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Plagööri oder Plagiator?

Fabian Eberhard vom SoBli wirft im Glashaus mit Steinen.

Es war ein sauberer Blattschuss. Kurz vor seinem Stellenantritt warf Eberhard dem «Nebelspalter»-Redaktor Dominik Feusi einen «Plagiat-Eklat» vor. Daraufhin bestätigte die NZZ, dass Feusi nicht als Wirtschaftsredaktor tätig würde, sondern gekündigt sei.

Feusi habe im Herbst 2024 eine Nahost-Analyse beim britischen «Telegraph» abgeschrieben. Das hätten ««SonntagsBlick»-Recherchen» ergeben. Die «SoBli-Analyse» zeige, «dass rund 90 Prozent des Textes von Feusi nahezu eins zu eins vom britischen Original übernommen wurden».

Unter dem knackigen Titel «Abgeschrieben, aufgestiegen, rausgeschmissen» garniert Eberhard seinen Artikel mit einer ausführlichen Gegenüberstellung des Originals vom 2. Oktober und des Plagiats von Feusi vom 3. Oktober 2024.

Das ist übel. Obwohl Feusi zu Kreuze kroch und es als unentschuldbar bezeichnete, «so etwas darf nicht passieren», löste die NZZ seinen Vertrag auf. Oder in den Worten Eberhards: «Als SonntagsBlick am Samstag die «NZZ» mit der Recherche konfrontiert, kommt es zum Knall.»

Das ist der Knall, aber wer hat die Munition ins Eberhards Flinte gesteckt? Was hat der grosse Investigativ-Journalist, der nicht mal das Büro des Internetradios Kontrafunk fand, aber dennoch eine Fake-Verschwörungstheorie daraus bastelte, denn hier selber recherchiert?

«Ausgerechnet die «NZZ», Feusis baldige Arbeitgeberin, wurde damals auf das Plagiat aufmerksam. Ein Redaktor der Zeitung konfrontierte den «Nebelspalter»-Journalisten mit Fragen. Das Blatt aber sah schliesslich davon ab, das Plagiat publik zu machen.»

Das ist tatsächlich «pikant», wie Eberhard maliziös schreibt. Aber aus anderen Gründen. Denn hier wird klar, dass dieser Blattschuss nicht aus eigenen Kräften abgefeuert wurde. Sondern dieser Redaktor (oder ein anderer Heckenschütze aus der NZZ) muss Eberhard die Sache gesteckt haben. Um die Anstellung Feusis doch noch zu verhindern, nachdem ihm das selbst offenbar nicht gelungen war.

Offensichtlich liess sich Eberhard willig anfüttern, um einen «rechtsbürgerlichen» Journalisten abzuschiessen. Nicht wirklich die feine Art bei einem längst geständigen Sünder.

Schlimmer noch: wie hält es Eberhard denn selbst mit dem heiklen Thema Plagiat? In Zeiten von Internet und KI verwischen sich immer mehr die Grenzen zwischen Selbstgebastelt und Zusammengeschrieben.

Daher hat ZACKBUM ihn mit einem ausführlichen Fragenkatalog konfrontiert:

Aus gegebenem Anlass möchte ich Ihnen Gelegenheit geben, Stellung zu folgenden Fragen bezüglich Ihres Artikels «Sterben hier die Präsidentschaftsträume von J. D. Vance?» vom 12. 4. 2026 zu nehmen.
1. Haben Sie diesen Artikel mit KI-Unterstützung geschrieben?
2. Neben direkten und ausgewiesenen Quellenübernahmen aus Axios, gibt es weitere Passagen, die Sie direkt oder paraphrasierend übernommen haben?

3. Wenn man den gesamten Aufbau des Axios-Artikels mit Ihrem vergleicht, fällt auf, dass beide gleichartig sind:

  • Vance als Chefunterhändler
  • höchste diplomatische Mission seit 1979
  • persönliches politisches Risiko
  • mögliche Auswirkungen auf seine Zukunft
  • innenpolitische Spannungen innerhalb des Trump-Lagers
  • Pakistan als Vermittler
  • Kushner und Witkoff als Begleiter
4. Sind Sie damit einverstanden, dass es sich bei diesem Artikel nicht um eine eigenständige Analyse, sondern um einen Zusammenschrieb mehrerer englischsprachiger Quellen handelt? ergänzt um boulevardeske Zuspitzungen?
5. Wären Sie einverstanden, dass man ihn deshalb als Paraphrasenplagiat bezeichnen kann?
6. Wären Sie damit einverstanden, dass man ihn als Strukturplagiat bezeichnen kann?
7. Wären Sie damit einverstanden, dass man sagen kann, dass Sie dem Leser suggerieren, dass diese Recherche, dieser Gedankengang oder diese Formulierungen von Ihnen stammen, obwohl sie in Wahrheit von jemand anderem übernommen wurden?
8. Falls Sie nicht einverstanden sind, warum?
9. In Ihrem Artikel «Abgeschrieben, aufgestiegen, rausgeschmissen» schreiben Sie, dass eine «SoBli-Analyse» ergeben habe, dass Feusi 90 Prozent abgeschrieben habe. Haben Sie diesen Textvergleich selbst gemacht?
10. Sie erwähnen, dass bereits ein Redaktor der NZZ Feusi mit diesem Plagiat konfrontiert habe; man habe das nicht publiziert. Bestreiten Sie, dass dieser Redaktor (oder ein anderer Heckenschütze aus der NZZ) Sie mit diesem Plagiatsvorwurf angefüttert hat?
11. Was sagen Sie zum Vorwurf, sich damit dafür instrumentalisieren zu lassen, dass gewisse Kreise in der NZZ die Anstellung von Feusi unbedingt verhindern wollten?

12. Halten Sie es für ethisch vertretbar, jemanden, der bereits zu Kreuze gekrochen ist und alles einräumt, gnadenlos mit diesem Blattschuss zu erledigen?

 

Wie heutzutage üblich, darf nicht der Journalist selbst antworten, sondern die Ringier-Medienstelle. Entsprechend setzt es eine Portion Geschwurbel:
„Der von Ihnen erwähnte Artikel ist ein Zusammenschrieb und eine Einordnung der damaligen Nachrichtenlage. Dafür haben wir mehrere Quellen herangezogen, darunter den im Text als Quelle ausgewiesenen Bericht von Axios. Dass sich bei einer solchen Aufbereitung einzelne Formulierungen an die Vorlagen anlehnen oder diese paraphrasieren, lässt sich nicht ausschliessen.
Die von Ihnen aufgeführten Übereinstimmungen betreffen jedoch im Kern den tatsächlichen, vielfach berichteten Geschehensablauf, den jede seriöse Berichterstattung in vergleichbarer Reihenfolge wiedergeben würde. Eine eigenständige Recherche-Leistung von Axios haben wir nicht als eigene ausgegeben.
Ihre Einordnung als Plagiat teilen wir deshalb nicht.“
Dumm nur, dass ZACKBUM gar nicht eingeordnet hat, dass es sich um ein Plagiat handle. Die blödeste Art, Fragen nicht zu beantworten.
Und Fragen 9 bis 12?
Da ging selbst das Gedöns aus:
„Über die Antwort hinaus werden wir nichts kommentieren, zudem gilt der Quellenschutz.“
Quellenschutz? Auf die Frage, ob es eine Quelle gab oder nicht? Auf die Frage, ob Eberhard den Textvergleich selbst gemacht hat?
Lachen oder weinen, das ist hier die Frage. Armer Eberhard.

Bli-Blü-Blick

Die Zwischenbilanz ist durchzogen.

Unbestreitbar hat die nicht immer so glückliche «Blick»-Familie seit dem Antritt von Rolf Cavalli und Reza Rafi an Biss und Bedeutung gewonnen. Das lässt beinahe vergessen, wie übel Christian Dorer abserviert wurde. Offenbar ist der Einfluss der Dame mit der extrabreiten Visitenkarte inzwischen etwas geschrumpft.

Verschwunden ist auch das Regenrohr im Logo, das Bauklötzchen-Visual und die Schnapsidee, die Boulevardblätter weiblicher zu machen, sie zu enteiern. Das kostete alles Unsummen und viele Leser.

Nun geht’s also gelegentlich wieder munter zur Sache. Allerdings hat die Mannschaft in der Hölle des Newsrooms mit vielen Häuptlingen und nicht so vielen Indianern doch immer noch gelegentlich Schwächeanfälle.

Die äussern sich in solchen Meldungen:

Abgesehen von «who cares», wie Schawi sagen würde: hier handelt es sich um eine Bild-Text-Schere. Denn auf dem Foto sieht man nicht den neuen, sondern einen alten Look …

Hier fragt man sich, wie viele Gratis-Essen es dafür gab:

«Blick» als Immobilienanzeiger, wieso nicht.

Nun kommen wir zum Thema Sex. Der beliebte regelmässige Sex-Ratgeber fiel ja auch der Verweichlichung, Pardon, der Verweiblichung zum Opfer. Also wird nun nur noch ab und an beraten. Hier nimmt sich «Blick» eines Themas an, das den meisten Schweizern auf den Nägeln brennt:

Um alle Leser zu beruhigen, die ihre Cousine oder ihren Cousin schon mal begehrlich anblickten: keine Sorge, der Sex selbst ist völlig ungefährlich. Höchstens bei möglichen Folgen könnte es genetisch bedingt ein leicht erhöhtes Risiko für Erkrankungen der Leibesfrucht geben. Und nebenbei: aha, Sex mit der Cousine, typische Männerperspektive, ihr alten Sexisten.

Aber der «Blick» hat auch Inhaltsschwangeres:

Nur gibt es hier drei Anmerkungen zu machen. Zum einen ist es hinter der Bezahlschranke «Blick+» verstaut. Auch so eine Idee, die nicht funktioniert, aber nicht aufgegeben wird, weil das auch von der Dame mit der extrabreiten Visitenkarte verantwortet wird. Und zweitens ist die Story von Holger Alich, und der arbeitet für die «Handelszeitung», von wo das Stück übernommen wurde.

Und drittens dürften knapp 11’000 A darüber, ob es den Anwälten der Angeschuldigten gelingt, die Staatsanwaltschaft für befangen erklären zu lassen, den normalen «Blick»-Leser sowohl thematisch wie inhaltlich überfordern.

Dann ein Beitrag zum Thema «fällt dir gar nichts ein, hau dem Andy eine rein»:

Dann ein Ausflug in die weite Welt des Dramas und des Wahnsinns:

Eine Polin stirbt auf Bali an Mangelernährung. Das muss auch in der Schweiz wie eine Bombe einschlagen.

Und das hier in Grindelwald:

Aber, schluchz, auch diese Bombenstory steckt hinter der Bezahlschranke. Also erfahren nur sehr wenige Leser, wieso Peter Roth nicht wirklich geliebt wird: «Peter Roth (60) ist der vielleicht meistgehasste Mann von Grindelwald BE. Und er ist stolz darauf. Seit Jahrzehnten geht er gegen Behörden und Bauherren vor, die beim Umbau ihrer Ställe und Maiensässe zu weit gehen.»

Aber zurück zur leichten Muse, zur ganz leichten, zur seichten:

Ein Beitrag zu: war die nicht mal, und diese Stimme wie eine Kreissäge, und seither ist eigentlich nichts mehr.

Und das hier sollte Schoggi gratis bis zum Abwinken geben:

Und zum Schluss noch eine gute Nachricht für die Besitzer von fetten oder grossen Hunden:

Also, meine Herren, erste Schritte sind gemacht, aber es bleibt noch einiges zu tun. Vor allem sollten weitere Umbauarbeiten hier anfangen:

Dagegen war selbst das Baukästchen-Logo mit Regenrohr noch einigermassen schick … Oder wieso nicht gleich back to the roots:

Oder, das meint die KI nach kurzem Nachdenken, das wäre doch auch ein Knaller:

Nur so als Idee, gern geschehen. Bevor wieder ein Haufen Geld für einen überschätzten AD ausgegeben wird …

Lob des SoBli

Ja, es geschehen Zeichen und Wunder.

Wer niedermacht, muss auch loben können. Und irgendwie gelingt es in letzter Zeit den Chefredaktoren von «Blick» und «SonntagsBlick», trotz anhaltendem Sperrfeuer aus den oberen Etagen Relevanz zurückzugewinnen.

Statt enteiertem und auf frauenfreundlich gebürstetem Unsinns-Journalismus wird’s wieder kantiger.

Ein besonderes Lob hat sich mit der letzten Ausgabe Reza Rafi verdient. Und zwar alleine schon mal mit seinem Editorial.

Denn was sich im Sudan seit Jahren abspielt, ist ein Jahrhundertverbrechen mit Millionen von Vertriebenen und Massakrierten. Hier werden Verbrechen ohne Ende begangen. Zwei Warlords kämpfen mit allen Mitteln und unter Einsatz einer entmenschten Soldateska um die Macht. Ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.

Chefredaktor Rafi schreibt völlig richtig:

«Die Bilder wecken Erinnerungen an den Völkermord in Ruanda 1994. Das Desinteresse der globalen Öffentlichkeit und die Gleichgültigkeit der Weltpolitik sind das Gemeinsame mit den Gräueln in der Vergangenheit.»

Die Hintergründe sind wie fast immer letztlich finanzieller und wirtschaftlicher Natur: «Die im Sudan mordende RSF-Miliz wird unterstützt von den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Dubai befindet sich einer der weltweit grössten Umschlagplätze für Gold. Das Steuerparadies am Golf hat keine eigenen Vorkommen, der bitterarme «failed state» Sudan dafür umso mehr. Der blutige Krieg ist auch ein Konflikt um Bodenschätze, gesponsert von muslimischen Bruderstaaten

Aber weil die VAR zur Achse der Guten gehören, wird über ihre Beteiligung an diesen Verbrechen genauso hinweggesehen wie über die Beteiligung Saudiarabiens an den Greueltaten im Jemen. Falsche Weltgegend, falsche Hautfarbe.

Hingegen wird jedes in der Ukraine verwundete Kind öffentlich und ausführlich betrauert. Was ihm widerfährt, ist ebenfalls schlimm. Aber man sollte vielleicht doch die Relationen wahren, statt einseitige Propagandaschlachten zu schlagen.

In diesem Sinne ist Rafis Editorial erfrischend und lobenswert. Auch seiner bitteren Schlussfolgerung muss man zustimmen:

«Der Schweiz als Depositarstaat der Genfer Konvention bleibt das Mahnen und Appellieren; und wenn Amerika und Europa, die Wiege der Menschenrechte, abseitsstehen, passiert nichts. In der viel beschworenen neuen Weltordnung lauert die moralische Impotenz.»

Die «Entlassungswelle bei Expads» als Aufmacherstory ist vielleicht auch nicht ein echter Boulevard-Heuler, aber durchaus von Relevanz.

Schon der Titel ist nicht schlecht «Streching mit der Staatspartei», und die Analyse des Spagats der FDP, deren neuer Co-Präsident gegen das Abkommen mit der EU ist, während der Parteitag mit überwältigender Mehrheit dafür stimmte, ist nochmals ein Einsatz von einigem Hirnschmalz durch Rafi.

Und der Rest? Nun ja, wir wollten diesmal ausschliesslich loben …

Schon wieder …

Fällt dir gar nichts ein, mach doch ein Redesign.

So sah das Logo auf der  Frontseite des «SonntagsBlick» vor zehn Jahren aus:

So sah es 2020 aus:

 

So sah es vor drei Jahren nach dem völlig verunglückten Redesign aus:

Zusammenhangslose Kästchen und ein Regenrohr statt eines l. Plus ein unverständlicher Strich, der – AD-Furz – den Cursor im Internet symbolisieren soll. Im Print …

So sah das Logo in der vorletzten Ausgabe aus:

Die schlimmsten Fehler sind wieder korrigiert, die Kästchen sind weg, ebenfalls das Regenrohr, und das c ist nicht mehr gequetscht wie noch vor zehn Jahren. Seine Enden sind wieder schräg, was mehr Dynamik gibt.

Könnte man so lassen.

Aber wenn man sonst nichts zu tun hat, weil die Qualität des Inhalts gar nicht mehr gesteigert werden kann, macht man doch einfach ein neues Redesign. Und diesmal gleich radikal:

Begleitet von dem üblichen Gequatsche, diesmal vom Chefredaktor Reza Rafi: «Es ist an der Zeit, den SonntagsBlick ansprechender und moderner zu gestalten – dabei sollen sowohl gute Geschichten als auch kraftvolle Optik weiterhin im Zentrum stehen.» Schon wieder?

Damit unterscheidet sich der SoBli nun deutlich von der Konkurrenz:

Ebenfalls ausgeschrieben über die ganze Seite und mit Grossbuchstaben im Schriftzug drin. Nur wird hier der Platz besser ausgenützt als beim neuen SoBli-Logo. Ach, und man verwendet Blau statt Rot.

Die «SonntagsZeitung» blieb über die Jahre recht konstant, wenn wir bis 2014 zurückgehen:

Jetzt ist der SoBli nach dem x-ten Redesign auch nahe an der NZZaS:

Die hatte allerdings auch schon Geschmacksverwirrungen und liess sich doch tatsächlich diese Gestaltung aufschwatzen:

Besonders hirnrissig der grosszügige Weissraum oben rechts, die reine Platzverschwendung.

Auch die alte Tante entfernte sich damit von ihrem bewährten Logo, an dem es nicht viel zu meckern gab, wenn wir zehn Jahre zurückschauen:

Aber die NZZaS hat sich wieder erholt.

Der SoBli versucht nun mal was ganz Neues, Altes. Um ihn wie immer noch «ansprechender und moderner zu gestalten».

Zugegeben, es war auch schon schlimmer. Warum aber an dem Markenzeichen der «Blick»-Familie, die knallige weisse Schrift im roten Feld, herumgefummelt werden musste, das Bewährte durch die viel schwächere rote Schrift auf Weiss gekontert werden muss, dass wissen nur Rafi und sein AD, der sich hier selbstverwirklichen durfte.

Das ist das aktuelle Logo des «Blick»:

Das kann man schlecht über die ganze Seite ziehen, zu wenig Buchstaben. Dass man bei seiner Sonntagsausgabe die CI beibehält und halt noch das längere Wort Sonntag dazustellt, macht eigentlich Sinn.

Das wegzuschmeissen ist eigentlich Unsinn.

 

 

 

 

Wumms: Reza Rafi

Der Chefredaktor des «SonntagsBlick» lässt ungeahnte Bildung aufblitzen.

Ob ihm da alle seine Leser folgen können? Schon mit dem Titel seines Editorials begibt sich Rafi ins weite Gelände der nicht allen geläufigen Fremdwörter: «Sehnsucht nach der Disruption». Das versucht er immerhin, im Lead einzufangen: «Donald Trump und Elon Musk bewirtschaften geschickt das Bedürfnis nach einer Neuordnung der Gesellschaft.»

Allerdings ist Neuordnung nicht ganz das Gleiche wie Disruption. Aber item. Dann erinnert er sich gleich am Anfang an einen Film von Mel Gibson aus dem Jahr 2006. In «Apocalyptico», der zu Zeiten der Mayas vor 500 Jahren spielt und in der Originalsprache mit Untertiteln gedreht wurde, unglaublich brutale Szenen enthält und damit endet, dass während einer Verfolgungsjagd am Strand die Eingeborenen die ersten spanischen Schiffe am Horizont auftauchen sehen, erblickt Rafi ein Beispiel für Disruption:

«Das Auftauchen der Eroberer kündigt die brutale Umwälzung des herrschenden Gleichgewichts an – und steht sinnbildlich für einen Begriff, der besonders seit der erneuten Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten als Modewort um den Globus geht: Disruption.»

Wow, das ist mal eine Flughöhe. Aber Rafi hat noch mehr Bildungsgut in seinem Rucksack: «Woher aber kommt dieser Wunsch nach abruptem Wandel, der in der Begeisterung für Trump mitschwingt? Aus einem Gefühl der Schwäche … derselben Sehnsucht, mit der die geknechtete Seeräuber-Jenny in Bertolt Brechts Dreigroschenoper davon singt, dass demnächst ein «Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen» ihre Unterdrücker vernichten wird.»

Im Gegensatz zur sogenannten «Kulturredaktion» des Tagi schreibt er auch den Namen des Stückeschreibers richtig.

Geknechtet? Nun, es sind die Fantasien einer Dienstmagd, aber nicht ganz daneben von Rafi. So spielt er gross auf, sozusagen mit vollem Orchester und Bezügen quer durch die Kunst-, Kultur- und sonstigen Geschichte. Mayas von Gibson, Dreigroschenoper von Brecht, und dann auch noch Trump und Musk, was für ein Bogen.

Da erwartet man als Schlusspointe nichts weniger als ein Feuerwerk, das Klopfen des Schicksals an die Tür wie bei Beethovens Fünfter. Aber leider, leider, nach dem Höhenflug folgt die unsanfte Landung:

«Möglicherweise gibt es lediglich ein Disruptiönchen – weit weg vom weltgeschichtlichen Einschlag durch die spanischen Konquistadoren.»

«Weltgeschichtlicher Einschlag»? Nur ein «Disruptiönchen»? Da fliegt dann doch der Bildungsrucksack ins Lüftchen. Und wieso erwähnt Rafi nicht, dass Disruption eigentlich die Abspaltung der schottischen Freikirche von der schottischen Kirche im Jahr 1843 bezeichnet? Wenn man schon beim Geistreicheln und Bildungversprühen ist, fehlt doch dieser Hinweis schmerzlich.

Also ist Rafi vielleicht doch kein Bildungsbürger, sondern ein Bildungsbürgerchen.

Hoch die Flaschen

Colm Kelleher, UBS-Boss, macht die Bankenaufsicht FINMA zur Schnecke.

Der Ire ist ein mutiger Mann. Denn schliesslich könnte ihm die FINMA die Gewähr entziehen, die Lizenz zum Banking. Täte sie das, wäre er seine Stelle los. Aber das tut sie natürlich nicht, denn die Bankenaufsicht ist wohl die erbärmlichste staatliche Behörde, die die Schweiz hat. Unfähig, devot, zahnlos, gelähmt, ein Master of Desaster.

Dass die FINMA als Aufsichtsorgan über den Schweizer Finanzplatz versagt, ist längst erstellt. Dass sie ein Reihenversager ist, auch. Aber dass der mächtigste Banker der Schweiz in einem Interview im «SonntagsBlick» so über die herzieht, das hat historischen Wert.

Kelleher nimmt – auf Englisch – kein Blatt vor den Mund, was für einen Spitzenbanker erfrischend originell ist. Das war schon bei einem off-the-record-Treffen im kleinen Kreis so, wo er Sachen sagte, die man liebend gerne zitiert hätte.

Aber nun sagt er’s auch offiziell. Zunächst sieht er den Ankauf der Credit Suisse zum Schnäppchenpreis ganz anders: «Im Grunde genommen wickeln wir die CS für die Schweizer Regierung ab.»

Worauf er sich da eingelassen hat, das beschreibt der Boss mit offenen Worten: «In Teilen der Investmentbank der Credit Suisse gab es Cowboys, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren. Wir sahen, dass einige der Geschäfte, die sie tätigten, für die Bank keinen Sinn ergaben.»

Aber das war noch nichts gegen das völlige Versagen der CS-Führung, die Kelleher schonungslos geisselt:

«Am 12. Juni 2023, als UBS erstmals die volle Kontrolle über die CS hatte, habe ich mir die Briefe der Finma an den CS-Verwaltungsrat angesehen. Ich war – diplomatisch gesagt – sehr erstaunt. … Die Tatsache, dass die Credit Suisse diese Briefe erhielt und nichts oder zu wenig unternommen hat, ist unfassbar.»

Und die FINMA tat nichts dagegen – ausser Briefe schreiben.

Und wann fing das Elend der CS an? «Seit 2015 war es für mich offensichtlich, dass die Credit Suisse als eigenständiges Unternehmen nicht mehr überlebensfähig sein wird. Ihre Zukunft lag damals in meinen Augen in der Fusion mit einer anderen Bank. Ab Oktober 2022 bestand ihre Zukunft aus meiner Sicht nur noch in einer Notrettung. Ich verstehe also nicht, warum man acht Jahre gewartet hat, wenn ab 2015 die Warnzeichen da waren

Er sagt’s noch klarer: «Ich kam im März 2022 zu UBS. Wir waren wirklich besorgt, dass etwas passieren könnte. Wenn also wir uns Sorgen gemacht haben, warum dann nicht auch andere

Schon nach einer persönlichen Begegnung sagte ZACKBUM-Autor René Zeyer zu Kelleher, dass er sich nun viel beruhigter fühle. Das war nicht nur ironisch gemeint. Natürlich outet sich Kelleher auch in diesem Interview als strikter Gegner von starken Kapitalerhöhungen, was für einen Banker normal ist. Echtes Eigenkapital liegt bloss rum und kriegt keine Junge, eine Horrorvorstellung für jeden Finanzmenschen.

Aber seine Kritik an den haltlosen Zuständen innerhalb der CS, die offensichtlich die ganze Amtszeit des Oberversagerrats Urs Rohner andauerten, ist von entlarvender Brutalität. Und sogar mit der Bankenaufsicht, die eigentlich Herrin über ihn ist, legt sich Kelleher mit offenen Worten an.

Natürlich besteht er darauf, dass die Fehlentscheidungen im VR und in der GL der CS gefällt wurden, wo hochbezahlte Nieten gebannt auf ihren Bonus starrten – und eine Fehlentscheidung nach der anderen trafen.

Sie frisierten die Bücher dermassen, dass die US-Aufsichtsbehörden die Verschiebung eines Quartalsberichts erzwangen. Sie kassierten Milliarden-Boni für Milliardenverluste. Unter ihrer Verantwortung wurde das korrupte Entwicklungsland Mozambique in den Staatsbankrott getrieben. Die CS wusch Drogengeld der bulgarischen Mafia. Einem vorbestraften Finanzjongleur warfen sie Milliarden hinterher, ebenso einem flott schwätzenden Errichter eines Schneeballsystems namens Greensill. Dabei ruinierte die CS noch ihren Ruf bei vermögenden Anlegern, denen sie dieses windige Konstrukt schmackhaft machte.

Wenn laut Kelleher seit 2015 alle Alarmzeichen sichtbar waren, wieso taten dann Bankenaufsicht und Politik nichts? Wenn er sich schwere Sorgen machte und als erste Amtshandlung bei der UBS eine Arbeitsgruppe ins Leben rief, die sich mit dem möglichen Grounding der CS befasste, wieso tat das sonst niemand? Wieso tat das die FINMA nicht?

Worauf in den Interview gar nicht eingegangen wird: nach dieser Kette von Versagen setzte die FINMA noch ein letztes Glanzlicht, indem sie auf Geheiss des Bundesrats 17 Milliarden Dollar Wandelanleihen, sogenannte Tier 1 Bonds, auf null abschrieb. Damit lädierte die FINMA den Ruf des Finanzplatzes Schweiz zusätzlich und löste eine Prozesslawine aus, unter der der Schweizer Steuerzahler dereinst begraben wird.

Die Flaschen bei der CS sind wenigstens aussortiert und können ihre unverdienten Millionen geniessen. Aber bei der Bankenaufsicht FINMA sind immer noch die gleichen Personen an der Spitze. Es wäre fahrlässig, sie dort zu belassen.

Das Schweigen der Belämmerten

Israel ist ein heikles Thema. Zu heikel für viele Medien.

Es gibt Dumpfbacken, für die sind die Israelis schlichtweg «die Guten». Die dürfen dann auch alles Böse machen. Für andere ist jeder, der die Kriegsverbrechen Israels im Gazastreifen kritisiert, ein Antisemit. Die denunzieren sogar ein Model mit palästinensischen Wurzeln so massiv, dass ein Sportschuhhersteller es aus seiner Kampagne entfernt.

Wer Israel kritisiert, dem wird unterstellt, er legitimiere damit den barbarischen Überfall fundamentalistischer Wahnsinniger auf die Zivilbevölkerung und Besucher eines Musikfestivals.

Aber neben der Schlachterei im Gazastreifen gibt es noch ein weiteres Thema, um das viele nur auf Zehenspitzen herumtänzeln. Die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten. Erschwerend kommt gerade hinzu, dass der Rücktritt von Joe Biden von der Präsidentschaftskandidatur so ziemlich alle Ressourcen bindet.

Da kann ein klares Urteil des Internationalen Gerichtshofs (IGH) doch glatt untergehen. Das höchste Gericht der UNO hat mit klaren Worten die Besetzung und Besiedelung palästinensischer Gebiete scharf verurteilt.

Lediglich der «SonntagsBlick» zitiert die Worte des «Gerichtspräsidenten Nawaf Salam (70): «Der Staat Israel steht in der Pflicht, seine unrechtmässige Anwesenheit in den besetzten palästinensischen Gebieten so schnell wie möglich zu beenden.» Insbesondere die Siedlungspolitik wird als klar rechtswidrig verurteilt, Israel müsse die rund 700’000 Siedler in den besetzten Gebieten zur Rückkehr auffordern.

Die Zerstückelung dieser Gebiete, die ungesühnten Verbrechen israelischer Siedler, die sich mit Mord und Totschlag unliebsamer Mitbewohner entledigen, all das ist ein trübes Kapitel israelischer Politik. Wie üblich verblendet reagierte der israelische Ministerpräsident Netanyahu, den bekanntlich nur die Immunität seines Amtes vor einem Knastaufenthalt bewahrt:

«Das jüdische Volk ist kein Besatzer in seinem eigenen Land. Keine Fehlentscheidung in Den Haag wird die historische Wahrheit verfälschen, sowie die Rechtmässigkeit der israelischen Siedlungen auf dem gesamten Gebiet unserer Heimat nicht angefochten werden kann.»

Der SoBli weist auch mutig auf die Frage hin, wie sich denn die offizielle Schweiz verhalten soll, deren Position eigentlich genau diesem Gutachten des IGH entspricht. Er zitiert einen «erfahrenden Diplomaten», natürlich anonym: «Cassis steht für Doppelmoral. Gegenüber Russland hält er das Völkerrecht hoch und ergreift sogar Sanktionen. Gegenüber Israel unterstützt er bislang das Gutachten des IGH nicht mit Nachdruck».

Überlebenskampf, Existenzkampf, die einzige Demokratie im Nahen Osten, umgeben und bedroht von Diktaturen oder von islamischen Wahnsinnigen. Neben Antisemitismus sind das die Totschlagargumente, mit denen jede Debatte über Selbstverschulden oder über mögliche Auswege niedergemacht werden.

Dabei ist es völlig klar, dass nur eine wie auch immer geartete Zweistaatenlösung die Chance auf Frieden verspricht. Dass Israel von Amokläufern umgeben ist, darf doch keine Entschuldigung dafür sein, selbst auch Amok zu laufen. Israel kann die Hamas nicht vernichten, und das ist nur der kleine Bruder der Hetzbolla, und die wiederum sind nur die Zöglinge Irans.

Dass islamische Fundamentalisten keine tragfähige Lösung für die Zukunft haben, ist eine Sache. Dass Israel auch keine hat, ist die andere, viel schlimmere. Dass ein Land, das Atomwaffen besitzt, nicht völlig besiegt werden kann, ist eine triviale Erkenntnis, die sowohl auf Russland wie auf Israel zutrifft. Darum herum zu eiern, bringt überhaupt nichts. Wobei die Gefahr im Nahen Osten viel grösser ist als in der Ukraine.

Da sich Israel mit seiner Invasion des Gazastreifens – ohne die formulierten Kriegsziele auch nur ansatzweise zu erreichen – immer mehr ins Eck manövriert und an internationaler Unterstützung verliert, ist hier die Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen ungleich höher als in der Ukraine. Und offenbar müssen die von der Gegenseite bald nicht mehr aus Pakistan importiert werden, sondern der Iran ist selbst zur Herstellung in der Lage.

Damit wäre dann Israel nicht mehr der Hegemon als alleiniger Besitzer; der Nahe Osten wird vom Pulverfass zum atomaren Pulverfass.

 

Was macht der SoBli ohne Attentat?

Dass Printprodukte gedruckt und distribuiert werden müssen, ist manchmal schon blöd.

Daher wirkt das Cover (wie natürlich bei der NZZaS und der Sonntagszeitung auch) ziemlich aus der Zeit gefallen:

Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Idee einer «Reise durch das Hinterland der USA» nun so einen Bart hat. Daran versuchte sich schon Claas Relotius mit zweifelhaftem Erfolg. Fast noch schlimmer war die Start-Reportage der «Republik», als zwei Jungjournalistinnen fast so viel über ihre eigenen Bauchnabel wie über ihre Reise schrieben. Und vieles davon ebenfalls nicht korrekt war.

Nun also Peter Hossli. Der lässt sich unerschrocken in einem Coiffeursalon für Schwarze abbilden. Ob noch jemanden seine Haarspaltereien interessieren? Unfreiwillig komisch ist auch das Editorial von Reza Rafi: «In Wirklichkeit betrachten wir in den USA das Wirken einer freien Demokratie: Spitzenpolitiker werben um die Gunst des Souveräns». Na ja.

Bildung ist beim SoBli so eine Sache. Da kommentiert der «Bundeshausredaktor» Raphael Rauch mit dem Holzhammer: «Die Fälle Schauspiel und Bührle machen deutlich: Zürichs Kulturpolitik ist gaga». Aber schon mit seinem ersten Satz wird’s dada: «Für Bertolt Brecht war das Theater eine moralische Anstalt.» Das ist nun ziemlich gaga, denn vielleicht meint Rauch die Rede von Friedrich Schiller: «Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet». Die stammt allerdings von 1784, während Brecht doch ein wenig später lebte.

Und mehr so an ein episches Theater dachte, aber das zu erklären, das würde hier zu weit und Rauch sicherlich in Wallungen treiben. Aber es ist eine der vielen kulturbanausischen Peinlichkeiten des modernen Journalismus.

Gut hingegen die Abrechnung mit den Gaga-, Pardon, Baba News. Die fielen durch ruppige Meinungen über den Nahen Osten auf. Das ist erlaubt. Dass sie sich dann lautstark beschwerten, dass man das nicht mit Steuerfranken subventioniere, war dann etwas kindisch.

Nun zeigt aber eine weitere Stornierung von Steuergeldern das ganze Elend dieser Plattform, einstmals ein bejubeltes Vorzeigeprojekt für linke Gutmeinende.

Das ist nun nassforsch, aber der Reihe nach. «Content-Stopp» nennen die Macherinnen, was auf Deutsch heisst: Ende Gelände, in wenigen Tagen ist Schluss. Weil keine Kohle mehr da ist. Das wiederum liegt daran, dass es nicht genügend zahlungswillige Leser gibt. Der Grund ist aber auch, dass die «Fachstelle für Rassismusbekämpfung» entschieden hat, Baba News nicht 40’000 Franken für ein «Online Seminar» reinzuschieben.

Damit wollte Baba News Lehrer und Schulen für Hassrede und Rassismus sensibilisieren. Aber offensichtlich war das Gesuch dermassen schludrig abgefasst, dass keine pädagogische Expertise zu erkennen war. Wobei interessant bleibt, dass Baba News auf diese Weise schon in der Vergangenheit massig Kohle kassierte; insgesamt 68’500 Franken.

Noch toller ist aber, dass die Macherinnen behaupten, «politischer Druck» sei ausschlaggebend für den negativen Entscheid gewesen. Das habe man ihnen telefonisch mitgeteilt. Über mangelnde fachliche Qualifikation schweigen die Baba News.

Fabian Eberhard vom SoBli hat bei der Chefredaktorin Albina Muharti nachgefragt, wieso diese Begründung verschwiegen werde. Saukomische Antwort: Da Baba News die staatliche Stelle nicht namentlich genannt habe, die den «Finanzierungsantrag ablehnte, könne man nicht auf die Fragen vom SonntagsBlick eingehen».

Das ist nun wirklich zum Totlachen. Journalistinnen, die sich dermassen kindisch und unprofessionell verhalten, wenn man sie dabei ertappt, ein sehr selektives Verhältnis zur Wahrheit zu haben, haben wirklich und definitiv keine Steuerfranken verdient. Dass es nicht einmal genügend zahlungswillige Konsumenten gibt, bedeutet dann schlichtweg das Aus.

Das ist nicht schade. Das ist fort  mit Schaden.

Kafka hätte was draus gemacht

Aber er ist vor hundert Jahren gestorben, und seither ist die Welt ärmer.

Zunächst werfen wir einen Blick in den Zuschauerraum des «SonntagsBlick»:

Wer das als buntes Bilderblatt aufs Cover setzt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Pst, wir schleichen uns auch ganz leise raus und werfen einen Blick auf die NZZamSonntag. Was labt da das Auge?

Nun ja. Zunächst: Weiss auf Hellgrau und Orange, das kann vor allem der ältere Mitbürger auch ohne Sonnenbrille schwer lesen. «So werden Sie am sorglosesten Silver-Ager», das soll wirklich eine Aufmacherstory für die NZZaS sein?

Dann verschwendet Die NZZaS fast zwei Seiten auf die Frage «Warum machen wir nicht einfach mehr Schulden»? Vielleicht, weil’s blöd wäre? Weil man sie zurückzahlen muss? Weil es bei steigenden Zinsen mehr Schuldendienst gibt?

Dann aber wirft Andreas Mink, New York, einen ganz neuen Aspekt in die Wahldebatte: «Die Hoffnung der Demokraten, von Trumps Verurteilung zu profitieren, trügt. Viel wichtiger ist für Joe Biden der Preis eines Big Mac.» Das organisierte Erbrechen entscheidet die Präsidentschaftswahl, so weit sind wir gekommen.

Aber immerhin, ««Milei ist nicht verrückt» – sagen Schweizer in Argentinien». Das ist beruhigend, und wenn es erst noch Schweizer sagen, dann muss es doch wahr sein.

«Das Kauen des Krieges», das ist eine etwas gewagte Titel-Alliteration. Des Rätsels Lösung: Sudan ist einer der grössten Exporteure des Safts des Akazienbaums, mit dem Kaugummi hergestellt werden – und womit der grausame Bürgerkrieg dort finanziert wird.

Endlich mal Lebenshilfe at its best; zum Ausschneiden und Aufbewahren:

«Nichtbinär, trans, queer . . . Wie bitte?
Lexikon
Queer: Ist ein Überbegriff für Menschen, deren Geschlechtsidentität und Begehren nicht der Norm entsprechen. Der Begriff wird als positive Selbstbezeichnung verwendet.
LGBTQ: Steht für lesbisch, gay (schwul), bisexuell, trans und queer.
Nichtbinär: Sind Menschen, die sich weder ausschliesslich als Frau noch ausschliesslich als Mann identifizieren. Bekannte nichtbinäre Personen sind ESC-Star Nemo und die Autorenperson Kim de l’Horizon.
Trans: Bezeichnet Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
Intergeschlechtlich: Steht für Menschen, deren Körper bei der Geburt nicht eindeutig den Kategorien «Mann» und «Frau» zugeordnet werden kann.
Agender: Bezeichnet Menschen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen.
Flinta: Steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen.
Tina: Ist die Abkürzung für Transmenschen, intergeschlechtliche, nichtbinäre und agender Personen.»

Hier bekommt der Begriff Idiotikon eine ganz neue Bedeutung.

Für einen seltenen kulturellen Tiefpunkt in der NZZaS sorgt der deutsche Autor Björn Hayer. Er nimmt sich als Zeitgeistsurfer der Frage an: «War der gefeierte Franz Kafka womöglich ein Frauenfeind?» Dafür zitiert er die naheliegenden und einschlägigen Stellen aus dessen Romanfragmenten, alleine der Name «Fräulein Bürstner», also wirklich.

Und dann dreht er aus der Erwähnung Kafkas, dass in der Einleitungszene vom «Prozess» auf dem Waschtisch der Hauptfigur ein Apfel liegt, eine veritable Locke auf der Glatze:

«Zum einen lässt sich die gesamte Szenerie – die Anspielung auf das Rotlichtetablissement, der Apfel als Symbol für den Sündenfall, die vermeintliche Promiskuität der Frau – als Reinszenierung einer durch weibliche Verführungskraft ausgelösten Verbannung aus dem Paradies lesen; zum anderen kommt Kafkas besonderes Sexualitätsverständnis zum Tragen, das sich in dieser Szene mehrfach bildlich verdichtet und in einem Hygienefetisch zum Ausdruck kommt

Und auch aus dem «Schloss» extrahiert Hayer: «Hinein in dieses Metaversum, das für Gott oder Werte wie Gerechtigkeit stehen könnte, gelangt man offenbar nur durch den Sex mit den Frauen.» Tja, wenn man «Vor dem Gesetz» nicht gelesen hat oder um der These willen einfach weglässt …

Nun ist über Kafka, das macht den Autor so unsterblich, bereits so ziemlich alles und auch dessen Gegenteil gesagt worden, ohne dass man die hermetisch geschlossenen Räume seiner Dichtkunst gänzlich erforschen konnte.

Da gibt es ein Meer von intelligenten Interpretationen, von Klaus Wagenbach aufwärts und abwärts. Aber so etwas Dümmliches gibt es eher selten. Um zu seinen flachen Thesen zu gelangen, muss Hayer zudem den riesigen Briefwechsel auslassen, den Kafka mit seinen Geliebten Milena und Felice unterhielt, und in denen erschöpfend und ausführlich sein Verhältnis zu Frauen von ihm selbst dargestellt und interpretiert wird. Ebenso in seinen «Tagebüchern».

Am Schluss rudert Hayer dann noch von seiner Fragethese zurück: «Ist der regelmässige Bordellbesucher Kafka also ein Frauenfeind? Obwohl die Etikette naheliegt, wäre dieser Schluss voreilig.» Was denn nun? Eine genderdebattenkompatible Frage, längst abgelutschte Textbeispiele, und am Schluss Rückzug auf ganzer Linie.

Man kann selbst über den faszinierenden, bannenden, nie zu Ende lesbaren Kafka Brunzlangweiliges absondern. Wenn man’s darf. Wieso das allerdings die NZZaS zulässt? Ein geradezu kafkaeskes Rätsel.

Wenn eine Liebe zerbricht

Die «Blick»-Familie mag DJ Bobo nicht mehr. Warum bloss?

Vor zehn Jahren hing der Himmel noch voller Geigen:

«Die «magischen Momente vor der Show», sülzte der «Blick». Damals war die Welt zwischen dem klebrigen Zuckerbäcker und dem Boulevard noch in Ordnung. Damals gab es ja auch noch eine Sex-Kolumne.

Auch beim «SonntagsBlick» war zwei Jahre später keine Beziehungskrise erkennbar:

Ohne Rücksicht auf die Gefühle der Leser servierte das Blatt einen wiederauferstandenen Bobo, was sicher nicht alle eine gute Nachricht fanden. Aber genügend viele, denn Bobo (Spanisch für Trottel) ist einer der erfolgreichsten Schweizer, nun ja, Musiker. Nicht zuletzt, weil er das Image des bescheidenen, aufrechten, anständigen Normalo pflegt und hätschelt, des vielleicht etwas bünzligen, aber senkrechten Eidgenossen, der niemals für niemanden ein böses Wort hat. Von Taten ganz zu schweigen.

Und jetzt das:

Und das:

Eine Hinrichtung des «Systems Bobo». Zuerst das Lob: «So anständig. So normal. So harmlos. Mit diesen helvetischen Tugenden ist der Sänger so beliebt wie kaum ein anderer.» Dann die Zerlegung in Scheibchen: «Wie sehr sein Saubermann-Image täuscht, wird den Schweizern mit dem Musical «Last Night a DJ Took My Life» gerade öffentlich vorgeführt.» Die Sängerin Lori Gloris über den Tisch gezogen. Ihre Stimme wird von René Baumanns Frau Nancy bei den Shows lippensynchronisiert. Nicht nur bei ihr, auch bei anderen habe sich Bobo unziemlich bedient, Weggefährten übel rausgedrängt, überhaupt sei er ein knallharter Geschäftsmann, ein mieser Musiker:

«Künstlerisch anspruchslos trifft es auch: Bobo kann weder Noten lesen, noch beherrscht er ein Instrument.»

Anständig auch nur in Grenzen: «Bobo war der Erfolg mehr als einmal wichtiger als Integrität. Der Refrain seines ersten Hits ist geklaut. Nach einem Vergleich muss er für jede Platte Tantiemen in die USA zahlen. Später gab es Vorwürfe, sein Berater habe für einen Preis bei den Verkaufszahlen geschummelt.»

Der Artikel enthält eine ganze Liste von Personen, die Bobo auf die eine oder andere Art übervorteilt haben soll. Und das Bild vom einfachen Mitmenschen stimme auch schon lange nicht mehr:

«Der Superstar gibt sich in den Medien als «Bünzli», Familienmensch, Normalo. Dabei hat sein Leben schon lange nur noch wenig damit zu tun: Seit 2008 lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern in einer Villa im luzernischen Kastanienbaum – samt Indoor-Schwimmbad und privater Badewiese am See. Die Winter verbringen sie im Zweitwohnsitz in Miami, Florida.»

Was ist da in Ringier gefahren, dass Lisa Aeschlimann und Katja Richard eine solche Hinrichtung durchführen dürfen? Sie wurde schon angewärmt mit einer tränenreichen Story über die Sängerin Lori Gloris, die meinte, eine Quittung zu unterschreiben, dabei aber alle Rechte abtrat.

Nun aber, wenn schon, denn schon. Das Ein-Mann-Investigativteam Fabian Eberhard darf dem DJ in einem Editorial noch den Todesstoss versetzen. Er sei ein Fan gewesen, «dafür schämen muss man sich ja eigentlich nicht», behauptet Eberhard wahrheitswidrig.

«Den Refrain seines grössten Hits «Somebody Dance with Me» hat er schamlos abgekupfert, einige seiner Sängerinnen kämpften jahrelang um Anerkennung und Geld», meckert dann auch er, «René Baumann war stets vor allem eines: ein knallharter Geschäftsmann». Nun werfe der SoBli «einen lesenswerten Blick hinter die Kulissen des Phänomens DJ Bobo– kritisch, aber fair». Das dürfte zumindest Baumann etwas anders sehen.

Und was sagt der? Nichts, kein Kommentar, keine Stellungnahme. Das wird nun interessant: hat die «Blick»-Familie noch die Kraft, das klassische Boulevard-Ding durchzuziehen? Hochjubeln, nah begleiten – niederschreiben, ausbuhen. Der knallharte Geschäftsmann Baumann traut es dem «Blick» nicht mehr zu und will die Kampagne einfach aussitzen. ZACKBUM ist gespannt.