Schlagwortarchiv für: Raúl Castro

Ach, 50 zu 50 NZZ

Wissen, worüber man berichtet: könnte nie schaden.

Die Packungsbeilage zuerst: der Autor war mehrere Jahre NZZ-Korrespondent für Kuba mit Wohnsitz in Havanna und besucht die Insel bis heute regelmässig.

Da schmerzt es besonders, wenn NZZ-Redaktorin Catherine Bosleyberichtet seit September 2025 über Geoökonomie für die NZZ. In Deutschland aufgewachsen. Nach dem Studium in den USA und Grossbritannien sammelte sie erste journalistische Erfahrungen bei Reuters in Berlin, Mumbai, London und Zürich») einen gewissen Andy S. Gomez interviewt. Der qualifiziert sich dafür so: «emeritierter Professor an der University of Miami und ein führender Kuba-Kenner. Der 71-Jährige wurde auf der Insel geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern wanderte er wenige Tage vor der gescheiterten, von den USA unterstützten Invasion in der Schweinebucht im Jahr 1961 nach Venezuela aus. Später zog er in die USA

Er war jahrelang das Sprachrohr der Castro-Hasser in der exilkubanischen Gemeinde (und Mafia) von Miami. Laut eigenen Angaben will er Kuba das letzte Mal im Jahr 2000 besucht haben. Nun muss man natürlich nicht unbedingt die aktuelle Lage von Land und Leuten aus persönlicher Erfahrung kennen. Aber im Fall von Kuba, der letzten Insel des real existierenden Surrealismus, kann das nicht schaden.

Ist sogar nützlich, weil man dann einsieht, dass man eigentlich Mentalität, Denken und politischen Überzeugungen der Kubaner nur sehr rudimentär versteht – denn sie selbst tun das auch nicht.

Immerhin hält sich Gomez mit blöden Antworten auf blöde Fragen zurück. Zum Beispiel: «Ist ein Aufstand denkbar?» Antwort: «Es ist sehr schwierig, mit Steinen und Stöcken gegen die Regierung zu kämpfen

Aber auch der emeritierte Professor kann sich nicht enthalten, angebliche Interna aus dem Machtgefüge auf der Insel, aus dem noch nie etwas heraustropfte, zu enthüllen: «Nach Fidels Tod stellte Raúl sicher, dass alle Fidelistas aus Machtpositionen entfernt wurden. Die Generäle der alten Garde starben nicht nur altersbedingt weg. Heute besteht der innere Kreis ausschliesslich aus Raulistas. Deshalb ist Kuba sehr anders als Venezuela

Auch sonst enthüllt der Kuba-Kenner nichts Neues: «Die Elektrizitätswerke werden sehr bald ihren Betrieb einstellen. Es gibt einen enormen Mangel an Lebensmitteln, Wohnraum und Medikamenten. Die Bedingungen könnten kaum schlimmer sein.»

Auch die übliche Frage, was denn eigentlich nach dem Tod von Raúl Castro (wird 95) geschehe, umfährt er weise: «Ich kann Ihnen nicht sagen, wer Raúl Castro ersetzen wird. Wenn er morgen stirbt, wird es wahrscheinlich jemand aus dem Militär sein, aber ich könnte Ihnen nicht sagen, wer genau.»

Dazu die üblichen Klagen, dass die Jungen nicht mehr so sind wie die Alten: «Wenn man mit der Generation meiner Töchter und ihrer Ehemänner spricht, dann haben sie keine Ahnung. Absolut keine Ahnung

Originell wird Gomez hingegen, wenn es um den illegalen und völkerrechtswidrigen Militärstützpunkt geht: «Wegen dieser Gefahr geben die USA ihren alten, heruntergekommenen Stützpunkt in Guantánamo nicht auf. Denn ich nehme an, dass wir innerhalb von dreissig Tagen russische Schiffe sehen werden – und dann wird das Problem noch grösser

Interessant. Die USA dürfen also einen angeblich heruntergekommenen Stützpunkt, der die gesamte Bucht vor der Stadt Guantánamo umfasst, behalten und betreiben. Gegen den erklärten Willen der kubanischen Regierung seit 1960. Wenn sie auch nur russische Schiffe anlanden lässt, dann au weia. Was der Professor auch zu erwähnen vergisst: auf diesem Stützpunkt wurden und werden über Jahre hinweg sogenannte «enemy combatants» ohne rechtlichen Beistand oder Prozess unter unmenschlichen Bedingungen in Käfigen gehalten und auch gefoltert (Schönsprech «enhanced interrogativ techniques»).

Aber um diesen Schandfleck zu erwähnen, hätte die Geoökonomin vielleicht minimale Kenntnisse über Kuba haben sollen. Abschliessend nach der üblichen Verbindung Venezuela, Iran, Kuba gefragt, hält sich Gomez auch wieder altersmilde zurück: «Es gab keinen Regimewechsel (in Venezuela, Red.). Aber zumindest gibt es etwas Stabilität. Wir werden sehen, wohin das führt. In Kuba hätte Trump viel leichter handeln können. Doch er hat Kuba übersprungen und ist nach Iran gegangen. Das ist sehr kompliziert. Sehr, sehr kompliziert.»

Wir fassen zusammen: in der höchsten Liga «NZZ Pro» befragt eine kenntnisfreie Journalistin einen vorsichtig herumeiernden, parteiischen, ehemaligen Professor, der nun wirklich keine neuen Erkenntnisse zu bieten hat. Oder soll «sehr, sehr kompliziert» etwa neu sein?

Das ist völlig normal für den aktuellen Elendsjournalismus. Aber für die NZZ doch sehr peinlich.

 

Der Überflieger

NZZ-Redaktor Thomas Milz schwadroniert über Kuba.

Laut eigenem Bekunden hält sich Milz «bevorzugt auf lateinamerikanischen Flughäfen» auf. Dadurch fühlt sich der geborene Remscheider wohl zum Überflieger prädestiniert.

Also darf er seine Existenzberechtigung mit ein paar Spalten Geschwabbeltem untermauern:

Um die Frage kurz und bündig zu beantworten: nein.

Aber damit füllt man natürlich nicht den Platz im ansonsten immer noch herausragenden Auslandteil der NZZ. Nach dem Fragetitel ist vor dem Frageeinstieg: «Steht eine Militäraktion der USA gegen Kubas Ex-Präsidenten Raúl Castro kurz bevor?» Auch da ist die Antwort: nein.

Die USA verwenden als neue Drohung eine Anklage wegen des Abschusses von zwei Kleinflugzeugen anno 1996. Eine von kubanischen Spionen unterwanderte Exilgruppe in Miami provozierte unablässig das Regime auf der Insel, indem sie in den Luftraum eindrang und beispielsweise über Havanna Flugblätter herabregnen liess. Nachdem sie mehrfach gewarnt wurden, das zu unterlassen, befahl der damalige Verteidigungsminister Raúl Castro schliesslich den Abschuss.

Etwas, was die USA ständig machen, nebenbei.

Aber für Überflieger Milz ist das natürlich Anlass, Parallelen zur Anklage und Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro zu ziehen. Der wurde am 3. Januar gekidnappt, wobei Dutzende von Venezolanern und auch fast alle seiner kubanischen Leibwächter gekillt wurden.

Ginge das auch bei Castro, fragt sich Milz. Dann lässt er seine tropische Fantasie walten: «Obwohl Raúl Castro seit dem Sieg der Revolution im Jahr 1959 die wichtigsten Staatsämter innehatte, ist wenig über sein Privatleben bekannt. Bereits in seiner Zeit als Kubas Verteidigungsminister und als Präsident in der Nachfolge seines Bruders Fidel von 2008 bis 2018 gab es nur Gerüchte darüber, wo er lebt und welche Sicherheitsmassnahmen rund um seine Person in Kraft sind.»

Das ist nun alles falsch. Castro war mit Vilma Espín verheiratet, einer prominenten Guerillera und Revolutionärin, mit der er vier Kinder hat, darunter Mariela Castro, die sich als Lesbierin für Frauenrechte einsetzt. Sein Enkel Raúl Guillermo Rodríguez Castro spielt nicht nur eine wichtige Rolle beim Personenschutz seines bald 95-jährigen Grossvaters, sondern führt auch an Kubas Präsidenten vorbei Verhandlungen mit den USA.

Aber wo lebt denn Castro? Da wirft Milz mit verschiedenen Stadtteilen von Havanna um sich. Einmal soll es Atabey sein oder in der Nähe von El Laguito, wo sich auch die berühmte Cohiba-Tabakfabrik befindet. Oder in der «Stadt» Playa, die allerdings in Wirklichkeit ein Stadtteil oder Municipio von Havanna ist.

Aber aus der Vogelperspektive kann man so Sachen halt nicht genau erkennen. Dann schweift Milz etwas in die Geschichte: «Bereits seinem Bruder Fidel war nachgesagt worden, dass er über Dutzende über die Insel verteilte Luxusimmobilien verfüge. Seine dortigen Aufenthalte wurden stets geheim gehalten und von einem grossen Sicherheitsapparat begleitet.»

Warum das wohl?

«Dies sollte den Revolutionsführer vor den Mordkomplotten des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA schützen, der zahlreiche Attentatsversuche gegen Fidel Castro unternommen haben soll.»

Soll? Vielleicht waren es nicht über 500, wie im Museo del Ministerio del Interior behauptet wird. Aber viele Dutzend waren es schon.

Zudem war jedem, den es interessierte, bekannt, dass Fidel Castro auf einem weitläufigen Gelände nahe der Marina Hemingway lebte. Dorthin fuhr er jeweils in einer Kavalkade aus drei schwarzen Mercedes, die ihm der libysche Diktator Gaddafi geschenkt hatte.

Gelegenheit für eine nicht von aussen fabulierte, sondern als NZZ-Korrespondent in Havanna erlebte Anekdote. Als diese drei Limousinen meinen Jeep auf der Prachstrasse Quinta Avenida überholten, drückte der mutige Journalist aufs Gaspedal und hängte sich dran.

Kurz darauf wurde im hintersten Wagen die Seitenscheibe heruntergelassen und ein olivgrün bekleideter Arm kam zum Vorschein. Er tätschelte den Boden, auf Kuba das klare Signal: bremse und halte Abstand. Davon lässt sich ein harter Reporter natürlich nicht abschrecken. Also wurde der Arm zurückgezogen – und kam mit einer Kalaschnikow wieder zum Vorschein. Diesem dezenten Hinweis konnte der Journalist dann nicht widerstehen.

Milz hingegen weiss: «Auch Raúl wird stets von einem extrem dichten Netz aus Personenschützern und Spezialeinheiten des Innenministeriums begleitet.» Es geht. Als der kleine Bruder des grossen Castro noch ganz in der Nähe des NZZ-Korrespondenten im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnte, war das keineswegs von einem «extrem dichten Netz» umgeben. Jeder im Quartier kannte diesen Wohnsitz, und seine Besonderheit war lediglich, dass man vor ihm, sollte man dort parkieren wollen, von einem Olivgrünen höflich, aber bestimmt weggewiesen wurde.

Im Gegensatz zu seinem Bruder verwendet Raúl Castro übrigens BMW zur Fortbewegung.

Was Milz hingegen aus der Flughafen-Perspektive völlig übersieht: Trump ist’s mehr um einen Deal mit dem Castro-Clan und dem militärisch industriellen Komplex GAESA. Was die Exilkubaner allerdings ganz anders sehen. Das ist das eigentlich interessante Spannungsfeld.

Stattdessen wilde Spekulationen, Ungenauigkeiten, Unkenntnis. Oder in einem Wort: Platzverschwendung. Vielleicht sollte Milz besser über lateinamerikanische Flughäfen schreiben, da scheint er sich auszukennen.

 

Schiebereien im Wolkenkuckucksheim

Kuba verhandelt mit den USA. Gelegenheit für Unverständnis und Missverständnisse.

Es rauschte durch die Gazetten von «Spiegel» bis hinunter zu Tamedia, bluewin, Watson, nau, SRF oder NZZ. Exemplarisch das Missverständnis im Kommentar von Alex Baur, eigentlich ein Lateinamerika-Kenner, in der «Weltwoche».

Der Anfang vom Ende, «Regime change», wird geraunt und gemutmasst.

Baur behauptet, Trumps «Fokus liegt auf den (legitimen) sicherheitspolitischen und den wirtschaftlichen Interessen der USA. Wer mit ihm kooperiert, kann mit lukrativen Geschäften rechnen – jenen, die sich querstellen, droht die wirtschaftliche Vernichtung. In Kuba und Venezuela zeitigte die Strategie bislang ermutigende Resultate.»

Die USA würgen die kleine Insel mit einem widerrechtlichen Ölembargo, mit der absurden Behauptung, sie unterstütze den Terrorismus und stelle eine Gefahr für die USA dar. Daran ist nichts legitim, das ist brandschwarz illegal, wenn Regeln und Rechte noch etwas gälten.

Und die lukrativen Geschäfte. Nun, die bestehen darin, dass die bislang herrschenden Regimes bereit sind, den Kuchen neu zu verteilen und den USA oder dem Trump-Clan ein grosses Stück davon abzugeben.

Das sind keine guten, sondern ausnehmend schlechte Nachrichten für die Bevölkerung. Seit dem Kidnapping mit Kollateralschaden von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro hat man kein Wort davon gehört, dass es der Bevölkerung besser gehe oder die Millionen von Flüchtlingen ins Land zurückstrebten.

Denn selbst wenn die marode Infrastruktur durch Investitionen repariert wird, dauert das eine gute Weile, und die dann munterer sprudelnden Öleinnahmen werden sicherlich nicht in erster Linie der Notleidenden Bevölkerung zugute kommen.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich in Kuba niemand ausmachen lässt, der den Verräterpart von Delcy Rodríguez einnehmen könnte. Den amtierenden Präsidenten Díaz Canel abzusägen, würde wenig bringen. Die Lücke, die er hinterliesse, würde ihn vollständig ausfüllen.

Aber wie in Venezuela der Staatskonzern PDVSA das ökonomische Machtzentrum ist, gibt es in Kuba den militärisch-industriellen Komplex GAESA, der fast monopolartig das Wirtschaftsleben beherrscht. Import/Export, Tourismus, Banken, Transport, die wenigen noch funktionierenden Fabriken, Dienstleistungen aller Art, das ist die Krake, die überall ihre Tentakel hat. Wer sie beherrscht, beherrscht Kuba.

Bislang ist das der Clan um Raúl Castro, der immer noch lebende Bruder des grossen Fidel. Der ruht inzwischen seit fast zehn Jahren unter einem riesigen Stein in Santiago de Cuba. Wohl deswegen, damit er nicht aus dem Grab steigt und die Schweinerei beseitigt, die sein Bruder seit seinem Tod angestellt hat.

Denn dieses Ausmass von Vetternwirtschaft, Korruption und ungehemmter offener Bereicherung, das gab es zuvor nicht. In den besseren Zeiten wechselte das damalige Politbüromitglied Carlos Lage, immerhin zuständig für die Wirtschaft, dann mal vom Velo auf einen Lada. Und eine Rationierungskarte musste kein Mitglied der cupola, der obersten Führungsschicht, benützen. Aber ansonsten wurde peinlich darauf geachtet, dass keine Funktionärsprivilegien offen sichtbar waren.

Bemerkenswert ist allerdings, dass Raúl Castro offenbar über alle Amtswege hinweg Familienmitglieder zu Verhandlungen mit dem US-Aussenminister Marco Rubio (Exilkubaner in zweiter Generation) geschickt hat.

Dass es wohl einer Mehrheit der Kubaner inzwischen egal ist, ob die Exilkubaner zurückkommen, die Yanquis wieder die Macht übernehmen und die Spielcasinos wieder in Betrieb gesetzt werden, ist das eine. Das läuft unter: alles lieber als ein weiter so.

Dass die Tausenden von kleinen und grossen Profiteuren des Regimes, zumeist Militärs, einfach kampflos auf ihre Pfründe verzichten würden und nicht wenigstens probieren, den vorhandenen Widerwillen der Kubaner gegen die imperialistische Grossmacht im Norden zu mobilisieren, ist sehr wahrscheinlich und das andere.

Ein Verräter zuoberst ist nicht in Sicht. Bombardieren oder punktuell mit Bodentruppen intervenieren, das ist wohl ausgeschlossen. Und viel mehr hat Amok Trump ja auch nicht zu bieten.

Da es andererseits wirklich nicht mehr so weitergehen kann, ewige Stromausfälle, Nahrungsmittelknappheit, Zusammenbruch der Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser, Müllabfuhr, ist eine Tatsache. Wo die Reise hingehen wird, ist absolut unvorhersehbar.

Morsches und Mürbes bricht manchmal plötzlich zusammen, wie man bei der DDR gesehen hat. Aber ob das auf der letzten Insel des real existierenden Surrealismus auch geschehen wird?

So sieht ein Versager aus

Kubas Präsident wirft sich in eine Fantasie-Uniform und fantasiert.

Kaum Essen, kaum Wasser, kein Strom, kein Transport, kaum Treibstoff. Schulen geschlossen, eigentlich alles geschlossen. Müllberge auf den Strassen. Schockierte Touristen, die in Hotels ohne Strom oder Lift ihre Koffer vom Zimmer runterschleppen und am stromlosen Flughafen José Martí stranden.

Aber Präsident Miguel Díaz-Canel weiss wenigstens, was daran schuld ist: die Handelsblockade der USA. Das wird auch von Kuba-Nostalgikern überall auf der Welt nachgeplappert. Sie existiert tatsächlich noch, ist aber löchriger als ein Schweizer Käse. Im Hafen von Havanna werden fleissig Reissäcke umgeschüttet. Denn wenn die Originalverpackung in die Läden käme, stünde darauf «Made in USA». Lebensmittel, wie so vieles andere, ist längst vom Handelsembargo ausgenommen.

Zudem steht es Kuba frei, überall auf der Welt jedes beliebige Produkt zu kaufen. Länder wie China, Russland oder Venezuela kümmern sich einen feuchten Dreck um amerikanische Embargos oder Drohungen. Bloss: wer Kuba kennt, verlangt Vorauskasse. Und da ist Ebbe.

Landwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung ist ein ideales Beispiel, um das hausgemachte Versagen zu illustrieren. Bis 1959 war Kuba Nettoexporteur von so ziemlich allem, nicht nur Zucker. 65 Jahre Revolution haben dafür gesorgt, dass Kuba seit Jahren über 80 Prozent aller Lebensmittel importieren muss, ein Grossteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche vom Dornengestrüpp Marabú überwachsen ist.

Dass der Strom in uralten sowjetischen Ölkraftwerken erzeugt wird, alle vor 1989 hergestellt und seither verlottert, ist auch kein Ergebnis der Handelsblockade, sondern eigener Unfähigkeit. Kuba wäre wie kein anderer Ort prädestiniert für Solar-, Wind- und Gezeitenenergie. Aber seit der gefährliche Versuch, einen Tschernobyl-Reaktor in der Nähe von Cienfuegos in Betrieb zu nehmen, glücklichweise durch den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers gestoppt wurde, hat das unfähige Regime nichts unternommen, die prekäre Energieversorgung zu verbessern.

Schlimmer noch: 2015 posaunte das Regime heraus, dass Russland einen Kredit von 1,2 Milliarden Euro gewähre, um ein neues thermoelektrisches Kraftwerk zu bauen und dringend nötige Reparaturen an der verlotterten Infrastruktur der Stromerzeugung und -verteilung vorzunehmen. Im September 2022 räumte Kuba ein, dass der Kredit nicht gesprochen werden konnte, weil das Regime nicht in der Lage war, wie vereinbart seinen Teil von 120 Millionen Euro aufzubringen.

Zwischen 2006 und 2019 lieh Russland insgesamt 2,3 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung von Projekten in den Bereichen Energie, Metallurgie und Transport. Rausgeschmissenes Geld; seit 2020 kann Kuba vereinbarte Rückzahlungen nicht mehr leisten; das russische Parlament stundete die Kredite bis 2027. Statt sie auf null abzuschreiben, was bei diesen Versagern das einzig Vernünftige wäre.

Selbstverständlich verfügen die Mitglieder der Cupola, der Kuppel aus höchsten Würdenträgern in Partei und Militär, über eigene Stromgeneratoren und tagen in wohlklimatisierten Sitzungsräumen. Sie leiden auch offenkundig nicht unter Nahrungsmittelknappheit, so fett wie die meisten sind. Was im heutigen Kuba obszön ist.

Die leidgeprüften Kubaner können mit stundenlangen Stromabschaltungen einigermassen umgehen. Aber nach drei Tagen ist Ende Gelände für Lebensmittel im Kühlschrank. Wie im Mittelalter werden auf den Strassen Havannas grosse Bottiche auf Steinblöcke gestellt und ein Holzfeuer drunter entzündet. Reingeschmissen wird alles noch vorhandene Essbare, damit es wenigstens nicht verdirbt.

Kubanischer Kochherd, Modell 2024.

Alle Aktivitäten sind bis Mittwoch suspendiert. In den Fabriken  macht das nichts, sie sind sowieso weitgehend paralysiert. Aber selbst die US-Botschaft hat ihre Dienste eingestellt, vielleicht geht auch dort den Stromgeneratoren langsam der Saft aus.

Immer wieder scheitern Versuche, eine der maroden Stromerzeuger wieder anzuwerfen. Kurz flackert das Licht, dann ist wieder duster. Ein Symbol für den Zustand der Revolution. Und dann auch noch Hurrikan Oscar, der den Süden der Insel getroffen hat.

Die Parteizeitung «Granma» existiert nur noch im Internet und verbreitet düsteren Optimismus:

Wer noch Saft hat, um sie anzuschauen, sieht Nachrichten aus einem Paralleluniversum. «Kuba durchlebt eine aussergewöhnliche Situation», beschönigt die Schlagzeile. Daneben: «Maximaler Alarm vor dem Ansturm von Oscar», «Hurrikan Oscar: Vorausschau, Solidarität und Einigkeit vor jeglicher Eventualität», «Der Mangel an Treibstoff ist die Hauptursache für die Beeinträchtigung des nationalen Stromnetzes.»

Ist das so, handelt es sich um ein weiteres schockierendes Versagen des Regimes, denn den Pegel der Kraftstoffreserve zu messen, das schafft selbst ein kommunistischer Parteifunktionär. Aber bis zum Zusammenbruch des gesamten Stromnetzes wurden kaum Massnahmen ergriffen.

Und drunter auf der Front von «Granma» sitzt der Hauptverantwortliche in seiner Fantasieuniform, mit der er sich ein wenig Castro-Look verschaffen will, schaut streng und behauptet: «Unser Land wird alle Eventualitäten überwinden». Und was auch nie fehlen darf: «Von der internationalen Gemeinschaft gibt es Rückendeckung für Kuba». Der Aussenminister verdankt «die Unterstützung von Venezuela, Mexiko, Kolumbien, Russland und Barbados». Worin die allerdings besteht, ausser aus netten Worten, sagt er nicht. Und natürlich verurteile laut «Granma» die ganze Welt die grausame US-Handelsblockade.

Wirklich grausam ist aber die schreiende Unfähigkeit des Regimes, die fundamentalsten Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Strom, Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung, Ausbildung, Transport, Müllabfuhr. Alles ist beeinträchtigt oder funktioniert nicht. Menschen, die auf Operationen oder gekühlte Medikamente angewiesen sind, sterben.

Die zweite Haupteinnahmequelle Kubas, neben den Überweisungen von Exilkubanern in Milliardenhöhe, ist der Tourismus. Bis heute hat er sich nicht von der Pandemie ganz erholt. Und da auch die meisten Touristenhotels nicht darauf eingerichtet sind, einen tagelangen Stromausfall zu überbrücken, wird das der Tourismusindustrie einen weiteren, tödlichen Schlag versetzen. Denn der Pauschaltourist ist schreckhaft und verwöhnt. Schwitzt er in seinem dunklen Hotelzimmer und sieht die Nahrungsmittelvorräte schwinden, gerät er in Panik. Die noch verstärkt wird, wenn er am zappendusteren Flughafen ankommt.

Aber der Tourist kommt wenigstens früher oder später wieder weg von der Insel. Das möchten immer mehr Kubaner auch, denn hier gibt es keine Hoffnung, keine Zukunft, keine Aussicht auf Besserung. Schon eine Million Kubaner sind in den letzten drei Jahren abgehauen. Im Überfluss gibt es nur ausgeleierte revolutionäre Durchhalteparolen, die ewige Entschuldigung «Handelsblockade» und völlige Hirnfinsternis, wie das Regime aus dieser Katastrophe herausfinden will.

Inzwischen herrscht reiner Zynismus. So fordert der Direktor der Unión Eléctrica de Cuba (UNE), der staatlichen Energieunion, die Bevölkerung auf, sich doch mit Solarpanels auszurüsten. Obwohl die kaum erhältlich sind auf der Insel, und wenn, dann zu Preisen, die für normale Kubaner völlig ausserhalb des Möglichen liegen.

Indem die korrupte Oberschicht mit ihrer Jeunesse dorée ihren Reichtum immer ungenierter zur Schau stellt, hat sie jeden Anspruch auf Vertrauen und moralische Führerschaft verloren. Die weitverzweigte Familie von Raúl Castro, dem noch lebenden Bruder von Fidel, ist exemplarisch, welche Abgründe Selbstbereicherung und Korruption erreicht hat. So bot eine Tochter Raúls eine auf Staatskosten renovierte Villa mit Pool, Bediensteten und Koch ungeniert auf Airbnb an – für 1000 Dollar am Tag, die sie selbst einsteckt.

¿Hasta donde?, bis wohin noch, ist ein Lieblingsspruch der Kubaner. Bis zum bitteren Ende, ist die Antwort des Regimes. Wie das allerdings aussehen wird, das steht in den Sternen.