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Wumms: Elon Musk

Wollt ihr mich weiter als Chef?

Eines muss man dem erratischen Genie Elon Musk lassen: «Should I step down as head of Twitter? I will abide by the results of this poll.» Das ist mal eine Ansage.

Rund 17 Millionen Twitterer haben an der Abstimmung teilgenommen, ob Musk als Chef des von ihm für 44 Milliarden US-Dollar gekauften Kurznachrichtendiensts Twitter zurücktreten soll oder nicht. Zugleich verspricht er, sich dem Ergebnis zu unterwerfen.

Musk war an verschiedenen Fronten in die Kritik geraten. Zum einen, weil er kurz nach Amtsantritt praktisch die gesamte Führungsriege und die Hälfte der Angestellten gefeuert hatte – während die Überlebenden bereit sein sollten, auch 80-Stunden-Wochen zu schieben. Nach der Devise: besser jetzt im Büro schlafen als zukünftig auf der Strasse.

Dann hatte seine Politik, Konten wieder zu öffnen und andere zu sperren, ebenfalls für Gebrüll gesorgt. Sogar Regierungen äusserten ihr Unbehagen darüber, was mit Twitter zukünftig geschehen könnte, wenn Musk weiterhin herumfuhrwerkt.

Die Twitternutzer haben entschieden: 57,5 Prozent sind dafür, dass Musk zurücktritt.

Das ist nun unbestreitbar originell. Und sollte Schule machen. Wie wäre es mit einer Abstimmung unter Facebook-Nutzern, ob Mark Zuckerberg zurücktreten sollte? Das Resultat wäre allerdings von Vornherein klar.

Oder wäre das eine Möglichkeit, endlich doch die Volkswahl Schweizer Bundesräte einzuführen? Oder zumindest die Frage zur Abstimmung zu stellen, ob beispielsweise Bundesrat Alain Berset zurücktreten sollte oder nicht.

Schule machen könnte das auch in Biotopen wie «Operation Libero», «Republik» oder «Nebelspalter». Jeweils die Mitglieder oder Abonnenten könnten darüber abstimmen, ob Sanija Ameti, Constantin Seibt oder Markus Somm wegen erwiesener Unfähigkeit zurücktreten sollten. Da aber auch hier die Resultate vorhersehbar wären, wird das leider nicht geschehen.

Geradezu langweilig vorhersehbar war die Reaktion in den Mainstream-Medien, die Musk nicht mögen. Stellvertretend für alle anderen schrieb der «Digitalredaktor» Matthias Schüssler von Tamedia: «Pseudo-Abstimmung, scheindemokratisches Besänftigungsmanöver». Wäre doch immerhin was, wenn sein Oberboss Pietro Supino es auch mal auf ein solches Besänftigungsmanöver ankommen liesse. Das Resultat dürfte auch nicht anders ausfallen.

Wumms: Elon Musk

Der neue Twitter-Besitzer kriegt’s knüppeldick.

Musk steuere den «Kurznachrichtendienst an den Rand des Zusammenbruchs», weiss der «Spiegel». Aber was weiss der schon; im gleichen Artikel behauptet Autor Alexander Demling: «Der neue Eigentümer ­reaktiviert derweil Trumps Account und holt notorische Charaktere wie den Rapper und Antisemiten Kanye West, der sich inzwischen Ye nennt, zurück auf die Plattform

Ob es nur Unfähigkeit oder Absicht ist? Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels war Kanye West schon wieder draussen, vom Chef höchstpersönlich gesperrt. Schon wieder ein Lapsus der grossartigen Dokumentation des Nachrichtenmagazins?

Noch übler geht im Qualitätsorgan «Tages-Anzeiger» Matthias Schüssler zur Sache. Zunächst handelt er die #Twitterfiles ab. Musk liess aufarbeiten, wie zuvor routinemässig bestimmte Tweets gelöscht wurden, vor allem die Demokratische Partei, aber auch die Republikaner, besonderen Zugang zu Twitter hatten und ihrerseits die Löschung unliebsamer Tweets unbürokratisch verlangen und bekommen konnten.

Dazu natürlich der Skandal, dass Twitter einen Artikel der «New York Post» zensuriert hatte, in dem die Affäre um Hunter Bidens Laptop aufbereitet wurde. Vor den Präsidentschaftswahlen hätte das skandalöse Verhalten seines Sohnes Joe Biden möglicherweise entscheidende Stimmen kosten können, wäre darüber in den Mainstream-Medien berichtet worden.

Das alles kann Schüssler nicht wegschreiben, also legt er sich anders in die Kurve: «Musks Wille zur Aufklärung wäre löblich, würde er nicht selbst auf eklatante Weise zur Eskalation beitragen. Musk duldet, dass via Twitter-Files ehemalige Twitter-Mitarbeiter mit Namen und Adressen an den Pranger gestellt werden.»

Natürlich zitiert Schüssler auch die «New York Times», die konstatierte, dass seit dem Ankauf die Zunahme von Hate Speech und Rüpeleien gigantisch sei. Dabei beruft sich die NYT auf «Untersuchungen» diverser NGOs, die wie die Anti-Defamation League Musks politischen Ansichten äusserst kritisch gegenüberstehen.

Das erinnert fatal an die Liste der «Washington Post» über die gesammelten Lügen von Donald Trump. Kein Präsident zuvor habe dermassen oft gelogen, war das vernichtende Fazit, das ungeprüft weltweit übernommen wurde. Dabei hätte eine genauere Analyse der aufgeführten angeblichen Lügen gezeigt, dass die Kriterien so schwammig formuliert waren, dass auch schlichtweg Behauptungen als Lügen qualifiziert werden konnten. Zählte man das alles ab, log Trump nicht häufiger als sein Vorgänger, der Friedensnobelpreisträger Barak Obama. Aber längst hatte sich das Narrativ gebildet und verfestigt.

Das Gleiche wird nun auch bei Musk probiert. Der habe eine rechte Schlagseite, distanziere sich nicht genügend von rechten Hetzern, propagiere Meinungsfreiheit, um in Wirklichkeit üblen Populisten eine Plattform zu bieten.

Arrogant verkündet der Tagi-Autor am Schluss: «Dabei sollte Musk seine arrogante Haltung überdenken, alles besser machen zu wollen.» Um drohend hinzuzufügen: «Falls Musk aber tatsächlich seine politische Agenda über diese Herausforderung stellt, muss jeder Nutzer, jede Nutzerin und jeder Werbetreibende entscheiden, ob Twitter für ihn noch eine Zukunft hat.»

Wenn man solche unverhohlenen Boykottaufrufe liest, ist man doch glatt versucht, zum ersten Mal einen Tweet abzusetzen.

Wumms: Elon Musk

Ein neuer Player mit eigener Meinungsmachmaschine.

Dass Twitter ein Abfallhaufen und eine Zeitvernichtungsmaschine für Kreischer ist, hat ZACKBUM schon mehrfach konstatiert. Nun sollen aber weltweit rund 240 Millionen Menschen Twitter täglich nutzen. In der Schweiz gibt es 1,7 Millionen Profile und rund 800’000 tägliche Nutzer.

Das bewegt sich durchaus in der Grössenordnung der Einschaltquote eines der drei verbleibenden Medienkonzerne oder der NZZ. Also ist Twitter durchaus eine Medien- und Meinungsmacht.

Die hat nun definitiv einen neuen Besitzer. Twitter reicht in seiner Bedeutung nicht an Facebook heran, wo ein verhaltensauffälliger Besitzer die Spielregeln bestimmt. Aber nun hat Twitter ebenfalls einen neuen verhaltensauffälligen Besitzer.

Kann dem Einhalt geboten werden? Vielleicht, denn Spassbremse Viktor Giacobbo hat angedroht, dass er vielleicht Twitter verlassen wird, sollte sich Musk nicht anständig benehmen.

Elon Musk hat angekündigt, Twitter einerseits von Hass- und Shitstorms zu säubern, Trolls und Fake-Accounts zu verbannen. Andererseits möglichst freien Meinungsaustausch zuzulassen. Gegen Musk gibt es bereits Widerstand, es wird sogar seine Enteignung gefordert. Das ruft die «Weltwoche» auf den Plan: «Das alles zeigt, weshalb man Musk dankbar sein muss: Er enthüllt, wie Linke Meinungsfreiheit sehen.»

Da der Artikel nicht von Tom Kummer ist, scheint er ernstgemeint zu sein. Aber beunruhigender als diese aussichtslosen Forderungen einiger Linker ist doch wohl das, was Musk ab und an selbst auf Twitter loslässt. So beglückte er kürzlich seine 112 Millionen Follower mit der Behauptung, es gebe «die winzige Möglichkeit, dass bei dieser Geschichte mehr dahintersteckt».

Eine schmierige Verschwörungstheorie-Webseite hatte die faktenfreie Meldung gebracht, dass der Hintergrund des tätlichen Angriffs auf den Ehemann der Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi darin bestünde, dass es sich um einen Besucher gehandelt habe, einen Stricher, mit dem es eine gewalttätige Auseinandersetzung gab.

Kurz darauf löschte Musk dann seinen Tweet, in dem er diesen Unsinn weiterverbreitet hatte. Wenn das seine Auffassung von mehr Meinungsfreiheit auf Twitter ist, dann wird der Abfallhaufen zur Kloake.

Kreisch! Brüll! Kleb!

Aufmerksamkeitsmanagement leicht gemacht.

Seit auf allen Kanälen Informationen, Mitteilungen, Nachrichten in jeder Form, persönliche Zustandsmeldungen, Kommentare zu diesem, jenem und allem auf uns einprasseln, ist ein neues, wertvolles Gut entstanden.

Das heisst Aufmerksamkeit. Jüngere Leser seien an die Zeiten erinnert, als die Informationsaufnahme mit dem Hören der Morgennachrichten im Radio begann, mit der Lektüre einer Zeitung fortgesetzt wurde und am Abend die «Tagesschau» nochmals das Wichtigste des Tages zusammenfasste. Dazwischen gab es längere Pausen, ausser, man war Abonnent der NZZ, als die noch dreimal am Tag erschien.

Das hat sich ein wenig geändert. Durch die Reizüberflutung hat sich zunächst einmal die Aufmerksamkeitsspanne dramatisch verändert. Schon vor über 10 Jahren wurde eine Microsoft-Studie berühmt, die ermittelt haben wollte, dass die durchschnittliche Attention Span eines zivilisierten Menschen bei 8 Sekunden angekommen war. Demgegenüber könne sich ein Goldfisch immerhin 9 Sekunden auf etwas konzentrieren.

Das gab natürlich einen Kracher als Schlagzeile: Der Mensch kann weniger Aufmerksamkeit als ein Goldfisch.

Unabhängig davon, ob das stimmt oder nicht, es ist sicherlich richtig, dass vor allem im Digitalen eine «wisch und weg»-Mentalität herrscht. Eine Webseite, die zu langsam lädt. Ein Shop, der zu viele Schritte abfordert, bis man kaufen und bezahlen kann. Ein umständlich geschriebener, langatmiger Artikel. Heutzutage verlieren solche Internet-Flops schneller User, als man ZACKBUM sagen kann.

All das konkurriert mit einer Unzahl von weiteren Angeboten, darunter so verführerischen wie Katzenbilder, Listicals («die besten, schlechtesten, aufregendsten Irgendwas»), sexuell anzüglichen Angeboten und Discountpreisen auf Viagra.

Da wird es schwerer und schwerer, sich ein Scheibchen von dieser flüchtigen Aufmerksamkeit abzuschneiden. Manchmal funktioniert das nach undurchschaubaren Mechanismen. Eine leicht autistische Schülerin setzt sich hin und streikt. Wenig später ist sie eine weltweite Berühmtheit, der Massen von Jugendlichen (und Erwachsenen) an den Lippen hängen und die sogar vor der UNO sprechen darf.

Völlig sinnentleerte Aktionen wie die «Ice Bucket Challenge» gehen viral und bringen ansonsten zurechnungsfähige Menschen dazu, sich einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf zu giessen. Nicht alle diese Aktionen sind absichtsvoll geplante Versuche, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzielen.

Auf der anderen Seite brauchen sowohl Bezahl- wie Gratismedien Attention. Denn auch letztere sind ja nicht gratis, sondern benützen ihre Konsumenten als Verkaufsargument gegenüber Inserenten. Daraus ergibt sich eine üble Mischung. Verdummende Redaktionen, Angst vor dem Leser/Konsumenten, der einerseits zwar belehrt, dem andererseits aber gerne nach dem Mund geschwatzt wird.

Schliesslich das Bedienen primitiver Narrative für alle Weltlagen. Ja keine neue, überraschende Sichtweisen. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier, er will Bestätigung, nicht Verunsicherung. Ein ganz wichtiger Satz für Politiker und auch Medien ist daher: wie ich schon immer gesagt habe.

Blöd wird das nur, wenn sich beispielsweise bei der Impffrage eine neue Erkenntnislage abzeichnet. Aber da hilft viel Abhärtung. Sollte es tatsächlich zutreffen, dass die Corona-Impfungen weder die Ansteckung noch die Übertragung des Virus nennenswert behindern konnten, dann würde eigentlich jeder Mensch, der zuvor Impfgegner, -verweigerer und -kritiker in allen Tonlagen beschimpft hätte, peinlich berührt in sich gehen und «`tschuldigung» murmeln.

Ganz anders die Medien und ihre Meinungsträger. Irrtum? Wir? Niemals. Ausgeschlossen. Dass ein Redaktor im Speziellen und ein Journalist im Allgemeinen einen Irrtum eingesteht, das erlebt man seltener als eine Begegnung mit dem Yeti.

In den unablässigen Versuchen, sich eine Scheibe Aufmerksamkeit abzuschneiden, wird zu immer absurderen Mitteln gegriffen. Wohlstandverwahrloste weisse Kids knieten nieder, senkten schuldbewusst das Haupt, liessen die Schultern unter der Last einer jahrhundertealten Schuld hängen und grölten: «Black lives matter». Ein Satz von dermassen banaler Richtigkeit und Einfalt, dass es eigentlich peinvoll sein müsste, ihn zu artikulieren.

Die neuste Masche im Versuch, im allgemeinen Geschrei und Gekräh nicht unterzugehen, praktizieren Umweltbewegte. Sie schrecken nicht davor zurück, sich an oder neben Kunstwerke zu kleben. Bis man sie dort wieder losgeeist hat, können sie auf allen Kanälen ihre Botschaft verkündigen.

Aber das Blöde am Buhlen um Aufmerksamkeit ist, dass es ständig höhere Dosen braucht, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Also ergänzen die Klebekünster ihr frivoles Tun noch um einen weiteren Akzente. Sie bewerfen oder beschmieren Kunstwerke mit eigens zu diesem Zweck mitgebrachter Tomatensosse oder Kartoffelbrei.

Damit ist ihnen tatsächlich mehr Aufmerksamkeit gewiss, als wenn sie mit Flugblättern oder dem Megaphon vor oder im Museum auf ihre Anliegen hinweisen würden. Nur: wer sich öffentlich wie ein Arschloch benimmt, bekommt auch ein gerüttelt Mass an Aufmerksamkeit. Nur nicht unbedingt die, die er sich wünscht.

Der Abfallhaufen Twitter ist das beste Beispiel dafür, wohin verzweifelte Suche nach Aufmerksamkeit führen kann. Wer lauter kreischt, kriegt mehr. Aber da alle immer lauter kreischen, wird das bald einmal zum ohrenbetäubenden, dissonanten Lärm, in dem man keine Einzelkreischer mehr unterscheiden kann. Und ständig überschreitet jemand alle Grenzen von Sitte, Anstand oder Gesetz.

Sich medienwirksam etwas zuzufügen, das ist auch eine beliebte Methode. Der/die/das Künstler rasierte sich bei einer Preisverleihung das Haupthaar. Um ein Zeichen der Solidarität mit iranischen Frauen und der dortigen Protestbewegung zu setzen. Dabei würde es selbst den aufgeklärtesten Iraner schütteln, wenn er diesen hybriden Menschen sähe.

Abgesehen davon sind solche Proteste nicht gerade neu oder originell. Einer der Ersten, der auf solche Effekte setzte, war der Schriftsteller Rainald Goetz. Beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis schlitzte er sich bei seiner Lesung vor laufenden Kameras die Stirne auf. Er beendete seinen Vortrag dann blutüberströmt, womit er ein Zeichen für irgendwas oder gegen irgendwas setzen wollte.

Er bekam den Preis dann doch nicht, und heute erinnert sich niemand mehr an Goetz (oder an sein Werk). Auch sein aktueller Nachahmer wird mal hinter dem Horizont verschwinden. Das gilt auch für die Klebekünstler und alle Kreischen auf Twitter oder in den Medien.

Abfalleimer Twitter

Elon Musk marschierte mit einem Waschbecken ins Headquarter.

Man kann nicht von einer Liebesheirat sprechen. Obwohl Musk den Preis für gewaltig überteuert hält, sah er sich angesichts turmhoher Vertragsstrafen und Schadenersatzforderungen gezwungen, Twitter zu kaufen.

Als erste Amtshandlung feuerte er gleich mal die halbe Führungsriege. Wegen seiner Ankündigung, auch Ex-Präsident Trump wieder den Zugang zu Twitter zu erlauben, raunt es durch die Medien, dass da ein neuer, hetzerischer, populistischer Transmissionsriemen für üble Meinungen, Diskriminierung, Hass und so weiter entstehen könne.

Musk hingegen hat angekündigt, dass er zwar Anhänger von Redefreiheit sei, Twitter aber säubern wolle. Denn während sich viele darauf konzentrieren, Tod und Teufel in den Personen Trump und Musk heranreifen zu sehen, finden mehr oder minder aktuell diese gepflegten Diskurse auf Twitter statt:

Regula Stämpfli kriegt sich nicht ein, dass der Presserat die Beschwerden von Jolanda Spiess-Hegglin abgelehnt hat. Dabei muss sie noch einflechten, – Majestätsbeleidigung – der «TX -Group Chef hat mich blockiert». Weil ihr das noch nicht kreischig genug ist, behauptet sie noch, «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» sei «ein Klacks im Vergleich der Macht gegen JSH».

Soweit sich dieses wackelige Deutsch verstehen lässt, will sie offenbar einen Vergleich zum Buch des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll ziehen, das der in den dunkelsten Zeiten des deutschen Herbsts geschrieben hat. Gut, dass Böll das nicht mehr erleben muss, und wir versuchen Stämpfli zu Gute zu halten, dass sie das Buch wohl weder gelesen noch verstanden hat.

Eine weitere Sumpfblase:

Wenn’s richtig peinlich-unappetitlich wird, ist Marko Kovic nicht weit. Der Wegwerf-Soziologe keift ungebremst: «Das ist schlicht ungefilterter, entmenschlichender Hass.» Himmels willen, hat hier jemand die Auslöschung einer ganzen Bevölkerungsgruppe gefordert? Massenerschiessungen? Deportationen? Ach was, die SVP hat mal wieder ein wenig auf die Kacke gehauen. Und Kovic schmeisst damit zurück.

Aller schlechten Dinge sind drei:

Als wollte Fabian Eberhard beweisen, dass Kurt W. Zimmermann mit seiner ironischen Kritik völlig richtig liegt, dass der «Recherche-Chef» vom «SonntagsBlick» statt zu recherchieren überall Nazis wittert, vollbringt Eberhard auch hier seinen üblichen Dreisprung zwischen eher zusammenhangslosen Ereignissen. Die da wären: ein paar Verpeilte haben eine Gender-Veranstaltung belästigt. Die SVP fordert, dass solche Veranstaltungen nicht mehr durchgeführt werden sollen.

Konklusion à la Antifa-Eberhard: «Die grösste Partei des Landes als Erfüllungsgehilfin von Neonazis». Wer so die Realität zusammenklebt, hat sich als «Recherche-Chef« restlos disqualifiziert.

Das sind nur drei Beispiele unter Tausenden, zu welchem Abfalleimer Twitter verkommen ist, wie dort geholzt, gerempelt, gekeift, gehetzt und Sinnbefreites dargeboten wird.

Man darf gespannt sein, ob es Musk gelingt, diesen Sumpf auszutrocknen. ZACKBUM hat seine Zweifel angesichts dieser massiven Ballung von unappetitlichen Inhalten.

Als Zugabe noch eine Schmonzette. Da erscheint in der «WeWo» ein nicht gezeichneter Beitrag über die neusten Troubles im Verein von Jolanda Spiess-Hegglin. Aber die Autorin kann sich nicht zurückhalten und outet sich auf Twitter.

Daraufhin wird Joyce Küngaka Rabanna Winnetou») wegen ein paar Fehlern in ihrer Meldung kritisiert, was sie nicht auf sich sitzen lassen kann:

Worauf sie gleich nochmal eingetopft wird:

Es ist eben verwirrlich, wenn im Abfalleimer Twitter über die Ereignisse in einem anderen, nun ja, Gefäss berichtet wird …

Die Info-Krieger

Kaum verhohlene Häme: Köppels Twitter-Account kurzzeitig gesperrt.

Wir sind gut unterwegs – zurück in voraufklärerische Zeiten. Bevor Denis Diderot und seine Bundesgenossen darauf setzten, dass Erkenntnisse nur durch Meinungsfreiheit gewonnen werden, lag ein Leichentuch über dem europäischen Denken.

Die allmächtige Kirche bestimmte, was öffentlich (und privat) gedacht und gesagt werden durfte. Und was nicht. Bei Verstössen gegen diese Vorschriften stand die Inquisition bereit, den Sünder wieder auf den rechten Weg zu führen. Manchmal, wie im Fall Galilei, reichte das Zeigen der Instrumente. In hartnäckigerern Fällen kamen sie zu Einsatz. Der pervertierten menschlichen Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt.

Streckbänke, die Eiserne Jungfrau, glühende Zangen, flüssiges Blei in den Mund, schon das einfache Hochhieven an auf den Rücken gefesselten Händen sorgte für unerträgliche Qualen. Danach war der Tod oft eine Erlösung für das Höllenschmerzen erleidende Opfer. Oder aber, der Ketzer landete wie Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen.

Die Folterknechte, die Inquisitoren, waren guten Mutes und sicher, ein gottgefälliges Werk zu verrichten. Denn schliesslich ging es ihnen nur darum, eine verirrte Seele einzufangen, sie auf den richtigen Weg zu führen, zu verhindern, dass sie in der Hölle schmoren musste, zu ermöglichen, dass sie jubelnd in den Himmel aufsteigen konnte.

Die Erde sei keine Scheibe? Nicht das Zentrum des Universums? Es sind Zweifel an dem geoffenbarten Wort Gottes in der Bibel möglich? Der Papst sei nicht unfehlbar? Jemand glaubt nicht an Gott, bezweifelt gar seine  Existenz? Versündigt sich an edlen Ideen wie Kreuzzüge, Ablasshandel, kritisiert das gottlose Treiben von Pfaffen in Klöstern? Ts, ts, da musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um all diese Verdunkelungen des hell leuchtenden Glaubens zu beseitigen.

Auch Herrscher reagieren sehr ungnädig auf Spott, Ironie und Kritik. Im Ostblock war’s beliebt, einen Dissidenten in die Psychiatrie einzuliefern. Denn wer an der Richtigkeit und Überlegenheit des real existierenden Sozialismus zweifelt, muss doch krank im Kopf sein.

In westlichen Demokratien geht man normalweise subtiler vor. Da wird weder gefoltert, noch psychiatriert. Soziale Ächtung, Kampfbegriffe wie Verschwörungstheoretiker, Schwurbler, Leugner, ergänzt durch Hetzer, Rechtskonservativer, Nationalist und Irgendwas-Versteher, reichen normalweise aus. Plus die Sperrung des Zugangs zu Multiplikatoren, Ächtung der noch vorhandenen Plattformen.

Mit allen Fingern wird auf die drakonische Zensur in Russland gezeigt. Mit einem Finger leise gewackelt wird bei der drakonischen Zensur in der Türkei. Gerne unerwähnt gelassen wird die genauso drakonische Zensur in der Ukraine. Hochgelobt wird dagegen die Meinungsfreiheit im freien Westen. Hier hat jeder das Recht, nur beschränkt durch weitgefasste Gesetze gegen Verleumdung, Ehrverletzung, Beleidigung, Schmähung, Rufschädigung, Geschäftsschädigung.

Wie stolz sind wir doch darauf, dass wir im Gefolge der Aufklärung gelernt haben, dass nur ein freier Diskurs Erkenntnisgewinn bringt. Wie klar ist es uns, dass man zwischen Meinung und Meinungsträger, zwischen Äusserung und Gesinnung unterscheiden sollte. Klarheit herrscht, dass es nicht sinnvoll ist, Debattenbeiträge durch ihre Herkunft, vermutete Gesinnungen oder andere Markierungen abzuqualifizieren.

In die üble Vergangenheit verbannt sind alle Versuche, Wörter zu verbieten, die Sprache zu reinigen, Vorschriften zu machen, welche Wörter wie verwendet werden dürfen – und welche nicht. Grosses Gelächter erhebt sich, wenn ein Verpeilter meint, durch die Vergewaltigung der Sprache reale Vergewaltigungen bekämpfen zu wollen.

Ist das so? Das war einmal so. Bis sich das Leichentuch des Nationalsozialismus über die deutsche Gesellschaft und Sprache legte, galt in Debatten nur eins: intelligent muss es sein, unterhaltsam muss es sein, Funken schlagen soll es, brillant formuliert ist Voraussetzung für jede Polemik. Und Polemik ist gut, nur im Widerstreit der Meinungen kommt man weiter. So war das bis 1933, und nach 1945 wurden Freiräume zurückerobert.

Eine Einteilung der Welt gab genügend Sicherheit, fröhlich im Streit herauszufinden, ob kapitalistischer oder sozialistischer Imperialismus besser sei, oder ob beides gleich schlecht ist.

Als dann ab 1989 der Ostblock zusammenbröselte, setzte merkwürdigerweise nicht eine zusätzliche Befreiung des Denkens und Debattierens ein, sondern eine zunehmende Verunsicherung. Und Verunsicherung macht Angst. Angst macht repressiv. Denn natürlich hatte auch die Kirche, hat jeder Herrscher Angst vor dem freien Wort und freien Gedanken.

Genauso wie jeder kleine Pinscher, der meint, absolut zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Der mangels eigenen intellektuellen Fähigkeiten begrüsst, wenn ihm missliebige Meinungen unterdrückt werden.

Ein Schulbeispiel dafür sind die Reaktionen auf die kurzzeitige Sperrung des Twitter-Accounts von Roger Köppel. Maliziös wurde vom «Blick» aufwärts (abwärts geht schlecht) vermeldet, dass es wohl zahlreiche Beschwerden gegen den Account gegeben habe, worauf Twitter ihn wegen Regelverstoss und Hassreden gesperrt habe. Man hörte das mitschwingende «bravo», das «ätsch», das «hä, hä» dröhnen. Allgemein als Begründung wurde kolportiert, dass Köppel Vergewaltigungsopfer «verhöhnt» habe.  Mit seinem Tweet «Jede grosse Liebe beginnt mit einem Nein der Frau» habe er indirekt dazu aufgefordert, ein Nein nicht zu akzeptieren.

Köppel müsse diesen und andere Tweets zuerst löschen, bevor er wieder zugelassen werde. Oder –hoffentlich – auf Lebenszeit gesperrt wie der Ex-US-Präsident Donald Trump. Nochmals «he, he».

Eher belämmert musste dann berichtet werden, dass sich Köppel doch tatsächlich nach kurzem Unterbruch auf Twitter gemeldet habe – ohne die kritisierten Tweets zu löschen. Dieser Schlingel.

Keinem der Kommentatoren in den Mainstream-Medien fiel es ein, auf den wahren Skandal hinzuweisen. Kann es richtig sein, dass eine private Bude wie Twitter selbstherrlich nach undurchschaubaren Kriterien in Dunkelkammern entscheidet, wer diesen Multiplikator wie benutzen darf? Das ist noch schlimmere Zensur als im Mittelalter.

Niemand wies auf den Skandal hin, dass Mini-Inquisitoren und Zensoren bewirken können, dass mit ihrer Meckerei ein Account gesperrt wird. Das ist die digitale Version der hetzenden Meute, die einen Abweichler durch die Strassen jagt und mit faulen Eiern, Tomaten und Steinen bewirft. Weil dieser Teil wegfällt, wirkt es zivilisierter, ist aber nicht minder barbarisch.

Bezeichnend ist auch, dass all diese Zensoren genauso wie die Unwohlsein Erleidenden beim Anblick kultureller Aneignungen ihre Denunziationen immer anonym ausführen. Früher, im Mittelalter und auch in neueren Zeiten, gab es dafür spezielle Briefkästen, in die jeder feige Denunziant seine Anklage anonym einwerfen konnte. Auf das ist heute dank Digitalisierung viel einfacher geworden.

Gibt es die völlige Meinungsfreiheit? Natürlich nicht, so wie es auf keinem Gebiet absolute Freiheit gibt, weil das immer in Willkür und Faustrecht und Barbarei ausarten würde. Aber es sollte die möglichst umfassende Meinungsfreiheit geben. Dazu muss gehören, Peinliches, Unsinniges, Falsches, Provokatives, politisch nicht Korrektes, Frauenverachtendes, Minoritäten Diskriminierendes, Frauen, Männer, Behinderte, Kinder, Menschen anderer Hautfarbe oder Kultur Abqualifizierendes, sagen zu dürfen. Menschliche Schneeflocken dürfen ihr Unbehagen, ihre Verletztheit durch ach so viele ausgrenzende und nicht-inkludierende Formulierungen zum Ausdruck bringen. Linke dürfen auf Rechte verbal einprügeln, Verteidiger der militärischen Spezialoperation zur Befreiung der Ukraine vom Faschismus dürfen sich Wortgefechte mit Kritikern liefern, die den völkerrechtswidrigen Überfall entschieden verurteilen.

Kriegsgurgeln dürfen mit Pazifisten im Clinch liegen. Sogar fundamentalistische Irre dürfen Freiheiten für sich in Anspruch nehmen, die sie selbst in von ihnen beherrschten Ländern nicht im Traum einräumen würden. Feministinnen dürfen den Schleier als Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung feiern, und von anderen Feministinnen in den Senkel gestellt werden, die den Schleier als Ausdruck einer frauenverachtenden, mittelalterlichen Männerherrschaft sehen.

So sollte das sein, wenn es in der öffentlichen Debatte um Erkenntnis und Forstschritt ginge. Da müsste man selbst den Verbal-Proleten Dieter Bohlen zumindest ernst nehmen und argumentativ begegnen, wenn der Verhandlungen in der Ukraine fordert, weil er «Krieg scheisse» findet. Gäbe es diese Geisteshaltung noch, müsste jeder Intellektuelle, der etwas Wert auf Anstand und Aufklärung legt, den Zensurversuch gegen Köppel aufs schärfste verurteilen. Müssten alle Bauchnabel-Kommentatoren – statt apodiktisch zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – sich ernsthafte Gedanken über die Verluderung der Streitkultur machen. Müssten alle Verfolger kultureller Aneignungen sich besser um das Wiedererstarkten von Denkverboten und Zensur kümmern.

Alle Alarmsirenen erschallen lassen, dass wir zunehmend das unter so vielen Opfern erkämpfte Recht auf freien Diskurs verlieren. Diesmal nicht auf Betreiben von Religion oder Herrschern, sondern zuvorderst gefordert von Meinungsträgern selbst, von fehlgeleiteten Journalisten, Publizisten, Redaktoren. Die ihre intellektuelle Unterlegenheit, ihre geistigen Tiefflüge durch Rufe nach Denk- und Formulierungsverboten bemänteln wollen. Denn wo es keine Widerrede gegen Blödes, Seichtes, Unsinniges und Flachdenkertum gibt, wird seine Erbärmlichkeit nicht erkennbar.

Sollte man Köppel das Maul stopfen? Niemals. Sollte man «Russia Today» verbieten? Unter keinen Umständen. Sollte man Befürworter der Politik Putins stigmatisieren, ausgrenzen, sozial ächten, Maulkörbe, Entlassungen für sie fordern? Unter keinen Umständen.

Nur Kurzdenker verstehen dieses Plädoyer als Unterstützung solcher Meinungen falsch.

Wumms: Marc Brupbacher

Wir sind noch stärker besorgt. Wohin mit der Corona-Kreische?

Nein, wir wollen nicht nochmal seine vergangenen Untaten auflisten. Im Rahmen einer Resozialisierung hat jeder eine zweite Chance verdient. Nur: was macht ein Mensch, dem sein Thema abhanden kommt?

Gefühlskalte Mitbürger könnten nun sagen: vielleicht seinen Job als «Leiter Interaktiv-Team bei Tamedia»? Das mag ja sein Beruf sein, seine Berufung ist aber Kreischen. Nur: worüber?

Ja, wir hatten Marc Brupbacher gerade vor Kurzem ein Wumms gewidmet. Aber unsere Sorge nimmt stündlich zu. Es ist auch kein Care-Team in Sicht.

Während er lange Zeit aus dem Vollen schöpfen konnte, muss er inzwischen ganz unten im Topf letzte Reste zusammenkratzen:

 

 

Im Abfallhaufen geht’s rund

Wer twittert, ist selber schuld. Blick in ein Elendsloch.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Twitter vereinigt alles, was das Internet toxisch macht:

– Beschränkung auf 280 Zeichen, gut für Kurzdenker und Weltvereinfacher
– Geschwindgkeit; schneller gepostet als drüber nachgedacht
– Rudelbildung, man vernetzt sich nur mit Gleichgesinnten
– Kreische und Hetze, weil man auffallen will und muss
– Zeitvernichtung ohne erkennbaren Nutzwert
– Die Taschen der Erfinder und Besitzer der Plattform werden gefüllt
– So manch einer hat sich bereits um Kopf und Kragen getwittert
– Förderung von asozialem Verhalten und Vereinzelung

Nach den ersten fünf Punkten wär’s auf Twitter bereits fertig, maximale Länge erreicht. Das heisst, wir verlieren hier mit jedem Buchstaben Twitter-Abhängige.

Glücklicherweise hat sich diese Plattform zur Selbstentäusserung nie so durchgesetzt wie Facebook. Aber die Kollateralschäden und die direkten Auswirkungen sind nicht zu unterschätzen.

Statt einer argumentativen Herleitung einfach ein paar aktuelle Beispiele, die das ganze Elend illustrieren:

Werbung in eigener Sache. Meinungsmacht «Ostschweiz»? Echt jetzt?

Unermüdliche Corona-Kreische Brupbacher gibt nie auf.

Insidergequatsche für den eigenen Fanclub.

Kotzbrocken, versteckt in anonymer Feigheit.

Das waren natürlich nur abtemperierte Beispiele, wir wollen hier bei ZACKBUM auch bei Belegen ein tiefes Niveau nicht weiter nach unten durchbrechen.

Debatte, Argumente, Meinungsaustausch, Fakteninput? Fehlanzeige. Mehr oder minder verzweifelt wird hier Bestätigung gesucht. Je verbitterter die eigene Position, desto aggressiver. Durch Anonymität wächst der Mut von feigen Hetzern und Schimpfern.

Ventil für Verpeilte und Verzweifelte?

Vielleicht kann man Twitter zu Gute halten, dass es als Ventil für Frustrierte, Verbitterte und Ungehörte dienen kann, die dann wenigstens keinen grösseren Blödsinn anstellen. Auf der anderen Seite muss auch bei Twitter die gleiche Frage wie bei Ego-Shooter-Ballerspielen gestellt werden: ist das Triebabfuhr, pädagogisch nützlich – oder ist das verführerisch und gefährlich?

Ist der Nachplappereffekt, vornehm Retweet genannt, Treibstoff für totale geistige Verarmung, weil der Wiederkäuer nicht mal mehr den Schatten eines eigenen Gedankens formulieren muss? Fördert Twitter nicht die redundante Selbstbestätigung, schaltet jeden Zweifel, jedes Nachdenken, jede Analyse, jeden Erkenntnisfortschritt aus? Beinhaltet der Begriff des «Followers» nicht in aller Offenheit, dass der Nutzer anderen hinterherhöseln will?

Die Zeiten, als Twitter ein Zeitvernichtungs- und Unterhaltungsprogramm war, sind längst vorbei. Neben Gekeife, Hetze und sich selbst rückkoppelnden Echokammern wird Twitter immer häufiger für Manipulationsversuche missbraucht. Auch dazu, Gegenöffentlichkeiten herzustellen.

Da im Gegensatz zu immer noch existierenden Newsmedien jeglicher Faktencheck, jede Kontrolle des Wahrheitsgehalts fehlt, entwickeln sich immer wieder abseitige Verschwörungstheorien, kaputte und finstere Vermutungen über Weltherrscher, über Methoden, wie wir alle geknechtet und kontrolliert werden sollen.

Über Reiche, die sich an der Lebensessenz von Kleinkindern vergreifen und damit ihre Jugendlichkeit erhalten. Die Archetypen solcher Absurditäten sind durch die Jahrhunderte gleich geblieben, nur die Transportmittel sind moderner geworden.

Realitätsverlust durch Abkapselung

Indem sich hier jeder Japser und Angstbeisser austoben darf, findet immer weniger eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit statt, immer weniger soziale Interaktion. Der fanatische Twitterer ist weitgehend davor gefeit, sich dem Zweifel seiner Meinung widersprechender Gedanken aussetzen zu müssen. Sollte er kurz verunsichert werden, findet er schnell in den warmen Schoss seiner In-Group zurück, zum gemeinsamen Masturbieren, zum Suhlen in Rechthaberei, Rückbestätigung. Geeint durch die finstere Ablehnung alles Andersdenkenden.

Twitter ist wohl das hässlichste Gesicht des Internets. Aber wo Bedarf existiert, gibt es auch Angebot. Jedes Angebot beinhaltet, den Einmalkunden zum regelmässigen Konsumenten zu machen. Seien das Drogen, Konsumgüter oder Plattformen im Internet. Je unnützer und überflüssig sie sind, desto raffiniertere Tricks verwenden sie, um die Nutzer bei der Stange zu halten.

Das ist ein wenig so wie die Verwendung von Goldfolie bei Speisen. Völlig überflüssig, gaga, hat aber ihre Fans. Allerdings: das kostet, ist dafür unschädlich. Twitter ist vermeintlich gratis (der User zahlt mit Attention und seinen Daten), aber sehr schädlich.

Erregungsmaschinen

These: die Menschen waren schon immer so dumm. Man hat’s nur weniger gemerkt.

Schon der grosse Egoshooter Immanuel Kant wusste:

Damit meinte er, dass auch Zwang, Erziehung, Beratung, gutes Zureden nicht wirklich nützen. Aber er konnte wenigstens eine Richtschnur definieren, die das menschliche Handeln bestimmen soll.

Davon gibt es verschiedene Versionen, die wohl universellste lautet:

«Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.»

Das ist unter dem etwas pathetischen Begriff «kategorischer Imperativ» in die Geschichte eingegangen. Mehr ist nicht, da Kant nicht zu Unrecht lange Jahre auf dem Index der für Katholiken verbotenen Bücher stand. Weil er Setzungen der Bibel oder angeblich geoffenbarte göttliche Worte dahin verwies, wo sie hingehören: ins Reich des Glaubens, des nicht rational Begründbaren.

Fällt das als Handlungsanleitungen weg, fehlt die unbezweifelbare Letztbegründung, muss akzeptiert werden, dass alles, was wir unter Moral, Ethik, Anstand, Sitte verstehen, höchstens einsichtige Konventionen sind.

Ethik als Sammlung von Aussagen über das gute und gerechte Handeln des Menschen; Moral als Summe der geltenden Normen und Regeln, Tugend als Fähigkeit der richtigen Abwägung zwischen gut und böse, richtig und falsch. Alles schöne Begriffsturnereien, aber letztlich ohne viel praktische Brauchbarkeit.

Ich kann, weil ich will, was ich muss

Knackiger ist die Formulierung: «Ich kann, weil ich will, was ich muss.» Die wird Kant zugeschrieben, nur: hat er so nie gesagt. Aber das hier wäre der wahre Steinbruch der Erkenntniserweiterung, das wären eigentlich Fragen, mit denen sich der Mensch, der nicht mehr alle Energie darauf verwenden muss, sich am Leben zu erhalten, beschäftigen könnte.

In den (wenigen) zivilisierten Gegenden der Welt ist der Aufwand zur Selbsterhaltung, vulgo Arbeit oder Wertschöpfung genannt, überschaubar geworden. Schon mit einer Halbtagsstelle kann man sich über Wasser halten; mit genügend Konsumverzicht. Das vor Betreibung geschützte Existenzminimum beträgt in der reichen Schweiz bescheidene Fr. 1200. Plus Krankenkasse und Wohnung.

Also Zeit wäre genug vorhanden, sich mit bewusstseinserweiternden Fragen zu beschäftigen. Nur: dafür ist das krumme Holz offenbar nicht gemacht. Freizeit löst bei vielen Menschen Panik aus, wenn sie nicht irgendwie gefüllt werden kann. Womit auch immer. Ablenkungen jeder Art, sozial Depravierte verlieren sich in Videospielen, andere versuchen es mit Hobbys oder übermässigem TV-Konsum.

Neu entwickelte Zeitvernichtungsmaschinen

Seit rund 15 Jahren gibt es aber vorher unbekannte Zeitvernichtungsmaschinen, die mit grossem manipulativen Geschick durch Dauererregung die Menschen in ihrem Räderwerk behalten. Sie heissen soziale Plattformen.

Sie arbeiten mit der Illusion, dass der Vereinzelte in Kontakt mit vielen Menschen stünde, eigentlich Zugang zu Milliarden von Nutzern hätte. Auf diese Weise nicht nur soziale Kontakte knüpfen und pflegen könne, sondern auch Gedanken und Ansichten austauschen, sich damit bereichern solle.

Trotz allen Beteuerungen war das natürlich niemals die Absicht der Erfinder von Facebook, Twitter, Instagram usw. Sie haben sich damit Profitgeneratoren geschaffen, die unvorstellbare Prozentsätze von Reingewinn ermöglichen. Beliebig skalierbar, das funktioniert bei 10 Millionen Nutzern genauso wie bei 100 Millionen, genauso wie bei einer Milliarde.

Gleichzeitig richten diese transnationalen Monster, die sowohl fiskalisch wie juristisch kaum zu fassen sind, unvorstellbare Schäden auf dem Gebiet der öffentlichen Auseinandersetzung an. Sie können manipulativ verwendet werden (Cambridge Analytica), sie werden zum Tummelfeld von Trollen, bösartigen Kampagnen, computergenerierten Bewegungen.

Verdumpfung der Debatte

Aber sie sorgen vor allem für eine Verrohung, Versimplung, Verdummung der Debatte. Wer sich daran gewöhnt hat, auf maximal 280 Zeichen eine Meinung zu formulieren, ist geistig auf das Niveau eines Dreijährigen zurückgefallen, womit keine aufgeweckten Dreijährigen beleidigt werden sollen.

Differenzierung, Diskursfähigkeit, das Erfassen komplexer Zusammenhänge, das Durchdringen komplexer Situationen, das Suchen nach adäquaten Erklärungen für interagierende Kraftfelder, in denen sich Gesellschaften normalerweise bewegen – all das übersteigt den geistigen Horizont der Teilnehmer.

Wer nicht spielsüchtig ist, wundert sich, wie Menschen stundenlang vor Slotmachines sitzen können und die unablässig mit Münzen füttern. Das liegt auch daran, dass diese Maschinen mit grosser Ingenieurskunst und psychologischen Beeinflussungsmechanismen so gebaut sind und funktionieren, dass alle Suchtmechanismen im Hirn getriggert werden.

Genau gleich sitzen Hunderte von Millionen von Menschen vor den Slotmachines der sozialen Plattformen. Und füttern sie unablässig mit ihren Daten, in der irrigen Annahme, dass die Benutzung gratis sei. Das funktioniert dann am besten, wenn sie in einen Erregungszustand versetzt und in ihm gehalten werden.

Soziale Plattform, aus der Sicht des Betreibers.

Dann greift die fundamentale Erkenntnis von Gustave Le Bon, die er in seiner Untersuchung über die «Psychologie der Massen» festgehalten hat. Bei Massenveranstaltungen sinkt der durchschnittliche IQ der Teilnehmer auf den der dümmsten.

Genau das geschieht hier, im 21. Jahrhundert. Das Ausmass der menschlichen Dummheit ist nicht grösser geworden. Allerdings auch nicht kleiner. Zudem viel hör- und sichtbarer.

Twitter ist blöd

Nicht gewusst? Gewusst, aber doch twittern? Zu viel Zeit zum Vernichten?

Schön ist’s, wenn man einen Gedanken fassen kann. Und ihn in 140 Zeichen giessen. Also «gies», der Rest wäre bereits zu lang. Aber Jack Dorsey sei Dank kann man schon lange sagenhafte 280 Zeichen verwenden.

Die letzten zwei Wörter wären allerdings schon wieder jenseits. Nun hofft der gesunde Menschenverstand, dass es doch nur ein paar wenige Kurzdenker geben kann, die einen solchen Quatsch verwenden.

Alles ist relativ, im Jahr 2021 rechnet man mit 322 Millionen. Hoch von 290 Millionen im Jahr 2019. Dummheit ist lernbar, sagte mal einer.

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Bei Twitter gibt es zunächst die üblichen Nebenwirkungen. Während wohl die meisten, die in der Lage sind, ihre Ansichten auf 280 Zeichen einzudampfen, bzw. gar nicht mehr brauchen, sicher annehmen, dass es doch nett ist, gratis und franko diese Zeitvernichtungsmaschine benützen zu dürfen, verdient sich die Twitter Inc. natürlich an den Nutzerdaten dumm und krumm.

Schliesslich müssen die rund 5000 Mitarbeiter bezahlt werden, und einen Umsatz von 1,2 Milliarden US-Dollar alleine im zweiten Quartal 2021 erreicht man auch nicht mit Menschenfreundlichkeit.

Twitter hält einerseits die Anonymität der Nutzer hoch, jeder Trottel kann sich ein Pseudonym zulegen (Wutbürger, Giftspritze, was auch immer) und losbelfern. Während ein anonymer Leserbrief oder ein Schreiben («wir wissen, wo du wohnst, du Sauhund, hör auf zu schreiben, sonst holen wir deine Kinder») doch einigen Aufwand kostet, am Einrichten eines vermeintlich anonymen Mailkontos schon manche gescheitert sind, ist das bei Twitter dem IQ der meisten Nutzer angepasst.

Datenschutz? Selten so getwittert

Allerdings ist die Bude dann doch gerne bereit, Nutzerdaten herauszurücken, wenn man sie nett oder weniger nett fragt. Sollte sie da etwas zicken, sind die Daten so gut geschützt, dass es nicht mal eine Brigade russischer Hacker braucht, um dran ranzukommen. Der Sohn des Nachbarn schafft das mit oder ohne die Hilfe eines Billig-Programms aus dem Darknet.

Auch sonst sorgt dieser Dienst dafür, dass das Schlechteste im Menschen öffentlich zum Vorschein kommt. Eine Anzahl sogenannter Follower verleiht die Illusion von Bedeutsamkeit. Wer nicht mal zu eigenen 280 Zeichen in der Lage ist, kann retweeten, also den Schwachsinn eines anderen weiterverbreiten.

Natürlich, bevor hier einige getroffene Leser aufheulen, gibt es auch wenige sinnvolle Verwender. Gibt es die Möglichkeit, mit entsprechend vielen Followern, meinungsbildend zu wirken. Kann Twitter in Unterdrückerstaaten als Plattform für Meinungsaustausch und Organisation dienen. Allerdings schon unter der Einschränkung, dass Datenschutz ein besserer Witz ist, dem Dienst auch schnell der Stecker gezogen werden kann, wenn er ein Regime nervt.

Das Schönste an Twitter ist aber die Schnelligkeit. Keinen Gedanken haben, ihn nicht ausdrücken können, und schwups, schon ist der Tweet draussen. Und der Twitterer öffentlich blamiert. Oder sagen wir so: was kann an einem Kanal richtig sein, den Donald Trump so gerne und ausführlich benützte, bis er selbst gesperrt wurde?

Kann auch einem US-Präsidenten passieren.

Natürlich kann ein Präsident oder ein Möchtegern versuchen, seinen Schwachsinn nachträglich wieder einzufangen. Wenn Amok Hansi Voigt beispielsweise 72 Schweizer Parlamentarier und über 140’000 Unterzeichner eines Referendums mal kurz als «Freunde des Faschismus» tituliert. Um dann halblaut zurückzurudern.

Gezwitscher, um den Ruf zu ruinieren

Aber der Ruf, so vorhanden, ist restlos ruiniert. Denn wie kein anderes asoziales Medium sorgt Twitter für das Entstehen von Ingroups. Ballungen von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig be- und verstärken. Zur japsenden Meute werden, wo jeder Kläffer den anderen an Lautstärke und Grobheit übertreffen will. Ein erschütterndes Beispiel dafür ist der Twitterkanal von Jolanda Spiess-Hegglin.

Wer sich richtig elend fühlen will, sollte seinen Verlauf mal fünf Minuten lang anschauen. ZACKBUM lehnt aber jede Verantwortung für Nebenwirkungen ab.

Das hätte die neue Sprecherin der Grünen Jugend in Deutschland wohl auch gerne. Die heute 20-Jährige muss sich wegen eines Tweets in den Staub werfen, den sie 2015 (!) abgesetzt hat, also mit 15 Jahren. Das sei «maximal dumm» gewesen, räumt sie zerknirscht ein. Das stimmt allerdings, nur begann ihre Dummheit damit, überhaupt einen Account zu eröffnen.

Aber auch erfahrenen Politikern kann das passieren. So musste unlängst Sloweniens Premierminister mit schäumenden Schlägen zurückrudern, nachdem er EU-Abgeordnete als Marionetten des Investors und Politaktivisten George Soros beschimpft hatte.

Man könnte unendlich viele Beispiele aufführen, wie Geschwindigkeit, Kürze und Gruppenzwang zu unappetitlichen Ergebnissen führten. Dazu, dass sich der Twitterer selbst eins in die Fresse haute, sich selbst desavouierte. Womit die maximale Länge eines Tweets erreicht wäre und wir hier schliessen.

Nein, noch ein Tweet: Es wird niemals einen von ZACKBUM geben. Ehrenwort. Denn wir sind doch nicht blöd. Zudem haben wir sehr wenige Gedankengänge, die sich auf 240 Zeichen reduzieren liessen. Denn alleine schon diese Erkenntnis erreicht hier …

Ging auch andersrum …