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WEF, waff, wuff

Nach der Lobhudelei nun die Häme. So ungerecht ist die Journaille.

Keiner machte sich am WEF so zum Affen wie der «Blick»-Oberchefredaktor Christian Dorer:

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Aber lange Jahre war der Treff der Wichtigen und Mächtigen in Davos nicht nur Bonanza für die lokale Hotellerie. Auch Journalisten ballten sich dort und hetzten sehnsüchtig möglichen Interviewpartnern hinterher.

Die Einladung zu einem Apero riche war dann jeweils der Höhepunkt der Berichterstattung; in Tuchfühlung mit Präsidenten und Weltenlenkern, Bill Gates einmal dabei zuschauen, wie er sich Brotbrösel vom Mund wischt, nicht zu toppen.

Heraus kam ausser Verschwörungstheorien («The Great Reset»), viel Blabla, viel aufgeblasener Wichtigkeit – nichts. Corona machte dann Schluss mit dem fröhlichen Reigen; damit das WEF nicht völlig in Vergessenheit gerät, beschloss der geniale Entertainer Klaus Schwab, den Anlass in den Frühling zu verlegen.

Am Montag geht’s los, und nichts könnte die Unwichtigkeit des Anlasses besser beschreiben als die Tatsache, dass Klaus J. Stöhlker in der «Weltwoche» darüber schreiben darf. Denn das WEF ist nur noch eine Karikatur seiner selbst – genau wie der Autor.

Denn der schreibt über alles mögliche, am liebsten aber doch über sich selbst: «Ich war von Anfang an dabei. Für amerikanische Topmanager, die nicht einmal genau wussten, wo die Schweiz liegt, musste ich Broschüren anfertigen, damit sie sich während ihres Anflugs auf Zürich Kloten und Dübendorf orientieren konnten, wohin sie unterwegs waren. Schweiz und Schweden, Switzerland and Sweden, waren Synonyme, die immer wieder zu Verwechslungen führten.»

Aber es kam noch schlimmer für die Schweiz: «Bald tauchten die ersten sehr reichen Familien aus Asien auf, die vor ihrem Besuch des WEF eine kurze Geschäftsreise durch die Schweiz machten. Manches Souvenir aus Silber oder Gold erinnert mich an Vorträge, die ich vor extrem reichen Kleinfamilien halten musste, um in einer Stunde «Switzerland, this exceptional country» und seine Funktionsweise zu erklären.»

Immerhin, sollte das nicht wie üblich etwas übertrieben sein, haben wir nun eine Erklärung, wieso viele US-Topmanager und reiche Asiaten ein ganz falsches Bild von der Schweiz haben. Berge, Käse und Alpentrottel, die einen merkwürdigen Mix aus Deutsch mit schweizerdeutscher Betonung sprechen, das haben wir nicht verdient.

Denn Stöhlker lässt den Leser auch post festum noch an seinen Erkenntnissen teilhaben, die zwar kreuzfalsch sind, aber mit der Sicherheit eines alternden Grandseigneurs vorgetragen werden: «Es wurde übersehen, dass Wladimir Putin Russland, von Jahr zu Jahr mehr, sanierte. Und Xi Jinping machte aus China eine Erfolgsstory sondergleichen. Aus der ehemaligen Kolonie der Briten wurde die zweitgrösste Wirtschaftsmacht der Welt.»

Dabei übersieht allerdings Welterklärer Stöhlker, dass Putin Russland keineswegs sanierte, sondern vor allem die technologische Rückständigkeit zementierte, mit einer Autokratie alle Reformentwicklungen abwürgte. Und dass China mal Kolonie der Engländer gewesen sein soll, das wüssten die Chinesen ausserhalb von Hongkong aber.

Was weiss Stöhlker noch so? Die Chefin des IWF wolle über Digital- und Kryptowährungen am WEF sprechen: «Was für ein Mist; diese sind soeben zusammengebrochen. Kein vernünftiger Mensch interessiert sich für derlei.» Was für ein Quatsch, natürlich gehört diesen Währungen die Zukunft, nachdem sie ein paar Kinderkrankheiten ausgestanden haben. Sie sind der wohl wirkmächtigste Angriff auf die Herrschaft der staatlichen Notenbanken seit deren Gründung.

Dann driftet der Digital-Native noch in ein Thema ab, von dem er nun wirklich keine Ahnung, aber genau deswegen eine klare Meinung hat: «Das Metaverse hat einen der auffallendsten Showplätze in Davos. Ja, der freie Westen driftet in das Metaverase ab, während Russland, China, Indien und mehr als hundert weitere Staaten, die in Davos nicht mehr vertreten sind, die Zukunft planen.»

Metaverase? Gute Bezeichnung für die Wolke, auf der Stöhlker schwebt und auf das bunte Treiben der Welt hinabblickt. Leider ohne Altersmilde und ziemlich unverständig. Aber wenn man ihn lässt …

 

 

 

 

Linke Geschäfte

Der Zürcher «Kosmos» ist ein typisches Trauerspiel.

Wenn vier Bestandteile zusammenkommen, dann kracht’s. Linke Gesinnung, Kultur, Subventionen und Geschäft.

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Das «Kulturzentrum Kosmos» in Zürich ist ein Paradebeispiel dafür. Eigentlich ist es ein saftiger Schwank, der einen Regisseur wie Rainer Werner Fassbinder bräuchte, um süffig verfilmt zu werden.

Edler saufen: «Kosmos»-Bar.

Am Anfang stand ein Milliarden-Überbauungsprojekt der SBB, die Europa-Allee. Zwecks Besänftigung des linken Milieus schlug der aus der Hausbesetzerszene zum Immobilienmillionär gereifte Steff Fischer vor, doch einen Kulturtempel in die Planung einzubeziehen, für billiges Geld. Die Idee vom «Kosmos» war geboren. Kinos, Bar, Buchhandlung, Bistro, Restaurant, Platz für Events.

Beruhigungspille für Alternative.

Filmemacher Samir und Kulturveranstalter Bruno Deckert entwickelten ein Konzept, das Teil hob ab. Alles lief ziemlich gut, mit Ausnahme der Kinos. Überangebot in Zürich, eigenwillige Programmierung durch Samir. Nur die Alternative Liste (AL) fand das Projekt nicht lustig; es wurden Scheiben eingeschlagen und auf Fischers Büro ein Buttersäureanschlag verübt. Aber AL-Mitglied Samir konnte die Wogen glätten.

Die sechs leeren Kinosäle störten nicht weiter, boten aber Konfliktstoff. Denn wie immer ging es letztlich um Macht, wer hat das Sagen. Und da sind Linke nicht weniger raffiniert mit Winkelzügen unterwegs als knallharte kapitalistische Geschäftsleute.

Schön, aber leer: eines von sechs Kinos im «Kosmos».

Turbulente GV, Samir und Deckert zerstritten sich, Samir machte Zweiter. Liess das aber nicht auf sich sitzen, via «Republik» liess er stänkern, dass «rechte Kreise» den «Kosmos» übernehmen wollten.«Der Putsch» überschrieb Daniel Binswanger seine einäugige Parteinahme für Samir und deutete dessen Putschversuch in einen angeblichen Putsch rechter Kreise gegen den Filmemacher um.

Nach mühsamer Mediation sollte damals ein neuer VR gewählt werden, mit Samir, Deckert und zwei «neutralen» Mitgliedern. Aber nicht mit Samir; kurz vor der Wahl-GV rempelte er per E-Mail Deckert an und verlangte die Wahl von zwei weiteren VR – was ihm die Mehrheit garantiert hätte.

Was dahinter stand, fasste Kenner Fischer schön zusammen: «Ein etwas tiefer liegendes Problem beim ‹Kosmos› ist, dass das grosse Geld von Erb-Linken stammt.» Was er damit meinte, deutschte damals die «Weltwoche» aus: «Damit meinte er Leute wie Stina Werenfels, die aus der reichen Werenfels-Familie stammt, Filmemacher Ruedi Gerber, Sohn von Ex-Roche-Chef Fritz Gerber, Kabarettist Patrick Frey, Abkömmling einer Winterthurer Industriellenfamilie, und einige mehr. «Diese Erb-Linken sind zu Geld gekommen wie die Maria zum Kind», schrieb er. «Sie wissen nicht, wie Geld verdient wird. Schlimmer noch, sie wollen gar nicht wissen, wie Geld verdient wird. Ihr Reichtum erfüllt sie mit Scham. Sie wollen keine Kapitalisten sein wie ihre Väter. Sie wollen mit ihrem Geld Gutes tun, um eine Art von Absolution zu erlangen

Das war vor rund zwei Jahren, anschliessend gab es einen Burgfrieden mit einem rein weiblichen VR. Aber natürlich ohne Samir. Bis nun diese 5 Frauen kollektiv den Bettel im April hinschmissen. «Kä Luscht» mehr, oder vornehmer formuliert: «wegen unterschiedlicher Vorstellungen über strategische, inhaltliche und personelle Fragen, die von einer kleinen Gruppe von Aktionären aufgeworfen wurden

Diese «kleine Gruppe» ist Filmemacher Samir und ein paar Unterstützer. Der hat bis heute nicht verwunden, dass sein damaliger Putschversuch kurz vor der GV in die Hose gegangen war. Nun stänkert er, dass er eine «mögliche Überschuldung der Kosmos Kultur AG» befürchte.

Schöner Treppensteigen im «Kosmos».

Dabei geht es dem «Kosmos» relativ gut. Corona-Kredite und die Tatsache, dass sich reiche Erb-Linke 1,5 Millionen Darlehen ans Bein gestrichen haben, helfen ungemein. Wie Beat Schmid auf «tippinpoint.» richtig schreibt: «Von einer “möglichen Überschuldung” kann aufgrund des Revisionsberichts keine Rede sein.»

Wieso also das Gestürm? Logisch: «Filmemacher Samir will unbedingt in den Verwaltungsrat. Seine Gruppe hat seine Kandidatur als «ultimativ» und «nicht verhandelbar» bezeichnet. Zudem hat er sich mit einer “Bewerbung” selber zur Wahl vorgeschlagen.»

Also Putschversuch zwei eines Unermüdlichen. Das Einzige, was am «Kosmos» nie funktioniert hat, sind die Kinos. Ausgerechnet der dafür Verantwortliche will nun das Zepter über den ganzen Betrieb übernehmen. Ein Trauerspiel, wie Schmid resümiert:

«Zwei Jahre nach dem letzten Krach droht dem Kosmos abermals die Spaltung. Diesmal geht sie quer durch einst befreundete Lager. Für die Beschäftigten ist das ein ganz grosser Jammer. Sie sind letztlich die Leidtragenden der Streitereien. Im kleinen Zürcher Kulturbetrieb spielt sich das gleiche Drama ab wie in grossen börsenkotierten Firmen: Ein gespaltenes, zerstrittenes Aktionariat bringt jedes Unternehmen früher oder später an den Rand des Abgrunds – oder darüber hinaus.»

Linke Gesinnung, Subventionen, Kultur und Geschäft. Wenn das alleine noch nicht für eine Explosion reicht, braucht es nur noch ein weiteres Element als Zündschnur: Machtgier.

Und die Moral von der Geschicht? Erb-Linke können Geschäfte nicht.

Beknackt gegen den Strom

Alle sagen weiss, wir sagen schwarz. Damit will die WeWo punkten.

Putin ist unverstanden, nur die «Weltwoche» weiss, was die Neutralität der Schweiz beinhaltet. Im Zweifel herrscht der Reflex für das Konservative, gegen alles Linke. Das kann Spass machen, das kann Widerhaken setzen, das kann die Debatte anregen. Oder aber, es ist einfach nur aschgrau und bedenklich, wenn die Methode aufs falsche Objekt angewendet wird. Vom falschen Autor.

Das hier ist ein gutes Beispiel dafür:

«Die Verteufelung der Taliban durch den Westen ist falsch und gefährlich. Sie vernebelt den Blick für drei verheissungsvolle Entwicklungen und verhindert eine Wende zum Besseren.»

Hört sich schön knackig gegen den Strom an. Die Autorin Cheryl Benard (Achtung, Sexismusverdacht) beschäftigt sich mit einer breiten Palette von Themen; da ihr Mann, ein gebürtiger Paschtune, ehemaliger US-Botschafter in Afghanistan ist, gehört auch das Land der Taliban dazu.

Während sich alle zivilisierten Beobachter Afghanistans darüber entsetzen, dass die Taliban Schritt für Schritt zu ihrem Terrorregime der letzten Herrschaft zurückkehren; Frauen vom öffentlichen Leben ausschliessen, sie nicht mehr in die Schule gehen lassen und gerade dekretierten, dass sie sich nur im Stoffgefängnis Burka in der Öffentlichkeit blicken lassen dürfen, sieht das Benard anders: «Keiner scheint im Moment ein Auge zu haben für die ziemlich dramatischen Spaltungen innerhalb der Taliban

Sie gibt zwar selbst zu, dass die Fundamentalisten gegen aussen geeint auftreten und ein rückwärtsgewandter Mullah fast wie Chomeini selig im Iran das Sagen hat. Aber: «Zweitens ist die pauschale Ablehnung der neuen Regierung durch so gut wie die gesamte Aussenwelt nicht hilfreich.»

Die pauschale Ablehnung einer nur mit Waffengewalt legitimierten Junta, die nach lügnerischen Schalmeienklängen inzwischen wieder offen zeigt, dass sie das Land ins finsterste, fundamentalistischste Mittelalter zurückstossen will. Was empfiehlt denn die grosse Taliban-Kennerin stattdessen? «Ein nuancierter Umgang mit den Taliban-Fraktionen ist daher der beste und momentan auch der einzige Weg, in Afghanistan eine Wende zum Besseren zu erreichen.»

Welchen Fraktionen? Meint sie den Unterschied zwischen finsterstes Mittelalter und finsteres? Dass alle Fundamentalisten, wenn sie an der Macht sind, nur durch Gewalt oder schärfste wirtschaftliche Sanktionen von ihr entfernt werden können, ist Benard offenbar entgangen.

Religiöse Wahnsinnige sind weder belehrbar, noch zu Reformen fähig. Umso schneller sie von der Macht vertrieben werden, desto besser für Afghanistan und vor allem für Afghaninnen. Wer Frauen als Wesen zweiter Klasse behandelt, sie unter einen Ganzkörperpräservativ zwingt und ihnen den Zugang zu Ausbildung, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung verwehrt, mit dem ist kein nuancierter Umgang möglich.

Mit solchen Beiträgen, die nur publiziert werden, weil sie das Gegenteil einer weitverbreiteten Ansicht behaupten, macht sich die «Weltwoche» leider lächerlich.

Die Welt der «Weltwoche»

Welches Weltbild vermittelt das Blatt? Eines. Seines.

Als Opener ergreift ein gewisser R.K. das Wort und konstatiert: «Die Schweiz verwildert». Wie das? Nun R.K. sticht es in die Nase: «Es riecht nach Willkür und Diktatur in den Berner Wandelgängen.»

Ein wenig Bildungsbürgertum lässt R.K. auch noch auf den Leser regnen, indem er ein Zitat von Napoleon kreativ abwandelt: «Der Weg ist kurz vom moralisch Erhabenen zum politisch Lächerlichen.» Wie verwildert die Schweiz, wer riecht nach Willkür und Diktatur? Nebensächlich, der politische Gegner natürlich. Aber am Schluss entlässt uns der Chefredaktor, Herausgeber, Verleger und Besitzer mit einem Hoffnungsstrahl: «Je grösser der Unsinn, desto kräftiger meldet sich die Vernunft zurück.» Also ER.

Da sind wir beruhigt und denken: «much ado about nothing

Als Nächster wittert Kurt Pelda Unheil: «Terrorist unterrichtet Schweizer Kinder». Das ist natürlich ein starkes Stück, auch wenn man der Wahrheit zuliebe sagen muss, dass dieser Titel den Gedanken der Resozialisierung nach einer verbüssten Strafe nicht gerade unterstützt.

Der Bundeshaus-Redaktor Hubert Mooser nimmt sich als Nächstes die üblichen Verdächtigen vor: Gerhard Pfister, Thierry Burkart plus natürlich Fabian Molina. Der fragt sich inzwischen sicher, was er denn falsch gemacht hat, wenn er einmal nicht in der WeWo drankommt. Auch hier muss vor Verwilderung gewarnt werden, das übernimmt der neutrale Banker Thomas Matter: «Man ist offensichtlich gewillt, den Rechtsstaat auszuhebeln und den Banken den Todesstoss zu versetzen.»

Da möchte man im  Sinne von R.K. rufen: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Ist zwar nicht von Napoleon, aber auch gut.

Erfrischung mit einer Uralt-Story

So kann’s nicht weitergehen, also darf Bond-Fan Peter Wälty ein taufrisches und ungemein aktuelles Thema als Coverstory abhandeln: Ursula Andress, Honey Ryder, «Dr. No». Ganz alte Leser erinnern sich an das erste Bond-Abenteuer von 1962. Ist nun 60 Jahre her; eine runde Jahreszahl, mehr Anlass braucht’s nicht, um Andress sozusagen fast port mortem zur «Ikone der Frauenbewegung» umzuschreiben. Was zwar ihrer Rolle im Film diametral widerspricht, aber he, dieses Bikini, diese Figur, dieses Gesicht.

Zurück zu ernsten Themen. Thomas Fasbender «ordnet Putins Rede an der Moskauer Militärparade ein». Das ist der gleiche Autor, der den Gewaltsflop einer Titelgeschichte über den unverstandenen Putin verbrach, als der gerade in die Ukraine einmarschieren liess. Das ist ungefähr so sinnvoll wie einen Priester Vaterfreuden einordnen zu lassen.

Dann versucht sich Hansrudolf Kamer, ehemaliger Auslandchef der NZZ, der gerne dort Chefredaktor geworden wäre, im Abklingbecken für pensionierte Weltendeuter an der Frage: «Ukraine: was will Amerika?» Darauf antwortet er im besten NZZ-Stil: einerseits, andererseits, aber dann doch wieder nicht, falls, wobei.

Klare Kante lassen dann Christoph Mörgeli und Beat Gygi nicht vermissen: «Grüner Alptraum. Der «Klimaplan» der Schweizer Umweltschützer ist linksextrem und diktatorisch. Eine Umsetzung wäre eine Katastrophe für Wohlstand, Markt und Gesellschaft.»

Schreckensbleich donnern die Autoren: «Die Grüne Partei verachtet alles, was mit wirtschaftlich-schöpferischem Antrieb zu tun hat und will vor allem Genügsamkeit.» Also vielleicht das, was zwei festangestellte Redaktoren mit Pensionskasse, Ferienanspruch und freier Themenwahl innerhalb des Rahmens, der von R.K. vorgegeben wird, auch nicht wirklich ausleben.

Nachdem sich Oskar Lafontaine mit Karacho von der mitgegründeten Partei «Die Linke» losgesagt und sie damit in die Bedeutungslosigkeit zurückgestossen hat, verfügt er über Freizeit. Da hat’s dann Platz für regelmässige Beiträge in der WeWo, zu seinem Lieblingsfeind Joe Biden. Der ist allerdings mit 79 ein Jahr älter als der Saarländer und immerhin Präsident der USA, während sich Lafontaine in seiner Politkarriere konsequent von oben nach unten vorgearbeitet hat.

Wackelkontakt mit der Realität

Dann verlässt die WeWo mit einem Bericht von Tom Kummer den Bereich der Ernsthaftigkeit, auch wenn sie mit dem Obertitel «Basierend auf wahren Begebenheiten» sozusagen in der Packungsbeilage darauf hinweist, dass die Begebenheiten weder wahr, noch eine Basis sein müssen, sondern auch der Fantasie des Fake-Autors entsprungen sein könnten. Nichts gegen Resozialisierung, aber gibt es nicht genügend reale Storys in der Welt?

Eine Lobhudelei auf den Faschismus-Freund Le Corbusier, das «Genie des vereinfachten Stils», nimmt auch nur sehr partiell Kontakt mit der Realität auf.

Aber anschliessend betreten wir mit «Literatur und Kunst» die Hallen des erhabenen Feuilletons. Natürlich ist hier der Autor Partei, weil er dort ab und an publiziert. Daher verkneifen wir uns sowohl Lob wie Tadel (wobei es nix zu tadeln gäbe, wie wir in aller Objektivität feststellen müssen).

Gegen hinten wird’s dann etwas dünn

Mit «Leben heute» plämpelt das Blatt dann so langsam aus. Alles erlaubt, nur braucht’s im begrenzten Raum der guten Laune, die R.K. unermüdlich verströmen will, wirklich Promiklatsch mit André Häfliger? Premiere des Zirkus Knie; gibt es ein Thema, das noch verstaubter, verschnarchter ist? Ein Stelldichein gut gelagerter B- und C-Promis? Oder wer hat denn schon mal von «Schoscho Rufener» samt «Ehefrau Nadine Borter» gehört? Und muss man nicht sagen: wer sich in dieser Gesellschaft blicken lässt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren?

Aber, wir kommen zum Fazit. Vorangestellt sei, dass R.K. der einzige uns bekannte Chefredaktor ist, der sich in seinem eigenen Blatt von mir kritisieren lässt. Wenn nun also ein Lob kommt, dann hat das nichts mit Bewahrung eines Publikationsplatzes zu tun.

Die WeWo ist, trotz angeblich unbändig guter Laune des Chefs, häufig kreischig, alarmistisch, läutet unablässig Totenglöcklein, befürchtet Schlimmes und Schlimmstes, warnt, mahnt, lebt weiterhin den Reflex aus: gegen den Strom. Wenn alle dafür sind, sind wir dagegen. Und umgekehrt. Worum geht’s? Keine grosse Ahnung, aber gewaltig starke Meinung.

Positiv hingegen ist, dass kein anderes Organ in der Schweiz auf dermassen knappem Raum so viel Anregung enthält. Durchaus auch Aufregung. Jedes Mal, wenn man gähnt und denkt: oh je, wenn der Name Molina auftaucht, kann man gleich weiterblättern, überrascht einen die Zeitschrift mit einem schön quer in der Landschaft stehenden und originellen Ansatz.

Die Feinde haben’s leicht

R.K. macht es seinen Feinden, und die sind zahlreich, manchmal zu leicht, indem er so vorhersehbar ist, dass man eine Replik eigentlich schon schreiben kann, bevor er zum Griffel greift. Und bei aller Kritikfähigkeit bräuchte es schon ein Flächenbombardement mit russischen Überschallwaffen, um ihn aus einer einmal bezogenen Position wieder rauszukriegen.

Die WeWo ist weiterhin, und ergänzt durch ein einsam grosses Feuilleton, ein bunter Strauss. Manche Blumen sind verwelkt, andere stinken. Aber wieder andere duften, verschönern und bereichern. Dagegen ist das meiste andere, was in Schweizer Medien erscheint, vor allem in denen der grossen Medienclans, welkes Gemüse, Brei, selbst gequirlte oder gleich per copy/paste übernommene dünne Suppe.

Die WeWo ist dann die Worcestershiresauce des Schweizer Journalismus. Der verblichene VEB Exzellent Dresden bot sie als Worcestersauce pikant und als Worcestershiresauce «lieblich würzig» an. Diesem Vorbild eifert Köppels Magazin erfolgreich nach.

Sparen durch Ausgeben

Die SRG macht es wie im Werbespot: ausgeben zum Sparen.

Nicht nur Hausfrauen fallen immer wieder darauf rein: Sonderangebot, Sie sparen 10 Franken. Dass man zuerst 50 Franken ausgeben muss, um dann angeblich zu sparen, je nun.

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Etwas merkwürdiger wird es, wenn es um den Zwangsgebührensender SRG geht. Der muss nämlich auch sparen. Dazu zwingen sinkende Einnahmen. Sparrunde eins wurde mit 100 Millionen bis 2020 absolviert.

Nun sollen noch mal 50 Millionen draufgesattelt werden. 250 Stellen solle das kosten, bis 2024 werde auch diese Sparrunde abgeschlossen sein, behauptet die SRG. Das ist sowieso ein heikles Thema, weil der Sender mit einer Initiative bedroht wird, die die Zwanggebühren schlichtweg halbieren will. Diesem Ansinnen werden durchaus gute Chancen eingeräumt, nachdem der Versuch, die Zwangsgebühren vollständig zu streichen, knapp abgeschmettert wurde.

Vor der letzten Abstimmung hatte die SRG Kreide gefressen, Besserung gelobt, man woll haushälterischer mit dem Milliardenbudget umgehen. Schon damals hatte der Medienexperte Kurt W. Zimmermann in seiner «Weltwoche»-Kolumne vorgerechnet, dass jeder eigentlich für den Inhalt von Sendungen Arbeitende von zwei weiteren Sesselfurzern unterstützt wird.

Ob es wirklich fast 7000 Angestellte braucht, um die sogenannte Grundversorgung der Bevölkerung, den Service Puplic im Medialen, sicherzustellen? Durch die Ausweitung des Online-Angebots machte sich die SRG bei den privaten Medienhäusern keine Freunde. Denn die sehen ihr eigenes Angebot dadurch konkurrenziert. Die Ablehnung der Medienmilliarde hat auch gezeigt, dass die Stimmbürger ihr Portemonnaie lieber geschlossen halten wollen.

Also wäre es sicherlich förderlich, wenn die SRG die zweite Sparrunde vorbildlich durchführte. Nur: sie verwendet offenbar lieber die Methode: sparen durch Ausgeben. Denn statt an den 50 Millionen Sparziel zu arbeiten, hat die SRG laut Geschäftsbericht im Jahr 2021 satte 50 Millionen mehr ausgegeben.

Zudem sanken die Personalkosten um lediglich 16 Millionen, diese 1,6 Prozent seien «Peanuts», schimpft Zimmermann in der «Weltwoche», wo er diese neusten Zahlen enthüllte. Da schon die normale Fluktation 6 Prozent betrage, besetzte die SRG-Spitze «einfach jede vierte Stelle, die intern frei wurde, nicht mehr neu».

Da passt die Reaktion der Führungsequipe auf die Kritik an ihren Boni bestens ins Bild. Wieso braucht es das bei einem Unternehmen, das nicht gewinnorientiert arbeiten muss? Stimmt, war die Schlaumeierei als Antwort, das braucht es wirklich nicht – deshalb wurde der variable Anteil einfach in den Fixlohn integriert, schon ist das Bonusproblem gelöst.

Die SRG sieht in den Mehrausgaben keinen Widerspruch zum Sparprogramm. Es waren, Überraschung, «besondere Ereignisse», die zu Mehraugaben zwangen. Sportevents, Corona, die anhaltenden technischen Probleme im neuen Newscenter, das läppert sich dann halt.

Auch bei der SRG gilt offenbar die absurde Sparlogik: Wenn man 50 Franken ausgeben muss, um 10 zu sparen, dann spart man doch am einfachsten sogar 20 Franken, wenn man 100 ausgibt. Diese Ausgabe hat man locker wieder eingespart, wenn man nochmal 500 drauflegt.

Wieso allerdings der Geldbeutel trotz solcher gewaltigen Sparmassnahmen immer leerer wird, das müsste halt mal ein Wirtschaftsnobelpreisträger erklären, versteht doch kein normaler Mensch, noch viel weniger ein SRG-Chef.

 

Mein Geld, dein Geld

Ist Russland bald pleite? Oder nicht? Die Medien machen Ramschverkauf.

Das Schöne an der sogenannte freien Presse ist: sie ist weitgehend frei von Kenntnissen. Selbst banale wirtschaftliche Fragen werden so oder so beantwortet.

Nehmen wir die nun nicht allzu schwierige Frage, ob Russland in eine Staatspleite schlittert oder nicht. Sollte man eigentlich beantworten können. Kann man. «Die Welt» ist sich sicher: «Moskaus Pleite steht unmittelbar bevor». Zwar im vorsichtigen Journalisten-Konjunktiv, aber dennoch mit klarer Zeitangabe: «Schon Anfang Mai könnte das nach Fläche größte Land der Welt als international zahlungsunfähig dastehen

Klare Prognose der «Welt»: nicht bald, sondern jetzt.

Da der Journalist weiss, dass seinem Sachverstand der Leser nicht unbedingt traut, zitiert er einen Fachmann: ««Investoren bekommen nicht ihr Geld. Ein Default ist ein Default», kommentiert Timothy Ash, Schwellenländerstratege bei Bluebay Asset Management

Nicht gegen diesen Schwellenländerstrategen, aber worin besteht genau dessen Qualifikation?

Der Verfasser des Artikels will dann doch auf Nummer sicher gehen und endet, im klaren Widerspruch zur Headline: «Beobachter weisen allerdings darauf hin, dass die Wertentwicklung des Rubels nicht zu einem Bankrott des Landes passen will. Die russische Währung notiert in Dollar und Euro jetzt wieder so hoch wie Ausbruch des Kriegs.» Kann man also so oder so sehen.

Wenn’s in der SZ steht, steht’s auch in Tamedia

Was die «Welt» weiss, echot natürlich auch die «Süddeutsche Zeitung»: «Staatspleite Russlands wird immer wahrscheinlicher.» Und das bedeutet, wir ahnen es, genau, dass das wirtschaftliche Kompetenzzentrum Tamedia hinter seiner Bezahlschranke weiss: «Staatspleite Russlands wird immer wahrscheinlicher». Hm, kongenial zum gleichen Resultat wie die SZ gekommen? Nein, Artikel per copy/paste übernommen und gegen Entgelt in der Schweiz angeboten.

Das Original in der «Süddeutschen».

Die Originalkopie von Tamedia. Man beachte die neu formulierte Headline …

Wenn es den Begriff journalistische Pleite gäbe, hier wäre er angebracht. Fröhlich gegen den Strom schwimmt wie meist die «Weltwoche». Hier weiss ein Peter Hänseler: «Es wird wohl einige Augenblicke dauern, aber alles Zwängen und Drohen des Westens wird nichts nützen. Russland wird seine Rohstoffe in Zukunft in Rubel verkaufen, was den Rubel stärken wird.» Er sieht die Zukunft ganz anders, nämlich rosig für den Rubel:

«Die erlassenen Sanktionen tun Russland zwar kurzfristig weh, die Konsequenzen für den Westen haben jedoch das Potenzial, die gesamte westliche Wirtschaftsordnung aus den Angeln zu heben und somit die Vorherrschaft des Westens zu beenden und durch ein System abzulösen, das ohne exorbitante Privilegien auskommt.»

Kann man so, so oder soso lala sehen

Dazu muss man wissen, dass laut WeWo Hänseler ein «Schweizer Anwalt und Unternehmer» sei, der seit 25 Jahren in Russland tätig sei und seit einem Jahr in Moskau lebe. «Er ist dort nicht erwerbstätig und pflegt keinerlei Kontakte zu Politik oder Grossfinanz.»

Nicht der Rubel, der Dollar ist am Ende. Meint der WeWo-Autor.

Lassen wir das einmal so stehen; man kann natürlich auch in Moskau dem süssen Nichtstun nachgehen und in der WeWo einen Artikel nach dem anderen absondern. Von dort weiss er Erstaunliches von seinen Gesprächen in seinem Bekanntenkreis zu berichten: «Einig sei man sich in der Einschätzung, dass der sogenannte Euromaidan 2014 ein amerikanischer Coup gewesen sei.» Daher kritisiere man auch in Moskau Putin: «Meine Gesprächspartner finden, Putin hätte bereits 2014 in der Ukraine eingreifen sollen.»

Immerhin, das Leben in der russischen Hauptstadt ist angenehm: «Gab es vor einem Vierteljahrhundert ein paar wenige und völlig überteuerte Restaurants in dieser Stadt, sind es heute über 20 000. Für jeden Geschmack, jede Küche und jedes Budget gibt es eine riesige Auswahl.» Aber nicht nur Gourmetfreuden hält Moskau bereit: «Die russische Seele ist so warm, dass der sibirische Winter keine Chance hat.»

Die russische Sääle lääbt

Ach, wussten wir es doch immer schon. Raue Schale, weicher Kern, ab der zweiten Flasche Wodka wird der Russe sentimental und umarmt jeden Fremden mit Tränen in den Augen: Druzhba (Freundschaft), Nasdrovje (Prosit), drug (Freund).

Einem solchen Schwurbler vertraut die WeWo ihre Berichterstattung über die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen an. Man muss leider sagen, dass Roger Köppel in dieser Angelegenheit ein unglückliches Händchen hat. Wie schon damals bei der UBS, deren Krise er für beendet erklären liess – am gleichen Tag, als die Bank um Staatshilfe betteln musste –, liess er eine andere Koryphäe am Tag des Überfalls auf die Ukraine sülzen, dass Putin nun wirklich im Westen ganz furchtbar missverstanden werde.

Denn der Totalversager Putin verkörpere «Tradition, Familie, Patriotismus, Krieg, Religion, Männlichkeit, Militär, Machtpolitik und nationale Interessen», wusste Köppel damals.

Damit ist die Frage auch nicht beantwortet, ob Russland nun pleite geht oder der Rubel die neue Leitwährung wird? Richtig, doch dazu braucht es einen gesonderten Artikel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kovic ohne Fallschirm

Der selbsternannte Experte dilettiert mal wieder.

Es ist bedauerlich, dass eine der wenigen Plattformen, die sich noch mit Medien befassen, unaufhaltsam auf dem Weg nach unten ist.

Bei der «Medienwoche» dilettiert regelmässig Marko Kovic über beliebige Themen – mit beliebigen Behauptungen. Aktuell hat es ihm der «Fallschirm-Journalismus» angetan.

«Im Ukraine-Krieg begeben sich auch Journalist*innen ohne ausreichende Vorkenntnisse und Kontakte in das Krisengebiet. Das ist für die Betroffenen gefährlich und führt zu oberflächlicher Berichterstattung.»

Das ist nun überhaupt nichts Neues, wie auch Kovic selber einräumen muss. «Fallschirmjournalismus gewann in den vergangenen rund 20 Jahren im Zuge des Strukturwandels der Medien weltweit an Bedeutung», behauptet die soziologische Koryphäe, wie meist völlig unbeleckt von Kenntnissen.

Denn eigentlich will er mit seiner Suada nur einem einzigen Kriegsreporter eine überbraten: «Der Journalist und erfahrene Kriegsreporter Kurt Pelda ist für die «Weltwoche» in die Ukraine gereist. In seiner langen Berufskarriere hatte Pelda noch nie substanziell über die Ukraine berichtet.» Der mache «einen Reisebericht in Youtuber-Manier» ätzt Kovic, seine «Überlegungen» hätte Pelda auch in der Schweiz anstellen können.

Schliesslich kommt der Schreibtischstratege Kovic zum vernichtenden Fazit: «Wir brauchen keine ortsunkundigen Journalist*innen, die ihre subjektiven Erfahrungen und Eindrücke kundtun.»

Wir brauchen noch viel weniger einen Klugschwätzer, der diesen Sermon absondert, um der «Weltwoche» eine reinzuwürgen. Dafür lässt er wieder bedenkliche Wissenslücken aufblitzen.

Kovic als Kritiker von Kriegsreportern

Wer schon mal als Kriegsreporter unterwegs war, weiss, dass sich da immer erfahrene Kämpen und wilde Amateure tummeln. Das ist nicht erst seit 20 Jahren der Fall, sondern war eigentlich schon immer so. Der festangestellte Kriegsreporter hat den Vorteil, dass sein Arbeitgeber eine schweineteure Versicherung für ihn abschliesst, denn die normale Krankenkasse zahlt natürlich nix, wenn man in Kriegsgebieten körperliche Schäden erleidet.

Ansonsten hängt es vom persönlichen Mut des Einzelnen ab, ob er jeweils in der Bar des Interconti (schon immer das Hotel der Wahl in solchen Situationen) aufmerksam den Storys der heimkehrenden Reporter zuhört und daraus einen eigenen Artikel bastelt. Oder ob er, wenn nicht von allen guten Geistern verlassen, mit einem lokalen Fixer und einem Chauffeur bewaffnet, selber ausschwärmt.

Letztlich ist das auch ein finanzielles Problem; auf diese Art lässt man pro Tag locker 1000 Dollar liegen, denn auch die Eingeborenen wissen um die Gefährlichkeit der Situation und darum, dass es mehr Nachfrage als Angebot gibt.

Natürlich gibt es bis heute nichts, was den lokalen Augenschein eines erfahrenen Kriegsreporters ersetzen könnte. Schon immer waren die in Vietnam, dann in Afrika, dann im Irak, dann halt in der Ukraine. Ortskenntnis spielt keine grosse Rolle, viel wichtiger ist, Gefahren einschätzen zu können und dem alten Prinzip von Egon Erwin Kisch zu folgen: hingehen, anschauen und aufschreiben.

Die Reporterlegende, aber halt ein Linker …

Kovic weiss sicherlich nicht mal, wer Kisch war und was der gemacht hat.

ZACKBUM ist für jeden Bundesgenossen dankbar, denn Medienkritik ist so nötig wie nie. Umso betrüblicher, wenn sich die «Medienwoche» zunehmend selbst verzwergt.

 

 

 

 

Roger Köppel: der Missversteher

Der Chefredaktor/Verleger/Besitzer hat schon ein Händchen für Timing.

Der bisherige Höhepunkt war «La crise n’existe pas». Eine Jubel-Titelstory «UBS und CS wieder auf dem Vormarsch», publiziert an dem Tag, als die UBS zu Kreuze kriechen und Staatshilfe erbetteln musste. Geschrieben von vier Koryphäen, die seit 2008 nur sehr ungern daran erinnert werden wollen.

Nun legt Roger Köppel mit einer Titelstory über Waldimir Putin, den «Missverstandenen», nach. Publiziert an dem Tag, als der russische Präsident sein Militär Richtung Ukraine in Marsch setzte. Geschrieben von einem regelmässigen Mitarbeiter von «Russia Today». Thomas Fasbender ist Journalist und Unternehmer mit Firmen in Russland.

Das muss seinen Blick nicht unbedingt beeinflussen, könnte ihn aber daran hindern, sich allzu kritisch über den Kreml zu äussern, da dessen Reaktionen auf Kritik – bspw. durch Oligarchen wie Chodorkowski – sattsam bekannt sind.

Die «Weltwoche» versucht sich hier in einem einfühlsamen psychologischen Porträt, einer Motivforschung eines leider «Missverstandenen». Auf der Ebene: «Er will doch nur spielen».

Wieder einmal wird Köppel zum Opfer seines Grundreflexes:

«Wenn alle dafür sind, bin ich dagegen. Worum geht es eigentlich? Keine Ahnung, macht aber nix

Es war absehbar, dass er sich der zunehmend hysterischen und kriegstreiberischen Berichterstattung über Russlands Ukraine-Politik immer massiver entgegenstemmen würde.

Anlass zur Kritik gibt es genug

In seinen täglichen Videocasts, schriftlich, auf allen Kanälen warnte Köppel, warb er um Verständnis, kritisierte eine Verteufelung des Machthabers im Kreml, sah das Wiederaufleben alter Reflexe gegen den russischen Bären.

Es gibt tatsächlich einiges zu kritisieren an der Politik der NATO, den USA und Westeuropas gegenüber Russland, gegenüber ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des verblichenen Warschauer Pakts. Es gibt noch mehr zu kritisieren an der teilweise hysterischen Kriegsrhetorik westlicher Medien, die manchmal ohne weiteres den Tonfall treffen, der schon vor dem Ersten Weltkrieg herrschte: «Jeder Schuss ein toter Russ.»

Das ändert allerdings nichts daran, dass man Putin eigentlich nicht missverstehen kann. Wenn man um Verständnis für seine Politik wirbt, wird man selbst unverständlich. Gleich sieben Artikel der aktuellen «Weltwoche» widmen sich dem Thema Putin. In einer «Kleinen Psychologie der Putin-Kritik» versteigt sich Hobby-Historiker Köppel von einem schrägen historischen Vergleich zu einer Abrechnung zwischen «Tradition, Familie, Patriotismus, Krieg, Religion, Männlichkeit, Militär, Machtpolitik und nationale Interessen», verkörpert durch Putin.

Der sei eine «wandelnde Kriegserklärung an den Zeitgeist, an die «Woke»- und «Cancel-Culture», der unsere Intellektuellen und viele unserer Politiker so inbrünstig huldigen». Also kurz, er entlarve «den hohlen Moralismus seiner Gegner. Und die Dekadenz des Westens.» Der gesunde Naturbursche Putin, der sich gerne mit nacktem Oberkörper auf dem Pferd präsentiert, als Gegenbild zum verweichlichten westlichen Intellektuellen, der unter Bedenkenträgerei fast zusammenbricht.

Ähnliche Bilder, sorry to say so, ähnlichen Körperkult betrieben sonst nur die Nazis. Und dass Wilhelm II, ein körperlich und geistig behinderter Irrwisch, durchgeknallte Gespräche führte, die dann zu einem von der deutschen Regierung unverständlicherweise autorisierten Interview in einer englischen Zeitung wurden, das hat nun mit Putin und dem 21. Jahrhundert genau null zu tun.

Gerade Männer des Wortes und der Schrift, wie Köppel einer ist, begeistern sich seit Urzeiten an harten Männern, an Stellvertretern: Putin fahre «mit seinen Panzerdivisionen auf. Botschaft: Es gibt da draussen doch noch so etwas wie eine harte Wirklichkeit der Tatsachen, nicht nur das eingebildete Metaversum der «Diskurse» und «Narrative», mit denen man sich die Welt so zurechtlegt, wie man sie gerne hätte.»

Im Grunde ist das eine Selbstkritik des Autors, der genau das tut. Sich als Hobbywelterklärer ein Metaversum schaffen, ein Narrativ eines unverstandenen Naturburschen Putin aufbauen. Wir wagen es nicht zu hoffen, dass Köppel zur Selbstreflexion und Selbstkritik fähig ist, die nun angebracht wäre.

Denn bevor in den Nebeln der Worte und des Krieges die Wirklichkeit der Tatsachen verschwindet:

Jeder wie auch immer geartete Angriff auf die territoriale Integrität der Ukraine ist ein klarer Bruch russischer Zusicherungen und vertraglicher Vereinbarungen. Damit ein Angriff auf das Völkerrecht, lässt an der Vertragstreue Russlands im Allgemeinen zweifeln.

Sollte Russland tatsächlich die Ukraine erobern, was militärisch kein grosses Problem sein dürfte, bindet sich der Kreml ein Milliardenproblem ans Bein, müsste einen bankrotten, korrupten Staat aufräumen, der im «nation bulding» seit 1991 nicht wirklich weit gekommen ist. Ein Spielball von Oligarchen und Cliquen, bei dem ein Komiker der kleinste gemeinsame Nenner für einen Staatspräsidenten ist.

Wenn man sich die Welt nicht so zurecht legt, wie man sie gerne hätte: wäre Putin wirklich ein geschickter Machtpolitiker, würde er nicht in ein solches Fass ohne Boden hopsen. Aber wer sich als Naturbursche mit nacktem Oberkörper fotografieren lässt …

 

 

 

 

 

Obduktion der «Weltwoche»

Aktuelle Ausgabe im Schnelldurchlauf.

Was bekommt man für immerhin 9 Franken am Kiosk? Mit Bonus 84 Seiten im A4-Format. Das ist die Form, was ist der Inhalt der «Weltwoche»*?

Der zerfällt sozusagen in mehrere Teile. Da hätten wir mal den aktuellen Politteil, in dem SVP-Nationalrat Roger Köppel toben lässt. Bundespräsident Cassis wird auf dem Cover kurzerhand zum «gefährlichsten Politiker der Schweiz» ernannt.

Was gefährdet der denn genau? Er «verstrickt die Schweiz ohne böse Absicht in fremde Händel». Wie das? Ach, der mögliche Eintritt in den UN-Sicherheitsrat. Aber Hilfe naht, wie immer, wenn das Vaterland in Gefahr ist. Die SVP habe eine Sondersession erwirkt und fordere den Bundesrat auf, die Bewerbung zurückzuziehen.

Aber, leider, leider, die Genossen und die Grünen seien natürlich «ganz wild» auf den Sicherheitsrat, die FDP verweigere der Notrettungsaktion der SVP auch die Unterstützung. Bleibt die bange Frage an Bundespräsident Cassis:

«Wird er das Himmelfahrtskommando stoppen?»

Wohl nicht, befürchtet die «Weltwoche», dabei könnte es doch so einfach sein. Brief schreiben, auf Bewerbung verzichten, und schwupps: «Aus Cassis, dem gefährlichsten Politiker der Schweiz, würde mit einem Federstrich der weitsichtigste Staatsmann des Landes

Ziemlich verstiegen, diese Anhäufung von Anschuldigungen mit leicht kreischigem Oberton. Himmelfahrtskommando? Kaum Überlebenschance? Viele Verwundete und Tote auf dem Weg in den Himmel? Echt jetzt?

Das ist nun Politberichterstattung mit Schäufelchen und Eimerchen aus dem Sandkasten, wo Kuchen gebacken werden. Im Vorbeilaufen werden noch in dieser Reihenfolge der kanadische Premier, Simonetta Sommaruga und Micheline Calmy-Rey abgewatscht. Sozusagen der wöchentliche Rundlauf.

Wo ist im Politteil die gute Laune?

Nicht viel von der guten Laune zu verspüren, die Chefredaktor Roger Köppel neuerdings unermüdlich anmahnt. Die kommt dann beim Artikel «Tiere sind Kapitalisten» auf. Hier lernen wir, dass auch die Hummel ein «konsequentes Zeit- und Energiebudget» verwalte. Da können sich die Bienen noch eine Honigscheibe von abschneiden.

Es gibt wie immer eine Reihe von Trouvaillen, die die vorhersehbare Politschimpferei abtemperieren. So kann man traurig lesen, dass der Guide Michelin, seit vielen Jahrzehnten die erste Adresse für die Bewertung von Hotels und Restaurants, seine Dienste teilweise einstellt und nur mehr digital verfügbar sein wird. Ein trauriger Tag für alle, die von ihm fehlerfrei und tadellos beraten wurden.

Dazu gehört auch ein Fundstück von Christoph Mörgeli aus dem Wirken von Gottfried Keller, der sich über die Behandlung eines Direktors der Zürcher Irrenanstalt echauffierte, dem damals schon in den Medien nachgerufen wurde: «Werft ihn ‘naus, den Juden Itzig.» Eine Sternstunde des «Weinländer», der eigentlich kein antisemitisches Klischee ausliess. Dagegen verfasste Keller ein flammendes Plädoyer «Die öffentlichen Verleumder». Spannend.

Es folgt ein echter Belastungstest

Dann kommt ein Stück, bei dem man wieder bedauert, dass die «Weltwoche» einen Chefredaktor hat, der gleichzeitig der Verleger, Herausgeber und Besitzer ist. Denn nur so ist es zu erklären, dass ein Interview mit dem abgehalfterten Klaus von Dohnanyi mit ganz grosser Kelle angerührt und eingeschenkt wird. Peinlich, wie hier offensichtlich flache Sprüche demutsvoll entgegen genommen werden: «Ich lese viel Geschichte, weil ich überzeugt bin, dass die Geschichte ein mächtiger Faktor in der Gegenwart ist.» Hammererkenntnis, aber es geht noch weiter: «Das gilt auch für die Schweiz.»

Welche Tiefe des Gedankens, welche Luzidität, welche Eloquenz in der Formulierung. In Wirklichkeit hat Dohnanyi nie verwunden, dass er sich eigentlich gerne wie Helmut Schmidt in der Rolle des Elder Statesman gesehen hätte, aber damit ziemlich alleine blieb. Denn es fehlte und fehlt ihm zwar nicht an Gehabe, aber an Format.

Aber wo Schatten ist, da ist auch Licht. Die Rubrik «Literatur und Kunst», nicht etwa nur betreut, sondern herausgegeben von Daniel Weber, beinhaltet ein Vielfaches an Anregung, Unterhaltung und Erkenntnisgewinn als die Durststrecke Interview mit Dohnanyi.

Dann folgen, ein Auf und Ab, wieder einige Seiten, die man für Vernünftiges verwenden könnte. «Leben heute» versammelt Abgehangenes. Mark van Huissling zitiert allen Ernstes aus einem eigenen Werk von 2013, als wäre da noch etwas zu verramschen. Linus Reichlin stellt eines seiner Zuckerwattestücke her. Elegant geschrieben, schmeckt, aber ist eigentlich nichts mehr als viel, viel Luft.

Claudia Schumacher, das kann jetzt als frauenfeindlich angesehen werden, nimmt jede Woche an einem Vierkampf teil. Sie, Dania Schiftan, Anabel Schunke und Tamara Wernli wetteifern darum, bei wem sich beim Leser am schnellsten das Gefühl einstellt, in ein nasses Handtuch zu beissen. In dieser Ausgabe ist’s ein Fotofinish.

Die Gesamtbeurteilung mit Augenmass

Wir wollen weise und gerecht bleiben: Die «Weltwoche» ist jede Woche eine Wundertüte. Gefüllt mit kleinen Knallern, grossen Petarden, einigem an Denknahrung, aber auch Ausflügen in die Flachlande der biederen Parteipolitik. Vieles ist elegant geschrieben, einiges brillant, manches ist ärgerlich überflüssig.

Der Dirigent des Chaosorchesters schwingt mit beeindruckender Energie den Taktstock, und verausgabt sich täglich mit wie Videocasts, abgesehen von all seinen sonstigen Aktivitäten. Einem solchen Energiebolzen kann man schwer Widerstand leisten, selbst wenn er nicht auch noch der Besitzer mit der Lizenz zum Töten wäre, also zum Entlassen. Dass sich Köppel ungeheuerlich engagieren kann, begeistern, losgaloppieren, spricht ungemein für ihn. Zudem man auch erste Anzeichen von Altersweisheit oder zumindest –milde zu beobachten meint.

Dem würden Sie sicher eine WeWo abkaufen: Roger Köppel.

Aber dann fehlt es wieder an Checks and Balances. Gibt es einen fatalen Hang zu Blubber-Königen wie Steve Bannon, der inzwischen nicht mal mehr mit Provokationen auffällt. Oder zu einem Dohnanyi, der für sein Alter tatsächlich noch recht kregel ist, aber das sollte noch lange kein Grund sein, ihm eine vielseitige Medizinstrecke für Schlaflose zu widmen.

Aber jede Woche ist eine neue Woche, und es gibt wohl kaum einen Chefredaktor, der so unermüdlich und mit sichtbarem Vergnügen ankündigt, dass die aktuelle Ausgabe mal wieder ganz besonders gut gelungen sei. Es liegt leider auch an der Konkurrenz, dass er damit – relativ gesehen – eigentlich fast immer recht hat.

 

*Packungsbeilage: René Zeyer veröffentlicht gelegentlich in der «Weltwoche».

Wumms: Matthias Matussek

Die «Weltwoche» als Abklingbecken für ausgebrannte Journalisten.

Matussek hatte mal eine Karriere. «Stern», «Spiegel», dort sogar Leiter des Kulturressorts. Dann 2015 als Kolumnist der «Welt» entlassen.

Das verstärkte offenbar beim Zögling des von Jesuiten geführten Aloisiuskolleg das Gottvertrauen, dem er als bekennender Katholik auch öffentlich nachlebt. Seine Bemerkung, dass der liebe Gott das Klima mache, könnte man noch als Ironie abtun. Dass für ihn Homosexualität ein «Fehler der Natur» sei, ist schon anrüchiger.

Wie jeder Renegat neigt er zu Militanz: «Ich bin so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor vierzig Jahren Marxist war. Warum? Weil mein Verein angegriffen wird.»

Schon immer eher Rechtsausleger, hatte er in den letzten Jahren zunehmend weniger Berührungssängste mit rechten Rändern, als selbsterklärter «Sympathisant der Identitären». Vom Satiremagazin «Titanic» wurde er vorgeführt, als er sich an einer fiktiv angebotenen Mitarbeit im US-Rechts-Magazin Breitbart interessiert zeigte.

In der «Weltwoche» hat er’s allerdings auch nicht leicht:

Dass er sich in der Kurzpolemik gegen die FAZ (was dem Schweizer Leser schwer an einem gewissen Körperteil vorbeigeht) gegen jegliche Reform in der Katholikenkirche ausspricht, wohlan.

Aber liebe Bildredaktion, das mit einem Foto einer evangelischen Kirche zu illustrieren, ist schon Realsatire. Dass es im Hintergrund Pace-Fahnen hat, ist noch nicht mal das Sahnehäubchen. Offenbar handelt es sich um die Trauung eines lesbischen Paares – der Katholik Matussek ist strikt gegen gleichgeschlechtliche Ehen.

Gottseibeiuns, das nennt man eine Bild-Text-Schere. Oder handelt es sich bei der WeWo-Bildredaktion um eine gottlose Veranstaltung?