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Bis der Arzt kommt

Korrespondent wird krank. Korrespondent geht ins Spital. Korrespondent macht eine Story draus.

Dem US-Korrespondenten von Tamedia, der sich in hartem Konkurrenzkampf mit seinen Kollegen von der SZ befindet, ist ein gesundheitliches Malheur passiert. Als Beweis, dass dem Journalisten heutzutage der eigene Bauchnabel (und was dahinterliegt) am wichtigsten ist, der anrührende Bericht:

«Dauererbrechen, Bauchschmerzen? Bitte einmal im Wartesaal Platz nehmen. Nach fünf Stunden auf Sitzen mit eingetrockneten Blutspritzern durfte sich der Schweizer Patient schliesslich auf eine Pritsche im kalten Neonlicht eines Gangs legen. Für eine Behandlung mit einer Infusion, einer Blutentnahme, einer Computertomografie und einem Gespräch mit einem Arzt. Diagnose: Entzündung der Bauchspeicheldrüse.»

ZACKBUM ist erleichtert zu lesen, dass das dann doch nicht so schlimm war und sich eigentlich von selbst wieder einrenkte. Aber schwer verdaulich für Fabian Fellmann «aus Washington» war dann die Rechnung: 11’737,06 Dollar. Dafür muss die Oma ganz schön lang stricken, und der Korrespondent ganz schön viel schreiben.

Um daraus etwas Produktives zu machen, versuchte Fellmann herauszufinden, wie diese exorbitante Rechnung denn zustande kam. Das war nicht ganz einfach, wie er langfädig erläutert, aber am Schluss wusste er es: Blutuntersuchungen über 1000 Dollar, Notfall 4000 Dollar, Computertomographie knapp 6000 Dollar.

Dahinter steht offenbar ein kompliziertes Berechnungssystem, das die Privatspitäler dazu verpflichtet, je nach Art der Krankenkasse des Patienten ganz verschiedene Tarife in Anschlag zu bringen.  So weit, so schlecht.

Dann gesteht Fellmann aber ein: «Ein Schweizer Journalist, als entsandter Arbeitnehmer bei einer Schweizer Krankenkasse angemeldet, gilt in den USA als «unversichert». Wer in diese Kategorie der Ohnmächtigen gehört, berappt Höchstpreise.» Vielleicht sollte er sich mal erkundigen, was eine Auslandskrankenversicherung ist, die er bei den meisten Schweizer KK abschliessen kann. Oder vielleicht hat er sogar eine, denn er schreibt weiter: «Immerhin kann sie sich der Schweizer von der heimischen Krankenkasse erstatten lassen.»

In den USA gibt es fünf Möglichkeiten sich zu versichern: Arbeitgeber, Medicare, Medicaid, Privat oder Selbstzahler.  Dabei gibt es Härtefälle, wenn – wie in der Schweiz – eine Krankenkasse ein teures Medikament oder eine teure Therapie oder Operation nicht bezahlen will.

Die Selbstdiagnose einer Erkrankung erscheint bei Tamedia allerdings im Ressort Schweiz. Warum? Weil Fellmann seine Bauchspeicheldrüse zum Anlass nimmt, die Vorteile eines teilkontrollierten Gesundheitssystems wie in der Schweiz mit einem weitgehend privatisierten wie in den USA zu vergleichen. Nach der Devise: auch in der Schweiz explodieren vielleicht die Kosten, aber im Vergleich zum Land of the Free habt ihr es dann noch wirklich gut. Impliziert ist darin natürlich, dass es noch gesünder wird, sollte die Prämieninitiative angenommen werden. Oder wollt Ihr etwa amerikanische Zustände in Schweiz?

Aber immerhin: wann darf sich ein Korrespondent schon mal in voller (also halber) Lebensgrösse vor einem Ort seiner persönlichen Erfahrung ablichten lassen?

Und lebt: US-Korrespondent Fabian Fellmann vor Spital.

Der Wurmfänger

Leider ist es in der Schweiz einsam um Erik Gujer.

Natürlich, schon wieder. Aber ZACKBUM kann auch nichts dafür, dass die anderen Chefredaktoren grosser Massenmedien nichts oder nur Unwichtiges oder gar Unsinniges zu sagen haben. Schlichtweg Belangloses.

Der Chefredaktor und Geschäftsführer der NZZ, God Almighty, solange er auch wirtschaftlich mit seiner Expansion nach Deutschland Erfolg hat, nimmt sich jede Woche die Mühe, mit scharfem Blick Deutschland zu sezieren.

Die Ergebnisse seiner Autopsien sind lesens- und bedenkenswert. Daher müssen sie gelobt werden, weil sie unter Artenschutz im Schweizer Journalismus stehen.

«Früher herrschte Neid auf die teutonischen Streber mit ihren Exporterfolgen und gesunden Staatsfinanzen. Heute geht die Furcht um, das Land ziehe seine engsten Partner nach unten

Rezession im Jahr 2023, eine dysfunktionale Regierungskoalition mit einem führungsschwachen Chef, der schlimmer als weiland Helmut Kohl die Probleme auszusitzen versucht. Aber ohne dessen Fortune.

Dazu schreiender Wahnsinn im Sozialstaat. Das sogenannte «Bürgergeld», der Euphemismus für die frühere Sozialhilfe, wurde in lediglich zwei Jahren um 25 Prozent angehoben. Völlig irre, denn während Deutschland gleichzeitig Arbeitskräfte fehlen, sinkt so der Anreiz, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, für Niedrigverdiener gegen null.

Der Staat als mit Abstand wichtigster Player in der Wirtschaft – er kontrolliert mehr als 50 Prozent des BIP und ist monströs wachsender Arbeitgeber – versagt bei seinen Kernaufgaben. Infrastruktur, Energieversorgung, Bildungssystem, schlanke Rahmenbedingungen für Unternehmertum schaffen – alles liegt im Argen.

Wie immer bei staatlichen Leistungen ist deren Verringerung ein Ding der Unmöglichkeit. Jede Anspruchsgruppe pocht auf ihre errungenen Privilegien, Stichwort Bauernprotest. Gnadenloses Urteil von Gujer: «Deutschland ist derzeit eine Ansammlung von griesgrämigen Sauertöpfen.»

Die Wirtschaft ist natürlich die Basis für politische Fehlentwicklungen: «Nur in der Bundesrepublik misslingt, was sonst in Europa halbwegs funktioniert: die Inklusion rechter Protestparteien in das politische System. Die AfD wird mit deutscher Gründlichkeit ausgegrenzt

Schlimmer noch, auf die Frustration der Stimmbüregr über das jämmerliche Schalten und Walten der Regierung und der Altparteien, reagiert der Staat und seine Machthaber mit Rundumschlägen gegen angeblich «rechtstextrem unterwanderten Bauern», von einer Bewegung, natürlich die AfD, die den Staat delegitimieren will, dabei besorgt er das selbst: «Wäre es nicht so trist, könnte man darüber lachen: Ausgerechnet die Regierung, die allenthalben vor Verschwörungstheorien warnt, verbreitet selbst Schauermärchen.»

So wird ein konspiratives Treffen von ein paar verpeilten Rechtsexttremen zu einer Art neuem Reichsparteitag aufgepumpt, wo der Umsturz geplant, zumindest angedacht werde. Wo die SPD sogar unter die 5-Prozent-Hürde zu fallen droht, denkt sie laut über ein Verbot der AfD nach. Deren Gottseibeiuns Björn Höcke soll das aktive und passive Wahlrecht entzogen werden. Als ob das das richtige Vorgehen gegen einen nationalistisch angebräunten Zeusler und Brandstifter wäre.

Eigentlich müsste alleine er schon die AfD unwählbar machen. Dass sie in Umfragen vor allem im Osten von Triumph zu Triumph eilt, ist nicht ihr Verdienst, sondern die Folge des unfähigen Regierungshandelns. Oder wie das Gujer formuliert: «Zu den Aufgaben einer Regierung gehört es, in anstrengenden Zeiten Lösungen aufzuzeigen und Zuversicht zu verbreiten. Hierbei versagen der maulfaule Kanzler und seine zerstrittenen Partner.» 

Man kann über diese Einschätzungen geteilter oder konträrer Meinung sein. Vielleicht ist Gujer sogar nicht der intellektuelle Überflieger in der Schweiz. Wäre es nicht so trist, könnte man darüber lachen. Zur Überfigur wird Gujer, weil seine Konkurrenz dermassen schwach abstinkt. Schreibt bei Tamedia, CH Media oder gar dem «Blick» einer ein Editorial oder einen Leitartikel, dann fliegt der so tief, dass er an jeder Bordsteinkante zerschellt. Sein Inhalt ist so flach, dass sich sogar Hühner vor Lachen am Boden wälzen. Der intellektuelle Gehalt ist nicht mal unter einem Elektronenmikroskop sichtbar.

Da wirkt Gujer natürlich riesenhaft, obwohl er vielleicht nur ein Scheinriese ist.

Wumms: Gilda Sahebi

Sie sei eine «deutsch-iranische Journalistin, Autorin und Ärztin».

Allerdings könnte sie selbst eine Therapie gebrauchen. Denn sie hat das hier getwittert:

Sahebi arbeitete für das ZDF und den WDR, tritt zudem gerne in deutschen Talkshows auf. Ein Schwerpunkt ihrer Berichterstattung sind die Proteste gegen das Mullah-Regime im Iran. Sie weiss also, wovon sie spricht.

Hier spricht sie: Das Foto von der «Demo gegen das Rammstein-Konzert in Bern erinnert so krass an die unzähligen Bilder von Frauen und Mädchen aus dem Iran, die dem Patriarchat mutig den Mittelfinger zeigen. Feministische Kämpfe weltweit können nur gemeinsam geführt werden.»

Bevor es ZACKBUM speiübel wird: Sie vergleicht wirklich den todesmutigen Protest iranischer Frauen mit der wohlfeilen Lachnummer von Bern? Sie vergleicht Rammstein mit dem fundamentalistischen Mullah-Regime?

Wem dermassen die Massstäbe verrutschen, der hat jeden Anspruch verloren, ernstgenommen zu werden. Wer einen solchen Vergleich wagt, ist schlichtweg zum Kotzen.

WoZ oder «Republik»?

Der Nahvergleich kennt einen klaren Sieger.

Natürlich kann die «WochenZeitung» auf eine deutlich längere Geschichte zurückblicken. Sie wurde 1981 gegründet. Der Nukleus war die monatliche Beilage «Das Konzept» vom «Zürcher Student». Seither erscheint die Wochenzeitung ununterbrochen.

Die «Republik» begann 2017 mit 16’000 Abonnenten als reine Online-Publikation. Inzwischen gibt sie 29’651 «Verleger» an, von denen 24’430 im letzten Monat «aktiv» gewesen sein sollen. Die WoZ verzeichnet rund 20’000 Abos und hat eine Leserreichweite von 102’000.

Das Jahresabo kostet bei der «Republik» 240 Franken, nur digital, bei der WoZ 295.-, unabhängig, ob nur digital oder digital plus Print. Die WoZ ist als Genossenschaft Infolink organisiert und hat zudem einen Förderverein. Ausserdem kooperiert sie mit der «Le Monde Diplomatique». Die «Republik» ist als «Projekt R Genossenschaft» und «Republik AG» aufgestellt, die beide als Holding funktionieren. Die WoZ beschäftigt laut Impressum ingesamt 56 Mitarbeiter, die «Republik» 65, ohne feste Freie.

Die WoZ zahlt einen Einheitslohn von 6000 Franken im Monat, die «Republik» von 8000, Zusatzeinkünfte durch Mandate oder andere Pöstchen nicht gezählt. Die WoZ weist Erträge von rund 5,5 Millionen Franken, plus Spenden, auf. Die «Republik» hat ihr Budget auf 8,3 Millionen Franken erhöht.

Die WoZ liefert wöchentlich rund 33 Artikel ab, die «Republik» rund 25, Tageszusammenfassungen und Ankündigungen mitgezählt.

Die WoZ hat in ihrer ganzen, langen Geschichte ein einziges Mal einen Bettelaufruf erlassen, um aus einer finanziellen Bredouille herauszukommen. Die «Republik» macht das seit Gründung regelmässig; das letzte Mal Ende 2020, als mit Selbstmord per Ende März 2021 gedroht wurde, sollten nicht Millionenspenden zusammenkommen.

Die WoZ hat eine einheitliche Genossenschaftsstruktur ohne Grossinvestoren, die «Republik» hängt im Wesentlichen von den Investitionen der Meili-Brüder ab. Die WoZ erscheint mit Werbung, die «Republik» ist werbefrei.

Während die WoZ weitgehend rumpelfrei ihrer Arbeit nachgeht, macht die «Republik» immer wieder mit Querelen von sich reden. Der erste Chefredaktor wurde abgesägt, sein Nachfolger a.i. nicht definitiv bestätigt und durch zwei neue a.i. ersetzt, die dann endlich den Status definitiver Chefredaktor erlangten. Nach dem Mitgründer Constantin Seibt zog sich der erst kürzlich an Bord gekommene VR Roger de Weck schon wieder Knall auf Fall zurück; ihren Rücktritt kündigten ebenfalls die beiden letzten verbliebenen VR an.

Das mag im Zusammenhang mit möglichen Haftungsfolgen stehen; die «Republik» ist in ein Steuerproblem in der Höhe von knapp einer Million Franken verwickelt. Um die Aufstockung des Budgets zu finanzieren, will die «Republik» diesen Frühling auf mindestens 33’000 Abonnenten kommen, was illusorisch zu sein scheint.

Die «Republik» machte immer wieder mit angeblichen Skandalen von sich reden, die bei genauerer Betrachtung wie ein Soufflé in sich zusammenfielen. Die letzten Male waren es unbelegte Angriffe auf einen Schweizer Kita-Betreiber und die ETH Zürich. Seither ist es diesbezüglich eher ruhig geworden. Die WoZ hatte noch nie eine Enthüllung zu relativieren. Allerdings ist sie kürzlich mit einem Rufmord an einem TV-Kommentator in die Schlagzeilen gekommen, dem faktenfrei Rassismus vorgeworfen wurde.

Ein Vergleich des Inhalts auf formaler Ebene zeigt, dass die «Republik» auch dank Internet zu Textlängen neigt, die modernen Leseverhalten diametral entgegenstehen. Das geht bis zu absurden Fortsetzungsgeschichten über Tamedia oder Google, die den Umfang von halben Büchern und eine entsprechend niedrige Einschaltquote haben. Wenn auch die WoZ gelegentlich zu Länglichkeiten neigt, hält sie sich doch im Printkorsett normalerweise an verträgliche Längen, zudem pflegt sie einige Gefässe mit Kurzstoffen.

Während in der «Republik» Themen wie Wokeness, Genderprobleme, multiple Diskriminierungen überproportional vertreten sind, bemüht sich die WoZ (auch) um eine Berichterstattung mit Schwerpunkt Politik und Wirtschaft, konsequent aus linker Perspektive.

Ein inhaltlicher Nahvergleich wäre eine schöne Aufgabe für eine Seminar- oder gar Diplomarbeit. Aber auch aufgrund all dieser Eckdaten und Angaben ist es klar, dass die WoZ sowohl inhaltlich wie vor allem auch finanziell viel stabiler dasteht als die «Republik».

Auch ein oberflächlicher Vergleich der Inhalte ergibt eindeutig, dass die WoZ die Nase vorne hat und pro Ausgabe immer ein, zwei oder mehr Artikel publiziert, die die Lektüre lohnen. Bei der «Republik» können oft Wochen vergehen ohne einen einzigen lesenswerten Beitrag.

Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die WoZ ihre inzwischen 42-jährige Geschichte noch einige Zeit fortsetzen wird. Es ist genauso wahrscheinlich, dass die «Republik» bei einer ihrer nächsten Bettelaktionen nicht mehr genügend Unterstützung erfährt (oder ihre Ankerinvestoren die Nase voll haben) und dann nach lediglich sechs oder sieben Jahren den Betrieb einstellen wird.

 

Geld wert? «Blick»

Teil zwei unserer kleinen Serie über Geld und Geist.

Wir haben ganz oben mit der NZZ angefangen, nun geht’s auf der Schaukel nach unten. Wir nehmen übrigens nur Bezahl-Tageszeitungen unter die Lupe, sonst müssten wir ja noch ein Wort zu «watson», «20 Minuten» oder nau.ch sagen.

Der «Blick» verlangt büezerfreundliche Fr. 2.80 am Kiosk. Dafür gibt’s dann 10 Seiten alles andere und 11 Seiten Sport, insgesamt 22 nun ja, durchaus bildlastige Seiten. Das ergibt einen Seitenpreis von knapp 13 Rappen. 3 Rappen billiger als die NZZ, dafür viel bunter.

Mit diesen Schlagzeilen über dem Bund will das Boulevard-Blatt zum Kauf reizen:

Etwas Politik, Frauen, Autos und Fussballer, soweit eine ausgewogene Mischung von Themen, die den «Blick»-Leser interessieren könnten.

Auf den Seiten zwei drei kommt nun relativ schwerer Stoff, die Bundesratswahlen. «Blick zeigt, was die Kandidierenden eint und was sie unterscheidet». Man beachte den woken und falschen Gebrauch des Partizips Präsens «Kandidierende». Das dürfte dem «Blick»-Leser nicht auffallen, der Inhalt eher auch nicht.

Dazu «Fachkräfte-Not», «CS-Aktie so tief wie nie» und «Raser müssen ein Jahr in den Knast». Aus dieser versteckten Meldung hätte der «Blick» früher die Titelschlagzeile gesaugt, aber da war er auch noch nicht woke, hatte noch kein angeblich weibliches Regenrohr im Logo und zeigte auf Seite drei auch noch leicht bekleidete Frauen.

Aber da hatte er ja auch noch eine Auflage von über 375’000, während er aktuell angeblich bei leicht über 100’000 dahindümpelt. Aber das ist sicherlich der allgemeinen Print-Krise geschuldet, nicht dem Versuch, Boulevard ohne Boulevard, ohne Kanten, Volkes Stimme, Reizthemen und nackte Haut zu machen. Also sich völlig vom Erfolgsmodell zu verabschieden «Blut, Busen, Büsis».

Das kommt halt davon, wenn man das Management einer im Print völlig unerfahrenen Frau aus Quoten-Gründen überlässt, die ausser durch die fleissige Verwendung des Wortes «Resilienz» eigentlich noch durch nichts aufgefallen ist.

Aber auf Seite 4 endlich mal eine kleine Reportage mit Krachbum:

Aber gleich untendran riecht es nach eingeschlafenen Füssen: «Junge Erwachsene greifen immer häufiger zu Stichwaffen». Diese schreckliche Entwicklung wurde bereits von der Sonntagspresse abgefrühstückt. Aber ein Beispiel, noch ein Beispiel, dann der Aufschwung ins Allgemeine und Statistische, der «Experte» expertiert, fertig ist der Platzfüller.

Natürlich passt auf diese Doppelseite die Militärübung in der Schweiz bestens. Aber auch hier, seufz:

Der «Blick»-Käfer war einmal ein Markenzeichen des Blatts; für seine volksnahen und träfen Sprüche gab man sich ziemlich Mühe. War einmal …

Dann der unvermeidliche Blick ins Ausland. Man meint, das Aufatmen zu spüren, dass endlich einmal nicht die Ukraine und auch nicht der Iran Thema ist, sondern:

Ein paar Hundert von 1,4 Milliarden, um genau zu sein. Dann  wird’s einen Moment lang peinlich, oder eben auch nicht:

Wieso berichten denn die anderen Schweizer Medien nicht flächendeckend über diesen Event? Nun, wer sitzt denn am Steuer dieses Aston Martin? Nein, nicht Michael Ringier, der fährt immer das neuste Modell. Hier ist es Silvia Binggeli, und die ist ihres Zeichens Chefredaktorin der «Schweizer Illustrierte», die diesen Anlass veranstaltet und zufällig wie der «Blick» zum gleichen Verlagshaus gehört.

Womit wir beim Sport wären. Gelegenheit, ein Zeichen zu setzen:

Gelegenheit, einen nur schwer verständlichen Titel zu setzen:

Gelegenheit, noch einen schwer verständlichen Titel zu setzen:

Nun gesteht ZACKBUM, dass wir nicht so Männer des Sportes sind, also erweckt eigentlich höchstens das TV-Programm auf Seite 20 noch unser Interesse.

Aber auf die letzte Seite hat sich Klatsch und Tratsch geflüchtet, die sozusagen letzte Gelegenheit, Frauen zu zeigen. Weitgehend verhüllt, aber immerhin:

Die «Unternehmerin und Influencerin» Kim Kardashian, eine Stilikone, deren Geschmack über jeden Zweifel erhaben und die besonders stolz auf ihr recht ausgeprägtes Hinterteil ist, reitet auf der Welle der Empörung gegen eine Balenciaga-Reklame.

Aber immerhin, hier setzt der «Blick» ein Zeichen für die Frauen. Das Kind in der Reklame mitgezählt, sind es 8 auf einer Seite. Nur knapp schafft es «Comedian» Pete Davidson auch noch auf ein Bild, aber nur wegen eines «Liebes-Outing beim Basketball» mit Emily Ratjakowski. Wer beide nicht so kennt: macht nix, B-Model und B-Comedian. Eine Verzweiflungstat von Flavia Schlittler, zuständig für Tratsch und Klatsch.

Kassensturz: Für 13 Rappen pro Seite bekommt man ziemlich viel Druckfarbe serviert. Die Buchstaben, nun ja, sagen wir so: Anhänger des Tiefergelegten kommen hier auf ihre Kosten. Themenmischung, Überblick, Informationsgehalt, Einordnungen, Analysen, Welterkenntnis? ?

Blut, Busen und Büsis? ?

Boulevard-Kracher, Aufreger, Kampagnen, Mord und Totschlag, billige Vorwände, viel nackte Haut zu zeigen? Pfuibäh.

Damit dürfte 100’000 nicht das Ende der Fahnenstange sein. Es geht noch tiefer.

Es gibt noch Journalismus

ZACKBUM lobt nicht? Falsch. Nur gibt’s so wenig zu loben …

Aber ganz, ganz selten gibt es Lobenswertes zu berichten. Zum Beispiel dieses Stück der NZZ:

Klare Ansage, klare Analyse, klares Resultat. Die Antwort auf die Einleitungsfrage ist ein klares Ja. Der Preis ist heiss, und das Thema auch. Denn in der Schweiz sind die Lebensmittelpreise im Schnitt schlichtweg doppelt so hoch wie im nahen Ausland. Und durch den Krieg in der Ukraine werden sie noch weiter steigen. Woran liegt’s?

Zum einen haben Coop und Migros (mit Denner) im Lebensmitteldetailhandel einen Marktanteil von 80 Prozent. In Deutschland und Österreich gibt es zwar auch starke Anbieter, aber die Märkte sind doch fragmentierter. In Deutschland zum Beispiel teilen sich immerhin vier starke Anbieter den Marktanteil, den in der Schweiz Coop und Migros haben. Durch den Markteintritt von Aldi und Lidl sank der Marktanteil der beiden Fast-Monopolisten lediglich von 85 auf 80 Prozent.

Damit ergibt sich die Frage, ob sich die beiden orangen Riesen nicht branchenübliche Margen leisten. Die Bruttomarge setzt den Bruttogewinn (Umsatz minus Warenaufwand) ins Verhältnis zum Umsatz. Für Supermarktketten sollte diese Marge bei 25 Prozent liegen. Nun geben die beiden Grossen diese Zahlen nicht spezifisch bekannt, aber die NZZ rechnet sie aus den Angaben der Regionalgenossenschaften bei der Migros hoch und kommt auf einen Durchschnitt von 31 Prozent.  Ähnliches ist bei Coop zu vermuten.

Über alle Geschäftszweige hinweg leistet sich Migros eine Bruttomarge von 38 Prozent, Coop von 33 Prozent. Im Vergleich: Lidl liegt im Schnitt bei 26 Prozent, Aldi Süd bei 22.

Eine wirklich informative und mit einiger Eigenrecherche angereicherte Analyse, die immerhin Hoffnung gibt, dass im deutschsprachigen Journalismus nicht immer und überall Hopfen und Malz verloren ist. Allerdings hat die gesamte Analyse eine klitzekleine Schwachstelle. Selbst eine zweistellig höhere Bruttomarge vermag nicht zu erklären, wieso Lebensmittel in der Schweiz schlichtweg doppelt so teuer wie im näheren Ausland sind. Aber vielleicht bekommen wir diese Erklärung noch nachgereicht.

 

Krieg kostet

Natürlich geht’s ums Geld. Auch in der Ukraine und darüber hinaus.

Kriege bringen Leid und kosten. Im kalten Krieg waren die Auswirkungen überschaubar.

Die sowjetische Intervention in Afghanistan. Der schmutzige Krieg der USA in Vietnam. Militärische Interventionen in Afrika oder Lateinamerika. Tat das der Ostblock, angeführt von der UdSSR, hatte das keine grossen Auswirkungen auf westliche Gelder.

Dafür waren die Handels- und Finanzbeziehungen viel zu unbedeutend. Das hat sich seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der UdSSR deutlich geändert. Es sind immer noch keine gigantischen Summen, aber Peanuts sind’s auch nicht.

So soll Russland über Devisenreserven von über 630 Milliarden Dollar verfügen. Das wäre ein beruhigendes Polster gegen Sanktionen. Wenn man wüsste, wie viel davon durch Einfrieren im Rahmen von Sanktionen dem Zugriff der russischen Regierung oder Notenbank entzogen ist.

Russland als Lieferant von Gas, Öl, aber auch Dünger und Getreide (von der Ukraine ganz zu schweigen) ist so bedeutend, dass diese Produkte samt dazugehörigen Geldströmen von jeglichen Sanktionen ausgenommen sind. Bislang.

Der «Spiegel» schreibt aus angelsächsischen Medien die westlichen finanziellen Verwicklungen mit Russland zusammen. Eine interessante Aufstellung:

  • US-Vermögensverwalter wie die Capital Group, BlackRock und Vanguard, internationale Fonds halten mindestens 60 Milliarden Dollar in russischen Anleihen oder Aktien
  • 79 Milliarden russische Schuldverschreibungen werden von ausländischen Investoren gehalten
  • Ausländische Geldhäuser haben ein Russland-Risiko von 120 Milliarden. Für US-Banken sind’s 14,7 Milliarden. An erster Stelle steht die österreichische Raiffeisen International mit fast 23 Milliarden Euro.
  • Alleine im Erdgas- und Erdölgeschäft wollen westliche Firmen Beteiligungen im Wert von über 30 Milliarden Dollar aufgeben, bzw. veräussern.
  • Der grösste Staatsfonds der Welt – von Norwegen – hat seine in Russland gehaltenen Investitionen von 3 Milliarden Dollar weitgehend abgeschrieben.

Als Relation: Alleine BlackRock verwaltet insgesamt ein Anlagevermögen von rund 9 Billionen US-Dollar. Also 9000 Milliarden.

Selbst wenn alle ausländischen Investoren dem Beispiel Norwegens folgen würden und ihre Investments auf 10 Prozent abschreiben würden, wäre das ein Gesamtverlust von rund 263 Milliarden. Das wäre ein Verlust von 2,92 Prozent auf das Anlagevermögen von BlackRock, aber nur, wenn dieser Fonds alle Verluste alleine absorbieren würde. Nehmen wir an, als einer der grossen Drei stehen für ihn 20 Milliarden im Feuer. Bei einem Totalverlust wären das 0,22 Prozent.

Keine Peanuts, aber alles ist relativ.

Bla Bla Blattkritik

Die Sonntagspresse im Test. Wer ist top, wer Flop?

Zugegeben, es mag unfair sein, ausgerechnet den 2. August als Testgrundlage zu nehmen. Samstag 1. August, Sommerloch, Höchststrafe für die Redaktoren, die sich dennoch genügend Themen aus den Fingern saugen müssen.

Auf der anderen Seite verlangen die drei Sonntagsblätter ja nicht weniger Geld für weniger Inhalt. Da schwingt der «SonntagsBlick» (SoBli) obenaus. Für Fr. 4.90 gibt es 39 Seiten Politik, People und Vermischtes, 39 Seiten Sport und 35 Seiten Magazin. Allerdings im Tabloid-Format, also werden die auf 56,5 Seiten umgerechnet. Die Verlagsbeilage 20/20 mit einigen sehr interessanten Formen von Schleichwerbung läuft ausser Konkurrenz.

Es gibt keine Primeurs oder Skandale

Die «SonntagsZeitung» (SoZ) will Fr. 6.- für 60 Seiten, die NZZamSonntag (NZZaS) gar Fr. 6.50 für ganze 48 Seiten. Obwohl deren Magazin «Sommerpause macht» und sich erst Mitte August zurückmeldet. Alle drei Blätter sind erschreckend-angenehm inseratefrei.

Gut, das ist die quantitative Analyse, viel wichtiger ist natürlich der Inhalt. Zunächst fällt auf, was es nicht gibt. Primeurs, Skandale, Enthüllungen. Das war früher das Geschäft von SoBli und SoZ, selbst die NZZaS war sich nicht zu schade, mal für Gesprächsstoff zu sorgen. Alle drei Blätter profitieren davon, dass Samstag weitgehend gegendarstellungsfreier Raum ist. Da kann man ungeniert holzen und dazu schreiben: War für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Diesen Sonntag aber ist der SoBli eindeutig das staatstragende Organ; er macht mit einem Interview mit Aussenminister Ignazio Cassis auf. Inhalt? Unwichtig, Interview mit Bundesrat ist immer gut. Die SoZ will Mut machen und behauptet «Die Schweiz trotzt der Krise», die NZZaS verlangt «Ruhe!» in der Natur und beklagt, dass der Bund «Impftests verschläft».

Der SoBli sorgt für Aufreger

Für die einzigen Aufreger sorgt der SoBli; er zwirbelt die unterschiedlichen Auffassungen von Bund und Kantonen zum «Corona-Chaos» hoch. Dann hat er sich den ehemaligen Immobilien-Chef der SBB zur Brust genommen. «Filz nach Schweizer Art» schimpft er, denn der ehemalige Chef der zweitgrössten Immobilienfirma SBB sammelt nach seinem Ausscheiden fleissig VR-Mandate – logisch bei Baufirmen und anderen Unternehmen, die mit den SBB zu tun haben.

Obwohl die SoZ den grössten Umfang hat, muss man sich bei der Lektüre durch energisches Umblättern wachhalten. «Velofahrer ärgern sich über die SBB», «Feuer unterm Zeltdach», «Die erste Madam President», alles Artikel mit hohem Schnarchpotenzial. Einzig ein munteres, aber nicht ganz taufrisches Stück, «Wie Schweizer Mafiosi ihr Geld gewaschen haben», unterbricht die Monotonie. Allerdings traut sich der Autor nicht, die Namen der darin involvierten Banken zu nennen. Oder er hat sie nicht rausgekriegt.

Die NZZaS lässt einen Taliban sprechen

In der guten alten NZZ-Tradition, auch Mikronesien nicht auszulassen, wenn es dem zuständigen Redaktor beliebt, informiert sie den Leser auf einer Seite darüber, warum sich der afghanische Bauer Abdul Maruf den Taliban angeschlossen hat. Im «Hintergrund» glänzt Daniel Meier mit einem kenntnisreichen Stück über Kermit, den Frosch. Es ragt auch deswegen heraus, weil  Werweisen über die Frage, ob Trump freiwillig das Weisse Haus nach einer Wahlniederlage räumt und die Erinnerung an 75 Jahre Abwurf der Atombomben auf Japan zur Gattung gehören: Kann man machen, muss man nicht machen.

Sonst? Sagen wir so: Wirtschaft plätschert so vor sich hin, und dass der auch schon 75-jährige Bassist von Deep Purple im Aargau wohnt, ist an kulturellem Gehalt kaum zu überbieten. Bei der SoZ war früher einmal das grosse Interview als Auftakt des «Fokus»-Bundes ein Markenzeichen. Diesmal darf der neue Zoodirektor Lebensweisheiten unter die Leute streuen wie «Bei einem Tiger kommt man leider selten davon».

Dann der Notnagel, eine Doppelseite «Wie war denn der 1. August», auf Seite 19, neben den Leserbriefen ein bemerkenswertes Korrigendum über ZACKBUM.ch. Auch die Wirtschaftsredaktion der SoZ hat eigentlich nichts zu melden; eine interessante Abhandlung über die Entwicklung der Zinsen seit 1317 entpuppt sich als Zusammenschrieb aus einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Thema.

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Vom gleichen Autor, der schon mit der Mafia-Geldwäsche etwas für Unterhaltung sorgte, noch ein Stück über Schmiergeldzahlungen beim Bau der U-Bahn von Panama City. Nicht gerade überraschend, und auch nur ein Zusammenschrieb aus einem Bundesgerichtsurteil vom Mai. Dass Migros jetzt Schoggi von Coop verkauft, schafft es auch nur in der Saure-Gurken-Zeit zu fast einer Seite. Dass Frauen inzwischen offen dazu stehen, dass sie menstruieren; nun, das wollten wir Männer auch schon immer mal wissen.

Zur Abrundung entlässt einen die SoZ mit einer Seite redaktionelle Werbung für ein Töff und mit der Schmonzette, dass Bugatti eine Seifenkiste für Kinder auf edel getrimmt hat und für bis zu schlappen 60’000 Euro verkauft. Was darauf hinweist, dass der Artikel, wie viele andere auch, von der «Süddeutschen Zeitung» übernommen wurde und der bearbeitende Redaktor erschöpft war, nachdem er alle ß durch ss ersetzt hatte.

Dann folgen noch drei Seiten, die das Elend des Reisejournalismus bestens illustrieren. Lust auf Malta, eine Wandertour im Tirol oder patriotisch auf den Aletschgletscher? Die SoZ hat’s ausprobiert und findet’s grossartig. Super. Spitze, toll. Keinesfalls liegt das daran, dass bei allen drei Ganzseitern am Schluss verschämt steht «Die Reise wurde unterstützt durch …». Mit anderen Worten: bezahlte Werbung, die als redaktionelle Leistung daherkommt.

Eine überraschende Reihenfolge

Kassensturz am Schluss? Es fällt auf, dass die SoZ, aber auch zunehmend die NZZaS, mit übergrossen Fotos arbeiten. Der SoBli pflegte schon immer ein Boulevard-Layout mit hohem Bildanteil, knalligen Titeln, bunten Elementen. Bei der SoZ sind die bis zu halbseitigen Fotos, links und rechts von Textriemen umrandet, aber offensichtlich Platzhalter. Platzfüller.

Was erhält man also für insgesamt Fr. 17.40 (Einzelverkaufspreis)? 165 Seiten bedrucktes Papier. Natürlich rein subjektiv inhaltlich gewichtet: Die NZZaS hat mit dieser Ausgabe extrem enttäuscht. Kaum Lesenswertes, kaum Interessantes, kaum Hintergründiges, und das Magazin, kaum eingeführt, macht schon mal Pause.

Der SoBli zeigte sich interessanterweise staatstragend und sorgte mit dem Multi-VR für einen hübschen Aufreger. In der SoZ fielen nur zwei Stücke vom gleichen Autor über Gelwäsche und Schmiergelder positiv auf.

Es war also ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aber zur eigenen Verblüffung ist die Rangordnung: 1. SoBli, 2. SoZ, 3. NZZaS.

 

 

Packungsbeilage: Der Autor war lange Jahre Auslandkorrespondent der NZZ, publiziert noch gelegentlich in der NZZ, hat aber in der NZZaS bislang ein einziges Mal einen Kommentar veröffentlicht.