Sowjetische Mythologie
Dass meine Gegenüberstellung von russischer und amerikanischer Geopolitik dem Sowjet-Nostalgiker René Zeyer nicht gefällt, versteht sich von selbst.
Von Alex Baur
Im Wesentlichen postuliere ich, dass Russland seit den Zeiten der beiden Iwans – dem grossen und dem schrecklichen – stets und meistens erfolgreich darum bestrebt war, seine Nachbarn entweder zu schlucken, zu beherrschen oder wenigstens zu schwächen. Die Sowjetunion stand voll und ganz in dieser Tradition aggressiver Expansion, wenngleich sie uns mit den bewährten Tricks marxistischer Dialektik das Gegenteil weismachen will. Auch die USA haben eine expansionistische Komponente in ihrer DNA, doch diese ist getragen von einer antikolonialistischen und aufklärerischen Mission, welche in der amerikanischen Verfassung ihren Ausdruck findet. Das ist notabene keine moralische Wertung. Auch die Amerikaner haben mit ihren Interventionen bisweilen fürchterlichen Schaden angerichtet. Den Frieden wollten sie beide – die einen durch Unterwerfung, die anderen durch Befreiung.
Gemäss Zeyer ist eigentlich alles falsch an meinen Argumenten. Eine umfassende Replik wäre uferlos. Ich beschränke mich daher auf das, was Zeyer als «Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren» bezeichnet. Es geht um meine Feststellung: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Zeyer dazu: «Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.»
Revisionismus hin oder her: Selbstverständlich waren Hitlers «Präventivschläge» gegen Polen und Russland plumpe Propagandalügen. All jene, die «Mein Kampf» nicht nur gekauft, sondern auch gelesen haben, mussten es wissen. So wie Stalins «Präventivschlag» als Rechtfertigung für seinen Überfall auf Polen eine dreiste Propagandalüge war. Ich behaupte ja nicht, Stalin hätte den Krieg alleine losgetreten, die Sowjets taten dies in perfekter Komplizenschaft mit den Nazis. Tatsächlich waren der nationalistische Sozialist Stalin und der nationalsozialistische Hitler aus demselben Holz geschnitzt – nicht nur in ihrer Persönlichkeit, auch in ihrer Ideologie. Doch diese Vorstellung ist für den Deutschen René Zeyer, der in seiner Wohnung jahrelang mit einer unübersehbaren sowjetischen Fahne geschmückt hat, natürlich unerträglich. Ja, sorry – es hätte auch ein Hakenkreuz sein können.
Die historischen Fakten sprechen für sich. Am 24. August 1939 unterzeichneten Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw Molotow in Anwesenheit Josef Stalin in Moskau den deutsch-sowjetischen Neutralitäts-Pakt. Das Abkommen garantierte den Nazis die sowjetische Neutralität für den vorbereiteten Angriff auf Polen und den Fall eines möglichen Kriegseintritts der Westmächte. Doch entscheiden ist in dieser Hinsicht ein damals noch geheimes, heute allgemein bekanntes Zusatzprotokoll „für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung“. Dort wird gut die Hälfte Polens sowie Litauen den Deutschen zugesprochen, die Sowjets rissen sich dafür Ostpolen, Finnland, Estland, Lettland und Bessarabien (heute Moldawien) unter den Nagel. Und by the way: Sie haben Ostpolen, das bis heute Teil von Weissrussland und der Ukraine ist, nie wieder hergegeben.
Alles bloss präventiv, zum Schutz dieser Länder? Aber sicher doch. Die Sowjets wollten immer nur das Beste für die Völker, die sie abschlachteten, aushungerten und unterjochten.
Eine Woche später, am 1. September 1939, marschierten Zeyers Landsleute in Polen ein. Hitler drängte die Sowjetunion mehrfach dazu, mit ihrem angeblichen Präventivschlag gegen Polen endlich vorwärtszumachen. Nachdem Frankreich und das Vereinigte Königreich am 3. September dem dritten Reich den Krieg erklärt hatten, forderte der deutsche Außenminister Ribbentrop die sowjetische Regierung am gleichen Tag auf, Ostpolen zu besetzen, um deutsche Truppen an die entblößte Westgrenze verlegen zu können. Stalin wartete noch eine Anstandsfrist, bis sein Bündnispartner Warschau belagerte, um am 17. September, gut zwei Wochen nach dem deutschen Überfall, den russischen Überfall auf Polen zu vollziehen – als „Friedensmacht“. Aber sicher doch.
Fünf Tage später, am 22. September 1939, nahmen General der Panzertruppe Heinz Guderian und Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein die erste gemeinsame deutsch-sowjetische Militärparade in Polen ab, tauschten feierlich Hakenkreuz gegen Rote Fahne, verwundete und von sowjetischen Ärzten versorgte versprengte Soldaten der Wehrmacht wurden übergeben. Während der Parade an der Demarkationslinie in der Stadt Brest-Litowsk, die zwischen den zwei verbündeten Aggressoren geteilt wurde, gratulierte Kriwoschein im Namen der sowjetischen Führung den Nazis zu ihren Kriegserfolgen und erklärte, die Deutschen nach ihrem bevorstehenden Sieg über Großbritannien in Moskau begrüßen zu wollen. Alles nur gespielt? Aber sicher doch.
Doch dabei blieb es nicht. Am 28. September 1939 wurde der Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag unterzeichnet, welcher eine längerfristige Zusammenarbeit der beiden Staaten vereinbarte. In teils geheimen (heute aber sauber dokumentierten) Abkommen besiegelten sie die Aufteilung Polens. In den kommenden zwei Jahren, bis zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, lieferten die Russen Deutschland gewaltige Mengen an kriegswichtigem Öl und andren Rohstoffen. Ohne diese Lieferungen aus Russland wäre Hitlers Feldzüge nach der Seeblockade der Briten kaum zu bewältigen gewesen. Deutschland lieferte den Russen im Gegenzug Maschinen und Waffen. Der letzte Kesselwagen mit russischem Erdöl rollte noch Stunden vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Es braucht schon eine gehörige Portion an marxistischer Dialektik, um aus einer derart engen Kooperation eine Feindschaft abzuleiten.
Und leider waren die Sowjets gegenüber ihren Opfern auch kaum freundlicher als die Nazis. Allein im April 1940 richteten sie 22 000 bis 25 000 polnische Offiziere, Polizisten, Geistliche und Intellektuelle hin, notabene nachdem sich diese längst ergeben hatten. Die Massenerschießungen von Katyn sollten als erste Verbrechen gegen die Menschlichkeit dieser Art in die Geschichte des Zweiten Weltkrieges eingehen. Die Familien der Opfer wurden nach Kasachstan in die Sklaverei verschleppt.
Wenige Monate nach dem Deutschen Einmarsch stand die Sowjetunion Ende 1941 kurz vor dem ökonomischen Kollaps. Väterchen Winter hatte das Land gleichsam in letzter Minute vor dem Untergang bewahrt. Die wichtigsten Industrie- und Landwirtschaftszentren des Landes, der „Brotkorb“ Ukraine und große Teile des Zentrums der Schwerindustrie, des Donezbeckens, wurden von den Deutschen kontrollier. Zwar wurden viele Industrieanlagen Ende 1941 nach Osten evakuiert und so dem Zugriff der Wehrmacht entzogen, doch erst gingen Monate ins Land, bis die Produktion hinter dem Ural richtig anlief. Die Russen hungerten, einmal mehr. Die Zufuhr von Eisenerz, Kohle und Stahl fiel um 75 Prozent und die Versorgung mit kriegswichtigen Rohstoffen, wie Aluminium, Mangan oder Kupfer, um mehr als zwei Drittel. Vom einstmaligen Rohstoffreichtum verblieben nur noch Holz, Öl und Blei.
Bis zu diesem Zeitpunkt hielten sich die USA aus dem Krieg in Europa heraus. Die Erinnerungen an den 1. Weltkrieg waren noch wach, nur wenige verspürten Lust, für den Frieden in Europa zu sterben. Die Amerikaner waren sich sehr wohl bewusst, was gespielt wurde. Doch sie waren zum Schluss gekommen, dass es am besten wäre, wenn sich die Tyranneien der Nazis und der Sowjets gegenseitig ausbluteten. Erst als klar wurde, dass Hitler eine reale Chance hatte, Russland zu unterwerfen, griffen sie ein. Dann aber gleich mit der ganz grossen Kelle.
Unter dem so genannten «Lend and Lease Act» überliessen die Amis den Sowjets zwischen 1941 und 1945 unter anderem 14 795 Flugzeuge, 7 056 Panzer, 8218 Flakgeschütze, 131 633 Maschinengewehre, 15,417 Millionen Paar Stiefel, 4 Millionen Tonnen Lebensmittel, 2,54 Millionen Tonnen Stahl, 728 000 Tonnen Nichteisenmetalle, 764 000 Tonnen Chemikalien, 77 900 Geländewagen Willys MB („Jeep“), 151 000 leichte Transportfahrzeuge, 200 000 Studebaker US6-Lkw, 1900 Lokomotiven, 1,5 Millionen Kilometer Telefonkabel, 35 000 Funkstationen, 380 000 Feldtelefone, 30 % aller Reifen, 56 % aller Schienen und 1/3 aller Sprengstoffe. Die Amerikaner lieferten den Russen 90 Prozent des gesamten hochoktanigen Flugbenzins, ohne das ihre Flieger am Boden geblieben wären. Die wichtigste Zufuhrroute verlief übrigens durch den Iran. Inflationsbereinigt verfrachteten die Amerikaner Waren im Wert von über 100 Milliarden Dollar in die Sowjetunion, welche ohne die US-Hilfe gegen die Deutschen kaum hätte standhalte können
Am 7. Dezember 1941 zwang Japan die USA mit dem Angriff auf Pearl Harbour in den Krieg. Wenige Tage später, am 11. Dezember 1941, erklärte Hitler den USA den Krieg (und nicht umgekehrt). Das mag aus heutiger Sicht verwegen erscheinen. Doch damals befanden sich die Deutschen noch an allen Fronten auf dem Vormarsch, sie wähnten sich unbesiegbar (Hitlers Rede vor dem Reichstag, in der er die Kriegserklärung gegen die USA begründet, kann auf Youtube abgerufen werden; der Aufwand lohnt sich). Bis zur Schlacht in Stalingrad (November 42 bis Februar 43), die allgemein als Anfang des deutschen Untergangs gilt, sollte noch ein Jahr vergehen.
Doch die Sowjets dachten nicht daran, die USA im Krieg gegen Japan zu unterstützen. Im Gegenteil. Am 13. April 1941 hatten sie einen Neutralitätspakt mit Japan unterzeichnet, den beide Seiten bis ganz am Ende des Krieges einhielten. Die Sowjets zogen erst am 9. August 1945 gegen Japan in den Krieg. Es war der Tag, als die Atombombe über Nagasaki gezündet wurde, drei Tage nach der Zerstörung von Hiroshima. Zu diesem Zeitpunkt war allen klar, dass Japan kapitulieren würde. Doch Stalin nutzte die Gunst der Stunde, um noch schnell die Mandschurei, Teile Koreas und die Kurilen zu besetzen. Die Kurilen wurden definitiv annketiert, deren Bevölkerung vertrieben, mehrere Hunderttausend Japaner verschwanden als Zwangsarbeiter in russischer Kriegsgefangenschaft, die meisten kehrten nie mehr in ihre Heimat zurück.
Winston Churchill hatte schon früh erkannt, dass sich die Sowjets nicht nur Polen, für dessen Befreiung die Briten einst in den Krieg gezogen waren, sondern ganz Osteuropa unter den Nagel reissen würden. Nach der deutschen Kapitulation, im Mai 1945, liess Churchill hoch geheime Pläne für die «Operation Unthinkable» (Unternehmen Undenkbar) entwerfen: Zusammen mit den soeben besiegten Deutschen sollten die Alliierten die Sowjets wieder aus Europa vertreiben. Der Plan wurde als unrealistisch verworfen. Mittlerweile ist er auch dieser Plan nicht mehr geheim. Die Unterlagen zur «Operation Unthinkable» sind seit 1998 beim britische Nationalarchiv in London öffentlich einsehbar.
Wie wir heute wissen, waren dem sowjetische Geheimdienst NKWD dank seinen Agenten in der britischen Verwaltung bereits in der Eruierungsphase über Churchills Planspiele im Bilde. Die Sowjets ihrerseits hatten schon 1944 Überlegungen angestellt, nach einem Sieg über Nazi-Deutschland mit ihrer numerisch überlegenen Armee bis nach Frankreich und Italien weiterzumarschieren und parallel dazu Norwegen und Dänemark zu erobern, um die Ostsee zu sichern. Als bekannt wurde, dass die Amerikaner über Atomwaffen verfügten, wurde die Idee archiviert.
Was ich hier anführe, sind nicht irgendwelche Theorien, sondern gesicherte Fakten, die von ernstzunehmenden Historikern auch nicht bestritten werden. Dass es den Sowjets, die ganz Osteuropa und einen grossen Teil von Deutschland fünfundvierzig Jahre lang mit roher Gewalt unterjochten, trotzdem gelang, sich als Befreier zu etablieren, ist die vielleicht dreisteste Propagandalüge des 20. Jahrhunderts. Nun kann man die Russen als Opfer Stalins sehen (was viele tun). Fairerweise müsste man den Deutschen denselben Opferstatus bezüglich Hitler zubilligen. Und dafür wäre René Zeyer wohl kaum zu begeistern. Tatsächlich gibt es einen grossen Unterschied: Die Nationalsozialisten mussten sich nie ihren Verbrechen stellen, den Kommunisten blieb diese Mühsal leider erspart.













