Ach, 50 zu 50 NZZ
Wissen, worüber man berichtet: könnte nie schaden.
Die Packungsbeilage zuerst: der Autor war mehrere Jahre NZZ-Korrespondent für Kuba mit Wohnsitz in Havanna und besucht die Insel bis heute regelmässig.
Da schmerzt es besonders, wenn NZZ-Redaktorin Catherine Bosley («berichtet seit September 2025 über Geoökonomie für die NZZ. In Deutschland aufgewachsen. Nach dem Studium in den USA und Grossbritannien sammelte sie erste journalistische Erfahrungen bei Reuters in Berlin, Mumbai, London und Zürich») einen gewissen Andy S. Gomez interviewt. Der qualifiziert sich dafür so: «emeritierter Professor an der University of Miami und ein führender Kuba-Kenner. Der 71-Jährige wurde auf der Insel geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern wanderte er wenige Tage vor der gescheiterten, von den USA unterstützten Invasion in der Schweinebucht im Jahr 1961 nach Venezuela aus. Später zog er in die USA.»
Er war jahrelang das Sprachrohr der Castro-Hasser in der exilkubanischen Gemeinde (und Mafia) von Miami. Laut eigenen Angaben will er Kuba das letzte Mal im Jahr 2000 besucht haben. Nun muss man natürlich nicht unbedingt die aktuelle Lage von Land und Leuten aus persönlicher Erfahrung kennen. Aber im Fall von Kuba, der letzten Insel des real existierenden Surrealismus, kann das nicht schaden.
Ist sogar nützlich, weil man dann einsieht, dass man eigentlich Mentalität, Denken und politischen Überzeugungen der Kubaner nur sehr rudimentär versteht – denn sie selbst tun das auch nicht.
Immerhin hält sich Gomez mit blöden Antworten auf blöde Fragen zurück. Zum Beispiel: «Ist ein Aufstand denkbar?» Antwort: «Es ist sehr schwierig, mit Steinen und Stöcken gegen die Regierung zu kämpfen.»
Aber auch der emeritierte Professor kann sich nicht enthalten, angebliche Interna aus dem Machtgefüge auf der Insel, aus dem noch nie etwas heraustropfte, zu enthüllen: «Nach Fidels Tod stellte Raúl sicher, dass alle Fidelistas aus Machtpositionen entfernt wurden. Die Generäle der alten Garde starben nicht nur altersbedingt weg. Heute besteht der innere Kreis ausschliesslich aus Raulistas. Deshalb ist Kuba sehr anders als Venezuela.»
Auch sonst enthüllt der Kuba-Kenner nichts Neues: «Die Elektrizitätswerke werden sehr bald ihren Betrieb einstellen. Es gibt einen enormen Mangel an Lebensmitteln, Wohnraum und Medikamenten. Die Bedingungen könnten kaum schlimmer sein.»
Auch die übliche Frage, was denn eigentlich nach dem Tod von Raúl Castro (wird 95) geschehe, umfährt er weise: «Ich kann Ihnen nicht sagen, wer Raúl Castro ersetzen wird. Wenn er morgen stirbt, wird es wahrscheinlich jemand aus dem Militär sein, aber ich könnte Ihnen nicht sagen, wer genau.»
Dazu die üblichen Klagen, dass die Jungen nicht mehr so sind wie die Alten: «Wenn man mit der Generation meiner Töchter und ihrer Ehemänner spricht, dann haben sie keine Ahnung. Absolut keine Ahnung.»
Originell wird Gomez hingegen, wenn es um den illegalen und völkerrechtswidrigen Militärstützpunkt geht: «Wegen dieser Gefahr geben die USA ihren alten, heruntergekommenen Stützpunkt in Guantánamo nicht auf. Denn ich nehme an, dass wir innerhalb von dreissig Tagen russische Schiffe sehen werden – und dann wird das Problem noch grösser.»
Interessant. Die USA dürfen also einen angeblich heruntergekommenen Stützpunkt, der die gesamte Bucht vor der Stadt Guantánamo umfasst, behalten und betreiben. Gegen den erklärten Willen der kubanischen Regierung seit 1960. Wenn sie auch nur russische Schiffe anlanden lässt, dann au weia. Was der Professor auch zu erwähnen vergisst: auf diesem Stützpunkt wurden und werden über Jahre hinweg sogenannte «enemy combatants» ohne rechtlichen Beistand oder Prozess unter unmenschlichen Bedingungen in Käfigen gehalten und auch gefoltert (Schönsprech «enhanced interrogativ techniques»).
Aber um diesen Schandfleck zu erwähnen, hätte die Geoökonomin vielleicht minimale Kenntnisse über Kuba haben sollen. Abschliessend nach der üblichen Verbindung Venezuela, Iran, Kuba gefragt, hält sich Gomez auch wieder altersmilde zurück: «Es gab keinen Regimewechsel (in Venezuela, Red.). Aber zumindest gibt es etwas Stabilität. Wir werden sehen, wohin das führt. In Kuba hätte Trump viel leichter handeln können. Doch er hat Kuba übersprungen und ist nach Iran gegangen. Das ist sehr kompliziert. Sehr, sehr kompliziert.»
Wir fassen zusammen: in der höchsten Liga «NZZ Pro» befragt eine kenntnisfreie Journalistin einen vorsichtig herumeiernden, parteiischen, ehemaligen Professor, der nun wirklich keine neuen Erkenntnisse zu bieten hat. Oder soll «sehr, sehr kompliziert» etwa neu sein?
Das ist völlig normal für den aktuellen Elendsjournalismus. Aber für die NZZ doch sehr peinlich.







