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Die NZZ mahnt und warnt

Der Sittenzerfall nimmt beängstigende Züge an. Mal wieder.

Christina Neuhaus, ihres Zeichens Leiterin NZZ-Inlandredaktion, ist entsetzt. Das Ende ist nahe. Das Ende des Abendlandes. Der Welt, wie wir sie kennen. Oder in ihrem Schlussfazit:

«Der Niedergang eines Staatswesens beginnt oft nicht mit einem Staatsstreich, sondern in dem Moment, in dem ein hingeworfenes «Arschloch» in der Politik normal wird.»

Wie das? Schliesslich arbeitet sie für ein Blatt, das gerne die grossen Linien zieht. Von der Gegenwart in die Vergangenheit, und dann zurück in die Zukunft. Also beginnt sie ihre Philippika mit einem historischen Ausflug: «Der König aller parlamentarischen Pöbler war Herbert Wehner

Dann zitiert sie allerdings vom legendären SPD-Politiker lediglich die «Übelkrähe» (an den Abgeordneten Wohlrabe, und den «Hodentöter», vulgo Todenhöfer). Viel schöner war aber sein Zwischenruf gegen den CDU-Abgeordneten Rainer Barzel: «Herr Barzel, Sie sollten einmal einen Ölwechsel vornehmen lassen – Ihr Differential heult.» Nicht schlecht war auch der Ratschlag an seinen Parteigenossen Zebisch, der sich über eine alphabetische Sitzordnung beklagte: «Sie können sich ja in Genosse Arschloch umbenennen.»

Dann streift Neuhaus weiter durch die Geschichte mit Franz-Josef-StraussSchmeissfliegen») oder Joschka FischerMit Verlaub, Sie sind ein Arschloch») und hält kurz bei US-Präsident Donald TrumpArschloch», «Idiotin», «Verlierer», «Dummkopf»). Es folgt ein merkwürdiger, aber nicht unerwarteter Schwenker zum Sittenzerfall der heutigen Jugend: «Die Helden des individualisierten Internetzeitalters spucken ungeniert auf den Boden … begrüssen sich gegenseitig mit «Hey, Arschloch»

Aber, o tempora, o mores (das sagt sie allerdings nicht): «Seit einiger Zeit hat der Trend auch die Schweiz erreicht.» Das Land befände sich «ebenfalls auf bestem Weg, zu einer Rüpelrepublik zu werden». Paradebeispiel? Na klar, Jacqueline Badran, wer sonst. Dann aber kommt sie endlich zu des Pudels Kern, beziehungsweise zum SVP-Nationalrat Christian Imark. Dem rutschte raus: «Die SP ist keine Partei, sondern ein sozialistisches Krebsgeschwür.» Selten blöd, aber Neuhaus kennt keine Gnade: «Mittlerweile ist auch dieser Beitrag gelöscht und relativiert worden, aber er hinterlässt einen Nachgeschmack

Schliesslich der Aufschwung ins Allgemeine: «Die Verrohung der Sprache zieht immer auch eine Verrohung des Umgangs mit sich.» Allerdings: eine Partei lässt Neuhaus in ihrer Aufzählung wohlweislich aus. Welche? Nein, nur einmal raten ist erlaubt. Dabei gäbe es hier aus Vergangenheit und Gegenwart auch hübsche Beispiele. «Sozialistenapostel», «Totengräber der Schweiz», «Moskau einfach», so tönte es aus dem alten Freisinn. Aber auch der neue ist durchaus rustikal: «Kosovaren schlitzen Schweizer auf.» Nein, das stammt nicht von der SVP, sondern von Philipp Müller. Auch nett von ihm: «Die Linken haben einen Dachschaden.» Auch Andrea Caroni weiss auszuteilen: «Man kann nicht jeden Unsinn in die Verfassung schreiben.»

Ach, und wäre es nicht der Moment, die schwärzeste Stunde der NZZ zu erwähnen, als sie in ihrer damaligen antikommunistischen Hysterie 1956 über den kommunistischen Kunsthistoriker Konrad Farner schrieb: «Vielleicht kann … Dr. Konrad Farner Auskunft geben; er ist jetzt zurück und wohnt in Thalwil an der Mühlebachstrasse 11.» Worauf es zu tätlichen Übergriffen gegen ihn und seine Familie kam.

Gelehrt zitiert Neuhaus stattdessen Machiavelli. Der habe vor Beleidigungen gewarnt: «Jede Schmähung schüre den Hass des Gegners, schrieb er, und sporne ihn an, erst recht auf das Verderben des Beleidigers zu sinnen

Wer allerdings vor dem Niedergang des Staatswesens durch Rüpeleien warnt, dabei aber eine ihm nahestehende Partei ausklammert, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen – um es staatstragend im NZZ-Ton auszudrücken –, dass sein ordnungspolitischer Zwischenruf etwas Scheinheiliges und damit Unglaubwürdiges hat.