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Viktor und Gülsha

Keiner zu klein, Sprach-Inquisitor zu sein.

Von Adrian Venetz

Kaum glaubt man, der Zenit des Schwachsinns sei erreicht, kommt irgendjemand daher und setzt noch einen drauf. Als oberster Inquisitor der gendergerechten Sprache tritt nun auch Viktor Giacobbo auf die Bühne. Wo? Natürlich auf dem Sektenforum Twitter. Stein des Anstosses ist der «Blick», der in einer Schlagzeile eine 26-jährige Sportlerin als «Schweizer Ski-Sternchen» bezeichnet hatte. In Giacobbos nicht zu übersehenden und höchst empfindlichen Ohren hört sich «Ski-Sternchen» nämlich «verächtlich» an. Er fragt den «Blick», ob man auch einen männlichen jungen Skifahrer so bezeichnen würde.

Komiker wird ernst.

Und wie das halt so ist bei Twitter, dauert es nicht lange, bis nach einem Tweet die gesammelte Schweizer Genderpolizei auf der Yogamatte steht, um ihre reine Lehre zu verkünden. Eine Twitter-Frau (Twitterin? Twitteuse? Twitterwesen?) setzte den Hashtag «#unterstesNiveau» unter ihren Empörungs-Tweet mit ebendieser «Blick»-Schlagzeile.

Was geht wohl im Kopf von Sibylle Forrer vor?

Das rief eine andere Frau namens Gülsha auf den Plan. (Sie hat wie Giacobbo ein blaues Häkchen auf Twitter, scheint also irgendwie bekannt zu sein.) Diese Gülsha griff tatsächlich zu folgender mehr oder minder originellen Redewendung, nachdem sie die Bezeichnung «Ski-Sternchen» gelesen hatte: «Man kann gar nicht so viel essen wie man kotzen will.» (Kommas gehen bei Brechreiz offenbar rasch vergessen.)

Das kann auch beim Lesen dieses Unfugs passieren.

Vielleicht weiss Gülsha (vielleicht auch nicht), von wem dieser Ausspruch in welchem Zusammenhang getätigt wurde. Da er nur mündlich überliefert ist, dürfte er sich etwa so angehört haben:

«Ick kann janich so ville fressen, wie ick kotzen möchte!»

So soll Max Liebermann seinen Ekel ausgedrückt haben, als er am 30. Januar 1933 den Fackelzug der Nazis durch Berlin von seinem Haus am Pariser Platz aus ansehen musste. Wer Liebermann, ein Nazi oder der Pariser Platz ist, das kann gegoogelt werden. Dass die Verwendung dieses Zitats in diesem Zusammenhang Brechreiz auslöst, kann nicht bestritten werden.

Kleiner Hinweis: Selbstporträt aus dem Jahre 1935.

Nun kann man gewiss geteilter Meinung sein, ob die Bezeichnung «Ski-Sternchen» in unserem Zeitalter der Sprachhochsensibilität noch angebracht ist oder ob das «Sternchen» zu einem schwarzen Löchlein kollabieren sollte, wo es unwiederbringbar verloren geht. Aber man fragt sich schon, ob die Sprachpolizist*innen hin und wieder auch einen Blick werfen auf das unsägliche Leid, das so vielen Menschen auf dieser Welt widerfährt – sich wenigstens hin und wieder fragen, ob sie ihre Empörungsprioritäten sinnvoll setzen. Und Gülsha sei vielleicht mal eine Reise in Regionen zu empfehlen, wo die Menschen ebenfalls nicht so viel essen können, wie sie kotzen wollen. Aber aus ganz anderen Gründen.