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Habermas im SoBli

Manchmal fehlen auch ZACKBUM die Worte.

Man muss es sehen, um es zu glauben:

Kennt Corine Mauch Habermas?

Reza Rafi, der Mann fürs Grobe beim SoBli, zitiert wirklich einen Buchtitel von Jürgen Habermas?

Darf man demnächst eine Einführungskurs in den herrschaftsfreien Diskurs und eine Zusammenfassung der beiden Bände der «Theorie des kommunikativen Handelns» des deutschen Soziologen und Philosophen erleben?

Man wäre einen Moment lang versucht, dem SoBli und Rafi eine vorher ungeahnte intellektuelle Fallhöhe zuzugestehen.

Aber der SoBli will seine Leser nicht unangenehm überraschen, daher begibt sich Rafi wieder auf seine gewohnte Flughöhe: «Jakob Tanner, Historiker und Ex-Mitglied der Bergier-Kommission, betont, dass zwingend auch die Geschichte der Provenienzforschung untersucht werden müsse. «Viele der impressionistischen Gemälde, die in der Bührle-Sammlung hängen, hatten jüdische Vorbesitzer. Das wurde bisher viel zu wenig beachtet.»»

Echt jetzt? Nichts wurde bisher mehr beachtet, untersucht und für unbedenklich befunden. Daher ist jeder Journalist, der Tanner einen solche Unfug unwidersprochen sagen lässt, jenseits von Faktizität und Geltung.

 

 

 

 

 

Hilfe, mein Papagei onaniert: Drei mal drei

Wir versuchen es mit einem Sonntagsdreisprung. Anders lässt sich das nicht darstellen.

Drei Sonntagszeitungen, drei ausgewählte journalistische Papageienstücke. Wer dafür noch Geld ausgibt, ist selber schuld.

Erster Dreisprung: Die «SonntagsZeitung»

Wir beginnen mit dem Qualitätstitel aus dem Hause Tamedia. Aus dem ersten Bund haben wir die informativste Seite ausgewählt:

Guter Titel, knackiger Text, schön illustriert.

Oh, Pardon, ich werde gerade darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um ein Inserat handle. Na und? Alles andere kann man überblättern. Damit kommt man ohne Umwege zum zweiten Teil, dem «Fokus». Hier darf die «bekannte Psychiaterin Heidi Kastner» das Wort ergreifen und lange nicht mehr loslassen. Sie äussert sich zum durchaus spannenden Thema «Dummheit». Wahrlich eine Geissel der Menschheit. Was kann da aus berufenem Mund erklärt werden?

Wer ist Ihrer Meinung nach die dümmste Person der Weltgeschichte? «Da ist die Auswahl so gross, dass mir die Antwort schwerfällt. Aber Hitler wäre ein guter Kandidat.»

Echt jetzt; der Jahrhundertverbrecher Hitler war dumm wie Bohnenstroh? Eine kühne These. Dermassen disqualifiziert geht es im Sauseschritt zum eigentlichen Grund, wieso man der Fachkraft einen Auftritt schenkt. Richtig geraten? Natürlich, die Corona-Leugner kommen nun dran, zunächst mit ihrem dümmlichen Beharren auf Eigenverantwortung: «Ich schaue nur für mich selbst und nicht für die anderen. Das kann nur funktionieren, wenn ich als Eremit irgendwo völlig isoliert in einer Höhle lebe.»

Das ist zwar nicht unbedingt die Definition des Begriffs, aber was soll’s, noch ein Ausfallschritt, und wir sind am Ziel: «Aber sobald ich in einen grösseren sozialen Kontext eingebettet bin, ist dieses Unwort der Eigenverantwortung einfach ein völliger Blödsinn. Die Corona-Pandemie ist unglaublich ergiebig für das Thema Dummheit.»

Weil die SoZ der Intelligenz ihrer Leser auch nicht so traut, stochert sie nochmal nach:

Der Corona-Impfgegner ist also dumm? «Zu diesem Schluss muss man kommen. Es gibt Fakten und blöde Positionen, die die Fakten ignorieren. Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen.»

Den letzten Satz könnte Interviewer und Interviewte durchaus auch mal auf sich selbst anwenden.

 

Markus Somm über ein Buch von Markus Somm. Mit Markus Somm.

Das sagen wir ohne Neid: Wer Kolumnist in der SoZ ist, geniesst gewisse Privilegien. Früher war es mal Brauch, dass ein Buch, gerade wenn es von einem Mitarbeiter stammt, fremdrezensiert wird. Um jeden Geruch der Parteilichkeit zu vermeiden. Aber wenn die Literaturchefin Nora Zukker heisst, geht das natürlich nicht. Also durfte Markus ein Buch von Somm vorstellen. Überraschungsfrei ist er zum Ergebnis gekommen, dass es sich um ein durchaus lesenswertes, interessantes und originelles Werk handelt.

Allerdings: um das zu behaupten, muss er die Existenz eines Standardwerks zu diesem Thema ausblenden: Joseph Jung hat mit «Das Laboratorium des Fortschritts» diese Frage bereits 2019 erschöpfend beantwortet. Mit einem 676 Seiten umfassenden Wälzer, erschienen bei NZZ Libro. Glänzend geschrieben, umfangreich illustriert, leserfreundlich in 5 voneinander unabhängig lesbare Kapitel aufgeteilt. Blöd gelaufen für den Historiker Somm. Aber was der SoZ-Leser nicht weiss, macht ihn nicht heiss. Oder sagen wir so: erzähl’s noch einmal, Somm.

Zweiter Dreisprung: der «Sonntagsblick»

Ganze sieben Seiten widmet der SoBli dem Thema, das seinen Lesern inzwischen aus allen Körperöffnungen hängt. Wie verzweifelt muss der Blattmacher sein, wenn er das zur Coverstory eines Boulevardblatts macht?

Die sogenannte Typolösung eines Bilderblatts.

Und was erzählt uns das Organ über Corona? Nein, wir nehmen hier noch Rücksicht auf unsere Leser. Bitte, gern geschehen.

Das gilt dann auch für die Seiten 12 bis 15:

Schmidt sprachlos: selten, aber kommt vor.

Wie schlimm es um die Corona-Krise bestellt ist, beweist indirekt auch der grosse Satiriker Harald Schmidt. Ausser, dass die Deutschen mit Maske besser aussähen, fällt selbst ihm kein lustiger Spruch mehr zu diesem Thema ein. Aber das ist ja nur die Einleitung zur letzten Seite des Interviews:

Auch hier: gute Illustration, knackiger Titel, informativ.

Ach nein, peinlich, schon wieder reingefallen, das ist ja ein Inserat. Also bezahlter Content, der nun überhaupt nichts mit dem unbezahlten, aber die gleiche Meinung vertretenden Content zu tun hat. Auf den sind natürlich die Redaktoren in aller staatlichen Unabhängigkeit selbst gekommen. Zufall auch, dass er mit der staatlichen Meinung übereinstimmt.

Das war noch kein Dreisprung, einer geht noch:

Partys, an denen Urs Rohner teilnimmt, sollte man meiden.

Hier gilt das Gleiche wie bei Somm über Somm: SoBli by Ringier findet «Interview by Ringier» fabulös.

Dritter Dreisprung: NZZaS

Während Ringier über Kunst redet, macht die alt-junge Sonntagstante Kunst:

Künstlerin und Werk: mal was Neues von der Falkenstrasse.

Wie sagte Karl Valentin so unsterblich wie richtig:

«Wenn’s einer kann, ist’s keine Kunst. Kann’s einer nicht, ist’s auch keine

Wir können uns schwer entscheiden, welche Aussage auf die NZZaS zutrifft.

Aber immerhin, der Inhalt bleibt von dieser Kunstaktion weitgehend unbeschädigt. Auch hier wird mutig Neuland betreten. Denn wann gönnt schon mal ein Organ dem Chef eines Konkurrenten den grossen Auftritt?

Davon träumt Frank A. Meyer sein Leben lang: grosses Interview mit Foto in der NZZaS.

Ach, und der Inhalt des Interviews mit Ringier-CEO Marc Walder? Wir wiederholen uns: das Befinden unserer Leser ist uns wichtig.

Schliesslich, wieso muss Kunst selbsterklärend sein, darf die Künstlerin erzählen, was sie uns mit ihrer Kunstaktion sagen will:

Diesen Forderungen können wir uns natürlich nur anschliessen, auch wenn wir uns keine Kunstaktion von Jenny Holzer leisten können. Aber wenn sie mal lustig ist: be our guest, we publish almost everything …

 

Es darf immer noch gelacht werden

Slapstick, Heiterkeit und Gelächter. SoBli und NZZaS laden nach und ein.

Auch der SoBli kämpft mit Verzweiflung und Themenleere. Was macht man in der Not? Genau, man schmeisst sich ran:

Das Blatt mit dem Regenrohr schüttet Sympathie aus.

Fertig geklatscht, jetzt wird in die Hände gespuckt; der aus den wohlverdienten Ferien wieder aufgetauchte Chefredaktor Gieri Cavelty weiss:

«Am 28. November sagen Herr und Frau Schweizer hoffentlich mit überwältigendem Mehr Ja zur Pflegeinitiative.»

Das ist eine gefährliche Ansage, denn Cavelty liegt eigentlich meistens falsch mit dem, was er schreibt.

Die schreibende Brille wagt eine Prognose.

Dann widmet der SoBli 18 Seiten dem Thema Pflege. Ach, nein, es sind nur 8, aber wirken tun sie wie eine 180-seitige Schlafpille.

Bloss eine Doppelseite verbrät der SoBli zur Tragödie um Alec Baldwin. Das Problem dabei: es gibt nichts Neues. Nix, null, nada. Nicht mal neue Fotos. Rehash nennt das der Journalist, neu gemixt, gehackt, aufgewärmt und als frisch serviert.

Kann wenigstens der SoBli mal ernst werden?

Jetzt wissen wir, was uns gefehlt hat: Biowindeln.

War ein Versuch, aber war nicht gelungen. Dafür gibt’s noch mehr Polit-Slapstick:

Endlich: lechts und rings vereint gegen den Staat und überhaupt.

Ja Schreck lass nach; die sonst immer auf der richtigen weil linken, weil guten Seite stehende Sibylle Berg hat schon Freund und Feind verblüfft, indem sie sich für das Referendum gegen das Covid 19-Gesetz aussprach. Und jetzt noch das. Antifa und Trychler knutschen sich ab? Funiciello und Martullo Blocher tauschen Tipps für Kleider in Übergrössen aus? Das Ende ist nahe.

Aber vorher darf Bundespräsident Guy Parmelin noch ein Interview geben. Das Schöne daran: es ist nur eine halbe Tabloid-Seite lang. Das genauso Schöne: der Inhalt ist völlig belanglos. Sonst was los auf der Welt? Ach ja, «China greift nach Taiwan», sagt irgend ein «Senior Fellow» in New York, und der SoBli serviert den kalten Kaffee brühwarm. Vergisst aber darauf hinzuweisen, dass in einer chinesischen Provinz ein netzartiges Aufbewahrungsgefäss mit körnigem Inhalt sich von der Vertikalen in  die Horizontale verlagert hat.

Auch hier noch ein Absackerchen:

Bald gehen die Lichter aus (was beim SoBli schon passiert ist).

Endlich, die Schuldigen an der kommenden Energiekrise sind gefunden. Wir alle, wer denn sonst.

Der NZZaS hatten wir bereits letzte Woche einen Zweiteiler gewidmet. Da wäre unfair, das zu wiederholen. Also nehmen wir uns doch diesmal «Das Magazin» zur Brust. Allerdings macht’s einem das Cover schon mal nicht leicht. Britney Spears, Vegi-Wein und Schülermagazin, das ist das NZZ-Niveau?

Das NZZ am Sonntag Schülermagazin.

Was schlecht anfängt, kommt selten dann hinten hoch. Selbst Christoph Zürcher, dem es Mal für Mal gelingt, das Diktum von Karl Kraus mit Leben und Inhalt zu füllen, einen Feuilletontext zu schreiben bedeute, auf einer Glatze Locken zu drehen, findet diesmal keine Locke. Will man dann wissen, zu welchen Selbstbetrachtungen Fabian Cancellara fähig ist? Fabian who? Also bitte, der Radprofi, der ungedopte Strassenhero, der Mann, der’s in den Beinmuskeln und eigentlich nur dort hat.

Was macht selbst eine hochkarätige Redaktion mit lauter Geistesriesen, vielleicht auch Scheinriesen, wenn ihnen gar nix einfällt? Genau, sie gibt einer Gymiklasse die Aufgabe, ein paar Aufsätzchen zu Themen von allgemeiner Wichtigkeit zu schreiben. So Liga «Gerechtigkeit, Stil, Natur oder Sexismus.»

Da wohl noch niemals ein paar Seiten so schnell überblättert wurden, braucht’s nun einen sogenannten Stopper:

Stopp, wo ist das Niveau geblieben?

Voilà, man fühlt sich gestoppt. Allerdings: Was soll das? Eine offenbar ältere Dame hält ein merkwürdiges Plakat hoch, auf dem man mühsam «Free Britney» entziffern kann. Dann widmet sich Henriette Kuhrt, sonst für Stilfragen zuständig (geht Schuhe ohne Socken im Büro?), dem Thema Britney Spears. Viele Worte. Null neue Worte. Auf sechs Seiten. Aber das Layout hatte ein Einsehen mit dem Leser. Die Mittelspalte besteht fast immer aus Fotos. Und drei Seiten ausschliesslich. Danke.

Wir kommen zu unserem Liebling, der Seite «Konsumkultur». Diesmal werden hier Cashmere-Socken angepriesen. Kosten schlappe 98 Euro (ja, für zwei) und man sollte sich gleich einen Stapel zulegen: was nicht in der Wäsche eingeht, geht schnell im Schuh kaputt.

Aber da tröstet vielleicht eine «Tiffany Eternity-Uhr» mit ein paar Brilläntchen. Kostet nur schlappe 28’000 Franken aufwärts, wäre doch ein nettes Weihnachtsgeschenk.

Dann durfte Christoph Zürcher das «Hyatt» am Flughafen anschauen, das nicht gerade von Gästen überflutet wird. Nun ist der Charme eines Flughafenhotels überschaubar und seine Zweckbestimmung eigentlich nur, Durchreisenden kurzzeitig Beherbergung anzubieten. Aber ein geschickter Schwurbler wie Zürcher zwirbelt hier ein paar dünne Haarsträhnen zu Locken. Es bleibt aber eine Glatze darunter sichtbar.

Dann kümmert sich Schreibkraft Kuhrt noch um dringende Fragen des Lebensstils. Soll man noch die Türe aufhalten? Ja. Wann sagt man Gesundheit, und bringt’s Permanent-Make-up? Jein. Schliesslich schiesst Zuza Speckert das «Magazin» noch zu einem letzten Höhepunkt in die intellektuelle Stratosphäre: wer ist wo mit einem Weinglas in der Hand rumgestanden und war in der Lage, fröhlich-wichtig in die Kamera zu glotzen? Adabeis nennt man solche Leute in München. Gilt auch für Zürich und ist eines NZZ-Magazins unwürdig.

Hilfe, mein Papagei onaniert!

Zur Erinnerung: das war ein Titel aus der Qualitätszeitung SoZ. Hier dient er für die Sammlung von Bescheuertem.

Man muss so dreinschauen, um richtig Schwachsinn erzählen zu dürfen:

Der dunkle Seher mit dem grimmigen Blick.

Denn Verpackung ist alles, wenn der Inhalt nichts ist. Der Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, in jeder Beziehung das Symbol für den Niedergang von Literatur, Preisvergabe und Kultur, darf mal wieder im Organ für die gebildeten Stände, für tiefes Nachdenken und hohes Niveau, Gedankengänge tieferlegen:

«Raven Saunders hatte Glück. Während der Olympischen Spiele starb ihre Mutter.»

Völlig egal, in welchem Zusammenhang der Schrumpfkopf diesen Satz für den «SonntagsBlick» formulierte: nie bedauerten wir mehr, dass der Titel «Schriftsteller» nicht aberkannt werden kann. Wir hingegen hatten Pech: Bärfuss hat weiterhin keinen Schreibstau.

Mangels anderer Objekte für Beschimpfungen geht es Bärfuss diesmal ums IOC, um das Olympische Komitee. Das habe seinen Sitz «in einem Land auch, mit dem es nicht nur viele Werte, wie etwa die Neutralität, sondern auch manche Funktionäre und sogar die Soldatinnen teilt.»

Tief sei das Dichterwort, dunkel und raunend. Für uns Normalsterbliche nicht leicht zu durchdringen oder zu verstehen. Das ist doch der Sinn der Dichtung seit Platon und so. Aber Bärfuss ist nicht nur Dichter, dabei nicht dicht. Sondern auch noch Rechtsgelehrter. Doch, diese Disziplin beherrscht er auch (man beachte das dichterisch nachgestellte «auch»), was bei der Fülle seiner sonstigen Fähigkeiten vielleicht etwas unterging:

«Die Reglemente für die Olympischen Spiele, festgehalten in der Charta, gehen weit darüber hinaus und untersagen den Sportlerinnen und Sportlern, ihr Recht auf freie Meinungsäusserung wahrzunehmen. Nicht nur in der Schweiz ist dies ein Grundrecht. Und ein Vertrag, der verlangt, auf dieses oder einen anderen Grund zu verzichten, ist nach dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch sittenwidrig und damit ungültig. Art. 27 ZGB definiert: «Niemand kann sich seiner Freiheit entäussern oder sich in ihrem Gebrauch in einem das Recht oder die Sittlichkeit verletzenden Grade beschränken.»»

Wir wissen nun, dass die Jurisprudenz echt Schwein gehabt hat. Denn in erster Linie vergeht sich Bärfuss an der Sprache, an der Logik und am argumentativen Essay. Wenn wir uns schreckensbleich vorstellen, dass er sich am Rechtsstaat vergreifen würde, wird uns ganz anders.

Immerhin, wenn Bärfuss seine seherischen Fähigkeiten bemüht, darf gelacht werden. So sah er schon italienische Zustände bei der Corona-Pandemie in der Schweiz um der Ecke lauern; also Chaos, Leichenberge, schlimm. Traf nicht ein, aber wer sehen kann, kann’s nicht lassen:

«Tokio ist vorbei, aber nach den Spielen ist vor den Spielen. Und die Kritik wird lauter.»

Nun gut, es soll in der Schweiz ausgezeichnete Hals-Nasen-Ohrenärzte geben, wirklich wahr.

Aber bevor ärztliche Kunst zum Einsatz kommen kann, schwingt sich Bärfuss wie in jeder seiner SoBli-Kolumnen zum abschliessenden Crescendo auf:

«Im nächsten Februar werden Soldatinnen und Soldaten der Schweizer Armee ihren Dienst fürs Vaterland im fernen Peking leisten. Offizielle Vertreter der Schweiz werden damit Teil der chinesischen Propaganda, werden Werbung machen für deren Verletzung der Menschenrechte und für den Genozid an der uigurischen Minderheit. Die jungen Menschen werden für den Kommerz und autoritäres Regime instrumentalisiert. Der militärisch-industrielle Komplex, der die totale finanzielle, politische und sportliche Macht in seinen Händen hält und ihnen sogar die Grundrechte nimmt, zwingt sie, zu diesem Unrecht zu schweigen.»

Oh, ihr Tellensöhne (und -töchter), beruft Euch auf Art. 27 ZGB und erhebt die Stimme gegen solches Unrecht.

Vertraut den seherischen Fähigkeiten des Dichters. Der männlichen Kassandra, der leider niemand glaubt.

Denn auch für die Zukunft der Schweizer Zivilgesellschaft hat Bärfuss nur dunkle Aussichten anzubieten: «Drei Lebenshaltungen werden die Post-Covid-Gesellschaft prägen: die Genusssucht, die Verzichtskultur und jene, die alles der Wirtschaft unterordnet.»

Wir gestatten uns nur ermattet die Frage: wie kann ein Verlagshaus im Ernst annehmen, dass es Konsumenten gibt, die für einen solchen Unfug, der gurgelnd durch das Regenrohr in den Boden sickert, Geld ausgeben wollen?

Schwund herrscht leider überall, auch in der SoZ

Aber auch Qualitätsmedien leiden unter Schwund. Schwund an allem. Platz, Gehirnschmalz, Themen und Kompetenz. Wenn dir gar nichts, aber wirklich nichts einfällt als Blattmacher, was machst du dann? Richtig geraten, dann machst du das hier:

Oder die vierte Welle ist zu hoch. Oder das Aufmerksamkeitsdefizit …

Inhalt, Aussage, Relevanz, Newswert? Egal, eine Seite der «SonntagsZeitung» ist gefüllt, uff.

Aber oh Schreck, nach der vollen Seite droht die nächste leere Seite, nur unzulänglich mit einem der seltenen Inserate gefüllt. Also gut, dann halt nochmal:

Die Buzzwords vereint: Corona, SVP, Angriff.

Geradezu ein Geniestreich. Nochmal Covid, diesmal in Verbindung mit dem Feindbild SVP. Uff. Aber, alte Blattmacherregel, nach der vollen Seite ist vor der leeren Seite. Nun, da hilft nur noch ein Trend. Also ein kleiner Trend mit einem riesengrossen Foto:

Ist das noch Korrekt-Deutsch?

 

Das nimmt ZACKBUM allerdings persönlich, denn wir sind weder Agglo-Jungs, noch fahren wir das ohne Helm, noch sind wir Jungs:

Unser Chopper, Frechheit aber auch.

Das ist das Dienstfahrzeug von ZACKBUM, allerdings schon ein Jahr in Betrieb. Sind wir nun die Vor-Trendsetter? Einfach ohne Agglo und Jungs?

Was macht der Blattmacher, wenn er Covid, Agglo und Trend durchhat? Er verzweifelt? Fast; er ruft in den Raum: wo bleibt das Klima? Nein, bitte nicht mehr den Bericht, der ist inzwischen älter als das Gewitter von vorgestern. Aber Klima, Berg, Schweiz, da muss doch etwas gehen.

Geht doch:

Es gibt noch mutige Tellensöhne.

Geröllbrocken, Gezimmertes, ein trutziger Gemeindepräsident, uns Ogi, die beruhigende Nachricht, dabei dachten wir schon, dass Kandersteg selbstmordgefährdet sei. Uff.

Gibt es sonst noch News aus aller Welt, womit kann man den Leser in der Sonntagshitze kalt abduschen? Mit einer brandneuen, geradezu Waldbrände verursachenden Erkenntnis:

Datum anstreichen: seit dem 15. August weiss das die Welt.

Dabei muss auch die SoZ vorsichtig herumeiern:

Ich weiss nicht, was soll ich bedeuten …

«Soll fallengelassen haben»; ist natürlich blöd, wenn der «Tages-Anzeiger» dieser Ente nachwatschelte und kräftig Erregungsbewirtschaftung betrieb. Bloss: kommt halt davon, wenn man sich dem modernen Recherchierjournalismus verschreibt. Man sitzt in seinem Käfig im Newsroom und lässt sich von einem gelinde gesagt eher merkwürdigen Studenten anfüttern.

Geht noch einer? Also gut, ein letzter:

Früher gab es nur BB, heute sogar BBB, dank der SoZ.

Die News ist alt, aber wenn man schon so einen schönen alliterierenden Titel hat, auch eine brandaktuelle Fotografie, dann kann man doch nicht widerstehen, den Leser mit Aufgebackenem zu langweilen.

Wir entlassen mit der NZZaS in diesen Montag

Wo bleiben Gerechtigkeit und die NZZaS? Also gut, eine Duftnote am Schluss. Die gute Nachricht zuerst: die schreibende Sparmassnahme, der Wortschnitzer aus dem Pensionärswinkel, also Rentner Müller macht Pause bei der Medienkritik. Die schlechte Nachricht: deshalb ist Aline Wanner dran.

Die wurde von einer Fotografie berührt, die auch auf der Frontseite der NZZ war. Eine alte Frau, Panayiota Noumidi, 81,vor der Feuerhölle auf der griechischen Insel Euböä. Sicherlich anrührend, ein lucky shot, wie man das in der zynischen Fotografensprache nennt. Das hat Wanner berührt, geradezu angefasst, überwältigt. Das ist schön für sie, dass sie zu solch menschlichen Regungen fähig ist.

Nur: wozu und wohin bewegen Medien?

Aber wenn Gefühle regieren, hat der Denkapparat Sendepause:

«In einem Sommer, in dem der Klimawandel so nah und präsent ist wie kaum je zuvor, wurde plötzlich klar: Wir alle könnten Panayiota Noumidi sein.»

Öhm, also da sagen wir mal: nein. Wir alle könnten Charlie Hebdo sein, wir könnten sogar Fidel sein, wir können mit #metoo dabei sein, auch beim #aufschrei oder gar #netzcourage und gegen Hass und Hetze im Internet hassvoll hetzen.

Es darf peinlich berührt gelacht werden.

Aber, Pardon, Noumidi könnten wir nicht sein. Wanner nicht, ZACKBUM nicht, ihre Leser nicht, unsere Leser nicht, Sorry, geht nicht, blöder Schluss, falsches Pathos, statt ins Erhabene abgeschwirrt ins Lächerliche geplumpst. Kommt halt davon, wenn es keine anständige Medienkritik mehr gibt.

 

 

 

Vorsicht! Der Mann hört Stimmen

Lukas Bärfuss muss seine Medikamente abgesetzt haben. Seither flüstert es um ihn herum.

Diese Fehleinschätzung könnte von Nora Zukker sein: «Er ist der wichtigste zeitgenössische Schweizer Schriftsteller», trötet der «SonntagsBlick». Und erweist sich damit einmal mehr als das Blatt der Armen im Geiste; der Ungebildeten, Unfähigen und Möchtegerns.

Letzthin hat der SoBli eine unselige Vorliebe für letztklassige Schriftsteller entwickelt. Da wäre mal der «Zürcher Schriftsteller Thomas Meyer». Der nimmt angeblich «Stellung zu Lebensfragen». Duftnote:

«Mein neuer Freund furzt ständig. Nicht vor anderen Leuten, aber wenn wir zu zweit zu Hause sind. Ich finde das eklig. Er meint, das sei doch natürlich. Und er fühle sich halt wohl mit mir. Was soll ich tun?»

Der nötige Beweis, dass das nicht rabenschwarze Satire ist …

Das wollen wir eigentlich nicht wissen und eilen mit zugehaltener Nase zum nächsten Weltenlenker im SoBli. Richtig, da kann es nur einen geben:

«Wie im Strassenverkehr: Wer verkehrt fährt, ist auf die Vernunft der anderen angewiesen. Wer ist hier Geisterfahrer – die Schweiz oder die 27 EU-Nationen?» Mit diesem schiefen Bild fordert auch Frank. A. Meyer die Dichterkrone in der aktuellen Ausgabe des SoBli. Aber, leider, leider, sie bleibt ihm – genau wie die Anerkennung in intellektuellen Kreisen – verwehrt.

Quadriga, Lächeln, unmögliche Jacketfarbe: der Geisterfahrer im Bild. Ähm, im «Blick».

Denn unschlagbar meldet sich mal wieder der wichtigste Schriftsteller der Schweiz mit «einem Essay» zu Wort. Hier verlassen wir allerdings schnell den Bereich von Spass und Tollerei. Betreten stattdessen den dunklen Grenzbezirk zwischen fehlendem Genie und dräuendem Wahnsinn.

Offenbar ist es dem SoBli noch nicht aufgefallen, dass der Titel Schriftsteller nicht durch das Verfassen von sortierten Buchstaben verdient wird. Auch nicht dadurch, dass der wirkliche Schriftsteller Georg Büchner Opfer einer Massenvergewaltigung durch eine Jury wird, die in völliger Umnachtung nicht die Fähigkeiten, sondern die Gesinnung von Lukas Bärfuss mit dem gleichnamigen Preis entwürdigt hat.

Nichts. Ausser der hier Abgebildete ist der Nachbar …

Seither arbeitet Bärfuss daran, mit weiteren Sprachverbrechen die Jury inständig zu bitten, sich diese Fehlentscheidung doch nochmal zu überlegen. Der neuste Versuch: Der Essay «Das Flüstern». Schon der erste Satz beinhaltet eigentlich alles, was es braucht, um den Autor als Dumpfschwätzer zu entlarven:

«Ein Flüstern geht durch dieses Land, die Schweiz, und es wird lauter mit jedem Tag.»

Dürfen wir vorstellen: der gehende Flüsterer. Wer ihm begegnet, neige sein Haupt – oder wende sich mit Grausen ab. «Durch dieses Land, die Schweiz», dieses nachgeschobene, nachgestellte, verstellte Substantiv soll Dichterschwere und tiefes Grübeln simulieren. Löst allerdings nur den ersten Lachreflex aus. Der dann in immer lauteres Kichern übergeht. Denn erstens probiert Bärfuss diesen Manierismus (Nora Zukker, das ist eine Stilart im, ach nö, forget it) nochmal aus «wird lauter mit jedem Tag». Zweitens; wenn ein Geflüster immer lauter wird, was wird es dann?

Psychogene Taubheit? Schwerhörigkeit? Oder Schlimmeres?

«Anschwellender Bocksgesang» nannte das mal Botho Strauss (Nora Z..., aber wozu). Das war immerhin mal ein Dichterwort, hier ist es nur das Wort eines Leichtmatrosen des Gedankens, der nicht mal ein Sprachbild hinkriegt, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Aber er ist so stolz auf diesen Einfall, diesen Durchfall, so verliebt darin, in dieses Wort, das nachgestellte, das bedeutungsschwangere, das aber in ständiger Fehlgeburt durch das Essay geistert, dass er davon nicht lassen kann. «Das Flüstern geht auch durch die Umweltverbände», «wir hören dieses Flüstern, wenn es um unsere Gesundheit geht». Nein, Lukas Bärfuss, nein, wer dieses Flüstern hört, ist nicht gesund, hat zumindest einen Gehörschaden. Ist es F44.6 (psychogene Taubheit), ist es F80.2 (Worttaubheit), ist es Schwerhörigkeit, autistisches Verhalten? Das müsste einer Differenzialdiagnose überlassen werden, aber ich bin zwar promoviert, ein Doktor, aber Mediziner, das bin ich nicht.

Grimmig, so schaut der Dichter auch hier, in diesem Foto.

Aber, wie weiter, geht es, mit dem Dichter, mit Bärfuss? «Selbst in den Gewerkschaften setzt langsam das Flüstern ein». Oh, liebe Gewerkschafter, stellt endlich die Megaphone ab, lauscht stattdessen auf das einsetzende, umhergehende, anschwellende Flüstern in euch. Denn «das Flüstern» wird eigentlich überall «lauter». Aber was flüstert es denn? Nun, zum Beispiel: «Migration ist nicht zuerst ein Schaden, nicht zuerst ein Problem.» Stimmt; das unterscheidet Migration vom Dichterwort eines Bärfuss.

«Bei jenen, die sich an die Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erinnern, wird das Flüstern bisweilen zum lauten Rufen»; meiner Treu, das wird ja nun eine Apotheose, Aristophanes lässt grüssen (Lukas Bärfuss, das war ein griechischer, aber lassen Sie sich das vielleicht von Nora Zukker erklären).

Achtung, Durchzug! Fenster schliessen

Denn nun legt Bärfuss auf den Tisch die Karten, als hätte er umzustellen gelernt die Worte vom alten Jedi-Meister Yoda, dieser Muppetshow-Puppe aus War Stars: «Sollten wir nicht einmal erfahren, was mit unseren Volksrechten, was mit unseren Sozialwerken, was mit unseren Institutionen, mit unserer Wirtschaft, Bildung und mit unserer Kultur geschehen würde, wenn die Schweiz – ja, wenn die Schweiz Mitglied würde in der Europäischen Union? Wäre es nicht an der Zeit, sich von allen Ängsten zu befreien, die stereotypen Vorwürfe des Landesverrats zu ignorieren»?

Die Zeit ist jetzt, der Ort ist hier: «Es öffnet sich gerade ein Fenster, es wird sich wieder schliessen, wenn ihr nicht dafür sorgt, dass dieses Flüstern eine Stimme bekommt, eine laute, in den Betrieben, den Schulen, den Wohngemeinschaften und den Einfamilienhäusern, in den Universitäten und den Hochschulen, eine Stimme ganz angstfrei und mutig:

die Schweiz als 27. Mitglied der Europäischen Union!»

Kommet herbei, ihr Menschen in diesem Land, der Schweiz, findet zum gemeinsamen Flüstern, zur Stimme, besinnt euch auf Mut und Angstfreiheit, «verpasst nicht noch einmal die Chance».

Ich aber erhebe die Stimme, die meine, vom Flüstern zum lauten ängstlichen, todesmutigen Ruf: wer kann Bärfuss heilen? Wer kann ihm vorher verbieten, die deutsche Sprache weiter zu schänden? Ist denn der SoBli nicht schon mit zwei anderen Schriftsetzern geschlagen, braucht es da wirklich noch einen dritten im Bunde? Ich weiss, den beigestellten Fotos von Bärfuss muss man entnehmen, dass er sich dagegen wehren würde, gegen das, mit diesen Metzgerhänden, den seinen, diesem grimmigen Blick im Antlitz, dem unrasierten. Aber um unser aller geistiger Gesundheit willen: stellt den Mann endlich ab! Bitte. Er soll doch einen zweiten Dichterwohnsitz in Paris haben. Die Franzosen halten das aus, bestimmt. Wir aber, wir nicht.

Es darf gelacht werden: Diesmal zum Muttertag

Er ist – wie der Valentinstag – im Kalender aller Floristen rot angestrichen. Und die arme Journaille muss sich jedes Jahr aufs Neue einen abbrechen.

Denn es ist doch so: Wir alle haben Mütter. Die meisten von uns kennen sie sogar. Bei Vätern ist das schon so eine Sache. Und denen (einen Vatertag gibt’s natürlich auch) gedenkt man weltweit am zweiten Sonntag im Mai. Ausser in England, die wollen halt immer einen Sonderzug, da ist’s der vierte Sonntag in der Fastenzeit. Weil die Mütter da nicht kochen müssen? Die spinnen, die Engländer.

Aber zurück zu ernsteren Würdigungen. Zur Verteidigung des Tages als solcher wirft sich die NZZ in die Bresche, in die Schlacht: «Jetzt gehen sie auf die Mutter los». Aber nicht mit uns, sagt die alte Tante rabiat und kampfeslustig wie selten.

Was brechen sich die anderen Sonntagsblätter ab, nachdem der Blattmacher melancholisch in die Runde fragte: Also, wer will sich den Pulitzerpreis holen, indem er eine neue Story zum Muttertag erfindet?

Ein bunter Strauss zum Muttertag …

Die Ergebnisse sind durchaus vielfältig, wenn auch nicht alle originell. Die «Sonntagszeitung» probiert’s mit:

«Wenn man Kinder mehrheitlich ohne Partner grosszieht, bleibt das Liebesleben oft auf der Strecke. Vier Single-Mütter erzählen, was sie beim Dating erleben»

Kann man machen, muss man nicht. Hat man schon. Kann man auch wieder machen. Machen andere auch (siehe weiter unten).

An eine andere Lösung des Dating-Problems erinnert das Schweizer Farbfernsehen SRF: «Vor zwanzig Jahren wurde das erste Babyfenster der Schweiz eröffnet.»

Der «Sonntags Blick» (auch mit Regenrohr) erteilt seiner Kolumnistin Milena Moser das Wort, das kann nicht gutgehen: «Seit einem Jahr drehen sich meine romantischen Fantasien um die Ankunftshalle im Zürcher Flughafen und meine Söhne. Jetzt hat sich dieser Wunsch erfüllt.»

Öhm. Der Wunsch einer romantischen Fantasie hat sich erfüllt? Das hat auch noch niemand der Ankunftshalle dargeboten. Leider versteht das weder der Flughafen Zürich, noch der Leser. Vielleicht die romantischen Fantasien, die sich um ihre Söhne drehen? Müssen wir da an Oedipus denken (Frau Zukker, das war, aber lassen wir das)? Na, wir verlassen den SoBli so schnell wie möglich.

Und retten uns in den «Berner Oberländer»: «So vieles ist derzeit anders – und doch bleibt eines gleich: Die erblühende Natur sorgt für ein schönes Stück Vertrautheit, schreibt Martin Leuenberger.» Das ist so unfassbar wahr und tief. Das geht nur in einem «Wort zum Sonntag», das dem «Maien- und Muttertag» gewidmet ist. Denn auch Gottesmänner haben eine Mutter. Auch katholische; die haben allerdings keine Frau, aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Noch mehr welke Blumen aus dem Muttertagsstrauss

Was macht «watson.ch» aus diesem Thema? Soll das eine ernstgemeinte Frage sein? «Weil wir alle das beste Mami der Welt haben: Die 18 lustigsten Mutter-Tweets». Zum Beispiel? Nein, das kann definitiv keine ernstgemeinte Frage sein.

Prosaischer geht es «20 Minuten» an: «Bis zu 28 Grad erwartet – Perfektes Wetter für den Muttertags-Brunch auf der Terrasse.» Wir fragen uns nur: wer keine Terrasse hat, was macht denn der? Noch neutraler ist nur nau.ch: «Sommerliches Wetter: Schweiz knackt am Muttertag die 25-Grad-Marke.»

Nun ja, allerdings lässt es nau.ch nicht bei einem Sonntagsbrunch oder Blumensträussen bewenden; das Online-Organ hat sein Ohr ganz nah am weiblichen Unterleib:

«Umfrage zum Muttertag: Schweizer Single-Mamis wollen Sex-Abenteuer».

Na, das war in den Anfangszeiten des Muttertags aber noch anders, da wäre die Heilsarmee energisch eingeschritten.

Echten Lokaljournalismus betreibt hingegen der «Landbote»: «Run auf Blumen in Wiesendangen: Aus Liebe zum Mami standen manche schon sehr früh auf».

Besinnliches am Schluss; kath.ch wirft eine weitere, entscheidende Frage auf:

«Der Muttertag ist kein katholischer Feiertag. Soll ihn die katholische Kirche in den Gottesdiensten trotzdem aufgreifen?»

Es erteilt, der Herr ist gross, zwei Katholikinnen dazu das Wort, obwohl die in den Gottesdiensten doch ruhig bleiben müssen. Obwohl sie fordern:

«Der Muttertag soll ein Tag der Umkehr sein.»

Was immer sie uns damit sagen wollen. Wir haben fertig.

 

 

 

 

 

Ex-Press XXXIV

Blüten aus dem Mediensumpf.

 

Diesmal die Ostereier-Spezial-Ausgabe mit viel Eierlei.

Milde gestimmt am Tag der Auferstehung wollen wir diesmal nur lustige Eier vorführen, die die Schweizer Medien ausgebrütet haben. Wobei wir wohlwollend berücksichtigen, dass es schon ziemlich blöd ist, dass wegen Corona so viele lieb gewonnene Seitenfüller an Ostern wegfallen.

Zunächst aber ein Höhepunkt aus dem journalistischen Schaffen des grossen deutschen «Nachrichtenmagazins», des einzigen und wahren «Spiegel»:

«Wer sehr häufig auswärts isst, hat ein höheres Risiko, an Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Das zeigt eine Studie. Durch richtige Wahl der Speisen lässt sich die Gefahr auch mindern.»

Früher war das die Rettung für Boulevard-Medien, wenn es nun überhaupt nichts zu skandalisieren gab. Dann half eine «Studie» ungemein. Das Zaubertrick heisst: Korrelation mit Kausalität verwechseln.

Glatzköpfige werden schneller impotent; eine besonders hohe Zahl von schwarzen Katzen bewirkt häufigere Todesfälle durch vom Dach stürzende Ziegel. Wer von roten Tellern isst, bekommt schneller Magengeschwüre. Usw.

Dafür braucht es nur zwei Dinge: die Korrelation von zwei möglichst zusammenhangslosen Phänomenen und irgend etwas, das sich als Studie bezeichnen lässt. Es gibt sogar die grossartige Institution des Ig-Nobelpreises (ig für ignoble, unwürdig, schändlich).

Gemischte Signale aus dem Hause Tamedia

Man soll auch loben können; vom Titel bis zur letzten Zeile ist das mal ein gelungenes Interview mit grossem Spassfaktor, obwohl der Tamedia-Streichelzoo auch hier das Thema «sexuelle Belästigung» hochziehen muss. Aber die Antworten von Tana Douglas entschädigen auch dafür.

Sie war der erste weibliche Roadie, sieht auch noch mit 63 spannend aus und hält mit ihren Antworten, was das Titelquote verspricht: «Ich trank jeden Mann unter den Tisch.»

 

Screenshot SonntagsZeitung.

Hinzuzufügen wäre, dass es die einzige Ausnahme nicht überlebte.

Eigenwilliger Oberchefredaktor

Etwas eigenwillig versucht der Oberchefredaktor von Tamedia die karge Osterzeit zu überstehen. Arthur Rutishauser erzählt einfach die Titelstory der «Handelszeitung» über eine nun schon drei Jahre zurückliegende Machtkampfposse bei der grossen Revisionsgesellschaft EY nach. Er reichert sie lediglich mit einem Namen an; das Original sei aber allen empfohlen, die einmal einen Blick in die Innereien einer Chefetage nehmen wollen. Sehr interessant ist dabei auch, wie die Medien benützt werden; mit Anfüttern und Durchstechen; diesmal spielte allerdings «Inside Paradeplatz» dabei keine gloriose Rolle.

Wo Eier gelegt werden, gibt es auch faule Exemplare darunter. Denn die SoZ bewirtschaftet weiter ihr Lieblingsthema, ob und wie Bundesrat Berset eine Schweizer Impfproduktion für die Schweiz in den Sand gesetzt habe. Erkenntnisstand heute: Genaueres weiss man nicht wirklich.

Das hindert aber den Wirtschaftschef nicht daran, den Zweihänder zu schwingen: «Lonza-Debakel: Bersets Rechtfertigung fällt in sich zusammen», wütet Peter Burkhardt. So nachtragend sind Journalisten, wenn sie eine Richtigstellung einrücken mussten, die eine Falschmeldung korrigierte.

Zumindest originell ist das Ei, das die SoZ dem designierten Post-Boss und ehemaligen Parteipräsidenten der SP schenkt: «An der Spitze der Post braucht es nicht einen schnittigen, auf Shareholder-Value getrimmten Manager, sondern eine Integrationsfigur. Eine, die dem Service public verpflichtet ist.» So schleimt sich Bundeshausredaktor Mischa Aebi ins bald erfolgende erste Exklusiv-Interview mit Christian Levrat. Unbeschadet davon, dass es sich um einen weiteren, übelriechenden Fall von Beziehungskorruption handelt.

 

Der Untergang der Sternchen?

Eigentlich hatten wir uns ein einstweiliges Schweigeglöbnis zum Thema Genderstern und Proteststernchen auferlegt. Aber das hier ist stärker als die besten Vorsätze. Der Tagi hat den groben Fehler gemacht, in einer Umfrage wissen zu wollen, wie es denn die lieben Leser mit dem Asterisk, auch berüchtigt als Gendersternchen, hielten.

Am Himmel, da leuchten die Sterne …

Immerhin über 18’000 Leser nahmen daran teil. «Lediglich 5,5 Prozent stimmten dabei für den viel diskutierten Genderstern. Schlechter schnitt nur das generische Femininum ab.» Tschakata. Da ist guter Rat teuer. Sind die Leser einfach noch nicht so weit, zu träge oder gar zu ungebildet? So weit will der Autor nicht gehen, aber bevor auch Linus Schöpfer in Gefahr gerät, als übler Sexismus-Macho in Fadenkreuz zu geraten, schreibt er tapfer:

«Ist die Umfrage also ein Plädoyer für den Status quo, fürs generische Maskulinum? Nein. 

Denn von den sieben Möglichkeiten vereinte die etablierte, lange von allen ganz selbstverständlich genutzte Variante bloss 47 Prozent der Stimmen auf sich.»

Da lachen selbst die Sterne Tränen. Obwohl sie generisch männlich sind.

Ein Interregnum ist immer Saure-Gurken-Zeit

Die NZZaS dümpelt im Interregnum bis zum Antritt von Jonas Projer so vor sich hin. Das «Magazin» inhalts- und blutleer, aber immer für einen Aufmacher auf der Front gut, wenn sonst nichts los ist. Eine Protestnote zur absurden Tatsache, dass über Ostern die Impfzentrum Pause machen und ein eher samtpfotiges Porträt über den abtretenden Credit-Suisse-VR-Präsidenten Urs Rohner.

Es wird knallhart recherchiert, dass man Rohner vieles vorwerfen kann, aber nicht, auch noch Rassist zu sein, wie der über einen Bespitzelungs-Skandal gestolperte Tidjane Thiam über die «New York Times» verbreiten liess.

Aber ansonsten hätte eigentlich die Entwicklung des Aktienkurses während seiner Amtszeit (minus 70 Prozent) und die Ausgaben für Strafzahlungen und Rechtskosten (dabei war Rohner zuerst Chief Legal der Bank) von 13 Milliarden Franken für ein Porträt völlig ausgereicht.

Natürlich fragt sich die NZZaS, wie «weisse Weste» Rohner das alles überleben konnte und sich nun zum Ablauf seiner maximal möglichen Amtszeit schleppt. Aber diese Frage wird auch hier nicht beantwortet; genauso wenig wie bei «gespannte Weste» Axel Weber bei der UBS.

Wir diskriminieren den SoBli nicht. Niemals.

Bevor sich der Sobli über Diskriminierung beklagt: Hier zwei Duftmarken:

«Che Guevara hängt auf halbmas».

«Diagnose nach Puck-Treffffer war ein Schock für Nico Hischier.»

Das Geschoss scheint auch die f-Taste getroffen zu haben.

Ansonsten: Ei, Eier, Eierlei. Dazu die Frage: wo ist Frank A. Meyer? Beim Eiersuchen verloren gegangen?

 

Ex-Press XXV

Blüten aus dem Mediensumpf.

Sonntag, Früher Primeur-Tag (weil man am Samstag nur schwer eine superprovisorische Verfügung kriegte), inzwischen Gähn-Tag.

 

Ist Pensionär Müller in der NZZaS zu Selbstkritik fähig?

Felix E. Müller, die schreibende Sparmassnahme bei der Medienkritik der NZZaS, macht in Selbsterkenntnis. «Macht doch weniger Interviews», fordert er nassforsch. Sei doch nur eine Sparmassnahme, schnell gemacht, schnell Seite gefüllt. Vor allem Führungsfiguren würden doch sowieso nur «gedankliches Styropor» absondern, reine «Worthülsen».

Hoch das Glas: Müller als angemieteter Fachreferent auf grosser Fahrt.

Man ist sich sicher: das ist die Einleitung zu einer Selbstkritik. Denn ist Müller nicht selbst Autor des schnarchlangweiligen Buchs «Gespräche mit Alain Berset»? 106 Seiten gedankliches Styropor in Fragen und Antworten, für happige 29 Franken. Ein Weihnachtsgeschenk für den Bundesrat, als ihn noch alle richtig lieb hatten.

Während früher für Müller galt: nichts ist älter als seine Schlagzeile von gestern, hat er sich weiterentwickelt: nichts ist älter als sein Buch von gestern. Nur in einem ist er sich treu geblieben: Selbsterkenntnis, Selbstkritik, selbst wenn sie bei diesem Thema mit beiden Armen winkt? I wo, ach was, Müller doch nicht. Das wäre doch keine Medienkritik, sondern Kritik an einem gedanklich inkontinenten Rentner.

Wir sehen auch das Positive

Aber, wir sehen auch Positives, angesichts des bevorstehenden Prozesses in Frankreich, bei dem es darum geht, ob die 4,5-Milliarden-Euro-Busse gegen die UBS auch von der zweiten Instanz aufrecht erhalten wird, macht die NZZaS endlich mal ein lobendes Porträt von Markus Diethelm.

Und der Haifisch, der hat Zähne: Markus Diethelm.

Das ist der Chief Legal Councel der Grossbank, das dienstälteste Mitglied der Geschäftsleitung. Der mit Abstand cleverste Kopf in der Führungsetage einer Bank. Er machte das Unmöglich möglich und fabrizierte im Steuerstreit einen Vergleich, bei dem die UBS mit 780 Millionen Dollar Busse sehr glimpflich davonkam. Die CS, da sind halt andere Pfeifen am Gerät, kam mit 2,6 Milliarden an die Kasse. Ein Meisterstück. Als Opferanode musste die UBS Kundendaten ausliefern, was der Bundesrat per Notrecht bewilligte. Damit war das Bankgeheimnis Geschichte, aber die UBS gerettet.

«Willst Du es mit dem Geier aufnehmen, musst du das Spiel des Geiers spielen», soll seine Maxime sein, laut NZZaS. Interessant, so überlebt man offensichtlich bei der UBS am längsten. Nächste Bewährungsprobe: die 4,5 Milliarden müssen weg. Da er höchstpersönlich die UBS vertritt: nichts ist unmöglich.

 

Wenn der Papagei onaniert

Dieser Titel hat wirklich Potenzial, in die heilige Halle der ewig besten aufgenommen zu werden: «Hilfe, mein Papagei onaniert!» Erschwerend komme noch hinzu, dass die Vögel dabei mit 110 Phon ihr Wohlbefinden ausdrücken.

Ist das die Nuss danach? Befriedigter Papagei.

Ohne falsche Scham klärt hier die «SonntagsZeitung» über «Geile Vögel und ihre Sextoys» auf. Die Autorin zitiert sogar Fachleute auf diesem Gebiet: «Vor allem im Frühling würden Papageien und Sittiche viel onanieren. «Da sind sie alle ein bisschen verrückt»», weiss die Leiterin der Auffangstation für Papageien und Sittiche (APS) in Matzingen TG.

Aber nicht nur Vögel vögeln mit sich selbst, es gibt auch «horny Hörnchen», Schildkröten (wie die das wohl tun?), Pferde, Delphine und natürlich viele Affenarten, weiss ein britischer Wissenschaftler, der «die erste Datenbank über masturbierende Vögel» bewirtschaftet.

Ich hätte allerdings eine alternative Verwendung für diesen Titel: Könnte man den nicht über viele Werke der arbeitsplatzsichernden Mainstream-Journalisten schreiben? Vielleicht eröffnen wir hier eine neue Rubrik.

Kandidat für eine neue Rubrik

Als erster Kandidat bietet sich Denis von Burg an, der Politchef der SoZ. Mit Füssen getretene «politische Redlichkeit», «realpolitisch irr», kommt der Haltung der «Corona-Leugner nahe», «skandalös», gar «faktisch ein Putschversuch». Natürlich wird hier mal wieder «an den Grundfesten der Demokratie gerüttelt». Himmels willen, müssen unsere wehrhaften Mannen das Sturmgewehr aus dem Schrank nehmen und in Bern die Demokratie retten? Gegen wen nur, wer wagt solch finsteres Tun?

Weiss immer, wie es ist: Denis von Burg.

Oh, «bürgerliche Parlamentarier», die sich, – vade retro, Satana, schleich dich, Satan – hinter dem Ex-SVP-Präsidenten Albert Rösti scharen, wollen, nomen est omen, dass Gaststätten schon früher wieder öffnen können. Oh, sichern, Munition rausnehmen, Gewehr wieder in den Schrank. Ohne sich in den eigenen Fuss zu schiessen, das erledigt schon von Burg vom Titel abwärts: «Die Bürgerlichen verhalten sich wie in einer Bananenrepublik».

Allerdings gräbt auch die SoZ einen kleinen Streit aus, der durchaus höheren Unterhaltungswert hat. Denn Ex-Task-Force- und Immer-noch-Präsident des Schweizer Nationalfonds tritt dem bekannten Epidemiologen Marcel Tanner öffentlich kräftig in den Hintern.

Wenn zwei Wissenschafter öffentlich catchen

Mit einfachen Mitteln. Matthias Egger stellte ein Bild von Tanner auf Twitter, mit einer Aussage von ihm vom letzten Mai. «Es werde keine zweite Welle geben» hatte Tanner damals prophezeit. Maliziös ergänzt das Egger mit einem Auszug aus wissenschaftlichen Standesregeln: «Vermeiden Sie ungerechtfertigte Gewissheit.» Wunderbar, nur sollte diese Regel für alle Wissenschaftler gelten, die kakophonisch in die Pandemie hineinkrähen.

 

Ende mit kurzem Schrecken

Ach ja, dann soll es noch den «SonntagsBlick» geben. Bevor der zu quengeln beginnt: Das Interview mit dem inzwischen 80-jährigen Tom Jones ist unterhaltsam, aber vor allem wegen Jones. Das Porträt der Corona-Kreische Emma Hodcroft, die etwas unter Aufmerksamkeitsmangel leidet, ist hingegen schnarchlangweilig und überflüssig.

Topseriöse Wissenschaftlerin: Emma Hodcroft.

Und unser neuer Lieblingskolumnist Frank A. Meyer? Schimpft etwas lahm – im Vergleich zum Ausbruch beim Thema Burka – gegen den Ausverkauf der Heimat und Aufenthaltsbewilligungen für ganz Reiche. Aber die Schlusspointe reisst’s dann fast wieder raus:

«In der Schweiz ist Korruption gratis.»

 

CH+ oder CH++

Noch ein Aperçu aus dem «berühmt durch Corona»-Sumpf. Marcel Salathé, inzwischen anderweitig versorgt und der Durchstarter dank Covid19, hat aus anhaltender grosser Sorge mit 15 weiteren «Personen aus Wirtschaft und Wissenschaft» die «gemeinnützige Organisation CH++» gegründet. Dabei ist all diesen Koryphäen wohl entgangen, dass es bereits die im Handelsregister eingetragene GmbH CH+ gibt. Die zufälligerweise dem Autor gehört. Guter Start; Abmahnung wegen Verwechslungsgefahr ist unterwegs, die Chance, dass CH++ bald ins Minus rutscht, ist gross.

Besinnlicher Advent

Auch diese Tradition verschwindet im Journalismus.

Früher fürchtete sich die ganze Redaktion vor der Frage: Was machen wir am Advent?

Es ist eine der vielen undurchschaubaren Riten der Christenheit. Die vier Sonntage vor dem 24. Dezember sollen auf die Niederkunft von Maria mit dem Gottessohn geistig vorbereiten. Auch besinnlich; am Samstag vor dem ersten Advent ist Vesper.

Da könnten sich auch unsere jüdischen Mitbürger anschliessen, denn Psalmengesänge pflegen sie auch. Das mit der Geburt Christi sehen sie allerdings etwas anders. Völlig an einem gewissen Körperteil vorbei geht der Brauch unseren muslimischen Mitbürgern. Für die ist es ein Sonntag wie jeder andere; es gibt immer noch zu viele Ungläubige auf der Welt, irgendeine Beleidigung Allahs oder Mohammeds muss auch gerächt werden, die Scharia gilt immer noch nicht überall in Europa, also alles normal.

Im Journalismus geht es weltlich zu

Etwas weltlicher geht es im Journalismus zu. Von dümmlichen Kalauern wie «Advent, Advent, die Erde brennt» bis zu einer Todesanzeige auf der Front der NZZaS. Auch da brennt’s, wenn auch nur in Form eines Kerzleins, das an «die Opfer der Pandemie» erinnern soll. Wie kriegt man über 4000 Tote auf zwei Zeitungsseiten? Überhaupt nicht, deshalb erzählt die NZZaS in weihevollem Ton «zwölf Geschichten über ganz normale und doch besondere Menschen», die an oder mit Covid-19 gestorben sind.

Ich will ja nicht die andächtige Bibelstimmung (12 Tote, 12 Apostel) stören, aber: In der Schweiz starben 2019 etwas über 67’000 Menschen. An Krankheiten, Unfällen, sogar Verbrechen – oder einfach am Alter. Und solange das Medianalter der Corona-Toten oberhalb der durchschnittlichen Lebenserwartung in der Schweiz liegt, hält sich meine Anteilnahme in Grenzen.

Die SoZ ist auf Krawall gebürstet

Überhaupt nicht weihnachtlich gestimmt ist hingegen die SoZ. Sondern eher auf Krawall gebürstet. «Altersheime setzen an Covid-19 erkranktes Personal ein», erschreckt das Sonntagsblatt harmlose Angehörige von Insassen. Dann läutet die SoZ das Totenglöcklein über der Skisaison, wenn sich BR Alain Berset mit seinen massiven Einschränkungen durchsetzen sollte. Wäre ja auch blöd, wenn man gerade den Zusatzbund «Winter» mit den «75 besten Winterhotels der Schweiz» gedruckt und beigelegt hat.

Überhaupt nicht in der Stimmung der Nächstenliebe ist auch der zweite Zeitungsbund: «Der jihadistische Terror zielt auch auf die Schweiz.» Müssen wir uns nun vor explodierenden Weihnachtsmännern in Acht nehmen?

Selbst die sonst eher harmlosen Ressorts «Gesellschaft» und «Kultur» sind garstig unterwegs: Die Bestsellerautorin J.K. Rowling sei «transphob», beschwert sich «Transaktivist Henry Hohmann». Das muss dann wohl selbst der gebildete SoZ-Leser mal kurz googeln, was und wer das ist.

Und selten schlüpfrig beendet die Kultur den überhaupt nicht besinnlichen Reigen: «Hazel Brugger machts neuerdings nicht mehr gratis.» Dass ausgerechnet der tapfere Kämpfer gegen Diskriminierung, für #metoo und überhaupt gegen alles Unrecht auf der Welt, der Tamedia-Redaktor Andreas Tobler, einen solchen frauenverachtenden Titel zulässt, unglaublich. Ab zum Bäume-Umarmen, Abbitte leisten und unbedingt beim Sensibilisierungskurs «Männer sind Schweine» anmelden.

Wenigstens der SoBli liefert das, was zu erwarten ist

Aber auf ein Sonntagsblatt ist Verlass. Der SoBli holzt wie üblich vor sich hin. Mit Aufregertiteln: «Die Schweiz ersäuft in Gülle», mit politisch unkorrekten Titeln: «Radikalisierte Frauen sind genauso gefährlich», und mit Titeln, die es gnadenlos auf den Punkt bringen: «Pulver gut, Stimmung mies».

Ein wenig Besinnlichkeit kommt auf, wenn wie weiland Buschs Lehrer Lämpel unser aller Oberlehrer Frank A. Meyer die Journalisten zusammenstaucht. Warum? Na, die haben doch tatsächlich über den Erpressungsversuch gegen Bundesrat Alain Berset berichtet. Handelt es sich bei der Erörterung von «Alain Bersets privater, ja intimer Kalamität um Futter für frivolen Klatsch?»

Ist die Ähnlichkeit nicht verblüffend?

Die Frage so stellen (der SoBli-Leser scheitert allerdings an Kalamität und frivol), heisst natürlich, sie beantworten. Aber bei einem eisigen Nein lässt es Meyer nicht bewenden. Zwar hat diesmal Blocher nichts damit zu tun, aber die «Weltwoche». Da läuft Meyer dann zu ganz unchristlichen Formen auf: «Das Blatt des rechten Eiferers Roger Köppel», «raunendes Machwerk», «genauso bringt man Klatsch ins politische Ziel», «beliebiger ideologisch-parteilicher Journalismus».

Und dann donnert der strafende und zürnende Meyer dem Eiferer Köppel noch eine rein: «Wer auf die Methoden des entfesselten Gender-Feminismus setzt, kennt keine private Sphäre mehr, die er zu achten hätte.» Das hat man bislang Köppel noch nie vorgeworfen, also ist es zumindest originell.

Platz für ergriffene Emotionalität wie von Wagner

Aber im SoBli gibt es auch Platz für pathetische Emotionalität, als hätte Franz Josef Wagner den Griffel geführt. Ausgerechnet von Dana Liechti stammt das Stück: «Lichter im Dunkel», über «Mahnwachen für Corona-Tote». Da könnte man nun einfach reportieren. Aber nein: «Elsa (89) und Josef Scherer (94) waren 68 Jahre lang verheiratet.»

Wir ahnen, wir befürchten, was nun kommt. In einem SRF-Beitrag aus dem Spital «er mit Schläuchen in der Nase, sie am Beatmungsgerät, die Hände liebevoll ineinanderverschlungen», wünschten sie sich noch zwei weitere gemeinsame Jahre.

Wir blinzeln die Tränen aus den Augen, schneuzen uns kräftig und lesen weiter: «Ihr bescheidener Wunsch ist nicht mehr in Erfüllung gegangen.» Gibt es denn keinen Trost auf der Welt? Doch, ein Licht im Dunkeln: «Zwei der Kerzen werden auch für Elsa und Josef Scherer brennen.»

Hier muss der gerührte und geschüttelte Autor abbrechen.