Schlagwortarchiv für: William S. Burroughs

Bildungsauftrag

Das ist das Schöne an einem eigenen Blog …

Wahrscheinlich hat die Leserschaft inzwischen alle Buchtipps durch, ist vielleicht noch auf den letzten Seiten von Götz Aly und verarbeitet die Überdosis Sex in der entstaubten Fassung der Sagen des klassischen Altertums von Sarah Johnston.

Hilfreich sind sicher auch Anweisungen, was man nicht unbedingt lesen sollte. ZACKBUM gesteht: Lazlo Krasznahorkai, den aktuellen Literaturnobelpreisträger, werden wir uns nicht antun. Kä Luscht.

Das gilt, auch auf die Gefahr hin, als Banause beschimpft zu werden, für alle Vorgänger der letzten zehn  Jahre. Han Kang, Jon Fosse, Annie Ernaux, Abdulrazak Gurnah, Louise Glück, Peter Handke, Olga Tokarczuk, Svetlana Alexievich: noch nie gehört, nix gelesen. Mit Ausnahme von Handke, gehört, gelesen und brr. Innerlichkeitsschwurbelei.

Zwei Ausnahmen gibt es immerhin: Kazuo IshiguroThe Remains of the Day»), ein grossartiges Werk, noch grossartiger verfilmt mit Anthony Hopkins und Emma Thompson. Und natürlich Bob Dylan, obwohl seine Wahl doch als etwas exzentrisch bezeichnet werden muss. Unbeschadet seiner lyrischen Kraft über Jahrzehnte. Für harte Dylanologen gibt es nach der doch ältlich gewordenen Ausgabe aus dem 2001-Verlag immerhin sogar zweisprachig alle Songtexte bis 2012 bei Hoffmann & Campe.

Ersetzt auch den Gang ins Fitnessstudio; knapp 1300 Seiten auf edlem Papier.

Aber eigentlich wollen wir hier auf das neuste Werk eines der enigmatischsten Autoren der Gegenwart aufmerksam machen. Thomas Pynchon ist inzwischen 88 Jahre alt und hat sich Zeit seines Lebens jedem Interview oder öffentlichem Auftritt verweigert.

1963 betrat er mit «V» die grosse Bühne der Literatur, blieb aber lange Jahre im deutschen Sprachraum ein Geheimtipp für Insider. Das liegt schon mal daran, dass es nicht ganz einfach ist, den Inhalt seiner Werke zu beschreiben. Verschachtelt, Verschwörung, Geheimgesellschaften, sorgfältig ziselierte, überbordende Wortkaskaden.

So ging’s munter weiter («Die Versteigerung von No. 49», der Höhepunkt «Die Enden der Parabel», «Vineland», dann «Mason & Dixon», bei dem wir ehrlich gesagt aufgegeben haben, ebenso wie bei «Gegen den Tag» – über 1000 Seiten! – und schliesslich «Natürliche Mängel»).

Es gibt Leser, die kommen bei Pynchon nicht über die ersten zehn Seiten (das geht uns so bei «Ulysses» von James Joyce), bei anderen lösen seine Romane einen Leserausch aus, bei dem man sich in seinen Welten mit einem unübersehbaren Personal verliert – und irgendwie auch wieder findet. Sozusagen nichts verstehend doch meint zu verstehen und dadurch immer weiterlesen muss.

Ähnlich rauschhaft sind sonst nur die Bücher von William S. BurroughsNaked Lunch», «The Wild Boys»), aber viel dunkler und natürlich über wirkliche Drogenerfahrungen berichtend.

Wie Doktor Benway mit einer Hand mit dem rostigen Deckel einer Konservenbüchse operiert, während er mit der anderen die Ratten wegscheucht, ungeheuerlich.

Wer’s so dunkelschwarz verträgt, wie Literatur nur sein kann, sollte sich die «Burke»-Reihe von Andrew Vachss reinziehen. Ein brutaler Rächer ohne Vornamen mit Killerhund auf der Jagd nach Kinderschändern. Mit denen hatte Vachss in seiner Tätigkeit als Staatsanwalt zu tun; gnadenlos.

Aber wir schweifen ab, eigentlich soll es hier darum gehen:

In seinem neusten Werk «Schattennummer»  kehrt Pynchon wieder in seine vertraute Zeit zurück, vor dem Zweiten Weltkrieg, diesmal genauer ins Jahr 1932. Ein Privatdetektiv soll die Erbin eines Käse-Unternehmens aufspüren. Natürlich wäre es kein Pynchon, wenn er dabei nicht in einen Strudel von Intrigen, Machenschaften, Verschwörungen und okkultem Zeugs hineingeraten würde.

Zudem in Parallelwelten, wo sich die Geschichte ganz anders abspielt als uns bekannt ist. Wer nicht schon lange Pynchon-Fan ist, wem die «Enden der Parabel» zu komplex sind: hier ist die Chance, einem altersmilden Autor zu begegnen, der sogar kürzere Sätze kann, sich auch auf Handlung und Dialoge konzentriert. Natürlich spielt er immer noch mit verschiedenen Genres, und mit dem Personal des Romans könnte man ein kleines Dorf bestücken.

Schon mit dem ersten Satz lässt er das Echo von Chandler, Hammett, Cornell Woolrich oder James M. Cain erklingen: «Wenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die North-Shore-Linie

Zudem hat die deutsche Übersetzung lediglich 400 Seiten. Das englische Original ist allerdings nur Muttersprachlichen zu empfehlen.

Also, Leute: lest. Tut nicht weh, bildet ungemein und lenkt von der Realität ab. Oder auch nicht …

Künstliche oder keine Intelligenz?

Vor dieser Frage steht man bei der Sonntagslektüre.

ZACKBUM konnte der Versuchung nicht widerstehen. Denn wir wussten bei diesem Titel, dass sich Gieri Cavelty des Themas annehmen würde:

Sie warnen erstaunlicherweise nicht vor einem Editorial von Cavelty. Denn es ist ein wenig wie bei Loser und Künstliche Intelligenz: schwieriges, sehr schwieriges, eher einseitiges Verhältnis.

Zunächst erläutert Cavelty langfädig, was die neuste Entwicklung der Firma OpenAI (AI für Artificial Intelligence) denn so könne. Es ist schlichtweg ein Chatbot, der den Beweis antreten will, dass er den Turing-Test besteht. Was das ist, weiss Cavelty natürlich nicht, aber das macht ja nichts.

Das interessiert ihn auch nicht sonderlich, denn er hat eine andere Frage: «Wie wichtig ist KI fürs Militär?» Nun halte sich der Leser fest, schnaufe vor Überraschung tief durch und nehme überrascht zur Kenntnis: sehr wichtig.

Geben Sie zu, hätten Sie nie gedacht. Sehen Sie, deshalb erklärt es Ihnen Cavelty auch ganz langsam, so langsam halt, dass er seinen eigenen Gedanken noch knapp folgen kann. Das wäre es dann «mit der Unschuld unseres Sprachassistenten», warnt Cavelty. Nur: wen muss er davor warnen? Vielleicht sein eigenes Verlagshaus, das Software verwendet, die ideal zum Ausspionieren geeignet ist? Den Leser? Der hat KI noch nie für unschuldig gehalten.

Nun kommt noch der Stehsatz von Cavelty: «Die Politik wäre gefordert, Regeln und Standards zu formulieren, um jeglichen Missbrauch künstlicher Intelligenz zu verhindern.» Da muss man allerdings der Intelligenzbestie Cavelty entgegenhalten: Das geht gar nicht, Dummerchen. Das geht nirgends. Oder wie sollten Algorithmen verboten werden, die die USA verwenden, um angebliche Terroristen aufzuspüren und zu ermorden? Soll die Steuertechnik der dafür eingesetzten Drohnen verboten werden? Absurd.

Zweiter Bestandteil von Caveltys Stehsatz: «Die Schweiz spielt in dieser Debatte eine zwielichtige Rolle.» Natürlich, die spielt sie für ihn doch immer und überall. Denn einerseits sei der Bundesrat für ein Verbot von Killerrobotern, andererseits seien Schweizer Hochschulen «zugleich aber an der Entwicklung von KI-Systemen beteiligt, die für militärische Zwecke eingesetzt werden können». Wie fast alle Forschungen auf der Welt, die zudem überall stattfinden.

Was sollte die Schweiz also tun? Man braucht nicht die Hilfe von KI, um Caveltys Antwort vorherzusagen: «ein Zeichen setzen».

Es wäre eine friedliche Anwendung und zudem segensreich: lasst doch bitte, bitte in Zukunft GBT-3 die Editorials von Cavelty redigieren. Nein, bevor da dem Chatbot die Sicherungen durchbrennen und er anfängt, Bytes zu spucken: lasst ihn die Editorials schreiben. Der Leser würde es auf Knien danken.

By the way, ZACKBUM schaffte es noch knapp bis zum Titel «Neutral ist nicht neutral». Schon diese Aussage zeugt weder von künstlicher noch von echter Intelligenz. Es wird aber noch schlimmer:

«Wer der Ukraine militärisch nicht zu Hilfe eilt, obwohl er es könnte, der eilt Putin zu Hilfe: Wer die Ukraine schwächt, stärkt Russland

Hier erhebt sich Frage, ob wir ein gescheitertes Experiment erleben, nicht vorhandene Intelligenz durch künstliche zu ersetzen. Denn es ist – im Gegensatz zum Titel – ein verständlicher Satz. Ein ungeheuerlicher Satz. «Obwohl er es könnte» beinhaltet, dass dem widersprechende Gesetze bezüglich Kriegsmateriallieferungen und Grundsätze der Schweizer Neutralität einfach in den Kübel getreten werden sollen.

Keine Lieferung von Kriegsmaterial an Kriegsparteien? Pfeif drauf, meint Frank A. Meyer. Kein Re-Export via Drittländer, um diesen Taschenspielertrick zu unterbinden? Scheiss drauf, meint Frank A. Neutralität verbietet die Parteinahme mit Kriegsparteien, über die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte hinaus? Kotz drauf, meint Meyer.

Deutschland ist drauf und dran, seine fast gleichlautenden Gesetze in die Tonne zu treten. und ritzt damit, nein beschädigt damit sein wertvollstes Gut: den Rechtsstaat. Soll das die Schweiz wirklich nachahmen? Auch hier könnte KI segensreich wirken. Aber nur, wenn man sie ungestört machen lässt.

ZACKBUM will sich aus diesem Meer an Dummheit herausstrampeln und greift zur NZZamSonntag wie zum Strohhalm, der nicht mehr aus Plastic sein darf, wie die NZZ unnachahmlich schreibt (merke: eine Plastik ist ein Kunstwerk).

Aber:

Fangen wir oben links an. Die Schauspielerin Birgit Minichmayr wird von Anna Kardos hemmungslos angeschwärmt. Urs Gehringer von der WeWo verkörpert die männliche Ausgabe des Journalisten-Groupie, wenn er Herr und Frau Trump anschwärmt. Die NZZaS hat eine ganze Riege aufzubieten; Rafaela Roth schwärmt hemmungslos eine von Niederlagen gedeckelte Anwältin an («eine der geschicktesten Medienanwältinnen des Landes»), Kardos wiederholt das nun bei einer –mit Verlaub – nicht gerade zur ersten Garde gehörenden Schauspielerin. Um ihr Bedeutung zu verleihen, zählt Kardos unter anderem ihr Mitwirken an «Michael Hanekes Jahrhundertwerk «Das weisse Band»» auf. Jahrhundertwerk? Hand hoch, wer noch nie von dieser auf Schwarzweiss umgemechten und digital schwer nachbereiteten düsteren Landsage gehört hat. Hand hoch, wer sich an die (Neben)rolle von Minichmayr erinnert.

Daneben: «Die Haute Cuisine muss sich neu erfinden», auch so ein Stehsatz, der immer hervorgekommen wird, wenn mal wieder ein berühmtes Sternelokal schliesst. Das war beim «El Bulli» in Spanien so, nun ist das «Noma» in Kopenhagen Anlass zum Recycling. Wobei man bei beiden Restaurants sagen muss, dass für die meisten Gernesser weder Molekular- noch Naturholzküche besonders attraktiv erscheint.

Wenn wir schon bei Stehsatz sind: «Platznot im Schweinestall: Tierschutz klagt die Bauern an», da fällt einem beim Gähnen der Unterkiefer auf die Tischplatte. Und schliesslich, man kriegt ihn kaum wieder hoch, halluzinogene Pilze. Der Einzige, der dieses Thema unglaublich gut abhandeln konnte, war William S. BurroughsJunkie», «Auf der Suche nach Yage», «Nacked Lunch»), aber der ist schon ziemlich lange ziemlich tot.

Seither ist auch nicht viel passiert. Studien sagen dies und das, eher das. Ernsthafte Wissenschafter finden halluzinogene Pilze super, andere weniger. Und ein Hinweis auf LSD-Guru Timothy Leary darf nie fehlen, obwohl das eine künstlich hergestellte Droge ist. Mal wieder etwas Burroughs in die Debatte werfen, das gäbe vielleicht einen Kick. Dafür bräuchte es allerdings einen gewissen Bildungshintergrund … Aber eine KI würde das grossartig hinkriegen.

Ach, ebenfalls auf die Front hat es noch die Meinung von Wirtschaftredaktor Markus Städeli geschafft, der erklärt: «KI rebkombiniert Bestehendes. Nur Menschen sind in der Lage, etwas gänzlich Neues zu entwerfen.» Lustiger Ansatz, den er lustig vertieft: «Was Sie den KI-Schwurblern in Davos antworten können.» Wirklich spassig, nicht unlustig durchgeschrieben. Hätte eine KI vielleicht noch etwas schmissiger hingekriegt, aber wir wollen nicht meckern. Nur: bei allem Geschwurbel in Davos sollte die Grundthese schon stimmen. Der schöpferische Mensch im Gegensatz zur mechanisch-repetitiven KI? Sie könne nur rekombinieren, der Mensch alleine entwerfe «Neues»?

Da begibt sich Städeli auf ganz dünnes Eis, und er weiss es. Denn natürlich vermeidet er es, «Neues zu entwerfen» auch nur ansatzweise zu definieren. Dafür käme er wohl um den Begriff Kreativität nicht herum und wäre schnell in der Bredouille, dass Kreativität keinesfalls im luftleeren Raum nur bislang Ungehörtes, Ungesehenes, Ungedachtes, eben genuin «Neues» erschafft. Also ist das auf keinen Fall ein Unterscheidungsmerkmal, aber entspricht einer Vorstellung, die nun nicht gerade auf der Höhe der aktuellen KI ist. Das muss übrigens nicht nur Sprache betreffen; hier wurde von einer KI gefordert, sie solle ein farbiges Selbstporträt eines Roboters malen.

Nicht schlecht, oder:

Wollen wir nach diesem schöpferischen Kunstwerk wirklich noch weiter in der NZZaS wühlen? Eben. Wollen wir überhaupt einen Blick in die «SonntagsZeitung» werfen? Eben.

Wumms: Helge Timmerberg

Wenn ein Imitator alt wird, wird’s ätzend.

Helge Timmerberg weckerte schon, als er in Zeitgeist-Postillen seinen Hunter S. Thompson-Abklatsch veröffentlichte. Gonzo-Reportagen, zu Recht eine vergessene Phase von Schrott-Journalismus.

Alle wollten sich anhören wie William S. BurroughsNaked Lunch»), keiner schaffte es in seine Nähe.

Nun wird Timmerberg 70, ist in St. Gallen greifbar und wird vom «NZZ am Sonntag Magazin» interviewt. «Ich habe LSD im Kühlschrank. Wollen Sie? – Meine wahren Vorbilder sind Hermann Hesse und Charles Bukowski. – Ich muss kiffen, um zu schreiben.»

Gehabe als Haltung verkaufen, mit 70 immer noch den Wilden spielen, zwei Fragende mit offenen Mündern dasitzen lassen: wo bleibt hier die Qualitätskontrolle?

Peinlicher ist nur, wenn Tamedia einen Tag später mit einem weiteren Interview nachklappert …