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Kann Trump Fernhypnose?

Das würde Urs Gehrigers Geschreibsel erklären.

Zunächst die camouflierende Packungsbeilage in der «Weltwoche»: «Rechtlich betrachtet, ist Trumps Grönland-Kiste ein No-Go.»

Aber he, wieso muss man denn die Dinge rechtlich betrachten. Man sollte sie vielmehr «nüchtern» sehen, obwohl sich das dann im Fall Gehrigers als vollbesoffen herausstellt.

Also «nüchtern betrachtet – und Nüchternheit ist der beste Ratgeber in emotional echauffierten Zeiten – kann es durchaus in Europas Interesse liegen, wenn die Amerikaner für die Sicherheit auf Grönland sorgen».

Ach was. Wieso denn das? «Wenn sich um Grönland neue Transitrouten öffnen, ist das für Europäer ebenso relevant wie für die USA. Sollte sich bei diesem Rennen um Handelswege Russland durchsetzen, hat das Auswirkungen auf dessen Macht in Europa.»

Und wie würde dann diese «Sicherheit» hergestellt? «Sicherheit kann nicht durch episodisches Engagement erreicht werden. Sie erfordert ein entschlossenes langfristiges Engagement. «Wissen Sie, wie ihre Verteidigung aussieht? Zwei Hundeschlitten», spottete Trump jüngst über den dänischen Wehraktivismus. Russland und China hingegen verfügten über «Zerstörer und U-Boote überall».»

Wo soll man bloss anfangen? Vielleicht damit: wenn Präsident Trump selbst gegenüber verbündeten Nato-Mitgliedern offen mit dem Einsatz von militärischer Gewalt droht, um sich die grösste Insel der Welt anzueignen, ist das kein Beitrag zur Sicherheit.

Es ist Wildwest, Raub durch die Macht des Stärkeren, es ist der Ersatz einer regelbasierten und rechtsstaatlichen Ordnung durch Faustrecht, Willkür, durch Barbarei und hemmungslose Gier. Es ist ein weiterer Raubzug im vollen Tageslicht.

Begleitet von atemberaubender Verlogenheit. Trump behauptet, die Sicherheitsinteressen der USA würden es verlangen, Grönland zu annektieren. Denn die Verteidigung der Insel bestünde aus zwei Hundeschlitten, während sie von russischen und chinesischen Zerstörern und U-Booten umkreist werde.

Dabei vergisst der grösste Lügner aller Zeiten zu erwähnen, dass die einzige Nation, die einen Militärstützpunkt auf der Insel unterhält – die USA sind.

Dabei vergisst er zu erwähnen, dass selbstverständlich auch die USA mit Zerstörern und U-Booten präsent sind.

Dabei vergisst er zu erwähnen, dass die USA seit 1945 sukzessive ihre Militärpräsenz auf der Insel abgebaut haben und Stützpunkte aufgaben – die seither die Umwelt verseuchen.

Er vergisst zu erwähnen, dass die USA mal bis zu 10’000 Soldaten auf Grönland stationiert hatten, heute noch rund 200. Wenn es den USA also rein um die Sicherheit ginge, könnten sie problemlos und vertraglich abgesichert eine beliebige Anzahl weiterer Truppen auf Grönland stationieren und ihre alten Basen säubern und wieder in Betrieb nehmen.

Also ist das Argument «Sicherheit» schlichtweg vorgeschoben, eine glatte, offene und leicht erkennbare Lüge.

Auf die niemand hereinfällt – ausser Gehriger und ein paar weitere Dünnbrettbohrer.

Natürlich geht es – wie im Fall Venezuela – weder um Sicherheit, noch um den Schutz der Demokratie. Sondern um den Besitz von Rohstoffen und deren Ausbeutung.

Das ist so offensichtlich wie das Polarlicht.

Stattdessen irrlichtert Gehriger: «Mit dem Kauf von Grönland könnte Trump einen «Jahrhundert-Deal» landen, schreibt der Economist. Damit würde er nicht nur die Sicherheit Amerikas erhöhen, so das Wirtschaftsblatt, sondern auch die der Nato-Verbündeten.»

Abgesehen davon, dass sich auch der «Economist» irren kann: also die Sicherheit der Nato-Verbündeten würde dadurch erhöht, dass ein Nato-Mitglied einem anderen völlig illegal und notfalls mit Gewalt ein Riesenstück Land klaut? Abenteuerlich.

Mit der Begründung, dadurch würde die Sicherheit erhöht – dabei könnte sie problemlos und einfach durch die Stationierung von mehr Truppen erhöht werden. Ungeheuerlich.

Genauso bescheuert wie Gehriger reagieren allerdings bislang die Nato und die EU. Es wurden 13 (!) deutsche und ein paar französische und spanische Soldaten in die Kälte geschickt. Mit denen würden selbst die wenigen auf der Insel stationierten US-Soldaten fertig.

Und die EU wackelt aufgeregt mit vielen Zeigefingern und wiederholt mit ernster Miene, dass das ja wohl nicht anginge. Lachhaft.

Statt dem Grölaz (grössten Lümmel aller Zeiten) in seinem goldüberkrusteten Büro in Washington klar zu machen: das geht nicht, du Lümmel. Und wir haben dann zwar nicht so viele wie du, aber durchaus genügend Atomwaffen, im Fall. Also such dir ein anderes Spielfeld aus. Gibt doch genügend Gegenden der Welt, wo du US-Sicherheitsinteressen durchsetzen könntest.

Ukraine, Gazastreifen, Kolumbien, Panama, Mexiko …

 

 

Echt jetzt?

Wenn eine Manie zur Obsession wird.

Die Methode ist so bekannt wie langweilig. Wenn alle dagegen sind, sind wir dafür. Und umgekehrt. Warum? Darum. Das ist das wohl wichtigste journalistische Credo der «Weltwoche».

Sie versammelt in besseren Zeiten in einer Ausgabe mehr anregende Artikel als manche Tageszeitung in einer ganzen Woche. Oder in einem Monat.

Andererseits gibt es Manien, die langsam obsessiv werden und kaum neue Leser begeistern können, einfach die Crowd in der Gesinnungsblase nochmal und nochmal in ihrer vorgefassten Meinung bestärken.

Während sich Präsident Putin vom «Unverstandenen» langsam zum bösen Buben wandelt, bleibt die WeWo ein Fanmagazin des US-Präsidenten Trump.

Aber jeder Fan braucht immer wieder neue Nahrung, und da wird es manchmal dünn. So entsteht dann eine Titelgeschichte wie «Trump ist sensationell, Mamdani killt New York».

Welche Koryphäe, welcher Kenner der Sachlage hat sich hier geäussert? Es handelt sich um Joe Germanotta. Joe who? Also bitte, der weltberühmte «Gastro-Unternehmer» Germanotta. Hä? Na, der betreibt das Restaurant Joanne Trattoria in New York, also ist er doch Gastro-Unternehmer.

Vielleicht kein besonders erfolgreicher, während der Pandemie rief er zu Spenden auf, um seine Kneipe über Wasser zu halten.

Qualifiziert ihn das wirklich, seine Meinung über Trump und den neuen New Yorker Bürgermeister in der WeWo zum Besten geben zu dürfen? Mit den beiden Gaga-Aussagen «Trump ist sensationell» und «Mamdani killt New York»?

Gaga gibt dabei den entscheidenden Hinweis. Denn ausser Wirt ist der Mann auch noch Vater von Lady Gaga. Die hat zwar politisch ganz andere Ansichten als der Papa, aber das möchte Urs Gehriger nicht so gerne in der WeWo lesen. Also interviewt er den Vater, der sich über so viel Aufmerksamkeit from Switzerland sicher freut.

So darf er seine Erkenntnisse auf Stammtischniveau auf den Teller klatschen. Zunächst zu Mamdani: «Wissen Sie, am Abend der Wahl konnte ich mir die Ergebnisse gar nicht ansehen. Ich war so nervös.» Aber offensichtlich hat er sich dann doch wieder eingekriegt. Und ledert im Stil seines grossen Vorbilds Trump ab: «Er will die Prostitution nach New York City zurückbringen, was Kriminalität und Drogen mit sich ziehen wird.»

Während 40 Millionen Amis auf Essensmarken angewiesen sind, poltert Germanotta:

«Und staatlich unterstützte Lebensmittelläden? Ich möchte nicht auf zwei Brote beschränkt sein. Ich möchte in einen Lebensmittelladen gehen und kaufen können, was ich will. Und dafür bezahlen

Tja, wenn er kann …

Ähnlich profund ist seine Meinung zum US-Präsidenten: «Ich wusste schon, als er gewählt wurde, dass die Wirtschaft boomen würde. Und sie tut es auch. Wenn man sich den Aktienmarkt ansieht, steigt er jeden Tag weiter und weiter. Seine Politik ist stark.»

Dann noch zum Ausschleichen ein paar Fragen zu seiner Tochter, und fertig ist das Desaster.

Ob es wohl eine gute Idee ist, dem WeWo-Leser als Titelgeschichte ein Gaga-Interview mit einem Wirt in New York zu servieren, dessen Ansichten so flach wie das Papier sind, auf das sie gedruckt werden? In dieser servilen pseudo-kritischen Frage-Art serviert, die man auch durch die einfache Feststellung hätte ersetzen können: was wollten Sie schon immer mal sagen, aber normalerweise werden Sie schnell unterbrochen, wenn Sie solchen Stuss reden?

Newswert: der Papa von Lady Gaga ist leicht gaga. Dafür hätte man allerdings eine einzige Zeile gebraucht.

Die Heiligsprechung

Der Chäf hat vorgebetet, Urs Gehriger frömmelt hinterher.

«Mord an einem Brückenbauer», jammert Gehriger in der «Weltwoche» und wiederholt die Worte seines Vorbeters: «Das Attentat auf Charlie Kirk ist ein Anschlag auf das Herz der Demokratie.»

Denn das schlug offenbar in Kirk und nirgends sonst. Auch die Schuldfrage ist für Gehriger geklärt: «Politiker und Massenmedien tragen Mitschuld an seinem Tod

Also ZACKBUM schon mal nicht, aber wir sind ja auch kein Massenmedium.

Zunächst geht es um die Heiligsprechung: «Dabei hat er seine Werte stets ostentativ nach aussen getragen: seinen Glauben an Gott. Seinen Patriotismus. Seine Ablehnung des Gender-Wahns. Seinen Einstand für sichere Grenzen und Widerstand gegen unkontrollierte Einwanderung und Kriminalität.»

Kirk war von sanfter Überzeugung, laut Gehriger: «Viele ertrugen Kirks kritische Stimme nicht. Er wurde angefeindet. Kirk liess sich nicht einschüchtern. Er doppelte nach: «Bekämpfe Hassreden mit mehr Meinungsfreiheit» war seine Losung.»

Vielleicht sollte bereits der Papst eine Vormerkung machen: «Kirk war ein Frühberufener.» Das wäre doch ein Doppelschlag: Kirk wird heilig gesprochen und Trump kriegt den Friedensnobelpreis. Oder umgekehrt. Oder beide beides.

Dann zitiert Gehriger Präsident Trump, der seinerseits für versöhnliche Worte, Ausgleich und Brückenbauen bekannt ist: «Seit Jahren vergleichen radikale Linke wunderbare Amerikaner wie Charlie mit Nazis und den schlimmsten Massenmördern und Verbrechern der Welt. Diese Art von Rhetorik ist direkt verantwortlich für den Terrorismus, den wir heute in unserem Land erleben, und sie muss sofort aufhören.»

Terrorismus in den USA? Der grösste Terroranschlag von US-Staatsbürgern war das Oklahoma City Bombing von 1995. Fast 170 Menschen wurden getötet, darunter 19 Kinder. Ausgeführt wurde er von den zwei rechtsradikalen Gegnern von Waffenkontrolle und überhaupt staatlichen Massnahmen Timothy McVeigh und Terry Nichols.

Aber he, nicht nur Trump lügt notorisch und stetig.

Kirk war ein Sprachrohr der Wahlfälschung-Verschwörungstheoretiker von 2020 und nahm an «Stop the Steal»-Veranstaltungen teil. Als er vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses aussagen und seine wilden Behauptungen belegen sollte, machte er vom 5. Verfassungszusatz Gebrauch, also von seinem Recht, sich nicht selbst belasten zu müssen.

Er brüstete sich damit, dass seine Organisation «Turning Point» im Januar 2021 80 Busse «voller Patrioten» nach Washington schicken werde, um Trump zu unterstützen. Später räumte sein Haufen dann ein, dass es eher sieben Busse gewesen seien.

Ganz schlimm sind seine fundamental-christlichen Aussagen. Gefragt, ob ein vergewaltigtes zehnjähriges Kind die Schwangerschaft austragen sollte, sagte er, das sei ein furchtbares Beispiel, «aber ja, das Kind würde zur Welt gebracht werden».

Grauenhaft ist auch sein Vergleich von Abtreibung mit dem Holocaust:

«Das ist, wie wir Auschwitz bekommen, das ist, wie wir den grössten Horror des 20. Jahrhunderts bekommen haben.»

Auf Nachfrage, ob er Abtreibung wirklich mit der Judenvernichtung vergleiche, antwortete er: «Absolut. In Wirklichkeit ist es schlimmer, es ist schlimmer.»

Oder in den salbungsvollen Worten von Gehriger: «Für Kirk war der Glaube der Urquell für alles, was er tat. Die Bibel war ihm Kraftstoff und Referenzschrift für alle Situationen im Leben.»

Dabei war sich Kirk, säuselt die WeWo, seiner menschlichen Begrenztheit durchaus bewusst: «Wir sind alle Sünder. Wir alle haben Probleme. Wir alle haben Laster, doch Jesus macht uns ganz

Kirk gleich als Messias hochzujubeln, das traut sich Gehringer dann doch nicht. Noch nicht. Aber dafür hat er einen anderen Vergleich auf Lager, der einem die Lachtränen in die Augen treibt:

«Sein Rhetorikstil erinnerte an Sokrates, den antiken Philosophen, den wir aus Platons Werken kennen. Durch Fragen und Nachfragen legte er Widersprüche im Denken des Gesprächspartners offen.»

Charlie Sokrates Kirk, Wahnsinn.

Das ist Abteilung Dadaismus und Gagaismus. Aber Gehriger kann auch hinterfotzig: «Medien und Politiker bis hinauf in die Staatsspitze haben über Jahre eine Stimmung geschaffen, die das Terrain für den Mord an Kirk ebneten.»

Die ausgeleierte alte Leier: die Medien waren’s, und wenn nicht sie, dann die Politiker. Ausschliesslich die linken natürlich. Dann wird es ganz, ganz dünn: «Gewalt gegen Politiker und Aktivisten gibt es in den USA auf beiden Seiten. Doch Konservative werden auffällig oft ins Visier genommen.»

Als Beleg dafür kratzt Gehriger gerade mal einen angeschossenen republikanischen Abgeordneten und ein vereiteltes Attentat auf einen Bundesrichter zusammen. Plus natürlich die beiden Attentatsversuche auf Trump.

Am 14 Juni 2025 wurden die demokratische Politikerin Melissa Hortman und ihr Mann erschossen. Kurz zuvor gab es einen Anschlag auf den demokratischen Senator John Hoffmann und seine Frau, die beide schwer verletzt wurden. 2022 wurde bei einem Kidnappingversuch der Ehemann von Nancy Pelosi schwer verletzt. Im gleichen Jahr gab es einen Attentatsversuch auf den demokratischen Bürgermeisterkandidaten Craig Greenberg. Usw.

Irgendwie passen alle drei zusammen. Trump, Kirk und Gehriger. Alle drei nehmen es mit dem Fakten nicht so genau, dafür polemisieren sie ungehemmt. An der Frömmigkeit muss er vielleicht noch etwas arbeiten. Aber auch da kann er sich seinen Chäf als Vorbild nehmen.

Der perfekte Journalist

ZACKBUM bastelt sich ein Ideal.

Der Homunculus sieht so aus. Man nehme Roger Köppel und kreuze ihn mit Constantin Seibt. Dazu eine Prise Tom Kummer und als Abrundung etwas Urs Gehriger. Vielleicht noch einen Schuss Philipp Loser dazu. Und obendrauf, sonst wäre das Bild sexistisch, brauchen wir noch Raphaela Birrer, Salome Müller und Aleksandra Hiltmann.

Dieses Wunderwerk, diese Verkörperung geballter Kompetenz, Schreibkraft, Redlichkeit, intellektueller Ausstrahlung und des festen Willens, die Realität möglichst nach dem eigenen Wunschdenken zu gestalten – das ist das Zukunftsmodell.

Mit der Hilfe von AI sollte es möglich sein, eine solche Verschmelzung durchzuführen. Widmen wir uns kurz einigen wesentlichen Bestandteilen dieses Homunculus, dieses Golems.

Da hätten wir mal Constantin Seibt. Er ist der fatal Angeschlagene in diesem Bund. Er sieht rabenschwarz: «Bei allen Fehlern waren die USA lange das Licht der Welt. Das wird nun ausgelöscht. Ein Besuch in der tiefen, beängstigenden Dunkelheit.» Denn: «Seien Sie freundlich! Denn der Faschismus ist zurück». Das ist ja furchtbar. Seibt hatte schon mit Zehntausenden von Buchstaben davor gewarnt. Vergeblich. Denn der Faschismus war nie weg. Seibt hat ihn in den USA überall entdeckt. Seit vielen Monaten. Er hat heute nur noch endzeitliche Ratschläge:

«Das wahrscheinlich Klügste, was Sie tun können: Reservieren Sie Zeit für den Menschen an Ihrer Seite, für die Kinder – und wen Sie sonst noch lieben

Der Mann braucht dringend Medikamente, aber er verkörpert perfekt den Doomsday-Journalismus, dem sich so viele hingeben. Allerdings ist er so deprimierend, dumm und falsch, dass wir ihn doch schnell verlassen wollen.

Ganz anders dagegen Roger Köppel. Der ist voll im Saft und nimmt sich selbst zurück: «Draussen ist es dunkel. Ich steige ins Auto. Es klingelt. Rückruf. Am Telefon ist Gerhard Schröder.» So geht das zu in den einsamen Höhen des Ich-Journalismus. Man beachte: Schröder ruft ihn an. Nicht umgekehrt.

Aber Schröder ist fast nur noch eine Randfigur – Köppel hat IHN gesehen. Einem «vierstündigen, beeindruckenden Auftritt» gelauscht. Und seither weiss er: «Wir sind jetzt gegen eine Atommacht Kriegspartei.» Damit meint er nicht unbedingt sich selbst, aber die Schweiz.

Dagegen das: «Zum ersten Mal erlebe ich ihn aus nächster Nähe, während über vier Stunden, hochkonzentriert, differenziert, Vortrag, dann freie Rede, fast in sich gewandt, kein Einpeitscher, der einstudierte Parolen für die Heimatfront abfeuert. Darf man es sagen? Ich bin beeindruckt von diesem Mann.» Der Mann braucht keine Medikamente, aber vielleicht psychologische Betreuung: «Putin, so weit mein Eindruck, ist ein Marathonmann von Substanz und Energie.» Das ist Köppel ja auch, nur: was bringt’s?

Aber eigentlich ist selbst Putin für Köppel nur Staffage, es geht ihm schon mehr um sich: «Sein (Putins, Red.) Vortrag, mit dem er den Abend lanciert, in forschem, vorwärts drängendem Rhythmus geschäftsmässig abgelesen wie der Jahresrückblick eines internationalen Grosskonzerns, erinnert mich an ein Interview, das ich vor vielen Jahren mit Henry Kissinger in dessen Büro in Manhattan führen durfte.»

Das war ja auch ein Kriegsverbrecher, logisch, dass Köppel das einfällt.

Aber zurück zu Köppel, äh Putin. Den erlebt er hier ganz als Mensch: «Ist Putin ein Autokrat, ja, ein Diktator gar, wie bei uns ebenso unhinterfragt behauptet wird? An diesem Abend wirkt er nicht wie einer. Geduldig, höflich beantwortet er die Fragen.» Na dann, der Beweis: Putin ist kein Autokrat. Er verhält sich nur wie einer, läuft wie einer, herrscht über eine korrupte Oligarchie wie einer, trifft einsame Fehlentscheidungen wie einer, konnte von niemandem davon abgehalten werden, die grösste militärische Fehleinschätzung des 21. Jahrhunderts abzuliefern, was bei Autokraten halt üblich ist. Aber er ist keiner, meint Köppel,

Ergänzen wir den Homunculus noch mit dem Trump-Groupie Urs Gehriger. Der schwärmte schon mal von Melania Trumps wippendem Rock im Palast der absoluten Geschmacklosigkeit Mar-a-Lago. Nicht zuletzt deshalb darf er wieder dabeisein und aus der Kammerdienerperspektive die Mächtigen ehrfürchtig beobachten: «Donald Trump sitzt auf der Veranda seines Schlosses. Er hat eine schneeweisse Maga-Mütze auf, die ihm eine feierliche Aura verleiht. Neben ihm Elon Musk, ganz in Schwarz.»

Aber auch Gehriger geht es eigentlich in erster Linie um sich selbst: «Ich setze mich im Foyer auf einen Rokokostuhl mit Blick auf Palasteingang und Terrasse. … Eric, Donald Trumps Zweitgeborener, geht an mir vorbei, den Blick vergraben in sein Smartphone.» Wow, da wird Geschichte geschrieben, und Gehriger ist dabei.

Er gibt uns tiefe Einblicke, wie sie sonst niemand hat: «Ein Bote tritt an Trump heran. Der Präsident steht auf, breitet den Arm um den Emissär und gibt ihm mit seinem weiten Jackett Deckung wie Batman mit seinem Cape. Es ist einer jener intensiven Momente, die Trump-Vertraute die «New Yorker Minute» nennen.»

Aber auch er selbst wird beachtet: «Robert F. Kennedy Jr. tritt heraus. «Hey there», sagt er zu mir. Wir haben uns an der Wahlgala am Vorabend getroffen. Er reicht die Hand. «How are things?»» Wow, Kennedy spricht mit ihm.

Aber zurück zum Geschichtemachen und Zeuge sein: «Trump spricht am Telefon. Musk schaut ihm zu. Telefoniert er mit Selenskyj? Man hört es nicht.» Wow, Trump telefoniert, Musk hört zu. Der Mantel der Geschichte weht.

Aber auch Gehriger selbst macht Geschichte: ««Urs!», ruft eine vertraute Stimme. Es ist Edward McMullen, Trumps ehemaliger Botschafter in der Schweiz. Er möchte eine Grussbotschaft an die Schweiz richten.» Wow, und wer darf der Botschafter des Botschafters sein? Genau, Gehriger himself.

Er gönnt uns auch eine Blick in die Zukunft: «Trump wird seine Truppe nach dem Kriterium Loyalität zusammenstellen. Dann wird er loslegen, «mit Lichtgeschwindigkeit», wie eine ehemalige Trump-Beraterin erklärt.»

Wow, er hat mit einer ehemaligen Trump-Beraterin geredet. Einfach Wahnsinn, dieses Groupie.

Braucht’s bei diesen drei noch Kummer, Loser und die Frauen? Eigentlich nicht. Schon so angefüllt, wankt der Homunculus bedeutungsschwer vor dem Leser auf und ab – und bricht unter der eigenen Wichtigkeit zusammen, zerbröselt. Experiment der künstlichen Herstellung des idealen Journalisten gescheitert.

WeWo neu als Fanzine

Jetzt kommen Köppel und Co. richtig ins Hyperventilieren.

Denn meine Güte, wo soll man den verliebten Blick hinwenden? Zum Friedensengel Viktor Orbán oder zum Helden mit «Mut und Würde im Angesichts des Todes

Dazu Gedanken machen sich Ed McMullen der Dickere, Urs Copycat Gehriger, Nigel Stehaufmännchen Farage, Roger FanFan Köppel und Fake News-Produzent Tom Kummer. Dazu noch «u.v.a.».

Kummer? Zu dem Burschen kommen wir noch. Aber zuerst muss Köppel mit religiös verklärtem Blick «Trumps Auferstehung» abfeiern, als habe es so etwas seit rund 2000 Jahren nicht mehr gegeben. Die beiden Ereignisse haben für ihn ungefähr den gleichen Stellenwert: «Der letzte Samstag veränderte die Welt.» Halleluja.

Wenn Köppel die Metaphern auszugehen drohen, wird er aufs Alter immer religiöser: «Das gottlose, heuchlerische Frömmlertum sah in Trump den Teufel und strahlte dieses Bild, sehr erfolgreich, in die Welt hinaus.» Gottlos? Der Mann sollte sich endlich zu den Zeugen Jehovas bekennen. Oder als Mormone outen. Oder einfach Deschners «Kriminalgeschichte des Christentums» lesen (der letzte Band reicht). Oder, noch besser, aufhören, so unerträglich frömmlerisch einen Mann anzubeten, der mindestens so viele Schatten- wie helle Seiten hat.

Bei allem Hosianna in Richtung Trump bleibt doch noch ein Platz im Herzen für den ungarischen Ministerpräsidenten: «Orbáns EU-Plan für den Frieden». Kleiner Schönheitsfehler: Das ist kein EU-Plan, und funktionieren wird er sowieso nicht. Aber Köppel weilte ja nicht nur an der Seite von Orbán, sondern auch in Moskau. Auch das ging nicht spurlos an ihm vorüber: «Moskau leuchtet», schwärmt er, «Russlands Hauptstadt erstrahlt im Sommerglanz. Paris, London, Berlin wirken im vergleich versifft.» Und dann erst die U-Bahn, die Väterchen Stalin den Moskauern schenkte; blitzblank, einfach super.

Zwischendurch schmeisst sich noch Farage an den Auferstandenen ran: «Mein Freund Donald». Was machte der nur ohne den Engländer, der ist in die USA geeilt, «um Schulter an Schulter mit Trump und den USA für die Demokratie einzutreten». Das ist lustig, an der Seite von einem Amok, der seine letzte Wahlniederlage nicht akzeptieren wollte, einen Sturm aufs Capitol befeuerte und bis heute behauptet, ihm sei der Wahlsieg gestohlen worden?

Ehemalige Botschafter haben furchtbar viel Zeit. Dazu gehört auch Ed McMullen, der nun einer der unendlich vielen «engen Berater» von Trump sein soll. Womöglich der neue Bannon. Oder wie all die verflossenen Berater hiessen. Als gewährt er Urs Gehriger ein Interview. Damit ergibt sich eine ideale Überleitung zu Tom Kummer.

Der ist endlich wieder in seinem Element. Er darf alternative Wahrheiten beschreiben. «Und wenn ihn die Kugel getroffen hätte? Eine Chronologie des Schreckens». Was Fiction hier zu suchen hat? Kummers Umdeutung: wäre Trump getötet worden, würden sich die USA Richtung Bürgerkrieg bewegen, während Donald Trump Junior «Fight, Fight, Fight» rufe. Ach herrje.

Natürlich muss auch Anabel Schunke, der lebende Beweis für alle Vorurteile gegenüber Blondinen, nachjapsen. Sie nimmt sich die geschmacklose Äusserung eines deutschen Komikers zur Brust, der in schnell gelöschten Posts bekannt gab, dass er es «absolut fantastisch» finde, «wenn Faschisten sterben». Dann behauptet Schunke: diese Aussage sei auch deswegen «traurig», weil man wisse, «dass es für seine Anstellung beim gebührenfinanzierten Rundfunk kaum Konsequenzen haben wird». Allerdings wurde der Komiker, noch während Schunke das keifte, fristlos rausgeschmissen. Künstlerpech.

Dann will ein angeblicher «Held, Vietnam- und Pentagon-Veteran» wissen: «Putin ist ein Mann von grosser Klugheit. Keiner, der irrationale Entscheidungen trifft». Bloss die, wie ein Volltrottel in die Falle des Westens zu trampeln und nun schon seit mehr als zwei Jahren eine verlustreiche «militärische Spezialoperation von wenigen Tagen» durchzuführen.

Aber, wo viel Schatten ist, ist auch Licht. Peter Jaeggi erinnert an eines der Kriegsverbrechen der USA, die im Vietnamkrieg wohl 46 Tonnen Herbizide («Agent Orange») und 300 Kilogramm Dioxin über Südvietnam versprühten. Hunderttausende fielen dem zum Opfer, bis heute werden noch Kinder mit Missbildungen geboren. Die USA zahlten nach langem Feilschen Entschädigungen  – an US-Kriegsveteranen, die diesem Gift ausgesetzt waren. Vietnam hat bis heute keinen Cent bekommen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Anschliessend wird im Feuilleton das gut abgehangene und schwer verstaubte Werk von Friedrich von Hayek «The Road to Serfdom» aus dem Koma geholt. Anlass? Kein Anlass, ausser, dass es  vor 80 Jahren erschienen ist. Heute sind die über 300 Seiten Medizin für Schlaflose.

ZACKBUM hofft für die WeWo (und ihre Leser), dass Köppel bald einmal alle Facetten seiner Reisen abgearbeitet hat, einsieht, dass Orbán mindestens ein so guter Selbstvermarkter ist wie Trump, und dass der Amokgreis zwar die Wahlen im Sack hat, aber deswegen keineswegs zur Lichtgestalt verklärt werden sollte.

Die Orbán-Festspiele

Wenn es keine Checks and Balances gibt …

Die «Weltwoche» bietet normalerweise einmal wöchentlich mehr Brainfood als Tamedia oder CH Media die ganze Woche hindurch.

Umso bedauerlicher, wenn mal wieder keiner den Besitzer, Verleger, Herausgeber, Chefredaktor und Tausendsassa Roger Köppel einfangen kann.

Der durfte bekanntlich als Journi-Groupie den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán begleiten. Von Budapest nach Kiew und zurück, dann nach Moskau und zurück. Nach Peking und nun in die USA fliegt Orbán dann alleine; Köppel muss erst mal öffentlich verdauen, was er alles erlebte.

Also quillt die WeWo online und im Print über vor Orbán. «Friedensmission 4.0», sülzt Urs Gehriger. «Kriegsgezeter gegen Orbán», zetert Köppel. «Russland, der Westen und das Völkerrecht: im Ukraine-Krieg haben alle Konfliktparteien die Uno-Charta gebrochen», sekundiert Michael von der Schulenburg.

«Orbán führt Cassis und die EU vor», schulmeistert wieder Köppel. Oder schlicht und einfach: «Orbán ist ein Held». Natürlich lässt sich nicht nur Orbán seins massieren, auch Köppel selbst steht seinem Mitarbeiter Roman Zeller und dessen überkritischen Fragen Red und Antwort.

Während sich Köppel nicht einkriegt: «… wirbelt für den Frieden durch die Welt … unbeirrt stürmte Orbán weiter … die Berichterstattung über Orbáns Friedensreisen ist peinlich für den Journalismus … zum Glück rettet wenigstens einer noch die Ehre Europas. Gott sei Dank gibt es einen wie Orbán».

Der Friedensnobelpreis wäre wohl fällig, wenn auch eigentlich zu klein als Wertschätzung.

Neun Seiten plus eine Seite Editorial, satte 47’000 A füllen die Print-Ausgabe der WeWo, wo mal wieder niemand dem Schnell- und Vielschreiber Köppel erklären konnte, dass in der Kürze die Würze liege. Und niemand traute sich, ihm das Zitat von Joachim Friedrich vorzuhalten: «Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache

Natürlich ist die übrigen Journaille grün und blau vor Neid, dass es Köppel gelungen ist, sich auf den Schoss von Orbán zu setzen. Natürlich ist es speziell, dass ein mit allen Wassern gewaschener Politiker einen Journalisten so nahe an sich ranlässt. Das tut er allerdings nur, weil Orbán ein guter Menschenkenner ist und schnell gemerkt hat, dass Köppel in seiner ewigen Suche nach einer Vaterfigur ein neues Objekt seiner Begierde gefunden hat.

Hymnische Verklärung, stolzgeschwelltes «es wurde Geschichte geschrieben, und ich war dabei», der Provokateur Köppel erkennt sich im Provokateur Orbán wieder. Orbán weht im In- und Ausland eine steife Brise entgegen, auch das ist Köppel nicht unbekannt. Orbán ist von sich, seiner Mission und der Richtigkeit seiner Ansichten und Handlungen überzeugt – wie sein eineiiger Zwilling Köppel.

Wird von diesem «Wirbel für den Frieden» etwas Nennenswertes übrigbleiben? Mehr als Orbán mit ernstem Gesicht mit Selenskyj, mit Putin, mit Xi, demnächst noch mit Trump? Natürlich nicht. Mit Belustigung werden die wirklich Mächtigen der Welt huldvoll Orbán empfangen haben. Nachdem sie sich zuvor schlau machten: wer ist das schon wieder? Ach so, Ungarn, 177 Milliarden US-$ BIP, weit hinter Tschechien, mit 27’000 Euro pro Kopf weit unter dem EU-Durchschnitt von 35’500 Euro, Staatsdefizit 4,5 Prozent, rund 9,6 Millionen Einwohner. Nur damit der Schweiz vergleichbar (BIP 818 Milliarden US-$, pro Kopf 93’200 US-$).

Also ist sozusagen ein Fünftel Schweiz durch die Welt gedüst. Niemand braucht Ungarn wirklich, niemand würde es vermissen, niemand zuckt zusammen, wenn Orbán richtig böse würde, niemand nimmt ihn wirklich ernst, auch wenn er EU-Ratspräsident ist. Denn die EU nimmt auch niemand wirklich ernst, zerstritten und handlungsunfähig und dysfunktional wie sie ist.

Abgesehen davon unternimmt Orbán seine Welttournee ohne Abstimmung mit oder Unterstützung durch die EU. «I come in peace» heisst ein wunderbares Lied von Joe Cocker selig, das er in seinen späten Jahren grossartig mit einer Wunderband einspielte. Statt all das WeWo-Geschwurbel zu lesen, sollte man sich zurücklehnen, die Lautsprecher auf volle Dröhnung stellen – und geniessen.

Gottesdienst, nicht stören

Gluck, gluck, gluck. Mal wieder Untergang bei der WeWo.

Nehmen wir an, das Interview zwischen Tucker Carlson und Urs Gehriger habe stattgefunden. Leichte Zweifel sind bekanntlich erlaubt.

Wie auch immer, hier gibt es 22’000 Anschläge zum Thema Journalist interviewt Journalist. Das ist zunächst einmal Ausdruck davon, dass sich Journalisten unnatürlich wichtig nehmen. Nicht die Botschaft, der Bote ist die Message. Das ist zwar Unsinn, wird aber gerne wiederholt.

Zunächst einmal singt Carlson das Loblied auf den Diktator der VAE: «Die interessanteste und weiseste Führungspersönlichkeit, mit der ich je gesprochen habe, ist der Herrscher von Abu Dhabi, MBZ. Ich habe noch nie eine bescheidenere Führungskraft getroffen [als Scheich Muhammad bin Zayid, d. Red.].»

Blutiger Krieg im Jemen, enge Verbindungen mit dem brutalen Herrscher Saudi-Arabiens, der auch mal einen Oppositionellen in seiner Botschaft ermorden und zerstückeln lässt: sicher ein weiser Mann. Vor allem ein sehr, sehr reicher Mann.

Carlson ist überhaupt für saftige Storys gut: «Das [Joe Bidens Duschen mit der Tochter, d. Red.] ist ein Sexualverbrechen. Ich habe drei Töchter, ich kann Ihnen versichern, dass es nicht normal ist, dass ein Vater mit seinen Töchtern duscht. In ihrem Tagebuch schrieb Ashley: «Ich glaube, ich bin sexsüchtig, weil mein Vater mit mir geduscht hat.»»

Das ist nun ziemlich unappetitlich, aber Carlson kann noch einen drauflegen: «Larry Sinclair hat meiner Meinung nach auf sehr glaubwürdige Weise gesagt, dass er Sex mit Barack Obama hatte.» Sinclair ist ein verurteilter Hochstapler.

Seinen ersten grossen Coup nach seinem Rausschmiss bei Fox News landete Carlson mit einem Interview mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Er (und die «Weltwoche») sieht das sicher anders, aber dieses Interview zeigt jedem, der es schafft, es durchzustehen, dass Trump ein seniler alter Mann ist, der ständig den Faden verliert, wenn man ihn einfach quatschen lässt.

Zwei Höhepunkte aus diesem Interview:

«Und der Grund dafür ist, dass ich glaube, dass sie mich mögen, und ich weiss, dass sie meine Politik lieben. Ich hoffe, sie mögen mich auch. Wissen Sie, viele Leute sagen, sie mögen mich nicht, aber sie mögen meine Politik, ich glaube, sie mögen mich. Aber ich habe noch nie so eine Stimmung erlebt wie jetzt. Und der Grund dafür ist, dass der korrupte Joe Biden so schlecht ist.

Nun, er (Präsident Biden, Red.) kann nicht durch den Sand laufen. Weisst du, Sand ist nicht so einfach zu durchlaufen. Aber wo geht man denn hin, wenn man nicht durch den Sand laufen kann?»

Eine tolle Ausgangslage in den USA. Ein seniler Präsident und ein nicht minder seniler wahrscheinlicher Herausforderer. Und ein Interviewer, der schlimmer als Larry King seine Gäste einfach alles sagen lässt. Dass er damit Millionen von Zuschauern erreicht, sei ihm gegönnt. Aber das als Qualitätsmerkmal hochzuschreiben und Tucker zum «erfolgreichsten Journalisten der Welt» zu ernennen, das ist – nun, auch etwas senil.

Gibt es noch etwas, wo die WeWo zwanghaft gegen den Strom schwimmen muss? Richtig geraten: «Verteidigung der katholischen Kirche», so hebt Roger Köppel fromm in seinem Editorial an: «Niemand stellt sich vor die katholische Kirche. Niemand verteidigt die älteste und erfolgreichste Organisation der Welt. Wehrlos taumelt sie in den Seilen

Wir bekreuzigen uns bestürzt. Köppel versucht’s mit etwas Dialektik: «Die Absicht, Missbräuche zu rechtfertigen, habe ich nicht. Im Gegenteil. Ich verurteile sie. Aber ich beobachte einen Missbrauch des Missbrauchs

Aber wieso verteidigt der selbst ernannte Calvinist Köppel denn die katholische Kirche, die älteste Verbrecherorganisation der Welt? Kennt er Karlheinz Deschners zehnbändige «Kriminalgeschichte des Christentums» nicht? Mag sein, aber schnell kommt Köppel zum Punkt: «Ziel der Angriffe ist die Schwächung der Kirche als Bollwerk gegen den Zeitgeist. Der konservative Katholizismus steht, unter anderem, für Familie, für Tradition, für Freiheit vom Staat, für die klare Unterscheidung zwischen Mann und Frau. Den ersatzreligiösen Klimakult machen viele Katholiken nicht mit

Familie? Abtreibungsverbot, Wiederverheiratungsverbot, Mittelalter? Freiheit vom Staat? Von dem die Kirche in der Schweiz gerne die Kirchensteuer eintreiben lässt? Was für ein Bullshit. Aber wenn Köppel mal in Fahrt ist, hält ihn in seinem Lauf weder Ochs noch Esel auf: «Die Schauprozesse gegen die Katholiken und ihre Kirche erinnern an den Tugendterror der Französischen Revolution.» Gleich stalinistische Schauprozesse mit der Terreur des entfesselten Bürgertums vermischen? Wo finden denn diese Schauprozesse statt, wo arbeiten die Erschiessungskommandos, wo stehen die Guillotinen? Was für ein Bullshit.

Und wo Köppel wie Don Quijote gegen imaginäre Drachen reitet und dabei viel Wind macht, braucht er auch einen willigen Adlatus, sozusagen seinen Sancho Pansa. Den gibt Giuseppe Gracia. Der hyperaktive Kommunikationsberater stösst ins gleiche Horn. Natürlich sei jeder Fall in der katholischen Kirche einer zu viel. «Aber die entrüstete Berichterstattung zur aktuellen Missbrauchsstudie ist heuchlerisch

Weil: «Die säkulare, moralisch entgrenzte Gesellschaft von heute bringt jeden Tag so viele Opfer sexueller Gewalt hervor wie keine religiöse Gruppe in Jahrzehnten.» Moralische entgrenzte Gesellschaft, sozusagen die moderne Fassung von Sodom und Gomorra, Sittenverluderung, furchtbar. Keine Zucht mehr, keine Ordnung. Perversion und Promiskuität. Pfui.

Denn es ist doch schrecklich: «Jeder weiss, dass allein Hollywood jährlich Tausende Opfer produziert und in fast allen westlichen Metropolen täglich mehrere tausend Frauen und Kinder missbraucht werden

Auch in Bern, Zürich, Basel und St. Gallen? Wahnsinn.

Weiss das jeder? Nun, zumindest einer. Nun noch ein Sprutz Dialektik: «Wenn nun die Medien für ihre Stimmungsmache gegen die Kirche den Hauptort sexueller Gewalt ausblenden, dann schützen sie indirekt die Mehrheit der Täter, deren Verbrechen und deren Opfer nicht öffentlich aufgeklärt werden.»

Stimmungsmache, Schutz der Mehrheit der Täter? Was für ein Bullshit. Aber auch Gracia kann sich noch steigern: «Dass der Zölibat zu Missbräuchen in der Kirche führe, ist falsch.» Das habe ein Professor an der Charité mit einer Studie nachgewiesen. Ach, die widernatürliche Unterdrückung sexueller Bedürfnisse hat keine ungesunden Auswirkungen? Unglaublich, was in der WeWo für ein Stuss erzählt werden darf.

Aber auch Gracia geht’s natürlich um das Grundsätzliche: «Der Missbrauch des Missbrauchs ist Teil des gegenwärtigen Kulturkampfs. Im Zeitalter von Konsumismus und Totalverwertung muss alles verfügbar gemacht werden. Auch der Katholizismus soll durchlässig werden für die Wünsche einer Erlebnis- und Optimierungsgesellschaft, die als obersten Massstab nur noch sich selber akzeptiert. Eine Kirche, die es wagt, Unverhandelbares und Unverfügbares zu verkünden – etwa die Unauflöslichkeit der Ehe, die Priesterweihe mit Zölibat nur für Männer oder überhaupt den Anspruch der Zehn Gebote –, so eine Kirche gehört abgeschafft. Finden ihre Gegner.»

Wer hat den Missbrauch des Missbrauchs wem abgeschrieben? Der Hirte Köppel dem Schaf Gracia oder umgekehrt? Aber Gracia ist doch eher resigniert: «Gegen die machtvollen Dynamiken dieser Gesellschaft können die Hirten der Kirche wenig ausrichten.» Oh Herr, gibt es denn keine Hoffnung hienieden? Doch: «Die Liebe ist stärker als der Tod und als alle Mächte des Bösen

Wunderbar, da braucht es in dieser Ausgabe den wiedergeborener Katholiken Matthias Matussek gar nicht, der sogar aus dem finster-fanatischen Gottesmann Ratzinger eine Lichtgestalt erdichtet.

Aber so wollen wir hier auch eingedenken, milde werden und sowohl Köppel wie Gracia einen Bruderkuss auf die Wange hauchen. Denn auch sie sind doch nur Sünder vor dem Herrn, wie wir alle.

 

 

Die WeWo treppab ins Absurde

Wenn das Dagegen krampfhaft wird.

Es sind einzelne Sätze, die mehr entlarven als ganze Abhandlungen über geistige Befindlichkeiten. So schreibt ein Redaktor von «Tichys Einblick», wo man auch in seiner Gesinnungsblase gefangen ist, in der aktuellen «Weltwoche»:

«Berlusconi war damit der letzte demokratisch legitimierte Ministerpräsident.»

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Alle seine Nachfolger, inklusive Mario Draghi, waren also laut diesem Irrwisch von Autor Usurpatoren, durch einen Staatsstreich, durch krumme Touren an die Macht gekommen. Wie verbohrt muss man sein, wenn man die Absurdität einer solchen Behauptung nicht selber bemerkt? Wie betriebsblind muss man sein, wenn man die Unsinnigkeit dieser entlarvenden Bemerkung nicht beim Redigieren sieht – und sie entfernt?

Roger Köppel, im leichten Cäsarenwahn, schreibt eine Rede, die Bundespräsident Ignazio Cassis vor der UNO hätte halten sollen. Von der Perspektive des Rednerpults im Vollversammlungssaal lässt sich der Besitzer, Verleger, Herausgeber, Chefredaktor und SVP-Nationalrat hinwegtragen. Ginge es nach Köppel, hätte sich Cassis mit Sätzen wie diesem lächerlich gemacht: «Wenn alle Staaten auf dieser Welt neutral wären wie die Schweiz, gäbe es keine Kriege mehr.» Diese Sottise müsste eigentlich von Nena99 Luftballons») oder von NicoleEin bisschen Frieden») gesungen werden.

Dass Marco Gallina seinen Artikel mit dem Brüller betitelt «Italien ist der Fels im instabilen Europa», dass er prognostiziert, dass «eine realistische Möglichkeit besteht, dass diese Regierung eine ganze Legislaturperiode lang existiert», das kann nur bedeuten, dass Italien wohl einen Rettungsschirm benötigt und diese Regierung vielleicht nicht einmal die ersten 100 Tage überlebt. Denn so ist das meistens bei Behauptungen und Ankündigungen der WeWo.

Italien als Fels? Turmhohe Staatsschulden, turmhohe Target-2-Schulden, Graben zwischen Norden und Süden, Mafia, Korruption und magere Wirtschaftsleistung – was für ein bröckelnder Fels. Der nur nicht untergeht, was die Wahlsiegerin genau weiss, weil sie nochmals turmhohe Schulden auf die existierenden schaufeln wird. Nach der erpresserischen Devise, der sich auch Orbán verschrieben hat: Ihr könnt es euch gar nicht leisten, dass wir untergehen.

So viel zu einer realistischen Beschreibung Italiens und seiner neuen Regierung. In bester Tradition der WeWo. Man denke dabei nur an die sauber aus der Krise gekommene UBS, an liebedienerische Interviews mit dem Versagerrat Rohner von der CS, an Putin, den Missverstandenen.

Dann bezeichnet Autor Pierre Heumann den Friedensnobelpreisträger, Intriganten, Machtmenschen und mutmasslichen Kriegsverbrecher Henry Kissinger als «Zauberkünstler der Diplomatie». In Wirklichkeit ist er ein Zauberkünstler, der alle zahlreichen schwarzen und roten Flecke auf seiner Weste ignoriert. Der Putsch in Chile, die Verlängerung des Vietnamkriegs (sein vietnamesischer Kollege verweigerte aus Protest gegen ihn die Annahme seines Nobelpreises), der Journalist Christopher Hitchens halt mit aller Kraft – aber leider vergeblich – versucht, dass man Kissinger vor ein Tribunal stellt. Indem er ihm unzählige Untaten nachwies, die nicht nur den Politikwissenschaftler Alfred Grosser dazu brachten, Kissinger als Kriegsverbrecher zu bezeichnen.

Kissinger tat das einzig Clevere: er reagierte einfach nicht auf die zahlreichen Anschuldigungen, strengte keinen Ehrverletzungsprozess an. Sass es einfach aus.

Sodann fantasiert der Flugmeilenweltmeister, ewige Wahlbeobachter und früherer GSoA-Aktivist (man wollte ernsthaft die Schweizer Armee abschaffen) Andreas Gross davon, dass man einen neuen Krimkrieg vermeiden könne, indem man in «einem sorgfältig ausgestalteten Referendumszyklus» die Bürger der Krim selbst entscheiden lassen sollte, zu wem sie gehören wollen. Schon wieder eine Chance für Nena oder Nicole, in die Harfe zu greifen.

Dann darf der real existierende Verschwörungstheoretiker Oliver StoneJFK») seine Erlebnisse mit Wladimir Putin zum Besten geben. Allerdings ist der Text von Urs Gehriger, der bekanntlich schon mit Leuten gesprochen hat, mit denen er gar nicht gesprochen hat.

Schliesslich gibt Christoph Mörgeli den philosophischen Überflieger und lobhudelt «sechs Helden der Neutralität». Darunter zählt er Niklaus von Flüe, Huldrych Zwingli, Carl Spitteler – und Christoph Blocher. Amen.

«Wenn das Gehirn überhitzt». Dieser Titel ist vielversprechend, darunter steht aber kein Text über die WeWo-Redaktion, sondern über Migräne. Dann behauptet ein ansonsten verhaltensunauffälliger Republikaner in seinem Blog «Stockman’s Contra Corner»: «Eine diplomatische Lösung des Ukraine-Krieges wäre jederzeit möglich gewesen. Stattdessen riskieren die USA die Weltkatastrophe.» Interessant, und wir Dummys dachten, dass Russland unter Bruch aller internationalen Verträge in die Ukraine einmarschiert sei und nun mit Atomschlägen droht.

Dann sind wir aber wieder beruhigt, wer wohl den Kontakt zur Realität weitgehend verloren hat, wenn wir von Stockmann solche Sätze lesen, zur schnellen Rückeroberung ukrainischer Gebiete durch Regierungstruppen: «Das betreffende Gebiet war nämlich grösstenteils von den nur leicht ausgebildeten freiwilligen Kämpfern der Republik Luhansk besetzt und verteidigt worden, nicht von den geschulten Profis der russischen Streitkräfte.» Geschulte Profis der russischen Streitkräfte? Der Mann will wohl, dass sich deren Gegner totlachen.

Damit wollen wir den Mantel des Schweigens über den Restinhalt breiten.

 

Weltwochenbetrachtung

ZACKBUM legt mal wieder das Zentralorgan der guten Laune auf die Couch.

Es ist schon so: Wo Christoph Mörgeli hinschlägt, wächst so schnell kein Gras mehr. Diesmal erfreut er gleich am Anfang der aktuellen Ausgabe den Leser mit einer gnadenlosen Story: «Irène Kälins Weltreisen». Denn die grüne Nationalpräsidentin hält es nicht so mit dem Vermeiden unnötiger Flugmeilen. So reiste sie in die Ukraine. In den Niger nach Westafrika. Nach Slowenien. Nach Schweden und Finnland. Mit Mann und Kind zum Papst im Vatikan. Alles am liebsten im Bundesratsjet, das hohe Amt verpflichtet. Allerdings: «Genaue Zahlen über die Kosten einzelner Reisen werden nicht publiziert», zitiert Mörgeli genüsslich aus der Antwort des Büros der Nationalratspräsidentin auf eine parlamentarische Anfrage.

Dann kommen wir aber zu einer regelrechten Mogelpackung in Form der Titelgeschichte. «So schützen Sie Ihr Geld», das hört sich mal gut an. Allerdings folgen dann zwei Seiten Bankertalk mit heisser Luft, Wolkenschiebereien und windelweichen Aussagen. Wobei der «ehemalige Chefökonom der Bank Julius Bär» zunächst einmal mehr als eine Seite darauf verschwendet, alle dunklen Wolken am Horizont der Finanzwelt zu beschreiben.

Um dann nach einigem Geeier zur grossartigen Geldschutz-Aussage zu gelangen: «Bei steigender Inflation Aktien und Immobilien, allenfalls Gold … kaufen.» Es ist ziemlich peinlich, eine solche Ansammlung von Allgemeinplätzen, die jeder Bürogummi im Back-Office als Textbausteine aus dem Computer purzeln lassen kann, als Coverstory zu verkaufen. Aber wie meint Roger Köppel in seinem wie immer viel zu langen Interview mit Helmut Markwort (85): «Das Schwierigste ist die Titelstory. Was war da Ihr Konzept? – Das ist jede Woche die schwierigste, fürchterlichste Entscheidung.» Wie wahr.

Der absolute Tiefpunkt dieses Hefts wird aber mal wieder von Urs Gehriger erreicht: «In Florida geht die Sonne auf. Die USA erleben eine Völkerwanderung in den « Sunshine State». Hier ist Amerika noch, was es einmal war.» Das hat man halt davon, wenn er mal wieder in Palm Beach etwas Sonne tanken darf: «Ein paar Golfschläge vom «Breakers» entfernt hat der prominenteste Nachzügler auf Flaglers Spuren, Donald J. Trump, im Märchenschloss Mar-a-Lago sein Hauptquartier bezogen. Während sich der unermüdliche Ex-Präsident kaum in gewöhnliche Kategorien einordnen lässt, …»

Vielleicht wird ja der Gestaltungsdrang des unermüdlichen Ex-Präsidenten bald einmal von schwedischen Gardinen gebremst. Aber Gehriger ist nicht zu bremsen, wenn er mal ins Schwärmen gerät: «… Wohlstandstransfer von gigantischem Ausmass, … Das Narbengesicht Montana verpasste den Kubanern einen schlechten Ruf, der ihnen nicht gerecht wird. Die meisten sind rechtschaffen und steuern einen substanziellen Teil zum Erfolg Floridas bei …»

Die Wirklichkeit sieht ein wenig anders aus. Die Infrastruktur Floridas ist verrottet. Bei jedem kleineren Regenguss verwandeln sich die Strassen in Miami in kleine Flüsse. Die Qualität der meisten Hotels ist lausig. Miami Beach mit seinem Ocean Drive ist nur noch ein billiger Schatten seiner selbst. Das finanzielle Wunder Floridas besteht darin, dass hier die grössten Geldwaschmaschinen der Welt stehen, in denen traditionell und bis heute die lateinamerikanischen Drogengelder gewaschen werden. Wobei die «rechtschaffenen» Kubaner weiterhin den lokalen Drogenhandel im Griff haben und ihn bislang gegen Angriffe russischer Mafiosi oder brasilianischer Banden verteidigen konnten. Downtown Miami ist wohl mit Abstand das schäbigste Stadtzentrum einer US-Grossstadt.

Der Verkehr kommt regelmässig zum Erliegen, und es ist keine Seltenheit, dass man vom Flughafen bis nach Miami Beach in der Rush Hour locker anderthalb bis zwei Stunden in der Kolonne verbringt. Immer in der Hoffnung, unterwegs nicht ausgeraubt zu werden. Aber von solchen Kleinigkeiten lässt sich ein Reporter doch nicht stören, der den Vollversager Trump mit Henry Flagler vergleicht. Besonderes Lob schüttet er auch über Floridas Gouverneur Ron deSantis aus. Dabei erwähnt er allerdings nicht, dass der gerade in gröbere Schwulitäten verwickelt ist, weil er als misslungenen PR-Stunt ein paar Dutzend Migranten per Flugzeug nach Martha’s Vineyard verfrachten liess, eine der US-Lieblings-Urlaubsinseln der Demokraten.

Immerhin ein gelungener Versuch, sich noch blöder anzustellen als sein grosses Vorbild Trump. Schafft das auch jemand in der «Weltwoche» im Nahvergleich mit Gehriger? Da kann es natürlich nur einen geben. Genau, den Mann, der angeblich «basierend auf wahren Gegebenheiten» schreibt. Wenn Tom Kummer titelt: «Federer im Final gegen die Ewigkeit», dann überfallen den Leser spontane Zweifel, ob es Roger Federer eigentlich überhaupt gibt. Oder die Ewigkeit. Oder einen Text über Federer. Oder Tom Kummer. Oder die Fähigkeit, die Schmerzgrenze der Leser nicht immer wieder auszutesten bei Roger Köppel.

Dass dann der in Peru seine Pension geniessende Alex Baur den unfähigsten Präsidenten Brasiliens (und das will in diesem Land etwas heissen) als einen «Pragmatiker» bezeichnet, dessen «Politik vernünftig» sei, ist dann nur noch eine Randnotiz. Dass Jair Bolsonaro bei der Bewältigung der Pandemie krachend versagt hat, von noch mehr Korruptionsskandalen umweht wird als seine Vorgänger, so schlecht regiert, dass sogar das abgehalfterte Schlachtross Lula da Silva gute Chancen hat, ihn bei den nächsten Wahlen zu besiegen, das blendet Baur altersmilde aus.

Ach, und dann auch noch David Klein, das Elend nimmt in dieser WeWo kein Ende. Schwedendemokraten, Gérald Darmanin, Giorgia Meloni, das ganze Panoptikum wird aufgefahren. Allerdings: Vielleicht liegt ein Fluch auf der WeWo, denn meistens schmieren von ihr hochgelobte Politiker (Trump, Putin) oder Firmen (UBS, CS) grausam ab, kaum konnten sie sich im Glanz eines wohlwollenden WeWo-Artikels sonnen.

 

«Weltwoche»: Bier her!

Auch das gut gelaunte Blatt des gepflegten Tischgesprächs leidet unter der Hitze.

Anders ist es nicht zu erklären, dass das sonst eher nüchterne Wochenmagazin ganze 15 Seiten dem Gerstensaft widmet. Das hat sicherlich überhaupt nichts mit diesen beiden Inseraten zu tun:

Nachdem das geklärt ist, können wir uns dem weniger flüssigen Inhalt widmen. Roger Köppel ist mal wieder begeistert. Das merkt man daran, dass er von «Viktor Orbáns grosser Rede in Dallas» schwärmt. «Hervorragend, selbstbewusst und humorvoll» habe der ungarische Autokrat für die «Werte des Westens plädiert: Christentum, Freiheit, traditionelle Familie, tiefe Steuern».

Freiheit und tiefe Steuern könnte man gelten lassen. Hier wird’s dann aber düster mittelalterlich: «Wir müssen unseren jüdisch-christlichen Lehren vertrauen», rief Orbán den Republikanern zu, «denn diese Lehren helfen uns zu entscheiden, welche unserer Handlungen gut und welche böse sind». Wer an Gott glaube, könne kein Rassist sein», zitiert Köppel zustimmend.

Ein Ayatollah hätte das auch nicht besser formulieren können, allerdings hätte er eher an Mohammeds Lehren gedacht. Wer an Gott glaubt, war und ist so was von einem Rassisten. Was Millionen und Abermillionen von versklavten, missbrauchten, wie Vieh behandelten und abgeschlachteten Menschen in Lateinamerika und Afrika und Asien bezeugen, alles mit dem Segen, dem Einverständnis und der gottesfürchtigen Legitimation der christlichen Kirche, dieser ältesten Verbrecherorganisation der Welt. Vielleicht sollte Köppel, der ja viel liest, nur ein paar Bände von Karlheinz Deschners Lebenswerk «Kriminalgeschichte des Christentums» lesen.

Hier merkt man wieder schmerzlich, dass der WeWo Checks and Balances fehlen, denn niemand konnte Köppel davon abhalten, diese im Übrigen eher mässige, demagogische und effekthascherische Rede auf vier Seiten abzudrucken. Bier her, kann man da nur sagen.

Dann geht’s erwartbar weiter. Copy/paste-King Urs Gehriger erregt sich über «Amerikas politisierte Justiz». Natürlich meint er die Razzia bei Donald Trump zu Hause, die sei «beispiellos», «Geheimniskrämerei», wieso sage der FBI-Chef nix? Der übrigens noch von Trump höchstselbst ernannt worden war, der Schlingel.

Weil auch Gehriger nicht mehr weiss als alle anderen, nämlich nix, spielt er dann «wieso der, aber der und die nicht?» Also wieso Trump und nicht Hunter Biden, der dubiose Sohn des amtierenden Präsidenten? «Für Hillary Clintons Hetzkampagne gegen Trump hat sich das FBI nie interessiert», klagt Gehriger. Um gleich zum Schluss zu kommen, dass sich der Eindruck bei vielen Amerikanern bestätige, «dass die US-Justiz nicht nur auf einem Auge blind ist, sondern aus politischen Motiven agiert». Das ist dann schlichtweg andersrum blöd als der Kommentar von Tamedia-Münger. Sollen die beiden doch mal ein Bier trinken gehen.

Aber für bösartige Qualität sorgt wie meist dann Christoph Mörgeli. Er nimmt sich die «gefährlichste Denkfabrik der Schweiz» vor. Übertriebene Ehre für Foraus, aber dass hier Bundesbeamte mitschreiben und der Haufen mit 120’000 Steuerfranken subventioniert wird, sind zwei schöne Giftpfeile. Über die mangelnde Eignung der Co-Geschätfsführerin Anna-Lina Müller konnte man hier schon lesen.

Gerecht wie Salomon haut Mörgeli dann auch noch ihrer Kollegin Sanija Ameti eins über die Rübe. Auch über diese Flop-Königin war hier schon zu lesen. Mit seinen giftigen Bemerkungen hat sich Mörgeli gleich eine genauso giftige Reaktion eingefangen. Denn auch Libero ist kein Kind von Traurigkeit:

Mit solchen spätpubertären Scherzen verspielt die einstmals erfolgreiche Lobbytruppe ihr Renommee.

Wir wissen nun nicht, ob Mörgeli gläubig genug ist, um Rassist zu sein. Ihn aber wegen dieser Polemik als solchen zu bezeichnen, ist schlichtweg dumm.

Es folgt Erwartbares und Wiedergekäutes, «Die scheinheilige Supermacht» USA, auch Gehriger macht im Spielchen mit «Journalisten interviewen Journalisten» und will sich in den gleichen Sessel gesetzt haben, den zuvor noch Richie Sunak gewärmt habe, einer der beiden Spitzenkandidaten um die Nachfolge von Boris Johnson. Doch der war schon wieder weg, also interviewt Gehriger seinen Kollegen Charles Moore vom «Spectator». Damit sich die Reise nach London auch gelohnt hat, auf drei Seiten. Erkenntnisgewinn?

Aber, sonst wär’s ja nicht die WeWo, die Erinnerung an Hellé Nice, Aktmodell, Nackttänzerin und Rennfahrerin, grossartig. Hier leuchtet das Blatt auch hell, denn als nächstes kommt «Ukraines polnische Gespenster», eine gewinnbringende historische Einordnung des Verhältnisses zwischen Polen, Russland und dem Land, das heute Ukraine heisst. Erkenntnisgewinn:

Auf kulturellem Gebiet kann der WeWo schon seit Längerem höchstens noch die NZZ das Wasser reichen. Ein Jean-Martin Büttner in Bestform über Reggae, Bob Marley und kulturelle Aneignung. Das Feuilleton von Peter Weber ist jedes Mal ein Genuss. Intelligent, der Platz ist gut verwaltet, Aktuelles und Interessantes im Wechselspiel. Vielleicht fand deswegen das Gejammer von Milosz Matuschek ausserhalb statt. Der erzählt nochmal, als Teaser für sein Buch zum Thema, die leidige Geschichte nach, wie er als NZZ-Kolumnist abserviert wurde. Sicher kann man ihm da keine allzu grosse Objektivität unterstellen. Richtig Liga Ameti (die mit dem Sprung vor Rodins Höllentor) wird’s allerdings bei der Bebilderung. Da sehen wir Matuschek auf einem Steinbänkchen mit der NZZ in der Hand. Er schaut links nach oben, wo ein Denkmal von Victor Hugo thront. Man spürt die Absicht und ist verstimmt: ich, Matuschek, bin schon deutlich kleiner als der. Aber irgendwie spiele ich doch in der gleichen Liga. Tut er aber nicht. Um die Proportionen zu wahren, hätte man ihn so schrumpfen müssen, dass man ihn nur mit Lupe und hoher Auflösung erkannt hätte.

Ab «Leben heute» seichtelt es etwas vor sich hin; mit einzelnen Ausnahmen sind die Texte einfach zu platt und flach geschrieben, als dass Lebensfreude aufkommen könnte. Und bei allem Verständnis für die Massage von Werbekunden, was soll so ein Lead? «Niemand braucht ein Auto wie den Porsche Cayenne Turbo GT. Zum Glück wird es trotzdem gebaut.» Niemand braucht so einen Text, zum Pech des Lesers wird er trotzdem gedruckt.

Das gilt auch für den «Werber des Jahres», der offenbar das Pech hatte, in einem All-Inclusive-Hotel auf Mallorca zu landen. Dabei hätte er sich problemlos ein schnuckeliges Artsy-Fartsy-Designerjuwel-Boutique-Hotel leisten können, in dessen Stühle schon Philipp Starck persönlich furzte.

Aber so bleibt David Schärer nur, «Grüsse aus der Mittelschichts-Hölle» auszurichten: «Es herrschte rastlose Ereignislosigkeit.» Am Buffet habe er doch tatsächlich «an Sartre gedacht: «L’enfer, c’est les autres» (die Hölle, das sind die anderen).» Nett von ihm, dass er des Französischen nicht so mächtige Leser gleich mit der Übersetzung beglückt. Nur fragen die sich vielleicht: wer ist Sartre, war das ein Kämpfer gegen schlechten Buffet-Frass? Und wenn man schon beim Fragen ist: wieso hat sich der Geizhalz diese Hölle angetan? Und ob er in der Lage wäre, ohne zu googeln zu sagen, aus welchem Buch das stammt und worum es darin geht?

Damit überspringen wir das EMS-Chemie-Kreuzworträtsel und sind auf Seite 100, also am Schluss angelangt. Himmel und Hölle liegen in der «Weltwoche» wirklich nahe beieinander.