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Faktenferne Faktenprüferin

«20 Minuten» rüstet auf mit einer spezialisierten Faktencheck-Taskforce. Die oberste Hüterin der Wahrheit ist allerdings selbst sehr affin für puren Unsinn.

Von Stefan Millius

«Wem sein Penis lieb ist, der sollte sich besser gegen Covid-19 impfen lassen.»

«Gegen Covid-19 geimpfte Frauen schützen ihr Baby über die Muttermilch»

«Mann leidet nach Covid-19-Erkrankung unter ‹analem Unbehagen›»

«Forschende wollen Coronavirus mittels Schweiss nachweisen»

Diese Schlagzeilen klingen, als hätte sich der Praktikant eines schmierigen US-Tabloid-Blatts in der Kaffeepause mit einer Ladung flüssigem Klebstoff im WC eingeschlossen. Sie stammen aber aus «20 Minuten», konkret von einer Dame mit dem poetischen Namen Fee Anabelle Riebeling.

Die Wissenschaftsredaktorin genoss mit ihrer aufgeregten Stimmlage während der Coronazeit in den sozialen Medien grosse Verbreitung. Der erste Impuls als Leser war stets: «Geil, ein neuer Satireaccount, den muss ich gleich dem Heinz schicken!» Hatte man die Wahrheit dann mal erkannt («Ach, das ist ernst gemeint und die Frau gibt es wirklich!»), teilte man den Beitrag dennoch. Das ist wie beim Unfall auf der Autobahn: Man will nicht, aber man muss hinsehen.

Drum prüfe, wer publiziere

Nun übernimmt Riebeling die Leitung der neuen «interdisziplinären Faktencheck- und Video-Verifikations-Taskforce» von «20 Minuten». Meldung an den internen Einkauf: Bitte grossformatige Visitenkarten bestellen. Ihr Team, das noch im Aufbau ist, will noch mehr als bisher darauf achten, dass nur «geprüfte Informationen» publiziert werden.

Wie immer bei Faktencheckern ist es natürlich deren Geschmack überlassen, was das Prädikat «geprüft» erhält oder nicht. Unterm Strich müsste die Taskforce wohl einfach dafür sorgen, dass das, was in der Zeitung steht, stimmt. Früher war das eine Grundaufgabe von Journalisten, nun braucht es dafür eine Elitebrigade.

Aufjaulender Menschenverstand

Laut Fee Anabelle Riebeling setze man bei der Arbeit auf technische Onlinetools, aber mehr als das: «Wir setzen unseren Menschenverstand ein.» Das klingt bei ihr schon fast wie eine Drohung. Denn wie es herauskommt, wenn Riebeling ihren Menschenverstand abruft, sieht man, wenn man die Liste oben durchgeht.

– Ein Corona-Schweisstest wurde von thailändischen Forschern einst ins Spiel gebracht, danach hörte man schnell nichts mehr davon, und in der Apotheke sollte man eher nicht danach fragen. Bei Riebeling klang es wie der grosse Durchbruch.

– Muttermilch ist eine gesunde Sache, aber von einem Effekt der Impfung berichteten nur einzelne Ministudien wie beispielsweise der University of Massachusetts (30 Teilnehmerinnen). Als allgemein akzeptierte Erkenntnis setzte sich das nie durch. Aber Riebeling berichtet im «Es ist so»-Stil.

– Dasselbe gilt für die These, dass man aufgrund von Covid-19 unter akuter Schlaffheit im Lendenbereich leiden kann. Ein wissenschaftlicher Beweis fehlt, der einzige Anhaltspunkt sind Männer, die bei Untersuchungen angaben, vor der Coronaerkrankung wilde Hengste gewesen zu sein und bei denen danach die Manneskraft schwächelte. Der weitaus häufigste Grund für Erektionsstörungen, psychische Probleme, wurde offenbar der Einfachheit halber ausgeschlossen.

– Das mit dem «analen Unbehagen» schenken wir uns, das spricht für sich.

Literatur + Kultur = Wissenschaft

Die Chefin der neuen Faktenchecker-Taskforce von «20 Minuten» geht also selbst sehr freihändig mit Informationen um. Stimmen sie in ihr Weltbild, verkauft sie diese auch bei dünnster Beweislage als unumstössliche Wahrheit. Entsprechen sie nicht ihrer Meinung, sind es natürlich «Fake News» – muss man gar nicht erst gross prüfen.

Nebenbei: Fee Anabelle Riebeling hat Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften, Journalismus und Soziologie studiert. Danach war sie an der Hamburg Media School und am MAZ. Nur falls jemand wissen will, was es braucht, um «Wissenschaftsredaktorin» bei «20 Minuten» zu werden und eine Taskforce zu leiten.

Das Ende einer Task Force

Durchatmen, auflockern. Und sich darüber freuen, dass eine Vernichtungsmaschine verschwindet.

Der Wunsch war verständlich. Der Bundesrat ist umzingelt von Kommissionen und Stäben. Jedes Departement hütet zudem eifersüchtig seine Lufthoheit über was auch immer.

Also beschloss der Bundesrat in seiner Weisheit, sich diskret, still, aber effizient von einer eigenen Task Force beraten zu lassen. Sozusagen die Institution einer «second opinion». Gute Idee, grauenhaftes Resultat.

Anstatt diskret zu beraten und öffentliche Auftritte mit dem BAG abzusprechen, wurde die Task Force to the Bundesrat eine Plattform für Egoshooter. Wissenschaftler wollten sich auch mal im Licht der Medien und der Öffentlichkeit sonnen. Umso kreischiger, desto erfolgreicher.

Es begann ein Wettbewerb im Überbieten mit Horrorzahlen. Sagt da einer 20’000 Tote in den nächsten Monaten? Ich biete 50’000. Um sogleich mit 100’000 überboten zu werden.

Der Bundesrat? Zu langsam, zu zögerlich, fahrlässig, unverantwortlich. Er sollte, müsste, hätte schon längst, ist aufgefordert. So machte sich die Task Force zur Kontrollinstanz und gab eigene Pressekonferenzen, begierig aufgenommen von den Medien, wo man hoheitsvoll jüngste Entscheidungen der Landesregierung selten begrüsste, häufig kritisierte.

Bis es dem Bundesrat Alain Berset den Nuggi raushaute und er klarstellte, dass Wissenschaftler zwar wichtig seien, die Verantwortung für Entscheidungen bleibe aber immer noch bei der Politik, bzw. bei den Regierenden.

Dann seilten sich immer mehr Wissenschaftler ab. Entweder, weil sie genügend öffentlichen Wind in die Segel ihrer Karriere gepustet hatten. Oder weil sie einsahen, dass kein Blumentopf mehr zu gewinnen sei. Rücksichtslos hatten sie dabei dem Vertrauen in die Wissenschaft einen schweren Schaden zugefügt.

Nun wird die Task Force endlich aufgelöst. Nicht Ende April, wie vorgesehen, sondern schon Ende März. Höchstwahrscheinlich dürfte ihre letzte krachende Fehlprognose über die Auswirkungen der neusten Corona-Mutation ihr Ende beschleunigt zu haben.

Denn die Task Force faselte von bis zu 10’000 Hospitalisierungen wöchentlich wegen Omikron, dazu 300 Patienten auf der Intensivstation zusätzlich. Völlig realitätsfremd.

Es bleiben aber noch genügend Kommissionen, über deren Existenzberechtigung man sich auch Gedanken machen sollte. Da wäre die Eidgenössische Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung (EKP). Genau für solche Seuchenzüge gemacht. Aber vom BAG mit Missachtung gestraft. Kein Bedarf, man melde sich mal, sagte das BAG auf Anfrage der EKP. Der Anruf kam dann nie.

Oder die Eidgenössische Kommission für Impffragen (Ekif). Die machte gewaltig Wind und versuchte tapfer, der Task Force die Stirn zu bieten. Insgesamt tummeln sich rund 12 Kommissionen, Stäbe, Krisenstäbe und andere Anballungen  im Themenbereich Seuchen. Wobei jeder Verein eifersüchtig darüber wacht, dass er ja nicht in seinem Wirkungsbereich beschnitten wird.

Dazu der übliche Beamtendreisprung: Sind wir dafür zuständig? Wenn ja, welche gesetzlichen Grundlage gibt es dafür? Und schliesslich: keine Entscheidung ist immer die beste Entscheidung im Beamtentreiben.

Denn sie birgt nie das Risiko, falsch zu sein. Und Verantwortlichkeit durch Unterlassen, die beiden Worte sind im Beamtenbiotop völlig unbekannt.

Also eine Task Force weniger, es bleiben noch genügend übrig, in denen man kräftig aufräumen sollte.

 

Wumms: Tanja Stadler

Die Task Force hat eine Stärke: Fehlprognosen.

Eigentlich wollte der Bundesrat, umzingelt von Krisenstäben und Beraterheeren, eine eigene, kompetente Task Force, die ihn beraten und von allen anderen Reinquatschern etwas unabhängiger machen sollte.

Eigentlich sollte die Task Force to the Bundesrat ihrer Tätigkeit diskret und still nachgehen, sich nur nach Absprache an die Öffentlichkeit wenden. Aber da unterschätzte der Bundesrat gewaltig, wie gierig sonst völlig vernachlässigte Virologen, Epidemiologen und Seuchenspezialisten nach öffentlicher Wahrnehmung sind.

Auch alle anderen Mitglieder der zeitweise bis zu 70 Nasen umfassenden Task Force  versuchten, sich ihr Scheibchen Ruhm abzuschneiden. Menschlich verständlich, für das Vertrauen in die Wissenschaft desaströs.

Denn alle wussten: mit der Message «alles gut, wir haben’s im Griff» erregt man keine Aufmerksamkeit. Im Wettbewerb des Überbietens mit Todes- und Horrorzahlen schon.

Auch die hoffentlich letzte Chefin weiss das. Also raunte Tanja Stadler, dass man bei Omikron mit wöchentlich bis zu 10’000 Hospitalisierungen und bis zu 300 Einweisungen auf Intensivstationen rechnen müsse. Mit anderen Worten: Katastrophe.

Real waren es dann etwas über 1000 Spitaleinweisungen, wenn man grosszügig alle Nebendiagnosen «hat auch noch Corona» mitzählt.

Deshalb geben gewitzte Prognostiker lautstark worst case an, leiser best case Szenarien. Blöd nur, dass die wahren Zahlen «um etwa 25 bis 30 Prozent niedriger als von der Taskforce im optimistischsten Szenario angenommen» lagen, räumt nun Stadler ein. Nassforsch fügt sie hinzu: «erfreulicherweise».

Diese Task Force hat bereits einen solchen Schaden an der Reputation der Wissenschaft angerichtet, was überhaupt nicht erfreulich ist, dass eigentlich nur noch eine einzige News von ihr erfreuen kann: sie wurde aufgelöst, entsorgt, abgeräumt. Als gescheitertes Experiment gestrichen. Ersetzt durch peinlich berührtes Schweigen.

Alleine Corona-Kreische Marc Brupbacher würde das bedauern und als schmerzlichen Verlust empfinden. Aber damit müssten und könnten wir leben.

Corona-Kreische Karrer

Wenn Wissenschaftler unbelehrbar bleiben. Wieder mal ein monothematischer Tag auf ZACKBUM.

Die Geschichte der Task Force to the Bundesrat ist eine Geschichte von Flops, Egoshootern, eitlen Selbstdarstellern und von Fehlprognosen völlig unbeeindruckten Koryphäen.

Sie sonnen sich bis heute darin, dass sie zwar analysieren, kritisieren, fordern und warnen können – das alles aber völlig haftungsfrei und verantwortungslos. Treffen ihre Prognosen nicht ein, was meistens der Fall ist – na und? Schnell ist man mit der nächsten zur Hand. Erinnert man sich noch dunkel daran, dass bei einer Durchimpfung der Bevölkerung von gegen 70 Prozent die Pandemie eigentlich besiegt sei?

Es wäre die Aufgabe einer verantwortungsvollen Presse, auf solche Fakten hinzuweisen. Aber viel schöner ist es natürlich, Alarm zu schlagen und einen weiteren Beitrag zur Schreckung der Bevölkerung zu leisten.

Das sieht dann beim «Blick» so aus:

Bricht das Gesundheitssystem nun doch zusammen?

In den anderen Medien nicht viel anders, also folgen wir doch dem Qualitätsorgan aus dem Hause Ringier. Wobei eigentlich alle Medien ins Archiv steigen könnten und die Artikel rezyklieren, die geschrieben wurden, als die Task Force vor etwas mehr als einem Jahr schon mal den bevorstehenden Kollaps prognostizierte.

Auf der Suche nach 15 Minuten Ruhm

Diesmal hat der Task Force Vize Urs Karrer das Bedürfnis, sich seine 15 Minuten Ruhm abzuholen. Zu diesem Zwecke veranstaltete er eine Medienkonferenz und verkündete mit gewichtiger Miene «wissenschaftlich berechtigte Zweifel», Triage-Entscheide könnten noch vor Weihnachten kommen. Also traurige Festtage, an denen nicht fröhliche Gesichter unter Weihnachtsbäumen leuchten, sondern in Spitälern entschieden werden müsse, wer leben dürfe und wer nicht.

Aber immerhin, der Bieterwettbewerb, in dem Mitglieder der Task Force schon bis zu 100’000 Tote prognostizierten, wird nicht weitergeführt. Wäre auch etwas schräg, nachdem es bislang etwas mehr als 11’000 Verstorbene gibt. An oder mit Covid-19.

Die Task Force masste sich schon mehrfach an, die Massnahmen des Bundesrats nicht nur intern, sondern gleich coram publico zu kritisieren. Obwohl ihre eigentliche Aufgabe darin bestünde, die Landesregierung intern zu beraten. Aber mit wichtiger Miene im Pressezentrum in Bern zu sitzen, dieser Versuchung kann kein Wissenschaftler widerstehen, der noch nie in den Medien auftauchte. Selbst wenn Gesundheitsminister Alain Berset schon darauf hinweisen musste, dass Expertenmeinungen schon wichtig seien, nur entschieden werde immer noch von den Verantwortungsträgern in den Regierungen.

Das hindert den Präsidenten der Gesundheitsdirektorenkonferenz nicht daran, kräftig abzuledern.. Der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger schimpft mitsamt der ganzen Regierung:

«Die vom Bundesrat erlassenen milderen Massnahmen reichen nicht aus.»

Das sieht der Zuger Kantonsarzt ähnlich; bessere sich die Lage nicht schnell und grundlegend, «müssen wir aus Sicht der Kantonsärztevereinigung leider bald ins Auge fassen, den Entscheidungsträgern der Politik weitere Massnahmen vorzuschlagen». Das ist eine kaum verhohlene Drohung: Gebt ihr regierende Pfeifen nicht mal Guzzi, müssen wir halt ans Gerät.

Wie steht es mit der Kritik am eigenen Versagen?

Vielleicht darf man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass all diese Ärzte und Gesundheitsfunktionäre in den vergangenen Jahren vor allem aber in den fast zwei Jahren seit Ausbruch der Pandemie, ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Wenn es eine mögliche Krise wegen zu wenig Intensivbetten gibt, dann liegt das daran, dass die Zahl der benützbaren Betten sogar seit Ausbruch der Pandemie gesunken ist. Und zwar dramatisch. Zudem weiter sinkt, da sich Pfleger nach zwei Jahren unermüdlichem Einsatz ohne entsprechende Kompensation und vor allem ohne Perspektive auf Besserung krank melden oder gleich verabschieden.

Wenn die Massnahmen des Bundesrats unzureichend sein sollten und Probleme auf den Intensivstationen auslösen, so ist das in erster Linie dem Versagen genau dieser Funktionäre zuzuschreiben. Woher die angesichts dieser Verantwortungslosigkeit die Chuzpe nehmen, andere zu kritisieren oder gar «Massnahmen vorzuschlagen», das erschliesst sich dem Betrachter nicht.

Wieso deren Gekreische in den Medien wiedergegeben wird, ohne auf den Anteil Selbstverschulden und Verantwortungslosigkeit hinzuweisen, ist auch nicht gerade ein Argument dafür, dass sie wegen ihrer gesellschaftlichen Bedeutung eine weitere Milliarde Steuergelder bekommen sollten.

Ein Bett noch frei für die Medien?

 

 

Die Pfusch-Force sollte weg

Jeder Journalist weiss inzwischen: willst du einen Aufreger, nur die Corona-Task-Force fragen.

Dass sich die «Swiss National COVID-19 Science Task Force» so ziemlich in jeder Beziehung lächerlich gemacht hat, ist kein Geheimnis. Kakophonie, immer neue Horrorszenarien, Warnungen, Befürchtungen.

Gar mit eigener Pressekonferenz, in der die Entscheidungen des Bundesrats und der Kantone beäugt, selten gelobt, häufig kritisiert wurden. Ab und an trat ein Mitglied aus, unter Protest, oder weil die öffentliche Präsenz für einen besseren Job gesorgt hatte.

Diese Task Force hatte sich kurzerhand selbst ins Leben gerufen und dann an den Bundesrat rangeschmissen. Kostenlose Beratung durch die wirklichen Cracks der Virologie und Epidemiologie; erst noch gratis. Da konnte der Bundesrat nicht nein sagen. Obwohl es doch seit Jahren eine «Eidgenössische Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung» gibt. Genau für solche Fälle; repräsentativ gewählt, kompetent – und ins Abseits gedrängt.

Immer ein Szenario zur Hand, in düsteren Farben

Die Glitzer-Task-Force, die entweder in corpore wichtig in die Kameras unkte, oder aber Solo-Auftritte hinlegte, wenn ein Mitglied unter mangelnder Aufmerksamkeit litt, pustete ein «Szenario» nach dem anderen raus. Die alle zwei Dinge gemeinsam haben, kann man überprüfen: sie waren viel zu pessimistisch. Und sie trafen nie ein. Was speziell merkwürdig ist, weil normalerweise die Eintrittswahrscheinlichket bei binären Prognosen steigt, wenn man immer die gleiche wiederholt.

Morgen regnet’s. Ausserhalb der Wüste Gobi wird und muss das einmal zutreffen. Die Prognosen der Task-Force lagen aber immer daneben. Glücklicherweise hört man auch immer weniger auf sie. Nun könnte es durchaus ein wissenschaftlich interessanter Ansatz sein, sich zu fragen, wieso eigentlich diese Task Force so konsequent sogar ausserhalb der Wahrscheinlichkeit falsch liegt.

Da stellte sich der Task-Force-Chef Martin Ackermann den bohrenden Fragen der NZZaS. Wenn das ein Ausdruck der Befähigung zu Selbstreflexion, Ursachenüberprüfung oder der Fehlerkultur in der Wissenschaft sein sollte, dann gute Nacht.

  • Frechheit eins: «Es gibt einen Unterschied zwischen Alarmschlagen und Alarmismus.» Worin besteht der genau, wenn Ackermann bis zu 20’000 Neuinfektionen täglich in diesem Frühling vorhersagte, es zurzeit aber nur 2000 sind?
  • Und überhaupt, Frechheit Nummer zwei: «Das war das schlimmste von mehreren Szenarien.» Na, das ändert alles, dann war’s nicht um den Faktor 10 daneben, sondern halt ein «schlimmes Szenario». Also keinerlei Fehler gemacht?
  • Ackermann räumt ein: «Ich gehe vor allem von drei möglichen Punkten aus, die wir falsch eingeschätzt haben könnten.» Also der gedoppelte Konjunktiv. Aber in jeder falschen Prognose steckt ein Stückchen Trost: «So gesehen haben die nun kritisierten Modelle vielleicht mitgeholfen, die Pandemie zu bremsen.» Frechheit drei.
  • Das ist eine astreine wissenschaftliche Analyse. Wir haben «buhu» gesagt, immer noch viele Schweizer sind darauf reingefallen und haben Schiss gekriegt.

Das Bananenschalen-Szenario

Das ist ein Erkenntnismodell, das noch etwas ausgearbeitet werden muss. «Die Leute schmeissen immer mehr Bananenschalen auf die Strasse, das wird zu einem deutlichen Anstieg der Oberschenkelhalsbrüche führen, was wiederum die Intensivstationen an den Rand des Zusammenruchs bringt.» – «Oh ist nicht eingetroffen. Na wunderbar, hat unsere wissenschaftliche Prognose doch gewirkt.»

So ungefähr hört es sich an, wenn man den Bereich der wissenschaftlichen Seriosität endgültig verlassen hat. Der immer noch nicht gewonnene Kampf gegen die Pandemie ist aber zu ernst, um eine solche Blödeltruppe weiterhin Zugang zu öffentlichen Plattformen zu erlauben.

Da sie ja, vielleicht abgesehen von ein paar Insidergeschäften, nichts verdient, sollte das doch niemanden kratzen. Selber konstituiert, selber sich abgeschafft, das wäre endlich ein Beitrag zur Versachlichung der Debatte.

Pech für die Journalisten; aber es gibt ja noch genügend Einzelkämpfer-Unken, die man jederzeit in Stellung bringen kann.

Erinnert sich noch jemand?

Dem Professör ist nichts zu schwör

Wissenschaftler aller Art machen sich nach Kräften lächerlich.

Dass die hochwohllöbliche Wissenschafts-Task-Force, geballte Kompetenz, Creme de la Creme der Schweizer Wissenschaftselite, schön im Takt immer wieder ankündigt, dass nun aber bald die Spitäler überlastet seien, daran haben wir uns gewöhnt.

Auch daran, dass fleissig an allem Regierungshandeln rumgemäkelt wird, Zensuren verteilt werden («ungenügend») und die Prognosen einer Spital-Apokalypse regelmässig krachend falsch sind.

Ist der angekündigte Tag verstrichen, ohne dass die Polizei den Zugang zu den Spitälern, zu der Intensivstation abriegeln musste, während vor dem Eingang Kranke verröcheln, dann sagt die Task Force cool, dass das schon richtig sei, aber schliesslich sei die Prognose aus damaliger Sicht auch richtig gewesen. Und dass sie nicht eintraf, nun, da haben die strengen Warnungen eben auch eine rettende Wirkung gehabt.

Freitag der 13., also das kann ja nicht gutgehen

Übrigens, nachdem es mit dem letzten Termin für die Katastrophe nicht geklappt hat, versucht es die Task Force nun mit dem 13. November. Ist ja auch logisch; Freitag, der 13., das kann ja nicht gutgehen. Weiss doch jede Wahrsagerin, auch ohne Kristallkugel.

Die Mitglieder der Task Force können immerhin gewisse Fachkenntnisse behaupten, sich als Spezialisten, Forscher, Professoren für kompetent erklären. Auch wenn die Kompetenz überschaubar ist.

Nicht aber ihre Präsenz am Bildschirm und in den Medien. Das weckt natürlich Eifersucht; verständlich. Also will sich zum Beispiel Jan-Egbert Sturm auch wieder seinen Platz an der Sonne der TV-Lampen zurückerobern. Auch wenn seine Voraussetzungen, nun ja, vielleicht etwas suboptimal sind.

Er ist nämlich Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH. Die, wie ihr Name schon sagt, sich um Wirtschafts- und Konjunkturfragen kümmert. Sie hat 60 Mitarbeiter, und Sturm zudem eine Professur für angewandte Wirtschaftsforschung.

Es gilt: Dem Professör ist nichts zu schwör

Einem Professör ist bekanntlich nichts zu schwör. Obwohl Covid-19 indirekt auch Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft hat: Als Viren- oder Pandemie-Spezialist ist Sturm bislang nicht aufgefallen. Dagegen spricht auch seine wissenschaftliche Karriere, die sich ausschliesslich im Gebiet Wirtschaft abspielte.

Nun ist Sturm aber auch Mitglied der Task Force, und da möchte er offensichtlich, dass ihm nicht immer andere Wissenschaftler vor der Sonne stehen. Also gibt er der NZZ ein grosses Interview, in dem er sich natürlich zu wirtschaftlichen Fragen äussert. Also zu seiner Forderung nach einem neuen Corona-Kredit, seiner Idee, «Corona-Gewinner» extra zu besteuern, und so weiter.

Aber er weiss, dass er damit weder seine Bekanntheit steigert noch Schlagzeilen macht. Also begibt er sich auch nassforsch ins Gebiet der Medizin, Virologie, Pandemieforschung, Epidemiologie. Kann doch nicht so schwer sein. Hier muss er nun auch etwas schimpfen; denn «wir haben die Hoffnung noch nicht verloren, dass die am 28. Oktober beschlossenen Massnahmen genügen». Allerdings nur, wenn die Bevölkerung, die unordentliche Horde, ihre Disziplin deutlich verbessert.

Sturm weiss, dass die Intensivstationen mal wieder an ihre Grenzen kommen

Sonst muss Sturm alle Hoffnung fahren lassen, und, der Kalauer muss jetzt sein, zudem sieht er dunkle Sturmwolken aufziehen, da die Intensivstationen der Spitäler noch diese Woche «an ihre Grenzen kommen werden». Logo, Massnahmen zeigen erst nach rund drei Wochen Wirkung (oder nicht), vorher kann man einfach mit den bestehenden Statistiken hochrechnen, et voilà.

Dass mit dieser Methode sogar der wissenschaftliche Leiter der Task Force regelmässig auf die Schnauze fällt, das kann den Konjunkturforscher Sturm doch nicht davon abhalten, auch seinen Senf dazuzugeben.

Wahrscheinlich müssen wir froh sein, dass sich Sturm wohl noch nicht vertieft mit der richtigen Behandlung von am Virus Erkrankten befasst hat. Sonst müssten die Mediziner auf den Intensivstationen damit rechnen, dass er ihnen den Tarif durchgibt und erklärt, ab wann ein Beatmungsgerät nötig ist, ab wann der Fall hoffnungslos wird. Aber was nicht ist, kann noch kommen.