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Entlassung von Patrick Fischer

Medien geifern, Fakten werden ignoriert.

Von Thomas Baumann
Der Blick meinte nach der Entlassung von Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer: «Was wäre passiert, wenn es zu einer Infektion gekommen wäre, die mit Fischer in Verbindung hätte gebracht werden können? Die Chinesen, von Covid mit Millionen Toten schwer gebeutelt, fuhren eine rigide Corona-Politik – und sie stehen nicht im Verdacht, bei Gesetzesverstössen mit sich diskutieren zu lassen. Spannungen auf diplomatischer Ebene wären garantiert gewesen – und könnten es auch jetzt noch sein.
Es geht auch eine Kategorie harmloser: Wäre Fischer dann dafür verantwortlich gewesen, dass eine Reihe von Snowboard-Crossern, Buckelpistenfahrern und Eiskunstläuferinnen, die mit ihrem Sport kaum Geld verdienen, um ihren Karrierehöhepunkt gebracht worden wären? Der Teamgedanke, den Fischer zur Verteidigung seiner Urkundenfälschung vorbrachte, endet scheinbar ausserhalb des Hockeyteams.»
Frage: Wenn in dieser Angelegenheit derzeit landauf, landab der «Rechtsstaat» bemüht wird — warum sollen da ausgerechnet mögliche diplomatische Spannungen mit einer Regierung, welche in ihrem Land bestenfalls ‹rule by law›, aber nicht ‹rule of law› praktiziert, als Argument angeführt werden?
Auch die NZZ  liess sich herab. Wobei es hier ein gewisser Samuel Burgener war, der in die Tasten griff. Dieser pflegte in seiner Zeit beim Walliser Boten derart penetrant vom hohen Ross herab zu moralisieren, dass er von der Walliser Zeitung den Übernamen ‹Prediger› erhielt. Also meinte Burgener:
«Fischer, der erfolgreichste Nationaltrainer in der Geschichte des Schweizer Eishockeys, hatte den so geheimnisvollen Teamgeist stets bemüht, er hatte sehr hohe Ansprüche an die Disziplin und das Commitment der Spieler und war teilweise extrem streng. Nur nicht mit sich selbst. Er stellte sein Ego über die Interessen des Teams, er wollte zwingend an den Olympischen Spielen coachen. Für die Karriere eines Trainers ist ein solches Turnier von grosser Bedeutung. Fischer hat in dieser Intention durch eine mögliche Ansteckung mit Corona die körperliche Integrität seiner Spieler gefährdet und einen schweren Reputationsschaden für die Olympia-Delegation und das Eishockey der Schweiz in Kauf genommen. Das ist unentschuldbar.»
Man sieht: Moralisieren kann der moderne Journalist, recherchieren jedoch nicht.
Ansteckung? Vom Anfang Juli bis Ende 2021 war weltweit, in der Schweiz und Europa die Delta-Variante des Coronavirus vorherrschend. Und vorherrschend bedeutet bei Viren: Zu beinahe hundert Prozent vorherrschend. Das Coronavirus kennt, wie China faktisch, keine Mehrparteienherrschaft. (Felix Abt mag mich hier gerne korrigieren, dass China de jure eine Mehrparteienregierung hat.)
Bereits am 24. August 2021 schrieb die Welt-Gesundheitsorganisation WHO, welche bekanntlich nicht im Verdacht steht, dem Lager der Impfgegner nahezustehen, in ihrem 54. wöchentlichen Epidemie-Update: «Ähnliche Übertragungsrate zwischen geimpften und ungeimpften Personen» («Similar transmissibility between vaccinated and unvaccinated individuals»).
Es ist richtig, dass Patrick Fischer dem Team schweren Schaden zugefügt hätte, wenn er erwischt worden wäre.
Es ist richtig, dass es eine Schweinerei gewesen wäre, wenn er andere Sportler um ihren Olympiatraum gebracht hätte, wenn er als Ungeimpfter die Verbreitung des Coronavirus befördert hätte.
Bloss: Die Gefahr, dass er wegen seines Impfstatus als Ungeimpfter jemanden ansteckte, existierte schlicht und einfach nicht, wie selbst die Welt-Gesundheitsorganisation frühzeitig feststellte.
Das theoretisch valable Argument, dass Fischer durch eine Ansteckung andere Sportler um ihren Olympiatraum hätte bringen können, prallt an den Fakten der Realität ab.
Doch um Fakten schert sich der Journalist eben selten, wenn er ins Moralisieren kommt.
Eine Bemerkung zur Omikron-Variante des Coronavirus: Es ist richtig, dass die Omikron-Variante des Coronavirus zwischen Jahresende und Beginn der Olympischen Spiele die Weltherrschaft im Coronavirus-Universum übernahm.
Es ist ebenfalls richtig, dass damals nicht mit Sicherheit der Schluss gezogen werden konnte, dass die Aussage der WHO bezüglich der Delta-Variante auch bezüglich der Omikron-Variante Gültigkeit hat (obwohl dies später evident werden sollte).
Genauso gut wie es der Fall hätte sein können, dass die Impfung die Übertragung der Omikron-Variante verhindert, hätte auch der Fall sein können, dass die Impfung gar nicht gegen die Omikron-Variante schützt.
Hier stellt sich jedoch eine ganz andere ethische Frage: Darf man von Menschen verlagen, dass sie sich quasi auf Vorrat gegen ein Virus impfen lassen, bevor man weiss, ob die Impfung überhaupt sinnvoll und zweckmässig ist?
Wie dem auch sei: Solange Journalisten nicht wissen, ob eine Impfung die Übertragung eines Virus verhindert, oder sich diesbezüglich auf gültige Quellen berufen können, geht es nicht an, einfach behaupten, dass Ungeimpfte das Virus verbreiten würden.
Selbstdeklaration: Der Verfasser des Beitrags ist dreifach geimpft (obwohl das eigentlich nichts zur Sache tut) und trägt im ÖV gerne eine FFP2-Maske. Was bei der Luft im ÖV aber auch kaum zu verwundern vermag.

Revolverblatt Tamedia

Wenn sich der Niedergeschossene rechtfertigen muss.

Von Thomas Baumann*
Vincenzo Capodici ist beim «Tages-Anzeiger» Redaktor im Ressort International. Gleichzeitig ist er, wie es weiter heisst, «Mitglied des Tamedia-weiten Netzwerks ‹Neue Formen & Storytelling›».
Er hat die Aufgabe gefasst, den slowakischen Ministerpräsidenten, der soeben niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt wurde, näher vorzustellen.
An sich keine schlechte Idee: Auf der politischen Landkarte der meisten Leser dürfte die Slowakei nicht viel mehr als ein blinder Fleck sein. Bedarf an Information ist somit gegeben.
Also titelt der Journalist bzw. die Redaktion: «Slowakischer Premier Fico: Für seine Gegner verkörpert er den korrupten Mafiastaat». Und gleich danach im Lead: «Fico ist ein Machtmensch mit Nähe zu Russland und autokratischen Ideen — und er spaltet die slowakische Gesellschaft.»
Stopp, Timeout!
Zwei Wochen zurückspulen. Am 3. Mai wurde der SPD-Politiker Matthias Ecke beim Plakat-Aufhängen in Dresden angegriffen und spitalreif geschlagen.
Die Tamedia-Zeitungen sprachen damals zu recht von einem «brutalen Angriff». Dass sie das im Fall von Robert Fico nicht taten, ist ihnen nicht vorzuwerfen. Aus dem Zusammenhang — Schussabgabe, lebensgefährliche Verletzung — erschliesst sich die Brutalität des Angriffs ganz von selbst.
Was die Tamedia-Zeitungen damals aber ganz bestimmt nicht taten: All die negativen Eigenschaften aufzuzählen, welche der Angegriffene für seine politischen Gegner angeblich verkörpert.
Das wäre problemlos möglich gewesen: Es wäre der AfD wohl nicht schwergefallen, allerhand negative Attribute in Zusammenhang mit dem angegriffenen SPD-Politiker anzugeben. Aber man hat sie nicht gefragt. Zu Recht nicht gefragt.
Anders beim slowakischen Ministerpräsidenten. Der Grund dafür: Er gehört zu den Bösen, nicht zu den Guten. Zwar ist er offenbar «Linkspopulist» und nicht «Rechtspopulist» — aber angeblich russlandfreundlich und autokratisch veranlagt.
Natürlich darf der Vergleich zu Orban nicht fehlen, Hinweise auf einen angeblich von der Mafia unterwanderten Staat und einen Journalistenmord — doch weil es natürlich rassistisch (und auch völlig faktenfrei) wäre, der gesamten slowakische Gesellschaft eine Nähe zum Verbrechen zu unterstellen, heisst es weiter: «er spaltet die slowakische Gesellschaft».
Vincenzo Capodici ist angeblich Mitglied im Tamedia-weiten Netzwerk «Neue Formen & Storytelling». Täter-Opfer-Umkehr bzw. Opferschelte ist allerdings alles andere als eine neue Form des Storytelling.
Geradezu lachhaft, mit welcher Quelle dann versucht werden soll, die autokratischen Tendenzen zu belegen: «‹Fico ist das ganze System. Fico ist der König der Slowakei›, kommentierte kürzlich die polnische Zeitung ‹Rzeczpospolita›».
Genau lesen lohnt sich in diesem Fall: Tamedia findet keine andere Quelle als eine Zeitung aus dem Nachbarland Polen (!), um den slowakischen Ministerpräsidenten zu charakterisieren.
Bei solchem Journalismus bleibt einem wirklich nur noch Kopfschütteln.
Da capo:
Auch Tamedia ist natürlich die Gelegenheit zur Korrektur zu bieten. Wo passt das besser als direkt am Ort des Geschehens mit einem Leserkommentar? Dieser, rasch geschrieben, lautete folgendermassen: «Unlängst wurde ein deutscher SPD-Politiker niedergeschlagen und verletzt. Nie und nimmer wäre es der Redaktion damals aber in den Sinn gekommen zu schreiben: ‹Für seine Gegner verkörpert Matthias Ecke…› (und dazu irgendwelche negativen Assoziationen). Man gibt in so einem Fall nicht ausgerechnet der Täterschaft noch Raum für Ihrer Vorwürfe. Warum also im einen Fall — und im anderen nicht? Bloss weil einem ein Politiker sympathisch ist und im anderen Fall nicht?»
Die Redaktion von Tamedia: «Um einen angenehmen, sachlichen und fairen Umgang miteinander zu gewährleisten, publizieren wir keine Beiträge, die sich im Ton vergreifen.»
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*Der Kommentar erschien zuerst in der «Walliser Zeitung». Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

«Grossartiger Journalismus»

Heuchlerische Berichterstattung zur Fussball-WM der Frauen.

Von Thomas Baumann*
Was wurde die Fussball-WM der Frauen doch über den grünen Klee gelobt: «Ob Frauen oder Männer auf dem Platz stehen – egal», «Traumtor bleibt Traumtor – Es gibt keine Qualitätsunterschiede zwischen den Geschlechtern». Oder schlicht: «Darum ist diese WM einfach grossartig».

So oder ähnlich wurde man während zwei Wochen quasi im Tages-Rhythmus traktiert. Man las, dass die Mutter der Nationaltrainerin beim Startspiel so nervös war, dass sie gleich die ganze Wohnung putzte, erfuhr als nicht menstruierende Person allerhand Wissenswertes über den weibliche Zyklus und dass die SRF-Co-Kommentatorin Rachel Rinast angeblich einen Top-Job gemacht hat (eine kaum verhüllte Spitze gegen Sascha Ruefer, der einigen in die Wolle gefärbten Linken deutlich zu nationalistisch ist).

Weniger grossartig ist dagegen der gebotene Journalismus. So verwahrte sich Marcel Rohner in seinem Elaborat «Darum ist diese WM einfach grossartig» dagegen, dass die Leistung der Fussball spielenden Frauen mit denjenigen der Männer verglichen wird und verstieg sich gar zur Behauptung: «Nirgends in der Sportwelt werden Frauen so stark an Männern gemessen. Was auch heisst: Nirgendwo werden Sport treibenden Menschen die Kernkompetenzen ihres Berufs dermassen abgesprochen wie hier.»

Kernkompetenzen der Fussballerinnen…

Doch um welche Kernkompetenzen handelt es sich hier? «Verhaltens- oder leistungsbezogene Vergleiche» zwischen Männern und Frauen seinen «Blödsinn», belehrt uns der Journalist. Denn: «Die WM in Australien und Neuseeland steht für sich, und sie ist ein Fest.»

Der Grund: «Fussball ist einfach, er lebt von den Emotionen, das gilt für den Sport allgemein. Es kann noch so viel Perfektion dabei sein – was bewegt, sind die Momente, in denen aus gewöhnlichen Menschen Siegerinnen oder Verliererinnen werden. Die Frauen, die in Neuseeland und Australien Fussball spielen, liefern diese Emotionen. […] Momente wie diese machen diese WM grossartig

Heute, im 21. Jahrhundert, und nach diversen Frauenstreiks, versucht uns der Journalist also tatsächlich weiszumachen: Die Kernkompetenz der (Fussball spielenden) Frauen seien – «Emotionen». Nicht Leistung, nein, sondern: Emotionen. Eine solche Definition weiblicher Kompetenzen könnte direkt aus dem vorletzten Jahrhundert stammen.

Und was den Fakt angeht, dass in einem bestimmten Moment aus «gewöhnlichen Menschen Siegerinnen und Verliererinnen werden»: Das ist in keiner Hinsicht eine Kernkompetenz, sondern eine schlichte Notwendigkeit des Fussballspiels: Es können ja nicht alle Teams im Final stehen.

… und Inkompetenz des Journalisten

Was hingegen ist die Kernkompetenz des Sportjournalisten, der 2017 als Praktikant in der Tamedia-Sportredaktion begann und im Winter «auch über Skirennen» berichtet? Emotionen? Fachwissen dürfte es kaum sein, wie er mit folgendem abwegigen Vergleich zeigt: «Wenn Lara Gut-Behrami einen Riesenslalom gewinnt, sagt auch keiner: ‚Aber Odermatt wäre doppelt so schnell gewesen.‘»

Im Ernst jetzt? Denn genau dazu gibt es belastbare Zahlen: Weil nämlich beim Weltcupfinale am 16. März 2023 in Soldeu (Andorra) Frauen und Männer denselben Super-G-Kurs befuhren, kann man die Zeiten auch entsprechend miteinander vergleichen.

Siegerzeit Odermatt bei den Männern: 1:23,91
Siegerzeit Gut-Behrami bei den Frauen: 1:26,70

Oder in Sekunden umgerechnet: 83,91 : 86, 70. Odermatt war also nicht etwa «doppelt so schnell» wie Gut-Behrami, sondern bloss gut drei Prozent schneller. Solche Dinge sollte eigentlich wissen, wer als Sportjournalist im Winter «auch über Skirennen» berichtet. Ausser seine Kernkompetenz sei: Emotionen – und nicht Fachwissen.

Die Luft ist draussen

Doch wie steht es eigentlich um die Fussball-WM nach dem Ausscheiden der Schweizerinnen – um dieses «Fest», um diese «grossartigen» Momente, wenn «aus gewöhnlichen Menschen Siegerinnen oder Verliererinnen werden»?

Denn im Gegensatz zur Vorrunde, wo nach den ersten beiden Spielen kaum jemand definitiv zu den Siegerinnen oder Verliererinnen gehörte – die Marokkanerinnen, die gegen Deutschland 0:6 untergingen und wie die sicheren Verliererinnen aussahen, qualifizierten sich und Deutschland schied nach der Vorrunde aus – geht es jetzt, in der KO-Phase, wirklich um alles oder nichts, müssen die Verliererinnen definitiv ihre Koffer packen.

Wäre es eine Fussball-WM der Männer, würde jetzt auf Teufel komm raus spekuliert: Über den Fuss von Neymar, die Wade von Messi. Doch hier – nichts dergleichen. Kaum sind die Schweizerinnen ausgeschieden, sackt die Berichterstattung zusammen wie ein Soufflée. Die Füsse und Waden der Fussballspielerinnen interessieren nicht – als würden sie nicht damit Fussball spielen.

Plötzlich interessieren auch die Emotionen nicht mehr, die Aufstellungen und taktischen Spielchen der Coaches ebensowenig. Eben noch in den Himmel gelobt, wird die Fussball-WM nun ignoriert – wie ein Fussball, aus dem die Luft entwichen ist und der zerquetscht in der Ecke liegt.

Der TA-Journalist schliesst seinem Artikel folgendermassen: «Momente wie diese machen diese WM grossartig. Und das ändern auch jene nicht, die sich dazu berufen fühlen, jeden Goaliefehler ins Internet zu schreien – nur weil er einer Frau unterläuft.»

Was ist schlimmer, als über Frauenfussball abzulästern? Was ist die völlige Verachtung, die völlige Negation? Totschweigen.

Oder genau das, was die Zeitungen jetzt, nach dem Ausscheiden der Schweizerinnen, machen. Eben noch «grossartig», ist diese WM fast über Nacht quasi inexistent geworden.

«An ihren Taten sollt ihr sie erkennen», heisst es in der Bibel. An ihren Taten – oder vielmehr an ihrer Ignoranz – erkennt man, was die hiesigen Sportjournalisten wirklich von der Fussball-WM der Frauen halten: Nämlich fast nichts. Und die ganzen Lobpreisungen ehedem waren bloss Schall und Rauch.

 

*Dieser Artikel erschien in der «Walliser Zeitung» und wird hier mit freundlicher Genehmigung übernommen.