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Der Preis der Regierungstreue

Marc Walder, Ringier, «Blick», «Blic» und Putin: alles Ansichtssache.

Das Faszinierende am Journalismus ist, dass die Realität Geschichten liefert, die man sich nicht besser oder verrückter ausdenken könnte. Was wir auf den folgenden Zeilen berichten, könnte ebenso gut aus einem bitterbösen Roman über die Branche stammen, doch es ist die wahre Story des vielleicht mächtigsten Medienmanagers im Land – eine Story über die Glaubwürdigkeitskrise und den Zustand des Journalismus im Jahr 2022.

Sie erinnern sich: Am 31. Dezember veröffentlichte der «Nebelspalter» ein Video, in dem Marc Walder, CEO des international tätigen Ringier-Konzerns («Blick»), verriet, dass er die Ringier-Redaktionen weltweit angewiesen habe, in der Pandemie die Regierung zu unterstützen. Die Reaktionen auf die Enthüllung innerhalb und ausserhalb der Branche waren praktisch überall dieselben: Walders Direktiven wurden als Anschlag auf die journalistische Unabhängigkeit und die Glaubwürdigkeit der Medien als kritischer vierter Macht im Staat gehandelt. Verleger Michael Ringier musste sich auf der Frontseite des «Blicks» entschuldigen. Ein weiteres «Mea culpa» sandte Walder an den Bruderkonzern Axel Springer in Berlin, den er wegen seiner massnahmenkritischen Berichterstattung in dem Video scharf attackiert hatte.

Stargast bei Journalistenpreis

Das zweite Kapitel dieser unglaublichen, aber wahren Geschichte sollte am 28. Juni im ewigen Kultlokal Kaufleuten in Zürich über die Bühne gehen. Dort fand die 42. Verleihung des Zürcher Journalistenpreises statt, der wichtigsten Auszeichnung dieser Art in der Schweiz. Und wer war als «Keynote-Speaker» und Stargast angekündigt? Marc Walder. Noch ein halbes Jahr zuvor hatten sich die Medien nach der Walder-Video-Enthüllung des «Nebelspalters» in kritischen Kommentaren überboten. Von «Gift für die Demokratie» sprach der «Tages-Anzeiger» und meinte: «Das untergräbt die Glaubwürdigkeit der Medien». «Medien unter Generalverdacht: Deswegen ist Marc Walders Video so fatal», titelte die «Neue Zürcher Zeitung». Mit seinen Aussagen rücke Walder «den seriösen Journalismus in ein schiefes Licht», so die NZZ.

Wie schief müssen denn die Scheinwerfer eingestellt sein, wenn ausgerechnet bei der Verleihung des prestigeträchtigsten Schweizer Journalistenpreises Marc Walder seinen grossen Auftritt haben sollte? Er, der nach einhelliger Meinung der Medien mit seinen Video-Aussagen der Glaubwürdigkeit des Journalismus einen solchen Schaden zugefügt hat?

Serbische Ehrenmedaille für Marc Walder

Doch es kommt noch dicker. Der dritte Akt ging am Dienstag, dem 28. Juni 2022, in Belgrad über die Bühne. Dort überreichte der serbische Präsident Aleksandar Vučić Marc Walder die «serbische Ehrenmedaille für die Förderung der digitalen Transformation und die Ankurbelung der nationalen Wirtschaft». Wie es der diabolische Drehbuchschreiber dieser Realsatire will, fand die Verleihung in Belgrad am selben Tag statt wie die Feier des Zürcher Journalistenpreises. Walder musste sich deshalb kurzfristig im Kaufleuten abmelden, um vom serbischen Staatspräsidenten mit Pauken, Trompeten und einem Meer von serbischen Flaggen empfangen zu werden.

Ein Schuft, wer vermutet, dass Walders Anweisung auch an seine Redaktion in Serbien, einen Regierungskurs zu fahren, irgendeinen Einfluss auf die Verleihung der «serbischen Ehrenmedaille» an den Ringier-CEO gehabt haben könnte.

Ringier-Blatt verehrt Putin als Helden

Wie problematisch die notorische Nähe von Marc Walder zu den Mächtigen dieser Welt ist, zeigt sich in diesen Tagen exemplarisch am Ringier-Produkt «Blic», dem Pendant des schweizerischen «Blick». Das serbische Boulevard-Blatt fährt im Ukraine-Krieg einen propagandistischen Russland-Kurs und betreibt Heldenverehrung für Wladimir Putin. «Russland wärmt sich in der Ukraine gerade auf», titelte der «Blic» am 9. Juli. Illustriert war der Artikel mit zwei Grossaufnahmen von Putin und einem Bild des Kreml-Sprechers. Am 2. Juli lobte der «Blic» Putin als «entspannten Präsidenten». Und am 30. Juni, zwei Tage nach der Verleihung der Ehrenmedaille an Marc Walder aus der Hand des serbischen Präsidenten, brachte der «Blic» aus dem Hause Ringier mehrere Oben-ohne-Porträts samt Video von Putin, in denen sich der Kreml-Herrscher und Kriegstreiber als gestählten Kämpfer in Macho-Pose inszeniert. Übertitelt war der Artikel mit dem Putin-Zitat: «Wenn sie sich ausziehen würden, wäre das ein ekelhafter Anblick». Eine Anspielung auf die G7-Führer, die Putin kritisiert hatten, wie der «Blic» monierte.

Veganer Boulevard in der Schweiz

Bedenkt man, dass Serbien vor nicht allzu langer Zeit selbst einen brutalen Angriffskrieg gegen Nachbarstaaten auf dem Balkan geführt hat, bekommt die aktuelle Berichterstattung des Ringier-Blatts «Blic» zusätzlich einen üblen Beigeschmack. Während der «Blick» in der Schweiz die Regenbogen-Fahne der politischen Korrektheit hochhält und eine Art veganen Boulevard macht, jubelt das serbische Schwesterblatt «Kriegsheld» Wladimir Putin zu. Irgendwie ist das konsequent: regierungstreu ist schliesslich beides. Der Preis, den Ringier dafür bezahlt, ist der fortgesetzte Verlust der journalistischen Glaubwürdigkeit.

Mitarbeit: Mihajlo Mrakic

*Dieser Artikel erschien zuerst auf nebelspalter.ch. Mit freundlicher Erlaubnis des Autors.

Wumms: Marc Walder

Der Ringier-CEO wandelt sich zum Weltenlenker.

Marc Walder sieht sich immer mehr als Staatsmann. An der Seite von Bundesrat Alain Berset, der sich als Dressman und Interviewer für eine Ringier-Zeitschrift missbrauchen lässt.

Zwei Glatzen- und Amtsträger unter sich.

Als nicht so heimlicher Helfer auf internationalem Parkett, der eine ganz gewichtige Rolle bei Gerhard Schröders Besuch in Moskau gespielt haben will. Walder in geheimer Mission, beteiligt am Versuch, das Gemetzel in der Ukraine zu beenden. Wunderbare Story, leider endete alles in Lächerlichkeit.

Aber ein Walder gibt nicht so schnell auf. Ein Walder muss Prioritäten setzen. So war er als Gastredner bei der Verleihung des Zürcher Journalistenpreises vorgesehen. Vielleicht hätte er dort erklären können, wie er es beinahe im Alleingang schaffte, die ersehnte Steuermilliarde für die Verlegerclans zu versenken.

Aber stattdessen musste der VR-Delegierte von Somedia Andrea Masüger bei der Begrüssung im Zürcher Kaufleuten verkünden, dass der Ringier-Mitbesitzer seinen Auftritt kurzfristig habe platzen lassen. Ein «osteuropäischer Staatspräsident» habe Walder dringend sprechen, konsultieren wollen.

Bedeutungsschwangeres Ausatmen im Publikum. Wer mag das wohl gewesen sein? Vielleicht brauchte Viktor Orbán Rat? Oder wollte sich Wolodymyr Selenskyj für einen Tennismatch verabreden? Oder aber – bei Rasputin – könnte es sein, dass der Gottseibeiuns aus dem Kreml Lust auf einen gemeinsamen Ausritt verspürte? Gibt es nun neben der von Scholz und der von Cassis organisierten Friedenskonferenz noch eine dritte?

Welche Rolle spielt dabei Schröder? Wird Frank A. Meyer die Sonne seiner Anwesenheit leuchten lassen? Da wehte der Mantel der Geschichte einen Moment lang durchs Zürcher Kaufleuten, und solche eifrig debattierten Fragen liessen die Preisträger etwas in den Hintergrund treten.

Für Möchtegerns ist das allerdings als Begründung einer kurzfristigen Absage nicht zu empfehlen. Sorry, da ist Präsident Biden auf der anderen Linie, muss Schluss machen – lieber nicht. Wollte gerade dem Chauffeur sagen, dass er dem Aston Martin Guzzi geben soll, aber da klingelte doch von der Leyen durch – ja nicht. Hätte so gerne meine Rede gehalten, aber wenn Macron mal in Fahrt kommt, kann man ihn ganz schlecht bremsen – bitte nicht.

Das gilt auch für die Erwähnung von «osteuropäischen Staatspräsidenten». Denn in Wirklichkeit war es so, dass Walder es vorzog, sich in Belgrad vom serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić eine «Ehrenmedaille» anheften zu lassen. «Ich möchte Herrn Walder meinen Dank für seinen unermüdlichen Einsatz und seinen ansteckenden Enthusiasmus bei der Förderung Serbiens als Geschäfts- und Investitionsstandort aussprechen», lobhudelte der Präsident.

Dass sich Walder lieber von einem lupenreinen Demokraten dekorieren lassen als am Zürcher Journalistenpreis sprechen wollte, ist das eine. Dass diese Kollision nicht erst ganz kurzfristig erkennbar war, das andere. Was meint denn Masüger? Auf Anfrage von ZACKBUM antwortet er: «Herr Walder hat seine definitive Absage vor ca. 10 Tagen gemacht. Es war auch nicht mehr möglich, in so kurzer Zeit eine Ersatzperson zu gewinnen. Für einen solchen Anlass, der Monate im Voraus geplant wird, ist das durchaus im letzten Moment.»

Also «letzter Moment» laut Masüger heisst dann: vor zehn Tagen kriegte ich eine Mitteilung. Sonderlich, sehr sonderlich.

Wer hat’s erfunden?

Roger Schawinski bekommt Journalistenpreis. Schon wieder.

Es begab sich zu Weihnachten 2020, dass ZACKBUM die alternativen Schweizer Journalistenpreise verlieh. And the winner is: natürlich Roger Schawinski als Journalist des Jahres. Aus unserer Kurzlaudatio:

Roger Schawinski (Radio 1)

Schawinski trägt persönlich enorme Verluste wegen fehlenden Werbeeinnahmen, hat aber niemandem gekündigt. Hat sein Angebot sogar während der Krise ausgebaut. Und er ist als Moderator wegen Corona zu neuen Höchstleistungen aufgestiegen, mit seinem Talkradio. Zudem ist sein Doppelpunkt nach wie vor das Mass aller Interviews.

Allerdings wurde Roger Schawinski vom Schweizer Journalisten noch nie in dieser Funktion ausgezeichnet. Erstaunlich…

Auch sonst hielt es niemand für nötig, dem wohl bedeutendsten Medienmacher der Schweiz jemals einen Preis zu verleihen. Dafür ist er zu erfolgreich, zu eigenwillig, zu dominant. Ein Marathonläufer halt, der auch mit 77 noch wacher und jünger im Kopf ist als ganze Redaktionscrews.

Aber immerhin, nach jahrelangem, um nicht zu sagen jahrzehntelangem Ignorieren hat die Jury des Zürcher Journalistenpreises die Auszeichnung an Schawinski verliehen. Für sein Lebenswerk. Wobei ZACKBUM für einmal stolz sagen kann: Wer hat’s erfunden? Wir. Und wir haben nicht fürs Lebenswerk gelobt und gepriesen. Sondern für konkrete Taten in diesem Jahr.

Das Lebenswerk ist natürlich beeindruckend. «Die Tat», «Kassensturz», «Radio 24», «Tele Züri», «Tele 24», Leitung Sat 1 Deutschland, Talkshow «Schawinski», nachdem ihm das SRF den Stecker zog, nun bei Blue. Der «Doppelpunkt», legendär. Sein Talk Radio während Corona und nun zum Ukrainekrieg. Nicht zu vergessen sein erfolgreicher Ein-Mann-Aufstand gegen das Abschalten der UKW-Ausstrahlungen.

Der Mann ist so gross, dass selbst alle Neider und Kleinmacher nicht mehr umhin konnten, ihn auszuzeichnen. Ihr langes Zögern erklärt sich wohl damit, dass sie hofften, dass sie das Lebenswerk dann ehren können, wenn es vollendet ist – also wenn Schawi in die Pension abgezwitschert wäre. Aber den Gefallen tut er ihnen nicht. Obwohl ein Lob des Lebenswerks immer die Einleitung für einen Nachruf ist …

Ein wenig altersweise ist er geworden, aber nicht altersmüde. Auch wenn er im persoenlich.com-Interview gesteht: «Nach jeder längeren Sendung sehne ich mich heute nach einem Power Nap, einer Siesta. Früher war dies nicht nötig.»

Dann hoffen wir auf noch viele Siestas. Denn davor macht er immer irgendwas, das man sich ansehen oder anhören sollte. Wo Schawinski ist, da ist Leben im Äther. Das ist so wichtig wie nie, denn es ist so viel Narkosemittel im Äther.

Kritik musste er mehr als genug einstecken, nun ist er etwas erstaunt: «Belobigungen gab es eher wenige von Branchenkollegen und Konkurrenten. An die muss ich mich erst noch gewöhnen.»

Doch, ZACKBUM mochte und mag ihn schon sehr, bei allen Differenzen gibt es so etwas wie vertraute Nähe.

Lob mag er nach wie vor sehr; auf Kritik reagiert er nach wie vor eher ungnädig. Aber das sei ihm nachgesehen. Denn er ist etwas, was fast ausgestorben ist. Ein Radio Man. Mit Herzblut, Engagement, Kreativität. Er ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, obwohl er mit ihnen ein bequemes Lotterbett füllen könnte. Er macht jede Sendung, als wäre sie seine erste und seine letzte. Vielleicht ist er manchmal masslos, übermässig, a Man in Full halt. Aber das ist hundertmal besser als Mittelmass und Mainstream. Eigentlich hätte jemand vom Format eines Tom Wolfe seine Biographie schreiben sollen.

Natürlich ist ZACKBUM nicht ganz unparteiisch in dieser Sache. Na und?

Abrazo. Y adelante, compañero. Hasta la victoria siempre.

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Anmeldeschluss 15. Januar für den Zürcher Journalistenpreis – warum die Zackbumler keine Chance haben.

Zackbum-Kollege Beni Frenkel hat nochmals alles gegeben. Ein Interview mit Hannes Britschgi hat er geführt. Und sogar einen Primeur rausgeknallt. «Britschgi macht weiter! Er bleibt Chef der Ringier-Journalistenschule bis 2024.» Unerwähnt im Artikel: Britschgi ist Jurypräsident des Zürcher Journalistenpreises. Doch trotz Schleimspur kommt Beni Frenkel wohl nicht in die Kränze bei der Preisverleihung 2021. Seine Brötchen verdient er bei einem Gratisblatt, wie auch der Schreibende. Das sind keine guten Karten für den Sieg. Doch da wäre noch Zackbum-Kollege René Zeyer. Er hat eine viel eindrucksvollere Vita vorzuweisen. Und er ist investigativ. Er schreibt fast jede Woche etwas Kritisches über Hansi Voigt. Viel Tamtam machen, viel Geld akquirieren und dann weiterziehen. Watson und jetzt Bajour, Millionengräber, die nur dank Quersubventionierung oder Mäzenatentum funktionieren. Doch Voigt ist bestens vernetzt. So sitzt er in der sechsköpfigen Jury des Zürcher Journalistenpreises. Voigt 1, Zeyer 0.

Aber seien wir ehrlich. Ich bin doch nur neidisch, weil ich noch nie etwas gewonnen habe. Nicht einmal den Ovosprint in der Kinder-Skischule.

Der Termin zum Arbeiteneinreichen läuft am 15. Januar ab. Aus der Ausschreibung: Es gibt nur schlechten und guten Journalismusbis hin zu herausragenden Arbeiten. Diese sucht und prämiert der Zürcher Journalistenpreis. 

Infos: https://www.zh-journalistenpreis.ch