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Schlagwortarchiv für: Tiktok

René Zeyer

Kaum einer schaut mehr

28. September 2026/8 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Bitter für die selbstverliebten Journalisten. Wer ausser ZACKBUM liest sie noch?

Versuchen wir’s mal für die Leseschwachen unter uns mit einer Grafik:

Die noch einigermassen gute Nachricht: News-Websites (blau) schwingen in fast allen Altersgruppen obenauf. Allerdings gehören auch Tiefflieger wie watson.ch oder Schnellfutter-Schleudern wie «20Minuten» dazu.

Dicht gefolgt, zumindest bei Jugendlichen bis 34, von Social Media. TV hingegen wird umso wichtiger, je älter der Konsument ist. Bei den Ü-55 ist es sogar die wichtigste Newsquelle. Das ist einerseits gut für Staats- und Privatfunker. Allerdings: blöd, wenn das Publikum wegstirbt.

Radio ist in allen Altersklassen ein Randgruppen-Phänomen.

Allerdings, das ist natürlich bitter für alle selbstverliebten «hast du meinen Kommentar gelesen»-Journis: Print hat über alle Altersklassen hinweg bis 55 eine Einschaltquote, die um 7 Prozent aller Newsquellen oszilliert. Nur die 35- bis 44-Jährigen scheren aus, bei ihnen informieren sich 7,7 Prozent im Print.

Hier raschelt die Generation Bald-einmal-dritte-Zähne noch am meisten mit Zeitungspapier: 14,1 Prozent aller Ü-55 vertrauen noch auf Druckerschwärze.

Seit 2016 hat Print 10 Punkte verloren, Newssites legten um 4 und Social Media um 7 Prozent zu.

Anders gemessen, laut BAKOM, erreichte Print 2024 insgesamt noch 60 Prozent der Bevölkerung. Allerdings nur 39 Prozent der bis 34-Jährigen, dafür 82 Prozent der Ü-60. Bei denen beträgt auch die Reichweite des Radions noch 87 Prozent, bis 35 sind es 39.

Was sollen uns alle diese Zahlen sagen?

Ganz einfach: Print und Radio sterben die Nutzer weg. Ebenso dem linearen TV. Das Durchschnittsalter bei SRF 1 beträgt 62 Jahre, bei SRF zwei sogar 63. Nicht zuletzt deswegen ist die angeblich schlechte Qualität von Dialogen bei Hintergrundlärm eine der häufigsten Gründe für Reklamationen. Jugendthemen sind deshalb logischerweise weniger nachgefragt; Gesundheit (Inkontinenz!), Reisen (aber bitte im Car oder Schiff) und leichte Unterhaltung mit lüpfigen Weisen, das sind die Trümpfe.

Bei Social Media als Newsquelle spreizen sich wieder die Altersklassen auf. Insgesamt wird WhatsApp mit 26,4 Prozent am häufigsten für Nachrichten genutzt, gefolgt von YouTube, Facebook und Instagram. Auf den Plätzen dann TikTok, X/Twitter, Telegram oder LinkedIn.

Hingegen ist bei den 18 – 24-Jährigen Instagram mit 47,2 Prozent die wichtigste Plattform für News, gefolgt von TikTok (33 Prozent) und YouTube (32,8). Schon bei den 25 – 34-Jährigen sieht’s ganz anders aus. Da ist WhatsApp (33,8) Nummer eins, gefolgt von YouTube (31,7) und erst dann Instagram (29,6), dicht gefolgt von Facebook (26,4), das bei den Jüngeren (11 Prozent) unter ferner Liefen kommt.

Hier werden allerdings News nicht gezielt gesucht, sondern man lässt sich von Feeds berieseln oder, immer wichtiger, man schaut Videos von Creators oder Persönlichkeiten.

Natürlich lampen hier auch sich auch klassische Newsquellen hinein. Da lassen sich die Medienhäuser von den grossen Plattformen die Werbebutter vom Brot nehmen, weil sie meinen, dass gesteigerte Reichweite ihnen was bringen würde.

Also rundum ein Abschied von den Zeiten, als am Morgen die Tageszeitung und am Abend die Tagesschau die beiden wichtigsten Newsquellen waren.

Und was lernen die grossen Medienhäuser daraus? Nichts. Das gilt insbesondere für die Teppichetage, allerdings auch für die meisten Journalisten, die einen langatmigen Meinungskommentar immer noch für das Höchste der Gefühle halten.

Natürlich gilt das auch bis zu einem gewissen Grad für ZACKBUM und seine Leser. Da besteht allerdings der Trost darin, dass es keine kommerzielle Plattform ist und daher Betreiber und User zusammen alt und älter werden, bis zur biologischen Lösung.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/09/Bildschirmfoto-2026-09-22-um-16.22.55.png 467 1281 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-09-28 05:00:512026-09-25 15:16:31Kaum einer schaut mehr
René Zeyer

Wahres Märchen

20. Juli 2025/2 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Es gilt, einen journalistischen Schatz zu heben.

Geh hin und schreib das auf. So einfach kann’s sein im Journalismus. Wenn’s einer kann. Im Jammertal des Schweizer Elendsgeschreibsels ragt ein Werk von Michael Schilliger wie ein wahres Märchen heraus. Er ist NZZ-Reporter. Wo denn sonst.

Wegen solchen funkelnden Juwelen verzeiht man der alten Tante manch Hastiges und Unausgegorenes. Schilliger hat einen Schatz gefunden, gehoben und ein funkelndes Juwel von Story draus gemacht:

«Sie handelt von der 84-jährigen Ileana Ivascu, die ganz im Norden des Landes, in einem kleinen Tal, am Ende des Dorfes allein in einem Häuschen lebt und einsam war, bis sie zu lesen begann, ihr Enkel sie filmte, als sie über die Bücher redete, und diese Videos auf Tiktok stellte. Grossmutter Ivascu wurde berühmt. Zehntausende folgten ihr, Hunderttausende schauten ihre Videos. Und so war sie nicht mehr allein.»

Per Zufall im seichten Meer von TikTok gefunden und sich auf die Suche gemacht. So entstehen wahre Geschichten, die Welt ist voll von ihnen. Erzählen muss man sie allerdings können:

«Irgendwann brachte ihr der Enkel ein paar Bücher, und sie begann einfach zu lesen. «Um mir die Zeit zu vertreiben, dann wurde es mehr als das. Ein Weg durch die Stille, eine Therapie, ein Gebet.» 360 Bücher habe sie gelesen, sagt sie. In fünf Jahren.»

««Ich weiss ja nicht, was ihr mich fragen werdet, wenn ich die Antwort nicht weiss, werde ich nicht antworten, und wenn ich etwas sage, das ich nicht hätte sagen sollen – nun gut, dann habe ich es gesagt», beginnt die Grossmutter und wartet dann, bis mir der Enkel oder meine Fotografin übersetzt haben. Meistens aber redet sie einfach weiter, ich nehme auf, was sie sagt, manchmal verstehe ich einen Satz, ein paar Worte und muss lachen, weil sie lacht, laut und aus dem Bauch heraus.»

Wie kann man ein Lob des Lesens besser formulieren als diese Grossmutter: «Wenn du ein Buch liest, ein richtiges Buch liest, dann findest du dich im Buch wieder. Vielleicht nur in einem Satz oder zwei, aber du findest ein Stück von dir dort, und du hältst inne und sagst dir: Das bin ich, das ist genau das, was mir widerfahren ist. Es ist ganz und gar unmöglich, dass du liest und dich nicht wiederfindest.»

Ergänzt wird die Reportage durch Hintergrund über die Bedeutung von TikTok in Rumänien, wo Erzähltes immer noch wichtiger ist als Geschriebenes. Der Aufstieg von Calin Georgescu bei den Präsidentschaftswahlen via TikTok, der gewann und dann um seinen Sieg gebracht wurde.

Dann noch ein paar Pinselstriche Ambiente und Analyse: «Die Bäume blühen weiss. Ich bin glücklich. Die Grossmutter war keine Influencerin, die etwas tat, weil es ihr Aufmerksamkeit und Geld brachte. Sie las und besprach die Bücher, weil es ihr Freude bereitete, ohne dass sie wusste, wer ihr alles zuhörte. Wer der Grossmutter auf Tiktok folgte, erfuhr Geschichten so wie früher – als Trost, nicht als Täuschung. Ihre Videos zeigten, was das Internet einst war, wieder sein könnte. Vielleicht manchmal, wenige Sekunden lang, immer noch ist.»

Wegen solchen Trouvaillen lohnt sich das Lesen, weil sie zeigen, was Journalismus einst war, wieder sein könnte. Das wäscht den Schlamm und Unflat von der Seele, wenn man die Sumpfgebiete der Kopfsalatblätter durchmisst, Mediokrität, schlecht Verdautes, schlecht Geschriebenes einen malträtiert. Lest das, um Euch zu erheben, weil es Erhabenes gibt.

Grosse Verbeugung, es gibt noch einen Funken Hoffnung.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/07/Bildschirmfoto-2025-07-19-um-10.08.06.png 908 1728 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-07-20 05:00:352025-07-19 10:13:16Wahres Märchen
René Zeyer

Röhrenförmiges Blickfeld

13. Januar 2025/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Japsen und abschreiben. Das Elend des Journalismus.

Ist Mark Zuckerberg dem designierten US-Präsidenten Donald Trump hinten reingekrochen? Herrschen jetzt im Meta-Universum (Facebook, Instagram & Co.) auch anarchische Zustände wie auf X? Elon Musk plaudert mit der deutschen Kanzlerkandidatin der AfD Alice Weidel. Trump schliesst den Einsatz von Gewalt bei der Aneignung Grönlands und des Panama-Kanals nicht aus.

So nebenbei: tobt in der Ukraine nicht weiter ein Krieg? Legen die Israelis nicht weiter den Gazastreifen in Schutt und Asche, wenn das überhaupt noch möglich ist? Operieren israelische Truppen nicht völkerrechtswidrig im Libanon und in Syrien? Werden im Nahen Osten nicht weiterhin von allen Kriegsparteien Kriegsverbrechen begangen?

Aber es ist ein bekanntes Phänomen, dass sich die Journaille nur schwer auf mehr als ein Überthema konzentrieren kann. Das gilt nicht nur für Kriege, sondern auch für ganze Themengebiete.

Und das Themengebiet Social Media und Plattformen ist mit Mark Zuckerberg und Elon Musk abgedeckt.

Wer hat da noch den Schnauf, über Ma Huateng, Jack Ma, Zhang Yiming oder Jensen Huang zu berichten? Who? Huang ist CEO von Nvidia: der Halbleiterhersteller, der die nötige Technologie für KI-Anwendungen liefert, war letztes Jahr mal der wertvollste Konzern der Welt, mit einer Markkapitalisierung von 3,35 Billionen Dollar. Inzwischen ist er «nur» noch der zweitwertvollste.

Jack Ma und Zhang Yiming, obwohl inzwischen in den Hintergrund getreten (worden), haben Alibaba und Bytedance aufgebaut. Und Ma Huateng schliesslich ist der Chef von Tencent, der wohl umfangreichsten Plattform im ganzen Internet.

Alleine WeChat hat täglich 1,1 Milliarden Nutzer, doppelt so viele wie X. Allerdings haben die Platzhirsche Facebook (3 Milliarden) und YouTube (2,5 Milliarden) noch ein paar mehr, und auch WhatsApp und Instragram (je 2 Milliarden) haben die Nase vorn.

Aber bei den chinesischen Plattformen (inklusive TikTok mit 1,5 Milliarden Nutzern pro Tag) herrscht ein ganz anderes Verständnis von Datenschutz einerseits und Meinungsfreiheit andererseits. Datenschutz ist eigentlich hinexistent, Meinungsfreiheit ebenfalls. Das Sozialkredit-System soll offiziell zu mehr Aufrichtigkeit im Verhalten führen. Allerdings dient es zusammen mit einer ungeheuerlich effizient arbeitenden Gesichtserkenntungssoftware dazu, einen Überwachungsstaat in China zu installieren, gegen den Orwells «1984» Kinderkram ist.

Und schliesslich herrscht in China viel mehr als im kapitalistischen Westen das Primat der herrschenden Partei über die Wirtschaft. Selbst so mächtige Männer wie Jack Ma bekamen das zu spüren, wenn sie sich zu aufmüpfig gebärden. Und schliesslich verfolgen Chinas Machthaber keine Politik von den letzten Wahlen zu den nächsten. Sondern es gibt schlichtweg keine, und die Politik folgt Strategemen, die Zeiträume von 25 Jahren umfassen.

Das sind eigentlich mindestens so interessante Themen wie die Beschäftigung mit Zuckerberg, Musk oder Trump. Aber dafür bräuchte es ja Fachkenntnis und Überblick. Woher soll der auch kommen, wenn in der Hölle des Newsrooms Kindersoldaten und frustrierte Überlebende der letzten Kündigungswelle News am Laufmeter raushauen müssen, weil ihre Leistung an nichts anderem als an der Verweildauer der Leser auf ihren Werken gemessen wird.

Und da die Einschaltquote bei aktuellen Überthemen (Los Angeles, Waldbrand!) riesig, bei anderen wichtigen Themen eher gering ist, ist es klar, welche Themen bevorzugt behandelt werden.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/01/Bildschirmfoto-2025-01-10-um-17.04.17.png 427 566 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-01-13 05:30:342025-01-11 12:19:22Röhrenförmiges Blickfeld
René Zeyer

I’ve seen the future, baby

4. Februar 2024/4 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Sang einst Leonard Cohen. Ist das die Zukunft des Journalismus?

Hier ist nichts echt, oder eben alles:

«Channel 1 will alles nutzen, was KI kann, um damit die Nachrichtenbranche zu verändern», berichtet die NZZ.

Zwei Ami-Unternehmer haben das Startup «Channel 1» gegründet. Die Moderatoren, die hier gezeigt werden, gibt es zum Beispiel wirklich. Sie haben an Channel 1 das Recht verkauft, aus ihnen Atavare machen zu dürfen. Die gezeigten Ereignisse sind entweder «echt», oder es wird ausgewiesen, dass die Bilde von einer KI generiert wurden.

In weiteren Ausbaustufen sollen Algorithmen das Verhalten des einzelnen Users messen – und ihm entsprechend seiner Präferenzen eine individuelle Auswahl von News präsentieren – samt entsprechender Kommentierung und politischer Färbung.

Nun kann man einerseits vor einer zunehmend fragmentierten Realitätswahrnehmung warnen, wo jeder sich nur noch in seiner Gesinnungsblase bewegt und nicht mehr mit ihr widersprechenden News belästigt wird. Auf der anderen Seite hat es sogenannte objektive Nachrichten noch nie gegeben. Auch was die Schweizer «Tagesschau» serviert, ist eine kommentierte Auswahl von Ereignissen rund um den Globus und in der Schweiz. Häufig unangenehm verfärbt.

Die NZZ gibt ein Beispiel, was so generierte News bedeuten könnten: «Es ist gut vorstellbar, dass etwa im jetzigen Krieg genug Menschen in Israel und Gaza dazu bereit wären, vor Ort Videos und Statements aufzunehmen, die mit einer Tiktok-artigen News-App gestreamt werden könnten.»

Dass immer wieder TikTok erwähnt wird, hat seinen guten Grund. Denn wie auf immer mehr Gebieten hat auch hier China die Nase vorn:

«Bereits vor Tiktok gab es von dem chinesischen Konzern dahinter, Bytedance, eine Nachrichten-App. Sie heisst Toutiao und hat in China 300 Millionen monatliche Nutzer. Die meisten sind unter 35 Jahre alt und verbringen im Durchschnitt 70 Minuten täglich mit der App. Dabei konsumieren sie aber nicht nur Nachrichtenvideos. Die Beiträge stammen aus traditionellen Medienhäusern, von Live-Streams, aber auch von persönlichen Accounts. Die Ersteller bekommen einen Anteil der Werbeeinnahmen.»

Wo führt das hin, wo soll das enden? Ist das das Ende der Nachrichten, wie wir sie kennen? Ist das reiner Orwell, wo der Big Brother mitten im Satz plötzlich den Feind von eben zum Freund von jetzt macht, wo nichts mehr feststeht, keine Überprüfung an einer Wirklichkeit mehr möglich ist?

Auf der anderen Seite: das ist doch auch heute schon so. Noch niemals zuvor in der Geschichte war der normale Nutzer dermassen schlecht darüber informiert, was sich beispielsweise im Ukrainekrieg oder im Gazastreifen abspielt. Ganz zu schweigen davon, dass viel schlimmere Schlachtfelder völlig aus dem Fokus der Medien in Europa oder im deutschsprachigen Raum geraten sind.

Ist es nicht heute schon so, dass beispielsweise Tamedia ganz extrem die Teilnehmer an einer bestimmten Gesinnungsblase mit ihnen genehmen News füttert, allen Berichten über Hassfiguren wie Donald Trump oder Viktor Orban oder Präsident Putin einen Spin, eine Einfärbung gibt, die von einem Bemühen um handwerklich korrekte Darstellung meilenweit entfernt ist?

Es ist wohl so: KI ist «the next big thing», wie Steve Jobs selig das genannt haben würde. Wie bei allen fundamentalen Umwälzungen (siehe Internet) ist am Anfang überhaupt noch nicht absehbar, welche Anwendungsmöglichkeiten sie hat und welche Auswirkungen.

Nur eines scheint bereits klar zu sein: 08/15-Journalismus wird schon bald nicht mehr von Menschen generiert. Schlechte Nachricht für 08/15-Journalisten aller Orten …

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/02/Bildschirmfoto-2024-02-02-um-09.33.08-e1706862886208.png 306 814 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-02-04 05:00:132024-02-02 10:06:10I’ve seen the future, baby
redaktion@zackbum.ch

Ausländer als «Metastasen» bezeichnet

23. Februar 2021/6 Kommentare/in Allgemein, Blattkritik/von redaktion@zackbum.ch

Der Tages-Anzeiger bietet Oberrichter mit ausländerfeindlichen politischen Ansichten eine «lustige» Plattform.

SD-Politiker Christoph Spiess ist seit einigen Tagen der breiteren Öffentlichkeit ein Begriff. Er und seine Frau Justyna Spiess haben einige Filmchen aufs Netz geladen, die originell sein sollen.

Ins Rollen brachte die Story Tamedia-Redaktorin Lisa Aeschlimann. Sie stellt die Frage aller Fragen: «Man stelle sich vor: Am Morgen verurteilt Spiess Straftäter, am Abend hält er für ein lustiges Video mit seiner jüngeren, lebenslustigen Frau her. Darf sich ein Richter – eine Magistratsperson – in den sozialen Medien so zeigen?»

Langer Rede, kurzer Sinn. Man darf, auch wenn man knapp am guten Geschmack vorbeischrammt.

Ausländer als «Metastasen»

Was den Tagi-Lesern vorenthalten wurde. Alt-Gemeinderat Christoph Spiess (61) darf in seiner Freizeit auch üble rassistische Thesen verbreiten. So schrieb er 2015 in Zusammenhang mit der erleichterten Einbürgerung von Ausländern dritter Generation, dass sie sich zwar so weit «integrieren», dass sie nicht ständig anecken. Im Herzen bleiben sie aber mit der Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Sie bilden eigentliche Parallelgesellschaften, sozusagen «Metastasen» fremder Kulturen. Dass ein Oberrichter Teile der Gesellschaft als sinngemäss als Krebstumor, als bösartigen Geschwulst, bezeichnet, ist speziell.  Verbürgt ist laut der «NZZ», dass Christoph Spiess bereits 1975 der Nationalen Aktion beigetreten ist, die damals vor allem gegen Italiener Stimmung machte. 20 Jahre lang war Spiess Gemeinderat in der Stadt Zürich, für die Rechtsaussen-Partei Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat, die sich später in Schweizer Demokraten umtaufte.

Laut dem «NZZ»-Artikel von 2015 ist Spiess «unter Juristen geschätzt, aber für viele ein politisches Schreckgespenst, ein rechtsextremer Fremdenfeind, dem man allerlei niedere Instinkte zutraut». Immerhin, so nochmals die «NZZ»,  sei der stramme Schweizer Demokrat vor Gericht kein Ausländerschreck. Vielmehr gelte als besonnener Jurist, der alle Angeklagten mit Respekt behandle und auch gerne einmal eine mildere Strafe verhänge als die Vorinstanz.

ZACKBUM hat nachgefragt bei Christoph Spiess.

Herr Spiess, wie waren die Reaktionen auf den grossen Artikel im Tages-Anzeiger?

Die Reaktionen auf den von Ihnen erwähnten Artikel gingen mit einer sehr grossen Mehrheit (ich schätze so um die 80 %) dahin, dass die im Artikel thematisierten Videos auf dem TikTok-Account meiner Ehefrau völlig unproblematisch seien, offensichtlich nichts mit meiner Amtstätigkeit zu tun hätten, und dass die daran geübte Kritik deshalb unberechtigt sei.

Hatten Sie früher auch schon Reaktionen/Reklamationen Ihres Arbeitgebers auf Ihre privaten Aktivitäten, etwa die Parteiarbeit für die SD/NA?

Nein, wieso denn auch? Ich war fast 20 Jahre im Zürcher Stadtparlament und bin auch heute noch, wenn auch nicht mehr so intensiv wie damals, politisch aktiv. Das steht mir genau so zu wie jedem anderen Stimmbürger. Es ginge nicht an, mich wegen dieser Aktivität im Berufsleben zu kritisieren, und das geschieht richtigerweise auch nicht. Meine Amtstätigkeit als Richter ist demgegenüber nicht politischer Natur. Hier geht es um die korrekte Anwendung der geltenden Gesetze auf Einzelfälle. Dabei dürfen politische Meinungen keine Rolle spielen, und sie tun dies auch nicht. Im Gerichtshaus hat die Politik nichts verloren.

In einem Text von Ihnen aus dem Jahr 2015 bin ich auf eine diskutable Passage gestossen. Sie argumentieren in Zusammenhang mit der erleichterten Einbürgerung von Ausländern dritter Generation, dass sie sich zwar so weit «integrieren», dass sie nicht ständig anecken. Im Herzen bleiben sie aber mit der Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Sie bilden eigentliche Parallelgesellschaften, sozusagen «Metastasen» fremder Kulturen. Würden Sie das heute noch unterschreiben?

Viele junge Immigranten integrieren sich voll und identifizieren sich dann auch wirklich mit unserem Land. Leider gibt es aber auch viele, die zwar unsere Sprache lernen und im beruflichen und sozialen Leben gut eingegliedert sind, innerlich aber nicht die Schweiz, sondern ihr Herkunftsland (bzw. dasjenige der Eltern und Grosseltern) und dessen Kultur als Heimat empfinden. So bilden sich in der Tat «Parallelgesellschaften» fremder Kultur. Das geschieht nicht nur bei uns in der Schweiz, sondern noch viel ausgeprägter in gewissen Quartieren von Grosstädten in anderen europäischen Ländern (Paris, London, Marseille, Berlin, Brüssel-Molenbeek usw.). Leider gibt es sogar Länder, deren Regierung das gut findet und ihre ausgewanderten Bürger aktiv dazu ermuntert, sich ja nicht zu assimilieren. Konkret erinnere ich mich an derartige Äusserungen des amtierenden türkischen Staatspräsidenten.

«Parallelgesellschaften» passen also nicht in Ihr Weltbild?

Diese Nicht-Assimilation und Bildung von «Parallelgesellschaften» kann zu erheblichen gesellschaftlichen Spannungen führen, die sich in Zukunft wohl eher noch akzentuieren werden. So etwas ist meines Erachtens in niemandes Interesse. Im Rahmen der politischen Debatte – ich glaube, dass der von Ihnen erwähnte Text in der Zeitung «Schweizer Demokrat» erschien – darf (und soll meiner Meinung nach) auf diese Problematik hingewiesen und postuliert werden, eine Einbürgerung erst nach erfolgter Assimilation vorzunehmen. Nichts anderes habe ich getan.

Dann finden Sie Ihre Aussage mit den Metastasen also nicht diskutabel?

«Diskutabel» ist das nur in dem Sinne, dass andere Stimmberechtigte – vielleicht auch Sie – diese Auffassung nicht teilen müssen und ihre andere Ansicht in die politische Diskussion einbringen dürfen (und das in einer lebendigen Demokratie hoffentlich auch tun). Das Berufsleben der an der politischen Debatte teilnehmenden Bürger betrifft das nicht, auch nicht bei einem Richter. Denn wie schon gesagt: In der Gerichtsarbeit haben politische Meinungen nichts zu suchen und spielen sie auch keinerlei Rolle. Demgemäss gibt es da auch nichts zu beanstanden.

Uih, lange Antworten, Herr Spiess. Aber danke trotzdem.

Noch dies als Abrundung: Gesetzt der Fall, Christoph Spiess wird 2022 wieder für den Stadtzürcher Gemeinderat und – wer weiss – sogar für die Exekutive kandidieren, einige Stimmbürgerinnen und Stimmbürger werden sich vielleicht an den lustigen Oberrichter erinnern, wie er ihnen vom Tagi präsentiert wurde.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2021/02/Screenshot-164.png 860 1036 redaktion@zackbum.ch https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg redaktion@zackbum.ch2021-02-23 06:00:202021-02-23 07:45:56Ausländer als «Metastasen» bezeichnet

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