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Gerd Heidemann †

Triumph und Tragödie: das Leben eines Getriebenen.

Der grössere Teil seines Lebens war ein journalistischer Siegeszug. Er war der harte Kriegsreporter, der aus Biafra, Angola, Mosambik, Burundi, Uganda oder dem Kongo berichtete. Halt von überall dort, wo gekämpft, gemetzelt und geschlachtet wurde. Seine Berichterstattung über den deutschen Söldner Siegfried Müller, alias Kongo-Müller, machte Heidemann berühmt, weltberühmt.

1970 rettet er sich selbst und 17 weiteren Geiseln in Ammann das Leben, als er todesmutig eine kurze Feuerpause aushandelte und sie zum Rückzug nutzte. Er war der Reporter, der (höchstwahrscheinlich) das Rätsel um den berühmten Autor B. Traven löste, der unter diesem Pseudonym Weltbestseller publizierte, Bücher von selten eindringlicher Wucht («Das Totenschiff», «Der Schatz der Sierra Madre», der Caoba-Zyklus).

Wann seine Faszination für die Grossen des Hitler-Faschismus genau begann, ist schwer zu eruieren. Auf jeden Fall kaufte er 1973 die Luxusyacht Carin II, die früher Hermann Göring gehört hatte. Nicht nur das, er restaurierte sie mit so grossem finanziellen Aufwand, dass er sich damit ruinierte. Zudem unterhielt er eine Beziehung mit Edda Göring, der Tochter von Hermann Göring.

Heidemann behauptete, dass er das alles tue, um so besseren Zugang zu überlebenden Nazis zu bekommen und die entlarven zu können.

Auf verzweifelter Geldsuche kam er mit einem potenziellen Financier in Kontakt, der ihm berichtete, dass man ihm angeblich echte Hitler-Tagebücher angeboten habe. Daraus entstand der journalistische Donnerschlag: am 23. April 1983 präsentierte Heidemann auf einer weltweit beachteten Pressekonferenz seinen Sensationsfund: die Hitler-Tagebücher.

Der «Stern» begann mit einem Teilabdruck und kriegte sich vor bedeutsamer Wichtigkeit nicht mehr ein. Aber schmerzlich schnell stellte sich heraus, dass es sich um Fälschungen handelte. Nicht mal sonderlich geschickt hergestellt von einem Fälscher namens Konrad Kujau, der angesichts der hohen Nachfrage immer schludriger nachlieferte und dann sogar auf einem Einband in Fraktur die Buchstaben FH klebte; ein A war gerade nicht zur Hand für die Initialen Hitlers.

Was als krönender Höhepunkt seiner Karriere geplant war, wurde zum krachenden Niedergang. Er wurde nicht nur sofort vom «Stern» entlassen, sondern auch noch unter Betrugsverdacht verhaftet. Er soll von den 9,3 Millionen D-Mark, die der «Stern» an Kujau zahlte, zwei Millionen für sich abgezweigt haben. Er wurde zu vier Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt, beteuerte aber bis an sein Lebensende seine Unschuld.

Die Hybris, der Wahnwitz, dem nicht nur Heidemann, sondern die gesamte «stern»-Führung verfallen war, die diese Tagebücher als geheime Kommandosache an der Redaktion vorbeischaukelte, ist grossartig in der Filmsatire «Schtonk!» wiedergegeben.

Die Yacht Carin II wurde von der Deutschen Bank zwangsversteigert und kam zu einem ägyptischen Geschäftsmann, der sie für den läppischen Preis von 270’000 Mark erwarb.

Heidemann verbrachte den langen Rest seines Lebens zurückgezogen als Rentner mit Sozialhilfe, da er bis zu seinem Lebensende nicht aus seinen Schulden herauskam. Sein sorgsam gepflegtes Privatarchiv über die Nazizeit war so bedeutend, dass es von einer amerikanischen Universität übernommen wurde.

Am 9. Dezember ist Heidemann (1931 – 2024) in Hamburg gestorben. Sein bester Satz nach diesem Leben, das jahrelang von einem journalistischen Scoop zum nächsten, von einem Triumph zum anderen führte, um dann in der wohl grössten Medientragödie der deutschen Nachkriegszeit zu enden, wird ihn überleben:

«Jeder Reporter ist immer nur so gut wie seine letzte Geschichte.»

Unter einem schlechten Stern

Eine unfassbare Preisverleihung.

Es fängt mit der verqueren Namensgebung an. Früher hiess er Henri-Nannen-Preis. Denn diesem Journalisten und Berserker ist es zu verdanken, dass es den «Stern» überhaupt gibt und er – früher mal – erfolgreich war, auf Augenhöhe mit dem «Spiegel». Das ist das Wochenmagazin vielleicht heute noch, aber nur, weil beide Blätter auf dem Weg nach unten sind.

Seit ein paar Jahren heisst das «Stern-Preis», weil es dunkle, braune Flecken in der Vergangenheit von Henri Nannen zu entdecken gab. Was an seiner Lebensleistung «Stern» nicht das Geringste ändert. Aber item.

«Eine der bedeutendsten Auszeichnungen für deutschsprachigen Journalismus» wurde wieder einmal vergeben. In verschiedenen Kategorien, die Krönung ist jeweils «die Geschichte des Jahres».

Worum geht es da? Die Ansprüche steigen in die Stratosphäre:

«Diese Kategorie kürt die journalistische Glanztat der vergangenen zwölf Monate. Eine Geschichte, der es mit großer Eindringlichkeit oder Unmittelbarkeit gelungen ist, das Publikum über alle Grenzen von Alter und Weltanschauung hinweg in ihren Bann zu ziehen. Die nachhaltige Resonanz erzeugt hat. Die Maßstäbe setzt für die ungebrochene Kraft von großem Journalismus.»

And the winner is – Claas Relotius. Nein, kleiner Scherz, dieses Mal nicht. Aber was hier preisgekrönt wurde, ist fast genauso schlimm. Nämlich eine Story der «Süddeutschen Zeitung», die Hubert Aiwanger, dem stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten, unterstellte, er habe mit 17 Jahren eine Hetzschrift über das «Vergnügungsviertel Auschwitz» geschrieben.

Schon alleine dieser Vorwurf weit in die Vergangenheit hat ein Geschmäckle. Es gab aber eine Unzahl gravierender Probleme mit dem Pamphlet. Es erschien in eindeutiger Absicht kurz vor den Landtagswahlen, um Aiwanger und seine «freien Wähler» zu diskreditieren. Was im Übrigen nicht gelang, sie fuhren einen triumphalen Wahlsieg ein.

Nachdem der Fälscher und Erfinder Relotius nicht weniger als 19 deutsche Journalistenpreise eingeheimst hatte, schlug sogar der damalige «Stern»-Chefredaktor ein Moratorium vor, also eine Pause in der Preisverleihung. Aber doch nicht in der selbstverliebten Medienbranche.

Nun also dieser Preis für ein Machwerk, das alles Abschreckende beinhaltet, was den modernen Journalismus schwer erträglich macht. Er wurde moralinsauer mit vorgefasster Meinung und unverhohlener Absicht der Denunziation zwecks Demontage geschrieben. Er stützte sich ausschliesslich auf anonyme Quellen. Er enthielt keinen einzigen stichhaltigen Beleg für diese Behauptung. Dass sich Aiwangers Bruder als Autor des damaligen widerlichen Flugblatts zu erkennen gab, interessierte die SZ nicht.

Wenn man den Preis nach Demagogie-Gehalt verleihen würde, machte der erste Platz Sinn. Der wegzuschreibende Politiker wird so dargestellt: «Hubert Aiwanger reißt das Mikro aus der Halterung, wie ein Rockstar. Er krempelt die Ärmel hoch, wie ein Metzger, der gleich die Sau zerlegt. Er wird schwitzen, eine Stunde lang, wie ein Heizungsbauer, der natürlich keine Wärmepumpe installiert, sondern den neuen Ölkessel.»

Die Recherche: «Es gibt aber nicht wenige, die reden. Man kann das nicht alles wiedergeben, nicht alles überprüfen, jeder hat seine eigenen Erinnerungen. Und aus all den Erinnerungen ergibt sich ein Bild, das Hubert Aiwanger als einen jungen Mann zeigt, der mindestens eine Faszination haben soll für Hitler, für das „Dritte Reich“.»

Die Absicht: «Aber jetzt, kann Söder einfach so weitermachen? Mit einem Vize, den frühere Schüler und Lehrer als Nazi-Bewunderer beschreiben».

Der Konjunktiv-Journalismus: «Diese Zeilen in dem Flugblatt, zynisch, menschenverachtend, man hat so was noch nicht gelesen von einem Regierungsmitglied in Bayern, in der Bundesrepublik. Es wäre ungeheuerlich

Knapp 21’000 Anschläge üble Laune, Hetze, Hass und böse Absicht. Das soll preiswürdig sein?

Die SZ räumte zwar im Nachhinein ein paar kleine Fehler und einen falschen Zeitpunkt der Veröffentlichung ein. Aber der SZ-Chefredaktor entblödete sich nicht, folgenden tödlichen Satz zu äussern: «Auf die Urheberschaft kommt es nicht mehr an, der Rest ist schon schrecklich genug.» Mit anderen Worten: unsere Verleumdung hat doch recht getan, selbst wenn sie falsch ist. Das ist das Ende von seriösem Journalismus.

Dazu passt die Plagiatsaffäre im eigenen Haus, inklusive mehr als peinlicher Spionage der Chefredaktion der SZ gegen die eigenen Mitarbeiter. Dennoch jubiliert der «Stern» über seine Glanztat in seinen eigenen Spalten. Beim – natürlich rein vegetarischen – Festessen («welch ein Abend!») lässt sich der «Stern»-Chefredaktor gleich dreimal fotografisch verewigen. Da hatte es dann für Fotos der Preisträger in dieser Bildstrecke keinen Platz mehr.

Der deutsche Blogger Stefan NiggemeierÜbermedien») fragte beim «Stern» nach, welche Begründung es denn seitens der Jury für diese Preisverleihung gebe. Antwort: keine Antwort.

Aber etwas Gutes hat diese peinliche Affäre. In ihr ist wirklich alles drin, was die Konsumenten moderner Medien scharenweise in die Flucht treibt. Eine unreflektierte, beratungs- und lernresistente Journaille feiert trotzig sich selbst und ihren Gesinnungsjournalismus. Wenn der in einem Paralleluniversum stattfindet, belegfrei denunziert und nur unter Zwang kleine Fehler einräumt, dann ist das für diese Verblendeten Ausdruck edler Beharrlichkeit.

Damit bedient man vielleicht die eigene Blase. Da die aber immer kleiner wird – trotz ständigen Anstrengungen –, geht die Auflage in den Keller, mitsamt der Bedeutung. Eigentlich ist es gut, dass der Preis nicht mehr den Namen Henri Nannens trägt. Denn das hätte der Mann wirklich nicht verdient.

Der«Stern» kann Boulevard

Auf und nieder, immer wieder. So macht man das.

1995 hatte der «Stern» noch eine verkaufte Auflage von 1,25 Millionen Exemplaren. 2008 fiel er erstmals unter die Millionenschwelle mit 961’000 im Schnitt. 2019 waren es noch 462’000. Und 2022 dümpelte er bei 336’000 vor sich hin. Noch ein Viertel des damaligen Absatzes. Das ist dramatisch.

Also versucht der «Stern» alles, um den unaufhaltsamen Abstieg zu bremsen. Dafür ist ihm alles recht, auch die klassische Boulevard-Nummer: Hochschreiben, bejubeln, dann beim Niedergang begleiten. Exemplarisch hat er das beim grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck durchexerziert.

Noch nicht allzu lange her, dass sich der «Stern» dem so an die Brust schmiss:

Ein Bild von einem Mann. Vor lichtem Hintergrund aufgenommen, gerunzelte Denkerstirne, aber dennoch ein klarer Blick in die Zukunft. Dreitagebart, Wuschelfrisur, leicht rabaukige Motorradjacke, das ist kein grauer Politiker, das ist ein Star, ein Mann, aber nachdenklich, ein Leader, aber volksnah. Und dann die Ranschmeisse im Titel «unser» nächster Kanzler. Der Kanzler für jedermann, für den «Stern». Entsprechend auch der schleimige Text im Blatt.

Aber eben, darüber haben sich schon Legionen von A bis C Promis beschwert. Zuerst wird man gehypt, hinaufgeschrieben, in den Olymp gehoben, herrscht Kammerdienerperspektive von unten nach oben, wird angehimmelt, jeder Furz vergoldet. Aber dann, dann geht es abwärts. Die schlimmste Strafe für den Promi ist, dass er schlichtweg nicht mehr existiert. Er kann sich noch so um Aufmerksamkeit bemühen, anrufen, Privates offerieren, Exklusives, oder so peinliche Stunts machen wie Rigozzi, vielleicht noch am Dschungelcamp teilnehmen, aber das war’s dann auch.

Oder aber, der Promi gibt noch genügend her, dass man ihn auf dem Weg nach unten begleitet. So wie im Fall Habeck. Denn der «Stern» ist immer noch in erster Linie ein Bilderblatt mit zugeschalteter Textredaktion:

Das ist eigentlich die typische Heftmischung. Sex, Politik, Landschaft, Zukunft und eine verblühte Schauspielerin. Aber richtig wumms, vielleicht gar ein Doppelwumms, gibt’s auf dem Cover:

Das könnte nun jedes Demagogie-Handbuch zieren. Aus dem Dreitagebart ist unrasiert geworden. Statt optimistisch-verkniffen in eine ferne Zukunft, schauen die aufgerissenen Augen den Leser direkt an. Spielte zuvor ein angedeutetes Lächeln um die Lippen, sind sie nun zusammengepresst, die Mundwinkel leicht nach unten geneigt. Statt Rabaukenjacke ein dunkles Hemd. Damit es noch bedrohliche Stimmung gibt, ist die Lichtführung gedämpft, rechts ist das Gesicht verschattet. Als ob das noch nicht genug wäre, im Hintergrund tobt das Volk, lärmen Plakate und Schlagzeilen. Aber noch einen drauf, «Haben Sie Angst vor einem Attentat, Herr Habeck?», barmt der «Stern» den Mann an, der mal «unser nächster Kanzler» hätte sein können und sollen.

Das letzte Mal griff der «Stern» bei einer von ihm sehr ungeliebten Politikerin so in die Trickkiste:

«Der «Stern» wird hemmungslos und haltlos», kommentierte damals ZACKBUM. Gelbliches Antlitz, leicht von unten fotografiert, bedrohlich übergross, dazu «Hass» in Frakturschrift, wie man sie allgemein mit dem letzten Jahrhundert und den Nazis assoziiert.

Ganz so weit ist der «Stern» bei Habeck noch nicht, die Gesichtsfarbe ist gesund. Aber auch der Minister ist leicht von unten fotografiert, die Augen im oberen Drittel des Covers, das gibt jedem Gesicht etwas leicht Bedrohliches. Dann noch in knalligen Lettern «Angst», et voilà.

Der Scherz für Insider war bei Weidel allerdings, dass der «Stern» schon mal grosse Probleme mit einer Frakturschrift hatte. Nämlich als er die Hitler-Tagebücher entdeckt haben wollte und nicht merkte, dass dem Fälscher dummerweise die Klebebuchstaben ausgegangen waren und er statt A.H. auf ein Tagebuch F. H. klebte, also Fritz Hitler statt Adolf.

Soweit ist es bei Habeck noch nicht. Aber Weidels Gesicht und Hass, Habecks Gesicht und Angst, das ist bester, übelster Boulevard.

Darf man das?

Der «Stern» wird hemmungslos und haltlos.

Es ist Ausdruck der deutschen Gemütslage, dass sich der «Stern»-Chefredaktor (wie heisst der schon wieder, und muss man sich seinen Namen merken) im Editorial darüber verbreitern muss, dass man es gewagt habe, die AfD-Politikerin Alice Weidel zu interviewen – statt sie einfach zu ignorieren.

Nicht nur das, wenn schon, denn schon. Die Dame kommt aufs Cover. Unvorteilhaft fotografiert, aber immerhin. Der Hintergrund ist ein stählernes Grüngrau, vor dem eigentlich jeder Mensch unsympathisch wirkt. Indem der Kopf leicht nach oben aus dem Bild ragt, während Hals, Hemd und Schultern dadurch verstärkt werden, bekommt die Frau zudem etwas Herrisch-Arrogantes. Indem die Augen weit oben stehen, wohl ein leichtes Weitwinkel zum Einsatz kam, wirkt das Gesicht zudem unproportioniert. Bild-Demagogie vom Feinsten.

Aber das reicht natürlich nicht. Dazu muss noch eine provokative Frage: «Was können Sie eigentlich ausser Hass, Frau Weidel?» Aber damit noch nicht genug. Das Wort Hass ist in Fraktur gesetzt. Nun hat man eine Schrift gewählt, in der das H eher nach Kleinbuchstaben aussieht. Wohl eine Walfra-Variante.

Mit dem Fraktur-H hat der «Stern» allerdings so seine Probleme:

Das war der grösste Flop aller Zeiten, sozusagen der Gröfaz des «Stern». Damals gab es vor allem ein Problem mit dem Buchstaben vornedran. Denn das H könnte tatsächlich für Hitler stehen, aber das F? Für Fritzli Hitler? Der Fälscher hatte gerade kein Fraktur-A zur Hand …

Aber wie auch immer, was will uns der «Stern» damit sagen, das Wort «Hass» in Fraktur zu setzen? Er will damit wohl eine Assoziationslinie zum Nationalsozialismus schaffen, der Fraktur verwendete. Allerdings nur eine Zeitlang, anschliessend wurde sie ersetzt und die Schwabacher beispielsweise als «Judenschrift» beschimpft. Also alles etwas komplizierter, als es der einfältige «Stern» weiss.

Aber immerhin, im Gegensatz zum «SonntagsBlick» ist es dem «Stern» gelungen, ein Interview im gegenseitigen Einverständnis über die Ziellinie zu schaukeln.

Damit kein Zweifel an der Position des Blatts bleibt, kann es noch diesen Herrn bieten:

Der darf hier sülzen: «Ich genieße die Meinungs-, Presse- und Kulturfreiheit. Sie auch? Meine Augen glänzen, und ich empfinde Glück, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Sie auch

Über den ehemaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland hatte der gleiche «Stern» 2003 unter dem Titel «Kokain und Prostituierte: Der Fall Friedman» berichtet. Es war herausgekommen, dass der Medienstar Koks konsumiert und sich mit ukrainischen Prostituierten in Hotels verlustiert hatte. Da war ihm die Würde des Menschen – die Frauen wurden von einem osteuropäischen Zuhälterring ihren Kunden zugeführt – herzlich egal. Und seine Augen glänzten damals eher im Drogenrausch.

Das alles ist doch recht unappetitlich vom «Stern». Vielleicht hilft zur Einordnung eine Entwicklung. 1995 betrug die verkaufte Auflage des «Stern» 1’250’000 Exemplare. 2008 war sie auf 960’000 abgesackt. 2015 fiel sie unter 750’000. Im Jahre 2019 waren es noch 462’000. Und im letzten Jahr betrug sie noch 336’000.

Einen vergleichbaren Sinkflug hat in der Schweiz eigentlich nur der «SonntagsBlick» hingelegt. Verkaufte er 2008 noch 261’000 Exemplare, waren es zehn Jahre später noch 148’000. Inzwischen dümpelt er um die 100’000 herum.

Es wäre interessant, den Parallelen in diesen Niedergängen nachzuspüren. Zunehmender Analphabetismus ist daran sicherlich nicht schuld …

 

Ist der «Spiegel» die neue «Bunte»?

Als die «Bunte» People-Magazin wurde, war das noch originell.

Ein merkwürdiger Name muss nicht bedeuten, dass das Blatt erfolglos sei. Die «Bunte Illustrierte» (aus Zeiten, als bunt Gedrucktes noch wow war) ist nach wie vor eines der erfolgreichsten Magazine Deutschlands. Trotz Auflagenrückgang um über 50 Prozent seit 1998 verkauft die «Bunte» immer noch über 320’000 Exemplare.

Ihre Stärke ist Klatsch und Tratsch, aber auf durchaus höherem Niveau. Mit «Bunte» und «Focus», an dessen Erfolg zunächst niemand glaubte, ist dem Burda-Verlag ein erfolgreiches Duo gelungen, das jahrelang vom Ehepaar Markwort/Riekel geführt wurde.

Eine echte Konkurrenz für «Stern» und «Spiegel», die beiden Bertelsmann-Blätter. Der «Stern» verkauft noch 314’000 Exemplare, ein Minus von 71,4 Prozent seit 1998. Der «Spiegel» hält sich vergleichsweise gut mit etwas über 700’000 verkauften Exemplaren, ein Rückgang von lediglich 33,5 Prozent seit 1998.

Während aber «Bunte» und «Focus» von den ganz grossen Skandalen verschont blieben, machte sich der «Stern» mit den «Hitler-Tagebüchern» im Jahr 1983 unsterblich lächerlich. Hinter dem Rücken der Redaktion war die Chefetage auf eher billige Fälschungen eines Konrad Kujau reingefallen. So hatte der bei einem Tagebuch gerade kein A in Frakturschrift zur Hand und ersetzte es kurzerhand durch ein F.

Wer den Schaden hat, brauchte für den Spott nicht zu sorgen, zum Beispiel für die Frage, ob das nicht die Tagebücher von Fritzli Hitler seien.

Der «Spiegel» hat sich bis heute nicht vom Fall Relotius erholt. Der mit Preisen überschüttete Star-Schreiber, dem ein Scoop nach dem anderen gelungen sein sollte, der Reportagen möglich machte, an denen andere scheiterten, musste schliesslich einräumen, dass er das Meiste erfunden, gefälscht, geflunkert, geschönt hatte. Weil er aber das Narrativ der Redaktion bediente, die sich immer mehr darauf verlegte, Thesen-Journalismus zu betreiben, die sogar im Grössenwahn ernsthaft ankündigte, Donald Trump »wegschreiben» zu wollen, kam er lange Zeit damit durch.

Edelfeder Ullrich Fichtner musste seine ganze Schreibkraft aufwenden, um diesen Skandal schönzuschreiben, der ihn die schon auf sicher geglaubte Stelle des Chefredaktors kostete. Wie an einem Mantra klammerte sich der «Spiegel» an der Aussage seines Gründers Rudolf Augstein fest, «schreiben, was ist».

Dabei ist das sowieso nicht möglich, weil Beschreiben immer eine der möglichen Perspektiven auf die Wirklichkeit eröffnet. Beim «Spiegel» wurde das immer mehr zu «schreiben, was sein soll», oder gar «herbeischreiben, wie es sein sollte». Die Wahl Trumps war für den «Spiegel» schlichtweg «Das Ende der Welt», nur notdürftig abfedert mit der Unterzeile «wie wir sie kennen». Der «Spiegel» kannte sich dann selbst nicht mehr, und seither eiert er in einer Art herum, die beelendet.

Noch schlimmer ist aber, dass sich der «Spiegel» in die Gefilde des Boulevards, des Promi-Schnickschnacks begibt. Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Serie undenkbar gewesen. Der «Spiegel» denunzierte den deutschen Comedian Luke Mockridge als mutmasslichen Vergewaltiger. Die Story basierte lediglich auf den Aussagen dessen geschiedener Frau. Der Komiker überlebte diesen Rufmord nur knapp, der «Spiegel» wurde gerichtlich gezwungen, grosse Teile seiner Behauptungen zurückzunehmen.

Es folgte eine «Enthüllung» über den «Bild»-Chef Julian Reichelt. Dem schloss sich eine Breitseite gegen Mathias Döpfner an, den Chef des Springer-Verlags. Der auf billigen Medienhype angelegte «Enthüllungsroman» des PR-Genies Benjamin Stuckrad-Barre war dem «Spiegel» eine Titelstory wert.

Dann gab das Nachrichtenmagazin seiner Ex-Mitarbeiterin Anushka Roshani ungeprüft die Möglichkeit, einen Rufmord zu begehen, ihren ehemaligen «Magazin»-Chef als üblen Mobber und sexistischen Quälgeist zu beschimpfen, sich über mangelhaften Schutz des Tamedia-Verlags zu beschweren. Die Rache einer Frau, die es selbst mit Mobbing und Denunziationen nicht geschafft hatte, ihren Chef vom Sessel zu lupfen, den sie selbst gerne erklettert hätte. Stattdessen wurde sie gefeuert, der «Spiegel» war nicht in der Lage, dieses offenkundige Motiv für eine Abrechnung zu durchschauen.

Diverse Prozesse laufen. Aktuell ist der deutsche Schauspieler Til Schweiger dran; wie immer gespeist aus anonymen Quellen wird ihm ein gröberes Alkoholproblem vorgeworfen. Und bereits wird ein Drei-Sterne-Koch auf die Rampe geschoben, der sich in seiner Küche ungebührlich benommen haben soll.

Das alles bedient das Narrativ von toxischer Männlichkeit, von Frauendiskriminierung im Nachhall der «#me too»-Bewegung, deren erste Exponentin später selbst sexueller Übergriffe beschuldigt wurde.

Nicht nur ältere «Spiegel»-Mitarbeiter sind sich einig: das wäre in früheren Zeiten, unter dem letzten beeindruckenden Chefredaktor Stefan Aust nicht möglich gewesen. Inzwischen gilt:

Wenn Würstchen an die Macht kommen, wird der Senf rationiert.

Statt beeindruckender Enthüllungen wie früher, Stichwort Neue Heimat, Stichwort Parteispenden, folgt nun eine billige Fertigmacher-Story ad personam nach der anderen. Aus Schweizer Sicht ist der Fall Roshani besonders peinlich. Denn spätestens seit dem akkurat recherchierten Buch von Roger Schawinski ist klar, was auch ZACKBUM als eines der ganz wenigen Organe schon von Anfang an kritisierte: Canonica ist hier nicht der Täter, sondern das Opfer, und die Medien machten sich allesamt zu willigen Helfershelfern einer Frau auf dem Rachetrip. Sie übernahmen ungeprüft ihre Behauptungen, schmückten sie sogar mit weiteren, erfundenen anonymen Aussagen aus, schwiegen dann verkniffen, als sich immer mehr offenkundige Widersprüchlichkeiten und gar grobe Erfindungen herausstellten.

Besonders peinlich dabei das Verhalten der «Magazin»-Redaktion, eine Versammlung von Gutmenschen, darunter der Lebensgefährte der Kampffeministin Franziska Schutzbach, die jahrelang mit höchster Sensibilität Missbrauch und alles, was gegen Gutmenschentum verstiess, aufs schärfste verurteilten. Aber in eigener Sache Zeugnis abzulegen, Zivilcourage zu beweisen, dazu Stellung zu nehmen, dass sie von Roshani als Zeugen für angeblich öffentliche Ausfälligkeiten von Canonica aufgeführt wurden – da verordneten sie sich feiges Schweigen, tiefer als die Omertà der Mafia.

Aber all das wird unterboten vom Niedergang des «Spiegel», der nicht einmal mehr schreibt, was sein soll. Sondern sogar, was gar nicht ist.