Schlagwortarchiv für: Tom Kummer

Kleines Einmaleins des Journalismus

Sittenverluderung und Hirnstarre. Ein Zwischenruf gegen das Elend.

Früher, ja früher gab es mal die Kenntnis von verschiedenen journalistischen Gefäßen. Es gab die Nachricht. Den Kommentar. Das Interview. Die Analyse, Die Reportage. Die Recherche. Das Essay. Und das Porträt.

Heute gibt es Brei.

Das Porträt gehört zu den anspruchsvollsten Formen des Journalismus. Denn die Ausgangslage ist, dass man einen facettenreichen, oftmals in der Öffentlichkeit stehenden Menschen schriftlich abbilden will. Dahin führen zwei Wege.

Der Königsweg ist, dass man so viel Material wie möglich über diesen Menschen sammelt. Wenn es sich einrichten lässt, ihm auch persönlich begegnet. Meinungen aus seinem Umfeld einholt, wobei man wie üblich solche mit Namensnennung höher gewichtet als anonyme. Und anonyme nur mit Begründung zu-, oder besser noch weglässt.

Dann kommt die Phase des Verdauen. Man sitzt auf einem Berg von Informationsstücken und Stückchen, den man verschlingen, verarbeiten, verdichten und aufbereiten muss. Nach der Richtschnur: das Resultat muss sein, kein wirklichkeitsgetreues Abbild schaffen, denn wer weiss denn schon, was das ist. Aber ein rechtschaffenes, eines, das der porträtierten Person gerecht wird. Das man in der Sicherheit niederschreibt, dieser Person anschliessend weiter in die Augen schauen zu können.

Ein Mensch ist immer mehr als die Summe seiner Teile, seiner Aussagen, seiner Handbewegungen, seiner Mimik, seines Charakters, seiner Positionen, seiner Ansichten. Aus all dem signifikante Elemente herausschälen und sie in eine lesbare Form zu bringen, die den Leser bereichert, informierter als zuvor zurücklässt, mit dem Gefühl: ich glaube, ich habe nun eine grössere Ahnung über diesen Menschen als vor der Lektüre – das ist das grosse Ziel.

Aktuell haben wir zwei Porträts, an denen man den Unterschied zwischen gelungen und übler Schmiere deutlich festmachen kann. Margrit Sprecher porträtiert Alice Weidel. Man kann davon ausgehen, dass Sprecher mit kaum einer der politischen Positionen übereinstimmt, die die AfD und Weidel vertreten. Man kann davon ausgehen, dass viele sie davor gewarnt haben, dieser schrecklichen Rechtspopulistin mit Abgrenzungsproblemen zum braunen Sumpf überhaupt eine Plattform zu bieten, indem Sprecher ein Porträt schreibt.

Sie hat es dennoch getan, und siehe, es ist gelungen. Es ist elegant geschrieben, mit Distanz, aber auch Anteilnahme, die beschriebenen Facetten fügen sich zu einem Mosaik zusammen. Das Porträt wird Weidel gerecht, verurteilt nicht, sondern beschreibt, verdichtet, wählt aus. Muss man können, wenn man’s nicht kann, sollte man es erst gar nicht versuchen.

Dann gibt es Lohnschreiber und Wendehälse wie Daniel Ryser, die kein Problem damit haben, eine Person als Bestandteil eines brandgefährlichen rechten Mediennetzwerks darzustellen – um dann anschliessend für genau diese Person zu schreiben. Darüber muss man weiter kein Wort verlieren – ausser den Ausdruck höchsten Befremdens, wieso Köppel diese Type bei sich schreiben lässt. Aber das fragt man sich bei Tom Kummer ja auch vergeblich.

Und dann gibt es das aktuelle Porträt von Roger Köppel in der WoZ. Ein übles Machwerk, von fünf Köchen zusammengerührt, ein unappetitlich riechender Brei. Schon mit dem ersten Satz wird hier klargestellt, dass es keineswegs um ein Porträt gehen soll. Sondern um eine Hinrichtung: «Manchmal wird die «Weltwoche» für die russische Sicht auch handgreiflich.»

Null Intention, den Motiven und Beweggründen Köppels nachzugehen, was ja durchaus interessant sein könnte. Nein, es ist sonnenklar, dass die geballte Recherchierkraft darauf verwendet wurde, möglichst viele Mosaiksteine zu finden, die Köppel möglichst schlecht aussehen lassen.

Nun gibt es bei dem Mann vieles zu kritisieren, und auch ZACKBUM tut das innerhalb sowie ausserhalb der «Weltwoche» nach Kräften. Aber das macht ihn nicht restlos aus. Was ist also von einem Porträttext zu halten, den man auch in einem Satz hätte abhandeln können: Köppel ist ein russlandfreundlicher und von Despoten faszinierter Rechtspopulist und Demagoge mit völlig selektiver Wahrnehmung der Realität.

Das mag man so sehen, und Köppel bietet genügend Anlass für diese Sicht. Aber das ist kein Porträt Köppels, das ist eine Karikatur. Ein Pamphlet. Eine ideologische Kampfschrift. Das ist, Gipfel der Absurdität, das tun, was man Köppel vorwirft. Die Autoren sind offensichtlich zu blöd, diesen schreienden Widerspruch zu bemerken.

Nein, sie sind vielleicht nicht zu blöd. Aber ideologisch zu verbohrt, unfähig, die Realität (und den Menschen) bunt, widersprüchlich, komplex wahrzunehmen. Sie brauchen Schwarzweiss, Holzschnitt, Holzhammer.

Sie merken nicht, dass ausserhalb ihrer kleinen Gesinnungsblase so eine Schmiere ihren Zweck völlig verfehlt. Niemand wird dadurch bereichert, niemand lernt etwas. Nur Gleichdenkende fühlen sich durch diese Rückkoppelung in der Echokammer der eigenen Gesinnung bestätigt.

Das ist dermassen lähmend langweilig, aschgrau, unerträglich flach und dumm. Wäre diese Fünferbande nicht völlig beratungsresistent, müsste man ihnen sagen: Porträt schreiben wollen. Thema verfehlt. Inhalt ungenügend. Formal mangelhaft. Eins, setzen, nochmal versuchen. Oder noch besser: sein lassen, einen anständigen Beruf suchen.

Oder sich bei der «Weltwoche» bewerben. Aber bitte für Buchhaltung, Archiv und Sekretariat, ja nicht als Journalist.

Freier Narr

Wieso darf sich Daniel Ryser so in der «Weltwoche» austoben?

Niemand sonst darf eine reich bebilderte siebenseitige (!) Story ins Blatt heben. Ausser dem Besitzer, Verleger, Herausgeber und Chefredaktor himself, natürlich.

Dass er den Fake Tom Kummer – die Schande des Journalismus – schreiben lässt, ist schon unverständlich genug. Aber auch Daniel Ryser? Der als opportunistischer Wendehals Köppel und die «Weltwoche» als Teil einer rechten Meinungsmachmaschine denunzierte – ohne mit den zahlreich in seiner Schmiere vorkommenden Protagonisten auch nur ein Wort gewechselt zu haben.

Über «Köppels Sturm» behauptete Ryser, damals noch im Sold der «Republik»:

«In der Zürcher Seegemeinde Stäfa musste die Sekundar­schule einen «Gender-Tag» absagen, nachdem Mord­drohungen bei der Schule eingegangen waren. Mitverantwortlich für die Absage waren die beiden SVP-Politiker Andreas Glarner und Roger Köppel.»

Dann trennten sich die Wege von der «Republik» und Ryser. Darauf tauchte Ryser plötzlich im Sold seines vormaligen Feindbilds WeWo auf – und darf seither durch die Welt gondeln und Riesenschinken schreiben, deren Inhalt in keinem Verhältnis zu ihrer Länge steht.

Als neugeborener Kampffeminist verteidigte Ryser auch schon die Bachelorette der Politik, die mit Schiessübungen unangenehm auf sich aufmerksam machte.

Aktuell hat Ryser Jean Peters in Berlin besucht. 37’000 Anschläge wie weiland bei der «Republik» über den «Mann hinter der Potsdam-Story, der journalistischen Bombe des Jahres in Deutschland». Man erinnert sich, die schlecht benannte Organisation «correctiv» schlich sich in ein Treffen in Potsdam ein, wies auf die Nähe zu Wannsee hin und machte daraus ein «Geheimtreffen», an dem finstere Umvolkungs-, Remigrations- und andere üble Deporatationspläne geschmiedet worden seien.

Das führte tatsächlich zu einem Riesenhallo in Deutschland, Demonstranten gingen mit betroffen-entschlossenem Gesicht auf die Strasse und setzten massenhaft «Zeichen gegen Rechts». Gegen Neonazis, Faschisten Rassisten, das üble Gesocks der AfD und dem sie umgebenden braunen Sumpf.

Dummerweise waren aber auch Anwälte und Verfassungsrechtler bei diesem Treffen anwesend, die sich diese Verleumdungen, die auch durch die ganze Presse rauschten, nicht gefallen liessen. Und gerichtlich die Rücknahme dieser wilden Behauptungen verlangten – und Recht bekamen.

Das hindert Ryser, zurückfallend in alte Reflexe, nicht, heute noch zu behaupten, das Treffen habe dazu gedient, «um die massenhafte Vertreibung von Menschen aus Deutschland zu besprechen und um Geld zu sammeln». Schliesslich betreibt Ryser in aller Offenheit Buddy-Journalismus: «Jean Peters ist, vollständige Offenlegung, ein Freund von mir.»

Dieser Freund ist auch klar der Meinung: «Die Frage ist nicht, ob man die AfD verbieten soll, sondern wie.» Das ist nun extremer Meinungspluralismus, dass die Co-Chefin dieser Partei von Köppel gerne interviewt wird und nun sogar eine eigene Kolumne in der «Weltwoche» hat, was wiederum Wendehals Ryser überhaupt nicht stört. Ob er das allerdings seinem Freund in Berlin erzählt hat?

Der hat klare Auffassungen, was in einer Demokratie gewählt werden darf und was nicht: «Die Leute können Werteunion wählen, BSW, Bündnis Deutschland. Aber du hast in Deutschland nicht das Recht, Faschisten zu wählen.» Und wer Faschist ist, das bestimmt natürlich Jean Peters, wer denn sonst.

Was will uns Ryser mit diesem Stück über seinen Freund eigentlich sagen? Dass das ein toller Typ ist, der zu Unrecht kritisiert wurde? Dass die AfD eine Bande von Faschisten ist? Dass es sein Brötchengeber Köppel unterlassen sollte, Alice Weidel und anderen AfD-Exponenten eine Plattform zu bieten, da diese Partei verboten gehört?

Bei seiner «Reise ans Ende der Demokratie», wie Ryser seinen Rundumschlag gegen rechts damals nannte, beschreibt er seinen aktuellen Chef so: «Roger Köppel und Daniel Stricker: wütende, monologisierende Männer auf den Platt­formen Youtube, Locals, Rumble.»

Bei Kummer ist das Problem, dass man nie weiss, ob er Fakt als Fiktion verkauft oder umgekehrt. Da Journalismus kein Romanerzählen sein soll, sind seine Texte unbrauchbar und unlesbar. Bei Ryser ist das Problem, dass der seine Positionen beliebig wechseln kann, wie ein Chamäleon jeweils die gewünschte Farbe annimmt. Das machte seine Texte unbrauchbar und unlesbar.

Will Köppel hier seine Liberalität unter Beweis stellen, mit der Einstellung eines Renegaten, dem er unglaublich Auslauf und Platz zur Verfügung stellt? Wer soll denn die Meinung eines Wendehalses ernst nehmen, der seinen Kopf schneller als ein Kreisel drehen kann?

Was ist Qualitätsjournalismus?

Auch in ZACKBUM steckt ein Lehrer.

Dürfen wir darauf hinweisen, dass Redaktor René Zeyer das Diplom für das Höhere Lehramt hat und – im Gegensatz zu Chefredaktorinnen – auch schon an Gymnasien unterrichtete.

So viel Selbstbespieglung muss sein, denn wir wollen heute auch mal oberlehrerhaft dozieren. Also, liebe Schüler, Handys weggelegt und aufgepasst.

Eigentlich sind seine Voraussetzungen banal. Qualitätsjournalismus beinhaltet, dass der Leser (oder Hörer oder Zuschauer) darauf vertrauen kann, dass das ihm Dargebotene ein möglichst korrektes Abbild eines Wirklichkeitsausschnitts ist. Oder einfach ausgedrückt: das Gegenteil von dem, was Claas Relotius oder Tom Kummer betreiben.

Wenn die beschriebene Wand grau ist und bröckelt, wenn das Gegenüber einen Satz gesagt hat, dann muss der Empfänger der Nachricht darauf vertrauen können, dass es so ist. Denn er war ja nicht dabei. Kann er das nicht, ist’s Fiktion, aber das ist eine ganz andere Baustelle.

Die im Ernstfall überprüfbare Faktizität ist das Fundament von Qualitätsjournalismus. Nun besteht die Wirklichkeit nicht nur aus einer Wand und einem Satz. Also ist die Auswahl und die Gewichtung des Beschriebenen der nächste Eckstein des Gebäudes. Man kann jede Situation, jedes Gespräch, jede Wirklichkeit so zurechtschnitzen, dass sie dem Vorurteil des Beschreibers entspricht. Damit bestätigt er zwar seine eigene (und auch die seiner Empfänger) Weltsicht, zur Erklärung oder zum Verständnis der Welt hat er damit aber nicht wirklich beigetragen.

Der dritte Eckstein ist der intellektuell anspruchsvollste. Hier geht es um die Analyse, um die Verarbeitung der Wirklichkeit. Dazu gibt es ein grossartiges Gedicht von Bertolt (der mit t, liebe Tamedia-Kulturredaktion) Brecht, «Der Zweifler»:

Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.

Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos.
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?

Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.

Schliesslich, damit wären die Eckpunkte aufgezählt, gehört zum Qualitätsjournalismus auch obligatorisch «et audiatur et altera pars». Oder für die Nichtlateiner unter den Kindersoldaten des Journalismus: man höre auch die andere Seite. Feste und vermeintlich richtige Positionen müssen es aushalten, dass ihnen kräftig widersprochen wird.

Ein kräftiges Trump-Bashing macht im Qualitätsjournalismus nur Sinn, wenn es durch eine Würdigung konterkariert wird. Die Beschreibung von Putin als unverstandenen, friedfertigen Staatsmann ist nur dann vollständig, wenn es durch die Aufzählung seiner kapitalen Fehleinschätzungen und verbrecherischen Handlungen ergänzt wird.

Der Tod jedes Qualitätsjournalismus ist aber die Färbung. Die Einfärbung. Das Framing. Die Reduktion der Wirklichkeit auf immer wiederholte Schlagwörter. Der Ersatz der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Realität durch binäre Systeme. Ja, nein, gut, böse, schlecht, richtig, falsch. Eigentlich sollten die Journalisten es besser wissen. Ein Mensch ist nicht nur schlecht und böse. Auch nicht gut und weise. Er handelt nicht nur und ausschliesslich aus niederen oder edlen Motiven.

Eigentlich, liebe Schüler – alle noch da und wach – ist das doch gar nicht so schwierig.

So, und als Hausaufgabe bekommt ihr die einfache Frage mit auf den Weg: welche Medienorgane erfüllen diese Kriterien? Bitte eine Liste, und es wird dann abgefragt.

Tom Kummer hat keinen Sohn

In der «Weltwoche» führt er den Beweis dafür.

Tom Kummer ist der Münchhausen des Journalismus. er war schon gross, als noch niemand wusste, dass Claas Relotius seine Storys auch gefaket hat.

Kummer brachte die Chefredaktion des Magazins der «Süddeutschen Zeitung» zu Fall. Er jubelte Roger Köppel schon erfundene Storys unter, als der noch Chef des «Magazin» vom «Tages-Anzeiger» war. Seine erfundenen Interviews mit Hollywoodstars sind Legion.

Köppels Personalpolitik ist nicht minder merkwürdig wie seine politischen Vorlieben. Bei ihm darf Kummer sich weiterhin austoben. Obwohl der Leser bei jeder seiner Storys denken muss: wahr oder erfunden? Oder in welcher Mischung?

Kummer neigte schon immer dazu, wenn ihm sonst nichts anderes einfiel, das Private öffentlich zu machen. In widerlichster Form die Geschichte des Sterbens seiner Frau.

Bislang konnte man annehmen, dass Kummer auch einen Sohn hat. Inzwischen ist erwiesen: hat er nicht. Der Beweis: er veröffentlicht in der «Weltwoche» einen fiktiven Dialog mit jemanden, den er als seinen Sohn bezeichnet.

Der heisst «Jack Kummer», was ja schon mal eine ganz schlechte Erfindung eines Namens ist. Und soll angeblich in die Rekrutenschule eingerückt sein. Das soll 2024 stattgefunden haben. Das erregt leichte Zweifel, ob es die RS überhaupt noch gibt, aber hier kann Entwarnung gegeben werden: obwohl sie Kummer erwähnt, existiert sie.

Nun folgt eine fiktive Abfolge von Dialogen, die sich während der RS abgespielt haben sollen. Möglicherweise sass Kummer beim Schreiben vor einem Spiegel mit Weichzeichner und sprach mit sich selbst.

Der Inhalt dieser erfundenen Dialoge ist allerdings, für Kummers Verhältnisse, eher flach und seicht. Die hingequälte Schlusspointe:

«Woche 16. «Redet ihr nie übers Töten? Darum geht’s doch. Ihr lernt, wie man Leute tötet.»
«Nein, Dad, kein Thema für uns. Wir finden’s gut, wenn’s knallt. So sind wir halt, die Generation ‹Call of Duty›. Hauptsache, Action!»
«Und, was möchtest du heute Abend essen?»
«Hörnli mit Gehacktem.»»

Nachdem ihm Kummer einleitend «Miso-Ramen mit sieben Toppings. Sein Lieblingsessen», gemacht haben will. Seither wissen wir: Kummer kann nicht kochen.

Kummer verkörpert konsequent das Ende des Journalismus. Statt Berichte aus der Wirklichkeit lieferte er zuverlässig Fiktionen, Erfindungen Imitationen. Er verstiess damit gegen die letzte und wichtigste Grundregel der Berichterstattung. Da der Leser nicht überprüfen kann, ob der Reporter wirklich vor Ort war, mit den in der Story vorkommenden Personen gesprochen hat, die auch tatsächlich – wie die Gegebenheiten – existieren, muss er Vertrauen haben. Sich darauf verlassen können, dass der Journalist den Zeugen XY, der dies und das gesagt hat, nicht einfach erfand, weil er so gut in seine Story passte.

Dagegen hat Kummer verstossen, und deshalb sollte er in jedem ernstzunehmenden Organ lebenslängliches Schreibverbot haben. Wieso die WeWo, wieso Köppel dieser Karikatur eines Journalisten, diesem Berufsfantasten, diesem Fälscher immer wieder die Möglichkeit gibt, das Ansehen des Journalismus weiter zu beschmutzen – unverständlich.

 

Rammstein!

Man erinnert sich? Grosses Geschrei, «#metoo». Nun nur noch Gewinsel.

Der «Blick» bellte zuerst blöd los, dann musste er schnell den Schwanz (Pardon) einziehen. Nach einem Artikel voller unbelegter Vermutungen, was der Rammstein-Sänger wohl mit Fans anstellen würde, die kreischend in der Row Zero stehen und es als höchstes Glück empfinden, anschliessend zur After-Party eingeladen zu werden, musste er den Artikel schnell löschen, und Ringier gab «nach Abmahnung gegenüber unserem Mandanten eine strafbewehrte Unterlassungserklärung ab», vermeldeten die Anwälte des Sängers triumphierend.

Allerdings können und konnten sie sich auch nicht um alles kümmern, in einer ersten Version bezeichnete die NZZ den Sänger doch tatsächlich als «Täter», ein unglaublicher Ausrutscher von Ueli Bernays: «Till Lindemann und Rammstein: Aus dem Künstler ist ein Täter geworden». Als dann Vernunft und Verstand wieder einsetzten, wurde abgesoftet zu: «Was ist Tat, was sind Fiktionen?» Besser wäre gewesen: was sind Imaginationen?

Dass sich auch noch Tom Kummer um Rammstein kümmerte, war dann zusätzlich unverdientes Pech. Aber bei dem Fake-Schreiber weiss man sowieso nicht, ob er wirklich bei einem Konzert war oder das nur fantasierte. Auch der «Spiegel», bereits mehrfach einschlägig aufgefallen, nicht zuletzt durch den unkritischen Abdruck der Rache einer frustrierten und gefeuerten «Magazin»-Redakteurin, musste zurückkrebsen und verheddert sich nun sogar noch in Vorwürfe wegen Urkundenfälschung und versuchtem Prozessbetrug.

Leider ungeschoren kam Tamedia mit seinem Amok-Redaktor Andreas Tobler davon. Der machte sich zur Witznummer, indem er einerseits die Unschuldsvermutung beschwor. Andererseits aber forderte: «Die Rammstein-Konzerte sollten abgesagt werden».

Till Lindemann, Luke Mockridge, Finn Canonica, Till Schweiger, Kevin Spacey. Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Nach Corona erreichte hier die Sittenverluderung der Medien einen neuen Tiefpunkt.

Blöd bloss für die Denunzianten, dass nicht alle aus Geldmangel aufgeben müssen wie Canonica, nicht alle ruiniert zurückbleiben wie Spacey. Lindemann lässt seine Anwälte von Schertz Bergmann weiter Fälle abarbeiten. Denn die Medien geben ja auch nicht auf.

So veröffentlicht der staatliche Sender NDR zusammen mit der «Süddeutschen Zeitung» seit Mitte Mai dieses Jahres einen vierteiligen Podcast «Rammstein – Row Zero». Gegen die ersten zwei Folgen hatten die Anwälte bereits zwei einstweilige Verfügungen erwirkt.

Nun sind zwei weitere ergangen. Den vermeintlich seriösen Veranstaltern des Podcasts wird untersagt zu behaupten, dass Lindemann an einer gewissen Kaya R. in bewusstlosem Zustand sexuelle Handlungen vorgenommen habe. «Das Landgericht stellt fest, dass es für diese Verdachtserweckungen jeweils an dem erforderlichen Mindestbestand an Beweistatsachen fehle.»

Was erschreckt, ist der Zeitpunkt der Ausstrahlung. Mehr als ein Jahr, nachdem dieser Skandal, der keiner war, zu einem Medienereignis aufgepumpt wurde, sollten die Medien doch eigentlich in der Lage sein, zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden. Sich darüber im Klaren werden, dass Trittbrettfahrerinnen, Mädchen mit Geltungsbedürfnis auch hier versuchten, sich eine Scheibe medialer Aufmerksamkeit abzuschneiden.

Was – wie bei Corona – dringend Not täte, wäre eine kritische Aufarbeitung des eigenen Versagens, die schonungslose Analyse, wie es immer wieder zu solch hysterischer Hatz kommen konnte und kann. Aber darüber kein Wort.

Eigentlich sind (fast) alle Medien inzwischen auf dem mehr oder minder geordneten Rückzug – oder versuchen, Gras über diese peinliche Hatz wachsen zu lassen. Aber nicht so der NDR und die SZ. Denen ist’s offenbar egal, sich den Ruf weiter zu ruinieren. Mit unbelehrbarer Rechthaberei, nach der Devise: na warte.

Längst widerlegte Behauptungen nochmals aufstellen, im sicheren Wissen, dafür nochmal eine übergebraten zu bekommen, das ist nun wirklich erschreckend.

Licht und Schatten

Die traditionelle Doppelnummer vor dem 1. August ist da.

Randvoll mit interessantem Lesestoff und dramatischen Abstürzen. Das fängt schon beim Cover von Michel Comte an:

Der Titel ist gut, einige der aufgeführten Namen sind gut, das Foto des «Starfotografen» ist unterirdisch. Genauso das Editorial von Roger Köppel. Dann passiert einige Seiten lang nichts, oder nur Vorhersehbares:

Ob damit das Siegerlied von Conchita Wurst «Rise like a Phoenix» gemeint ist?

Nur in der «Weltwoche» ist dann allerdings möglich, dass Christoph Mörgeli darauf hinweist, dass ein kritischer Kommentar des SoBli-Chefredaktors Reza Rafi über das Verbot des Magazins «Compact» in Deutschland in der freien EU nicht gelesen werden kann. Stattdessen erscheine die Meldung: «Die Nutzung dieses Inhalts ist in ihrem Land gesperrt». Ein Skandal, der keiner wird.

Die üblichen Sticheleien gegen unliebsame Politiker wie Biden oder Cassis, dann darf sich Mirna Funk darüber beschweren, dass sie in den Berliner Promischuppen «Borchardt» ausgeführt wurde, der Treffpunkt für Möchtegerns. Sie schreibt huldvoll: «Er hatte ein Date mit mir gewollt, und ich hatte ihm dieses Date gewährt.» Aber dann, oh Schreck: «Doch dann kam die Rechnung. Die wollte er teilen.» Wollte sie nicht, er zahlte. Sie lud ihn danach noch «auf einen Kaffee» zu sich nach Hause ein, er wollte nicht.

Aus so einem Pipifax kann man natürlich eine Abhandlung über das mangelnde «Gespür für chivalry» basteln; Karl Kraus nannte das Locken auf einer Glatze drehen. Zwei verschwendete Seiten.

Dann ein britisch zurückhaltender Vergleich zwischen Trump und Harris. Trump: «Sein Bericht über das Attentat auf sein Leben wahr ehrlich, ergreifend, unvergesslich.» Ob Douglas Murray damit die frömmlerische Attitüde des Heuchlers Trump meint, dass der Gottes Hand verspürt haben will? Dagegen Harris: «… vorgetäuschte Hysterie, der fast hyperventilierende Ton … Stimmlage, die man vielleicht in einem Kindergarten verwenden würde». Auch diese Seite hätte man auf zwei Sätze einschrumpfen können: «Ich mag Trump. Harris nicht

In der langen Reihe von Vaterfiguren, die Köppel verehrt, darf Josef Ackermann nicht fehlen. Der endete unrühmlich als Boss der Deutschen Bank, die seinen ungehemmten Ausflug ins US-Zockerbanking fast nicht überlebte. Als CDOs bereits am Absaufen waren und die Finanzkrise eins auslösten, machte der böse Spruch die Runde, ob es denn noch Käufer dafür gebe: «yes, the stupid Germans». Mit seiner unbedachten Victory-Zeichen-Geste machte er sich zum Posterboy der hässlichen Fratze des Gierbankers. Auch seine nächste Station bei einer Versicherungsgesellschaft endete sehr unrühmlich. Dann war er noch VR-Präsident der weltberühmten Bank of Cyprus.

Aber für Köppel ist er «einer der erfolgreichsten Schweizer Bankmanager». Der führte ja auch Jubel-Lobes-Interviews mit dem Totalversager Urs Rohner. Hier fragt er doch tatsächlich: «Was können wir persönlich und unser Finanzplatz von ihm (Ackermann, Red.) lernen

Statt vier Seiten zu verschwenden, hätte auch ein Wort genügt: nichts.

Geht’s noch tiefer? Dafür braucht es nur einen Namen: Tom Kummer. Der kann immer. Immer tiefer. Diesmal macht er (ZACKBUM schwört, das ist keine Erfindung) «Ferien mit Mutter». Gut, dann kommen noch vier Jubelseiten über Michel Comte.

Und dann, es findet kein Ende, «Brief aus Moskau». 10 Seiten! Köppel! Ehrlich, ZACKBUM schaffte nicht den rettenden Sprung ins anschliessende Feuilleton von Daniel Weber und gab hier erschöpft auf. Aber immerhin blieben uns so zwei weitere Kummers erspart. «Will Smiths Wiederkehr» (leider wohl ohne Fake-Interview) und ««Palestine Queen», aufreizend entspannt» über Bella Hadid.

So hat alles etwas Gutes, auch im Schlechten.

WeWo neu als Fanzine

Jetzt kommen Köppel und Co. richtig ins Hyperventilieren.

Denn meine Güte, wo soll man den verliebten Blick hinwenden? Zum Friedensengel Viktor Orbán oder zum Helden mit «Mut und Würde im Angesichts des Todes

Dazu Gedanken machen sich Ed McMullen der Dickere, Urs Copycat Gehriger, Nigel Stehaufmännchen Farage, Roger FanFan Köppel und Fake News-Produzent Tom Kummer. Dazu noch «u.v.a.».

Kummer? Zu dem Burschen kommen wir noch. Aber zuerst muss Köppel mit religiös verklärtem Blick «Trumps Auferstehung» abfeiern, als habe es so etwas seit rund 2000 Jahren nicht mehr gegeben. Die beiden Ereignisse haben für ihn ungefähr den gleichen Stellenwert: «Der letzte Samstag veränderte die Welt.» Halleluja.

Wenn Köppel die Metaphern auszugehen drohen, wird er aufs Alter immer religiöser: «Das gottlose, heuchlerische Frömmlertum sah in Trump den Teufel und strahlte dieses Bild, sehr erfolgreich, in die Welt hinaus.» Gottlos? Der Mann sollte sich endlich zu den Zeugen Jehovas bekennen. Oder als Mormone outen. Oder einfach Deschners «Kriminalgeschichte des Christentums» lesen (der letzte Band reicht). Oder, noch besser, aufhören, so unerträglich frömmlerisch einen Mann anzubeten, der mindestens so viele Schatten- wie helle Seiten hat.

Bei allem Hosianna in Richtung Trump bleibt doch noch ein Platz im Herzen für den ungarischen Ministerpräsidenten: «Orbáns EU-Plan für den Frieden». Kleiner Schönheitsfehler: Das ist kein EU-Plan, und funktionieren wird er sowieso nicht. Aber Köppel weilte ja nicht nur an der Seite von Orbán, sondern auch in Moskau. Auch das ging nicht spurlos an ihm vorüber: «Moskau leuchtet», schwärmt er, «Russlands Hauptstadt erstrahlt im Sommerglanz. Paris, London, Berlin wirken im vergleich versifft.» Und dann erst die U-Bahn, die Väterchen Stalin den Moskauern schenkte; blitzblank, einfach super.

Zwischendurch schmeisst sich noch Farage an den Auferstandenen ran: «Mein Freund Donald». Was machte der nur ohne den Engländer, der ist in die USA geeilt, «um Schulter an Schulter mit Trump und den USA für die Demokratie einzutreten». Das ist lustig, an der Seite von einem Amok, der seine letzte Wahlniederlage nicht akzeptieren wollte, einen Sturm aufs Capitol befeuerte und bis heute behauptet, ihm sei der Wahlsieg gestohlen worden?

Ehemalige Botschafter haben furchtbar viel Zeit. Dazu gehört auch Ed McMullen, der nun einer der unendlich vielen «engen Berater» von Trump sein soll. Womöglich der neue Bannon. Oder wie all die verflossenen Berater hiessen. Als gewährt er Urs Gehriger ein Interview. Damit ergibt sich eine ideale Überleitung zu Tom Kummer.

Der ist endlich wieder in seinem Element. Er darf alternative Wahrheiten beschreiben. «Und wenn ihn die Kugel getroffen hätte? Eine Chronologie des Schreckens». Was Fiction hier zu suchen hat? Kummers Umdeutung: wäre Trump getötet worden, würden sich die USA Richtung Bürgerkrieg bewegen, während Donald Trump Junior «Fight, Fight, Fight» rufe. Ach herrje.

Natürlich muss auch Anabel Schunke, der lebende Beweis für alle Vorurteile gegenüber Blondinen, nachjapsen. Sie nimmt sich die geschmacklose Äusserung eines deutschen Komikers zur Brust, der in schnell gelöschten Posts bekannt gab, dass er es «absolut fantastisch» finde, «wenn Faschisten sterben». Dann behauptet Schunke: diese Aussage sei auch deswegen «traurig», weil man wisse, «dass es für seine Anstellung beim gebührenfinanzierten Rundfunk kaum Konsequenzen haben wird». Allerdings wurde der Komiker, noch während Schunke das keifte, fristlos rausgeschmissen. Künstlerpech.

Dann will ein angeblicher «Held, Vietnam- und Pentagon-Veteran» wissen: «Putin ist ein Mann von grosser Klugheit. Keiner, der irrationale Entscheidungen trifft». Bloss die, wie ein Volltrottel in die Falle des Westens zu trampeln und nun schon seit mehr als zwei Jahren eine verlustreiche «militärische Spezialoperation von wenigen Tagen» durchzuführen.

Aber, wo viel Schatten ist, ist auch Licht. Peter Jaeggi erinnert an eines der Kriegsverbrechen der USA, die im Vietnamkrieg wohl 46 Tonnen Herbizide («Agent Orange») und 300 Kilogramm Dioxin über Südvietnam versprühten. Hunderttausende fielen dem zum Opfer, bis heute werden noch Kinder mit Missbildungen geboren. Die USA zahlten nach langem Feilschen Entschädigungen  – an US-Kriegsveteranen, die diesem Gift ausgesetzt waren. Vietnam hat bis heute keinen Cent bekommen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Anschliessend wird im Feuilleton das gut abgehangene und schwer verstaubte Werk von Friedrich von Hayek «The Road to Serfdom» aus dem Koma geholt. Anlass? Kein Anlass, ausser, dass es  vor 80 Jahren erschienen ist. Heute sind die über 300 Seiten Medizin für Schlaflose.

ZACKBUM hofft für die WeWo (und ihre Leser), dass Köppel bald einmal alle Facetten seiner Reisen abgearbeitet hat, einsieht, dass Orbán mindestens ein so guter Selbstvermarkter ist wie Trump, und dass der Amokgreis zwar die Wahlen im Sack hat, aber deswegen keineswegs zur Lichtgestalt verklärt werden sollte.

Wehe, wehe, Weltwoche

Platzverschwendung erschlägt Lesenswertes.

ZACKBUM fragt sich, wieso auch die «Weltwoche» ihre Titelgeschichte einem singenden Niemand widmen muss, der anscheinend erst letzten November herausfand, dass er/sie/es eigentlich notbinär sei. Pardon, nonbinär.

Der Conchita-Wurst-Imitation wird es gehen wie seinem Vorbild. Da nützt es auch nichts, ihn in einen pseudo-bedeutungsschwangeren Text ehrfürchtig zu beweihräuchern. «Ich, ich ging durch die Hölle und zurück», what a bullshit, kann man da nur sagen. «Highway to hell», das ist hübsche Asphaltlyrik, ein treibender Beat, satte Gitarrenriffs, unsterblich. Dieser «Code» ist eine Eintagsfliege, die schon tot ist, während sie noch summt.

Was für ein Geschwurbel vom sonst zurechnungsfähigen Jürgen Wertheimer:

«Es geschieht nicht sehr oft, dass Lieder derart ins Nervenzentrum vordringen und – obwohl sie von etwas ganz anderem zu handeln scheinen – eine eminent politische Botschaft senden. «Lili Marleen» von 1938 etwa löste sich von seinem ursprünglichen Anlass und wurde zur internationalen Antikriegshymne, ebenso wie das gleichermassen bekannte «Sag mir, wo die Blumen sind», das ursprünglich ukrainischer Herkunft ist.»

Das mit diesem Queen-trifft-Eminem-Verschnitt zu vergleichen, eine Frechheit. Dass auch noch Schiller missbraucht wird, da fehlen die Worte. Völlig absurd wird es, wenn es Wertheimer mit eigenem Gestammel versucht: «Denn unter dem Gewand einer scheinbar rein privat anmutenden Recherche nach seiner eigenen Identität verbirgt sich der Appell, alle Zumutungen von oben einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.»

Ein Appell verbirgt sich unter einem Gewand? Hat man denn allen ins Gehirn geniesst?

Gibt es noch etwas Schlimmeres, als in einen Schlagertext tiefere Bedeutung zu geheimnissen? Doch, leider. Wenn Tom Kummer über Nemo schreibt. Darf man Schmerzensgeld verlangen, wenn man so einen Stuss lesen muss? «Vor Nemo hatten schon die Pop-Ikonen David Bowie und Freddie Mercury auffallende Zähne. Buddy Holly wurde von kranken Zähnen und Mundgeruch malträtiert.»

Kann man das noch steigern? Leider ja. Wenn nämlich Daniel Ryser bei einem ernsten Thema auf dem Egotrip unterwegs ist (wann ist er das nicht),. Er schreibt nämlich über Julian Assange, was verdienstvoll wäre, wenn er nicht in erster Linie über sich selbst schreiben würde. Als er «mit Julian Assange in London Whisky zum Frühstück trank». Oder als er mit Assange Fondue ass. Oder als er mit Assange «einen Stapel Harrods-Sandwiches» ass. Ryser geht es nur um sich selbst:

«Ich selbst war bei meinen Besuchen auf der Botschaft natürlich anfangs erstaunt darüber … Jennifer Robinson, die Anwältin von Assange, sagte mir vor einigen Jahren bei einem Interview … die Männer, die mich am Eingang jeweils gescannt hatten … und wir dachten, die Verfolgung werde bald ein Ende haben … Bei einem kürzlichen Treffen in Strassburg sagte mir Wikileaks-Chefredaktor Kristinn Hrafnsson … traf ich mich im New Yorker Financial District mit Ben Wizner … «Haben Sie denn so viel Zeit?», fragte mich Nils Melzer … Das Interview, das Ende Januar 2020 im Magazin Republik publiziert wurde, ging um die Welt … sagt Stella, als wir uns in Strassburg zu einem Kaffee treffen …»

Und so geht das quälende 32’500 A lang. Eingerahmt wir das von der «Weisheit des Herzens», völlig abgespacter Scheiss, den Kolumnen von Anabel Schunke und Tamara Wernli, deren Lektüre im Kopf wehtut, aber immerhin auch einem wiederbelebten Urs P. Engeler und einem Wolfram Knorr, der Francis Ford Coppola ein wohlverdientes Denkmal setzt. Gäbe es nicht Literatur und Kunst, bevor Alberto Venzago unermüdlich sein Archiv abstaubt, David Schärer Flachheiten absondert (aber immerhin, es gibt die Peanuts auf dieser Seite, das tröstet). So saufen die wenigen guten Storys in diesem Brei ab.

Dass die WeWo auch so noch mehr Denkstoff bietet als die Einheitssauce aus Aarau und Zürich, das spricht nicht für sie, sondern gegen die anderen. Es ist bedauerlich, dass das Magazin so viel Platz schlichtweg verschenkt, vergeudet, vertrottelt.

Dabei wäre die Alternative ganz einfach. Alleine ein Verzicht auf Ryser und Kummer würde einige Seiten für Besseres freimachen. Der Verzicht auf die beiden Kolumnistinnen gäbe immerhin auch zwei Seiten her. Und der Verzicht auf Nihil-Themen wie Nemo würde das Blatt in eine andere Liga katapultieren.

Es ist verblüffend, wie wenige Autoren das Niveau eines ganzen Heftes dramatisch absenken können.

ZACKBUM wünscht von Herzen gute Besserung.

Bock zum Gärtner

Manchmal spinnt die «Weltwoche».

Tom Kummer ist eine Schande für den Journalismus. Er hat ungehemmt erfunden, gefälscht, mit gefakten Interviews eine Chefredaktion ins Elend gestürzt, Hunderttausende von Lesern beschissen und ist zudem Wiederholungstäter. Wo er eine zweite Chance bekam, machte er einfach so weiter.

Offenbar ein Triebtäter. In der «Weltwoche» hat er seit einiger Zeit eine dritte Chance bekommen, der anfänglich warnende Abbinder, dass seine Storys wahr sein könnten, aber nicht müssten, ist inzwischen verschwunden.

Es gibt also eigentlich auf der ganzen Welt keinen Ungeeigneteren, um über das Thema zu schreiben, «wie echt die Wirklichkeit» in den Bildern der Magnum-Fotografen sei.

Denn bei Kummer muss man sich immer fragen, wie echt denn sein Geschreibsel ist. Dilettiert er über berühmte Fotografen wie Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, James Nachtwey oder René Burri, dann stimmen wenigstens die Namen und der Fakt, dass das alles Magnum-Fotografen waren.

Aber dann hebt Kummer mal wieder ins Reich der Fantasie ab: «Einer der heute bedeutendsten Magnum-Fotografen, Sebastião Salgado, fand schon früh sein Thema, die Armut, und er verfolgte es gnadenloser als andere, jahrzehntelang.»

Einer der bedeutendsten Magnum-Fotografen war er bis 1994. Seit fast 30 Jahren hat Salgado aber seine eigene Agentur Amazonas Images.

Dann behauptet Kummer: «In den 1980er Jahren stiessen Mary Ellen Mark und Susan Meiselas dazu. Mit beiden war ich für das deutsche Magazin Tempo auf Reportage.» Mark wurde 1977 Vollmitglied bei Magnum und verliess die Agentur bereits 1981, ganze 7 Jahre, bevor Kummer mit ihr auf Reportage gewesen sein will. Sie starb 2015, also kann sie diese fragwürdige Behauptung von Kummer nicht bestätigen. Über Meiselas behauptet Münchausen Kummer: «Sie erschien mir absolut furchtlos, als wir im bolivianischen Dschungel geheime Kokainlabors aufspüren sollten.» Davon gibt es aber keine Spuren in ihrem Werk.

Nun kommt sozusagen der Höhepunkt des kummerschen Könnens:

«Mit Mary Ellen Mark produzierte ich 1988 für die Zeitschrift Tempo eine Story über „Ironkids“: Es ging um Kinder, die wettkampfmäßig Triathlon betreiben. Mark nun nervte ihr fotografisches Opfer im Zielbereich ganz bewusst so, dass sie bald bekam, was sie wollte: Ein Bild, das weinende Kinder zeigt, die von ihren überehrgeizigen Eltern – im Namen eines US-Snackherstellers – gequält werden. Das Schwarzweißbild wurde zur Ikone des humanistischen Fotojournalismus und fehlt seither in keiner Retrospektive amerikanischer Fotografie im 20. Jahrhundert. Ich aber sah während der Recherchen etwas ganz anderes: Die Kinder waren über ihre Niederlage enttäuscht, und von Mark extrem genervt. Die Ironkids entpuppten sich in Wahrheit als noch ehrgeiziger als ihre Eltern.»

Schrieb Kummer 2014 in der deutschen Zeitschrift «Freitag». Kopiert Kummer eins zu eins in seinen aktuellen Text in der «Weltwoche». Lediglich ergänzt um das Fazit: «Was den vielleicht schwer erträglichen Schluss zulässt: Die Verbindlichkeit der Fotografie hat nie existiert.»

Das ist nun echt lustig. Wenn Kummer nicht erfindet oder verfälscht, dann kopiert er sich selbst. Nimmt einfach einen Text von 2014 und rezykliert ihn in die «Weltwoche». Irgend eine Verbindlichkeit in seinen Texten hat nie existiert.

Das Blatt spinnt, so jemanden seine Spalten zu öffnen …

Ist das Tom Kummer oder ein Fake?

 

Relotius Reloaded

Beim Fall Fabian Wolff führten die gleichen Mechanismen zum Desaster.

Die Geschichte in Kurz: Der Feuilletonist und gern gesehene Gast bei «Zeit», «Süddeutsche», «Tagesspiegel» oder «Spiegel» Fabian Wolff ist nicht der, für den er sich ausgab. Nämlich als Jude.

Das ist in Deutschland bis heute ein ganz heikles Gebiet. Vor allem, da Wolff sich unter Berufung auf sein Judentum als israelkritischer («Apartheitsystem») und den Aktivitäten der antiisraelischen BDS-Kampagne sympathisierend gegenüberstehender Jude ausgab. Wer ihn dafür kritisierte, war natürlich «rassistisch» oder «rechts».

Er selbst als Jude könne dagegen per Definition kein Antisemit sein. So seine Erzählung. Bis er selbst einräumte, dass er kein Jude sei; eine beiläufige Bemerkung seiner Mutter habe ihn mit 18 annehmen lassen, einer jüdischen Familie zu entstammen.

Nun wird’s nochmal sehr deutsch: dieses Eingeständnis darf er in einem 70’000 Anschläge langen Text in der «Zeit» machen. Wobei Eingeständnis fast übertrieben ist, es ist ein sich windendes Geschwurbel.

Daraufhin wird’s richtig deutsch. Alle Redaktionen, die auf seine Verkleidung als Kostüm-Jude reingefallen sind, winden sich nun auch. Wie mit seinen in den letzten zehn Jahren veröffentlichten Texten umgehen? Wie mit Wolff umgehen? Ist da zuhanden der Leserschaft eine Entschuldigung fällig? Wenn schon nicht vom Hochstapler selbst, dann von den Redaktionen, die es mal wieder an Hintergrund- und Faktencheck missen liessen?

Oder ist das ein unfairer Vorwurf? Nein, denn eine ehemalige Lebensgefährtin von Wolff war schon vor Jahren auf Ungereimtheiten und Widersprüche in seinen biographischen Angaben gestossen. Nach dem Ende der Beziehung wandte sie sich an diverse Journalisten und Redaktionen. Ohne Reaktion.

Nun tun natürlich alle Verantwortlichen in den Medienhäusern so, als hätten sie nichts davon gewusst, als seien sie wenn schon selbst Opfer, keinesfalls verantwortlich für diesen neuerlichen Skandal. Aber die NZZ schreibt dagegen ganz richtig: «Die Medien wurden nicht getäuscht, sondern haben sich täuschen lassen.» Nur ein in dieser Beziehung unbelastetes Schweizer Organ kann dann den Finger auf die Wunde legen:

«Das grosse Vertrauen und die Nibelungentreue deutscher Medien zum Autor Wolff erklärt sich auch dadurch, dass er mit seinen Gedanken und Texten letztlich antijüdische Ressentiments bedient hat, die in Teilen des deutschen Bürgertums weit verbreitet sind

Womit wir bei der Parallele zum Fall Relotius angelangt wären. Auch dieser Schwindler und Fälscher bediente mit seinen erfundenen Reportagen Klischees und Vorurteile der «Spiegel»-Verantwortlichen. Die hatten sich zum Beispiel ernsthaft vorgenommen, den damaligen US-Präsidenten Trump «wegzuschreiben». Sie sahen in seiner Wahl das «Ende der Welt», zumindest, «wie wir sie kennen». Sie waren fassungslos, dass all ihre angeblichen Kenner und Könner den Wahlsieg Trumps nicht vorhergesagt hatten.

Daher glaubten sie Relotius unbesehen jedes Wort, wenn der sich in die US-Pampa aufmachte, um dort die dumpfen Amis aufzuspüren, die diesen Idioten zum Präsidenten gemacht hatten. Wirklich erholt hat sich der «Spiegel» von diesem Skandal bis heute nicht. Seine kreischige #metoo-Berichterstattung, in der er einer Journalistin die Plattform für einen Rachefeldzug bietet, Prominente reihenweise in die Pfanne haut, trägt auch nicht dazu bei, sein Renommee zu retten.

Nun sind aber auch die ehrwürdige «Zeit» (die sich im Schweizer Split allerdings auch im Roshani-Skandal instrumentalisieren liess), die SZ, der «Tagesspiegel» beteiligt an diesem neuerlichen Skandal.

Relotius hat nicht seine eigene Identität erfunden, sondern einfach Quellen und Zitate und Begebenheiten. Das hat Wolff nicht getan, dafür streifte er sich eine Identität über, die erlogen ist. Beide haben aber Ressentiments der sie betreuenden Redaktionen (und deren Leserschaft) bedient. Ob man es in Deutschland wirklich liebe, «Israel zu hassen», das ist vielleicht eine zu dramatische Schlussfolgerung der NZZ.

Dass es ein deutsches Problem sei, das trifft solange nicht zu, als ein Tom Kummer in der Schweiz weiterhin sein Unwesen treiben darf. Hier handelt es sich um die Marotte eines Chefredaktors, in Deutschland geht das Problem tatsächlich tiefer.

Denn dass eine Redaktion keinen in die Intimsphäre eingreifenden Faktencheck über die jüdische Herkunft eines Autors macht, ist noch verständlich, obwohl Wolff nicht der erste Fall eines solchen Betrugs in Deutschland ist. Dass aber deutliche Indizien, ein ganzes Dossier der ehemaligen Lebensgefährtin keine Beachtung fand, sondern wohl als Rache einer verschmähten Geliebten abgetan wurde, das ist bedenklich.

Einerseits veröffentlicht der «Spiegel» Behauptungen einer rachsüchtigen, gefeuerten Schweizer Redaktorin, die sich bei genauerer Betrachtung fast vollständig als nicht haltbar herausstellen. Andererseits ignorieren diverse Redaktionen in Deutschland ein ihnen vorliegendes Dossier mit belegten Anschuldigungen. Was ist der Unterschied? Das eine entspricht dem Narrativ von #metoo, das andere widerspricht diesem Framing. Obwohl in beiden Fällen eine Frau einen Mann anschuldigt.

Ungeprüft oder nicht überprüft, zweifaches Versagen.