durch die Nacht und den Tag. Überfordert und kurzatmig.

Instant opinion, so könnte man die aktuelle Gemütslage bezeichnen. Wer auch nur einen Moment nachdenkt, verliert. Meinungen bilden sich wie die Suppe aus der Tüte. Einrühren, fertig. Auch die schriftliche Debatte spielt sich inzwischen wie jede normale Talkshow ab.

Da weiss der geübte Teilnehmer, dass er sich vor allem Raum für eigene Worte erobern muss. Das gelingt, wenn man das Wort lange nicht loslässt, sobald  man es ergriffen hat. Beliebt sind hier Aufzählungen wie «ich möchte hier vier Punkte klarstellen». Da dreht der Moderator leicht die Augen nach oben. Ausser er heisst Brotz, dem ist auch das egal, schliesslich zählt nur seine eigene Meinung.

Aber früher oder später ist die Redezeit abgelaufen. Da muss auf ein kurzes Zögern, ein Luftholen, ein winziges Nachdenken der anderen Teilnehmer gelauert werden. Passiert das, kommt die verbale Blutgrätsche. Wehrt sich der andere, siegt die längere Fähigkeit, einfach unbeeindruckt weiterzuquatschen, bis niemand mehr reinredet.

Was hat das mit Erkenntnisgewinn oder neuen Aspekten oder gar differenzierter Nachdenklichkeit zu tun? Nichts natürlich. Ist bei solchen Veranstaltungen auch nicht gefragt.

Ähnliches gilt inzwischen auch für schriftliche Äusserungen. Das Bonmot, dass wir im Internet inzwischen die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs unterschritten haben, übertreibt nicht gewaltig. Die Fähigkeit, sich auf die Informationsaufnahme in einem Text zu konzentrieren, muss in Sekunden gemessen werden. Ob das eine ein- oder noch zweistellige Zahl ergibt, darüber streiten die Gelehrten.

Daher macht die Beschränkung eines Tweets auf 280 Zeichen durchaus Sinn. Das wird zwar durch Aneinanderreihung von Tweets umgangen. Aber damit verliert der Absender bereits massiv an Lesern. Denn wer will denn eine Botschaft aufnehmen, die nicht genau hier und jetzt aufhört?

Der vorangehende Absatz war so lang wie ein Tweet

Das waren 275 Zeichen; man hätte auch noch ein Smiley dranhängen können. Daraus ergab sich die Gewohnheit:

Es gibt eigentlich nichts auf der Welt, das sich notfalls und vorzugsweise auf 280 Zeichen abhandeln lässt. Inklusive Leerschläge.

Die Zeiten sind schon längst vorbei, als das böse Bonmot umging, dass sich der damalige Präsident Reagan verbat, mit Entscheidungspapers oder Analysen belästigt zu werden, die mehr als ein A4-Blatt umfassten. Wenn man die Auftritte des aktuellen US-Präsidenten verfolgt, ist man sicher, dass er eher in Tweet-Längen denkt und spricht. Abgesehen davon, dass er sowieso das meiste vom Teleprompter abliest.

Nun leiden politische Führer selbstverständlich immer unter einer Informationsüberflutung. Eine Krise jagt die nächste, eine Besprechung die andere. Da ist für lange Nachdenkpausen keine Zeit. Führungsstärke bedeutet, so schnell wie möglich als Chef in die Debatte reinzusägen: «Gut, das machen wir jetzt so …» Würde ein Leader sagen: Hm, da muss ich erst mal länger drüber nachdenken, seine Entourage würde sich ernsthaft Sorgen um seinen Geisteszustand machen.

Aber auch der durchaus politisch und an der Weltlage interessierte Staatsbürger leidet zunehmend unter Reizüberflutung. Er wird auf verschiedenen Kanälen und häufig gleichzeitig beschallt. Sozusagen in einer Hand die Fernbedienung, in der zweiten das Smartphone, und in der Werbepause kann’s auch mal ein Podcast sein.

Das hat dramatische Auswirkungen. Durch die sinkende Aufmerksamkeitsspanne müssen die Botschaften kurz und knackig sein. Ein Satz mit zwei Nebensätzen, ein einschränkendes Aber, eine Auslegeordnung, ein Hinweis, wie komplex, kompliziert, interagierend, multifaktoriell Situationen gemeinhin sind? Untauglich.

Leichte Agitiertheit und Hysterie

Verweise auf historische Wurzeln aktueller Konflikte, auf wirtschaftliche, soziologische, demografische, psychologische Faktoren oder gar mentalitätsmässig bedingte Handlungsmotive? Das verwirrt doch nur zusätzlich, widerspricht dem Bedürfnis nach überschaubarer Kartographie der Wirklichkeit. Mit wenigen, einfachen Strichen, am besten schwarzweiss. Mit einem riesigen Kompass, der sofort Orientierungshilfe gibt. Er zeigt nämlich nicht nach Norden oder Süden, sondern nach Gut oder Böse, nach Freund oder Feind.

Überfütterung mit Nahrung führt zu Magenproblemen. Überfütterung mit Informationen führt zu Hirnproblemen. Die äussern sich in einer Hyperaktivität, Augenflimmern, leichter Hysterie und Agitiertheit. Ein hübsches Beispiel dafür ist der Whatsaboutism. Also auf eine Feststellung oder Frage mit einer Gegenfeststellung oder Frage zu reagieren. Putin ist ein Kriegsverbrecher? Und wie war das beim Einmarsch in den Irak? Wir sind hilfsbereit gegenüber ukrainischen Flüchtlingen? Und wie steht es mit denen aus Syrien oder Afghanistan?

All diesen Verhaltensweisen ist eines gemein. Erkenntnisgewinn nahe null. In der Verkürzung sucht der Mensch Bestätigung, ja keine Verunsicherung. Das nennt man moderndeutsch Narrative. Kurzerzählungen, die sich durch ihre konstante Wiederholung in die Hirnsynapsen eingraben, bis sie als feststehende Tatsachen, Wahrheiten wahrgenommen werden. Obwohl sie nur Interpretationen der Wirklichkeit sind; häufig belegfrei, ohne logischen Zusammenhang, meistens mit rein propagandistischer Absicht.

Wer sich einmal daran gewöhnt hat, so ins Hyperventilieren zu geraten und in diesem Zustand zu verharren, wird der Fähigkeit entwöhnt, einen Schritt zurückzutreten, durchzuatmen und sich zu fragen: was weiss ich eigentlich? Habe ich genügend Fakten zur Beurteilung? Sind deren Quellen auch verlässlich? Zu welchen Schlussfolgerungen führt mich das? Was weiss ich nicht? Weiss ich so wenig, dass ich eigentlich gar keine Meinung bilden kann?

Früher war alles besser

Das wäre eigentlich das Vorgehen, mit dem in Salons, in diesen Brutstätten der Aufklärung und des kritischen Denkens, die Durchdringung der Wirklichkeit und ihre Veränderung begann. Dort gab es zum Beispiel den hübschen Brauch, dass der Teilnehmer an einer Debatte verpflichtet war, zuerst die Argumente seines Vorredners zusammenfassend zu ordnen und wiederzugeben. Um erst dann zu einer Replik anzusetzen.

Dem gegenüber steht die heutige, weitverbreitete Diskussionsunkultur, dass man die Ausführungen des anderen eher als störendes Geräusch wahrnimmt, sehnlich erwartet, dass das aufhört, damit man endlich seine eigene, unbezweifelbar richtige und vorgefertigte Meinung verkünden kann.

Unbeschadet davon, dass man von vielem schlichtweg keine Ahnung hat und bei vielem anderen nicht sicher ist, ob man über genügend belastbare Informationen verfügt.

Keine genauere Ahnung von nichts, aber aus dem Stand eine Meinung zu allem. Das zeichnet nicht nur den modernen Journalisten aus. Sondern die Mehrzahl der Teilhaber an dem, was wir hochgestochen den öffentlichen Diskurs nennen.

Denn das hektisch-hysterische moderne Wesen muss sich an Leitplanken orientieren können, um nicht völlig aus der Bahn zu geraten. Was auch bedeutet: wer diesen Text bis zu diesem Ende gelesen und seinen Inhalt aufmerksam zur Kenntnis genommen hat, gehört bereits zu einer radikal kleinen Minderheit. Kann aber darauf stolz sein.