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Oh je, SoBli

Die Alternative zur NZZaS? Nein, ein Bruder im Geist.

Wie verzweifelt muss eine Redaktion sein, wenn sie so was zur Titelgeschichte macht, mitsamt eines verpixelten Fotos? Sehr.

Dann wird Chefredaktor Reza Rafi in seinem «Editorial» mal richtig frech: «Die Welt als Wille und Wermuth», lässt er schon im Titel wieder Bildung aufblitzen. «Die Welt als Wille und Vorstellung», Schopenhauer, wow.Viel hübscher war allerdings Niklaus Meienbergs «Die Welt als Wille & Wahn» über General Wille. Aber die Absicht zählt hier und soll gelobt werden.

Denn Rafi nimmt sich den irrlichternden SP-Co-Präsidenten Cédric Wermuth vor, der im Tagi unwidersprochen über Singapur hergezogen war und vor der Schweiz als «Alpen-Singapur» gewarnt hatte. Denn der Stadtstaat sei eine Art Hölle mit «tiefen Steuern und kaum sozialen, gleichstellungspolitischen oder ökologischen Regeln für Unternehmen».

Halt typisch Wermuth, der viel Meinung, aber wenig Ahnung hat. Oder wie Rafi sanft tadelt: «Mit den Fakten nimmts der Parteichef nicht so genau: Singapur kennt eine progressive Einkommenssteuer ganz nach sozialdemokratischem Gusto. Der Durchschnittslohn eines Nationalrats von etwas mehr als 130 000 Franken würde dort mit 19 Prozent besteuert. Punkto Gleichstellung gehört der Tigerstaat dank Gesetzen wie dem über «Fairness am Arbeitsplatz» zu den Musterschülern, auf dem «Gender Equality Index» der Uno belegt er den achten Platz. Im Umweltschutz ist man dank des ehrgeizigen «Singapore Green Plan» Asiens Zugpferd.»

Das nennt man voll eins auf die Zwölf, und das bei einem SP-Genossen und im SoBli. Rafi traut sich was. Das Ein-Mann-Investigativteam Fabian Eberhard allerdings auch. Der findet bekanntlich nicht einmal die Büroräumlichkeiten des Internet-Radios Kontrafunk. Aber einen abgeschobenen afghanischen Straftäter. Der jammert aus dem fernen Kabul, dass er wieder zurück in die Schweiz wolle und in seiner Heimat Angst habe.

Wohlgemerkt war sein Asylgesuch in der Schweiz abgelehnt worden, er blieb geduldet und wurde dann wegen schwerer Körperverletzung verurteilt und nun endlich zwangsweise abgeschoben. Ob Eberhard sich und dem SoBli mit so einer Story einen Gefallen tut? Der Leser wird kaum sympathisierend Anteil nehmen …

Dann geht’s bergab, beziehungsweise Richtung Advent und Weihnachten:

Ein Hammer-Titel, eine Hammer-Story, und einige Tassen Kaffee werden nicht reichen, um beim Lesen wach zu bleiben.

Mindestens so behämmert ist dieser Artikel:

Anscheinend soll es an der ZHAW eine Studentin geben, die angeblich Beziehungen zur «Jungen Tat» habe und sogar mit deren Anführer eine Beziehung unterhalte. Das ist ein kleiner rechtsradikaler Haufen. Nachdem sie sich um die Anzahl Dochte fürs Kerzenziehen Sorgen gemacht hatte, nimmt sich Sara Belgeri nun diesem Aufreger an.

Sie ist nicht mal Volontärin oder Anfängerin, also nicht entschuldigt. Sie berichtet, dass 63 «Studierende», also Studenten, einen offenen Brief unterzeichnet hätten, in dem sie behaupten: «Unsere Studienwahl repräsentiert das Ziel, jedem Menschen die bestmögliche Pflege und Unterstützung zu bieten. Diese Haltung wird jedoch infrage gestellt, wenn Studierende unserer Fachhochschule extremistische und menschenfeindliche Ideologien im Privatleben unterstützen und fördern.»

Die «Unterzeichnenden», also die Unterzeichner, denn irgend wann unterzeichnen sie nicht mehr, fordern, «dass die ZHAW Massnahmen ergreift, sodass die Hochschule ein sicherer, diskriminierungsfreier Raum bleibt, frei von extremistischen Ideologien». Und um dieses Ziel zu erreichen, diskriminieren sie selbst ungehemmt.

Nicht zum ersten Mal: «Bereits im Februar 2023 wurden von einer anderen Gruppe wegen der Studentin Plakate an der ZHAW aufgehängt. Darauf prangte das Gesicht von S. C. mit der Überschrift «Keine Neonazis an unserer Schule». Dazu die Frage: «Willst du eine faschistische Hebamme bei deiner Geburt?»»

Das ist ungefähr so blöd wie die Frage, ob man eine rote, grüne oder vegane Hebamme bei der Geburt wolle. Zudem ist es im höchsten Masse denunziatorisch, solche Plakate aufzuhängen und zukünftigen Mitarbeitern im Gesundheitswesen zutiefst unwürdig. Zum Schluss zitiert Belgeri das woke Geschwurbel einer anonymen Mitstudenten:

««Vor allem Personen mit Migrationsgeschichte oder queere Studierende fühlen sich nicht sicher.» Teil des Studiums seien Themen wie Schwangerschaftsabbruch oder Intergeschlechtlichkeit – darüber zu diskutieren, würde sich nicht gut anfühlen, wenn S. C. dabei sei. «Ich habe das Gefühl, mich im Unterricht nicht frei ausdrücken zu können, wenn ich weiss, dass eine Mitstudentin diese Ideologie vertritt.»»

Kritik an dieser völlig verpeilten Aktion, dieser offenen Diskriminierung mitsamt Safe-Space-Geschwafel? Fehlanzeige.

Aber jetzt kommen wir zu einem absoluten Höhepunkt des Blatts, ein Überhammer, das hat sonst keine einzige Sonntagszeitung, ja nicht mal eine Zeitung:

Dieses Magazin wollen wir nun achtsam männlich lesen, wenn uns das möglich ist. Ganze drei Redaktor*Innen** verantworten immerhin 62 Seiten dieser Beilage, die neben dem SoBli auch noch die Leser*Innen** der «Schweizer Illustriert*In» und der «Handels- und Händlerinnenzeitung» erfreut.

Peter Hossli, der Tausendsassa und Oberfeminist, schreibt die Aufmacherstory:

Dabei lehnt er sich mutig aus dem Fenster: es sei eine Ablehnung der woken Identitätspolitik, der dümmlichen Idee, dass nach Geschlecht, nicht nach Fähigkeit gewählt werden solle. «Gewonnen hat, wer als besser wahrgenommen wurde. Dies ist nicht nur negativ, wenn das Ziel eine gleichberechtigte Gesellschaft ist». Nicht nur negativ? Ob Hossli da ohne Prügel davonkommt?

Er wird noch frecher; ob er damit davonkommt, dass er sich hinter einem Zitat versteckt?

Gute Analyse, aber muss diese komische (weibliche?) Typo sein?

Dann lässt’s aber nach (ui, das ist sicherlich die Meinung eines CIS-Mannes, also eines alten, weissen Sacks). Denn es kommen Reminiszenzen an den Frauenstreik von 1991, an ein Pärchen, das «in den 80er-Jahren einen Rollentausch» wagte, an die Gründerinnen des ersten Frauenhauses der Schweiz.

Dann eine Prise «Journalistin schreibt über sich selbst». Hier die Chefredaktorin der «Schweizer Illustrierte». Statt sich um die Auflage Sorgen zu machen, fragt sie sich, ob sie eigentlich eine Pionierin sei. Wie findet sie’s raus? Indem sie bei Wikipedia nachschlägt, was das eigentlich sei. Da verstummt der Mann.

Dann eine Story, der man eine gewisse Exotik nicht absprechen kann. Oder hätten Sie gewusst, dass es einen Verein «QueerOfficers Switzerland» gibt?

Eine People-Story nach der anderen, bei denen es nur um eines geht: eine Frau im Zentrum. Wo bleiben denn eigentlich wir Männer (also die, die nicht queer sind)? Wo ist unsere Equal Voice? Müssen wir unsichtbar werden, damit Frauen sichtbarer sind?

Aber wahrscheinlich ist es so, dass Pimmelträger sich in dieser Welt verloren vorkommen.

 

 

Und der Wahlsieger ist …

… reingefallen. Natürlich kann auch ZACKBUM nicht in die Zukunft schauen. Denn wir schreiben das früh am Dienstag.

Trotzdem schreiben wir dieses Stück in kompetenter Voraussicht und mit hellseherischen Fähigkeiten. Womit wir uns über die armen Medien lustig machen, die vor allem in den letzten Wochen deutlich ins Hyperventilieren und Japsen kamen.

Allerdings schätzen wir sehr diese Grafik von Tamedia, die in aller gebotenen Zurückhaltung die Wahlresultate aufnimmt und wiedergibt:

Erschwerend kam für die meisten hinzu, dass sie sich mehrfach mit quietschenden Reifen und unter Verlust von Glaubwürdigkeit und Publikum in die Kurve legen mussten. So setzte das Ausland-Genie von Tamedia im Brustton der Überzeugung auf Joe Biden. Nur der könne den Gottseibeiuns Trump stoppen, verkündete Christof Münger, und damit Schlimmeres, das Schlimmste verhindern.

Dann konnte Biden aber aus Gründen der Senilität nicht mehr, und es galt, die zuvor als Fehlbesetzung geschmähte Kamala Harris zur grossen weiblichen Hoffnung hochzuschreiben. Im ersten Überschwang wurde Trump zum sicheren Verlierer erklärt. Aus dem Tritt geraten, nun ist er der senile Greis, dagegen ein frischer Wirbelwind.

Dann fiel der Journaille auf, dass Harris keinerlei Programm hat, bei wichtigen Fragen biegsam herumrudert. Während der böse, böse Trump zwar allen alles verspricht, aber immerhin so etwas wie ein Programm hat. An das er sich dann sowieso nicht halten wird.

Aber statt darüber zu berichten, dass der Wahlkampf eine Seifenoper ist, eine Materialschlacht, dass Mächte wie Elon Musk doch viel entscheidender für den Kurs der US-Politik sind als der Mann (oder die Frau) am Fenster, dass die beiden Kandidaten eine Schande für das angebliche Leuchtfeuer der Demokratie, des freien Westens sind, verlieren sich die Medien in Kleinklein.

Einer wird gewinnen. Das ist eigentlich die einzig sichere Vorhersage. Und wenn der geneigte ZACKBUM-Leser diesen Text konsumiert, dann weiss er es. Die einzig sichere Vorhersage heute ist: sollte Trump wieder verlieren, wird es etwas Rabbatz geben. Keinen Bürgerkrieg, aber bekanntlich ist er ein schlechter Verlierer. Wohl deswegen, weil er schon so oft verloren hat, bankrott ging, versagte, aber furchtbar gerne der Winnertyp sein möchte.

Eigentlich muss man sagen: jemand, der schon bewiesen hat, was für ein schlechter Verlierer er ist und bis heute behauptet, man habe ihm vor vier Jahren den Sieg gestohlen, obwohl das lachhafte Fake News ist, müsste eigentlich wieder verlieren. Einfach schon deswegen.

Ein Verlierer steht aber felsenfest da: wieder einmal die Medien. Was die für einen Zirkus aufgeführt haben, parteiisch, einäugig, unausgewogen, einseitig, hemmungslos, mit dem missionarischen Eifer des Weltenretters, das ist unsäglich. Wer sich, wie ZACKBUM, schlichtweg darüber informieren wollte, welches Wahlprogramm denn die beiden Kandidaten haben, musste sich selbst auf eine mühsame Internet-Recherche begeben. Um herauszufinden, dass Harris eigentlich nur heisse Luft bietet und alles verspricht, während Trump alles verspricht und heisse Luft bietet. Grossartige Wahl.

Wer gewinnt, ist Stand Dienstagvormittag unvorhersehbar. Die Reaktion der Medien hingegen problemlos antizipierbar. Im Fall eines Wahlsiegs von Harris werden Schalmeien geblasen und in die Harfe gegriffen. Von Hoffnung, aber auch Herausforderung salbadert, von einem Sieg der Demokratie gequatscht. Obwohl keiner weiss, was Harris eigentlich genau anstellen wird. Und von wem sie gelenkt wird.

Im Fall eines Wahlsiegs von Trump wird wieder Weltuntergangsstimmung verbreitet. Befürchtungen aufeinandergestapelt, was der Mann alles anrichten kann, kaputtmachen wird. Ukraine, Europa, Nato, Wehklagen und Schreckensschreie werden erschallen. Obwohl keiner weiss, was Trump eigentlich genau anstellen wird und von wem er gelenkt wird.

Der US-Wahlkampf war ein Witz, aber ein schlechter. Seine Darstellung in den deutschsprachigen Medien war ein Desaster, ein Grundversagen, ein Sieg der Meinung über die Meldung. Ein mutwillig herbeigeschriebener neuerlicher Vertrauens- und Ansehensverlust, als wäre Corona nicht schon schlimm genug gewesen.

Oder in einem Symbol: Wer einen Quatschkopf öffentlich darüber sinnieren lässt, ob Trump ein Faschist sei, der hat jeden Halt, jedes Mass, jedes Qualitätsniveau verloren und verlassen.  Das wird auch die zukünftige Berichterstattung begleiten, völlig unabhängig davon, wer gewinnt. Wer gewonnen hat.

And the Winner is …

Hat die Journaille aus den vorletzten Wahlen in den USA gelernt?

Daran möchten sich nicht einmal eingefleischte Trump-Hasser gerne erinnern. Als Donald Trump 2016 gegen Hillary Clinton antrat, waren sich eigentlich fast alle US-Spezialisten, Kenner, Analysten, Politbeobachter, Experten und Fachleute einig:

Die USA wird bald zum ersten Mal eine Präsidentin haben. Denn es sei ja wohl undenkbar, dass so ein Gnom wie Trump, ein Vielfachversager, Aufschneider, Berufslügner, jemand der so sprunghaft ist, von den meisten Gegenden der Welt keine Ahnung hat und noch niemals zuvor in irgend einer Form politische Verantwortung übernehmen musste – Präsident werden könnte.

Niemals nicht, absolut klar, keine Frage; nur wenn Clinton tot umfällt oder einen noch grösseren Bock schiesst als ihr Gatte mit seinen Sexaffären, dann, aber nur dann hätte Trump vielleicht eine Aussenseiterchance. Aber auch das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

So tönte es auf allen Kanälen bis in die Wahlnacht hinein. Unvergesslich köstlich, wie in den Wahlstudios der Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland, wie beim Schweizer Farbfernsehen die Moderatoren die ersten Resultate noch schönschwatzten, bis tief in die Wahlnacht hinein sich verzweifelt an der Hoffnung festklammerten, dass ja nun alles geschehen könne, inklusive Weltuntergang, aber eine Wahl Trumps, niemals, ausgeschlossen.

Dann gab es eine Schockstarre, eine Schweigepause, während der der Konsum von Psychopharmaka, Alkohol und härteren Drogen unter Journalisten sprunghaft zunahm.

Nun folgte Phase zwei. Wie konnte das passieren? Alle, inklusive Claas Relotius, waren sich sicher: das lag an diesen verdammten Hinterwäldlern aus den Fligh-over-Counties. So nennen Ost- oder Westküstenintellektuelle das Kernland der USA. Reporter wurden dorthin entsandt, die mit der Schreckensmeldung zurückkamen: genau, die sind so hinterwäldlerisch, eigentlich sollte man denen das Wahlrecht entziehen.

Denn für die Journaille war klar: da der Wähler gegen ihren einhelligen Ratschlag abgestimmt hatte, ist er mehrheitlich blöd. Der Aufgabe nicht gewachsen. Beratungsresistent. Unempfänglich für all die guten Ratschläge, die die Journaille unablässig auf ihn niederregnen liess.

Dann vier Jahre Präsidentschaft. Eigentlich kann man sagen, dass Trump so im üblichen Mittelmass seiner Vorgänger regierte. Erschwerend kam für ihn hinzu, dass er keine Ahnung hatte, wie das Politsystem in Washington funktioniert, wie man sich Mehrheiten verschaffen kann, wie das tägliche Kleinklein der Regierungsarbeit aussieht.

Dann das grosse Aufatmen 2020. Ein paar Irre versuchten zwar noch, das Kapitol nicht nur zu stürmen, sondern einzunehmen. Und Trump begann seinen Feldzug, dass ihm der Sieg gestohlen worden sei. Aber entgegen anderslautenden Befürchtungen räumte er das Weisse Haus durch den Hinterausgang und begann vorher keinen Dritten Weltkrieg.

Die Journaille atmete auf und hoffte, dass sie sich nie mehr intensiv mit diesem blondierten Amok beschäftigen müsse. Bis zu den Vorwahlen der Demokraten und der Republikaner. Bei den Demokraten war es klar und einfach. Niemand wollte ernsthaft Joe Biden in die Quere kommen. Und die Hoffnung, dass ihn Kamala Harris nach zwei Jahren ablösen könnte, war genauso zerstoben wie die Hoffnung, dass sie nach Ende seiner Amtszeit antreten könne.

Erst als sich Biden in einer TV-Diskussion restlos blamierte, wurde Harris knirschend auf den Schild gehoben. Obwohl es bessere Kandidaten gegeben hätte. Aber sie hatte einen unschlagbaren Vorteil: nur mit ihr mussten all die Wahlspenden für Biden/Harris nicht zurückgegeben werden.

Also schwenke die Journaille, die zuvor noch Biden als einzigen Kandidaten hochgejubelt hatte, der Trump sicher stoppen könne, auf die neue weibliche Hoffnung um. Und übersah geflissentlich, dass Harris noch weniger Programm oder Überzeugungen zu bieten hat als Trump.

Dessen Vorwahlkampf wurde mit immer schriller werdendem Pfeifen im Wald begleitet. Jede Eintagsfliege wurde als mögliche chancenreiche Gegenkandidatur hochgelobt, jeder Sieg von ihm mit einem «noch ist nichts entschieden» begleitet. Bis auch hier das Unvorhersehbare, das Ungeheuerliche wieder geschehen war: Trump wurde Präsidentschaftskandidat.

Im fliegenden Wechsel von Biden zu Harris war sich die Journaille einig: die Dame ist schwer unterschätzt worden, die kann Trump Saures geben, der hat völlig den Faden und das Konzept verloren, die macht ihn fertig.

Wie immer, wenn es um Trump geht, schrieb sich die Journaille die Finger wund, wieso er es auf keinen Fall schaffen könne, wieso das absolut ausgeschlossen sei, wieso er nun eine Gegnerin habe, die alle guten Kräfte hinter sich vereinige.

Besoffen von der eigenen Schreibe kam da die Phase, wo von einer Wende fantasiert wurde, wo der mögliche Sieg von Harris als immer wahrscheinlicher hingeschrieben wurde, wo Trump als der sichere Verlierer abgekanzelt wurde.

Bis zur nächsten Wende, wo zunächst raunend, dann offen wehklagend berichtet wurde, dass Trump doch wider Erwarten aufhole, noch gar nicht geschlagen sei, sogar die Nase wieder vorne habe, Gott sei bei uns.

Und nun kommt die nächste Wahlnacht auf uns zu. Und wieder werden die Beobachter, Analysten, Koryphäen, USA-Kenner von Peter Hossli aufwärts ihren Senf dazu geben. Schamlos. Als hätten sie sich nicht Mal für Mal blamiert, immer wieder unter Beweis gestellt, dass sie von den USA – ausserhalb von New York, Boston, LA und San Francisco – schlichtweg nicht den Hauch einer Ahnung haben.

Aber wahrscheinlich sind sie doch etwas vorsichtiger geworden und werden Harris nicht vorschnell zur sicheren Siegerin erklären. Obwohl sie das in überwiegender Mehrheit inbrünstig hoffen.

«Blick» lass nach

Als ob man mit Tamedia nicht schon genug gestraft wäre.

Das ist durchaus eine berechtigte Frage mit hohem Nutzwert. Sie allerdings am 1. November um 10.50 Uhr zu publizieren, zeugt nicht gerade von Weitblick. Aber verflixt, der 1. November springt einen auch so überraschend aus dem Hinterhalt an.

Dafür ist diese Rubrik beim «Blick» eine späte Reverenz an den Dadaismus:

Eine teure Banana, ein Spielzeugauto, ein ablöschendes Bild vom Reisen, und dann muss nach rechts gescrollt werden. Und das Ganze heisst leserfreundlich «Blick Bites». Versteht jeder. Voll gaga, Dada, Blabla, BliBlick.

Auch was im nächsten Gefäss zusammengefasst werden soll, erschliesst sich wohl nur jemandem, der mindestens Chief, wenn nicht Chef ist:

«Originals»? Originale? Sollen das Originale sein? Was ist an einem Abstecher nach Österreich original? Oder originell? Oder Original-«Blick»-Artikel, garantiert nix abgeschrieben?

Und schliesslich der hier, «Das Beste für Dich»:

Dass Meyer Burger am Abrebeln ist, ist das Beste für mich? Oder dass ein Autofahrer verletzt wurde? Oder Kim Kardashian? Also ZACKBUM behauptet: davon ist nichts gut, geschweige denn das Beste.

Aber dann, nach viel scrollen, kommt wieder eine Nachricht, ohne die das Leben keinen Sinn machte:

Allerdings bleiben hier wieder – typisch «Blick» — diverse Fragen unbeantwortet. Muss es ein Hirsch sein? Schwein geht nicht? Und was ist mit dem Geweih? Und wieso können sie «fast 60 kg schwere Hirsche oder gut 95 kg wiegende Alligatoren im Ganzen» verschlucken? Also flutscht der Alligator besser?

Zurück in die bittere Wirklichkeit, also zu den US-Wahlen. Da gibt «Blick» einer «Ex-Miss-Schweiz-Kandidatin» die Chance, ihre 15 Minuten später Ruhm bis zur Neige auszukosten. Allerdings vor allem auf ihre eigenen Kosten, denn so blöd kann ja keiner sein:

Und ZACKBUM dachte, Blondinen seien nicht blöd.

Aber gut, nochmals zurück in die traurige Wirklichkeit; dezent illustriert:

Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht, wenn das die wichtigste Meldung aus der Schweiz ist? Das gilt auch für die Politik:

Das ist eigentlich DIE Meldung zu Allerheiligen.

Biden ist überall

Warum treten nicht Journalisten reihenweise zurück?

Fast die gesamte Journaille war sich noch vor einem halben Jahr einig: Biden ist der richtige Kandidat, um Trump zu verhindern. Denn wenn Trump wieder an die Macht käme, drohte der Weltuntergang Nummer zwei. Nummer eins fand allerdings – zum grossen Erstaunen der Journaille – nicht statt.

Zuvor nahm die Journaille jeden kleinen Hoffnungsschimmer, dass Trump nicht nominiert werden könnte, zum Anlass für grosse und grossartige Analysen und Alternativszenarios. Als dann feststand, dass ein Gaga-Greis gegen einen Gröwa-Greis antreten würde, ein seniler Alter gegen einen Amok-Alten, wurde alles geschrieben, das Joe Biden gut aussehen liess, während so geschrieben wurde, als ob kein vernünftiger Mensch auch nur einen Moment darüber nachdenken könnte, Donald Trump zu wählen.

Unvorstellbar, wie die Journaille alle ihre Fehler wiederholt, die sie im Wahlkampf Hillary Clinton gegen Donald Trump begangen hatte. Herausragend war damals das Schweizer Farbfernsehen, dass noch bis tief in die Wahlnacht hinein von der Hoffnung nicht lassen wollte, der ersten US-Präsidentin gratulieren zu dürfen.

Nun ist Informationsvermittlung ein Geschäft wie jedes andere. Der Konsument hätte gerne für sein Geld einen Gegenwert. Wenn nun die Migros ständig saure Milch oder Coop fauliges Gemüse verkaufen würde, dann würden die Kunden zunehmend Reissaus nehmen. Auch wenn Migros und Coop betonten, dass ihre Produkte in Wirklichkeit superfrisch und von höchster Qualität wären.

Ähnliches geschähe, wenn Migros plötzlich einen halben Liter Milch für den Preis eines ganzen oder Coop ein Pfund Kartoffeln zum Preis eines Kilos anbieten würden. Mit der Begründung, dass zwar weniger drin sei, dafür aber viel konzentrierter, besser und kompakter.

Und dann gibt es noch etwas, was die beiden Grossverteiler nicht tun: ihre Kundschaft ständig mit den persönlichen Ansichten, Meinungen, mit der Bauchnabelschau des Managements und sogar der Verkäufer belästigen. Die Kunden mit guten Ratschlägen bedrängen, mit Aufforderungen, wie sie ein besseres Leben führen könnten, mit Schulmeistereien, wie inkludiertes, diskriminierungsfreies Sprechen und Schreiben ginge.

Bei dem, was die Journaille betreibt, ist es noch viel schlimmer. Gross in der Betrachtung des eigenen Bauchnabels, ganz klein in der Fähigkeit, ein Abbild der Wirklichkeit zu vermitteln, das einigermassen mit ferner Realität zu tun hat.

Dass Biden gegen Trump die Wahl zwischen Pest und Cholera wäre, musste eigentlich jedem USA-Kenner klar sein. Dass beide Kandidaten Personal in einem demokratischen Trauerspiel sondergleichen sind. Stattdessen gab es Durchhalteparolen für Biden und Unkenrufe Richtung Trump (Prozesse, vielleicht landet er noch im Gefängnis statt im Weissen Haus).

In solchen Meinungsstücken überboten sich die Korrespondenten der Süddeutschen und der einsame Korrespondent von Tamedia. Ringier zählt sowieso nicht, die lassen ihre US-Berichterstattung von einer Anfängerin plus dem altbackenen Peter Hossli bestreiten, der auf so originelle Ideen wie eine Reise durch die abgehängten Gegenden der USA kommt. Die NZZ schliesslich geht ihrer Lieblingsbeschäftigung bei solchen Fragen nach: sie eiert.

Es ist menschlich verständlich, dass all diese Journaille, die sich in der USA-Berichterstattung von einer Fehlanalyse zur nächsten hangelt, nicht aus Einsicht in die eigene Unfähigkeit selbst entlässt. Denn wovon soll man denn leben, wenn man nichts anderes gelernt hat und selbst dieses Handwerk nicht beherrscht?

Es ist aber weder menschlich noch sonstwie verständlich, wieso die Journaille die gleichen Fehler immer wieder begeht. Ungefähr die Hälfte der US-Stimmbürger zu Volltrotteln erklärt und darauf hofft, dass die andere Hälfte die grössere ist und selbst einen Biden, eine Harris oder wen die Dummdemokraten nun aufstellen, brav wählen wird.

Man bekommt fast Mitleid mit Biden, wenn man zusieht, wie seine unverbrüchlichen Kampfgenossen in den Medien, die am liebsten nicht mehr daran erinnert werden möchten, was sie noch vor Kurzem schrieben, nun auf dem Absatz kehrtmachten und auf ihn eindreschen. Aber erst, als sich die Zeichen mehrten, dass die wichtigsten Entscheidungsträger bei den Demokraten von Biden abrückten. Nein, das ist nicht die Parteileitung, schon gar nicht die Parteibasis. Das sind die Grossspender und die Grossspendensammler.

Also ein sehr demokratisch legitimiertes Häufchen.

Was allerdings verwundert: diese immer wieder krachend scheiternden USA-Analysten, Kenner und Spezialisten und Korrespondenten können weiterhin vor eigener Bedeutungsschwere  kaum geradeaus laufen. Aber zu Selbstkritik, zur Besserung, zur Einsicht, dass eine ideologische Brille hinderlich ist, dazu gelangen sie nicht.

Noch weniger wird ihnen bewusst, wie unglaublich lächerlich sie sich machen. Wie sie in des Kaisers neuen Kleidern daherstolzieren, während das Publikum prustet und lacht: die sind doch nackt.

Bibbern mit Biden

Früher gab es Journalismus über den Tag hinaus.

Heutzutage bringt jeder neue Tag eine neue Meinung der Journaille. Brutal exekutiert sie das auf zwei aktuellen Themengebieten.

Das eine ist der Ukrainekrieg. Gurgeln wie der unsägliche Georg Häsler. Der rasselt mit einem völlig veralteten Begriff von Kriegsführung durch die Spalten der NZZ. Beschimpft das Festhalten an der Neutralität und glasklaren Rüstungsexportgesetzen als Ausdruck davon, ein «unzuverlässiger Partner» zu sein, gibt widersinnige militärische Ratschläge und hofft und prognostiziert ständig die Niederlage Russlands.

Wie andere Kriegskreischen auch. Ein mit Steuergeldern finanzierter ETH-Militärschwätzer prognostizierte schon den Zeitpunkt der russischen Niederlage. Im November. Allerdings 2022.

Dass man mit einer Prognose mal danebenliegen kann, das ist okay. Wenn man aber ständig ins Gebüsch fährt, dann wieder auftaucht, das Gegenteil verzapft und so tut, als ginge einen das dumme eigene Geschwätz von gestern nichts an – das ist nicht vertrauensbildend beim Publikum.

Das hat zwar ein Kurzzeitgedächtnis, aber für blöd verkaufen lässt es sich dann doch nicht. Obwohl es das vielleicht nicht punktgenau festmachen kann, fällt dem Medienkonsumenten doch auf, dass die Prognose- und Analysefähigkeit der grossartigen Korrespondenten und Koryphäen in den Massenmedien sehr überschaubar geworden ist. Wie es gerade wieder bei der Berichtserstattung über die französischen Wahlen offenkundig wurde.

Aber noch frappanter ist dieses haltlose Benehmen bei den US-Präsidentschaftswahlen. Der Grundkonsens ist auch hier völlig klar: Himmelswillen, Donald Trump darf auf keinen Fall nochmals Präsident werden. Dass rund die Hälfte der US-Stimmbürger anderer Ansicht zu sein scheint, das ist unfassbar für diese Journaille. Nach wie vor konzentriert sie sich auf die Ansichten von Eierköpfen von New York bis Boston, mit gelegentlichen Abstechern nach San Francisco und Los Angeles. Dass der entscheidende Teil der USA dazwischen liegt, das sind halt die Fly-over-Bundesstaaten, bewohnt von hinterwäldlerischen Waffen- und Religionsfanatikern, die doch schon Claas Relotius so punktgenau beschrieb.

Aber wie auch immer, damit Trump nicht gewinnt, muss ja sein Gegenkandidat gewinnen. Und da hat die Journaille nun ein grobes Problem. Denn der Amokgreis bringt immerhin seine One-Liner und Lügen stammelfrei über die Lippen, wirkt unter seiner lachhaften Frisur und seiner orangen Schminke entschieden vitaler als sein Gegenpart, der senile Greis Joe Biden.

Der ist noch knapp in der Lage, eine Rede ohne zu stolpern vom Teleprompter abzulesen, wie aufatmend und lobend erwähnt wird. Aber wenn seine Performance beim TV-Duell seiner normalen geistigen Aufnahmefähigkeit entspricht, ist er dann geeignet, das wichtigste und mächtigste Amt der Welt auszuüben? Noch weitere vier Jahre?

Da bricht nun Heulen und Zähneklappern aus. Am lautesten heult und klappert mal wieder Christof Münger von Tamedia. Der Auslandchef ohne Ausland und ohne Verstand, lobhudelte noch vor Kurzem Biden als einzige und notwenige Lichtgestalt in den Himmel, die eine Wahl Trumps verhindern könne, und legte dessen Wahl dem US-Stimmbürger dringlich ans Herz. Ob der das vernommen hat, ist allerdings zweifelhaft.

Aber inzwischen fordert Münger bereits ultimativ den Ersatz von Biden, der Mann muss weg, damit ein frischer Kandidat das Schlimmste, also Trump, verhindern kann. Damit ist Münger natürlich nicht alleine. In den Tagen nach dem desaströsen TV-Duell nahm die Journaille seismographisch jedes Zittern innerhalb der demokratischen Partei wahr und auf. Mögliche Ersatzkandidaten wurden genannt und abgeklopft auf ihre Tauglichkeit. Von einzelnen Forderungen nach Rücktritt Bidens schwollen laut ihnen die Stimmen der «Biden muss weg»-Politiker zum Chor an.

Aber nun das. Kaum hat der senile Greis eine Rede ohne Katastrophe zu Ende gebracht, machen sie nochmals auf dem Absatz kehrt. Lobhudeln einen «kämpferischen Biden», Tamedia findet unterhalb von Taylor Swift und Fussball-EM sogar noch Platz für ein «Biden hält kämpferische Rede». Nur der «Blick» hat das (noch) nicht mitbekommen und stellt lieber die Frage: «Wie heiss wäschst du deine Wäsche?» Hat der Journalist zu heiss gebadet, fragt man sich.

Bibbern mit Biden. Der Mann muss weg. Der Mann muss bleiben. Russland muss verlieren. Trump auch. Die Rechten sowieso. Entwicklungshilfe ist gut, die SVP (meistens) schlecht. Der Klimawandel schlägt fürchterlich zu, alternative Energien sind die Lösung. Es wird auch und gerade in der Schweiz diskriminiert, ausgegrenzt, wenn es vielleicht keine Rape Culture gibt, dann aber sexualisierte Gewalt aller Orten.

Nur wer sprachsensibel alle Vergewaltigungen und Verhunzungen der deutschen Sprache mitmacht, ist ein guter Mensch.

So etwa lautet das Weltbild, das Selbstverständnis und der missionarische Auftrag einer überwältigenden Mehrheit von Gutjournlisten, die der Welt mit ihrem leuchtenden Beispiel ein Zeichen setzen wollen. Ach, auch gegen unnötige Flugreisen, wohlgemerkt. Ausser, es geht um die eigenen Ferien auf den Malediven.

Ein solch verpeiltes, verlogenes Pack schreibt seinen eigenen Untergang herbei und gibt allen und allem die Schuld daran. Nur nicht sich selbst. Nicht zu fassen, aber wahr.

 

USA: Demokratie geht anders

Welche Analyse liefern die Qualitätsmedien zu den USA?

Keine Bange. Ich werde weder mein Befremden über das Verhalten von Donald Trump ausdrücken. Noch meine gedämpften Hoffnungen, was Joe Biden betrifft. Und schon gar nicht in Lobeshymnen über die erste nicht-weisse Vizepräsidentin ausbrechen.

Das haben alle Qualitätsmedien bereits rauf und runter und quer und schräg durchgenudelt. Zu mehr als einer Mischung aus Schadenfreude und leichter Besorgnis, was man von Trump noch alles erwarten kann, zu mehr hat’s nicht gereicht. Nirgends.

Daher ein paar erschütternde Zahlen. Der gesamte Wahlkampf soll nach vorläufigen Schätzungen 14 Milliarden Dollar gekostet haben. Eine schier unvorstellbare Summe. Das brachte immerhin eine Wahlbeteiligung von knapp 67 Prozent. Das heisst andersrum, dass jedem dritten Stimmbürger diese historische Wahl, dieser Kampf zwischen Gut und Böse, schlichtweg an einem gewissen Körperteil vorbeiging.

The winner takes it all

Andererseits ist es wohl so, dass Joe Biden tatsächlich sogar das absolute Mehr der Stimmen geholt hat. Das spielt in den USA aber eigentlich gar nicht so eine grosse Rolle. Denn Hillary Clinton hatte auch mehr Stimmen als Trump vor vier Jahren erhalten. Aber das merkwürdige Wahlmänner-System der USA, wo der Kandidat mit 50,1 Prozent der Stimmen alle Wahlmänner eines Bundesstaat kriegt, sorgt dafür, dass die Stimmenmehrheit nicht entscheidend ist.

Und da gilt «the winner takes it all», versucht Trump nun noch verzweifelt, die Legitimität einzelner Ergebnisse in Frage zu stellen. Er stellt dabei die originelle Theorie auf, dass es legale Stimmen gebe, und nach denen habe er gewonnen, aber auch illegale, und mit denen wollen ihm die Demokraten den sicheren Sieg stehlen.

Zu den Absonderlichkeiten des US-Wahlsystems gehört auch, dass nicht etwa eine oberste Wahlbehörde das Ergebnis verkündet, sondern die grossen TV-Stationen arbeiten fieberhaft an Auswertungen, Hochrechnungen und Kaffeesatzlesereien, um möglichst als Erste den Gewinner der Wahlen zu verkünden.

Merkwürdigkeiten zuhauf

Das führt immer mal wieder zu bedauerlichen Fehlansagen:

Der gewählte Präsident Truman zeigt ein voreilige Schlagzeile.

Diesmal kann Biden allerdings stolz verkünden, dass er mit über 75 Millionen Stimmen so viele Wähler begeistern konnte wie noch kein Präsident vor ihm. Allerdings, mal wieder völlig im Gegensatz zu allen gewichtigen Prognosen der Qualitätsmedien, war es keinesfalls ein Erdrutschsieg, sondern auch Trump vereinte so viele Stimmen auf sich wie nur wenige gewählte Präsidenten.

Im Repräsentantenhaus verloren die Demokraten Sitze, und im Senat sieht es nicht danach aus, dass sie die Mehrheit der Republikaner knacken könnten. Aber abgesehen davon: Die US-Stimmbürger hatten sich zwischen einem offensichtlich nur schon charakterlich nicht für dieses Amt geeigneten Präsidenten und einem bei Amtsantritt 78-jährigen Greis zu entscheiden, dessen Wahlkampfteam sich am meisten davor fürchtete, dass er zu viele seiner berüchtigten Aussetzer hat.

Wahlprogramme? Was ist das?

Wenn die erste Euphorie der Trumpgegner und die Wutausbrüche der Trump-Anhänger verraucht sind, wird sich wieder herausstellen, dass es vielleicht nicht noch schlimmer wird, aber auch nicht viel besser.

Wenn das das Personal ist, das die beiden grossen, traditionellen Parteien der USA für das Amt des mächtigsten Mannes der Welt aufstellen können, dann kann man nur sagen: armes Amerika.

Was Biden genau will, ist eigentlich genauso unerforschlich wie Trumps Pläne. Oder hat jemand irgendein Parteiprogramm, eine Auflistung der wichtigsten Anliegen gesehen oder gelesen? In der Form unterscheiden sich beide sicherlich, aber im Inhalt? Schwer zu sagen, mangels Inhalt.

Das Schlamassel wäre vermeidbar gewesen

Was hingegen die Fähigkeiten der Berater betrifft, muss man sich vor allem bei Biden Sorgen machen. Er hätte diesen ganzen Schlamassel einfach vermeiden können, wenn er wie Obama Florida gewonnen hätte. Das hat er versemmelt, indem er Verhandlungen mit Kuba in Aussicht stellte.

Während Trump genau wusste, was die Exilkubaner hören wollen und  weitere Sanktionen versprach. Resultat: über 70 Prozent der Hispanics in Florida wählten Trump.

Und haben wir schon das mittelalterliche Auszählungssystem erwähnt? Die in wildem Gezerre zwischen Demokraten und Republikanern immer wieder umgeänderten Wahlbezirke, die teilweise wie von einem Irren geschnitzt aussehen? Schon mal von gerrymandering gehört? Zu Ehren des ersten Politikers, der das machte: die Wahlbezirke so umgrenzen, wie es für seine Partei am günstigsten, für die andere am schlechtesten ist. Was solange hält, bis die andere Partei wieder am Gerät ist. Das führt dann zu solch absurden Wahldistrikten:

Kein Witz, sondern US-Wahlbezirke.

Und haben wir erwähnt, dass sich jeder Stimmbürger zuerst in die Wahllisten eintragen muss, was für viele Amis, mangels Ausweis, mangels Kenntnissen, schon mal nicht so einfach ist. Also Demokratie geht irgendwie anders.

 

Wenn ein Chefredaktor die Welt nicht versteht

Oder zumindest die Amis. Da muss Christian Dorer dann ganz streng werden, findet René Zeyer.

Der gleiche Kindskopf, der noch am WEF stolz mit einem vom Präsidenten handsignierten Trump-Cover des «Blicks» wedelte, ist nun richtig böse auf den US-Präsidenten.

Also eigentlich auf die Amis: «Wirklich kaum zu fassen: Die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger der USA will Donald Trump weitere vier Jahre als Präsidenten!» Man spürt förmlich, wie Dorer verzweifelt den Kopf schüttelt.

Die Hälfte! Diesen Trump! Vor vier Jahren lässt Dorer noch mildernde Umstände walten; da war es eine Protestwahl, und man konnte ja nicht ahnen, was dieser Vollpfosten dann alles im Weissen Haus anstellt. Aber inzwischen wisse man das doch, ist Dorer weiter fassungslos.

Dorer wagt einen Blick in den Abgrund

Dieser Präsident ist «ein Lügner», ein Spalter, der seine Bevölkerung zu «Hass und Verachtung aufstachelt, wo er nur kann!» Klima, Abrüstung? Interessiert ihn nicht. Corona? Ein Leugner der Gefahr.

Geht’s noch schlimmer? Doch, Dorer wagt den Blick in den Abgrund. Zu allem zu: «Die Hälfte der US-Bürger will einen Präsidenten, der grobschlächtig auftritt, der seine politischen Gegner zu Verbrechern erklärt und dem Konkurrenten ums Weisse Haus Betrug vorwirft, der mitten am Wahltag die Auszählung stoppen will.»

Das ist nun wirklich nicht zu fassen, aber warum, warum nur tun diese Idioten das? Sicher, weil sie rassistische Waffennarren sind, die an die Überlegenheit der weissen Rasse glauben. Aber gibt es wirklich so viele davon? Nein, erklärt Dorer, notwendigerweise knapp, denn er hat für «Blick»-Verhältnisse schon ziemlich viele Buchstaben verbraucht.

Dorers Hammererkenntnis

Aber immerhin, auf diese Hammererkenntnis, wieso denn so viele Trump wiederwählen, ist noch keiner gekommen: «Und das alles nur deshalb, weil dieser Mann versprochen hat, er mache «Amerika wieder grossartig»».

Meiner Treu, so einfach ist das dann doch, man muss nur den Blick fürs Wesentliche haben. Sich auch von Fassungslosigkeit und strenger Zurechtweisung nicht ablenken lassen. Und mannhaft ertragen, dass Trump zwar huldvoll signiert hat, aber weder er noch sonst ein Ami jemals den «Blick» gelesen hat.

Denn hätten sie das, sie würden sich schämen, in sich gehen, bereuen, niemals nie und nicht diesen Idioten wiederwählen. So ist das manchmal, die Geschichte müsste anders geschrieben werden, wenn man auf den «Blick» gehört hätte. Nur schon auf seinen Chefredaktor.

Was sind eigentlich seine Aufgaben?

Wobei: Wäre es nicht eigentlich die Aufgabe einer Redaktion, zuvorderst vom Chef, sinnvolle Erklärungen für ein Ereignis zu suchen? Ernsthaft der Frage nachzugehen, wieso Trump – im Gegensatz mal wieder zu allen Prognosen – knapp 50 Prozent der Stimmen gemacht hat, wäre das nicht seine Aufgabe? Statt die Trump-Wähler als Hirnamputierte zu beschimpfen, die so eine Schande fürs Amt wiederwählen wollen.

Die allesamt so bescheuert sind, dass sich einer nur ein Käppi auf seine kriminelle Frisur setzen muss, auf dem steht: «Make America great again», und schon hat er Millionen von Stimmen auf sicher. Muss man sich mal vorstellen; ist das bedenklich oder ist das bedenklich?

Wie kam Dorer auf den Chefstuhl?

Auf der anderen Seite: Man möchte auch mal wissen, wieso es Dorer auf den Chefstuhl der «Blick»-Familie geschafft hat. Da er offensichtlich ein intellektueller Kurzstreckenläufer ist, der ungeniert bekannt gibt, dass er vieles auf der Welt schlichtweg nicht kapiert und auch nicht kapieren will – hat er so auch diesen Stuhl erobert? Gibt es vielleicht fotografische Beweise, dass er zu seinem Vorstellungsgespräch mit einem roten Käppi erschien, auf dem stand: «I make «Blick» great again»?

Und deshalb wurde er dann auserkoren? Ist das beängstigend oder ist das beängstigend?

René Zeyer und Beni Frenkel haben sich zeitgleich mit Trump und Dorer auseinander gesetzt. ZACKBUM.ch hat entschieden, beide Texte zu publizieren. Zu wichtig ist das Thema. Ausserdem können wir uns keine Ausfallhonorare leisten, seufz.

Die ungepflegte Langeweile

Was machen die Medien, wenn es nichts zu berichten gibt? Hektisch berichten.

Man muss dem unglaublichen Schlamassel in den USA für eines dankbar sein: Es hat temporär den Einheitschor «Corona, Corona, Corona» aufgebrochen. Allerdings wird der nicht durch Besseres ersetzt.

Auf Amerikanisch nennt man das einen klassischen Stand-off. Einen toten Punkt, ein Unentschieden, einen Stillstand. Früher standen sich so zwei Revolverhelden gegenüber. Regungslos. Wer zuerst mit der Wimper zuckt, zieht als Zweiter und verliert.

Die gleiche Situation herrscht in den USA seit der Schliessung der Wahlurnen. Und das ist schon ein ganzes Weilchen her. Das stürzt die Medien in eine immer grössere Verzweiflung. Was kann man berichten, wenn es nichts zu berichten gibt? Man aber für teures Geld ganze Teams ausgesandt hat, die aus Verzweiflung damit beginnen, jeden zu interviewen, der nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Trump sorgte mal wieder für Aufregung

Trump wusste, dass er kurzfristig für Aufregung sorgen kann, indem er sich vorzeitig zum Wahlsieger erklärt und fordert, dass man den Quatsch mit dem Stimmenauszählen nun lassen sollte; damit wolle man ihm bloss den sicheren Sieg entreissen.

Das löste dann eine Welle von Interviews mit Rechtsprofessoren aus, die je nach Position des Interviewers die Ankündigung Trumps, juristische Schritte zu unternehmen, als beispielslos, aussichtslos oder als Möglichkeit bezeichneten.

Einige Medien nahmen das zum Anlass, Trump genauso voreilig als schlechten Verlierer zu beschimpfen, der die Gerichte bemühen wolle, um ihnen die Entscheidung über demokratische Wahlen zu überlassen. Ungeheuerlich, unerhört, noch nie dagewesen.

Betrat aber kein Neuland

Etwas gewandtere Google-Rechercheure fanden immerhin heraus, dass Trump damit keineswegs Neuland betritt. Auch beim Duell zwischen Bush Jun. und Al Gore stoppte das Gericht schliesslich die Nachzählung der Nachzählung in Florida und erklärte Bush Jun. zum Sieger, obwohl höchstwahrscheinlich Gore gewonnen hätte, wäre die Nachzählung zu Ende geführt worden.

Aber Gore akzeptierte den Entscheid, was ihn nun möglicherweise von Trump unterscheidet. Das alles hilft aber den Berichterstattern auch nicht weiter. Sie können schliesslich nicht nichts sagen, auch wenn es nichts zum Sagen gibt. Als Pausenzeichen eignet sich vielleicht: «Es ist noch nicht entschieden», aber das ist leider so repetitiv wie «Klage eingereicht».

Der Chefredaktor klopft auf den Tisch

Was tun? Da klopft der Chefredaktor auf den Tisch und fordert: «Wir brauchen Sidelines, neue Perspektiven, andere Ansätze. Vorschläge?»

Allgemeines Geräusper, an die Decke starren, wichtig in den Laptop gucken. «Wir könnten mal wieder was machen, wieso sich die Prognostiker schon wieder verhauen haben.» Der Chefredaktor nickt matt: «Kein Brüller, aber machen.»

«Wir machen «die wichtigsten Fragen und Antworten», Service, Nutzwert.» Der Chefredaktor will nicken, aber es fällt ihm nur der Kopf auf die Brust. «Grauenvoll, aber machen», sagt er mit Grabesstimme.

«Wie wäre es mit einem Erklärstück, wieso doch immerhin fast die Hälfte der Amis Trump wiederwählen?» – «Und», giftet der Chefredaktor zurück, «was soll man da erklären, oberhalb von: weil sie hinterwäldlerische, rassistische Trottel sind?»

Wenn der Chefredaktor aufdreht

Inzwischen in Fahrt gekommen, poltert er weiter: «Und wenn ich nochmal die Headline sehe «Sieg in Griffweite», dann kriege ich einen Blutrausch. Das gilt übrigens auch für alle Titel, die beginnen mit «US-Experte erklärt», okay? Ach, und «Live-Ticker» für zu Tode wiederholte alte News, das schnallen wir uns auch ab. Das gilt übrigens auch für «So steht das Rennen aktuell». So, und bevor nun einer gewonnen hat, will ich auch keine x-te Wiederholung von Kommentaren sehen, wieso das ein fatales Signal sei, wieso das die US-Demokratie schädige, wieso Trump niemals Niederlagen eingestehen könne, und die ewigen Interviews mit Psychiatern, die sich an einer Ferndiagnose versuchen, hängen mir auch zum Hals raus.»

Der Chefredaktor hat geschlossen und sehnt sich nach einer Zigarette. Dürfte er sich eine anstecken, würde man das Knistern des Papiers hören, so totenstill ist es um ihn herum. Ein unterdrückter Rülsper schwebt durch den Raum, da hat mal wieder einer gestern zu tief ins Glas geschaut.

Schliesslich meldet sich notgedrungen der tagesverantwortliche Blattmacher: «Wenn das alles ein No-go ist, womit sollen wir dann bitte schön die morgige Ausgabe füllen? Und was stellen wir bis dorthin online?»

Es gibt doch noch so viele andere Themen

Der Chefredaktor bekommt seinen gefürchteten Blick; wenn man nicht alles selber macht … Er seufzt tief auf: «Ja Herrgottsack, es gibt doch noch so viele anderen Themen auf der Welt. Interviewt doch mal wieder Angehörige eines Corona-Toten. Oder einer einsamen Oma im Altersheim. Oder fragt den Fachmann, ob ein Mundschutz schädliche Auswirkungen auf Primarschüler hat.»

Inzwischen hat er seine Betriebstemperatur wieder erreicht: «Und wie ist es eigentlich beim Skifahren? Mit oder ohne? Beim Geschlechtsverkehr? Wie kann man sein Haustier schützen? Was darf man unter dem Weihnachtsbaum machen, und wie viele? Gibt es immer noch Maskenverweigerer? Ach, und Ihr Schnarchsäcke von der Bildredaktion: Fotogalerien. Welche Masken tragen Promis? Politiker? Unsere Cervelat-Prominenz? Wieso quatschen die SRF-Korrespondenten zum Teil mit Maske, zum Teil ohne? Gibt es da Regeln, Vorschriften, was sagt Wappler?»

Jetzt brauche ich dringend eine Zigarette, denkt der Chefredaktor und steht auf: «Helm auf. Nicht labern, sondern liefern. Ich will Lösungen, keine Probleme. Nächste Konferenz wie immer um 17 Uhr. Ich bin dann abwesend.»

Ist «Das Magazin» bescheuert?

Eine Nonsense-Frage wie: «Ist Trump ein Faschist?»

Man darf doch nach vier Jahren den gleichen Fehler nochmal machen, muss sich die Schrumpf-Redaktion des Schrumpf-Magazins gedacht haben. Also verwendet sie rund 25’000 Anschläge auf genau diese Frage. Nein, nicht auf die erste, die ist schon beantwortet.

Dafür bringt es eine sogenannte Reportage von Jan Christoph Wiechmann. Der war bis vor Kurzem Lateinamerika-Korrespondent des «stern» mit Wohnsitz Rio de Janeiro. Seit 2020 wieder US-Korrespondent in New York.

Wer einen Artikel kennt, kennt alle

Dieser kurze biographische Ausflug ist nötig, denn Wiechmann schreibt auch immer wieder über ein Thema, in dem ich mich etwas auskenne: Kuba. Wer den Titel seines letzten Werks kennt, kennt eigentlich den Inhalt aller Artikel: «Kuba kafkaesk». Das ist, so wie seine Reportage über Exilkubaner «Miami nice», schon ab dem Titel rezykliert; Erkenntnisgewinn für den Leser: nahe null. Und wer in einem langen Stück über Kuba nur zwei spanische Begriffe verwendet, offenbar nicht weiss, dass «estornudo» hatschi heisst und die selbständigen Kubaner arbeiten auf cuenta propia, nicht auf «propia cuenta», der lässt die Vermutung aufkommen, dass er mit einem Übersetzer unterwegs war. Wenn überhaupt.

Aber zurück zum Thema. Das Thema ist: Vor vier Jahren war für alle US-Kenner, Fachleute, Spezialisten, Analysten, Korrespondenten und Zukunftsdeuter eines klar: Trump wird nie Präsident. Ausgeschlossen. Unmöglich. Undenkbar. Wir können jetzt schon der ersten Präsidentin gratulieren. Diese krachende Fehlanalyse hielt sich sogar bis in die späte Wahlnacht, als zum Beispiel im Schweizer Farbfernsehen immer noch verzweifelt nach Möglichkeiten gesucht wurde, wieso Trump vielleicht doch nicht gewählt wurde.

Daran schloss sich betretenes Schweigen an, dann markige Worte, dass man vielleicht doch mal den Elfenbeinturm in der eigenen Gesinnungsblase verlassen müsse und den Leuten wieder besser zuhören, auch ausserhalb des intellektuellen Klüngels.

Grotesk gescheiterte Expeditionen in die Wirklichkeit

Das führte dann zu teilweise grotesk gescheiterten Expeditionen in die Wirklichkeit, so wie beim Fälscher Claas Relotius. Oder beim mit Fehlern und Vorurteilen gespickten Reportageversuch zum Start der «Republik». Viel weiter ist man allerdings beim Versuch zu verstehen, wieso die Amis so bescheuert sind, einen so bescheuerten Präsidenten zu wählen, auch nicht gekommen.

Nun steht seine Wiederwahl an, und wie in der unsterblichen Neujahrsklamotte «Dinner for One» heisst’s: gleiches Vorgehen wie jedes Mal. Mit einer kleinen Akzentverschiebung. Man möchte die peinliche Blamage nicht wiederholen, deshalb wird als denkbar angenommen, dass Trump tatsächlich die Wiederwahl schaffen könnte.

Nein, es wird nicht als denkbar angenommen, es wird befürchtet. Und schon wieder fragt man, also genauer fragt sich der Hamburger Journalist Wiechmann in New York, wie schlimm es denn werden könnte. Denn zu seinem Erstaunen ist Trump immer noch im Amt, dabei hatte Wiechmann doch schon 2018 per Ferndiagnose «eines der bekanntesten Psychiater der USA» festgehalten, dass Trump zwar nicht krank sei, «aber er hat psychische Störungen der gefährlichsten und destruktivsten Art».

Fehldiagnosen, Fehldiagnosen, Fehldiagnosen

Ja furchtbar, und was schloss der Psychiater daraus: «Ich glaube nicht, dass er das Ende der ersten Legislaturperiode erreicht.» Wir haben also in Wiechmann einen Reporter, der mit der nötigen Objektivität und ergebnisoffen an die Analyse der nächsten Wahlen herangeht.

Das merkt man schon am Lead: «Ist Trump ein Faschist? Nein, sagt die ehemalige US-Aussenministerin Madeleine Albright.» Das ist schon von einer bodenlosen Demagogie. Deren warnendes Buch von 2018, mit dem Wort «Faschist» nicht inflationär umzugehen und es nicht auf missliebige Politiker zu verwenden, indirekt auf Trump zu münzen, da wäre selbst Trump beeindruckt.

Aber vielleicht stammt der Lead nicht von Wiechmann. Aber der erste Satz: «Kyle Murphy hat sich den impulsiven alten Mann mit dem gefärbten Haar oft genug aus der Nähe angeschaut.» Nach seinem Abgang sorgte Murphy für Schlagzeilen, indem er behauptete, Trump bewundere Putin und den kleinen Dicken in Nordkorea; also zwei gefährliche Autokraten.

Der Beginn einer langen Geisterbahnfahrt

Das ist dann nur die Einleitung für eine wahre Geisterbahnfahrt. Zufälligerweise «alle interviewten Politologen, Juristen und Philosophen» (wir verzichten auf das Idioten-Binnen-I) sind besorgt, beunruhigt. Raunen, warnen, autokratische Tendenzen, faschistische Methoden, Rassismus sowieso. Der Leser kann sich den Spass machen, mal kurz alle negativen Charakteristika zu notieren, die ihm zu einem Politiker einfallen. Er wird alle, und noch mehr, in diesem Artikel wiederfinden.

Die Sabotage der Briefwahl, die Verhinderung der Stimmabgabe, die frühzeitige Erklärung Trumps, dass er die Wahlen gewonnen habe, nichts fehlt. Natürlich auch der nicht: «Milizionäre wie Phil Robinson, 43, drei Kinder, langer Bart, ausgerüstet mit einem Sturmgewehr AR-15, mit Handschellen, einer Pistole und Metallplatten.»

Wo gibt es Hoffnung? In Afrika

Gibt es denn noch Hoffnung in der Verzweiflung? Wenig; der ehemalige Mitarbeiter Murphy, der seine Adresse nicht nennen will, haucht ins Telefon: «Burkina Faso, wo das Volk erfolgreich gegen den früheren autoritären Herrscher protestierte, und Gambia.»

Echt jetzt, die USA sollten von Burkina Faso und Gambia lernen? Wie würde das wohl der berühmte US-Psychiater per Ferndiagnose nennen? Galoppierender Realitätsverlust? Schlimmeres?

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Wie kann einer Faschist sein, der nicht mal weiss, was Faschismus ist? Um zur besseren Frage zu gelangen: Wieso schaufelt sich der Journalismus mit solch stumpfsinnigen Bedienungen von Vorurteilen sein eigenes Grab immer tiefer?

Weiss man, wieso Trump gewählt wird?

Weiss man nach einem solchen Schwachsinn einen Deut besser, wieso vielleicht die US-Stimmbürger Trump nochmals wählen werden? Nein, der Reporter war in einem fiktionalen Trip ins Abseits, ins Nonsense-Land, wo nur sehr, sehr wenig mit der Realität zu tun hat.

Wenn er das immer wieder mit Kuba macht, wo er die ewig gleichen Klischees nochmals durch den Wortwolf dreht, die Insel wird’s überleben. Aber warum müssen Journalisten das Publikum wieder mit einem Horrokabinett schrecken, mit einem Gang durch die alte Jahrmarktsattraktion, wo Zerrspiegel die Besucher erschauern lassen?

Gefilterte Weltsicht wie in Parteizeitungen

Es gibt den schönen Straftatbestand «Schreckung der Bevölkerung». Den erfüllt Wiechmann in seiner Expedition ins Nowhereland vollständig. Das Absurde daran ist: Seine gefilterte Weltsicht unterscheidet sich eigentlich in nichts von der der Parteizeitung «Granma» auf Kuba. Nur sind verschiedene Filter vor die Realität gestellt.