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Sparmassnahme? Niemals!

Der «Tages-Anzeiger» wird dünner. Pardon, flexibler.

Es darf mal wieder gelacht werden. Allerdings auf Kosten des Lesers. Oder im Double Speak der Tamedia-Chefredaktion am Dienstagmorgen auf der Front des Tagi:

«Ab sofort bieten wir Ihnen täglich zwei starke Seitenabfolgen in gewohnter Tagi-Qualität – die erste mit einem nachrichtlichen und einem gesellschaftlichen Fokus, die zweite mit regionalen Inhalten und dem Sportteil.»

Oder auf Deutsch: nur noch zwei, statt drei Bünde.

Aber es kommt noch besser für den Leser:

«Darüber hinaus fassen wir Ressorts zusammen: Die bisher mit «Inland» und «Wirtschaft» benannten Seiten erscheinen neu unter dem Seitenkopf «Politik & Wirtschaft». Damit tragen wir der Tatsache Rechnung, dass praktisch jede politische Entscheidung wirtschaftliche Implikationen hat und auch wirtschaftliche Vorgänge zuverlässig in der Politik Widerhall finden. Der erste Bund wird neu mit der Strecke «Kultur, Gesellschaft & Wissen» ergänzt

Ja potztausend, dass noch niemand vorher darauf kam, dass Politik und Wirtschaft irgendwie etwas miteinander zu tun haben. Und «neu» ist an der Strecke «Kultur, Gesellschaft & Wissen» gar nichts. Denn dass das mal ganz verschiedene Ressorts waren, das ist schon ein Weilchen her.

Aber damit ist die Leserverarschung, Pardon, die Erklärung der neuen Wertigkeit, noch nicht am Ende:

«Die bisherige kleinteilige Struktur war mit inhaltlichen Einschränkungen verbunden. Mit den Änderungen können wir Ihnen einen stärker auf die Aktualität ausgerichteten «Tages-Anzeiger» bieten, weil wir mehr Flexibilität in der Aufbereitung und bei der Gewichtung der Inhalte haben

Das muss man sich wieder auf der Zunge zergehen lassen. Bisher war die Struktur «kleinteilig», und daher mit «inhaltlichen Einschränkungen verbunden»? Als es noch fünf oder gar sechs Bünde gab, muss das ja furchtbar für den Leser gewesen sein; kein Wunder, dass er damals massenhaft abbestellte, während er heute treu abdrückt.

Aber nun ist der Tagi noch flexibler, obwohl er das doch schon immer war, wenn man nur die Editorials von Raphaela Birrer zum gleichen Thema liest.

Aber der Höhepunkt ist zweifellos «noch stärker auf die Aktualität ausgerichtet». Wahnsinn, wo soll das enden, denn «noch aktueller» ist immer der Schlachtruf, der eine Sparmassnahme begleitet. Also wird der Tagi irgendwann mal so aktuell, dass in ihm schon drinsteht, was erst gleich passieren wird. Das dann allerdings in äusserster Flexibilität nicht mehr in zwei Bünden, auch nicht in einem Bund, sondern auf einem Blatt. Weniger geht dann nicht mehr, aktueller geht’s dann auch nicht. Aber dafür ohne Leser.

Wobei, am Wochenende geht’s dann doch wieder anders: «Samstags erscheint der «Tages-Anzeiger» zwar mit den neuen Seitenköpfen, aber weiterhin mit drei Bünden und bietet zusätzlich vertiefenden Lesestoff fürs Wochenende.»

Ähm, also statt zwei «starken Seitenabfolgen» weiterhin die mühsamen drei, mitsamt «kleinteiliger Struktur» und «inhaltlichen Einschränkungen»? Und wieso soll eigentlich nur am Samstag «vertiefender Lesestoff fürs Wochenende» geboten werden? Wochentags braucht’s den nicht?

Schliesslich kommt einem bei dem letzten Satz noch ein schrecklicher Verdacht. Wenn also der Samstags-Tagi so viel Lesestoff fürs ganze Wochenende bieten soll, wozu braucht’s dann eigentlich noch die «SonntagsZeitung»? Um noch mehr zu vertiefen? Aber dann wäre ja man ja schon fast in Neuseeland angekommen, bei einer solchen Tiefe.

Also keine guten Nachrichten für niemanden. Nicht für die Leser, nicht für Arthur Rutishauser und seine Mannen (und Frauen, natürlich; sowie bi, hybrid, nonbinär, Transmenschen plus Kim).

Wie deutsch soll Tamedia sein?

Zwangsgermanisierung als Abokiller.

«Anne Wills letzte Sendung». Das ist eine deutsche Talkshow, eine der vielen deutschen Talkshows. Deren Moderatorin hört nach 16 Jahren auf und hat sich für die letzte Sendung den deutschen Vizekanzler Robert Habeck und den iranisch-deutschen Publizisten Navid Kermani eingeladen. Dieses Ereignis beschreibt der deutsche Feuilleton-Journalist Cornelius Pollmer für die «Süddeutsche Zeitung».

Und der Schweizer Qualitätsmedienkonzern Tamedia erfreut mit dieser innerdeutschen Angelegenheit seine Leserschaft in allen Kopfblättern.

««Schiesst nicht», ruft der Israeli, dann tötet ihn die eigene Armee». Das berichtet der Korrespondent der SZ aus Tel Aviv für seine bayerischen Leser. Und Tamedia setzt es den Schweizer Lesern vor.

«Venezuela sagt Ja zu Teil-Annexion Guyanas». Nein, ausnahmsweise kein aus der SZ übernommener Artikel. Der stammt von der SDA. Ebenso wie die zweite Auslandmeldung «20’000 Menschen demonstrieren in Brüssel». Ebenso wie die dritte Auslandmeldung «Huthi-Rebellen greifen erneut Handelsschiffe an».

Bei den «Meinungen» macht sich Christoph Koopmann Gedanken darüber, wie man auf TikTok jugendlichen Nutzern bei Propaganda zum Krieg in Gaza helfen könne. Der SZ-Redaktor Koopmann.

Die Breaking News «Billie Eilish bestätigt: Ich liebe Frauen» stammt wiederum nicht aus der SZ. Sondern, richtig geraten, von der SDA.

Auch das Coronavirus erfreut sich der Aufmerksamkeit von Tamedia. «Kleinkinder profitieren zum Teil von der Pandemie», weiss die Wissens-Redakteurin Vera Schroeder. Das gibt sie als SZ-Mitarbeiterin kund, schwups, landet sie damit auch bei Tamedia. Der Frage, «wie es zu den vielen Lungenentzündungen» in China komme, geht Lea Sahay nach. Genau, die Korrespondentin der SZ.

Doppelt recycelt wird auf der Homepage des «Tages-Anzeiger» der Nonsens-Artikel «Mit den Liebsten reden – obwohl sie tot sind». Der fand seinen Weg von der SZ in die «SonntagsZeitung» und von dort auf die Homepage des Tagi.

Der Artikel «Schneechaos in Bayern: Verkehr weiterhin gestört» ist sicherlich aus der SZ. Falsch geraten, er wurde von der SDA übernommen. Aber das ist doch die SZ: «Deutscher Tourist bei Messerangriff getötet»? Nein, der ist von der AFP.

Apropos Tourismus, wie wäre es mit «Einmal durchpusten, bitte!» Richtig, der etwas teutonische Titel macht Werbung für die «deutsche Ostseeküste im Winter». Ein naheliegendes Reiseziel für Deutsche, beschrieben von der SZ-Redaktorin Ingrid Brunner, mit herzlichen Grüssen aus dem Spardepartement von Tamedia.

Mal wieder im Ernst, lieber Herr Supino. Bei allem Verständnis für die Kosten einer Villa, von Segelbooten, Kunstsammlungen und dem Stopfen vieler hungriger Mäuler des Coninx-Clans: Können Sie dafür wirklich ohne rot zu werden bis zu 759 Franken im Jahr verlangen? Ja? Trotz Sonderdividende? Oder gerade wegen? Oder macht sich so der unter Ihrer Leitung vergeigte Kampf gegen das Referendum um die Subventionsmilliarde bemerkbar?

Aber mal Hand aufs Herz. Massenentlassungen, Abbau, bis es quietscht, die wenigen verbliebenen Mitarbeiter suhlen sich in Selbstbespiegelung, Bauchnabelbetrachtung und erteilen der Welt Ratschläge, die sie nicht braucht, während immer mehr vom «Content» einfach von Ticker-Agenturen und der SZ stammt – halten Sie den Leser wirklich für so blöd?

Halten Sie das Geschäftsmodell «immer mehr zahlen für immer weniger» für nachhaltig? Zukunftsträchtig? Kennen Sie einen anderen Dienstleister oder Hersteller eines Produkts, der ebenfalls diesen Kamikazekurs fährt?

Oder anders gefragt: wann macht der Letzte im Glashaus an der Werdstrasse das Licht aus?

 

Weniger für mehr

Inflation ist, wenn gleichviel teurer wird. Medien steigern das.

Es geht ja nicht nur um Gas und Öl. Es geht um Getreide, Düngemittel, seltene Metalle, Energie und vieles mehr. Das merkt der Bürger auch daran, dass eine beeindruckende Teuerungswelle auf ihn zurollt.

Nicht nur an der Tankstelle. Schmerzlicher wird es, wenn in den Supermärkten die Nahrungsmittel kräftige Sprünge nach oben machen. In Deutschland hat die Inflation bereits 7,5 Prozent erreicht. Nach offiziellen Zahlen aufgrund eines unrealistischen Warenkorbs. Die gefühlte Inflation ist noch höher.

Was Inflation ist, versteht jeder. Das gleiche Produkt kostet mehr, obwohl es nicht mehr davon gibt. Mit anderen Worten, die Zeitspanne, die der Normalbürger arbeiten muss, um es sich leisten zu können, steigt.

Natürlich kann man mit Konsumverzicht reagieren, wenn Gucci oder Prada die Preise erhöhen. Bei Grundnahrungsmitteln ist das entschieden schwieriger. Man kann auch zwei Pullover anziehen und die Heizung runterdrehen. Man kann’s auch lassen, dann zahlt man halt für die gleiche Raumtemperatur mehr.

Eine Ausnahme von dieser Regel bilden die Medien. Sie haben sich angewöhnt, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Sie setzen regelmässig, manchmal mit längeren, manchmal mit kürzeren Abständen, die Preise hinauf. Das wäre die übliche Inflation. Aber sie machen gleichzeitig noch etwas Weiteres: sie bieten weniger Inhalt für mehr Geld.

Nicht nur der Umfang der Tageszeitung ist zum Skelett abgemagert. Auch der Inhalt wird immer dünner, da immer weniger Mitarbeiter weiterhin versuchen sollen, alles Nötige in die Spalten zu quetschen. Schliesslich machen Medien noch etwas, was sich auch kein anderer Marktteilnehmer traut. Sie kopieren, übernehmen, verwenden immer häufiger die Tastenkombination copy/paste.

Sie entwicklen sich also zu wahren Mogelpackungen. Zuoberst steht weiterhin gross und stolz der Name des Mediums. Meistens mit dem Zusatz «unabhängig» oder einem anderen leeren Versprechen versehen.

Aber der Inhalt wird längst angeliefert. Entweder durch die letzte in der Schweiz verbleibende Nachrichtenagentur. Oder durch Kooperationen mit (noch) stärker ausgebauten ausländischen Titeln. Paradebeispiel Tamedia und «Süddeutsche Zeitung». Und schliesslich wird der gleiche Content mehrfach ausgespielt. Im Print, auf der Webseite, als Podcast, als Videocast, als Dossier.

Und letztlich füllt eine Zentralredaktion weite Teile des Organs ab; lokal verbleiben nur ein paar Journalisten, die sich möglichst reibungsfrei und ohne grossen Aufwand eben ums Lokale kümmern sollten, was sie zu Tode gespart immer weniger tun können.

Das wäre ungefähr so, wie wenn die Suppenfabrik stolz ihr Logo auf die Tüte haut. Während die meisten Bestandteile nicht etwa in der Fabrik zusammengerührt werden, sondern gefriergetrocknet angeliefert. Wobei es eine Riesenfabrik gibt und um sie herum ein Dutzend kleinere, die noch etwas Petersilie, Schnittlauch oder Kümmel hineinmischen.

Dann wird der Inhalt der Tüte immer mehr reduziert, auch ihr Umfang – aber der Preis erhöht.

Super Geschäftsmodell? Genau, das sagen sich die genialen Verlagsmanager auch.