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«Hauptstadt» der Bettler

Teil 2: Warum ein Angebot, für das es nicht genügend Nachfrage gibt?

Diese Frage kann man sich bei einigen neuen Pflänzchen stellen. Sie werden mit viel Herzblut gedüngt, nach aufreibenden und umfangreichen Planungsdebatten geformt und dann irgendwann in die Wirklichkeit gestossen. Anlässe gibt es dafür genug.

Im Fall der «Hauptstadt» war es das gebrochene Versprechen von Tamedia, niemals nicht die «Berner Zeitung» und «Der Bund» zusammenzulegen. Also startete ein Jahr später, am 7. März 2022, eine Alternative. Wie immer mit viel Optimismus und der kühnen Ankündigung, dass das neue Organ nach vier Jahren keine «Anschubfinanzierung von Stiftungen und Privaten» mehr nötig haben sollte.

Wie immer sind die «Ziele & Werte» lobenswert und volltönend:

«Die «Hauptstadt» macht unabhängigen Journalismus – ohne Profitstreben und leser*innenfinanziert. Wir sind überzeugt: Der Lokaljournalismus der Zukunft ist digital, vernetzt und basiert auf Open-Source-Lösungen. Unsere Inhalte sind professionell recherchiert und aufbereitet sowie politisch und konfessionell unabhängig.»

Die vier Jahre sind um. Es soll inzwischen rund 3000 zahlende Leser geben. Einnahmen aus Abos, Werbung und Kooperationen sollen rund 60 Prozent der Ausgaben decken. 40 Prozent kommen immer noch aus Stiftungen und von Mäzenen. Soweit geht die Transparenz. Nicht veröffentlicht werden Jahresumsatz, Gewinn oder Verlust, die Bilanz, die Personalkosten oder die Höhe der Stiftungsgelder in Franken.

Also finanziell oder materiell gesehen ein Schuss in den Ofen. Das Angebot mag da sein, die Nachfrage ist es nicht. Und worin besteht eigentlich genau das Angebot?

Nehmen wir einen beliebigen Tag heraus. Am 7. Juli ist es, wie immer, sehr übersichtlich. Oder anders formuliert: die Homepage ist noch schlimmer strukturiert als bei Tamedia, und das will etwas heissen. Knapp zwei Artikel haben auf dem Bildschirm Platz. Beide sind süchtig machende Lesestoffe:

Gefolgt von:

Bereits hinter der Bezahlschranke und einen Tag alt ist dann:

Vielleicht noch als weiteres Beispiel der völligen Überflüssigkeit zu erwähnen:

Aber halt, hier gibt es ein kontroverses Thema, wie gemacht für eine «professionell recherchierte» Darstellung:

Nun gut, ein etwas abgehangener Titel. Ganze 12’400 A sind dann ebenfalls hinter der Bezahlschranke versteckt. Was hat denn Sophie Reinhardt zu berichten? Eine reine Nacherzählung ist’s geworden: «Eine trans Frau wird von der Polizei in Handschellen aus dem Frauenbereich des Marzilibads abgeführt – der Vorfall schlägt schweizweit Wellen. Er zeigt, wie umkämpft die geschützten Frauenzonen im Marzili geworden sind.»

Wohl wahr. Zunächst einmal holt sie aus. Weit aus: «Das Paradiesli gibt es in ähnlicher Form seit 1866.» Gut, dass wir das nun wissen. Aber wenn der Leser wissen will, was sich denn genau ereignete, kann ihm die «Hauptstadt» auch nicht wirklich weiterhelfen: «Doch was passierte genau am Sonntag im Paradiesli? Die Aussagen der Involvierten sind teilweise unterschiedlich».

Aber immerhin, mit aller gebotenen Vorsicht gegenüber seinem woken Publikum wagt auch das Online-Blatt die Feststellung: «Weil sich die Person aktiv dagegen gewehrt haben soll, das Bad zusammen mit den Polizeimitarbeitenden zu verlassen, wurde sie in Handschellen gelegt und auf eine Polizeiwache gebracht.»

Eigentlich wäre damit der Fall erledigt. Ein Pimmelträger im FKK-Bereich einer Frauenbadi will weder seinen Platz räumen, noch sich ausweisen. Auch nicht gegenüber der Polizei. Die Folgen sind so klar wie eindeutig.

Aber die «Hauptstadt» spricht dann gelassen eine echte Drohung aus: «Noch heute scheint eher unklar, wie künftig gehandelt werden soll, sollte sich der Fall wiederholen.» Noch schlimmer: «Ob sich die ganze Debatte um die Frauenbereiche in den nächsten Tagen beruhigt, ist offen. So wird für Donnerstag Nachmittag auf Social Media schon für eine Solidaritätsaktion im Paradiesli für trans Frauen aufgerufen. Darin heisst es: «Trans Frauen sind Frauen. Ihr gehört hierher.»»

Das nennt man nun eine Portion Geeiertes, in klarer Rücksichtnahme auf die Gesinnungsblase einer vielleicht minderen, aber sicherlich lautstarken Fraktion unter den Lesern. Pardon, LeserInnen. Nein, Leser*Innen***. Verflixt, also Lesenden.

Unabhängig von Gender, sexueller Ausrichtung und Weltanschauung: braucht es solche Artikel? Da wagt ZACKBUM ein sächlich-neutrales Nein.

«Blick» als Copy Cat

Selber machen! Wieso eigentlich?

Es gibt zwei eiserne Regeln im Elendsjournalismus. Regel eins: nur die Story, die frei erfunden ist, hat man exklusiv. Diesem Prinzip huldigen gelegentlich alle Medien, von der «Republik» bis zum «Blick».

Die zweite Regel lautet: wieso selber recherchieren und journalistisch tätig sein, wenn das andere für einen erledigen? So haben praktisch alle Schweizer Medien ohne rot zu werden und fleissig die «Financial Times» zitiert, benützt, verwendet, weil deren Berichterstattung über das Begräbnis der Credit Suisse den eigenen journalistischen Anstrengungen haushoch überlegen war und ist.

Nun setzt der «Blick» hier ein neues Highlight:

Eine Sophie Reinhardt, «Redaktorin Politik» zeigt, was sie in der Schule gelernt hat: abschreiben. Zunächst erwähnt sie lobend, ohne sich der Peinlichkeit dieser Aussage bewusst zu sein, dass die FT «stets gut im Bild darüber» gewesen sei, «was hinter verschlossenen Türen besprochen wurde». Im Gegensatz zum «Blick» und allen anderen Mainstream-Medien in der Schweiz.

Nun gebe aber eine weitere «FT-Recherche» zu reden:

«CS-Präsident Axel Lehmann (64) sei bereits am vergangenen Mittwoch von Finanzministerin Karin Keller-Sutter (59), der Schweizerischen Nationalbank (SNB) unter Thomas Jordan (60) sowie der Finanzmarktaufsicht (Finma) zitiert worden. Dabei habe man Lehmann eine klare Ansage gemacht: «Ihr werdet mit der UBS fusionieren. Das ist nicht optional», heisst es in der FT.»

Das wäre in der Tat eher peinlich, denn noch am Mittwochabend verkündeten Nationalbank und Bankenaufsicht FINMA im Chor, dass man sich keine Sorgen um eine Ansteckung des Schweizer Finanzmarkt durch die Bankenpleiten in den USA machen müsse, die CS erfülle weiterhin alle notwendigen Anforderungen.

Nun sind zwar auch Politiker, ähnlich wie Bankenlenker, weitgehend haftungsfrei. Aber nicht ihre Politik. Denn Aussagen, die börsenrelevant sind, also Auswirkungen auf einen Aktienkurs haben können, sind immer eine heikle Sache. Das weiss nicht zuletzt der letzte VR-Präsident der CS, der sich mit der Behauptung blamierte, dass der Abfluss von Geldern bei seiner Bank hätte gestoppt und sogar rückgängig gemacht werden konnte.

Auch das hat die FT exklusiv herausgefunden, das wird nun von Reinhardt nachgeplappert. Man sollte mit ihr Nachsicht üben, bis 2022 war sie Redaktorin im Ressort Bern beim «Bund», «Schwerpunkt ihrer Berichterstattung ist die städtische Politik, sowie Bildungsthemen». Erst seit Kurzem berichtet sie für den «Blick» aus dem Bundeshaus. Damit hat sich immerhin ihr Arbeitsweg nicht verlängert.

Man sollte auch gerecht mit Reinhardt sein, denn sie tut zudem das, was zum Grundrüstzeug des Journalisten gehört. Sie plappert nach, dann gibt sie Politikern Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen. Die sind, Überraschung, «empört». Denn als Plappermaul weiss doch der Politiker, was sich gehört. «Könnte ein Grösseres politisches Erdeben sein», meint der Präsident der Grünliberalen, vorsichtig im Modalverb-Modus. «… wer zu welchen Zeitpunkt was wusste», will die SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer wissen, froh darum, dass ihr Kollege Wermuth gerade mal unpässlich war und sie auch etwas sagen darf.

Auch ein SVP-Nationalrat darf sich mit «skandalös» melden, dazu noch ein zweiter SVPler. Soweit, so normal. Allerdings: wo bleibt die FDP? Die Mitte? Die Grünen? Da muss Reinhardt wohl etwas ins Juffeln geraten sein. Oder sie fand in der Eile die passenden Handynummern nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Einfach viel üben und nachsitzen.