Gibt es die halbe Wahrheit?
Quellenkritik mal so, mal so.
Teil zwei (hier geht’s zu Teil eins)
«Kann man, wenn jemand für einen derartigen Sender arbeitet, wirklich von Journalismus sprechen?», fragt Daniel Rickenbacher in der NZZ und bezieht sich auf den zerbombten Hamas-TV-Sender al-Aksa, der höchstens noch via Internet oder Satellit existiert.
Hier kommt Rickenbacher zum Kern seiner als Recherche getarnten Polemik. Reporter ohne Grenzen und das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPI) «argumentieren, dass das internationale Recht auch Propagandisten schütze – selbst jene anerkannter Terrororganisationen, die zum heiligen Krieg gegen die Juden aufrufen –, und führen sie deshalb auf den Listen getöteter Journalisten».
Wo hört Journalismus auf und wo fängt Propaganda an? Ist der Aufruf, zu heiligen Krieg gegen die Juden Propaganda, der Aufruf zur Vernichtung und Vertreibung der Palästinenser eine journalistische Meinungsäusserung?
Gibt es nur bei der Hamas «Medienkrieger», wie das Rickenbacher nennt, die als Krieger natürlich nicht den Schutz wie Journalisten geniessen, sondern genauso abgeknallt werden dürfen wie die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen?
Deren Pech ist es, dass sie sich halt als menschliche Schutzschilde für die Hamas-Terroristen missbrauchen lassen – statt diese Kämpfer mit blossen Händen zu liquidieren. Oder hurtig in immer neue «Schutzzonen» zu flüchten, die dann aber ebenfalls bombardiert werden. Oder sich in «Konzentrationslager» zu verfügen, wie das ein ehemaliger israelischer Ministerpräsident nennt, dem man schwer Antisemitismus vorwerfen kann. Oder vielleicht sollten sie einfach einsehen, dass sie schlichtweg überflüssig sind, einem bereits herbeifantasierten Immobilienboom im Weg stehen – und sich schlichtweg selbst entleiben sollten.
Ja, das ist natürlich auch polemisch und einseitig, erhebt aber keinen Anspruch auf recherchierte Berichterstattung. Einen grossen Teil seiner Propaganda widmet Rickenbacher einer kritischen Darstellung, die weit in die Vergangenheit zurückgreift, des Smart Media Center in Rafah. Hier wurden nicht Journalisten, sondern «Medienkrieger ausgebildet». Schlusspointe: «Zu jenen Medienkriegern, die am 7. Oktober an der Seite der Mujahedin in den Krieg zogen, gehörte wahrscheinlich auch Mohammed Yarghun.»
Schlussfolgerung:
«Der Schutz von Journalisten ist wichtig. Mit der ungeprüften Übernahme von Angaben einer Terrororganisation untergraben NGO und westliche Medien jedoch die eigene Glaubwürdigkeit.»
Das ist ein orwellscher Satz. Der Schutz von Journalisten sei zwar wichtig Werden sie aber selbst nach Angaben regierungsnaher israelischer Organisationen zu Dutzenden abgeknallt und wird das kritisiert, untergräbt nicht etwa die israelische Regierung und die IDF ihre Glaubwürdigkeit, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Sondern das tun reputierte NGO wie das CPJ, Reporter ohne Grenzen und überhaupt «westliche Medien». Mit Ausnahme von Rickenbacher natürlich.
Ist Kontaktschuld ein ausreichendes Kriterium, um zwischen Journalisten, Propagandisten und Medienkriegern unterscheiden zu können? Rickenbacher äussert sich auch bei jesus.ch oder Audiatur. Wäre es nicht unredlich, ihn deswegen als christlich-jüdischen Propagandisten zu denunzieren? Oder ihm zu unterstellen, dass er Journalisten, die irgend etwas mit der Hamas zu tun haben, zum Abschuss freigibt?
So kritisch er diesen NGO gegenübersteht, so affirmativ übernimmt er Behauptungen des israelischen Intelligence and Terrorism Information Center (ITIC). Diese NGO hat mindestens so enge strukturelle und persönliche Verflechtungen zu israelischen Militär- und Geheimdienststrukturen wie das Smart Media Center zur Hamas.
Kritiker werfen dem ITIC vor, es handle sich um eine reine Propagandaorganisation, deren Aufgabe es sei, die offizielle Regierungspolitik zu unterstützen. Behauptungen des ITIC stammen ebenfalls häufig aus nicht verifizierbaren Quellen. Berichte, wie der über UNRWA-Sommercamps, die umgeschrieben wurden, Verleumdungen von missliebigen NGOs, die Tatsache, dass ehemalige Geheimdienstmitarbeiter in führenden Positionen bei der ITIC tätig sind – alles keine Gründe für ihn, ihre Behauptungen so pauschal zu disqualifizieren, wie das Rickenbacher mit ihm missliebigen Berichten und deren Autoren tut.
Die Unterscheidung zwischen Journalisten, Propagandisten und Medienkriegern ist höchst gefährlich – und fragwürdig. Selbst wenn man sie akzeptieren sollte, bleibt die auch von Rickenbacher nicht bestrittene Tatsache, dass Dutzende von unabhängigen Journalisten liquidiert wurden. Gezielt, absichtlich, offensichtlich zur Verhinderung weiterer Berichterstattung über israelische Greueltaten im Gazastreifen.
Ergänzt durch das unbestrittene Verbot der Einreise von unabhängigen Journalisten legt das den Verdacht nahe, dass die israelische Regierung, die IDF ein genauso falsches Spiel spielt. Allerdings ein ebenso tödliches wie die Hamas-Terroristen.
Daher ist eine halbe Wahrheit, wie sie Rickenbacher propagiert, eine ganze Lüge.








