Elends-Journalismus übers Elend
Wer erinnert sich noch an Christiane F.?
Es war die Knaller-Story des «Stern» aus dem Jahr 1978. Eine mehrteilige Serie über das Leben der heroinabhängigen Jungprostituierten Christiane Felscherinow, abgekürzt zu Christiane F. Angekündigt als «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo».
In zwölf Folgen wurden die Schicksale von halben oder ganzen Kindern erzählt, die um den Berliner Bahnhof Zoo herum ihre Drogensucht mit Prostitution finanzierten, unter ihnen Christiane F., damals 15 Jahre alt.
Die Serie schlug ein wie eine Bombe, ihr Inhalt war erschütternd. Daraus entstand das Buch «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» und schliesslich die Verfilmung durch Uli Edel im Jahr 1981. Durch ihn wurde Christiane F. noch berühmter; ein Musiker wie David Bowie spielte sich darin selbst.
Vor diesem Hintergrund macht die SZ-Journalistin Renate Meinhof eine Story über die heutigen Zustände am Bahnhof Zoo. Viel geändert hat sich offenbar nicht. Obwohl der Bahnhof damals aufgrund eines Viermächteabkommens der Alliierten zwar in West-Berlin stand, aber unter Kontrolle der DDR war.
Meinhof startet mit dem üblichen szenischen Einstieg, um dann schnell auf die Geschichte von Christiane F. umzuschwenken und dem Regisseur Edel grossen Platz zu geben, sich über die damaligen Dreharbeiten, den Riesenerfolg mitsamt Tournee durch die USA und Felscherinow zu verbreitern:
«Ein Star war sie. «Sie hatte etwas Charismatisches», sagt der Regisseur. «Sie hat ’nen ganz klaren Verstand gehabt, aber nicht, wenn es um Drogen ging. Sie war eine tolle Erscheinung.»»
Diese Erscheinung benützte auch der «Stern» und klatschte sie stark geschminkt aufs Cover vom 28. September 1978. 1985 legte er mit «Die neuen Leiden der Christiane F.» nach.

Genauso geschminkt wie die Protagonistin war allerdings auch die Story. Sie wurde konsequent in der Ich-Perspektive erzählt; es wurde so getan, als sei das eine von ihr selbst geschriebene Autobiografie. In Wirklichkeit beruhte die Story auf mit Tonband mitgeschnittenen Gesprächen, die die «Stern»-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck über zwei Monate hinweg mit ihr geführt hatten.
Das ist keine Fälschung wie später die Hitler-Tagebücher, aber erzeugt die Illusion einer Authentizität, die gefälscht ist. Dabei wurde das intimste Leben der Protagonistin – Sex, Prostitution, Gewalt, Heroin, Entzug – zum öffentlichen Eigentum.
Christiane F. bekam der Ruhm nicht gut. 2013 schrieb sie das Buch «Christine F. – Mein zweites Leben». Auch hier führte eine Journalistin, Sonja Vukovic, auf der Grundlage ausführlicher Gespräche die Feder. Das Buch beschreibt, dass Christiane F. weder ihre Drogensucht, noch ihr Leben in den Griff bekam.
Selbst die Geburt ihres Sohnes im Jahr 1996 kann sie nicht retten. Nach elf Jahren des Zusammenlebens greift das Jugendamt ein und entzieht ihr das Sorgerecht, Auslöser eines neuerlichen schweren Rückfalls. Sie beschwert sich bitterlich darüber, dass der «Mythos Christiane F.», ihre Stigmatisierung als «Promi-Junkie», der ewig von der Frage begleitet wird, ob sie wieder auf Drogen sei oder nicht, es ihr erschwert habe, ein anderes Leben zu führen.
Ds Buch endet mit der Beschreibung einer gesundheitlich schwer angeschlagenen 50-Jährigen. Heute ist sie 64 und hat sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie stand auch für ein Gespräch mit Meinhof nicht zur Verfügung.
All das kommt in der Reportage der «Süddeutschen Zeitung» unter dem üblichen Datumsfetischismus – 45 Jahre danach – nicht vor. Noch 2021 kritisierte die SZ sehr deutlich die «fragwürdige Ikonisierung einer jungen Frau» als «medialen Missbrauch».
Aber die Erinnerung an diese Problematik, komplexere historische Zusammenhänge, damit hat der heutige Elends-Journalismus nichts mehr am Hut. Ortstermin, szenische Beschreibung der weiterhin vorhandenen Drogen- und Elends-Szene, Gespräch mit einem Helfer, Nacherzählung der damaligen Erfolgsstory, Besuch beim Regisseur Edel, der sich offensichtlich darüber freut, dass sich noch jemand an seinen inzwischen uralten Film erinnert – und tschüss.
Wenn die SoZ schon rund 18’500 A aus der «Süddeutschen Zeitung» per copy/paste übernimmt, hätte eine kleine Zusatzrecherche vielleicht den Leser davon überzeugt, dass er für Kopiertes Geld ausgeben sollte.
Aber dieser Journalismus berichtet nicht nur über Elend, er ist selbst das Elend.


















