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Intransparenz herrscht

Die Verleger-Clans lassen über Privates, Intimes und Persönliches berichten. Aber sie selbst bleiben im Schatten.

Der Ringier-Verlag hat den Schweizer People-Journalismus erfunden und gewährt bis heute Einblicke in Privates und Intimes von Cervelat- und anderer Prominenz. Badewanne, Sofa, Wohn- und Schlafzimmer, immer gut ausgeleuchtet und sympathisch fotografiert, dazu einfühlsame bis liebedienerische Texte.

Das ist eines der Hauptfelder der Berichterstattung. Nur gibt es da einen blinden Fleck. Alles, was mit dem Ringier-Clan zu tun hat, bleibt aussen vor. Wie leben die Ringiers? Wie verstehen sich die Familienmitglieder? Wie sieht ein lustiger Abend mit Marc Walder aus? Trägt Frank A. Meyer auch zu Besuch ein Jackett mit Poschettli, dazu Hosen in unmöglichen Farben?

Der Ringier-Clan für ein Mal vereint.

Welches Aston Martin-Modell fährt Michael Ringier aktuell? War der deutsche Ex-Bundeskanzler Schröder jemals in seinem Büro an der Dufourstrasse? Und wenn ja, bekam er dort eine Currywurst? Das sind vielleicht nicht weltbewegende Fragen, aber so investigativ der Ringier-Verlag bei anderen ist, all das ist absolute Tabuzone.

Auch die anderen Clans leben verschlossen wie eine Auster

Auch Tamedia, T oder die Tx Group hat bei allen Namenwechseln eine Konstante. Der Coninx-Clan besitzt die Aktienmehrheit des börsenkotierten Konzerns und hat ihn fest im Griff. Aber so ausführlich über das Privat- und Intimleben eines Pierin Vincenz, eines Tidjane Thiam und von vielen anderen berichtet wird: die weit verzweigte Familie Coninx ist Tabu. Wie geht es bei einem Familientreffen zu? Wie lang ist die Yacht? Über wie viele Villen, Häuser, Feriendomizile verfügt sie? Schweigen im Blätterwald.

Das gilt genauso für den Wanner-Clan oder den Hersant-Clan in der Westschweiz. Das Intimlebens eines ehemaligen Badener Stadtammanns wird seziert und detailliert ausgebreitet. Aber wie steht es denn bei den Wanners selbst? Wie geht’s auf deren Schloss zu, wenn die Champagnerkorken knallen? Tabuzone, nichts weiss man.

Nun sind wir ja alle dafür, dass die Intimzone, das Private privat bleiben sollte, geschützt werden muss, keine billige Neugier befriedigt, kein Schlüsselloch-Journalismus betrieben wird.

Wohin fliessen 400 Millionen Steuerfranken genau?

Nur: Wenn der Steuerzahler schon rund 400 Millionen pro Jahr aufwerfen soll, um diesen Verlagshäusern unter die Arme zu greifen, wäre es da nicht an der Zeit, etwas mehr über die Lebensumstände der Besitzer zu erfahren? Selbst der Chefredaktor der diskreten NZZ hatte keine Mühe damit, dass seine Frau über das Wellness-Hotel in der NZZ Loblieder sang, in dem das Ehepaar Ferien verbracht hatte; er selbst liess ich zu einem Interview in der Hauspostille herab.

Wie verbringen denn Ringiers, Wanners, Coninx’ oder Hersants ihre Ferien? Golf, Polo, Himalaya-Expedition? Schnorcheln auf den Malediven, Städtetrip nach Hongkong, Test des neusten Sushi-Schuppens in Tokio? Möchte man doch gerne wissen, denn dieser Lebensstil wird ja zu einem gewissen Teil von unseren Steuergeldern finanziert.

Wäre da gelegentlich eine Postkarte mit fröhlichen Feriengrüssen an die lieben Schweizer Steuerzahler nicht angebracht? Muss gar nichts Intimes sein, eine fröhliche Runde in Harry’s Bar in Venedig, ein Diner im Pariser Ritz, ein High Tea im Peninsula, mehr möchte man doch nicht sehen.

Aussen unscheinbar, innen voller Geschichte.

Oder, das zeichnet ja zumindest Ringier und Coninx aus, der Besitzerstolz beim Ankauf eines neuen Kunstwerks, da möchte man doch dabei sein. Denn die meisten der in ihren Gazetten dargestellten oder vorgeführten Personen beziehen keine Subventionen vom Staat.

Wir wollen endlich die Homestorys lesen und sehen

In einem Satz: Wann kommt die Homestory? Wie sieht die Badewanne bei Ringiers zu Hause aus? Auf welchem Sofa entspannt Coninx? Steht Supino auch mal in seiner Küche? Haben Wanners einen Split-TV zu Hause, auf dem zeitgleich alle ihre Privat-TV-Stationen laufen? Wie unterhält man sich bei Hersants? Gibt’s dort eine Bibliothek oder eine Sammlung von Fabergé-Eiern?

ZACKBUM weiss, unser Beitrag zu den 400 Millionen Staatsknete ist überschaubar. Aber nicht null. Dafür hätten wir es doch verdient, dass dieser Vorhang ein klitzekleines Bisschen gehoben wird. Vielleicht zum Anfang nur einen Blick in die Garagen der Hauptwohnsitze. Bitte, das kann doch nicht zu viel verlangt sein.

Sieht’s so aus wie bei Jay Leno zu Hause?

Den Verleger-Clans in die Suppe gespuckt

Sah alles gut aus, das neue «Mediengesetz», also der Zustupf für milliardenschwere Verlegerclans, ist soweit durch. Aber …

Pietro Supino äusserte sich schon Jackett- und staatstragend zu weiteren Hindernissen für eine verantwortungsbewusste, vertrauenserweckende, nötige, unabdingbare freie Presse. Denn das Subventionszusatzpaket ist soweit im Parlament durch.

Über die nächsten Jahre hinweg Hunderte von Millionen zusätzlich als Staatssubventionen für darbende Medien. Gebeutelt vom Zusammenbruch des klassischen Print-Werbemarkts, dann noch Corona, Sparmassnahmen, Entlassungen, furchtbar.

Hilfe, die Vierte Gewalt ist vor dem Abgrund, wo bleibt die dringend nötige Kontrollinstanz einer freien Gesellschaft? Aufklärung, Analyse, Einordnung, Orientierung. Blabla. Wir verlumpfen, rufen die Lebruments, Wanners, Coninx, Ringiers im Chor. Von überall her. Von der Yacht, aus dem Aston Martin, aus der Villa, aus dem Rolls, vom Golfclub, vom Feriendomizil in New York, Spanien, Italien, Thailand.

Das Füllhorn wurde gefüllt und eigentlich übers Ziel getragen

Wir brauche Hilfe, wird herzerweichend gejammert, unser Lebensstil ist dann auch nicht umsonst, und wenn der eine schon wieder eine längere Yacht gekauft hat, kann der andere doch nicht hintanstehen. Dazu liebedienerische Unterstützung der Corona-Bekämpfung der Regierung, mitsamt dem Mitfahren aller Slaloms und Schlangenlinien. Und Lobbying, was ja auch keine Quantenphysik war: liebe Politiker, ihr braucht uns doch als Multiplikatoren, Wahlkampfhelfer, ohne die Medien seid ihr doch nix. Also benehmt euch.

Alles super, alles gut. Gut? Nein, nun will ein kleiner Haufen Wildentschlossener in die Harmoniesuppe spucken. Das Kernteam besteht aus Peter Weigelt, Bruno Hug, Thomas Minder, Philipp Gut, Muriel Frei und noch ein paar Nasen mehr. Sie haben das Referendumskomitte «Nein zu staatlich finanzierten Medien» ins Leben gerufen. Und sind finster entschlossen, die 50’000 nötigen Unterschriften zusammenzukriegen, denn:

«nein zu Steuermilliarden für Medien-Millionäre».

Wohl so ähnlich wie bei Roger Schawinskis Kampf gegen die Abschaltung der UKW-Frequenzen herrscht zurzeit konsterniertes Schweigen in Verlegerkreisen. Aber sicherlich werden demnächst Lohnschreiber, Kommunikationsfuzzis und ganze Redaktionen in Bewegung gesetzt, die sich gegen diesen Anschlag auf die Pressefreiheit zur Wehr setzen werden.

Wobei das Komitee natürlich völlig recht hat. Es ist unglaublich, dass milliardenschwere Medienclans auf arme Schlucker machen und dringlich Staatsknete einfordern, damit dem angeblich so überlebenswichtigem Auftrag der freien Presse weiter nachgelebt werden könne. Diesem edlen Ansinnen moralisches Gewicht zu verleihen, indem die steinreichen Clans vielleicht mal eine Million oder zwei selbst reinbuttern, aber wirklich, was für eine absurde Idee.

Unfähig, aber einkommensstark

Dass sie die Managerkaste feuern, der über Jahre hinweg keine vernünftige Antwort dazu eingefallen ist, dass es doch nicht sein kann, dass Google, Facebook und Co. 90 Prozent der Online-Marketingeinnahmen absahnen – aber nein, dann würde ja auch Supino & Co. verlumpen, das geht natürlich auch nicht. Dass die Subventionen massgeschneidert in erster Linie von den Elefanten auf dem Medienmarkt abgesaugt werden, na und? Dass Gratis-Organe wie «Die Ostschweiz» (oder ZACKBUM) vom Geldregen abgeschirmt werden und leer ausgehen, Künstlerpech.

Nun, jetzt kommt sicher schnell Stimmung in den Laden, und man darf jetzt schon gespannt sein, wie lachhaft die Versuche ausfallen werden, mit denen die Grossverlage ihre Schreibknechte dazu anhalten werden, ganz, ganz objektiv und unparteiisch, eben als Vierte Gewalt, über dieses Referendum zu berichten. Da kann es natürlich nur zwei Varianten geben. Herrscht die Meinung vor, dass das Referendum nicht zustande kommt oder chancenlos ist, wird in aller souveränen Objektivität berichtet werden.

Besteht aber die Gefahr, dass es eingereicht wird und bei der Abstimmung durchaus Chancen hat, dann wird auf giftige Schlammspritzerei umgeschaltet werden. Wetten, dass ..?