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Knutschkugel Berset

Die WeWo zündet eine Bombe. Die Mainstream-Medien in Schockstarre.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Das Wochenmagazin wirft dem Bundesrat Alain Berset Unerhörtes vor. Zwecks Bodigung der Folgen einer ausserehelichen Affäre habe der seine Machposition brutal ausgenützt.

Genauer: Der SP-Politiker habe «die Unwahrheit gesagt, Bundesbeamte missbraucht und Steuergelder verschleudert». Happige Vorwürfe; sollten sie sich bewahrheiten, haben wir eine veritable Staatsaffäre.

Was wir jetzt schon haben, ist eine Medienaffäre. Ab Donnerstagmorgen spätestens um 7 Uhr war die «Weltwoche» mit ihrem Cover am Kiosk erhältlich. Mit einer Bombenstory, mitten hinein ins langweilige Grau der Bundespolitik. Ein gefundenes Fressen für alle Medien.

Nur: kein Schwein schaut. Einzig «Inside Paradeplatz» berichtet sofort, was dort die Klickzahlen durch die Decke jagt, über 100’000 Leser hat der Artikel inzwischen. Rekord. Es berichtete noch «Die Ostschweiz» und natürlich ZACKBUM über die Medienresonanz.

Über 100’000 and counting: Klick-Rekord für den Finanzblog.

Was ist aber mit Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SDA? In ihren Verrichtungsboxen in den Newsrooms sind die Kindersoldaten doch darauf getrimmt, jede Meldung sofort aufzunehmen, die Klicks generieren könnte. Denn das ist die Währung im Tagesgeschäft der Newsverbreitung.

Blick in einen Schweizer Newsroom.

Aber Wunder über Wunder: nichts ist. Schweigen herrscht. Man kann nun annehmen, dass es erst Chefentscheide brauchte, ob man der ungeliebten Konkurrenz, dem «SVP-nahen Organ», der Köppel-Postille den Gefallen tun soll, sie zu zitieren. Und Chefs stehen üblicherweise nicht so früh auf wie Roger Köppel, der in aller Herrgottsfrühe bereits die Schweiz mit seinem «Weltwoche Daily» beschallt.

Schweigen im Blätterwald, dröhnendes Schweigen

Aber der Donnerstag geht ins Land, nichts. Nichts am Morgen, nichts am Mittag, nichts am Nachmittag. Die vielen rasenden Reporter von SRF haben es selbst einen Tag später noch nicht für nötig gehalten, den wohl grössten Polit-Skandal seit Elisabeth Kopp zur Kenntnis zu nehmen. Bei der ersten Bundesrätin reichte übrigens das Herumdrucksen wegen eines Telefonats an ihren Gatten, damit sie so unter Druck geriet, dass sie zurücktrat.

SRF-Top News am Tag danach: gut investierte Gebührenmilliarden.

Aber doch nicht bei unserem Gesundheitsminister. Der trägt doch immer so scharf geschnittene Anzüge mit schmalen Krawatten, endlich etwas Clooney-Effekt in Bundesbern. Der hat doch so einen süssen welschen Akzent, und dann diese Augenbrauen unter der Glatze. Eine Knutschkugel halt.

Erst gegen Abend – und wie von seiner Kommunikationsabteilung bestellt – wagen sich CH Media, NZZ, Tamedia und «Blick» an das Thema heran. Allerdings alle mit dem Tenor: ach, alles halb so wild. Die WeWo, typisch Parteiblatt, übertreibt masslos.

Die Pille danach: die alte Tante rafft sich endlich auf.

Anhand des jetzigen Wissensstands werde die Affäre für den Gesundheitsminister kaum politischen Konsequenzen haben, meint die NZZ staatstragend. Sie will immerhin wissen, dass die Geliebte fälschlicherweise Geld für eine Abtreibung einer vom Bundesrat hergestellten Leibesfrucht gefordert habe, es handle sich in Wirklichkeit um die Einnahme einer Pille danach.

Das Recherchierblatt will sogar wissen: «Polizeiliche Ermittlungen legen offenbar den Schluss nahe, dass es sich bei der angeblichen Abtreibung um die Einnahme einer sogenannten Pille danach gehandelt haben dürfte – allerdings mehrere Monate nach Beendigung der Beziehung mit Berset, also im Zusammenhang mit einem anderen Partner. Die Konfrontation mit diesen Fakten soll die Künstlerin dazu bewogen haben, die schriftliche Vereinbarung mit Berset zu unterzeichnen.»

CH Media vermeldet, dass SVP-Nationalrat Alfred Heer in der Aufsichtskommission den Antrag stellen wird, diese Affäre genauer zu untersuchen. Was bedeutet: das wird dauern und das Resultat wird keinen Menschen mehr interessieren, wenn es publiziert wird.

CH Media, aufgewacht nach Tiefschlaf.

Tamedia hat immerhin vier seiner wenigen verbleibenden Journalisten in die Schlacht geworfen, um zu titeln: «Weltwoche» erhebt schwere Vorwürfe gegen Bundesrat.» Eingeschnappt vermeldet der Konzern, dass sich die WeWo auf eine Strafakte beziehe, «die dieser Zeitung nicht vorliegt.

Ob alle Informationen korrekt und vollständig wiedergegeben sind, lässt sich daher nicht verifizieren».

Bei CH Media wird Parteigenossen von Berset natürlich die Gelegenheit zum Zünden der üblichen Blendgranate gegeben: «Parteikollegen von Berset versuchen, die Aufregung als parteipolitisch motiviert darzustellen. Schliesslich stammt die Artikelserie von Ex-SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, und das Magazin wird von SVP-Nationalrat Roger Köppel herausgegeben. Und nun beantragt SVP-Nationalrat Heer eine Untersuchung der GPK.»

Alles easy, alles gut: der «Blick» knutscht den Bundesrat von oben und unten ab.

Den Vogel schiesst aber der «Blick» ab. Der nähert sich dem Halszäpfchen des Bundesrats von unten und knutscht gleichzeitig den Magistraten von oben ab. Muss man mal hinkriegen.

  • Sondereinheit Tigris im Einsatz? Ach, da gab es eben Drohungen aus Deutschland, und wusste man, ob die Erpresserin damit nichts zu tun hatte? «Involvierte sprechen von einer «Gefährdungssituation». Es war unklar, ob das Erpresser-Mail damit in Verbindung stand oder nicht.»
  • Amtsmissbrauch? Ach was, «da die Erpresserin aus Bersets persönlichem Umfeld stammte, schaltete der Innenminister gleichentags privat den Berner Anwalt Patrik Eisenhut ein
  • Missbrauch von Bundesbeamten? I wo, «die Vorwürfe lassen sich kaum stützen. So hat Bruhin (Bersets Stabschef, Red.) wohl etwa zwei Arbeitsstunden fürs Bearbeiten der Erpressung aufgewendet – auch weil man die Verbindung zur Gefährdungslage eruieren musste, sagen zwei Involvierte».
  • Verfahren gegen Berset? Ausgeschlossen, hingegen müsse die WeWo mit einer Anzeige wegen Verstosses gegen das Amtsgeheimnis rechnen, unkt «Blick».

Peinlich ist gar kein Ausdruck, wie die grossen Medienhäuser mit dieser Affäre bislang umgehen. Nur dem Schweizer Farbfernsehen kann man keinen handwerklichen Fehler vorwerfen. Wer die Hände im Schoss hat, macht keinen.

Skandalträger links, Hutträger rechts.

10’000 Todesfälle

Jeder Tod eines Menschen ist eine Tragödie. Die Berichterstattung über Covid-19 ist ein Skandal.

Eines ist sicher: Die Auswirkungen des Covid-19-Erregers auf die Medien sind letal. In nur 20 Monaten hat sich die sogenannte vierte Gewalt ihrer überlebenswichtigen Eigenschaften begeben. Um sinngebend und wertschöpfend zu funktionieren, brauchen Informationsorgane unverzichtbare Attribute.

Die sind überschaubar: Vertrauenswürdigkeit, Glaubwürdigkeit, Behaftbarkeit und Transparenz. Der zahlende Konsument eines Newsherstellers will gewisse Sicherheiten. Banaler Art, wie beim Kauf eines Liters Milch. Die Verpackung sollte einen Liter enthalten. Die ausgewiesenen Eigenschaften des Inhalts sollten zutreffen. Wenn es Vollmilch ist, dann sollte der Fettgehalt auch der Definition entsprechen.

Steht oder fällt mit Vertrauen.

Der Konsument sollte auch auf das Haltbarkeitsdatum vertrauen können; darauf, dass ihm kein gesundheitlicher Schaden entsteht und dass er das Recht hat, sollte die Milch wider Erwarten sauer oder ungeniessbar sein, Ersatz gestellt zu bekommen. All diese banalen Voraussetzungen, die Grundlage für ein funktionierendes Angebot mitsamt vorhandener Nachfrage, treffen auf Bezahlmedien weitgehend nicht mehr zu.

Wo Nachricht draufsteht, sollte auch eine drin sein

Angefangen bei so Banalem, dass es geradezu hirnrissig ist, es überhaupt erwähnen zu müssen. Wo Milch draufsteht, sollte auch Milch drin sein. Wo «Nachricht» draufsteht, sollte ein Inhalt vorhanden sein, der dem Bemühen geschuldet ist, verdichtete, kompetent aufbereitete und möglichst wahrhaftig dargebotene Wirklichkeit abzubilden.

Die aktuelle Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit der Pandemie in der Schweiz beträgt 10’906 nach den verfügbaren Statistiken. Das Medianalter der an oder mit Covid-19 Verstorbenen liegt bei der durchschnittlichen Lebenserwartung in der Schweiz. Die Todesfallstatistik weist von Anfang bis heute aus, dass es eine signifikante Zahl von Todesfällen bei Ü-70-Jährigen gibt. In diesem Alter ist es beinahe ausgeschlossen, dass nicht eine oder mehrere Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Rheuma, Arthritis oder Herzinsuffizienz vorhanden sind.

Drei Journalisten treffen sich …

Das sind unbestreitbare Tatsachen. Aus diesen wenigen Zahlen lassen sich die Thesen ableiten, um das Elend der Schweizer Bezahlmedien zu beschreiben.

Das Elend in 11 Thesen
  1. Was vor allem am Anfang – teilweise bis heute – an Horrorszenarien in den Medien herumgeboten wurde, grenzt an Straffälligkeit. Oder ist es keine Schreckung der Bevölkerung, wenn von bis zu 100’000 Toten, einem zusammenbrechenden Gesundheitssystem, schrecklichen Szenen vor überlasteten Intensivstationen, ja sogar einem Faustkampf um Beatmungsgeräte berichtet wurde?
  2. Prognosen sind immer mit Unsicherheit behaftet, niemand hat eine Glaskugel, in der er in die Zukunft schauen kann. Aber wäre es nicht Ausdruck von Redlichkeit und Anstand gewesen, sich für krachende Fehlprognosen zu entschuldigen – statt sie einfach durch neue zu ersetzen?
  3. Mit der falschen Behauptung, dass nur Unmenschen einen Zusammenhang zwischen einem Menschenleben und Kosten zu seiner Erhaltung sähen, wurde versucht, jede Debatte über die ungeheuerlichen finanziellen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Bekämpfung abzuwürgen. Damit wird den folgenden Generationen – ungefragt – ein Schuldenberg in der Höhe von schätzungsweise 200 Milliarden Franken aufgebürdet. Diese Verantwortungslosigkeit wird in den Medien kaum thematisiert.
  4. Die Newsmedien verloren schnell jede Distanz zum Handeln der Regierenden. Wenn der Ausdruck Gleichschaltung nicht historisch vergiftet wäre, wenn der Vergleich mit Staatsmedien im ehemaligen Ostblock mangels Ostblock nicht verfehlt wäre: selten war der Unterschied zwischen SRG und Privatmedien in der Schweiz und Staatsfunk oder dem «Neuen Deutschland» oder der «Prawda» kleiner als heute.
  5. Eine freie Gesellschaft konstituiert sich über eine freie Debatte. Die nur Sinn macht, wenn sie öffentlich ausgetragen wird. Trotz Social Media, Blogs und allen Multiplikatoren im Internet finden solche Debatten weiterhin in den klassischen Medien statt. Fänden statt, wenn nicht selbst ernannte Zensoren, Inquisitoren und Besitzer der guten und richtigen Wahrheit mit mittelalterliche Strenge zwischen richtig und falsch, gut oder böse, erlaubt oder verboten entscheiden würden.
  6. In einer offenen und modernen Gesellschaft ist man sich bewusst, dass jede Form von Entscheidung multifaktorielle Auswirkungen hat; Rückkoppelungen, Spiegelungen, Dinge beeinflusst, an die man gar nicht gedacht hat. Nicht nur im Materiellen. Die psychischen Auswirkungen in allen Formen, auf Kinder, Heranwachsende, Ehepaare, Kleinunternehmer, die Veränderung der Ursachen für Suizide, die Kosten für steil ansteigenden Bedarf an psychologischer Beratung oder Behandlung – alles Themen, die im Tunnelblick der Monokausalität weitgehend untergegangen sind.
  7. Ein Journalist ist meistens ein Mensch, der meint, über alles alles zu wissen. Ein Generalist, der gestern über einen Naturschutzpark, heute über interne Vorgänge in der EU-Kommission und morgen über die Folgen des Attentats auf den haitianischen Präsidenten berichten kann. Dabei auch selbstverständlich zum Epidemiologen, Virologen, Seuchenspezialisten herangereift ist. Rechthaberisch, arrogant, beratungsresistent.
  8. Es hat sich eine fatale Komplizenschaft zwischen einzelnen Wissenschaftlern und den Medien ergeben. Seuchenspezialist ist normalerweise keine akademische Betätigung, mit der man sich im Scheinwerferlicht sonnen kann. Ausser bei einer Seuche. Karriere, Forschungsgelder, Geltungsdrang trifft auf Unkenntnis und der Suche nach Steigerungen in den Medien. Daraus entstand ein absolut unbekömmliches Gebräu, zum Schaden des Ansehens der Wissenschaft, der Medien und auch der Regierenden. Denn die liessen sich von den resonanzverstärkten Fachleuten vor sich hertreiben. Ohne zu berücksichtigen, dass ein Virologe wohl von Viren Ahnung hat. Aber von Wirtschaft, Gesellschaft, Psychologie, gesamtheitlichem Denken – null.
  9. Wer regiert, muss handeln. Wer handelt kann Fehler machen, schuldig werden. Muss mit Auswirkungen umgehen, die zum Zeitpunkt seiner Entscheidung gar nicht absehbar waren. Für die er aber dennoch harsch kritisiert wird. Denn Politik ist nicht gerecht oder nett. Sondern ein Kampf um Wählerstimmen, Macht und Posten. Völlig befreit davon sind – Medien und Wissenschaftler. Die einen dienen als willfährige Multiplikatoren, die anderen geben wohlfeile Ratschläge. Beide fordern, kreischen, überbieten sich in der Erregungsbewirtschaftung mit immer absurderen Extremen. Verantwortungslos, zum Schaden ihrer Metiers.
  10. Es gibt keine andere Berufsgattung, bei der die Fähigkeit und der Wille zum Austeilen, zum Kritisieren, zum Rechthaben in einem derartigen Missverhältnis zur Einsicht in eigene Fehler steht. Zur Fähigkeit, Kritik zu vertragen, nicht Besserwisser zu sein, sondern besser zu wissen – als bei Medienschaffenden. Das Eingeständnis eines Irrtums, das Zeigen von Lernfähigkeit, das Beschränken auf Wissensgebiete, über die der Journalist tatsächlich Kenntnisse hat – nur unter Folter denkbar.
  11. Die Darstellung der Wirklichkeit in all ihrer Widersprüchlichkeit, Komplexität, Unüberblickbarkeit – das bräuchte Mut und die intellektuelle Fähigkeit zum «ich weiss doch auch nicht, aber ich beschreib’s halt mal». Ausgeschlossen, wer nicht aus dem Stand bereit ist, dem US-Präsidenten, der Bevölkerung jedes beliebigen Landes der Welt, der Wissenschaft, der Autoindustrie oder der Klimaforschung ungefragt Ratschläge zu erteilen, deren Fehler zu kritisieren, masslose Forderungen aufzustellen – der scheint den Beruf verfehlt zu haben und sollte besser nicht als Journalist tätig bleiben.
Summa summarum: Das sind die wirklichen Krankheitssymptome des Journalismus. Nicht etwa wegbrechende Inserate, schrumpfende Auflagen, flüchtende Abonnenten. Da kann auch Staatshilfe nichts Positives bewirken. Sie gleicht dem Versuch, den Komatösen rote Bäckchen zu verpassen – während die Gehirnaktivitäten gegen null tendieren.

Zu Tode gesparter Journalist betrachtet sich selbst.

Aber keine Panik, das Bedürfnis nach Information über das Nahe und das Ferne, das ist ungebrochen vorhanden. Dafür wird auch in Zukunft Geld ausgegeben. Für die Medien des Duopols in der Schweiz sieht es allerdings aschgrau aus. Zappenduster. Schwarz wie Druckerschwärze. Arme Hungerkünstler, die noch einmal wichtig tun wollen, als klappernde Skelette um die verglimmenden Lagerfeuer der öffentlichen Meinungen tanzen. Umso überzeugter von ihrer Wichtigkeit und Bedeutung, desto deutlicher sie fröstelnd spüren, wie der Nachtwind sie in die Vergänglichkeit weht.

Journalist (früher, nur für Gebildete).

RTS: Romands mit Trieben und Sexgelüsten

Schon wieder ein Abgrund. Nein, diesmal nicht bei Tamedia. Aber beim welschen Staatsfunk.

Man (auch Mann, Frau, divers und überhaupt) ist erschüttert. Mehr als das:

«Einzelne Mitarbeiterinnen begannen in der nachfolgenden Fragerunde zu weinen und sprachen angesichts der Befunde von einem «absoluten Skandal», während ihre Kollegen die Fakten als «niederschmetternd» bezeichneten oder sich bei den Anwältinnen für die «unglaubliche Arbeit» bedankten

Echt jetzt? Weinende Journalistinnen? Was ist denn passiert? Wurde ein Gendersternchen gemeuchelt? Nein, das ist kein Platz für Scherze. Tamedia vermeldet:

«Rassismus, unerwünschte Küsse, Anfassen von Brüsten, Berührungen am Gesäss, Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, Arbeitsüberlastung, Beleidigungen gegen Schwangere, Festhalten in einem Raum: Die Missstände beim Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) sind weit komplexer, vielfältiger und gravierender als bislang bekannt.»

Der Trompeter von Jericho, auch als Philippe Reichen bekannt, spielt wieder sein Lieblingsinstrument. Als – man erinnert sich noch? – «Le Temps» mit Anlauf den ehemaligen News-Star von RTS in die Pfanne hauen wollte, war Reichen schon zur Stelle. Die Vorwürfe gegen Darius Rochebin erwiesen sich zwar als haltlos und falsch; entsprechende Schadenersatzforderungen laufen. Aber Reichen formulierte kühn «Die Mauer des Schweigens bricht».

Auch bei Übergriffen muss enthüllt werden

Er «enthüllte» weitere, länger zurückliegende Probleme rund um die Einstellung einer TV-Talkshow, die nach 12 Folgen mangels Publikumsinteresse eingestellt wurde – 2015. Das war dann auch nicht so der Knaller, aber nun hat das Genfer Anwaltsbüro «Collectif de Défense» intern die Resulate seiner Untersuchung der jüngsten Vorwürfe präsentiert.

Die Mitglieder des Anwaltskollektivs.

Weil wir beim seriösen Staatsfunk sind, wo sorgfältig zwischen intern/vertraulich und öffentlich/skandalös unterschieden wird, fanden die Ergebnisse sofort den Weg in die Medien. Also nicht ganz, den Weg zu Reichen. Der lässt wieder keinen Stein auf dem anderen:

«Die Arbeitsrechtsexpertinnen bezeichneten Mobbing und Übergriffe bei RTS als «systemisch». Sie betonten, die untersuchten und ungeahndet gebliebenen Missstände hätten über einen Zeitraum von 20 Jahren stattgefunden. Bei RTS habe ein «Gesetz des Schweigens» geherrscht.»

Dagegen haben die AnwältInnen des Kollektivs was, so ihre Selbstanpreisung: «Les avocat-e-s du Collectif de Défense sont soucieux de pratiquer aussi bien une écoute attentive de la personne, qu’un professionnalisme rigoureux. L’efficacité et la combativité font la marque de l’Etude

Effizienz und Kampfbereitschaft als Markenzeichen, da wird offenbar kein Pardon gegeben. Auf der anderen Seite: «Die Anwälte des Verteidigungskollektivs glauben an eine für alle zugängliche Gerechtigkeit. Daher wendet das Verteidigungskollektiv einen Stundensatz an, der nicht abschreckend ist und unter den im Berufsstand üblichen Sätzen liegt.»

Da können wir für uns Zwangsgebührenzahler nur hoffen, dass sie diesem löblichen Prinzip auch in diesem Fall nachgelebt haben. Denn solche Untersuchungen gehen normalerweise ganz schön ins Geld; Beträge von einer Million aufwärts sind völlig handelsüblich.

Für einen kann’s nun ganz eng werden

«230 Zeuginnen und Zeugen, also mehr als ein Zehntel der RTS-Belegschaft, haben sich beim Anwaltsbüro gemeldet und für den Bericht ausgesagt», weiss Reichen im Weiteren. Damit dürfte eine siebenstellige Honorarnote garantiert sein.

Besonders heikel kann’s nun für SRG-Generaldirektor Gilles Marchand werden. Der war noch im April vom SRG-VR auf eine «sekundäre Aufsichtsverantwortung» runtergestuft worden, wobei man ihm keine groben Fehler vorwerfen könne. Also salviert, Job gerettet, nur keine Unruhe ganz oben.

Sollten die Vorwürfe dieser Untersuchung sich tatsächlich erhärten lassen – im Gegensatz zu den bislang völlig beweisfreien Behauptungen der Tamedia-Protestfrauen –, dann dürfte es doch eher eng werden für Marchand.

Das ist dann nicht nur für ihn persönlich eine ganz schlechte Nachricht. Denn sollte sich der SRG-VR zu einem Opfer entschliessen, dann müsste natürlich die Nachfolge für Marchand gleich geregelt werden. Und dessen Stellvertreterin ist – Nathalie Wappler. Damit wäre dann der Weg in eine gloriose TV-Zukunft geebnet.

 

 

 

Gequälte Asylsuchende – oder Tagi-Leser?

Hier werden Fundstücke obduziert, um ihre Todesursache zu finden. Diesmal: der «Skandal» im Bundesasylzentrum Zürich.

Wir wollen nicht von solchen Peinlichkeiten reden:

Deutsche Autoren über ein deutsches Phänomen mit Schweizer Zierleiste.
Aber vielleicht besser als ein Stück von Hiltmann oder Zukker.

Aber davon, wie der «Tages-Anzeiger» ein Problem aus dem Nichts holt und hochzwirbelt. Sozusagen die Entcoronisierungsmassnahmen. Denn alle Medien wissen, dass Fussball-EM und Sommer dem Leib- und Magenthema vorläufig den Garaus machen.

Im Herbst dann vielleicht wieder der nächste Lockdown, aber wie will man newstechnisch bis dahin überleben? Da muss ein Skandal her, koste es, was es wolle. Offenbar haben die tapferen Tagi-Journalisten bei ihren Kollegen von der «Republik» abgeschaut, wie man ein Thema zum Skandal aufbläst Für dieses Soufflé braucht es die ewig gleichen Zutaten:

  • Ein emotional aufgeladenes Thema, hier das Bundesasylzentrum Zürich
  • Dumpfer Trommelwirbel und Kriminaltango am Anfang
  • Die «Zeugenaussagen» anonymer Denunzianten
  • Die dagegen geschnittenen Aussagen der Verantwortlichen, womit der Ausgewogenheit vermeintlich Genüge getan wurde
  • Eine Tatortbegehung mit möglichst trübem Blick
  • Jede Menge Demagogie, mit der verständliche Persönlichkeitsschutzmassnahmen («Beim anschliessenden Rundgang durch das Zentrum werden die Journalisten mehrfach auf das Filmverbot hingewiesen») zu fragwürdigen Zensurversuchen umgedeutet werden.

Mario Stäuble selbstkritisch über Tamedia. Aber nein, wer ist denn darauf reingefallen?

Dann noch der staatstragende Kommentar «Dieser Betrieb gehört duchleuchtet», fordert der Co-Klein-Chefredaktor Mario Stäuble. Meint er damit Tamedia, diesen sexistisch verseuchten Machoclub, der Frauen das Leben und Arbeiten unmöglich macht? Aber nein, er meint natürlich das Bundesasylzentrum in Zürich (BAZ). Warum? «Vieles hat sich seither offenkundig verbessert. Entscheidendes nicht.» Was denn? «Das Versprechen, man werde die Menschenwürde achten, wurde nicht richtig eingelöst.»

Was weiss Stäuble eigentlich von Menschenwürde? Beim Leser, zum Beispiel?

Aha, wie löst man ein solches Versprechen falsch ein? Wie äussert sich das? Geht es im BAZ zu und her wie in den Folterknästen der Länder, aus denen die Asylsuchenden stammen? Schüren die Angestellten des BAZ die offenbar immer wieder ausbrechenden Gewalttätigkeiten zwischen Asylsuchenden aus verschiedenen Kulturkreisen? Wird irgend jemand irgend ein Recht beschnitten? Nein.

Mit solchen Frontseiten schikaniert der Tagi seine Leser.

Könnte man mehr tun, gibt es Schwachstellen, Verbesserungsmöglichkeiten? Sicherlich, wo nicht. Da würde man gerne mal wieder was von der internen Untersuchung bei Tamedia in Sachen Protestschreiben hören. Stattdessen liest man aber über 20’000 Anschläge über eine Organisation, bei der «Mittäter» angeblich «Menschen schikanieren». Das soll Erinnerungen an Zustände im US-Folterknast Abu Ghureib, im rechtfreien Knast in der US-Militärbasis Guantánamo auf Kuba erwecken.

Denn schikanieren, das bedeutet jemanden absichtlich quälen, oftmals mit dem Zusatz «bis aufs Blut» verwendet. Ist das so im BAZ? Zumindest in diesem Artikel wird dafür kein Beispiel genannt. Es scheint Überforderung zu geben, Personalfluktuation, aber absichtliches Quälen? Das behauptet nicht einmal ernsthaft oder mit Beispielen belegt eine der anonymen Denunzianten in diesem Bericht.

Ein aus dem Asylzentrum herausgeschmuggeltes Foto?

Das hindert das seinen Ruf als ehemalig seriöses Recherchierorgan immer weiter schädigende Organ nicht, mit von der «Republik» abgekupfertem Tremolo loszulegen: «Recherchen zeigen nun, dass im BAZ nach wie vor problematische Zustände herrschen. Diese Zeitung sprach mit sieben ehemaligen und aktuellen Angestellten der städtischen Asylorganisation Zürich (AOZ). Sie sagen übereinstimmend, dass die Betreuungsverhältnisse ungenügend seien.»

Ungenügende Betreuungsverhältnisse, aha, Was sagt der Zürcher Sozialvorsteher Raphael Golta (SP)? Rückblickend auf die Zeit seit November 2019 sei damals vieles noch nicht rundgelaufen. Doch: «Die Kinderkrankheiten sind wir grösstenteils losgeworden.»

Der Tagi geht näher, bleibt dran – und schnappt wild um sich

Falsch, donnert der Tagi, das lässt sich widerlegen. Wie? Na, so: «Die Sozialpädagoginnen und Betreuer, mit denen wir sprachen, haben eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet. Deshalb haben wir ihre Namen in diesem Artikel geändert und manche internen Informationen weggelassen.»

Ein super geänderter Name sagt das hier: «Matthias Kummermann verbrachte Ende 2020 als Zivildienstler mehrere Monate im BAZ. «Der Betrieb fühlt sich an wie ein überfordertes Start-up», sagt er. Die Zuständigkeiten seien unklar, es herrsche Chaos. Er habe in dieser Zeit zwei Sorten von Betreuerinnen und Betreuer kennen gelernt: «Die Gebrochenen und jene, die noch nicht gebrochen sind.»»

Die volle Härte, echt jetzt. Geht noch einer drüber? Natürlich neben einer Kriminaltango-Zeichnung braucht’s ja auch ein knackiges Titelquote; et voilà:

«Ich fühle mich als Mittäterin einer Organisation, die Menschen unterdrückt und schikaniert.»

Mal dir ein Bild – statt Realität.

Aber wir sind doch noch nicht im Irak, in Afghanistan oder auf Guantánamo, die Journalisten dürfen eine Tatortsbegehung machen. Sie erwähnen zuvor einige Selbstmordversuche und Gewalttätigkeiten zwischen verschiedenen ethnische Gruppen. Blöd nur: «14 Monate nach dem Vorfall – im Juni 2021 – ist es gerade ruhig im BAZ Zürich.»

Das liegt sicher daran, dass alle Insassen bis aufs Blut schikaniert wurden, ja keinen Rabatz zu machen, wenn Journalisten anwesend sind. Vielleicht kamen dabei ja auch Drogen zum Einsatz:

«Ein Mann liegt in einer Schaukel im Innenhof, sein Gesichtsausdruck wirkt apathisch, aus einer Boombox dröhnt Trap-Musik.»

Echt jetzt, Südstaaten-Hiphop im BAZ in Zürich? So weit geht dort die Indoktrination schon?

Gut, wir sind auch überzeugt: da muss durchgegriffen werden. Sofort. Rücksichtslos. Ohne zu zögern. So wie das Tamedia bei eigenen «problematischen Zuständen» auch vorführt.

 

 

Weil kein anderer sich traut

Eine inkompetente Redaktorin von Tamedia haut eine Mutter in die Pfanne und glaubt nur der Version des Vaters*.

Sie will anhand eines unzureichend anonymisierten Falles ihre These belegen*, dass immer häufiger Frauen in Kampfscheidungen gemeinsame Kinder so manipulieren, dass sie den weiteren Kontakt mit dem Vater ablehnen.

Das könnte durchaus ein Thema sein. Aber Claudia Blumer verwendet das wohl ungeeignetste Beispiel dafür. Missachtet dabei so ziemlich alle journalistischen Prinzipien.

Bis hierhin ist es das Versagen einer Redaktorin. Die im Artikel nicht angehörte Mutter verlangte Richtigstellung von 14 falschen Tatsachenbehauptungen und untermauert das jeweils mit Gerichtsurteilen, offiziellen Gesprächsprotokollen, Gutachten, usw.

Tamedia lehnt die Publikation ab. Der angerufene Ombudsmann bedauert, sieht aber kein Fehlverhalten seitens Tamedia*. Die gleiche Auffassung vertritt auch Oberchefredaktor Arthur Rutishauser, Res Strehle, Pietro Supino und einige andere, die mit zunehmender Verzweiflung darum gebeten werden, der Mutter wenigstens Gegenrecht zu bieten. Sie reagieren nicht oder abschlägig.

Die mutige Schaffhauser AZ veröffentlichte kurz nach dem Erscheinen des Verleumdungsartikels* bei Tamedia eine Demontage der Behauptungen. Wobei alle Beteiligten Gelegenheit zur Stellungnahme erhielten.

Keine Reaktion von Tamedia*. Wer nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um sich in solchen Fällen Gehör zu schaffen, verzweifelt.

Rainer Stadler, der langjährige Medienbeobachter der NZZ, schrieb über diesen Fall:

«Kurz und schlecht: Das war keine Sternstunde der Tamedia, auf keiner Stufe.»

Stadler wurde in die Wüste geschickt, die Medienseite bei der NZZ existiert nicht mehr. Die beiden Platzhirsche CH Media und Tamedia wollen sich nicht gegenseitig anpinkeln. Solche Fälle sind aufwendig und zeitintensiv, wenn man eine Reportage nicht so hinschludern will wie Blumer. Die übrigen Medienbeobachter in der Deutschschweiz sind entmannt, feige und/oder zum Skelett eingespart.

Also bleibt nur noch ZACKBUM.

Deshalb berichten wir in einer mehrteiligen Serie ab heute über diesen unglaublichen Medienfall. Mit zwei Unterschieden zum Tamedia-Journalismus.

Bei uns hatten alle Beteiligte Gelegenheit zur Stellungnahme.

Wir schreiben nur, was belegt werden kann. Wenn wir ganz selten eine Schlussfolgerung ziehen, weisen wir sie deutlich so aus.

Die Story ist nicht kurz. Aber erschreckend genug, dass sie gelesen werden sollte.

Darum bittet ZACKBUM.

 

*Siehe dazu die Punkte 7 bis 11 des Schreibens von Tamedia.

Konjunktur und Baisse

Themen kommen, blühen auf, und gehen wieder. Das Schicksal des Betroffenen bleibt.

Mit News-Themen ist es wie mit der Börse. Sie steigen, sinken oder bleiben stabil. Wie sich das entwickelt, ist so unvorhersehbar wie der Kurs des Bitcoin.

Es gibt allerdings einen kleinen Unterschied zwischen Börse, Bitcoin und betroffenen Menschen. Mit dem Suchbegriff Pierin Vincenz findet man im Medienarchiv für das gesamte Jahr 2020 gewaltige 2100 Treffer. Das bedeutet, dass dieser Name rund 6 mal erwähnt wurde. Tag für Tag, jeden Tag.

Im noch jungen Jahr 2021 wurde er ganze 4 mal genannt. Nun kann man natürlich einwenden: Sicher, aber das sind ja nur 18 Tage. Auch da hilft eine Extrapolation. Geht das so weiter, wird der Name Vincenz im ganzen 2021 ziemlich genau 80 mal in den Medien genannt werden.

Tiefe Täler, steile Berggipfel

Wenn nicht, um diese Prognose wie ein Bankkundenberater zu relativieren, noch dieses Jahr der Prozess vor dem Bezirksgericht Zürich beginnt. Dann wird es eine deutliche Übererwähnung geben, wenn der Termin bekannt gegeben wird. Übertroffen natürlich während des Prozesses, so wie die Tage vorher. Da nicht anzunehmen ist, dass das Urteil am letzten Prozesstag verkündet wird, ist dann wieder Ruhe.

Einen dritten Peak wird es bei der Urteilsverkündung geben. Unbeschadet davon, dass entweder Staatsanwalt oder Angeschuldigte, je nachdem, das Urteil sowieso weiterziehen werden: Die Bekanntgabe des Urteils ist ja eher banal. Also wird das selbstverständlich mit Kommentaren, Einschätzungen, Rückblicken, Interviews mit Experten, neuen Versuchen, mit den Angeschuldigten ein Interview zu führen, Gegenmeinungen von anderen Experten, Stellungnahmen von Raiffeisen, von Aduno, von Raiffeisen-Genossenschaftern, von Menschen auf der Strasse umrankt werden.

Weitere Nachzüge, wie man das im Jargon nennt

Denn so einen Knaller gilt es auszuschlachten. Dann kommen die Gegenexperten, die sich etwas Ruhm und Aufmerksamkeit abschneiden wollen, indem sie schon interviewten Experten scharf widersprechen. Nicht fehlen dürfen auch die angeblich mit dem Fall vertrauten oder den Angeschuldigten nahestehenden Personen, die – auch in der Schweiz – nicht gratis Insiderwissen verkaufen.

Vincenz ist am Boden zerstört, «ich mache mir Sorgen um ihn», «Vincenz ist ungebrochen kampfesmutig, er ist sich sicher, dass er seine Unschuld beweisen kann». Und alles, was dazwischen liegt. Dann ist wieder Sendepause, bis zur nächsten Instanz.

Natürlich kann man sagen: so funktioniert der Journalismus halt. Von einem Tag auf den anderen popt etwas Neues auf. Man erinnert sich vielleicht noch an den Fall Jörg Kachelmann. Es wurden Gigabyte verschwendet; Analysen, Einschätzungen, selbst Gerichtsreporterinnen von «Spiegel» und «Zeit» sahen ihre Chance gekommen, sich endlich mal selber ins Scheinwerferlicht zu rücken. Dann Prozess, Urteil, und seither? Nichts, nada null.

Obwohl Jörg Kachelmann selber mit allen Mitteln versuchte, sich im Gespräch und in den Medien zu halten. Um sich über deren grausamen Voyerismus zu beschweren. Sozusagen ein frühes Vorbild von Jolanda Spiess-Hegglin.

Aber wenn man selber schweigt und zusehen muss?

Was passiert aber mit einem, wenn man stumm zuschauen muss, wie man bis ins Intime hinein durch die Medien geschleift wird? Wenn es überhaupt keine Rolle spielt, dass Vincenz in den fast drei Jahren, seit der Fall mit seiner Verhaftung für Schlagzeilen sorgte, ein einziges Mal ein kurzes Statement veröffentlichte, dass er die Erfahrung seiner Untersuchungshaft nicht mal seinem schlimmsten Feind wünsche und sich mit allen Mitteln gegen diese ungerechtfertigten Anschuldigungen zur Wehr setzen werde.

Wenn der zweite Hauptangeschuldigte noch nie ein öffentliches Wort gesagt hat, dennoch als Titelbösewicht für die «Bilanz» diente, als der Mastermind hinter Vincenz, als der «Schattenmann»?

Interessiert das die Medien in ihrer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit, nach Gerechtigkeit? Diese angebliche Suche ist ein Witz, reine Heuchelei. Es gilt das Herdenverhalten, das Anfüttern.

Wie an die Herde zum Galoppieren bringt

Einem Medium wird ein Häppchen hingeworfen, exklusiv, Dokument, Knaller. Das Organ macht daraus «wie unsere Recherchen ergaben» und plustert sich auf. Die Konkurrenz muss zähneknirschend abschreiben. Der Chefredaktor, oder der Oberchefredaktor, blickt streng in den Newsroom und sagt: Wieso haben wir nichts? Einen Nachzug? Eine eigene Enthüllung? Wenigstens einen Experten? Nehmt endlich mal den Finger raus.

So verelendet der moderne Journalismus. Und wundert sich tatsächlich darüber, dass immer weniger Konsumenten für diesen Schrott auch noch etwas zahlen wollen. Statt sich auf die Kernkompetenz, das Verkaufsargument zurückzubesinnen: Wir liefern Nachrichten; gerafft, eingeordnet, analysiert, betteln die Konzerne nun um Staatshilfe.

Vierte Gewalt, Kontrolle, unverzichtbar, Eckpfeiler der Demokratie, aber hallo. Gleichzeitig gönnen sich die Verlage gegenseitig nicht die Butter aufs Brot und schleimen sich bei den Entscheidungsträgern schonmal ein, selbst wenn sie dafür die Corona-Politik eines Alain Berset toll finden müssen. Die Debatte, die Bedeutung als Meinungsforum, wenn es nur noch eine Tageszeitung in der Stadt gibt, haben sie schon längst durch Gesinnungsjournalismus im Rahmen dessen, was die Kundschaft hören will, abgelöst.

Corona sei Dank

Am Unispital Zürich geht es zu und her wie in einer Metzgerei. Skandal nach Skandal. Segelt aber unter «ferner liefen».

Es gibt die (wenigen) Guten in diesem unglaublichen Skandal. In erster Linie ist das Professor Paul Vogt. Als es Anfang dieses Jahres nicht gelang, anschwellendes Gemurmel bezüglich der Herzklinik des Uni-Spitals und ihres damaligen Leiters unter dem Deckel zu halten, liess sich die Spitalleitung mühsam zu einer externen Untersuchung tragen.

Als dann verdienstvollerweise der «Tages-Anzeiger» und «Inside Paradeplatz» immer tollere Stücke aus diesem Tollhaus veröffentlichten, sah sich die Spitalleitung gezwungen, ihren bis dahin hochgelobten Herzchirurgen, weltbekannten Experten, hochangesehenen Professor Dr. Francesco Maisano, zu beurlauben. Nur für die Zeit der Untersuchung, die dann, Überraschung, ein paar kleine Fehler fand, aber eigentlich nichts Gravierendes.

Was einer alleine alles ausrichten kann

Aber während die Spitalleitung bis hinauf ins Kontrollgremium Spitalrat meinte, in Vogt einen stillen Verwalter in Notzeiten gefunden zu haben, täuschte sie sich schwer. Denn der stiess innert kürzester Zeit auf einen ganzen Berg von Schweinereien. Was Operationen, den Einsatz eines nutzlosen Ersatzteils, das aber von einer Firma hergestellt wird, an der Maisano beteiligt war, aber auch, was finanzielle Ungereimtheiten betrifft.

Was die Spitalleitung falsch eingeschätzt hatte: Vogt ist nicht nur völlig unabhängig, er ist auch ein Arzt, dem es nicht in erster Linie um das Wohl seines Portemonnaies geht, sondern um das der Patienten. Also setzte er die Spitalleitung so lange unter Druck, bis die die Beurlaubung Maisanos auf unbestimmte Zeit verlängerte.

Was den aber nicht daran hinderte, unter Ausnützung seiner Seilschaften an der Klinik, weiterhin sein Büro und die Infrastruktur zu benützen. Schliesslich räumt Vogt weiter auf; es gibt einen Exodus von rund 10 Maisano-Anhängern, der ehemalige Klinikdirektor wird dann fristlos gefeuert und es wird Strafanzeige wegen Urkundenfälschung gegen ihn eingereicht. Es besteht der Verdacht, dass Maisano Patientenakten manipuliert haben soll.

Ein völlig überforderter Spitalratspräsident

Dass der Whistleblower, der den ganzen Fall ins Rollen brachte, zuerst entlassen wurde, dann wieder eingestellt, dann nochmals entlassen, das ist nur eine Groteske am Rande. Nachdem sich der völlig überforderte Spitalratspräsident Martin Waser zunächst mit dem üblichen «es wurden Fehler gemacht» aus der Verantwortung stehlen wollte, muss er unter zunehmendem Druck zurücktreten.

Scherbenhaufen neben Scherbenhaufen; auch andere Klinikdirektoren sollen sich unrechtmässig bereichert haben, wurden entweder stillschweigend entsorgt oder zum Rücktritt getragen. Der Fall Maisano ist noch längst nicht abgeschlossen. Neben möglichen Operationsfehlern mit tödlichen Folgen, was zu unabsehbaren Haftungsfolgen führen wird, ist es auch nur dem Insistieren des Sohnes einer in der Herzklinik verstorbenen Patientin zu verdanken, dass sich an ihrer horrenden Rechnung bestätigte, was vorher schon vermutet wurde.

Krankenkasse zahlt, also kann abgezockt werden

Dass es zum guten Brauch, nicht nur an der Herzklinik, gehört, dass Ärzte sich für Operationen einschreiben, die sie gar nicht selbst durchführen. Dass sie an Besprechungen teilnehmen, die dann vierstellig in Rechnung gestellt werden, obwohl sie nicht gleichzeitig an vier oder mehr Meetings teilnehmen könnten oder sicher nicht sieben Stunden eines Arbeitstags damit verbrachten.

Das alles führte im Fall dieser betagten Patientin, über die noch beratschlagt wurde, als sie bereits im Koma lag, zu einer Gesamtrechnung von fast 200’000 Franken. Inklusive Eingriffen, Operationen, die von Fachleuten als völlig überflüssig taxiert werden. Aber das Problem ist: Krankenkasse zahlt, Kanton St. Gallen als Überweiser zahlt, dem Sohn blieb ein Selbstbehalt von lediglich 100 Franken.

Deswegen macht normalerweise niemand ein Büro auf, aber hier ging es einmal einem Unternehmer ums Prinzip. Alleine schon, um Einsicht in die detaillierte Rechnung zu bekommen, musste er einen Regierungsratsentscheid aufbieten; das Spital weigerte sich.

Ein Riesenskandal auf kleiner Flamme gekocht

Alles in allem ein Riesenskandal. Ein völlig unfähiges Kontrollgremium, das wie viele solcher staatlich dominierter Aufsichtsräte nicht nach Kompetenz, sondern nach Parteibuch und Seilschaften besetzt wird. So kam ein Waser, ehemaliger Lehrer und Stadtrat für Schulen, zu diesem Amt, da man noch ein Abklingbecken bis zur Pensionierung für ihn brauchte – mit einem netten jährlichen Salär.

Bislang im Amt halten konnte sich der Spitaldirektor Gregor Zünd. Er laviert geschickt damit, dass die unmögliche Struktur des Spitals – eine Kreuzung zwischen Uni Zürich und Kanton Zürich, ihm gar nicht die Möglichkeit gäbe, richtig durchzugreifen. Dann noch die Leier von bedauerlichen Einzelfällen, durchaus Handlungsbedarf, aber das sei oberhalb seiner Gehaltsklasse.

Maisano fuhr gewaltige Geschütze auf

Maisano zeigte zusätzlich, was man heutzutage alles auffahren kann, wenn man genügend Geld aufwirft. Er liess sich ein ihn völlig entlastendes Gutachten erstellen, mit dem er sich als unschuldiges Opfer darstellen konnte. Er motivierte die «Weltwoche» dazu, eine mehrteilige Kampagne gegen seinen Nachfolger und für Maisano zu fahren, der hier auch als Opfer finsterer Machenschaften verteidigt wurde.

Bis immer mehr Ungereimtheiten zum Vorschein kamen und die WeWo abrupt in ihrem Kreuzzug pro Maisano stoppte und verstummte. Ebenso wie die Solidaritätsadressen versiegten; nur das Kantonsspital St. Gallen war so blöd, sich stramm hinter Maisano zu stellen.

Anhaltend kranke Zustände am Spital

Also alles in allem ein anhaltender Skandal. Das wichtigste Spital des Kantons Zürich ausser Kontrolle. Versagen auf allen Ebenen. Gefährdung des Patientenwohls, Ärzte als gierige Beutelschneider zum Wohl der eigenen Geldbörse. Unfähige Aufsicht, unfähiger CEO, und was passiert? Ein paar Rücktritte, ein paar übliche Ankündigungen – und die berechtigte Hoffnung, dass man das aussitzen kann.

Corona sei Dank. Denn wenn das Unispital in den Medien auftaucht, dann als Mitsänger im Chor, dass dringend die Fallzahlen gesenkt werden müssten, man sei wieder an der Kapazitätsgrenze, schon erste Operationen mussten verschoben werden.

Missmanagement, über Jahre hinweg geduldet, offener Betrug auf Kosten der Krankenkassen und des Steuerzahlers? Jahrelang geduldet. Versagen aller Kontrollinstanzen und der Spitalleitung? Jahrelang geduldet. Abhilfe in Sicht? Nicht mal am Horizont. Corona sei Dank.

Praktisch keine Eigenleistung der Medien

Und den Medien, die auch hier weitgehend ihre Funktion als vierte Gewalt eingebüsst haben. So aufsehenerregend auch die Enthüllungen im Tagi und auf «Inside Paradeplatz» waren: Das war alles angefüttert, zugehalten. Keine Eigenleistung. Ausser vielleicht, sich juristisch abzusichern.

Genauso machte es Maisano auf der anderen Seite. Er beschäftigte sogar eine der üblichen, sackteuren und völlig ineffizienten Agenturen, die zunächst eine Riesenstrategie entwickeln, einen nicht minder riesigen Vorschuss kassieren, um dann kläglich zu versagen. Und die übrigen Medien machten das, was sie inzwischen am besten können: copy/paste.

Bis der Arzt nicht kommt

Bei «meinarzt Schweiz» übernimmt wohl der Konkursverwalter.

Ein Recherchierstück wie auf dem Serviertablett. Ein ehemaliger Nachtclubbesitzer aus Kärnten hat eine tolle Businessidee. Im Rahmen der Nachfolgeprobleme, die viele Hausarztpraxen haben, bietet meinarzt an, den passenden Nachfolger zu finden. Man «konnte im vergangenen Jahr bereits 30 Standorte besetzen», jubelt die Webseite.

Die kommt auch wirklich knackig daher, zeigt mit eingängigen Kurven, wie sich der Gewinn steigern liesse, während die laufenden Unkosten sinken. Wer will da nicht dabei sein. Nur: der Button «offene Stellen», wo noch letzte Woche solche angeboten wurden, ist ausser Betrieb. Ebenso die Telefonnummern, und auf eine Anfrage über das Kontaktformular wird nicht geantwortet.

Die Zürcher Staatsanwaltschaft bestätigt, dass eine Untersuchung «wegen Vermögensdelikten» eingeleitet worden sei. Viele Ärzte, das Personal, fürchten nun um ihre Löhne. Denn meinarzt kaufte jeweils die Praxis, übernahm das Personal und installierte auch einen Nachfolgearzt.

Ängstliches Schweigen der Betroffenen

Kaum jemand will sich aber öffentlich äussern, weil man Angst vor Gegenmassnahmen bezüglich Stillschweigensvereinbarungen hat. Nur ein betroffener Arzt will wissen, dass alle Angestellten in der Zentrale von meinarzt Schweiz letzte Woche entlassen worden seien.

Also eigentlich ein Skandal im Gesundheitsbereich, der offensichtlich Arztpraxen quer über die Schweiz betrifft. Darauf haben natürlich schon längst alle Recherche-Desks der verbleibenden Qualitätsmedien ihre Teams angesetzt. Endlich mal was anderes als irgendwelche gestohlenen Geschäftsunterlagen ausschlachten.

Die Recherchierjournalisten rotieren bereits?

Und? Nix und. Einfach nix. Bislang hat nur der «Reussbote» darüber berichtet, dass die örtliche Praxis von meinarzt geschlossen wurde. Das Team behandelte zwei Monate lang weiter, obwohl es keinen Lohn mehr erhielt. Seit 1. September ist die Praxis nun geschlossen, die Patienten können ihre Unterlagen abholen. Oder dann mal beim Konkursverwalter.

Auch das Portal «medinside», eigentlich eher für Insider im Gesundheitsbereich tätig, hat eine umfangreichere Recherche veranstaltet und bereits am 25. August veröffentlicht. Auch «medinside» lief mit Bitten um Stellungnahme auf allen Kanälen auf, keine Antwort mehr.

Auch bei verängstigte Ärzte und Angestellte von meinarzt, die um ihre Praxis, ihre Löhne und ihre Zukunft bangen, aber Schiss haben, sich öffentlich zu äussern.

Eine Hammerstory mit allen nötigen Bestandteilen

Also in einem Satz: eine Hammerstory. Alles drin, was es für eine schönen Skandalbericht braucht. Ein österreichischer Geschäftlimacher, Praxen fürchten um ihre Zukunft, was ist mit der Gesundheitsversorgung auf dem Land, wo immer mehr Ärzte keinen Nachfolger finden? Wer ist der Initiator, wie geht es der meinarzt GmbH Deutschland? Ist die frisch und munter, oder brauchen die auch ärztliche Betreuung? Oder hat sich meinarzt an den Corona-Geldtöpfen bedient?

Alles banale, auf der Hand liegende Fragen. Und sicherlich eine willkommene Abwechslung zu «Corona, Corona, Corona». Allein, was fehlt? Offenbar eigentlich alles. Recherchierjournalisten, die nicht nur per copy/paste arbeiten. Oder einen Ausflug in Google und ein Telefonat für Spitzenleistungen des investigativen Journalismus halten.

So berichtete die «Rundschau» schon am 3. Juni über «Harsche Vorwürfe gegen Hausarzt-Label». Aber natürlich gab SRF dem Besitzer Christian Neuschitzer umfangreich Gelegenheit, Contra zu geben. Er plane die Übernahme von bis zu 500 Hausarztpraxen, zurzeit 4 im Monat. Streit mit Ärzten und Personal? I wo, Missverständnisse. Zahlungsverzug und Betreibungen? I wo, die «eigene Buchhaltung» war mit den Zahlungen einfach überfordert. Kein Wunder, bei einem aufstrebenden Start-up. Aber jetzt habe er extra «eine Treuhandfirma» gegründet, und nun flutscht es wieder.

Selbst die «Rundschau» hatte keine Lust, der Karriere des ehemaligen Besitzers einer «Tanzbar» und Geschäftsführer eines Swingerclubs nachzugehen.

Es fehlt aber an allem

Denn es fehlt überall an Ressourcen. Das könnte ja dazu ausarten, dass man Hausbesuche machen muss. In der ganzen Schweiz, und dann noch im Ausland! In Österreich! Was das kosten würde. Und wenn dann nichts herauskommen sollte, was immer mal passieren kann: Wie erklärt man den Erbsenzählern die verschwendete Arbeitszeit und die enormen Spesen?

Schliesslich fehlt einfach die Kompetenz. Verträge anschauen, nach Bilanzen fahnden, Quellen auftun, Dokumente besorgen: Himmels willen, das gibt’s doch nur noch im Kino. Daran werden auch noch so reichliche Subventionen nichts ändern können.

Schlacht mit Herzblut, Teil 3

Wie Maisanos Triumphzug vor dem Ziel scheitert.

Die ersten zwei Teile finden Sie hier und hier.

Nach seiner Gegenoffensive in der Öffentlichkeit sah sich Prof. Maisano schon wieder in Amt und Würden. Aber das täuschte.

6. Akt: Statt Triumph die bittere Niederlage

Das hätte man rechtzeitig noch am Freitag, den 31. Juli, herauspusten können. Dann kam der 1. August, dann der Sonntag, und am Montag würde ein glücklicher Maisano sich vor seiner Klinik ablichten lassen, ein kurzes Statement abgeben, wie froh er sei, dass er sich nun wieder um das Wohl der Patienten kümmern könne, und Entschuldigung, die Pflicht ruft.

Aber auch diese Träume zerplatzten wie eine Seifenblase. Denn stattdessen teilte das USZ am Freitag vor dem 1. August mit, dass Maisano nicht länger beurlaubt sei, sondern seines Amtes enthoben. Es hätten sich neue Verdachtsmomente ergeben, dass er seinen Zugang zu internen Datenträgern für Manipulationen missbraucht habe. Deshalb sei ihm per sofort Zugang und Zutritt verwehrt.

Statt Rückkehr aus dem Zwangsurlaub Amtsenthebung

Mörgeli dürfte nicht wirklich in Feierlaune geraten sein, Maisano ebenso wenig. Statt fröhlich mit Schweizerfähnchen zu winken, standen da zwei wie begossene Pudel da. Aber war das nun das Ende, das Aus für Maisano? Wurde hinter den Kulissen bereits über die Modalitäten seines Abgangs gefeilscht?

Offenbar nicht wirklich, denn Maisano scheint Nehmerqualitäten zu haben. Also legte die Spitalleitung noch ein Scheit drauf und liess durchsickern, dass sie nun auch Strafanzeige gegen Maisano eingereicht habe. Und um dem Stück für Stück demontierten Herzchirurgen zu zeigen, was alles noch auf ihn zukommen könnte, sollte er sich weiterhin nicht einfach vom Acker machen, feuerte wiederum auf «Inside Paradeplatz» Lukas Hässig eine weitere Salve auf ihn ab.

Und zwar mit dem grösseren Maschinengewehr. Maisanos Helfer, seine Firmenkonstrukte mit Namen und Sitz, wer da für ihn den Verwaltungsrat bestückt, selbst die «Phalanx seiner Gegner» zählt Hässig namentlich auf. Um als Schlusspointe auf mögliches zusätzliches Ungemach für Maisano hinzuweisen, für den aber natürlich die Unschuldsvermutung gelte. Immerhin eine kleine Verbeugung Richtung NKF.

Ein wohlgezielter Blattschuss

Dieser Blattschuss verdient besondere Analyse. Zweifellos ist auch in diesem Fall ein Journalist von interessierten Kreisen mit Munition versorgt worden. Und zwar gleich palettenweise. So etwas würde man in gehobenen Ärztekreisen wohl als consilium abeundi bezeichnen. Oder auf gut Deutsch: Verpiss dich. Sonst können wir dann noch ganz anders.

Aber wer sind diese interessierten Kreise? Ein dialektischer Kniff des Maisano-Lagers, um antizipativ Vorwürfe aufzublättern und ihnen so die Wirkung zu nehmen? Unwahrscheinlich, zudem fallen Farner und NKF zwar durch ihre stattlichen Honorare auf, aber nicht unbedingt durch Köpfchen und Cleverness.

Der Whistleblower? Auch eher unwahrscheinlich, der hat seine Beschwerde deponiert, ist wieder rehabilitiert und will sich keinen neuen Ärger einhandeln. Der interimistische Leiter der Herzklinik? Auch sehr unwahrscheinlich. Er hat von Anfang an klar gemacht, dass es sich nur um ein begrenztes Mandat handelt, und wieso sollte er seine eigene Position gefährden, wenn er so aus dem Nähkästchen plaudert?

Damit bleibt im logischen Ausschlussverfahren nur noch eine Quelle übrig. Und die dürfte sich im Umfeld der Spitalleitung lokalisieren lassen. Denn der Kreis der Wissensträger von all dem, was Hässig aufgefahren hat, ist überschaubar.

Wohl von höchster Stelle abgenickt

Aber damit wäre die logische Deduktion noch nicht zu Ende. Angesichts der kritischen Lage, des öffentlichen Rüffels durch die oberste Vorgesetzte und angesichts der Tatsache, dass sich weder der Spitalrat noch die Spitalleitung in der ganzen Affäre mit Ruhm und Ehre bekleckert haben, liegt auf der Hand: zu diesem Schritt, dem Anfüttern, hat man sich nur in Rücksprache mit weiter oben getraut.

Da dürfte der übliche Tanz stattgefunden haben, um das herzustellen, was der Politiker «plausible deniability» nennt. Sollte es ein Rohrkrepierer werden, dann hat er nichts davon gewusst und hätte auch niemals seine Einwilligung gegeben.

7. Akt: Preisverleihung an herausragende Mitspieler

Ist das so, dann kann man amtlich festhalten: Natalie Rickli musste in ihrem ersten Regierungsamt schon mit der Pandemie einigermassen fertigwerden. Und dann auch noch mit diesem potenziell sogar ihren Stuhl gefährdenden Skandal am USZ. Womit wir zur Preisverleihung an die wichtigsten Protagonisten dieses unglaublichen Theaters kämen.

Immer unter der Voraussetzung, dass diese logische Schlussfolgerung stimmt, gebührt der Regierungsrätin der erste Platz. Mit Auszeichnung, denn schliesslich ist das das erste Mal, dass Rickli ein Exekutivamt ausübt, und erst noch eines, das ständig im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit steht.

Der zweite Platz geht ex aequo an den Whistleblower und an Prof. Vogt. Beide haben ihr Ding bislang durchgezogen. Ruhig, besonnen, ohne ständigen Wirbel in den Medien. Beide haben ihre Ziele erreicht. Maisano ist weg und kommt nicht wieder, nun muss das grosse Aufräumen und Reinemachen noch gelingen.

Sonst gibt es nur Verlierer

Damit wären die einzigen Sieger benannt. Ein Mittelfeld gibt es nicht, nur noch Verlierer. In absteigender Bedeutung wären das der Spitalrat und die Spitalleitung. Hier wird es anschliessend zum Hauen und Stechen kommen. Wer feuert wen, wer wird gefeuert? Eigentlich ist die Hierarchie klar: Der Spitalrat kann die Geschäftsleitung des Spitals feuern, umgekehrt geht nicht. Aber auch hier wird Regierungsrätin Rickli das letzte Wort haben.

Die nächsten Verlierer sind Farner Consulting und NKF. Alle ihre teuer bezahlten Bemühungen, die öffentliche Meinung auf die Seite von Maisano zu bugsieren, sind krachend gescheitert. Solidaritätsadressen, ein wilder Ritt von Mörgeli, das Ausplaudern des Namens des Whistleblowers, eine vorsichtige Wende bei der NZZ von schweren Vorwürfen zu heikler Vorverurteilung, die gut einstudierten und wenigen öffentlichen Auftritte von Maisano: alles für die Katz, rausgeschmissenes Geld.

Was treibt Maisano an?

Der grösste aller Verlierer ist natürlich Prof. Maisano selbst. Was ihn wohl dazu bewogen hat, angesichts des Umfangs und der Dimension der Vorwürfe gegen ihn, diesen aussichtslosen Kampf zu wagen? Hybris, ein Halbgott in Weiss, ein sich als internationale Koryphäe unantastbar glaubender Chirurg? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist das das Ende seiner Karriere. Und der mögliche Tiefpunkt ist noch gar nicht erreicht.

Sollte eine der Strafanzeigen zu einer Verurteilung führen, ist er seine Approbation los und kann höchstens noch als Berater seine Brötchen verdienen. Wenn ihn nach diesem Skandal überhaupt noch jemand will.

Völlig unbekannt ist, welche Auswirkungen Maisanos Fall für die mit ihm verbandelten Firmen und Mitarbeiter hat. Genauso unbekannt wie die Reaktion des US-Medizinriesen, der seinen Aktionären erklären muss, wieso es eine gute Idee gewesen sein soll, 700 Millionen Dollar für eine inzwischen praktisch wertlose Firma auf den Tisch zu legen. Wie es bei Amis Brauch ist, könnte sich hier noch ein längeres juristisches Fingerhakeln entwickeln. Grundlagenirrtum, Täuschung, Unwirksamkeit des Kaufvertrags, Kohle zurück.

Schadensbilanz ist noch ausstehend

Aber vielleicht auch nicht, denn es ist nicht anzunehmen, dass Maisano oder einer der anderen Beteiligten mal schnell 700 Millionen Dollar auftreiben könnte.

8. Akt: Strafanzeigen hüben und drüben

Wenn nicht noch im wahrsten Sinne des Wortes Leichen in Maisanos Keller auftauchen, dann bleibt von diesem Skandal, dass wirklich mit fast allen Mitteln und Tricks gearbeitet wurde, um die heutzutage entscheidend wichtige öffentliche Meinung zu gewinnen. Beziehungsweise Journalisten hüben und drüben zu instrumentalisieren, indem man ihnen die Gegenpartei schädigende Informationen zusteckte.

Offener Schlagabtausch

Inzwischen ist es zum offenen Schlagabtausch ausgeartet. Das Unispital deckt Maisano mit einer Strafanzeige ein, sozusagen als Retourkutsche bekommt der Whistleblower auch eine übergebraten. Das vermeldet Medinside. Diese «Online-Plattform für die Gesundheitsbranche», ein Projekt des IT-Spezialisten Christian Fehrlin, fiel schon mehrfach mit mehr als parteiischen Artikeln im Sinne Maisanos auf.

So berichtet es nicht nur als erstes Organ über diese Strafanzeige und schwärzt die berufliche Qualifikation des Whistleblowers kräftig an. Auch in diesem neusten Bericht behauptet Medinside nicht ganz faktengetreu, es habe sich bislang «weder ein strafbares Verhalten noch sonst eine substanzielle Verfehlung des Klinikdirektors Maisano» herausgestellt.

Tröstlich mag für die Öffentlichkeit sein, dass sich wieder einmal bewahrheitet hat, dass der Rudolf Farner, dem Gründer der Agentur zugeschriebene Satz falsch ist. Farner soll sinngemäss gesagt haben, dass er mit Hilfe einer Million auch einen Kartoffelsack zum Bundesrat machen könne. Obwohl es vielleicht unentdeckte Versuche gab, wenn man sich das Personal im Bundesrat der letzten Jahrzehnte vor Augen führt: Ein Kartoffelsack war aber nie dabei.

Fortsetzung folgt sicherlich.

Schlacht mit Herzblut, Teil 2

Wie ging es in der epischen Story um den Zürcher Herzchirurgen Francesco Maisano weiter?

Die ersten drei Akte in diesem Arzt-Skandal finden Sie hier.

Teil zwei

 

4. Akt: Stellungskrieg ohne Geländegewinne

Bis Mitte Juni geschah dann nichts Weltbewegendes, die befristete Beurlaubung wurde in eine unbefristete umgewandelt, und der gefeuerte Whistleblower wehrte sich gegen seine Entlassung. Die Medien zupften da und dort, raunten etwas von unerklärlichen Todesfällen, aber eigentlich hofften wohl alle Beteiligten, sich in die Sommerpause retten zu können. Um dann frisch ausgeruht bekannt zu geben, dass nun wirklich alle Vorwürfe ausgeräumt worden seien, und toll, dass Prof. Maisano uns erhalten bleibt.

Aber auch das blieb nur ein schöner Traum. Am 19. Juni gab die Spitalleitung bekannt, dass sie den renommierten Herzchirurgen Paul Vogt interimistisch zum neuen Klinikleiter berufen habe. Tschakata. Der gab ein einziges Interview, indem er seine Absicht bekundete, das Schlamassel aufzuräumen und wieder Ruhe in den Laden zu bringen. Dann machte er sich am 1. Juli ans Werk, nachdem er kräftig gegen geldgierige Ärzte und überforderte Politiker ausgeteilt hatte.

Wo sind die Guten, wer sind die Bösen?

Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand Wetten angenommen, die auf eine Wiederauferstehung von Maisano als Chef der Herzklinik liefen. Vor allem, als noch bekannt wurde, dass diverse Strafanzeigen gegen Maisano in der Mache seien, wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Ins Bild passte, dass die Spitalleitung in ihrer Wankelmut den Ende April gefeuerten Whistleblower am 7. Juli wieder in Amt und Würden erhob. Also eine völlige Rehabilitierung.

Langsam verlor das Publikum den Überblick; wer sind die Guten, wer die Bösen? Wer hat versagt, wer nicht? Ist Maisano nun eine international anerkannte Koryphäe, deren Beschädigung oder gar Weggang der Herzklinik einen schmerzhaften Imageschaden verursachen würde? Oder kann er persönliche finanzielle Interessen und das Wohl der Patienten nicht auseinanderhalten?

5. Akt: Die Gegenoffensive von Maisano

Lange hatte er geschwiegen, aber am 9. Juli lancierte Maisano seinen Gegenangriff. Mit Schmackes und Pauken und Trompeten. Für die mediale Untermalung sorgte Farner Consulting, wohl immer noch die bestvernetzte PR-Bude am Platz. Für die Munition sorgte ein 132-seitiges Gutachten der renommierten Grosskanzlei Niederer Kraft Frei (NKF). Das überraschungsfrei zum Ergebnis kam, dass es ausser ein paar Kleinigkeiten nichts gäbe, was man Maisano ernsthaft vorwerfen könne.

Im Gegenteil, die erste Untersuchung sei schlampig und inkompetent geführt worden, Maisano sehe sich zu Recht als Opfer einer Verleumdungskampagne. Aber im Namen seiner Familie, seiner Patienten, seiner Reputation könne er nicht mehr länger schweigen, meldete sich Maisano in einem hübsch gedrechselten Text auf Englisch auf der Vernetzungsplattform Linkedin zu Wort. Ihm sei ein Strick gedreht worden aufgrund von vier Artikeln, jammerte er in der NZZ.

Maisano mit Medientraining

Er habe nie etwas verheimlichen wollen, beteuert er im Interview, flankiert von zwei Beratern von Farner und einem Anwalt von NKF. Seine gut gestanzten Antworten zeigen, dass er sich einem längeren Medientraining unterzogen hatte. Heutzutage üblich, wenn man das Geld dafür hat. Mitarbeiter der PR-Bude spielen angriffige Journalisten und versuchen, ihren Mandanten in die Enge zu treiben. Seine Antworten werden analysiert, seine Körpersprache auf Video festgehalten und ebenfalls genau angeschaut.

Dann werden Schwachstellen eliminiert, bessere Antworten einstudiert, die Körpersprache optimiert. All das ist allerdings nicht für ein Trinkgeld zu haben. Man kann davon ausgehen, dass Maisano für das umfangreiche Gutachten mindestens 150’000 Franken ausgegeben hat. Und für Farner nochmal 100’000.

Aber Farner ist sein Geld auch wert. Denn die Gegenoffensive trug Früchte. Plötzlich warnte die NZZ vor einer «heiklen Vorverurteilung». Richtig ins Zeug legte sich aber die «Weltwoche», genauer Christof Mörgeli. In drei aufeinanderfolgenden Riesenstücken versuchte Mörgeli, Maisano als zu Unrecht beschuldigtes Opfer darzustellen, umgeben von ein paar Neidern. Und von Intriganten, die selber etwas zu verbergen hätten, davon aber mit ihren Attacken auf Maisano ablenken wollten.

Publizistische und andere Hilfstruppen

Die NZZamSonntag diagnostiziert einen «Kleinkrieg am Zürcher Unispital», und Mörgeli setzt mit seinem dritten ausführlichen Stück, wofür er umfangreich munitioniert wurde, zum Finale an: Maisano müsse sofort wieder als Klinikdirektor eingesetzt werden. Alle Vorwürfe gegen ihn seien erstunken und erlogen; dauere das Drama noch weiter an, erleide das USZ einen nicht mehr zu reparierenden Imageschaden.

Fleissig wurden von Farner weitere Grussadressen und Unterstützer herbeigeschleppt. Selbst aus der fernen Türkei bekundete ein Arzt sein Befremden über die ungerechte Behandlung dieser Koryphäe. Den Vogel schoss aber das Kantonsspital St. Gallen ab. Der Spitaldirektor, der dortige Leiter der Kardiologie und zwei seiner Leitenden Ärzte unterschrieben einen Brief an die Zürcher Spitalleitung.

Darin erklärten sie, dass ein allfälliger Weggang Maisanos die vertrauensvolle Zusammenarbeit schwer beschädigen würde. Man möchte sich natürlich keinesfalls in die inneren Angelegenheiten einmischen, müsse aber kundtun, dass es leider mit dem Whistleblower keine Zusammenarbeit mehr geben könne.

Offenbar waren die Herren der irrigen Auffassung, dass dieses Schreiben nicht an die Öffentlichkeit durchgestochen würde. Ein Artikel im St. Galler Tagblatt belehrte sie dann eines Schlechteren.

Maisano in Siegerlaune

Zu diesem Zeitpunkt konnte sich Maisano eigentlich in Siegerlaune fühlen. Lange eisern geschwiegen, dann volles Rohr einer Gegenattacke, die zeigt auch Wirkung. Die NZZ schwenkt um auf Vorverurteilung, Mörgeli reitet in der «Weltwoche» mit Pauken und Trompeten seinen Gegenangriff, Unterstützung von innerhalb und ausserhalb der Klinik.

Da hätte es eigentlich nur eine von Farner sicherlich schon vorformulierte Erklärung gebraucht. Die Spitalleitung danke Herrn Prof. Vogt für seinen spontanen Einsatz. Nachdem nun aber die meisten Vorwürfe ausgeräumt seien, gehe es darum, Ruhe in die Klinik zu bringen, an ihren Ruf zu denken und eine weltweit anerkannte Koryphäe nicht länger im Abseits stehen zu lassen. Tatä, der gestürzte König ist wieder da, lang lebe der König.

Fortsetzung und Schluss folgen am Sonntagfrüh.