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Der Zweikampf

SoZ gegen NZZaS: wer gewinnt?

Ein fairer Wettkampf ist nur mit klaren Regeln möglich. Nach objektiven Kriterien, und am Schluss entscheidet ganz subjektiv ZACKBUM. So macht man das, wie im aktuellen Journalismus halt.

Zunächst haben beide Sonntagsblätter mal wieder echt Pech gehabt. Dass in Syrien der Diktator Assad gestürzt wurde, verdichtete sich erst nach Redaktionsschluss zur Gewissheit. Wie reagiert man darauf, wie fängt man das Thema ein, ohne am Sonntag mit abgesägten Hosen dazustehen?

Überhaupt, welche Anreize bietet man auf der Front, oberhalb des Bundes, als dort, wo der Kioskkäufer zum Zugreifen animiert werden soll?

So versucht es die NZZaS:

Immerhin, es ist diesmal keine verunglückte Illustration. Nein, es ist noch schlimmer. Oder wer will einen spärlich behaarten Mann mit fürchterlicher Operationsnarbe über der linken Brust sehen? «Europa im Chaos», Reportage über Schweizer auf der Spur der Wikinger, etwas heile Welt, ansatzlos ein drohendes, «peinliches Debakel», und «Die letzten Tage eines Diktators». Nach der Devise: da kann man nichts falsch machen. «Will haben»-Reflex: mässig.

Auch die SoZ fängt etwas schwach an; «Festtagsmenü» und «Die besten Geschenke» unter einer Weihnachtsschleife, gähn. Dann aber der unermüdliche Arthur Rutishauser: «Das grosse Versagen des Parlaments» beim Credit-Suisse-Debakel, was ein wahres Desaster ist und durchaus schlagzeilenwürdig. Florian Ast hat keinen Kontakt mehr zu einem seiner drei Kinder von drei Frauen. Schlimm für ihn, uninteressant für den Leser, platz- und bildmässig überverkauft. «Das Drama der Christen im Nahen Osten», das hingegen ist eine elegante Sideline zu Syrien, ein interessantes Thema, unabhängig vom Sturz Assads. Und schliesslich noch ein Aufreger angesichts der aktuellen Debatte im Parlament: «EDA bezahlt 1 Milliarde Franken an NGOs». «Will haben»-Reflex: vorhanden.

Kriterium zwei: Das Editorial. Andreas Kunz bemüht sich in der SoZ um Originalität: «Warum schliesst sich die EU nicht der Schweiz an?» Gute Idee, exemplifiziert an den vielen, grossen Problemen, die der Chaoshaufen EU hat. Dann, man ahnt es, Beat Balzli: «Die Sugus-Affäre verschärft die Wohnungsnot». Kommt halt davon, wenn man in Zürich wohnt und arbeitet, denn diese Affäre interessiert in Romanshorn oder in Freiburg herzlich wenig. Aber macht nichts, bei der Einleitung schnarchen sowieso die meisten weg: «Selten hat ein Wort so schnell seine Unschuld verloren. Gerade eben noch stand «Sugus» für Kindheit …» Traut sich denn niemand, dem Chef zu sagen, dass er nicht der geborene Editorial-Schreiber ist? «Will lesen»-Reflex: bei der SoZ vorhanden, bei der NZZaS abwesend.

Kriterium drei: die Aufmacherstory. Bei der NZZaS kommt der Lieblingsspielplatz der Journalisten zum Zug, wenn wirklich nichts Gescheites eingefallen ist. «Vier Szenarien, wie es mit dem Kontinent wieder aufwärts gehen könnte». Meine Güte, soll das wirklich jemand interessieren, was Markus Bernath und Gordana Mijuk dazu einfällt? Nicht allzu viel, denn übergross hat hier wieder der Illustrator zugeschlagen. Das wäre als Briefmarke schon überverkauft, aber fast seitengross?

Brr. «Steige animiert ins Blatt ein»: nicht vorhanden, stattdessen null Bock

Die SoZ hingegen macht mit der Sideline auf, die durchaus interessant ist, über das Schicksal der Christen in der muslimischen Welt: «Verfolgt, vertrieben, vergessen». Interessante Zusammenstellung, illustrativ, das Symbolbild einer vom Islamischen Staat zerstörten christlichen Kirche: gut, aber auch viel zu gross. «Steige animiert ins Blatt ein»: durchaus.

Kriterium vier: gute Titelideen. Der Titel ist immer der grösste Schuhlöffel, um den Leser in den Artikel zu kriegen. Wie steht’s da? Die SoZ ist da etwas laberig: «Ametis EU-Initiative wird für Operation Libero und Grüne zum Desaster». Da das eigentlich schon der Inhalt der Seite ist, wozu dann noch den Artikel lesen? Oder: «Für Musk ein «illegaler Arm der Regierung» – der grosse Angriff auf das Feindbild NGO». Wieso zu Musk ausweichen, wenn das Thema die Kürzung der Entwicklungshilfsgelder in der Schweiz ist? «Der Schmerzensmann: Psychogramm des Robert Habeck». Gut, wen’s in der Schweiz wirklich interessiert, denn Kanzler wird dieser Wendehals niemals. «In der Rushhour des Lebens beginnt der Motor zu stottern». Erster Preis für den unverständlichsten Titel.

«Leben & Kultur», oh je:

«Festliche Kochtipps», weinende Ariane Grande und HIV-Verbrecher, guten Appetit. Der vergeht einem auch beim übergrossen Symbolbild von Getty Images, offensichtlich aus den USA zu den Kochtipps. Politisch korrekt lacht hier ein Schwarzer, ob in den Sektgläser aber Alkohol drin ist, weil offensichtlich auch gleich Sylvester gefeiert wird? Ach, und dann durfte Eva Dignös nach Lanzerote und titelt überraschungsfrei, dass man «gerade jetzt» auf die Kanaren reisen sollte. Dass diese «Recherchereise» (ja, es darf gelacht werden) nur «zum Teil unterstützt» (es darf nochmal gelacht werden) wurde von «Anbietern, Hotels, Transportunternehmen und Tourismusagenturen», hat mit diesem Titel garantiert nichts zu tun (es darf schon wieder gelacht werden). Gute Titelideen: Fehlanzeige.

Auch die NZZaS fängt ziemlich schwach an: «Who makes Europe great again?» Die x-te Abwandlung von «great again», kann man wirklich nicht mehr ab. «Die Tyrannendämmerung», nun ja, wenn man nicht schreiben will: Genaues weiss man bis Redaktionsschluss nicht. Dann aber, der Kandidat kriegt hundert Punkte, nicht gerade originell, aber immer wieder gut: «Den Reichen reicht’s». Tatä.

Dann wieder der gefürchtete Text-im-Bild-Titel, das Testprogramm des Augenarztes (aber nicht als IQ-Test brauchbar):

Wer den Lead im Wolkenmeer problemlos lesen kann, bekommt 1000 Flugmeilen geschenkt. Und oben drüber hängen sinnlos, aber das sagten wir wohl schon. Auch etwas gewagt: «Ist Kiew das neue Kabul?» Ist Schwarz das neue Rot? Ist heute morgen das Gestern? Ach, und dann ist es der NZZaS auch aufgefallen, dass in Avignon so ein Prozess über widerliche Sexualstraftaten stattfindet. Also her mit der Übertragung auf die Schweiz, sagt sich Patrizia Messner, und titelt dräuend: «Spuren, die bleiben». Dann vergibt die NZZaS weiter Punkte, indem sie offenbar diese Dracula-Variante von Titeltypo zur stehenden Einrichtung machen will:

Und noch der Fehltitel des Tages:

Haben sich die Brötchen beim Grösserwerden irgendwie geschlechtsumgewandelt? Metastasen gebildet? Oder war einfach kein Brötchenbild zur Hand? Gute Titelideen? Ein Knaller, sonst trübe.

Kriterium fünf: quick and dirty, wie viele Artikel würde ZACKBUM in der SoZ, wie viele in der NZZaS lesen? Insgesamt standen in beiden Blättern 139 Texte zur Auswahl. Bei der SoZ haben es 7 geschafft, in der NZZaS 6.

And the winner is die «SonntagsZeitung», aber im Fotofinish. Wahrscheinlich wird’s auf Weihnachten hin immer schlimmer …

Unbefriedigendes Recycling

Was ist älter als eine neue «Blick»-Story?

Die gleiche «Blick»-Story. Es gibt die Autorin Saralisa Volm. Die hat ein Buch geschrieben. Zur Steigerung der Erregungsbewirtschaftung sagt sie so Sachen wie «Wir sehen selten Männer, die Frauen oral befriedigen». Ist vielleicht auch nicht fürs Zusehen geeignet.

Da macht nun der «Blick» mal wieder einen kostenlosen Alzheimer-Test bei seinen Lesern.

Und dann hätten wir diesen hier:

Unterschied? Öhm. Schwierige Frage? Stimmt, aber ZACKBUM lüftet das Geheimnis: die Datumszeile. Am 11. 12. 2023 wird etwas als neu serviert, was schon im Juli dieses Jahres durch alle Gazetten geisterte – natürlich auch durch das einzige Organ mit Regenrohr im Logo. Jedenfalls durch solche, die eine dermassen auf dümmlich-provokative Wirkung zielende Schlagzeile gerne bringen. Da sich ZACKBUM ungern wiederholt, verweisen wir darauf, was wir schon damals dazu gesagt haben …

Wir gestatten uns aber die Anmerkung, dass es schon nassforsch ist, für den gleichen Quatsch zweimal Geld zu verlangen.

Grossartig ist auch diese Schlagzeile des Intelligenzler-Blatts:

 

Ist das ein Aufruf zu Blutspenden für die Ukraine?

Dann hätten wir weitere News von einem Artikel, der wohl den Weltrekord mit geänderten Schlagzeilen aufstellen will. ZACKBUM-Leser erinnern sich; gestern zählten wir bis Version vier durch. Und schrieben seherisch: Fortsetzung folgt. Unser Wort ist «Blick» Befehl, et voilà:

Version fünf. Allerdings: die ist nicht ganz neu, sondern Version eins wird hier rezykliert. Also zurück zur Quelle des Slapsticks. Und wir fangen an, Lotto zu spielen. Wäre doch gelacht …

Dafür wechselt das People-Ressort nun brav jeden Tag den Aufmacher. Diesmal allerdings mit einer Story, die nur für Hardcore-Fans eines gewissen Musikstils (oder von aufgepumpten Brüsten) von Interesse sein dürfte:

Aber immerhin, eine aktuelle Eigenleistung. Aktuell? Eigenleistung? Wie der letzte Aufmacher vom deutschen Unterhaltungsprogramm-Ticker «Spot On» übernommen … Aber immerhin, nicht hinter einer Bezahlschranke.

Etwas festgefahren ist hingegen das Politik-Ressort:

Mit dieser brandheissen News erfreut «Blick» den Leser bereits seit Tagen. Da wäre ja Zeit für eigene Werke. Zum Beispiel über diese Lichtgestalt:

Eine Kriegerin für Frieden auf Erden, wunderbar. Allerdings: ein typischer, weichgespülter Jubel-Artikel aus der «Schweizer Illustrierte». Aber es soll ja doch «Blick»-Leser geben, die das bunte Blatt aus dem gleichen Haus nicht lesen.

Und noch als Absackerchen der Brüller des Tages:

Auch darauf würde der «Blick»-Leser beim Anlagegespräch über seine zwei Millionen Spielgeld nie selbst kommen. Nun sieht man das leider dem Banker hinter dem Besprechungstisch nicht an, ob er mit dem ÖV oder dem Ferrari zur Arbeitsstelle eilte. Nebenbei: Lamborghini oder McLaren ist okay? Aber wie auch immer, diese bahnbrechende Erkenntnis vermittelt Autor Harry Büsser dem «Blick»-Leser. Was er schon zuvor in der «Handelszeitung» für den «Handelszeitung»-Abonnenten tat.

Offensichtlich trägt der Abkauf aller gemeinsamen Blätter von Axel Springer bereits Früchte. Faule Früchte. ZACKBUM graust es dabei, wie man zusehen muss, wie ein einstmals originelles, wirkungsmächtiges, immer wieder für eine Kampagne oder einen Aufreger sorgendes Blatt mit Anlauf und Absicht gegen die Wand gefahren wird. Denn bei aller Liebe zu Umweltschutz, Rezyklieren und dem Geruch getragener und aufgewärmter Skisocken: das ist vielleicht ein Elend …

 

 

Ex-Press XLVIII: Titel

Blasen aus dem Mediensumpf. Heute das, was oben drüber steht.

Früher, ja früher war Titelsetzung eine Kunst für sich. Da wurde geschwitzt, geschraubt, gekünstelt, gescherzt und geliefert. Heute muss der Autor alles selber machen. Das merkt man. Ein Marsch durchs Titeltal der Qual.

Wir beginnen mit einem dunklen Titel, dessen Aussage sich dem Leser nur schwer erschliesst, obwohl  nau.ch doch Kurzfutter bieten will:

Abstimmung über oder Wahl von. Oder halt beides.

Sauer macht lustig.

Wir gehen in den Wilden Osten, zum St. Galler «Tagblatt». Wie bei allen Kopfblättern im Reiche CH Media darf der Chefredaktor eigentlich nix mehr. Ausser kommentieren. Das tut er dann auch fleissig. Eine verfängliche Lage ist bitter, da muss gehandelt werden. Rätselauflösungen bitte an ZACKBUM.

Bitter, verfänglich, aber es muss.

Auch die vereinte Kopfblattsauce aus Aarau lässt in verschiedener Hinsicht einiges zu wünschen übrig. Dativ ist inzwischen etwas für Könner, denn er geht den Weg des Genitivs … Am Aussterben, und wenn er schon mal angewendet werden muss, dann geht’s bei CH Media in die Hose.

Dem Vize eilt ein was voraus?

Der «Blick» hingegen weiss, was Zahlen wollen. Was sie brauchen, wie sie sich wohlfühlen, worunter sie leiden.

 

Oder brauchen nationale Massnahmen steigende Corona-Zahlen?

Regenrohr, sinnloser Strich, hochgestellt und drangeklebt. Der Logo-Unfall.

Die Dame unter dem Logo tut etwas Sinnvolles. Sie übersetzt eine Ansprache in Taubstummensprache. Aber was tut dieses völlig verunglückte Logo obendrüber? Man muss doch loslassen können, auch wenn’s schweineteuer war.

Auch die NZZ betreibt Titelsetzung nicht mehr als höhere Kunst. Aber immerhin wird der Begriff «blutter Oberschenkel» weiträumig umfahren.

Rocklänge als Konjunkturbarometer. Der Yeti der Wirtschaftsberichterstattung.

Überbordende Metaphern gefährden meistens die Sinnhaftigkeit eines Titels.

Wankende Riesen, Leuchttürme und Lokomotiven belasten die Aussage.

In erkenntnistheoretische Höhen begibt sich für einmal der «Tages-Anzeiger». Wie sehr wünschte man sich, dass der Titel eine selbsterfüllende Prophezeiung wäre. Denn wenn man schon nicht aufhören soll, wenn es am schönsten ist, was die Autorin als «schlechtes Rezept» paraphrasiert, womit sie wohl eigentlich Ratschlag meint: Wie wär’s mit Aufhören, wenn’s am schlimmsten ist?

Wohin besteht philosophisch gesehen der Unterschied zwischen Rezept und Rat?

Zugegeben, das zum Abschluss ist kein Titel, aber ein Foto, das durchaus eine Erklärung verdient hätte, was Tamedia leider unterlässt. Das Setting, wie man so schön sagt, ist klar. Links, das ist unser Aussenminister. Um ihn herum ist der absolut geschmacklose Prunk der Villa von Prinz Mansour bin Nasser bin Abdulaziz al-Saud. Rechts sitzt der Prinz mehr schlecht als recht auf seinem Stuhl. Aber: man beachte das, was unten unter dem Rock herauslugt.

Hatte der Prinz nur eine Socke zur Hand?

Oder plagen ihn Schweissfüsse? Gar die Gicht?

Verbittet er sich hier gerade einen lockeren Scherz von Cassis zu seinem Schuhwerk?