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Wumms: Eric Gujer

Immerhin eine Stimme der Vernunft.

Leider öffnet auch die NZZ immer wieder ihre Spalten für unreflektierte oder gelahrte Kriegsgurgeln. Sie hat sogar selbst einen Sandkastenoberst, der absurde Kriegsspiele fabuliert.

Aber dann gibt es doch noch Eric Gujer, der sich zwar ab und an verzettelt und verrennt, aber immer wieder zu klaren Gedanken und eleganten Formulierungen fähig ist. «Nichts ruiniert das Ansehen der Demokratie so treffsicher wie ihre Verteidigung mit Mitteln, denen jedes Augenmass fehlt.» Das ist so ein Gedanke, der in Endlosschleife wiederholt werden müsste.

Zunächst liefert Gujer vermeintlich Triviales ab. Aber so verkommen sind die Zeiten, dass daran wieder erinnert werden muss. Demokratie sei einfach ein Verfahren «zur Feststellung der Regierungsmehrheit». Wenn sie funktionieren soll, ist sie aber mehr: «eine Selbstversicherung, die hervorhebt, was eine echte Demokratie noch alles umfasst: Menschenrechte, Minderheitenschutz, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung».

Besonders schamlos gehen zurzeit die US-Demokraten vor, indem sie mit juristischen Mitteln versuchen, Donald Trump von der Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen auszuschliessen: «Die Demokratie erleidet doppelten Schaden. Dass Trump eine Todsünde beging, indem er am 6. Januar 2021 die wütende Menge anstachelte, statt zur Ruhe zu mahnen, tritt in den Hintergrund. Dank der unfreiwilligen Schützenhilfe in Colorado und Maine kann er sich als Verteidiger der Verfassungsordnung inszenieren, obwohl er sich mit dem Verhalten für das Amt des Präsidenten disqualifiziert hat

Zu solch ausgewogener Betrachtung sind immer weniger Kommentatoren in der Lage. Entweder, grossmehrheitlich, ist Trump für sie der wiedergeborene Gottseibeiuns. Oder der zu Unrecht geschmähte Heilsbringer. Dabei ist die wohl bevorstehende Wahl zwischen Biden und Trump wirklich wie zwischen Pest und Cholera, ein Armutszeugnis für die US-Demokratie.

Welch zweifelhafte Rolle die von den Demokraten instrumentalisierte Justiz spielt, bringt Gujer auf den Punkt: «Über den Ausschluss Trumps von den Vorwahlen befindet nun das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten. Wie das Gericht auch immer entscheidet, es entscheidet in den Augen der Hälfte der Amerikaner falsch. Die Richter, welche die Verfassung schützen sollen, werden unweigerlich in Misskredit geraten und mit ihnen die Verfassung selbst.»

Auch in Deutschland, angesichts des Erstarken der AfD, sind ähnliche Tendenzen zu erkennen: «Die SPD, die in Sachsen laut einer Umfrage derzeit bei 3 Prozent steht und damit an der 5-Prozent-Hürde scheitern würde, möchte eine Partei verbieten, der knapp 40 Prozent vorhergesagt werden.»

USA, Deutschland, Polen: «Kann man den Rechtsstaat mit rechtsstaatlich fragwürdigen Mitteln wiederherstellen? Lässt sich das Richtige mit falschen Mitteln erreichen?»

Zum Schluss erhebt sich Gujer ins Allgemeine: «Wenn die liberalen Demokraten wie ihre Gegner klingen, dann liegt die Vermutung nahe, dass sie auch ähnlich denken. Genau darin liegt die eigentliche Schwäche des Konzepts. Die liberale Demokratie beansprucht eine moralische Überlegenheit. Am Ende geht es ihren Verfechtern aber genauso um die Macht

Man mag seinen Lösungsvorschlag belächeln, aber es ist wohl der einzige, der bleibt: «Die Polarisierung wächst, Politiker und Journalisten steigern sich in immer schwärzere Dystopien hinein. Irgendwann herrscht geistiger Bürgerkrieg. Auf die naheliegende Idee, der Schwarmintelligenz der Wähler und der Widerstandskraft der Institutionen zu vertrauen, kommen die Mahner und Warner hingegen nicht. Dabei ist das der Kern der Demokratie, ob mit oder ohne Zusatz: Das Volk entscheidet und nicht Gerichte oder Experten.»

Man darf gespannt sein, wie die serbelnden Freisinnigen mit diesen Ratschlägen umgehen, die ja an sie gerichtet sind.

 

Wenn die Vernunft einmal siegt

Der Club Zürcher Wirtschaftsjournalisten bleibt, wie er ist.

An der letzten Generalversammlung geschah Unschönes. Drei Anträge wurden von den wenigen Anwesenden angenommen. Der erste: Umbenennung in den «Club Zürcher Wirtschaftsjournalist*innen».

Zweiter Antrag: «Ausarbeitung einer Branchenvereinbarung mit dem Ziel, dass die Redaktionen in ihrer Berichterstattung 50% Akteurinnen der Wirtschaft zu Wort kommen lassen.» Dritter: «Verzicht auf Sponsoring bei der Jahresveranstaltung; Prüfung alternativer Finanzierungsmodelle oder Anpassung des Rahmens der Veranstaltung.»

Damit wäre der Club im 50. Jahr seiner Existenz Opfer des Genderwahns, Opfer einer falsch verstandenen Quotenregelung und Opfer einer Sparmassnahme geworden, die die Begegnung mit hochkarätigen Wirtschaftsführern und Politikern unmöglich gemacht hätte.

Also in einem Wort: eine Notschlachtung. Glücklicherweise unterlag diese Abstimmung einem Formfehler und musste deshalb wiederholt werden. Nicht nur wegen Corona diesmal schriftlich; die Mitglieder (und auch die ohne) hatten zwei Wochen Zeit, nochmals abzustimmen.

Erfreuliches Resultat: «Es haben 76 von 116 wahlberechtigen Mitgliedern abgestimmt. Die Wahlbeteiligung lag damit bei 65.5 Prozent bzw. war mehr als drei mal so hoch wie an der physischen GV. Die Abstimmungsergebnisse sind also basisdemokratisch breit abgestützt und drücken den Willen der Mehrheit unser Clubmitglieder aus.»

Noch erfreulicher: für einmal in diesen Zeiten siegte die Vernunft und der gesunde Menschenverstand. Der Antrag auf Umbennung erhielt zwar wieder eine knappe Mehrheit von 51,32 Prozent. Da aber für eine Statutenänderung eine Zweidrittelmehrheit nötig wäre, ist er abgelehnt.

Klar fiel das Resultat bei der Quotenfrauregelung aus. Nur 23,7 Prozent waren dafür, eine satte Mehrheit von 65,8 Prozent waren dagegen. Schliesslich wurde der Verzicht auf Sponsoring des Jahresanlasses mit 33,3 Prozent Ja-Stimmen gegen 50,7 Prozent Nein abgelehnt.

Ende gut, alles gut, und dem Club bleibt das Mitglied René Zeyer erhalten, der nach der ersten, ungültigen Abstimmung seinen Austritt aus Protest erklärt hatte.

 

 

 

 

 

Was ist Aufklärung?

In trüben Zeiten hilft klares Denken. Wie das von Immanuel Kant.

Am Sonntag kann man sich schon mal Zeit nehmen, sich an einer klaren Bergquelle der Erkenntnis zu laben. Das putzt die Gehirnwindungen durch und erhebt den Menschen ungemein.

Sollten die Klickraten nicht dadurch zusammenbrechen, könnten wir uns auch ohne Weiteres eine kleine Serie vorstellen.

Beginnen muss die mit dem wohl entscheidenden Versuch, die Grundlage unseres modernen Denkens in Europa und auf wenigen Inseln der Vernunft in der Welt zu definieren. Es geht um den Begriff Aufklärung. Um das, was auf Spanisch so schön «el siglo de la luz» heisst, das erleuchtete Zeitalter.

Als kühne Denker, herausragend die Enzyklopädisten um Denis Diderot, damit begannen, die Wirklichkeit an sich selbst zu messen. Keine meist religiös unterfütterten Setzungen mehr zu akzeptieren, sondern es mit etwas ganz Neuem, Subversivem zu probieren: dem eigenen Denken, dem Debattieren zwecks Erkenntnisgewinn. Mit der ersten Erkenntnis, dass nur so Fortschritt möglich ist.

Eine genial einfache Antwort auf eine schwierige Frage

Dennoch dauerte es bis in den Dezember 1784, also fünf Jahre vor der Französischen Revolution, dass ein deutscher Denker aus Königsberg die einfache Frage stellte: «Was ist Aufklärung?» Und sie in der «Berlinischen Monatsschrift» auf wenigen Seiten umfassend, gültig und bis heute beeindruckend beantwortete.

Eigentlich müsste man dieses Werk einfach wörtlich zitieren. Aber wir bieten es hier zum Nachlesen und auf ZACKBUM als Exzerpt.

Der Anfang ist ein geistiger Knaller auf der Höhe des Einstiegs in einen guten James-Bond-Streifen:

«Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.»

Diese Sätze sollte man sich heutzutage nichts nur sonntags immer wieder zu Gemüte führen. Sie sind auch in einigermassen gebildeten Kreisen, also unter Ausschluss der meisten aktuell tätigen Journalisten, bekannt. Etwas weniger bekannt ist die Fortsetzung:

«Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.»

In diesem Zustand, beklagt Kant 1784, befindet sich weiterhin der grösste Teil der Menschheit: «Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.»

Immanuel Kant (1791).

Statt sich am Gängelband führen zu lassen, könne das «Publikum» sogar leicht zur Selbstaufklärung gelangen: «Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stükken öffentlichen Gebrauch zu machen.»

Gedanken über den Probierstein für Gesetze

Kant räsoniert dann ausführlich über die Pflicht, vorhandene Regeln zu befolgen, und die Freiheit, sich darüber auch kritische Gedanken zu machen. Werden solche Regeln in Gesetze gegossen, gilt laut ihm dabei nur ein Kriterium:

«Der Probierstein alles dessen, was über ein Volk als Gesetz beschlossen werden kann, liegt in der Frage: ob ein Volk sich selbst wohl ein solches Gesetz auferlegen könnte?»

Gegen Schluss stellt Kant die Frage: «Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.»

Aber umso mehr man «von der Vernunft öffentlich Gebrauch machen» könne, desto mehr entwickle sich die Geschichte zu einem aufgeklärten Zeitalter.

War der Mann optimistisch. Als er 1804 starb, hatte er noch miterlebt, wie die Französische Revolution, dieser erste neuzeitliche Versuch, sich von Despotie, Willkür und Unterdrückung zu befreien, in einem Blutrausch und in Terreur endete, um schliesslich in Napoleon ihr nicht beabsichtigtes Ende zu finden.

Inseln im Meer der anbrandenden Dummheit

Im Jahr 2021, also genau 237 Jahre nach dieser phänomenalen Definition des Begriffs Aufklärung, sind selbst diese kleinen Inseln der Vernunft, der rationalen und wissenschaftlichen Welterklärung ohne Tabus, gefährdet.

An sie branden die Wellen des Meeres der Dummheit. Öffentlich wird immer weniger von der Vernunft Gebrauch gemacht. Die veröffentlichte Meinung, zumindest in den nach wie vor dominierenden Massenmedien und vielfach noch staatlich dominierten elektronischen Medien, regrediert immer mehr in obrigkeitshöriges Nachplappern, wird zur genauen Vermessung von Tabuzonen missbraucht. Vermischt moralische Kriterien, die hier nichts zu suchen haben, mit dem alten Geschäft von Verifizieren oder Falsifizieren.

Darüber finden aber immer weniger Debatten statt, sondern Setzungen. Es prallt nicht mehr das Richtige als der Sieger über das Falsche in freier Diskussion aufeinander, sondern das sich selbst genügende Gute erhebt sich über das selbst definierte Böse. Wobei das Gute selbstverständlich auch richtig ist, das Böse falsch.

Immanuel Kant würde wohl verzweifelt den Kopf schütteln, würde er dieses modernen Rückfalls in eine selbstverschuldete Unmündigkeit gewahr. Aber er wusste halt, dass Faulheit und Feigheit die grössten Feinde der Aufklärung waren, sind und bleiben.