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Reinigendes Schlammbad

Daran versucht sich leider wieder die «Weltwoche».

«Einmal mehr verglüht ein Konservativer in der Lavahitze der deutschen Geschichtspolitik.» So nennt Roger Köppel das, wenn ein rechter Brandstifter mal wieder versucht, Grenzen auszutesten und im braunen Schlamm zu baden.

Dem begabten Rhetoriker steht mal wieder sein zwar mit Bücherwissen randvoll gepackter, aber historisch korrekter Einschätzungen ermangelnder Rucksack im Weg. «Der AfD-Spitzenkandidat Maximilian Krah verweigerte sich in einem Interview mit einer linken italienischen Tageszeitung dem Vorwurf, die Deutschen sollten sich aufgrund des Zweiten Weltkriegs pauschal ihrer Vorfahren schämen. Der Jurist beharrte auf einer strengen Einzelfallprüfung, auf Nachfrage auch im Zusammenhang mit der Terrortruppe SS.»

Und überhaupt, schliesslich sei doch auch Günter Grass Mitglied gewesen. Aus welchen Gründen der Literaturnobelpreisträger viele Jahre später aus eigenem Antrieb eingestand, mit 17 gegen Kriegsende zur Waffen-SS gekommen zu sein, das hätte – statt wohlfeile Provokation – einer strengen Einzelfallprüfung bedurft.

Diese wunderbare Differenzierung wünschte man sich auch (nicht), wenn es um die Mitgliedschaft anderer Terror- oder Verbrecherorganisationen ginge. Schliesslich muss man doch auch bei Mitgliedern der Hamas eine Einzelfallprüfung vornehmen, nicht jeder, der im Schwarzen Block krawalliert, ist böse. Auch bei Mitgliedern oder Anhängern der roten Terrortruppe RAF gab es durchaus wohlmeinende Humanisten.

ZACKBUM empfiehlt Köppel, sich zunächst einmal darüber zu informieren, was die Waffen-SS war und was sie gemacht hat. Natürlich retteten sich viele Deutsche nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg in Entschuldigungen wie die, dass sie nichts gewusst hätten, was selbst Anwohner von KZs behaupteten. Keiner hatte eine Ahnung, wohin denn all die Juden verschwunden waren, während sie deren Wohnungen plünderten. Und der deutsche Landser im Osten wusste selbstverständlich auch nicht, dass das ein Vernichtungsfeldzug war, bei dem der Bevölkerung in den eroberten Gebieten nur zugedacht war, sofort zu verrecken oder schnell durch Ausbeutung.

All diese Debatten sind schon bis zum Überdruss von Geschichtsrevisionisten geführt worden, die auch immer wieder versuchen, Hitlerdeutschlands Überfall auf die Sowjetunion in einen Präventivschlag umzulügen.

«Im Anschluss an Krahs historisch und inhaltlich wohl unbezweifelbare Aussagen, dies geben sogar seine Kritiker zu, erhob sich ein Donnergrollen der Entrüstung», bleibt Köppel seiner Lava-Metapher treu. Ist sie «wohl unbezweifelbar»? Krahs Aussagen sind sowohl historisch wie inhaltlich unbezweifelbar falsch, dazu für einen Spitzenpolitiker im Wahlkampf selten dümmlich.

«Es gab gewiss einen hohen Prozentsatz an Kriegsverbrechern unter ihnen, aber nicht alle. Ich werde nie sagen, dass jeder, der eine SS-Uniform trug, automatisch ein Krimineller war.»

Was soll der Quatsch? War so gesehen Adolf Eichmann auch kein Krimineller? Wo soll es anfangen? War der Polizist, der einen Juden zur Sammelstelle führte, kein Krimineller? Der Lokführer, der die Viehwaggons nach Auschwitz oder Sobibor lenkte? Der Koch in der Kantine der SS-Wächter? Ist neuerdings das Mitglied einer Verbrecherorganisation wie der Waffen-SS kein Verbrecher mehr? Verheimlichte nicht Heinrich Himmler dem Führer Adolf Hitler viel Schreckliches in den KZs? Stimmt es denn nicht, dass es keinen Führerbefehl gibt, der die Vernichtung der europäischen Juden anordnet?

War Claus Schenk Graf von Stauffenberg kein Verbrecher? Nur weil er – nach der Teilnahme an unzähligen Kriegsverbrechen – 1944 einsah, dass der Krieg mit Hitler an der Spitze verloren gehen werde, weshalb Hitler wegmusste, damit man sich mit den westlichen Alliierten nochmals gen Osten aufmachen konnte?

Die Vergangenheit ist wahrlich nicht tot. Sie ist nicht mal vergangen. Die rechte Oppositionspartei sei «eine Bereicherung für Deutschland», behauptet Köppel. Korrekter wäre wohl die Beschreibung, dass die AfD unter ständigen Häutungen und einem beachtlichen Verschleiss an Führungspersonal (erinnert sich noch jemand an Lucke, Petry oder Meuthen, die sich mit Abscheu abgewendet haben?) Leerstellen ausfüllt, die von den abgewirtschafteten Altparteien geschaffen wurden.

Mit einer vor Opportunismus strotzenden grünen Partei, einer kompasslosen FDP, einer Banal-SPD oder einer Post-Merkel-CDU ist wahrlich kein Staat zu machen. Aber will man wirklich, dass dieser gärige Haufen, wie sie von ihrem Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland auch schon genannt wurde, Regierungsverantwortung übernimmt?

Krah ist ein dummer Zeusler, Höcke ist ein vergleichsweise intelligenter Brandstifter, beide machen die AfD für weite Kreise unwählbar. Wie bescheuert und dumm deren Provokationen in der politischen Auseinandersetzung sind, haben sogar Bruderparteien in Frankreich oder Italien gemerkt. Und sich mit Getöse gleich von der ganzen AfD distanziert.

Natürlich kann man darüber jammern, dass eine Verurteilung im Wahlkampf für den Ausdruck «Alles für Deutschland» Ausdruck einer politisierten Justiz sei. Aber Höecke hat ein langes Strafregister von tiefbraunen Aussagen, die er dann jeweils mit dem Gestus «was, gab es einmal ein tausendjähriges Reich? Habe ich nicht gewusst» und Unschuldsmiene relativiert und verniedlicht.

Natürlich müsste sich die AfD von solch unappetitlichen Gestalten trennen, ihnen nicht nur – wie im Fall Krah – Wahlkampfauftritte verbieten. Damit verlöre die Partei sicherlich Stimmen am rechten, angebräunten Rand, würde aber viel mehr auf der anderen Seite dazugewinnen.

Das müsste, wenn schon, Köppel kritisieren und fordern. Aber der Mann ist, bei aller Brillanz, auf vielen Gebieten beratungsresistent und setzt seine unbestreitbar entwickelten rhetorischen Fähigkeiten an untauglichen Objekten ein. Putin wäre dann noch ein anderes Thema …

 

 

Frömmelnde «Weltwoche»

Kreuzzug im Geiste von anno dazumal.

Die christlichen Kreuzzüge waren eines der vielen Verbrechen, die die christliche Kirche verübte. Kreuz- und Raubritter wateten im Blut, um Jerusalem zu «befreien». «Deus lo vult», Gott will es. Damit rechtfertigte die Kirche dieses Morden und Metzeln und Brandschatzen und Rauben zwischen 1095 und dem 13. Jahrhundert.

Nun soll es aber angeblich einen «Kreuzzug gegen die Kirche» geben. Statt Gotteshäuser stehen nur noch rauchende Ruinen, Priester werden abgeschlachtet, fromme Gläubige massakriert. Oder wie Roger Köppel fromm barmt: «Niemand stellt sich vor die katholische Kirche. Niemand verteidigt die älteste und erfolgreichste Organisation der Welt. Wehrlos taumelt sie in den Seilen.»

Himmels willen, und Gott hilf. Zumindest Köppel eilt der taumelnden Kirche zur Seite. Gut so. Allerdings ist es durchaus eine erfolgreiche Organisation. Es ist die erfolgreiche und älteste Verbrecherorganisation der Welt.

Vielleicht sollte sich Köppel eine Buchempfehlung seines eigenen Blatts zu Herzen nehmen: «Deschner ist der wohl kompromissloseste Autor und Denker im deutschsprachigen Raum.»  Gemeint ist damit Karlheinz Deschner, der wohl bedeutendste Kirchenkritiker des 20. Jahrhunderts. 1986 legte er den ersten Band seiner «Kriminalgeschichte des Christentums» vor. 2013 beendete er die Reihe aus gesundheitlichen Gründen mit dem 10. Band.

Niemals wurde das Walten und Wüten der Verkünder von Gottes Wort fundierter, kritischer und vor allem so unwiderlegbar seziert. Nur schon die völkermörderische Eroberung Lateinamerikas, von der Kirche gefeiert. Der 30-jährige Krieg. Die Hexenverfolgungen, die ungeheuerlichen Perversionen im Vatikan, der obszöne Reichtum der Kirche. Immer fanden sich Pfaffen, die Kanonen den Segen spendeten, das Mordhandwerk als gottgefällig weihten. Ihr – glücklicherweise vergeblicher – Versuch, Aufklärung, Naturwissenschaften, Fortschritt, Moderne unter dem Leichentuch einer Erzählungssammlung aus längst vergangenen Jahrhunderten zu begraben. Ihre Bigotterie, ihre mörderische Inquisition, ihre Heuchelei, ihre liebedienerische Unterstützung aller Mächtigen, wenn sie nur die Kirche walten liessen. All das macht – nicht nur, aber in erster Linie – die christliche Kirche aus.

All das blendet Köppel aus, wenn er zum «Widerstand der Christen gegen die neuen säkularen Heilslehren» aufruft. Und die Kirche als Lordsiegelbewahrer frommer Tugenden sieht: «Der konservative Katholizismus steht, unter anderem, für Familie, für Tradition, für Freiheit vom Staat, für die klare Unterscheidung zwischen Mann und Frau.»

Der konservative Katholizismus steht in Wirklichkeit für alles Muffige, Miefige, Überkommene, Menschen- und Frauenfeindliche in der Gesellschaft. Seine Freiheit vom Staat äussert sich darin, dass er vom Staat die Kirchensteuer eintreiben lässt. Dann schäumt Köppel, wir kritisierten das schon, zur Apotheose auf: «Die Schauprozesse gegen die Katholiken und ihre Kirche erinnern an den Tugendterror der Französischen Revolution. Wie ihre Vorfahren an der Guillotine verfolgen die «Woke»-Jakobiner rabiat das Ideal einer absoluten Gleichheit: gleiche Meinungen, gleiche Gesinnungen, gleiche Lebensstile, gleiche Vermögen, gleiche Werte und Gesetze auf der ganzen Welt.»

Kreuzzüge, Schauprozesse, Tugendterror, Guillotine, Robespierre, der Mann kennt kein Halten, und keiner kann ihn halten, wenn er ins Abseits galoppiert.

Wenn Kreuzritter Köppel wie Don Quijote losreitet, braucht er seinen Sancho Pansa. Der versucht aber nicht, ihn vor wildem Wahnsinn abzuhalten, sondern doppelt nach.

«Der Kirchen-Skandal ist ein Uni-Skandal», die Titelgeschichte von Christoph Mörgeli.

Man muss ihm lassen: mit gewichtigen Argumenten zerpflückt Mörgeli den «Pilotbericht» eines Forschungsteams der Uni Zürich. Der entspricht tatsächlich kaum ernsthaften wissenschaftlichen Kriterien, behauptet unbelegt, verwendet völlig unscharfe und nicht definierte Begriffe wie «problematische Grenzüberschreitungen» oder gar «verbal übergriffiges Verhalten». Dazu beträgt der so untersuchte Zeitraum mehr als 70 Jahre und beginnt 1950.

Mörgeli kommt dann zum polemischen Fazit: «Zweifellos ist die Gefahr, die von Familienvätern und Onkeln bezüglich sexuellen Missbrauchs ausgeht, entschieden grösser als jene von Priestern.»

Bis hierher kann man seiner Autopsie eines offensichtlich allen wissenschaftlichen Ansprüchen Hohn sprechenden Machwerks noch folgen. Aber dann muss auch er noch einen drauflegen: «So ungefähr haben sich dereinst Kreuzzüge, die Inquisition und Hexenprozesse abgespielt.»

Nein, lieber Historiker Christoph, so haben die sich nicht abgespielt. Da wurde gehauen und gestochen, geschlachtet und gequält, massakriert, aufgeknüpft und erschlagen, gefoltert mit allen Methoden, die sich kranke menschliche Hirne ersinnen konnten. Da wurde glühendes Blei in Münder gegossen, Menschen an auf den Rücken gefesselten Armen hochgezogen, bis die Gelenke krachten, da wurde aufs Rad geknüpft, Augen ausgestochen, Zungen herausgerissen, gevierteilt. Da wurden Menschen in blutige Krüppel verwandelt, die mit gebrochenen Gliedmassen vor Schmerzen zuerst schreiend, dann wimmernd darauf warteten, dass der Scharfrichter ihrem Elend endlich ein Ende machte. Da wurden ganze Urbevölkerungen abgeschlachtet im Namen des Herrn. Deus vult.

Und einem Deschner wäre es wie einem Giordano Bruno (und so vielen, allzu vielen anderen) ergangen, wenn diese Kirche heute noch die Macht hätte, die sie einmal missbrauchen konnte: auf den Scheiterhaufen mit dem Ketzer, Sünder, Zweifler, Denker.

Eine solche Verbrecherorganisation, die nur davon abliess, weil sie Gott sei Dank von der Aufklärung endlich in die Schranken gewiesen wurde, einen solch heuchlerischen Haufen als Bollwerk vermeintlicher Tugenden und guter Sitten missverstehen: das ist nun wirklich jenseits von Gut und Böse.

Das ist nicht mal wider den Stachel gelöckt. Wider den angeblichen Zeitgeist gestänkert. Das ist viel schlimmer. Es ist einfach falsch und dumm.