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Kreidefresser und Angreifer

Die schon, wir nicht. Typisch Tamedia.

Eigentlich wäre das «Blick»-Debakel, das Walder-Desaster Anlass für Freude und Häme bei der Konkurrenz. Man könnte richtig Gas geben oder es ganz cool spielen. Wenn Könner am Gerät wären. Stattdessen schafft es Tamedia, in der Offensive kehrtum zu machen und in die Defensive zu verfallen.

«Was uns vom «Blick» unterscheidet», unter diesem Titel greift Fabian Renz in die Harfe. Der Leiter des «Bundeshausteams» von Tamedia ist bekannt als grosser Einordner der Welt. Er schreckt in seiner Eigenschaft als Besserwisser nicht davor zurück, das Schweizer Parlament zusammenzustauchen und mal kurz den Ständerat neu zu organisieren: «Das Ständemehr gehört abgeschafft, im Ständerat wären den Städten eigene Sitze zuzuhalten.»

Gut, der Mann ist nicht wirklich ernst zu nehmen, lustig wird’s tatsächlich, wenn er den Unterschied zwischen Tamedia und Ringier erklären will. Zunächst räumt er ein, dass beide Medienhäuser Interna aus der Regierung ausplauderten. Aber er sieht da einen bedeutenden Unterschied:

«Ein Grund für unsere Recherchen war das enorme Interesse unserer Leserschaft. Ein anderer Grund war der Informationsauftrag, wie wir ihn verstehen. Gerade eine Extremsituation, in der die Freiheit des Einzelnen massiv beschnitten wird, verlangt nach «lästigen» Medien: Es kann nicht ihre Aufgabe sein, die Regierenden möglichst ungestört schalten, walten und nach eigenem Gutdünken kommunizieren zu lassen.»

Das ist nun ein so extremer intellektueller Tiefflug, dass seine Flügel den Boden berühren. Die ersten beiden Behauptungen könnte genauso gut der «Blick» aufstellen. Und Tamedia als Beispiel «lästiger Medien»? Vertraut Renz wirklich so sehr auf das schnelle Vergessen seiner Leserschaft? Die unzähligen Jubel-Artikel, die strenge Forderung nach  Impfpflicht, die Beschimpfung von Corona-Skeptikern und sogenannten «Corona-Leugnern» als verpeilte Verschwörungstheoretiker, die angeblich rechten Populisten auf den Leim krochen, alles vergessen, Herr Renz?

Wie keifte sein Kollege Denis von Burg: «Besser wäre es, die eingeschüchterten sieben würden sich nochmals aufraffen und selbst in Impfbussen durchs Land reisen. Ueli Maurer ist es dem Land schuldig, jetzt in den SVP-Hochburgen auf Impftour zu gehen.»

Von Burg liebt martialische Worte. «Abwehr brechen, gefährlich, einschüchtern, Angst machen». Das gehört in eine Linie von verbalen Entgleisungen: «Zwingen, jeden erdenktlichen Druck machen, rücksichtslose Trödler, Bürgerpflicht». Das Vokabular des Totalitarismus. Oder wollen wir die Corona-Kreische Marc Brupbacher erwähnen, der mal kurz den Bundesrat für «übergeschnappt» erklärte, weil der nicht seinen brutalen Ratschlagen folgen mochte?

Aber zurück zu Kreidefresser Renz: «Fakt ist, und Laueners E-Mails bestätigen es: Über einen privilegierten Informationskanal zu Bersets Departement haben die Tamedia-Zeitungen nicht verfügt. Unsere Artikel basierten auf einer Vielzahl verschiedener Quellen.»

So wie alle Enthüllungen aus dem Hause Tamedia sich aus einer «Vielzahl von Quellen» speisen. Allerdings sind die meist anonym, was ihre Überprüfung etwas schwierig macht. Und von redaktioneller Unabhängigkeit kann bei Tamedia auch nicht wirklich die Rede sein, wo doch Boss Pietro Supino ungeniert im redaktionellen Teil für die Subventionsmilliarde für notleidende Medienclans warb – mit dem Hinweis auf die strikte Trennung zwischen Verlag und Redaktion. Jeder macht sich halt so lächerlich wie er kann. Und Renz kann.

Allerdings ist auch der «Blick» nicht viel besser:

Christian Dorer, Oberchefredaktor, kann einem langsam Leid tun. Hoffentlich bezieht er genug Schmerzensgeld. Denn zunächst musste er verkniffen schweigen, anschliessend eine Gaga-Stellungnahme von Ladina Heimgartner mitunterzeichnen. die zusammen mit Marc Walder alle journalistischen Standards im Hause Ringier tieferlegt.

Das konnte nicht das letzte Wort gewesen sein, also müssen sich Redaktion und Leserschaft weiteres Gewinsel anhören. Wer so schreibt, muss sich eine Sonnenbrille aufsetzen, damit man den schuldbewussten Blick nicht sieht:

»Die Blick-Redaktion verwahrt sich deshalb entschieden gegen diese Darstellung und weist die Unterstellungen in aller Form zurück. Richtig ist, dass die Blick-Redaktion unabhängig von Verlag und Konzern recherchiert und arbeitet. Sie hat keinerlei Weisungen von irgendwem erhalten, auch nicht vom CEO. Ebenso entschieden verwahren wir uns gegen die Unterstellung, wir hätten uns vom Innendepartement beeinflussen lassen.»

Es ist unverständlich, wieso Dorer (und nicht nur er) etwas dementiert, was offenkundig, bekannt und völlig klar ist. Wenn Michael Ringier, Frank A. Meyer, Marc Walder oder Ladina Heimgartner die Augenbraue heben, dann ist es die vornehmste Aufgabe aller Führungsfiguren, die richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Das gilt bei Tamedia für die Augenbraue von Pietro Supino, bei CH Media für die Augenbrauen aller Mitglieder des Wanner-Clans, im Reich der Südostschweiz für die Augenbrauen der Lebruments, und wer bei der NZZ nicht auf die Augenbraue von Eric Gujer achtet, macht etwas falsch.

Ach, wir wollen den Besitzer, Verleger, Herausgeber und Chefredaktor, die One-Man-Show Roger Köppel, nicht vergessen.

Also was soll der Quatsch, lieber Herr Dorer? Das haben Sie doch nicht nötig. Der «Blick» sei nicht via Marc Walder mit vertraulichen Informationen bedient worden? Der CEO habe die also wohlweisslich für sich behalten, sozusagen als süsse Geheimnisse im Giftschrank versorgt? Come on, you musst be kidding, wie der Ami da sagt. Dorer aber behauptet:

«Der Vorwurf ist nicht nur falsch, sondern geradezu ehrverletzend für die Redaktion. Und er lässt sich mit einem Blick ins Archiv einfach widerlegen: Blick war nicht regierungstreu, sondern nach bestem Wissen und Gewissen faktentreu.»

Faktentreu? Hatte «Blick» nicht den Wettbewerb ausgerufen, wer die höchste Anzahl Corona-Tote prognostiziert? Der Sieger lag dann bei über 100’000, inklusive zusammenbrechendes Gesundheitssystem, sich stapelnden Leichensäcken und Triagen vor den Notfallstationen. Faktentreu, my ass, wie der Ami sagt.

Aber Dorer hat noch nicht fertig: «Blick arbeitet nicht in einer hierarchischen Linie, in der der CEO etwas vorgibt. Blick arbeitet ausschliesslich nach journalistischen Kriterien, einzig den Leserinnen und Lesern, also Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, verpflichtet.»

Da verschlägt es selbst dem Ami die Sprache …

Richtig macht es hingegen CH Media. Redaktor Francesco Benini rührt kräftig in der Kacke und zitiert zu Hauf anonyme Quellen aus dem Hause Ringier, die sich über Marc Walder und seine Buddy-Wirtschaft echauffieren. Der suchte schon immer, angefangen bei der Witwe des Kampfsportlers Andy Hug, die Nähe von Prominenten. Das damalige Bonmot, dass Walder dem Begriff Witwenschüttler eine neue Bedeutung gebe, war noch scherzhaft gemeint.

Aber dann kamen mit ansteigender Bedeutung Walders andere Kaliber dazu. Pierin Vincenz, Sergio Ermotti, Andreas Meyer und natürlich Alain Berset. Schliesslich war Walders hysterische Reaktion auf die Pandemie im ganzen Haus bekannt. Und in all diesen Fällen sollen die Redaktionen völlig unabhängig, kritisch und ausschliesslich nach journalistischen Kriterien berichtet haben?

All das stellt Benini genüsslich in Frage und zitiert einen «Redaktor»: «Es ist offenkundig, dass unsere Glaubwürdigkeit leidet.» Das Offenkundige nicht sehen wollen, Realitätsverweigerung, das sind immer untrügliche Zeichen des Niedergangs.

Wo bleibt ein klärendes Wort des Verlegers Michael Ringier? Benini greift in die Vollen: «An der Jahrespressekonferenz, die im vergangenen Frühling in einem Saal des Zürcher Kunsthauses abgehalten wurde, sprach Michael Ringier von seiner Kunstsammlung, seinen bevorzugten Fernsehserien und davon, dass sein Privatkoch ihn und seine Frau jeweils auch ins Haus nach Südfrankreich begleite. Über die Publizistik des Hauses verlor er kein Wort.»

Und die NZZ? Sie ordnet ein, kommentiert gnadenlos und fordert gnadenlos: «Die Informationsaustausch-Affäre zwischen Alain Bersets Vorzimmer und dem Medienhaus Ringier muss ausgeleuchtet werden – bis in den dunkelsten Winkel

Die WeWo hingegen eiert herum, zwischen Berset-Bashing und Kritiker-Bashing. Schade.

Wo soll das alles enden? Sagen wir so: hat Friede Springer schon jemals daran gedacht, Mathias Döpfner zu feuern? Nicht, dass wir davon wüssten. Hat Michael Ringier schon jemals daran gedacht, Marc Walder zu feuern? Eher kratzt er mit seinem Schlüsselbund den Lack vom Aston Martin. Abgesehen davon, wer käme denn dann? Ladina Heimgartner? Da könnte Ringier auch gleich Vorwärts- und Rückwärtsgang verwechseln und den Vantage voll Rohr in die Garagenwand fahren.

Blöd, blind, «Blick»

Harte Zeiten für das kastrierte Boulevardmedium.

Es kommt knüppeldick für den «Blick». Zunächst macht sich der CEO und Mitbesitzer des Ringier-Verlags zum Deppen. In einer öffentlichen Veranstaltung verrät Marc Walder «ganz unter uns», dass er seine Redaktionen angewiesen habe, die Regierungen beim Kampf gegen die Pandemie konstruktiv zu unterstützen.

Sargnagel Nummer eins für die behauptete redaktionelle Unabhängigkeit und wichtiger Grund, dass die Subventionsmilliarde für reiche Medienclans an der Urne versenkt wurde.

Damals griff auch noch die Quotenfrau mit extrabreiter Visitenkarte ein. Ladina Heimgartner – wir holen tief Luft – ist Mitglied des Group Executive Board, Head Global Media, Head of Corporate Center und auch noch CEO der Blick-Gruppe. Sie bejubelte schon die «Verweiblichung» des «Blick», den Verzicht auf Blut, Busen und Büsis, auf den Sexratgeber, die Misshandlung des Logos.

Dann griff sie höchstpersönlich noch in die Tasten, als es längst klar war, dass die Steuermilliarde abschiffen würde. Unter völliger Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit machte sie sich mit einem Kommentar lächerlich. Darin behauptete sie doch ohne rot zu werden:

«Journalistinnen und Journalisten sind im Wissen um ihre Verantwortung der Gesellschaft und der Wahrheit verpflichtet. Es geht ihnen darum, Fakten ans Licht zu bringen und einzuordnen, damit sich die Leserinnen, Zuschauer, User ihre eigene Meinung bilden können.»

Das und die Floskel «Resilienz» sind ihre einzig bekannten Beiträge zur Förderung des Journalismus.

Besonders putzig wirkt dieser Kommentar im Nachhinein, weil währenddessen ein reger Austausch zwischen dem Departement Berset und Ringier-CEO Walder stattfand. Der dirigierte aus dem Homeoffice, voll von hysterischer Angst vor dem Virus, die wohlwollende mediale Begleitung und Antizipation der Entscheidungen des Bundesrats.

Im Nachgang zur Enthüllung der «Schweiz am Wochenende» zählte der «Tages-Anzeiger» ganze 180 Mailkontakte zwischen dem Kommunikationschef Bersets und Walder. Der behauptete nassforsch, es habe da höchstens so einen Kontakt pro Woche gegeben. Mehrere pro Tag wäre realitätsnäher.

Sowohl Kommunikationschef wie Bundesrat verweigerten die Antwort auf die Frage, ob in diesen Kontakten auch vertrauliche Informationen weitergeleitet wurden. «Inside Paradeplatz» hingegen wirft die Frage auf, ob die Vorabinformation, dass der Bundesrat wohl den Ankauf von Impfstoffen im Wert von 100 Millionen Franken beschliessen werde («klotzen, nicht kleckern») nicht börsenrelevant sei. Heikle Zusatzfrage.

Nun hat sich Bundesrat Berset auf das Allerheilmittel für alle Politikerbobos entschieden. Er habe von nix nix gewusst und im Übrigen sage er nix, er wolle sich ja nicht strafbar machen.

Seither ist die «Blick»-Gruppe ziemlich in der Bredouille. Die wenigen verbliebenen seriösen Journalisten fragen sich ernsthaft, ob man sie und ihre Arbeit überhaupt noch ernst nehmen kann. Zumal die betroffenen Organe seit Platzen des Skandals am Samstag über dieses und jenes berichtet haben. So vermeldeten sie den Rücktritt der deutschen Verteidigungsministerin oder dass Lehrer Angst vor Schülern haben.

Auch dass Salar Bahrampoori seine Hochzeitspläne verrate, ist eine Schlagzeile wert. Aber der «Blick»-Skandal? Informationspflicht an den Leser, Aufklärung, Rechtfertigung, Selbstkritik? Ach was, stattdessen zunächst Schweigen im Walde.

Denn zuerst musste natürlich die Führungscrew entscheiden, ob und wie man reagiert. Zunächst alle Optionen durchspielen, exklusive Rücktritt Walder. Und nach scharfem Nachdenken kam dann das Dreamteam Heimgartner und Dorer zur schlechtmöglichsten Lösung.

Wobei zu vermuten ist, dass Oberchefredaktor Christian Dorer gute Laune und Schwiegermuttertraum-Ausstrahlung weitgehend verlor, weil er diesen Schwachsinn mitunterzeichnen musste.

Denn in einem internen Mail am Montagmorgen, das natürlich sofort durchgestochen wurde, behaupten die beiden: «Blick wird unterstellt, dass wir zwei exklusive Beiträge durch die Kommunikation zwischen dem EDI und unserem CEO, Marc Walder, publizieren konnten. Dies ist falsch

Recherchen hätten ergeben, dass der Primeur über die Impf-Beschaffung aus Quellen der Politikchefin Sermîn Faki stamme. Eine weitere Vorabmeldung hätten der stellvertretende Politikchef und ein Bundeshausredaktor «recherchiert». In beide Beiträge sei CEO Marc Walder in keiner Weise involviert, zitiert «persönlich.com» aus der Mail.

Dann kommt’s nochmal knüppeldick: «Diese Klarstellung ist uns wichtig. Die Blick-Gruppe arbeitet unabhängig. Dass der CEO eines Medienunternehmens Kontakte zu Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung und Kultur pflegt, ist ein üblicher Vorgang. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere Berichterstattung, wie auch der § 8 ‹Blick arbeitet unabhängig› im Redaktions-Manifest regelt.»

Wir wischen uns die Lachtränen aus den Augen und hören auf, prustend auf dem Boden zu liegen und um Gnade zu winseln.

Sagen wir mal so: Faki ist nun ziemlich unkündbar, ebenso die beiden anderen erwähnten Journalisten. Es wäre natürlich denkbar, dass die Vorabinformation über den geplanten Kauf von Impfmitteln in Multimillionenhöhe in Bern auf dem Silbertablett herumgebogen wurde, alle anderen Medien dankend ablehnten und nur Saki zuschlug. Es ist auch denkbar, dass Michael Ringier gelegentlich in die Türe seines Aston Martin tritt. Es ist denkbar, dass Walder diese Exklusiv-Information hatte, sie aber im Tresor für süsse Geheimnisse versenkte – so wie er den regen Mailverkehr mit Bersets Departement und die engen Kontakte mit dem Bundesrat nur aus rein persönlichen Motiven aufrecht erhielt. So von Glatzkopf zu Glatzkopf.

Dass sich aber erwachsene «Blick»-Journalisten  – von den übrigen Medien ganz zu schweigen – einen solchen Hafechäs anhören müssen, ohne das Gesicht zu verziehen (denn in gespannter Lage ist klar: wer mopst, fliegt), das ist schon ein starkes Stück.

Wenn man sich schon mehr als 48 Stunden Zeit nimmt, um scharf nachzudenken, dann müsste doch etwas Belastbareres herauskommen. Es wäre Zeit, sich mal wieder an die alte Journalistenregeln zu erinnern. Streite niemals etwas ab, was dann doch ans Licht kommt. Lieber hinstehen, einstecken, Entschuldigung sagen, Reue mimen, Zerknirschung heucheln – und abwarten. Denn es geht vorbei. Immer.

Aber wer noch so Öl ins Feuer giesst, ist selber schuld, wenn die Hütte dann lichterloh brennt.Auf jeden Fall ist Walder mit dieser Redaktionsmail der Gefahr eines erzwungenen Rücktritts nicht entronnen. Sondern wenn schon nährgekommen.

Walder? War da was mit Walder? Aber nein …

Ob wohl alle Autoren dieser Zeilen anlässlich der letzten Walder-Panne vor einem Jahr so abgehärtet sind, dass nicht eine leise Röte ihr Gesicht beim Lesen überzieht?

«Journalismus, wie Blick ihn macht, ist unabhängig von Einmischungen, von Regierungen, von Direktiven und selbst vom CEO. Nur von einem nicht: von gesellschaftlicher Verantwortung.Die Chefredaktion der Blick-Gruppe Christian Dorer, Steffi Buchli, Gieri Cavelty, Andreas Dietrich, Sandro Inguscio, Michel Jeanneret, Roman Sigrist»

Es wäre zum Herausprusten, wenn es nicht so peinlich und bedenklich wäre.

Dumm gelaufen

Das EU-Parlament verweigert Ungarn Milliarden. Wegen Korruptionsverdacht.

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Ein schlechter Tag für alle Euro-Turbos in der Schweiz. Während die EU zum ersten Mal in ihrer Geschichte einem Mitgliedsland zugesagte Unterstützungszahlungen in Milliardenhöhe verweigert, platzt im EU-Parlament der wohl grösste Korruptionsskandal aller Zeiten.

Eine der viel zu vielen Vizepräsidentinnen, plus weitere Betroffene, haben ihre bequemen Sessel im EU-Monster in Brüssel und Strassburg gegen eher unbequeme Pritschen in Gefängniszellen vertauscht. Natürlich gilt auch hier die Unschuldsvermutung, aber es sprechen doch deutliche Indizien dafür, dass sie sich ihre Lobyydienste für Katar unziemlich bezahlen liessen.

Unziemlich deswegen, weil Beeinflussung des zahnlosen Parlaments eine der Hauptbeschäftigungen in den beiden Tagungsorten ist. Insgesamt 25’000 Lobbyisten treiben hier ihr Unwesen, laut Lobbycontrol verpulvern sie dabei jährlich 1,5 Milliarden Euro. Immer wieder zeigte sich das EU-Parlament «besorgt» über mögliche Korruption und gekauften Einfluss. Geschehen ist bis heute – genau nichts.

Wie steht es denn mit Reaktionen aus der Szene der Schweizer Euro-Turbos? Da hört man bislang – genau nichts. «Foraus»: Sendepause. «Operation Libero»: hat zwar  eine «Europa-Initiative in den Startlöchern» und braucht «500’000 Franken zum Loslegen». Aber zum Korruptionsskandal fällt auch hier kein Wort. Vielleicht muss sich Sanija Ameti den Vorfall zuerst schöntrinken, politisch gesehen.

Die SP fordert immer mal wieder den EU-Beitritt, steht schliesslich verschämt im Parteiprogramm. Die Partei fordert und verurteilt dies und das, aber auch hier: kein Ton zum Korruptionsskandal. Christa Markwalder, die auch nach ihrem Rücktritt bei der Nebs (Neue Europäische Bewegung Schweiz) immer für einen Eu-Beitritt weibelt: Sendepause.

Und die Europäische Bewegung selbst, präsidiert von Eric Nussbaumer (SP)? Schweigen, tiefes Schweigen.

Schliesslich «Vorteil Schweiz», die mit grossem Trara und Geld des Milliardärs Hansjörg Wyss und des Millionärs Jobst Wagner ins Leben gerufene Bewegung für eine Entkrampfung des Verhältnisses zur EU, ausdrücklich als Gegenkraft zu Christoph Blocher gegründet? Ist im Internet nicht mehr auffindbar.

Oder Witzveranstaltungen wie RASA (Raus aus der Sackgasse)? Unauffindbar.

Es ist immer wieder verblüffend, wie mit peinlichem Schweigen auf unangenehme Nachrichten reagiert wird. Oder Krokodilstränen vergossen werden in Organen, die sich für eine angeblich weltoffene Schweiz in der EU und gegen eine angebliche abgeschottete Schweiz ausserhalb der EU starkmachen. «Super-GAU für die Glaubwürdigkeit», schimpft nun Tamedia. «Jetzt kann sich Urban die Hände reiben», fäustelt der «Blick».

Immerhin gibt es eine gute Nachricht. Bei solchen Befürwortern engerer Beziehungen zur EU muss man sich über die Gefahr eines EU-Beitritts keine Sorgen machen.

Kosmische Welten

Manchmal wird die Welt klein und hässlich.

Ausserhalb von Zürich interessiert es eigentlich niemanden. Auch innerhalb von Zürich interessiert es nur eine kleine Blase von links-alternativen Kultur-Fuzzis. Und all diejenigen, die sich ungeheuer progressiv vorkamen, vor stolzgeschwellter Brust kaum laufen konnten, wenn sie im «Kosmos» einen Café Latte schlürften und dafür viel zu viel bezahlten.

Hier wurde mal mit der richtig grossen Kelle angerichtet, es sollte ein «kulturelles Zentrum» geschaffen werden, ein Bindeglied zwischen der kapitalistisch-geschniegelten Europaallee und der schauerlich anrüchigen Langstrasse. Edles Holz wurde verbaut, Kinosäle perfekt ausgestattet, in die sich aber nur wenige Gäste verliefen, wenn uninteressante, aber aufrechte Streifen aus der weiten Welt des Gesinnungsfilms dargeboten wurden.

Das Zurich Film Festival wollte die Infrastruktur benutzen. Aber nein, zu Bling-Bling, pfuibäh. Matthias Ackeret wollte mit dem Namensgeber Christoph Blocher das Buch «Das Blocher-Prinzip» im «Kosmos» besprechen. Verträge gemacht, Plakate gedruckt, dann ein Nein, das gehe dann doch nicht, aus «ideologischen Gründen».

«Kosmos» ist nicht nur geschäftlich gescheitert, und zwar krachend. «Kosmos» ist auch an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert, eine Begegnungsstätte, ein Forum für Meinungsaustausch zu sein. Stattdessen verkrachten sich die Betreiber, wie es sich für ein linkes Unternehmen gehört. Stattdessen spielten Finanzen keine Rolle, wie es sich für Erblinke gehört. Schliesslich brach völlige Verantwortungslosigkeit aus, als nicht mehr zu übersehen war, dass der «Kosmos» implodiert, überschuldet ist, illiquide. Was angeblich kurz vorher niemandem aufgefallen war.

Als sei das nicht der Misere genug, gesellt sich dazu eine oberpeinliche Berichterstattung. Dass die schreibende Schmachtlocke Daniel Binswanger in der «Republik» etwas von einem angeblichen Putschversuch von Rechten schwafelte, je nun. In diesem Magazin herrscht das Prinzip, dass der Inhalt überlanger Auslassungen nur zufällig etwas mit der Realität zu tun hat.

Aber auch das sogenannte Qualitätsorgan «Tages-Anzeiger» machte bei der Berichterstattung über diese Pleite eine jämmerliche Figur. Genauso jämmerlich wie das dröhnende Schweigen aller sonst so eloquenten Gutmenschen, Linken, Alternativen und Solidarischen in der Stadt Zürich.

Hier hätten sie mal Gelegenheit gehabt, gelebte Solidarität mit ein paar Dutzend in der Vorweihnachtszeit auf der Strasse stehenden Mitarbeitern zu zeigen, mit Gewerbetreibenden, die den Fehler machten, den Betreibern ohne Vorauskasse etwas zu liefern. Mit einer ganzen Latte von Veranstaltern, die Events fest gebucht (und teilweise schon bezahlt hatten), die sich nun – meist vergeblich – um Ersatz bemühen müssen.

Dass man mit einer Idee geschäftlich baden geht, das kann durchaus passieren. Dass ein Millionenunternehmen mit eigener Revisionsstelle so krachend gegen die Wand fährt, das ist schon aussergewöhnlich. Dass ein gut bestückter Verwaltungsrat von alldem nichts gewusst haben will, aber dennoch ein halbes Jahr vor dem Ende Knall auf Fall zurücktrat, das ist schon verdächtig. Dass man einen naiven und blauäugigen Neu-Investor nach allen Regeln der Kunst über den Tisch zog, das ist schon widerlich.

Dass das Meinungsmonopolblatt am Ort in einer Art über diesen Skandal berichtet, dass daraus ein weiterer Skandal entsteht, das ist ziemlich einmalig. Man stelle sich vor, der «Nebelspalter», «Die Ostschweiz» oder jedes beliebige Unternehmen, dass sich konservativen Kreisen zuordnen lässt oder gar von SVP-Exponenten geleitet wird wie die «Weltwoche», man stelle sich vor, ein solches Unternehmen würde einen solchen Bankrott hinlegen. Dabei würde sich herausstellen, dass die Bude schon längst hoffnungslos überschuldet war, keine Chance zum Überleben hatte, aber dennoch fröhlich Gelder aufnahm und haltlose Versprechungen in die Zukunft hinein machte.

Man stelle sich zudem vor, dass alle Verantwortlichen jegliche Verantwortung weit von sich weisen würden. Man stelle sich zudem vor, dass das Schicksal der unter dieser Unfähigkeit leidenden Angestellten, die von einem Tag auf den anderen auf der Strasse stünden, keinem der Besitzer auch nur ein Wort des Bedauerns entlocken würde.

Wenn man sich all das vorstellt, kann man sich problemlos die Reaktion der Mainstream-Medien, angeführt von Tamedia, vorstellen. Bei den Kommentaren sähe man das Halszäpfchen der Kommentatoren, so erregt wären die beim Toben. Es würde mit Adjektiven nicht gespart werden, zuvorderst «menschenverachtend, unfähig, typisch, Theorie und Praxis, eiskalt, unsolidarisch, die Kosten des eigenen Versagens dem Staat aufbürden», etc.

Es würden die hässlichsten Fotos der Exponenten herausgesucht und aufs Papier geklatscht, es würden Zitate aus dem Zusammenhang gerissen, es würden alle Wünsche nach Gegenrede oder Richtigstellung abgeklatscht, weil man diesen rechtskonservativen Hetzern ja nicht noch eine Plattform bieten wolle.

Es würde die gesamte noch vorhanden Recherchierkapazität darauf verwendet werden, die finanziellen Hintergründe auszuleuchten, überall Fragezeichen anzubringen, Schlamperei, Pfusch, Unfähigkeit, lächerliche Inkompetenz anzuprangern. Immer mit der maliziösen Bemerkung, dass ausgerechnet diejenigen, die weniger Staat forderten, nun die Kosten ihres Versagens zum Teil der Allgemeinheit aufbürdeten.

Und es würde lautstark darüber gezetert, dass Multimillionäre wie Blocher und Konsorten keine Anstalten zeigten, ein kleines Stückchen ihres Riesenvermögens dafür auszugeben, um individuelle Härten abzufedern. Es wäre von hässlicher Fratze, Schein und Sein, von Demaskierung, von einem Realitätscheck die Rede, davon, wie hehre Worte schal und hässlich an der Realität zerschellen.

All das und noch viel mehr würde durch die Echokammern gespielt und in unendlichen Variationen wiederholt werden. Es würden Konsequenzen gefordert, Verantwortlichkeiten angemahnt, Haftbarkeiten, es würden allfällige Straftatbestände wie Konkursverschleppung in den Raum gestellt. Es würde alles Schlechte, Hinterlistige, Fiese an Motiven unterstellt.

Aber beim «Kosmos»? Aber nein. Da darf einer der Mitbegründer, einer der Verantwortlichen, einer der Versager sein eigenes Leiden bejammern: «Ich muss sagen: Dieser Schnitt, Schlüssel abgeben, Tür zu, Zettel raus, das ist schon bitter.» Er leidet an sich selbst, bei der Betrachtung des eigenen Bauchnabels. Und darf das Gesülze unwidersprochen raushauen, ohne gefragt zu werden, was für Gefühle er denn gegenüber den Opfern seiner Unfähigkeit aufzubringen im Stande ist.

Schlimmer als geschäftliches Versagen ist das menschliche. Diese demaskierende Heuchelei, das Suhlen in der eigenen Befindlichkeit, das unwidersprochen blühender Unsinn über den angeblichen geschäftlichen Erfolg verzapft werden kann. Dass mit keinem Wort Verantwortung übernommen wird, kein Wort des Bedauerns über die Schicksale von Angestellten oder Lieferanten geäussert – oder eingefordert wird.

Im Gegenteil, inzwischen hat sich auch Oberschwurbler Daniel Binswanger wieder zu Wort gemeldet. Nachdem er kurz Mitgefühl mit den Mitarbeitern geheuchelt hat, stellt er Fragen. Dumme und unsinnige Fragen. Zum Beispiel: «Warum haben die SBB nie eine Umsatz­miete akzeptiert?» Vielleicht deswegen, weil es einen bindenden Mietvertrag mit einer fixen Summe gab? Würde Binswanger akzeptieren, wenn man sein Gehalt vom von ihm generierten Umsatz abhängig machte, obwohl er über einen Arbeitsvertrag mit fixem Salär verfügt?

Er kann sich aber noch steigern, bis zum Gipfel der Absurdität: «Aber war es sinnvoll, das «Kosmos» in den Konkurs zu treiben?» Zu treiben? Ein rettungslos überschuldetes und illiquides Unternehmen?

Dann wird Binswanger noch richtig bösartig. Die beiden letzten VR «behaupten, die unhaltbare finanzielle Lage des «Kosmos» sei ihnen verheimlicht worden. Das erscheint wenig glaubwürdig.»

Wie glaubwürdig Binswanger selber ist, zeigt ein Redaktionsschwanz zu diesem Geschreibsel: «In einer früheren Version schrieben wir, dass die SBB nie Mietzahlungen erlassen hätten, richtig ist: Die SBB haben Mietzahlungen zu Teilen erlassen. Wir haben den Text zudem um eine Stellungnahme der SBB ergänzt. Und um Miss­verständnisse zu vermeiden, haben wir die Stelle bezüglich Monica Glisenti präzisiert.»

Mit anderen Worten: Quatsch, Quatsch und nochmals Quatsch geschrieben. Ist das vielleicht peinlich.

Der vorhersehbare Bankrott des «Kosmos» ist ein Trauerspiel. Seine Beschreibung in den Mainstream-Medien ist aber an Widerlichkeit und Verlogenheit nicht zu überbieten.

Fr. 11’857’142.86

So gross ist der «Republik»-Skandal.

Wer’s glaubt, wird selig und kommt in den Himmel: «Im vergangenen Jahr haben wir festgestellt, dass ein Teil der Spenden aus den Jahren 2017 bis 2020 wahrscheinlich als Schenkungen zu qualifizieren sind.»

Ja was denn sonst? Ausser, die «Republik» hielte sich nicht nur für gemeinnützig, sondern wäre es auch tatsächlich, sind das steuerpflichtige Einnahmen. Das weiss jeder, der einen Anfängerkurs «Steuererklärung für Dummies» besucht hat.

Die «Republik» hat nun flugs Rückstellungen in der Höhe von 830’000 Franken gemacht. Wahrscheinlich in der Massgabe, dass keine für Steuerhinterziehung üblichen Straf- und Bussgelder erhoben werden. Nun beträgt die Schenkungssteuer im Kanton Zürich 7 Prozent. Die stolze Summe von 830’000 Franken ist also fällig, wenn man Einnahmen in der Höhe von genau Fr. 11’857’142.86 nicht deklariert hat.

Das sind rund 12 Millionen, das wäre für eine Credit Suisse Peanuts. Für ein Unternehmen wie die «Republik» mit einem Jahresumsatz von etwas über 6 Millionen ist das ein ganz dicker Hund. Ein starkes Stück. Das bedeutet, dass die Firma einen grossen Teil ihrer Einnahmen nicht versteuert hat.

Das ist keine nebensächliche «Feststellung», die einem mal so zufällig überfällt, während man bei der ersten Zigarette des Morgens Kaffee schlürft und aus Langeweile nochmal die Steuererklärungen durchblättert.

Alleine die komplexe Holdingstruktur, in die die «Republik» eingebettet ist, beweist, dass hier Cracks und Spezialisten am Werk waren, die sich in jedem Detail der Aufstellung einer Firma bestens auskennen. Inklusive die steuerliche Gestaltung. Denn jede Firma weiss, dass Steuern ein gewichtiger Ausgabenposten sind. Bevor man bei der Herstellung oder dem Vertrieb eines Produktes an x Schräubchen dreht, um 5 Prozent Einsparung herauszuquetschen, ist es häufig viel ergiebiger, sich –legale – Steuersparmodelle durchzurechnen.

Das führt immer wieder zu Geschimpfe von desorientierten Linken, die meinen, eine gute Firma zahle so viel Steuern wie möglich, eine schlechte so wenig wie erlaubt. Aber natürlich gibt es auch hier zunächst eine Grauzone von möglichen Steuertricks, anschliessend kommt der rote Bereich.

Zu den 830’000 Franken kommt noch eine weitere Rückstellung von 100’000 Franken in Sachen Mehrwertsteuer. Die beträgt bekanntlich 7,7 Prozent. Hier reden wir also von einem Betrag von 1’428’571.43, für den keine MWST abgeführt wurde. Auch nicht gerade Peanuts.

Bei einer Firma, die fast 50’000 Franken für die Revision ihrer Buchhaltung ausgibt, eine satte Viertelmillion für Beratungen aller Art, eine Firma, die jede Menge Unternehmens-, Finanz- und Steuerspezioalisten «an Bord» hat – kann es da wirklich sein, dass solch gigantische Beträge unbemerkt über Jahre durchrutschten? Und keinem fiel nichts auf? Bis dann plötzlich «festgestellt» wurde, dass man vielleicht ein paar Milliönchen nicht versteuert habe? Dass man auf über einer Million keine MWST bezahlt habe?

Und dann gab es ein allgemeines «ups, so was aber auch, blöd gelaufen, kann doch passieren»? Rettet da vielleicht ein «kann man so oder so sehen, wir wollen nun auf der sicheren Seite sein»?

Nein, denn Rückstellungen bildet man nur dann, wenn einzig die Höhe der Zahlung noch nicht feststeht. Dass bezahlt werden muss, aber sicher ist. Denn keine Firma kommt freiwillig auf die Idee, ohne Sinn und Zweck Kapital zu binden, dem Zugriff für geschäftliche Aktivitäten zu entziehen.

Es ist offenkundig: es wurde eine Schlaumeierei probiert, und dann ist etwas passiert. Interessant ist auch der angegebene Zeitraum von 2017 bis 2020. Das bedeutet also von der Gründung und dem Anfang der Bettelaktionen bis Geschäftsjahr 2020. Da der aktuelle Bericht das Geschäftsjahr 2021 bis 2022 umfasst und hierfür keine Rückstellungen vorgesehen sind, muss also klammheimlich damit begonnen worden sein, Steuern auf Spenden/Schenkungen zu bezahlen.

Die «Republik» ist nicht börsenkotiert, also musste das keine Ad-hoc-Meldung auslösen. Es wäre aber anständig gewesen, eine so gravierende Veränderung im Finanzhaushalt sofort zu kommunizieren, so im Sinne von Transparenz.

Dass die «Republik» diesen «Formfehler» (Luftikus Seibt) erst jetzt unter vielen Zahlen und noch viel mehr Buchstaben im Geschäftsbericht bekanntgibt, gleichzeitig mit einer neuen Offensive, der Suche nach mehr Abonnenten und der Aufblähung des Budgets um Millionen, riecht streng nach Bemäntelung.

Dazu passt auch, dass die «Republik» auf Nachfragen verschlossen wie eine Auster reagiert. Die Sache liege beim Steueramt, nun wolle man in Ruhe abwarten. Diese Ruhe möchte man gerne über die heikle Abo-Erneuerungsphase von Ende Jahr beibehalten. Erfahrungsgemäss kommt es hier bei mehr als 10’000 anstehenden Verlängerungen zu einigen Abgängen.

Sollte sich ein Steuerhinterziehungsskandal entwickeln, würde es wohl viele potenzielle Neu- und noch mehr Alt-Abonnenten abschrecken, einer solchen Bude Geld nachzuwerfen. Immer wieder hat die «Republik» angebliche und reale Steuervermeidungsmodelle an den Pranger gestellt, allen Beteiligten vorgeworfen, sie kämen ihren staatsbürgerlichen Pflichten, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht nach.

Und nun soll die «Republik» fast 12 Millionen, das Doppelte eines Jahresbudgets, nicht ordentlich versteuert haben, bei 1,4 Millionen keine MWST abgeführt? Das läuft nicht mehr unter «shit happens». Da reicht kein «sorry, sehr geehrte Verlegerin, sehr geehrter Verleger and everybody beyond». Das ist beyond everything.

Dieser Skandal wirft ein helles Licht auf die vorher nur merkwürdig berührende Tatsache, dass mit Constantin Seibt der letzte Mohikaner der «Republik»-Gründer bei verantwortlichen Stellen wie im Verwaltungsrat «von Bord» gegangen ist. Denn – unter Mitwirkung der Geschäftsleitung – werden hier solche Knaller verantwortet. Denn auch eine Firma muss ihre Steuererklärung unterschreiben, und eine Unterschrift macht haftbar. Im Ernstfall persönlich haftbar.

Schliesslich würden 930’000 Franken Rückstellungen nur reichen, wenn die Summe des geschuldeten Steuersubstrats korrekt berechnet wurde. Und unter der Voraussetzung, dass keinerlei Nach- und Strafsteuern fällig werden. Hofft da die «Republik» auf den Goodwill des Steueramts, aus politischen Gründen? Das wäre dann gleich der nächste Skandal.

Als Kollateralschaden wäre natürlich auch die Demokratie in de Schweiz ernsthaft gefährdet, ohne die Demokratieretter aus dem Rothaus, wo die angeschlossene Bar in den letzten Tagen sicherlich reichlich Zuspruch erfährt.

Sanktionen und die Medien

Kennen Sie das 8. Sanktionspaket der EU gegen Russland?

Die gute Nachricht ist: die Schweiz hat es (noch) nicht übernommen. Warum ist das eine gute Nachricht? Ganz einfach, weil es mindestens eine Sektion enthält, die nun definitiv die Rechtsstaatlichkeit in der EU ritzt.

Welche Sanktion? Nun wird es etwas langfädig, denn es ist eine EU-Bürokratie-Sanktion:

 

Untersagt wird dabei direkte und indirekte Rechtsberatung der russischen Regierung ebenso wie von in Russland niedergelassenen juristischen Personen, Organisationen oder Einrichtungen. Dabei ist zu beachten, dass Rechtsberatungsdienstleistungen gemäß der Verordnung „die Rechtsberatung für Mandanten in nichtstreitigen Angelegenheiten, einschließlich Handelsgeschäften, bei denen es um die Anwendung oder Auslegung von Rechtsvorschriften geht; die Teilnahme mit oder im Namen von Mandanten an Handelsgeschäften, Verhandlungen und sonstigen Geschäften mit Dritten; die Ausarbeitung, Ausfertigung und Überprüfung von Rechtsdokumenten“ umfassen, nicht aber „die Vertretung, Beratung, Ausarbeitung von Dokumenten oder Überprüfung von Dokumenten im Rahmen von Rechtsvertretungsdienstleistungen, insbesondere in Angelegenheiten oder Verfahren vor Verwaltungsbehörden, Gerichten, anderen ordnungsgemäß eingerichteten offiziellen Gerichten oder in Schieds- oder Mediationsverfahren“.

 

 

Dann folgt eine ganze Latte von Ausnahmen, weil es eine bürokratische EU-Sanktion ist:

 

 

Ausgenommen von dem Beratungsverbot sind ebenso russische Privatpersonen. Dasselbe gilt für Dienstleistungen, die für die Wahrnehmung des Rechts auf Verteidigung in Gerichtsverfahren und des Rechts auf einen wirksamen Rechtsbehelf unbedingt erforderlich sind oder zur Gewährleistung des Zugangs zu Gerichts-, Verwaltungs- oder Schiedsverfahren in einem Mitgliedstaat oder für die Anerkennung oder Vollstreckung eines Gerichtsurteils oder eines Schiedsspruchs aus einem Mitgliedstaat unbedingt erforderlich sind, sofern die Erbringung dieser Dienstleistungen mit den Zielen des Beschlusses und des Beschlusses (EU) 2014/145/GASP im Einklang steht.

Erbracht werden dürfen außerdem solche Dienstleistungen, die zur ausschließlichen Nutzung durch in Russland niedergelassene juristische Personen, Organisationen oder Einrichtungen bestimmt sind, welche sich im Eigentum oder unter der alleinigen oder gemeinsamen Kontrolle einer nach dem Recht eines Mitgliedstaats, eines dem Europäischen Wirtschaftsraum angehörenden Landes, der Schweiz oder eines in Anhang VII aufgeführten Partnerlandes gegründeten oder eingetragenen juristischen Person, Organisation oder Einrichtung befinden.

 

 

Auf Deutsch: Das Recht, sich juristischer Hilfe zu versichern, wird für russische Firmen und Einrichtungen und die Regierung eingeschränkt. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen die Fundamente eines Rechtsstaats.

Dementsprechend ist sicherlich das Presse-Echo ausgefallen, denn die Qualitätsmedien werden nicht müde zu betonen, wie wichtig Rechtsstaatlichkeit sei, gerade im Vergleich mit einem Unrechtsstaat wie Russland.

Wir können also sicherlich aus einem ganzen Strauss von Meldungen zitieren. Da wäre mal, öhm. Also zum Beispiel, räusper. Nehmen wir doch nur Tamedia, CH Media, NZZ, Ringier, die haben doch … Nein, die haben nicht. Auch in Deutschland, das ja diese Sanktion bereits umsetzt, hört man zwar strammen Protest aus der BundesrechtsanwaltskammerScharfe Kritik»), aber sonst? Schweigen im Blätterwald. Tiefes Schweigen.

Überall? Nein, immerhin, hinter seiner Bezahlschranke, also unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, hat der nebelspalter.ch den Skandal nicht nur vermeldet, sondern auch (natürlich kritische) Stellungnahmen von Juristen dazu eingeholt.

Also haben wir hier einen doppelten Skandal. Diese Sanktion selbst – und den ausbleibenden Protest dagegen. Interessant wird, ob die Schweiz auch diese Sanktion, wie bislang alle anderen, sklavisch übernimmt. Oder für einmal ausschert und damit ein Zeichen setzt, dass hierzulande die Rechtsstaatlichkeit einen höheren Wert hat als in der EU.

 

Skandal am Lilienberg

Der Stifter Walter Reist rotiert im Grab.

Sein Begegnungszentrum Lilienberg schmeisst im letzten Moment den «Kontrafunk» raus. Der gefährde Ruf und Sicherheit.

Christoph Vollenweider spart nicht mit salbungsvollen Worten. Der «Leiter Programm und Publikationen» des Lilienberg beklagte unlängst:

«Die Cancel Kultur diffamiert Menschen, die eine «falsche» Meinung vertreten und gefährdet damit das freie Denken und somit eine Grundlage unserer Demokratie.»

Das brachte ihn zum unheilschwangeren Urteil: «Die Toleranz ist gefährdet und bedroht.» Hätte Vollenweiler etwas Ehre im Leib, müsste er per sofort und unter Protest zurücktreten.

Denn das neugegründete Internetradio «Kontrafunk» wollte in diesem Begegnungsort und Seminarhotel seine erste Versammlung abhalten. Zunächst liess sich alles wunderbar an. Man verdankte die Anfrage, sagte gerne zu, bestätigte die Reservation, erkundigte sich, ob es noch besondere Wünsche gäbe. Was halt ein Seminarhotel so macht, wenn es durch den Besuch einer grösseren Gruppe einen mindestens fünfstelligen Betrag einzunehmen gedenkt.

«Kontrafunk», der sich «Die Stimme der Vernunft» nennt, ist ein völlig unbescholtenes Unternehmen, das sich in seinem kurzen Leben nicht das geringste zuschulden kommen liess. Auch alle Teilnehmer haben bislang keinen Anlass zu Bedenken geboten, dass sie sich ungebührlich in einem Hotel aufführen würden.

Auch der Autor hätte zur Gästeschar gehört, die hier Vorträgen lauschen wollte, gemeinsam die Welt rund und wieder eckig diskutieren und dazu sicherlich auch das kulinarische Angebot des Hotels gewürdigt hätte. Vielleicht sogar auch das umfangreiche Wellness-Programm, um nicht nur den Geist, sondern auch den Körper zu pflegen.

Angereist wäre man aus nah und fern, aus dem gesamten Einzugsgebiet des Radios in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Geplant wäre ebenfalls ein vergnüglicher Ausflug auf den Bodensee gewesen.

Konjunktiv. Denn rund zwei Wochen vor dem geselligen Ereignis kam die kalte Dusche. Es bestehe «die begründete Annahme das (sic!) die Veranstaltung den reibungslosen Geschäftsbetrieb, die Sicherheit und den Ruf des Lilienberg» gefährde.

Die Direktion brachte noch ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass man «Verständnis für diese Entscheidung» habe. Das ist dann allerdings schon der zweite Irrtum. Der erste besteht darin, dass nicht etwa «Kontrafunk», sondern die Präsidentin des Stiftungsrats Lilienberg Denise Rau den reibungslosen Geschäftsbetrieb und den Ruf des Lilienberg beschädigt.

Kaum ist der Gründer und Stifter verstorben, wird sein Anliegen gekübelt, hier einen Ort der Begegnung und des Austauschs zu schaffen. Stiftungsräte sind schon wegen kleineren Widerhandlungen gegen die Absichten eines grosszügigen Stifters von ihrer Funktion entbunden worden.

Abgesehen davon, dass eine so kurzfristige Absage trotz fester Vereinbarungen unanständig, unverständlich und mit Haftungsfolgen versehen ist: dem Lilienberg entgeht ein hübscher Batzen Geld. Dem Veranstalter «Kontrafunk» entstehen ärgerliche Kosten, denn viele der geplanten Veranstaltungen können so kurzfristig nicht ohne Schadenersatz abgesagt werden.

Natürlich bleibt die Frage, was die Stiftungspräsidentin plötzlich auf die Idee brachte, dass eine längst geplante und verabredete Veranstaltung plötzlich den Geschäftsbetrieb, den Ruf und gar die Sicherheit des Lilienberg gefährden könnte.

Stellte es sich heraus, dass unter den geladenen Gästen gesuchte Terroristen waren? Üble Systemfeinde, hetzende Rechtspopulisten, Rassisten, Sexisten? Einfach Schweinebacken, in deren Nähe sich kein anständiger Mensch und auch kein anständiges Tagungshotel blicken lassen möchte? Wäre der Lilienberg gar ein neuer Zimmerberg, Pardon, ein neues Zimmerwald geworden?

Hier muss eindeutig Gefahr im Verzug sein, müssen plötzlich schreckliche Geheimnisse von «Kontrafunk» oder einzelner Teilnehmer der Stiftungspräsidentin zur Kenntnis gebracht worden sein.

Als ebenfalls ausgeladener Gast interessierte es mich natürlich, darüber informiert zu werden, an welcher sicherheitsgefährdenden und rufschädigenden Versammlung ich beinahe teilgenommen hätte. Mich interessierte ebenfalls, welche Informationen Denise Rau denn dazu bewogen hatten, den Ruf des Lilienberg zu ramponieren und ihrem eigenen Leiter Programm ein hübsches Beispiel dafür zu liefern, wie die Cancel Culture Menschen und Meinungen diffamiert, das freie Denken gefährdet, «eine Grundlage unserer Demokratie».

Denn Meinungsfreiheit und freier Austausch von Meinungen sind doch wohl fundamental. Also hätte mich die Meinung von Rau brennend interessiert. Allerdings bekam meine höfliche Anfrage im Rahmen der Recherchen für diesen Artikel die mailwendende Antwort: «Ich darf Ihnen mitteilen, dass von unserer Seite her kein Interesse an einer Stellungnahme zu Ihrem Artikel besteht.»

Zur ruppigen Absage kommt nun noch eine Dialogverweigerung. Was wohl Walter Reist dazu gesagt hätte? Ob das Vollenweider, sollte er doch nicht kündigen, zum Anlass neuer Gedanken zu Toleranz und der Diffamierung von Menschen und Meinungen nimmt?

Auf jeden Fall sollte sich jeder Besucher des Lilienberg bewusst sein, dass sich hinter dem schönen Schein, der auf Hochglanz polierten Fassade und vielen hochgestochenen Worten die Geisteshaltung einer mittelalterlichen Inquisition verbirgt. Was für eine Schande, was für ein Elend, was für eine Heuchelei.

Hitler-Tagebücher, Part II?

Auch «Bild» kämpft gegen das Sommerloch.

Besser als das deutsche Boulevard-Blatt kann man die Story nicht anteasern:

«Es ist Stoff wie aus einem Thriller von Dan Brown: Nazi-Nachkommen, internationale Top-Anwälte und das jüdische „Simon-Wiesenthal Center“ sind gemeinsam auf der Jagd nach einem seit dem Zweiten Weltkrieg verschollenen Nazi-Schatz.»

In Kürze: Argentinien, Zufallsfund in einer Bank. Auf vergilbten Papieren stehen 12’000 deutsche Namen. Das soll der Schlüssel zu einem Nazi-Geheimvermögen in Milliardenhöhe sein. Das bis heute angeblich unentdeckt – auch auf Konten der SKA (heute Credit Suisse) schlummere.

Gefunden wurde diese Liste bereits 1984; der Finder soll selbst lange ermittelt haben, dann habe er 2019 die Dokumente dem Simon-Wiesenthal-Centre übergeben.

Und 2022 trötet die «Bild» die Story raus, fleissig kopiert vom kleinen Bruder «Blick» in der Schweiz. Haben wir es mit einem weiteren Skandal um Nazi-Vermögen in den tiefen Kellern einer Schweizer Bank zu tun?

Die CS – was denn sonst – ««mauert»», schreibt «Blick». Allerdings vorsichtig in Anführungszeichen, denn die offizielle Antwort der Bank lautet: «Ein Sprecher zur Zeitung: «Bisher haben wir kein Konto gefunden.»» Obwohl laut «Bild» immerhin «bis zu 40 Mitarbeiter nach einem womöglich getarnten Geheimkonto im eigenen Haus suchen sollen».

Es gibt bei dieser «Enthüllung» nur ein paar kleine Probleme. Das erste: Bereits 2020 veröffentlichte das Wiesenthal-Centre eine entsprechende Meldung:

Die Papiere seien laut den Boulevard-Medien so entdeckt worden: «Die Jagd begann mit einer Liste, die ein gewisser Pedro Filipuzzi 1984 bei Aufräumarbeiten in einem Lagerraum der Banca National de Desarollo in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires fand

Hört sich irgendwie konspirativer an als die Darstellung des Wiesenthal Centre: «Mr. Filipuzzi, working in the former Buenos Aires Nazi headquarters, discovered, in an old storage room, an original copy of the 12,000 lists, now shared with the Wiesenthal Centre.»

Ariel Gelblung, der in Argentinien ansässige Direktor für Lateinamerika des Wiesenthal Centre, hat auf Anfrage, was denn an der «Bild»-Story dran sein könnte, «zurzeit keinen Kommentar» abzugeben.

Aber unabhängig davon, dass der Fund seit mehr als zwei Jahren bekannt ist, dass der Finder angeblich 35 Jahre lang vergeblich selbst recherchierte, dass es eigentlich nur einen Fundort geben kann, bleibt die Frage, wieso «Bild» – abgesehen vom Sommerloch – ausgerechnet jetzt mit diesem Nazi-Krimi an die Öffentlichkeit geht.

Abgesehen davon, dass Dan Browns Verschwörungsthriller zwar Beststeller sind, aber grottenschlecht konstruiert und geschrieben.

Jeden Tag eine bunte Mischung, serviert von «Bild».

 

Skandalnudel «Republik»

Nächster Versuch: Die Bäckerei Bertschi am Pranger.

Es ist der bewährte Konjunktiv-Sound, unterfüttert mit Modalverben, Fragezeichen und dunklem Raunen: «Arbeiten, bis man krank wird? Eine Grossbäckerei, die Aldi, Coop und Migros beliefert, soll Mitarbeiter mit Krediten abhängig gemacht und zu unzähligen Überstunden gedrängt haben. Die Verantwortlichen bestreiten es. Doch die Staats­anwaltschaft hat ein Straf­verfahren eingeleitet.»

Es ist der bewährte Aufmarsch von Kronzeugen; natürlich anonymisiert. Als Knaller der extremste Fall: «Einer von Bertschis Bäckern war Ahmed Abbas, der in Wirklichkeit anders heisst.»  Fleissiger und guter Bäcker, der Lohn stieg, «es schien ein Traum».

Ein Alptraum: «Doch es war die Hölle. 2020 konnte Abbas nicht mehr. Er – Ehemann und Vater zweier Kinder – brach zusammen.»

Was ist geschehen? «Die Zürcher Staats­anwaltschaft hat ein entsprechendes Straf­verfahren eingeleitet, wie ein Sprecher auf Anfrage der Republik sagt. Nähere Angaben zu den Ermittlungen macht er nicht. Er weist lediglich darauf hin, dass für die Beschuldigten «bis zu einem rechts­kräftigen Verfahrens­abschluss» die Unschulds­vermutung gelte.»

Worum geht es genau? Keine Angaben. Wird es zu einer Anklage kommen? Keine Ahnung. Gilt die Unschuldsvermutung? Doch nicht bei der «Republik». Wer hat die Ermittlungen ausgelöst? Eben dieser Abbas, der anders heisst, nicht mehr bei Bertschi arbeitet und deren Verantwortliche «unter anderem der Nötigung, des Betrugs und der gewerbs­mässigen Kredit­vergabe ohne Bewilligung beschuldigt».

Was macht die «Republik»? Das Bewährte, das zuletzt beim Kita-Betreiber «Globe Garden» mit gröbsten Anschuldigungen anonymer ehemaliger Mitarbeiter zum angeblichen Skandal aufgepumpt wurde. Resultat: kein einziger der erhobenen Vorwürfe liess sich in einer gründlichen Untersuchung substanziieren. Gebackene, heisse Luft.

Also auf ein Neues: Die «Republik» hat natürlich «mit verschiedenen heutigen und früheren Angestellten gesprochen, aber auch mit Aussen­stehenden und mit den Verantwortlichen von Bertschi. Manches des Gesagten lässt sich mit Dokumenten belegen, anderes nicht.»

Daher gilt auch hier: lang lebe der Konjunktiv und die verklausulierte Beschuldigung, in der Hoffnung, dass das nicht justiziabel ist: «Was sich nicht ausschliessen lässt: Bertschi soll Kredit- und Darlehens­nehmer oft im Ungewissen gelassen haben, wie hoch ihre Schulden tatsächlich sind.»

Lässt sich nicht ausschliessen? Es lässt sich nicht ausschliessen, dass bei der «Republik» unfähige Recherchierjournalisten arbeiten.

Im Gegensatz zu früher gibt aber die «Republik» den Angeschuldigten immerhin Gelegenheit zur Stellungnahme. Allerdings so demagogisch eingerahmt, dass die Glaubwürdigkeit doch etwas leidet: «In einem der Büros sitzt der Geschäfts­führer, der die Gross­bäckerei seit Juli 2020 leitet. Links von ihm hat Christoph Stutz Platz genommen, ein Anwalt der Zürcher Kanzlei Walder Wyss. Rechts von ihm sitzt Jürg Wildberger, Kommunikations­berater und ehemaliger Chef­redaktor von «Weltwoche», «Facts» und TV3. Beide haben ein Mandat von Bertschi.»

Wer so bewaffnet zum Gespräch erscheint, hat sicherlich mehr als verbranntes Brot zu verantworten. Und was sagt man so? «Die Bertschi-Verantwortlichen bestreiten praktisch alle Vorwürfe.»

Mit denen sie aber offenbar nur zum Teil konfrontiert wurden, damit die «Republik» im Text mit weiteren Beispielen nachladen kann. Es geht also um Überstunden, Kreditvergabe, Abzüge vom Lohn, was ihn unter das Existenzminimum getrieben haben soll. Das erscheint der «Republik» dann doch als etwas sehr luftiges Backwerk, also legt sie als Schlusspointe noch einen drauf. Ein Betriebsunfall, der nun überhaupt nichts mit den vorher beklagten angeblichen Skandalen zu tun hat:

«2015 rutschte in der Gross­bäckerei die ungenügend gesicherte Metall­klappe einer Abfall­presse auf den Kopf eines Mannes, der mit Maler­arbeiten beauftragt war. Der 51-Jährige starb auf der Stelle. Aus diesem Grund wurde der ehemalige Sicherheits­verantwortliche der Bäckerei 2019 vom Bezirks­gericht Bülach wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Das Urteil ist nicht rechts­kräftig, der Fall noch immer hängig

Das leitet über zu: «Hängig ist auch das aktuelle Straf­verfahren der Zürcher Staats­anwaltschaft. Deshalb gilt für alle Beschuldigten die Unschulds­vermutung.»

Das hörte sich allerdings rund 18’000 Anschläge lang ganz, ganz anders an.

 

Schrumpf-Skandal

Grauenhafte Zustände im Asylzentrum Zürich. Oder doch nicht.

Ein Skandal, wie gemacht für die Moralwächter von Tamedia. Eigentlich ein Skandal von ihnen gemacht. Denn im Thema war natürlich alles drin, was einen wohlmeinenden Moralpächter in Wallung bringt.

Organisation, die Menschen schikaniert»

Es geht um ein Asylantenheim, um die Zustände dort, um die Kritik von Mitarbeitern, um die Beschwerden von dort lebenden Asylsuchenden. Fertigmachen, kleinmachen, Selbstmordgedanken, nicht mal die primitivsten Menschenrechte werden gewährt oder eingehalten, schäumte Tamedia auf einer Doppelseite.

Der Co-Chefredaktor Mario Stäuble liess wie meist die Gelegenheit nicht aus, mit beiden Füssen in einen Fettnapf zu springen:

Keiner zu klein, Forderer zu sein:

So schlug Tamedia vor ziemlich genau einem Jahr zu. Nun musste aber vermeldet werden, dass eine vom Betreiber eingesetzte externe Untersuchungskommission ihre Ergebnisse bekanntgab. Würden die von Tamedia erhobenen oder kolportierten Vorwürfe auch nur zum Teil stimmen, wäre das sicherlich eine Hinrichtung, die Beschreibung eines Debakels. Garniert mit Forderungen nach sofortigen Massnahmen, um unhaltbare Zustände zu beenden.

Nun ja, zitieren wir die unbefangene NZZ, die auch über den Untersuchungsbericht einen Artikel verfasst hat:

Hoppla; daher kommt die Kommission zur Schlussfolgerung, es seien weder strukturelle noch personelle Anpassungen nötig. Ha, mag da nun der kritische Leser einwenden, wer zahlt, befiehlt, da wurde doch wohl ein Gefälligkeitsgutachten bei zugewandten Orten bestellt. Nicht wirklich, erklärt die NZZ:

«Die Studie erstellt hat das Beratungsunternehmen Res Publica Consulting; federführend war die frühere SP-Politikerin und Finanzvorsteherin von Winterthur, Yvonne Beutler. 21 Personen von AOZ, Stadt Zürich und Bund wurden intensiv befragt, es wurden Vergleiche mit anderen Asylzentren angestellt und Akten gewälzt. Auch eine breite Mitarbeiterumfrage floss in die Untersuchung ein.»

Also folgt hier Tamedia mit seinem Skandalisieren der Tradition der «Republik», die es zur Perfektion gebracht hat, einen Pipifax zum Skandal hochzuschreiben, dann schweigend oder sich finster gegen «Kläffer» verteidigend zuzuschauen, wie der Skandal wie ein angestochener Ballon zusammenschnurrt.

Aber von der Qualitätszeitung kann man nun sicher erwarten, dass sie den Bericht zum Anlass nimmt, selbstkritisch ihr Skandal-Geschrei von vor einem Jahr zu reflektieren. Allerdings lässt einen schon der Titel Übles ahnen:

Ob das die richtige Gewichtung der Darstellung eines Untersuchungsergebnisses ist, das schlicht und einfach nichts Gravierendes gefunden hat? Ist es nicht ein Hohn, wenn im Lead knapp bemerkt wird: «Nicht alles lief ideal.» Nicht alles? Also das meiste dann doch? Als hätte der Bericht nicht das Gegenteil belegt, werden eingangs nochmal die alten Vorwürfe rezykliert:

«Vor einem Jahr sagten ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, im BundesasylzentrumZürich (BAZ) eskaliere die Lage aufgrund mangelhafter Betreuungsstrukturen immer wieder. Sie berichteten von Massenprügeleien, regelmässigen Selbstverletzungen und einer hohen Kündigungsquote beim Personal.»

Dermassen eingestimmt, wird dem Leser nun doch das Ergebnis der Untersuchung präsentiert. «Vorneweg» entledigt sich Tamedia der ledigen Pflicht, das Ergebnis referieren zu müssen:

«Die Firma hat keine «schwerwiegenden Feststellungen gemacht, die auf systemische Mängel der Organisation hindeuten».»

Blöd aber auch. Das macht nix, denn: «Trotzdem bestätigt der Bericht im Wesentlichen die von den Mitarbeitenden erhobenen Vorwürfe.» Hm. Das ist nun merkwürdig. Keine grundlegenden Probleme gefunden, keinen Bedarf an struktureller oder personeller Veränderung entdeckt, aber dennoch «im Wesentlichen» die Vorwürfe bestätigt? Wie soll das gehen?

Fast 4500 Anschläge des insgesamt 6130 Buchstaben umfassenden Artikels verwendet Autorin Lisa Aeschlimann dann darauf, die (wenigen) Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge auszuwalzen. Sie muss offenbar für die Autoren des Skandalberichts vor einem Jahr die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Martin Sturzenegger und Nicolas Fäs fühlen sich nicht bemüssigt, eine Stellungnahme abzugeben, wieso sie damals dermassen übertrieben haben. Ihre damaligen Kronzeugen sprachen von unhaltbaren Zuständen, Personalmangel, Überforderung und dadurch ausgelöster hoher Fluktuation; die meisten Angestellten wollten nix wie weg, wenn sie eine andere Stelle fänden.

Und das in einem Betrieb, in dem es «keine systemischen Mängel» gibt und deswegen auch keine strukturellen oder personellen Veränderungen nötig seien?

Haben denn die NZZ und Tamedia wirklich den gleichen Bericht gelesen? Welcher Zacken würde aus welcher Krone fallen, wenn Tamedia eingestünde, dass man halt wie heute üblich etwas zu viel Gas gegeben habe, jammernden Ex-Mitarbeitern zu viel Platz eingeräumt, ihre Aussagen nicht kritisch genug hinterfragt? Also schlichtweg für eine Knaller-Story die Scheinwerfer falsch eingestellt? Solche Aussagen wurden damals fett herausgehoben:

 

Gilt das nun eigentlich auch für Tamedia-Redaktoren?