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Brandmauer im Kopf

Eine legale Partei fährt einen Erdrutschsieg ein. Es folgt Japsen und Zetern.

«Gesichert rechtsextremistisch, Bedrohung demokratischer Institutionen, Angriff auf unabhängige Medien, ausländer- und emigrationsfeindliche Politik, Ausgrenzung und Rassismus, EU- und Eurofeindlichkeit, mangelnde Regierungsfähigkeit, radikales Personal, Spaltung der Gesellschaft …»

Die Aufreihung von Verbalinjurien liesse sich beliebig fortsetzen.

Fakt ist, dass bei sensationeller Wahlbeteiligung die AfD im Winzbundesland Sachsen-Anhalt die Wahlen gewonnen hat. Mit 43,8 Prozent, eine Steigerung um 23 Prozent. Während die CDU mit minus 19,9 Prozent mehr als halbiert wurde, die SPD immerhin die Fünf-Prozent-Hürde locker übersprang und die FDP wohl endgültig im Orkus verschwindet.

576’000 Stimmen bekam die AfD, 100’000 mehr als CDU, SPD und Grüne zusammen. Die ehemalige Regierungspartei FDP bekam noch ganze 34’000 Stimmen oder 2,58 Prozent.

Bei einem solchen Resultat wäre eigentlich klar: Regierungsauftrag für die AfD, während die CDU auf den Weg der SPD einbiegt, die sich von einer Volkspartei zu einer Kleinpartei verzwergt.

Nun fehlen der AfD drei Stimmen zur absoluten Mehrheit im Parlament, was eigentlich auch kein Hindernis sein sollte, bei diesem glasklaren Wählerauftrag.

Stattdessen keift der «Spiegel»: «Neonazi-Gastgeber, Urkundenfälscher, Stasi-Offizier. Unter den 39 künftigen AfD-Abgeordneten im Magdeburger Landtag sind einige Männer mit bedenklichem Hintergrund – darunter zwei, die einem verbotenen Neonazi-Verein nahestehen sollen.»

Aber natürlich werden auch die Wähler beschimpft: «Sie haben richtig was kaputt gemacht», hält ihnen Christian Bangel in der «Zeit» vor, sie seien Menschen in ihrer Umgebung gar «mit Anlauf in den Rücken gesprungen». Dabei meint der unbeteiligte Zuschauer, dass hier einfach gewählt wurde. Demokratisch und legal.

Die «Süddeutsche Zeitung» keift: «Die deutsche Demokratie ist von rechts außen herausgefordert wie niemals seit 1949.» Laut der «Tagesschau» der ARD hätten die Wähler für einen Kandidaten gestimmt, «der keine Antworten auf kritische Fragen hat. Außer ein Lächeln, das manchmal ins Auslachen kippt». Der «Deutschlandfunk» warnt gar AfD-Gegner vor «Rachefantasien von Teilen der AfD-Anhängerschaft».

Selbst die «New York Times» verliert die Contenance und befürchtet, «dass die extreme Rechte zum ersten Mal seit dem Ende der Nazizeit in einem Teil des Landes die Macht übernehmen könnte».

Stefan Reinhart von SRF behauptet gar, dass viele Positionen der extremen Rechten gesetzeswidrig seien, «doch das ist vielen AfD-Wählern egal». Judith Wittwer sekundiert: „Die AfD verspricht ein Deutschland, das es nie gab“.

Natürlich verrutschen der «Republik» sämtliche Begriffe: «Kommt es zur AfD-Machtergereifung?» Dass eine demokratische Partei mit 43,8 Prozent aller Stimmen einen klaren Wählerauftrag zur Regierungsbildung hat, denaturiert in diesem Demagogie-Blättchen zur möglichen, historisch vorbelasteten «Machtergreifung». Zum Fremdschämen.

Maximilian Steinbeis will gar «unverhohlenen Ankündigungen von Deportation, Entrechtung und Gewalt» hören.

Bloss der «Blick» mahnt zur Vernunft; Chefredaktor Rolf Cavalli schreibt:

«Dämonisieren ist kontraproduktiv».

Als wollten viele Massenmedien alle Vorurteile über Lücken- und Lügenpresse bestätigen, wird ganz allgemein verneint, dass ein Wahlsieger das Recht habe, im Wählerauftrag zu regieren.

Das darf offenbar nur dann der Fall sein, wenn es sich um eine Partei handelt, die die Sympathien dieser Schmierfinken geniesst.

Dass sie mit genau dieser Berichterstattung einen hübschen Beitrag zum Erstarken der AfD geleistet haben, ist ihnen in ihrer Raserei nicht mal bewusst.

Hätte man keine «Brandmauer» errichtet, sondern spätestens, nachdem die AfD die Zehn-Prozent-Hürde übersprang, ihr Regierungsbeteiligung angeboten, dann wäre sie höchstwahrscheinlich genauso wie die anderen Parteien auch an der Bewältigung der komplizierten Situation in Deutschland gescheitert und hätte ihren Nimbus als «wir machen dann alles anders und besser» verloren.

Aber um zu dieser banalen Erkenntnis zu gelangen, dafür braucht es einen Restbestand von Hirnzellen.

Was alles wegkann

Die spanische Exklave Ceuta bei Marokko wird überrannt, Melilla belagert.

Selbst die linke taz titelt am Freitag: «Über 40.000 sollen Grenze nach Spanien überwunden haben». Andere Organe verwenden Zahlen von bis zu 80’000 Menschen, die nach Ceuta eingedrungen sind. Allein an einem Tag sollen es laut CNN 50’000 gewesen sein.

Es soll bereits mehrere Dutzend Tote gegeben haben; normalerweise hat Ceuta rund 85’000 legale Einwohner. Die Lage scheint weitgehend ausser Kontrolle, die lokale Regierung schimpft auf die Zentralregierung in Madrid, Chaos herrscht. EU-Staaten überlegen sich, aus Schengen auszutreten, weil all das dysfunktional ist.

114 Treffer erzielt man in der Mediendatenbank SMD, wenn man am Freitag nach Ceuta sucht. Es ist in vielen Medien das Thema des Tages. Mit zwei Ausnahmen.

SRF vermeldet zunächst «Hunderte Migranten schwimmen nach Ceuta»  steigert sich dann zu «Zehntausende Migranten». Und nimmt seinen Bildungsauftrag endlich mal ernst: «Ceuta und Melilla: Spanische Exklaven aus der Phönizierzeit».

Der «Tages-Anzeiger» gibt in einem etwas aufgebrezelten New-Ticker einen «ungewöhnlichen Andrang» bekannt, gefolgt von Entwarnung, «aber viele kehrten auch zurück. Die Lage habe sich etwas entspannt, hiess es».

Selbst «20 Minuten» aus dem gleichen Haus widmet diesem krachenden Versagen der Kontrolle der EU-Aussengrenzen eine ganze Artikelsalve.

Aber bei Tamedia ist am Freitag vor dem 1. August wahrscheinlich das C-Team am Gerät. Das arbeitet sich lieber weiterhin an Infantino ab, wo sich Sport-Redaktor Thomas Schifferle in einen wahren Blutrausch schreibt:

«Infantino ist gescheitert – der Fussball möge endlich von ihm erlöst werden. Der 56-jährige Walliser ist einfach untragbar. Sein Gebaren als Sonnenkönig und seine Nähe zu Trump sind für den Fussball zu gefährlich geworden.»

Der Mann scheint fast noch gefährlicher als die Hitzewelle zu sein, die aber auch eine eigene Rubrik «Hitzewelle in der Schweiz» gefunden hat. Aber gemach, Bund, Kantone, Städte und Gemeinden haben extra Webseiten aufgeschaltet, die gute Ratschläge geben, ohne die die Schweizer Bevölkerung wahrscheinlich nicht überleben würde. Pierre Morat macht sich darüber auf «Inside Paradeplatz» köstlich lustig.

Dann ist im Tagi auch noch «Abdul B.» ein Thema. Aber nicht etwa die gesamte islamistische Gefahr, sondern er als Einzelperson, über die der Leiter eines «Deradikalisierungsprogramms» weiss, dass er «zu spät» dazugestossen sei. What a bullshit, würde da nicht nur Präsident Trump sagen.

Ach, und der 1. August im Tagi? Ein bunter Strauss guter Nachrichten: «Nun darf in keiner Gemeinde mehr offenes Feuer entfacht werden», «Kantonspolizei greift durch: Feuerwerksverbot für alle Zürichseegemeinden». Weiteres Gemecker: «Bundesräte fliegen am 1. August quer durchs Land – Beamte müssen sogar nach Brüssel den Zug nehmen». ZACKBUM findet auch, dass selbst Bundesräte innerhalb der Schweiz das Lastenvelo benützen sollten, unseretwegen als Passagier.

Dafür: «Der Cervelat kann mehr als Feuer und Senf – drei Gourmetköche beweisen es».

Die Rezepte sind entweder erschreckend banal («2 Cerevlats, geschält, in kleine Würfel geschnitten, Gruyère, Essiggurken, Tomaten») oder absurd geschwurbelt («Panierte Cervelatroulade mit Kartoffelnage und pikanten Aprikosen») oder gesucht exotisch («Bangkok-Style-Cervelat. Zutaten für den Tom-Kha-Gai-Schaum»). Wie meint ein Kommentator verständlich: «Bei diesen gekünstelten Gerichten wird mir übel.» Natürlich meckert der grün-vegane Leser: «Rezepte mit Fleisch als würden wir nicht in einer existenzbedrohenden Klimakrise stecken.» Dass wir auch in einer Kommakrise stecken, geschenkt.

Wie heisst es so schön: berichten, gewichten, einordnen. Die Nachrichtenlage am Freitag, gemäss dem C-Team bei Tamedia, nach ihrer Wichtigkeit:

  1. Infantino, der muss weg.
  2. Die Hitzewelle, die muss auch weg.
  3. Offenes Feuer und Feuerwerk, muss weg.
  4. Fliegende Bundesräte – müssen auch weg.
  5. Zu spät deradikalisieren, das muss  weg.
  6. Cervelats, müssen weg vom Spiess.

Was in der Auflistung fehlt: Tamedia, kann auch weg.

 

Schweizheute. Hä?

Ein neues Newsportal. Schaut jemand hin?

Zur Feier des 1. August (ohne Feuerwerk, schnief) eine erste Analyse des neuen Portals schweizheute.ch. Es wurde vor zwei Monaten von CH Media aus der Taufe gehoben und verzeichnet bereits hohen Zuspruch.

Oder auch nicht. Denn es sind keinerlei Zahlen über Nutzer oder Besucher vorhanden. CH Media, WEMF, Mediapuls, Similarweb, Semrush? Nix, keine Angaben.

Es ist eine typische Schreibtischidee von Managern, denen bis heute zur sinnvollen Nutzung des Internets oder zum Ausschalten des Mittelsmanns bei Inseraten nichts einfällt.

Bündelung der Arbeit von 350 Journalisten aus dem verzweigten Redaktionsnetzwerk der 18 CH-Media-Tageszeitungen. Von der Aargauer Zeitung bis zum Zofinger Tagblatt, von der Appenzeller Zeitung bis Urner und Zuger Zeitung. Alle Inhalte zweitverwertet.

Grosses Gedöns, wie immer: «Zudem investierte CH Media gezielt in die Redaktion. In den vergangenen Monaten wurde die Inlandredaktion neu aufgestellt: Lea Hartmann und Michael Graber übernehmen gemeinsam die Leitung. Anna Wanner und Doris Kleck fokussieren sich auf neue publizistische Aufgaben. Mit Fabian Schäfer von der «NZZ» und Céline Zahno vom «Blick» wurde die Redaktion zusätzlich verstärkt.» Zwei Nasen geholt, Wahnsinn.

Wobei Schäfer grummelnd abging, weil er mit der dann nicht erfolgten Anstellung von Dominik Feusi nicht einverstanden war. Und Zahno ist ein 25-jähriger Jungspund mit einem Jahr Erfahrung beim «Blick».

Es ist zudem nicht so, dass dieser Markt jungfräulich und der Eroberung harrend wäre. Da hätten wir SRF News, Blick, Tamedia, NZZ, «20 Minuten», blue news oder sogar «watson» aus dem gleichen Haus, aber nicht Teilnehmer an schweizheute.

Die Zahl der monatlichen Unique User aller CH-Newsportale zusammen wird nicht veröffentlicht. Es ist nach wie vor ein Dschungel im Online-Angebot.

Was soll nun schweizheute bieten, was ein Besuch der bisherigen Online-Portale von CH Media nicht böte? Es soll sich auf übergeordnete Themen wie Schweizer Politik, Wirtschaft, Ausland, Kultur und Sport konzentrieren, dazu natürlich «Hintergrundberichte und Analysen» sowie «ausgewählte regionale Geschichten».

Ein erster Blick aufs Angebot zeigt: Aufgewärmtes und Rezykliertes ist die Devise. Das ist auch kein Wunder, denn es gibt keine eigenständige Redaktion, sondern nur Abfüllgehilfen, die aus dem vorhandenen Angebot schöpfen. Das bei übergeordneten Themen sowieso schon von einer Zentralredaktion in Aarau stammt, die die gleiche Sauce in alle 18 Blätter giessen, die das dann noch mit ein paar lokalen Themen anreichern.

Auch dieses Angebot dürfte nicht allzu viel begeisterte Nachfrage finden:

Was interessiert den Leser der «Aargauer Zeitung», was die «Thurgauer Zeitung» Regionales bietet? Oder umgekehrt? Ernüchternde Ansage: null, nichts, nada.

Wie unausgegoren die Idee ist, zeigt noch ein weiterer Fakt. CH Media hat sich in den letzten Jahren 11 Radiosender und 7 TV-Stationen zusammengekauft und ist damit nach SRF unbestritten der grösste Anbieter. Statt einfach das Print- oder vorhandene Zeitung-Onlineangebot nochmals auf einer neuen Plattform zu bündeln, wäre es höchstens sinnvoll, das mit den elektronischen Medien zu verschmelzen.

Wie altmodisch das Denken der Manager ist, zeigt sich auch in der Werbestrategie. Traffic is king im Web, und wie schaufelt man Traffic auf eine völlig neue Seite, damit sie möglichst schnell eine kritische Masse erreicht, die sie für Werbung attraktiv macht? CH Media setzt hier auf die bestehenden Leser der Regionaltitel, interne Verlinkungen und als modernstes der Gefühle auf Push-Mitteilungen der App.

Social-Media-Strategie, wo man wenn schon junge Leser abholen könnte? Was ist das, wäre die Antwort der Manager aus dem Wanner-Clan.

Die zentrale Frage bei einem neuen Produkt ist immer: was ist die USP, was macht es einzigartig, was unterscheidet es von der existierenden und etablierten Konkurrenz, was ist sein Mehrwert, was löst «muss haben» aus.

Da lautet bislang die einzige Antwort von schweizheute: neu. Damit sieht man schnell einmal alt aus.

 

Wumms: Andreas Tobler

Wann wird der Mann endlich entlassen?

Die Liste seiner Entgleisungen ist lang und länger. Liebedienerische Interviews mit ihm genehmen Typen wie Lukas Bärfuss, Luisa Neubauer oder Michel Friedman. Unverschämte Forderungen wie «Die Rammstein-Konzerte sollten abgesagt werden». Unschuldsvermutung statt Vorverurteilung? Doch nicht mit Scharfrichter und Rechthaber Tobler.

«Tötet Roger Köppel! Köppel Roger tötet!» ist für Tobler bloss eine «Künstleraktion». Widerlich.

Nun kommentiert er auch noch die Affäre Fischer. Und hat wie eigentlich immer eine Meinung, aber keine Ahnung:

Für die schreibende Schmachtlocke der «Republik» scheiterte Daniel Jositsch an sich selbst. Tobler sieht das bei Fischer genau so. Gleich am Anfang seiner «Meinung» stellt er klar, wo er steht: «Zu Beginn dieser Woche hat Patrick Fischer nochmals versucht, sich als Medienopfer darzustellen».

Dann zitiert Tobler Fischers Kernaussage: «Entweder wurde hier vorsätzlich gelogen oder mir fahrlässig unrecht getan.» Um ihn dann in die Pfanne zu hauen: «Beides stimmt nicht. Fischer wurde weder betrogen, noch widerfuhr ihm Unrecht.» Nun dürfen wir einer der merkwürdigsten Verrenkungen und Verdrehungen der jüngeren Mediengeschichte beiwohnen.

Das Trauerspiel hat drei Akte. Dass der SRF-Journalist Pascal Schmitz sich in seiner E-Mail ausdrücklich darauf bezieht, dass das Gespräch off the record war und dass er das sehr ernst nehme, zitiert Tobler nicht. Akt eins. Das ist unredlich.

Dafür zitiert Tobler, dass Schmitz schwiemelt, dass er es aber als «seine Verpflichtung» sehe, «Informationen von öffentlichem Interesse «zu prüfen und gegebenenfalls zu veröffentlichen»». Und unverhohlen droht: ««Solltet ihr dazu keine Stellung nehmen, behalten wir uns vor, nach anderen Wegen zu suchen, um unserer journalistischen Pflicht nachzukommen», schreibt Schmitz weiter.» Diese unverhohlene Drohung beschönigt Tobler: «Das mag drohend klingen, war aber ein Akt der journalistischen Fairness: Schmitz spielte mit offenen Karten.» Akt zwei. Das ist absurd.

Der Höhepunkt der Umdeutung: «Insofern hat Schmitz die «Off the record»-Vereinbarung nicht gebrochen.» Wie das? «SRF verlangte bei der Staatsanwaltschaft Luzern Einsicht in Fischers Strafbefehl – und erhielt sie.» Akt drei. Hirnrissig, unlogisch und aschgrau.

Nun ist alles erlaubt in Absurdistan, daher fährt Tobler fort: «Dass es eine solche Vereinbarung gab, scheint nach Publikation des E-Mails ausser Frage zu stehen, da Schmitz von «unserem ‹Off the Record›-Gespräch» schreibt». Moment, es folgt noch das Sahnehäubchen: «Wichtig ist aber nur: Schmitz hat Fischer nicht als Informanten geoutet, sondern die Geschichte über den offiziellen Behördenweg sauber nachrecherchiert

Wir versuchen, das einzuordnen, wie es im heutigen Elendsjournalismus so schön heisst. Tobler gesteht zu, dass es sich einwandfrei um ein off-the-record-Gespräch handelte. Entweder weiss Tobler nicht, was das ist, dann wäre er als Journalist disqualifiziert. Oder er weiss es, hält es aber für legitim, dass sich sein Kollege Schmitz darüber hinwegsetzt. Dann wäre er als Journalist ebenfalls disqualifiziert.

Was soll der Unsinn, dass Schmitz die Story «sauber nachrecherchiert» habe? Im englischen Rechtsgebrauch gibt es den schönen Ausdruck «fruit of the poisonous tree», die Frucht des vergifteten Baumes. Damit ist gemeint, dass ein rechtswidrig erlangtes Beweismittel nicht verwendet werden darf. Auch die Schweizerische Strafprozessordnung kennt das Beweisverwertungsverbot.

Nun handelt es sich bei einer off-the-record-Vereinbarung nicht um die Anwendung eines Gesetzesartikels. Aber um die Anwendung eines journalistischen Grundsatzes, der zum Fundament des seriösen und professionellen Verhaltens eines Medienschaffenden gehört. Es ist absurd, damit zu argumentieren, dass man zwar nicht aus einem solchen Gespräch zitiert habe und deshalb das Gebot nicht gebrochen. Allerdings habe man die daraus gewonnene Information «sauber nachrecherchiert». Daran ist nichts sauber, das ist ein Drecksspiel. Denn off the record ist nicht zitierbar, nicht verwendbar. Sonst wäre der Begriff ad absurdum geführt.

Was sollte nun Tamedia mit einem Mitarbeiter machen, zudem noch Leiter des Gesellschaftsressorts, also ein Vorgesetzter mit Vorbildfunktion, der solch einen eklatanten Verstoss gegen journalistische Regeln und Ethik nicht nur schönschreibt, sondern auch noch verteidigt?

Nun, es sieht ganz so aus, als ob das in diesem Hause den nächsten Schritt auf der Karriereleiter ermöglicht. Solange es dort überhaupt noch Publikationen gibt. Alle zukünftigen Gesprächspartner mit diesen Journalisten seien gewarnt: vergesst off the record bei denen, darauf zu pfeifen und das zu brechen, ist erlaubt.

Ausgespielt

Die Verteidigungslinie von SRF gegen Patrick Fischer ist zusammengebrochen.

Im Hochmittelalter befassten sich Scholastiker mit Fragen wie: Haben Engel einen Körper? Können mehrere Engel gleichzeitig am selben Ort sein? Das wurde in der spöttischen Frage karikiert: Wie viele Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?

Weltfremde und haarspalterische Debatten, um Absurdes zu erklären und aus Glauben Gewissheit zu machen. Auch aktuell gibt es immer wieder Scholastiker, die Offensichtliches leugnen und stattdessen Fantastisches herbeischwurbeln. So wie im Fall des geschassten Eishockeytrainers Patrick Fischer. Der war bekanntlich vom SRF-Journalisten Pascal Schmitz in die Pfanne gehauen worden. Fischer hatte ihm bei einem Mittagessen erzählt, dass er sich ein Covid-Zertifikat gekauft habe, um an die Winterolympiade 2022 nach Peking reisen zu können.

Nun hat Fischer via PR-Bude ein Gespräch aufzeichnen lassen, in dem er zum ersten Mal seine Sicht der Dinge schildert. «Entweder wurde hier vorsätzlich gelogen oder mir fahrlässig Unrecht getan», ist seine Kernaussage. Dabei geht es darum, ob dieses Gespräch «off the record» war oder nicht. Der Begriff bedeutet, dass eine gemachte Aussage nicht veröffentlicht werden darf. Weder direkt noch indirekt, auch nicht paraphrasiert. Einfach nicht. Und natürlich dürfen daraus auch keine Schlussfolgerungen gezogen werden.

Schon der dabei anwesende Medienchef des Schweizer Eishockeyverbandes hatte klargestellt, dass es eine eindeutige Zusicherung gegeben habe. Schmitz hatte schriftlich festgehalten: «Ich schreibe dir bezüglich unseres Off-the-Record-Gesprächs am Mittagstisch in Altstetten. Mir ist die Bedeutung einer Off-the-Record-Vereinbarung sehr bewusst, und ich nehme dies ernst.»

Daran gäbe es wenig zu deuteln. Eigentlich. Nun haben sich aber bereits die Vorgesetzten von Schmitz in die Schlacht geworfen. Nachrichtenchef Gregor Meier: «Es ist nicht ein vertrauliches Off-the-Record-Gespräch.» TV-Noch-Chefredaktor Tristan Brenn: «Es war kein Off-the-Record-Gespräch

Wie das? Die alten Scholastiker hätten ihre helle Freude an den anschliessenden Turnübungen am sprachlichen Hochreck: Das Mail belege nur eine Reaktion auf die nachträgliche Forderung, das Gespräch als off the record zu behandeln.  Ergo: «eine vorgängige Off-the-Record-Vereinbarung wurde damit nicht bestätigt». Und überhaupt:

«Eine Off-the-Record-Vereinbarung muss vorgängig, explizit und gegenseitig erfolgen – das ist ein anerkannter journalistischer Grundsatz. Das war hier nicht der Fall.»

Das ist formalistischer Quatsch. Schmitz selbst bezeichnet es als «Off-the-record-Gespräch». Daran gibt es nichts zu deuteln. Im Rahmen eines Vertrauensverhältnisses gibt es zudem stillschweigende Regeln, immer gibt es die journalistische Ethik. Immer ist der Journalist als Benützer eines grossen Megaphons namens medialer Öffentlichkeit dazu verpflichtet, mögliche Folgen seines Handelns abzuwägen.

Dass sich Schmitz und SRF bewusst waren, auf welch dünnem Eis sie sich hier bewegen, zeigt auch ihr damaliges Verhalten. Statt diese Aussage von Fischer einfach hinauszutrompeten, besorgte man sich unter fragwürdigem Verweis auf öffentliches Interesse den damaligen Strafbefehl gegen Fischer – und konfrontierte den Verband und ihn damit. Wobei stolz erwähnt wird, dass man sich ja an die Vertraulichkeit des Gesprächs gehalten und kein Wort davon publiziert habe.

Das ist ungefähr so realitätsnah wie die Erkenntnis der Scholastiker, dass zwei Engel nicht gleichzeitig am gleichen Ort sein könnten. Die richtige (oder falsche) Beantwortung dieser Frage ist allerdings völlig unerheblich, weil es Engel gar nicht gibt.

Im Fall von Fischer ist damit eine erfolgreiche Karriere abrupt beendet worden – unter ungnädiger Mithilfe eines überforderten Sportverbandes.

Kurt W. Zimmermann bezeichnet die dafür Verantwortlichen bei SRF als «moralische Schurken», die zu entlassen seien. Die Affäre werde «zum Charaktertest für die TV-Chefs Susanne Wille und Roger Elsner». Zunächst verwendete Zimmi einen noch stärkeren Ausdruck, der dann aber offenbar vom Rechtsanwalt der WeWo gecancelt wurde. Allerdings geistert er weiterhin fröhlich durch die Kommentare zum Artikel, saukomisch.

Bislang wird von SRF Normalität zelebriert und Schmitz durfte sogar wieder auf den Bildschirm zurückkehren.

Auch der inzwischen veröffentlichte vollstände Text der E-Mail von Schmitz ändert daran nichts. Gegen ein klares off the record ein angebliches öffentliches Interesse zu setzen, ist Haarspalterei, unredlich und verlogen.

Die Affäre erinnert stark an den Blattschuss, den Fabian Eberhard vom «SonntagsBlick» dem Bundeshaus-Journalisten Dominik Feusi versetzte. Wegen eines Plagiats aus dem Jahr 2024 wurde aus dessen Wechsel vom «Nebelspalter» zur NZZ nichts. Der Fehltritt war längst bekannt und wurde schon länger herumgeboten – ohne mediale Folgen. Bis Eberhard zugriff und die überforderte Geschäftsleitung der NZZ damit konfrontierte.

Dass Eberhard selber im Glashaus sitzt, hinderte ihn nicht daran, mit Steinen zu schmeissen, nachdem er entsprechend angefüttert worden war.

Wenn der Zweck die Mittel heiligt, kommt es zu solchen Entgleisungen.

Das dröhnende Schweigen der Medien

Multimillionenschaden für die CS, Niederlage für SRF, Israel, Sudan und Trump. Ist da was?

Es bröckelt überall. Die UBS muss über eine halbe Milliarde zahlen, um weitere Altlasten der Credit Suisse wegzuräumen. Die hatte trotz Multimilliardenbusse weiterhin US-Schwarzgelder gebunkert – und wurde dabei neuerlich erwischt.

Zudem stellte sich heraus, dass sie ihr sicherstes Asset, Schweizer Hypotheken, ausgelagert und verpfändet hatte. Um weiterhin horrende Boni für ihre Versager zahlen zu können. Und der Hauptverantwortliche Urs Rohner geniesst sein unverdientes Millionengehalt – so wie alle anderen Versagerräte und CEOs und angeblich für Compliance Zuständige.

Und? Arthur Rutishauser arbeitet sich weiterhin unermüdlich an der CS ab, ansonsten herrscht – immer abgesehen von «Inside Paradeplatz» – betroffenes Schweigen.

Das Schweizer Farbfernsehen SRF musste sich nach einer Falschberichterstattung über einen Unternehmer offiziell entschuldigen, wollte die Veröffentlichung mit einer Schweigevereinbarung verhindern, an die sich der Betroffene aber nicht hält. Zudem hat der Gebührensender mit geballter juristischer Kraft von einigen Anwälten versucht, genau das zu unterbinden. Was dieser Spass den Gebührenzahler gekostet hat, bleibt geheim. Und? Da in den Mainstreammedien niemand so richtig Munition für die Initiative zur Herabsetzung der Gebühren liefern will – tiefes Schweigen.

Die isrealische Regierung begeht fortgesetzt Kriegsverbrechen in Syrien, im Libanon und im Gazastreifen. Selbst die Israelfreunde in den Medien, und von denen gibt es viele, schweigen betroffen. oder drücken sich vor klaren Worten.

Sudan, das grösste Massaker der Menschheit zurzeit? Ach, falsche Hautfarbe, falscher Ort, was soll man dazu auch sagen, wenn in der Ukraine zwei Kinder sterben.

Und dann der Grölaz, der grösste Lümmel aller Zeiten. Macht von sich ein Selfie als Papst, behauptet, dass seine Frau das lustig gefunden hat. Der mächtigste Mann der Welt als Clown, der immer mal wieder einen raushaut. Auch Donald Trump hat noch erschreckend viele Anhänger, die über solche Bodenlosigkeit schweigen.

Es bröckelt überall. Die Schweizer Regierung will aus dem existenziellen Vertragsentwurf über den EU-Deal eine Geheimsache machen, gibt nur Ausgewählten Einblick in das 1800 Seiten umfassende Werk. Will das Ständemehr ausschalten, weil zu Recht befürchtet wird, dass es die Chancen einer Ablehnung deutlich erhöhte. Der neue deutsche Bundeskanzler in spe schafft es nicht im ersten Anlauf, gewählt zu werden. In den USA regiert ein Amok. Der ukrainische Präsident warnt vor einer Teilnahme an den Siegesfeierlichkeiten in Moskau. Das Freihandelsabkommen mit China will sich die Schweiz doch nicht durch ein paar chinesische Menschenrechtsverletzungen verderben lassen.

Gibt es Meldungen in den Medien, die all diesem Wahnsinn wenigstens Ausdruck verleihen wollen? Ach was, es wird geschwiemelt, gemeint, es wird der eigene Bauchnabel betrachtet und darüber lamentiert, dass eine solche Karikatur von geldwertem Journalismus immer weniger zahlende Konsumenten findet.

Es ist die Betrachtung einer ganzen Branche im unaufhaltsamen Niedergang. Sie hat kein Geschäftsmodell mehr, sie liefert kaum mehr Mehrwert oder Hilfe zur Orientierung in der Welt. Das liegt an schwindenden Ressourcen, das liegt an der Negativauswahl, dass erfahrene Kenner zu teuer werden und rausgeschmissen. Stattdessen Egoshooter, die die Leser mit ihrer höchsteigenen Meinung über die Welt langweilen und so sinnlos wie umsonst Ratschläge erteilen, an die sich niemand hält.

Ersetzt werden sie durch Kindersoldaten in der Hölle des Newsrooms, wo News schneller rausgehauen werden müssen, als der Verstand der Fliessbandarbeiter nachkommt. Im Fall Schwab hat sich keiner, ausser dem Autor dieses Blogs, an den Skandal Think Tools erinnert, wie ärmlich ist das denn.

Unter dem Leichentuch regt sich manchmal noch etwas, aber man weiss nie, ob das einfach Gärungsprozesse einer verwesenden Leiche sind – oder echte Lebenszeichen.

Was soll man darüber noch Sinnvolles schreiben, ohne sich ständig zu wiederholen?

Ausser, dem eigenen Schreibzwang nachzugeben und vielleicht zum Chronisten eines Niedergangs zu werden, der nach dem absehbaren Ende auch niemanden mehr interessiert.

Ach du dickes Ei

Päpstliches Geschenk für die Medien.

Ostern ist blöd. Medial gesehen. Wenn der Stau am Gotthard abgefrühstückt ist, dann herrscht normalerweise ziemlich tote Hose. Die Redaktionen sind ausgedünnt, denn auch der Redaktor möchte gerne schon am Mittwochabend aufbrechen, um dem Osterstau zu entgehen und kommt gerne erst am Dienstag im Verlauf des Tages wieder zurück.

Also bleibt das B- oder gar das C-Team, um die Spalten und die Online-Auftritte zu füllen.

Aber das war diesmal ganz anders. Der Papst bot ein Abend- und seitenfüllendes Programm. Zuerst die bange Frage, ob es sein Gesundheitszustand erlauben würde, am Sonntag den Segen «urbi et orbi» zu spenden. Und wenn nein, wer das dann an seiner Stelle tun könne und ob das überhaupt die gleiche Wirkung habe.

Das war schon Anlass genug, tiefschürfende Beobachtungen über den Krankheitsverlauf und die bereitstehenden Stellvertreter des Stellvertreters anzustellen.

Dann das Osterwunder, der Papst wurde ans Fenster gerollt und konnte tatsächlich, wenn auch in abgekürzter Form, die Menge segnen. Zuvor war es dem konvertierten US-Vizepräsidenten Vance noch gelungen, eine Audienz beim Papst zu erhaschen.

Was bösartige Spötter natürlich zur Vermutung verleitete, dass die nachfolgenden Ereignisse durch dieses Erlebnis des Papsts geprägt wurden.

Denn schon am Montag erschallte die traurige Nachricht durch urbi et orbi, dass der Papst nach tapferer Pflichterfüllung von uns gegangen ist. Ein Schlaganfall raffte ihn dahin, nachdem sich schon die katholische Christenheit Hoffnungen gemacht hatte, dass er weiterhin auf dem Weg der Besserung sei.

Aber eben, die Wege des Herrn sind unerforschlich.

Die Reaktion der Medien allerdings nicht.

Nun werden alle Register gezogen. Der Live-Ticker. Die Aufbahrung. Die Todesursache. Die letzten Tage. Die letzten Stunden. «Wer wird Papst? Das sind die aussichtsreichsten Kandidaten», zählt Tamedia auf. Und natürlich: «Wie Argentinien um seinen Papst trauert».

Der «Blick» schaut genau hin: «Erste Bilder von Papst Franziskus im offenen Sarg», dazu ein Ratgeber mit Nutzwert, obwohl das doch der SoBli-Chefredaktor gerade als «Klugscheisserei» kritisiert hatte: «So kommst du am besten nach Rom zur Beerdigung von Papst Franziskus».

Die NZZ spannt ihren didaktischen Muskel an:«Wer folgt auf Papst Franziskus? Die wichtigsten Fragen und Antworten». Dazu «Buenos Aires nimmt Abschied» und natürlich «Das Vermächtnis» des Papstes.

Auch CH Media betritt nicht gerade Neuland: «Die Welt ohne Papst Franziskus – seine Stimme wird fehlen», dazu vielleicht nicht mehr ganz aktuell: «Papst Franziskus ist tot: wie es im Vatikan weitergeht». Und aus dem Standardrepertoire: ««Intensiver Moment, als er mir in die Augen geschaut hat»: Regierungsrat Markus Dieth erinnert sich an Treffen mit Papst Franziskus».

Auch SRF tickert vor sich hin: «Kardinäle planen Papst-Bestattung – Schlaganfall war Todesursache», und natürlich der Blick in die Zukunft: «Kandidaten für Papstamt – «Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal heraus»». Und natürlich die Macht der Bilder: ««Mensch unter Menschen» Prägende Momente seines Pontifikats».

Da muss man ganz unchristlich festhalten: Der Einheitsbrei quillt überall über. Eigentlich bräuchte es in solchen Momenten gar nicht mehr vier Newsrooms. Ein einziger würde doch reichen. Oder noch besser: mit einem simplen Algorithmus, plus etwas AI, könnten sich eigentlich alle Journalisten ein paar Freitage gönnen, Ostereier suchen oder sonst etwas Nützliches tun.

Während die Konsumenten überall in der gleichen Sauce gebadet werden. Die Nacherzählung, die Stationen, der Tod, die Zukunft, die persönlichen Begegnungen, Himmel hilf. Originalität scheint vollständig ausgestorben zu sein.

Drama, Baby, Drama

«Gesichter und Geschichten» ist Geschichte. Macht doch eine Soap draus.

Schlechte Nachricht für alle C- und D-Cervelat-Promis. Sie können nicht mehr vor laufender Kamera über den Tod des geliebten Hundes weinen, über den untreuen Partner jammern, meckern, dass der Champagner zu warm sei, ihr neustes Riesenprojekt vorstellen, nach einem Triumph nicht mehr sagen: «Ich kann es noch nicht fassen, mir fehlen die Worte.»

Nun sorgen die Macher selbst für Tränen: «Wir sind hier alle nur am Heulen. Ich kann gar nichts anderes sagen», schluchzt G&G-Chefin Paola Biason dem «Blick» ins Hemd. Sie, die von der «Schweizer Illustrierte» einwechselte und dachte, hier gemütlich bis zur Pension senden zu können.

Auch Kollegin Jennifer Bosshard verspürt den Schmerz und wird elegisch-länglich: «Es bricht mir das Herz. Einerseits für mein einzigartiges, grandioses und effizientes Team. Andererseits für all die Menschen in unserem Land, die zur bunten Vielfalt in der Schweiz beitragen, die mit ihren Theatern, Filmen, Büchern ihrer Musik und ihrer Kunst neue Perspektiven bieten und unsere Gesellschaft bereichern – und die nun bald keine Plattform mehr bei SRF haben.» Da liegt aber Trost in der Tatsache, dass das deutsche Privat-TV jede Menge Ersatz bietet.

Nathalie Wappler macht ihrem Namen endlich Ehre: das Beil vom Leutschenbach. Kein sanftpfotiges Herantragen, Taschentücher, Schokolade und mitleidige Blicke stehen bereit. Sondern um 8 Uhr die Mitteilung, es stehe eine Personalinformation an. Beinahe zeitgleich ging dann schon die Pressemeldung raus.

Keine Zeit zum Trauern. Wie würden die G&G-Moderatoren einfühlsam fragen: «Wie fühlten Sie sich in diesem Moment, als Wuffi für immer die Augen schloss? Wie konnten Sie das verarbeiten? Wer hat Ihnen Trost gespendet

Aber nun ist’s nicht Wuffi, sondern die eigene Sendung. Keinen Trost spenden die mitheulenden Simpel-Promis, aber auch deren Schmerz muss man verstehen. Aufmerksamkeitsmanagement ist deren Leben; wer nichts ist, kann wenigstens prominent sein, wer nichts ausstrahlt, kann wenigstens ausgestrahlt werden. Ein harter Schlag für Irina Beller & Co. («Ich habe für G&G mein Leben riskiert»), die noch ein letztes Mal in diesem Zusammenhang ins Rampenlicht drängen.

Ist das ein Jammer. Die Ukraine, Amok Trump, und dann noch das. Vom Massensterben im Sudan wollen wir erst gar nicht reden. Oder von der AHV, den Bundesratswahlen und anderem Pipifax.

Immerhin kam der Tiefschlag nicht ganz unerwartet: «Es gab viele Gerüchte in den letzten Wochen und Monaten, trotzdem tut dieser Kahlschlag unfassbar weh.» Aber he, eine Anstellung beim Monstersender SRF war doch eigentlich so sicher wie die eines Beamten. Unterhalb von silberne Löffel klauen oder die Assistentin unziemlich anglotzen, gab es keinen Kündigungsgrund. Wenn Personaleinsparungen verkündet wurden, gab es nachher mehr Personal, das war die Regel.

Und jetzt das. Dass die Wirtschaftssendung «Eco», eines der wenigen Glanzlichter, verschwand, nun ja. Immer diese Wirtschaftsthemen. Schwer, kompliziert, nicht zum Einschlafen geeignet. Dabei wurde G&G doch extra noch höhergelegt. Aus Glanz & Gloria wurde Gesichter & Geschichten, das ist doch schon mal ein ganz anderes Niveau.

Ach, waren das noch Zeiten, nur ein Beispiel: «Die Luzerner Sängerin Caroline Chevin hat eine schwere Zeit hinter sich. 2018 ist ihr Mann unerwartet verstorben.» Caroline who? Macht doch nix, was für ein Schicksal. Und sie spricht ganz offen darüber, her mit den Taschentüchern.

Welch Trennungsschmerz nun schon wieder, als wäre ein guter Freund (und Zahlvater) überraschend gestorben. Der Schmerz, er ist so tief, das kann niemand nachfühlen. Aber immer wieder geht die Sonne auf, kommt ein neuer Morgen. Darin liegt Trost, und der Chihuahua kuschelt sich neuerdings so zärtlich an einen, leckt die Tränen weg.

Bitte, so einen gesendeten Nachruf wollen wir noch sehen. Bitte mit einem Tränenausbruch des oder der Moderator:in. Bevor sich das Publikum der angeblich beliebten Sendung ungerührt abwendet und sie vergisst.

Mussolini, Hitler, Musk

Jetzt hat er sich endgültig geoutet. Jedenfalls für die Journaille.

Dass Elon Musk ein etwas erratischer Milliardär ist, wussten wir natürlich schon. Aber jetzt rauscht durch die Schweizer Gazetten: «Elon Musk und der Hitlergruss: das sind die Reaktionen».

Also darf man ihn jetzt auch mit dem Lieblingsschimpfwort aller erregten Gutmenschen belegen, ist er Faschist? Der Beweis: er habe bei seiner Rede sich ans Herz gefasst und dann die Hand nach oben gestreckt, «eine Geste, die stark an den Hitlergruss erinnert». Weiss CH Media. Und SRF. «Tech-Milliardär Elon Musk hat bei einer Veranstaltung zur Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump mit einer dem Hitlergruss ähnlich sehenden Geste für Aufsehen gesorgt», echot der «Blick».

Hat Musk in seiner Rede irgend etwas gesagt? Ach, konzentrieren wir uns aufs Wesentliche, auf diese Handbewegung. Selbst die Anti-Defamation League, jeglicher Sympathien für Trump oder Musk unverdächtig, schreibt: «Es scheint, dass er in einem Moment des Enthusiasmus eine ungeschickte Geste gemacht hat, keinen Nazi-Gruss.»

Und Musk selbst twittert, dass seine Gegner «ehrlich gesagt bessere schmutzige Tricks» bräuchten. Und: «Der ‹Jeder ist Hitler›-Angriff ist so müde».

Der Qualitätskonzern Tamedia übernimmt mal wieder ungeniert die Meinung des Korrespondenten der «Süddeutschen Zeitung». Der orgelt los, dass sich Musk schliesslich in Italien bestens auskenne, nicht zuletzt wegen seiner freundschaftlichen Beziehung zur Ministerpräsidentin Meloni, und die ist bekanntlich auch eine «Postfaschistin».

«Wenn also dieser Elon Musk in der Capital One Arena in Washington zur Amtseinführung seines Idols Donald Trump auf der Bühne vor lauter Begeisterung den Saluto romano, den römischen Gruß zeigt, der in Deutschland als Hitlergruß bekannt ist, dann muss man annehmen, dass er weiß, was er tut.»

Weiterer Beweis laut Marc Beise: «Er würde für sein Leben gern als Gladiator auftreten.» Dann entblödet sich Beise nicht, mal kurz die Entstehungsgeschichte des Grusses zu erzählen, der in deutschen Landen als Hitlergruss bekannt ist. Der sei als römischer Gruss in Italien verboten, in Deutschland übrigens auch.

Wenn Dr. Beise Latein könnte, würde er schliessen: «Das ist also der Zusammenhang, in dem Musk sich gebärdete», quod erat demonstrandum.

Dafür verplempert alleine er 4400 Anschläge. Über den Inhalt der Rede Musks – null.

Wenn das die ersten Vorboten sind, auf welche Art Berichterstattung man sich zukünftig einzurichten hat, dann gute Nacht. Fassungslosen Journalisten beim Hyperventilieren und wildem Denunzieren zuschauen zu müssen, das ist kein schöner Anblick.

Inzwischen werden in den sozialen Medien Fotos herumgeboten, die auch andere mit einer solchen Geste zeigen. Es käme aber wohl niemand auf die Idee, den deutschen Noch-Gesundheitsminister Karl Lauterbach zu bezichtigen, er zeige den deutschen Gruss. Oder doch?

Aber einer weiss es wieder ganz genau, das ehemalige Nachrichtenmagazin, das zur Karikatur seiner selbst verkommen ist der Zerr- und Hohlspiegel:

Der übelste Trick von allen: Wenn du’s nicht selber sagen willst, sag es als Zitat von einem anderen.

Wieso wird eigentlich unerwähnt gelassen, dass Trump seinerseits häufig die geballte rechte Hand erhebt? Also einen Kommunistengruss macht, unter Genossen bis heute beliebt. Himmels willen, also kommen hier rote und braune Fäuste zusammen? Blöd nur, dass man dann Trump nicht mehr als «Faschist» beschimpfen könnte. Aber «Kommunist» zusammen mit «Faschist», das ist doch auch nicht schlecht.

«Es überfordert mich wahnsinnig»

Soll man mit einer Grinsbacke Sterbende besuchen und filmen?

Wäre SRF ein Mensch, würde man sagen, er spürt sich nicht mehr. «Mona mittendrin», die Serie mit Mona Vetsch, spielt diesmal in einer «Palliativakademie». Oder weniger vornehm formuliert: in einem Gebäude, in dem Menschen sterben.

Unser Umgang mit Sterben und Tod ist von Hilflosigkeit und Tabus umstellt, am liebsten würden wir die letzte Phase eines Menschenlebens verdrängen. Ein Versuch, das Verhältnis zum Tod zu entkrampfen, wäre sicher begrüssenswert. Aber so?

Da Vetsch – so geht die Story – vorher nicht weiss, wo sie diesmal mittendrin sein wird, muss sie so tun, als dämmere es ihr erst, als sie auf einen Klingelknopf der «Palliativakademie» drückt. «Das werden drei intensive Tage, das weiss ich jetzt schon», sagt sie, und schaut getragen tapfer in die Kamera. Von dem Moment an weiss man schon, dass das fürchterlich in die Hose gehen wird.

Und so entwickelt es sich dann auch zum Sozialporno, zur tapfer die Tränen unterdrücktender Betroffenheitskiste. Ein sterbender 45-Jähriger, der nicht sterben will, das Zimmer mit einer Toten drin. Vetsch geht rein, kommt raus und sagt: «Es überfordert mich wahnsinnig.» Spätestens da fragt man sich ernsthaft, was eigentlich ins SRF gefahren ist, so etwas auszustrahlen.

Schlimmer als das ist eigentlich nur die gesülzte TV-Kritik im «Tages-Anzeiger». Der Satz von Vetsch trifft auch haargenau auf Denise Jeitziner zu. Sie schwankt zwischen Banalitäten («Es ist selten, dass man das Sterben auf diese Weise zu Gesicht bekommt –am Fernsehen, aber auch in der Realität»), Geschmacklosem («Der Ehemann der Verstorbenen ist fürs Organisatorische ins Hospiz gekommen. Er entscheidet sich zwar für ein günstiges Sargmodell – das habe sich seine Frau für die Kremation gewünscht –, aber für den Aufpreis von 140 Franken fürs Aufpolstern des Sargs, «das hat sie verdient»») und Pseudo-Reflektierendem («Man kann darüber diskutieren, ob man den Tod und das Sterben so nah und relativ unvermittelt am Fernsehen zeigen soll»).

Tja, soll man oder soll man nicht? «Vielmehr kann einem die Auseinandersetzung mit dem Tod helfen, sein Leben bewusster zu leben.» Was für ein blühender Unsinn; niemand lebt sein Leben deswegen bewusster. Das sind alles die üblichen Worthülsen, mit denen man die Begegnung mit dem Sterben zuschütten will.

Sicherlich ist es wohl möglich, einen Dokumentarfilm über Sterbende zu machen. Aber so? «Auf nichts vorbereitet, aber auf alles gefasst: Mona Vetsch wird ins kalte Wasser geworfen», teasert SRF die Sendereihe «Mona mittendrin» an. Vielleicht wäre selbst ein Kurt Aeschbacher an der Moderation einer solchen Sendung gescheitert. Vielleicht wäre es etwas geworden, wenn man nicht dieses unpassende Gefäss dafür gewählt hätte.

Und vielleicht könnte eine TV-Kritik im Tagi auch mal den Namen verdienen und nicht aus unverbindlichem Geplauder bestehen. Denn diese Sendung mit einer überforderten Moderatorin und einem Thema, das viel zu schwer für sie und das Format ist, stellt einen neuen Tiefpunkt im TV-Schaffen von SRF dar. Sozialpornos als angebliche Wiedergabe der Wirklichkeit. Unglaublich, wenn man bedenkt, wie viele Instanzen ein Film durchlaufen muss, bis er dann ausgestrahlt wird.

Mit einem Gesamtbudget von 1,5 Milliarden kriegt das Schweizer Farbfernsehen nichts Besseres, Wertiges, Würdiges, mehr als billige Betroffenheit Auslösendes hin?

Wohl ein subversiver Beitrag zur Unterstützung der Gebührenreduktionsinitiative.