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Wats-off

«watson» ist die Kriegserklärung an den Journalismus. Der Nocebo-Effekt.

Schädliche Auswirkungen von Journalismus, obwohl gar kein Journalismus drin ist: das ist «watson» in einem Wort.

Vor einigen Jahren war die Idee neu, zur Leserbespassung sogenannte Listicals zu machen. Nach der einfachen Devise: einmal ist langweilig. Zehnmal ist lustig. Oder so. Problem: bei aller Fantasie gehen irgendwann mal die Ideen aus. Das sieht dann so aus:

Vielen Dank, zwei genügen, um Brechreiz auszulösen.

Der grosse Vorteil des Internets gegenüber dem Print besteht darin, dass jederzeit aktualisiert werden kann. Also wäre es zum Beispiel möglich, am Mittwochmorgen mit dieser Story auf einen bevorstehenden Gerichtstermin aufmerksam zu machen:

Dazu ist «watson» tatsächlich in der Lage. Nun endete der Prozess so gegen 11.30 Uhr am Vormittag. Das muss allerdings der «watson»-Crew entgangen sein, denn auch noch am Abend des Tages hing diese Meldung unverändert auf der Webseite.

Aber nun mal ernsthaft, «watson» ist natürlich zu «Analysen» fähig. Wo Analyse draufsteht, ist Philipp Löpfe drin. Das tut allerdings weder der Analyse, noch dem Leser gut. Denn für Löpfe besteht eine Analyse darin, der Realität mal wieder zu zeigen, wie sie zu sein hat. Nämlich so, wie sie ihm passt. Nun hat Löpfe seit Jahren etwas gegen den Ex-US-Präsidenten Donald Trump.

Das ist nicht unverständlich, allerdings sollte es einen nicht dazu verführen, sozusagen in Traumanalyse überzugehen.

Oder auch nicht, erklärt Löpfe dann im Kleingedruckten.

Wir kämpfen uns durch eine Portion Geeiertes. So verkündet Löpfe, dass auch Trump-Anwalt «Rudy Giuliani eine Vorladung erhalten» habe, «als Zeuge auszusagen». Das wird dann doch eng. Oder doch nicht: «Es ist wenig wahrscheinlich, dass Giuliani je aussagen wird. Doch symbolisch ist seine Vorladung von grosser Bedeutung.» Sagt Symboldeuter Löpfe.

Überhaupt wird seine analytische Kraft bei «watson» sehr geschätzt:

Nichts zu klein, um nicht analysiert zu sein.

Aber natürlich kann «watson» nicht ununterbrochen seriös und analytisch sein. Schliesslich muss ja auch Geld reinkommen:

«Rente verbringen würden»? Links Gestammeltes, rechts Beworbenes.

Es gibt aber noch mehr Einnahmequellen, wobei dieser Versuch eher humoristisch gemeint ist:

«Unseren Journalismus»? Was soll denn das sein?

Schliesslich haben wir noch Einnahmequelle Nummer drei. Also den Versuch, ins Portemonnaie des Steuerzahlers zu greifen. Vorteil: der könnte sich nicht dagegen wehren, «watson» zu unterstützen. Dafür dient ein sogenanntes «Erklärvideo», wo mal ganz objektiv und ausgewogen erklärt wird, was es denn mit dem Mediengesetz auf sich hat.

Das diene nämlich dazu, das Zeitungssterben zu unterbinden:

70 verstorbene Zeitungen, verkündet «watson» mit Trauermiene.

Komisch, der Medienexperte Kurt. W. Zimmermann kommt in seiner Zählung auf eine leicht abweichende Zahl: zwei.

Aber wie auch immer, nennen wir das den Streubereich der Wahrheit. Woran liegt das denn bloss?

Diese bösen, bösen US-Konzerne greifen sich doch alle Inserate im Netz ab.

Das ist sogar nicht falsch. Nur: woran liegt das? Könnte es sein, dass die Schweizer Medienclans schlichtweg die digitale Zukunft verschnarcht haben? Könnte es daran liegen, dass der Wanner-Clan bereits Multimillionen in «watson» verröstet hat? Nein, niemals.

Und woran liegt wiederum das? Wir haben so einen Verdacht:

35 plus 16 Prozent ergeben laut «watson» 76 Prozent.

Vielleicht rechnet das Management ähnlich. 35 plus 16 Prozent Verlust ergeben 76 Prozent Gewinn. Oder so. Das nennt man dann wohl den Placebo-Effekt.

Gibt’s denn gar nichts Positives zu vermelden? Doch:

Echt jetzt? Hört wirklich auf? Wahnsinn.

Dass auch die «Kulturjournalistin des Jahres» Simone MeierJuden canceln») den Griffel weglegt, darauf wagen wir aber doch nicht zu hoffen.

 

Ex-Press XLIX: ganz unten

Blüten aus dem Mediensumpf.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

ZACKBUM gibt zu: Wir sind nicht stark genug. Oder zu schwach. Nein, Fisherman’s Friend kriegen wir in jeder Geschmacksrichtung runter. Wenn’s sein muss, sogar in der hier:

Aber eigentlich wollten wir diesen Reigen hier, Ehre wem Ehre gebührt, mit «watson» beginnen.

Aber dann begannen wir, uns hier durchzuklicken:

Trotz der Einnahme von Fisherman’s Original wurde uns übel. Dann machten wir den Fehler, bei der Kulturjournalistin des Jahres Erbauung zu suchen:

Aber auch hier kamen wir nicht weiter als bis zu diesem Kotzbrocken:

«Romina war mein Lichtblick. Ich steh auf multipel operierte Gesichter. Erst da kommt nämlich der Mensch hinter dem eigentlichen Gesicht so richtig zum Vorschein

Es mag uns als Schwäche ausgelegt werden, aber wir haben beschlossen: nie mehr ein Text von Simone Meier. Nicht auf leeren Magen und erst recht nicht auf gefüllten.

Tastende Schritte nach oben

Wir wollen uns nun vorsichtig nach oben arbeiten. Als nächster Tritt auf der Leiter soll «20 Minuten» dienen. Da werden wir doch glatt schon ganz am Anfang in Versuchung geführt:

Aber, schluchz, die Winterhilfe hat dann doch keinen Franken gekriegt. Dafür haben wir eine frohe Botschaft für unsere Portugiesisch sprechenden Leser:

ZACKBUM denkt scharf darüber nach, diesen Service auch anzubieten. ZACKBUM durum cogitat de hoc quoque ministerio oblatum. Genau, wenn schon, dann natürlich gleich auf Latein. Wir nähern uns nun aber bereits dem ersten journalistischen Höhepunkt:

Kopf in Brot, Werbung und Werbung.

Da weiss man wenigstens, wieso man für «20 Minuten» nix zahlt. Nun aber endlich mal ein Beitrag mit Tiefgang und Zukunft:

Hoppla, das ist ja ein «Paid Post». Das steht ja scheint’s für Werbung, aber so, dass es mehr als die Hälfte der Leser nicht merkt. Gibt es denn gar keine journalistische Eigenleistung, einen Mehrwert? Doch:

Hoffentlich setzt sich der Trend nicht im Tamedia-Glashaus durch …

Aber manchmal schaffen es selbst im Titel nicht alle Buchstaben ins Netz:

Kan doc i de Hekti ma passiere.

Nun, aber «nau.ch» wird doch sicherlich das Niveau höher legen.

Oh je, zwei Werbeartikel und daneben ein für 99,9 Prozent aller Leser völlig uninteressanter Beitrag über Bitcoin.

Aber gehen wir doch zu ernsthaften Themen über, zum Beispiel die Wirtschaft:

Hm, also das nennt man gemischte Nachrichten. Nur ist der Leser verwirrt: geht’s nun in Asien rauf oder runter? Lassen die Sorgen nach oder steigen die Befürchtungen? Das kann man halt so oder so sehen.

Wir klettern in die Höhe der Qualitätsmedien

Einer geht noch? Also gut, wir klettern in die Höhe der seriösen Berichterstattung, die unbedingt mit einer zusätzliche Milliarde Steuergelder subventioniert werden muss.

Beim Blatt mit dem Abflussrohr im Logo stimmen wenigstens Gewichtung und Mischung:

Nein, Moment, so ist’s noch besser:

Apropos Medienmilliarde, es geht doch nichts über eine objektive, ausgewogene und unabhängige Berichterstattung:

Werfen wir auch hier einen Blick (ha, wir Scherzkekse) in die Wirtschaft:

Kalter Kaffee, zwei dem Leser an einem gewissen Körperteil vorbeigehende Artikel plus Werbung.

Übrigens, kommt die Medienmilliarde, dann kann sich die Bildredaktion beim Bilderblatt «Blick» auch wieder ein aktuelles Foto eines Schweizer Kassenzettels leisten. Statt einer Aufnahme aus dem Euro-Raum und vom Jahr 2015:

 

Wir haben fertig. Und brauchen einen Kaffee fertig. Den wir durch die Maske schlürfen werden.

Es darf gelacht werden: Althaus is back

Und andere Miszellen aus dem bewegten Corona-Leben.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Der Epidemiologe Christian Althaus, wir sind traurig, hat’s nicht richtig geschafft. Immerhin, in den letzten zwei Jahren gibt es über 4000 Treffer in der Mediendatenbank SMD für ihn.

Das ist nicht schlecht für einen Wissenschaftler, der normalerweise völlig unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu Bern wissenschaftet. Am Anfang der Pandemie lieferte er sich noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Marcel Salathé.

Denn in der heutigen Mediokratie, in der mediokren Mediokratie, kann es nur einen Hauptexperten geben, der dann in Funk, Fernsehen und Print überall durchgereicht wird. Althaus gab damals alles und prognostizierte sogar «bis zu 100’000 Corona-Tote», um im Aufmerksamkeitswettbewerb die Nase vorn zu halten.

Vergeblich, Salathé setzte sich souverän durch und fuhr in der Pole-Position reiche Ernte ein. Aufstieg, Karriere, fette Fördergelder. Daher ist Salathé nun verstummt, aber Althaus gelingt es weiterhin nicht, die Sonne der medialen Aufmerksamkeit so über sich scheinen zu lassen, dass auch er endlich einen fetten Lehrauftrag an Land ziehen kann.

Keine richtige Alarmsirene

Althaus schwächelte auch deutlich; so fiel ihm Anfang Sommer dieses Jahres nur ein:

«Ich habe grosse Bedenken, wie sich die Epidemie in der Schweiz nun entwickeln wird.»

Das reicht nicht, Herr Forscher, das reicht wirklich nicht.

Nun hatte die NZZ ein Einsehen und gönnt ihm eine ganze Seite Interview. Aber auch diese Möglichkeit zur Selbstpromotion versenkt er kläglich. «Ungeimpfte dürfen die Gesellschaft nicht in Geiselhaft nehmen», schon das Titel-Quote hat einen erhöhten Schnarchfaktor.

«Mögliche Überlastung des Gesundheitssystems, …, könnten vor Weihnachten in eine kritische Situation kommen, … Home-Office, … Impfpflicht nicht durchsetzbar, … dürfte, könnte, würde, hätte».

Das ist nur noch ein Schatten der alten Alarmsirene Althaus. Als er mit Getöse aus der Task Force to the Bundesrat austrat, freute man sich noch auf den Trompeter von Jericho, der uns allen wieder das Fürchten lehren und Impfmauern niedertrompeten würde. Aber nix.

Ach ja, der Burner, so ein Titelquote.

Jedoch: alleine am Donnerstag gibt es über 1000 Treffer für «Corona», das hält alle Newsmedien eindeutig weiterhin über Wasser.

Der ewige Corona-Blues, immer die gleichen Akkorde

Auch hier wandelt man auf den Spuren von Althaus. «Grabesstille im Bundeshaus», vergreift sich ein Tamedia-Kommentator im Ton. Eigentlich ein Fall für Büttner, wie hier die Würde von Friedhöfen geschändet wird. Auf jeden Fall sage der Bundesrat nix dazu, dass sich Corona «zum Kontinentalbrand» entwickelt habe. Ach ja, und was war es vorher? Ein mexikanisches Bier?

Üble Scherze werden mit allem getrieben.

Aber der Tagi kann auch vom Thema Corona-Impfung ablenken: «In Zürich kann man sich künftig gratis auf Syphilis testen lassen». Wunderbar, aber nicht auf Corona. Dabei hat doch tatsächlich der Club «Supermarket»* während einer Stunde keine Zertifikatskontrolle beim Partyvolk durchgeführt. Die sollten sich nun alle auf Syphilis testen lassen.

In Siegerlaune ist hingegen der «Blick», das einzige Boulevardblatt mit eigenem Regenrohr im Titel: «Gegner des Covid-Gesetzes brauchen ein Wunder». Hoffentlich stützt sich das Organ der tiefen Denke und Analyse dabei nicht auf getürkte Meinungsumfragen.

Weitere erschütternde News

Nau.ch will 2 G und Maskenpflicht: «Immer mehr Experten fordern Corona-Verschärfungen». Sonst könnte es auch Schweizern wie dem hier gehen: «Österreicher infiziert sich absichtlich mit Corona – tot!». Nun, wir wollen da nicht in alte Animositäten einsteigen, aber eben, die Österreicher … Die sind nicht alleine; nau.ch weiss auch: «Impfgegnerin: Amerikanerin stirbt nach Wurmkur gegen Corona».

Wollen wir noch einen? Ach ja, es ist immer gut, eine solche Sammlung mit einem herzlichen Lachen zu beschliessen. Richtig, wir wären bei «watson». Hier wird noch tiefer als beim «Blick» gegründelt und Zusammenhänge aus tiefster Vergangenheit werden ans Tageslicht befördert. Das auch noch in einem fast «Republik»-würdigen Artikel. Also von der Länge her, womit wir uns diesmal einen Ausflug ins Zentralorgan für Menschen mit Einschlafproblemen ersparen können.

Dort hätte man die Schuld wohl der SVP und Christoph Blocher in die Schuhe geschoben, aber da ist «watson» geschichtsbewusster. Dennis Frasch gibt die Antwort auf eine wichtige Frage: «Darum haben deutschsprachige Länder ein Problem mit der Covid-Impfung»

Denn die Schweiz, Deutschland und Österreich hätten im Vergleich zu Westeuropa «sehr tiefe Impfquoten». Im Vergleich zu Osteuropa liegen sie aber locker im oberen Mittelfeld, doch das passt hier nicht. Also, warum denn das? Überraschende Antwort:

«Das hat unter anderem mit dem Nationalsozialismus zu tun

Echt jetzt? Weil damals Juden «gecancelt» wurden, wie Plump-Kolumnistin Simone Meier schrieb? Nein, aber weil die den Begriff der «Volksgesundheit» kontaminierten. Das ist nun, muss man zugeben, eine originelle «Analyse». Darauf wäre nicht mal Philipp Löpfe gekommen, und der kommt sonst doch auf ziemlich alles, was schräg und beknackt ist.

Immerhin, für einmal nicht «das erinnert ans Dritte Reich», sondern: «das kommt vom Dritten Reich». Selten so gelacht.

 

 *  Nach Korrekturhinweis …

Professor Unrat zum Covid-Gesetz

René Rhinow, der Ombudsmann von CH Media, kommentiert  das Covid-Gesetz. Peinlich für einen ehemaligen Professor für Öffentliches Recht, dass er das mit der Freiheit nicht kapiert hat.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

René Rhinow lebt. Das ist immer noch eine gute Nachricht, denn mit Jahrgang 1942 befindet er sich voll in der einzigen Risikogruppe bezüglich der Pandemie. Von seinen vielen Ämtern und Funktionen aus der Vergangenheit ist ihm noch die Stellung als Ombudsmann von CH Media geblieben. Das ist eine schlechte Nachricht.

In dieser Funktion schmettert er Beschwerden ab: «So ehrenwert das Engagement für medienethische Grundsätze in der Praxis auch erscheint, so dient das Verfahren vor der Ombudsstelle dazu, persönlich berührten Lesern und Leserinnen unkomplizierte und informelle Beanstandungsmöglichkeiten zu verschaffen.»

Ich fühlte mich durchaus persönlich davon berührt, dass die journalistische Leiter nach unten Pascal Hollenstein eine gerichtliche Sperrfrist für die Bekanntgabe eines Urteils gebrochen hatte, um als Erster berichten zu können. Oder dass die CH Media Kolumnistin Simone Meier geschmacklos davon schrieb, dass «unter Hitler Juden gecancelt» worden seien.  Hollensteins Fehlverhalten, diese Beschreibung des Holocaust hätten in jedem anständigen Medienhaus Konsequenzen gehabt.

Aber Rhinow konnte – ich bin weder Richter noch Jude – mangels persönlicher Betroffenheit auf meine Beanstandungen «nicht eintreten». Je nun.

Rhinow denkt scharf nach

Jetzt aber kommentiert der ehrenwerte «Träger des Grossen Goldenen Ehrenzeichens am Bande für Verdienste um die Republik Österreich» die anstehende Abstimmung über das verschärfte Corona-Gesetz. Staatstragender Titel:

«Freiheit – aber wo bleibt die Verantwortung?» Ja, wo bleibt sie denn nur?

Da muss der emeritierte Professor kurz ganz streng werden: «Wer Freiheit für sich reklamiert, muss zur Kenntnis nehmen, dass Andere auch Ansprüche auf ihre Freiheit besitzen. Massnahmengegner müssen dies akzeptieren.»

Das ist wahr. Allerdings müssten das auch Massnahmenbefürworter akzeptieren, nicht wahr? Freiheiten kann man auch strapazieren, so wie hier die Meinungsfreiheit. Aber natürlich wollen wir Rhinow nicht den Mund verbieten, so wie er es gerne bei den «Massnahmengegnern» täte.

«Wer wahrnehmen muss, was gewisse Coronagegner oder Skeptiker unter Freiheit und Verfassung verstehen, der muss vermuten, dass diese die Verfassung gar nie gelesen, geschweige denn verstanden haben.» Wir würden einem ehemaligen Professor für Öffentliches Recht nie unterstellen, dass er die Verfassung zwar gelesen und auch mal verstanden hatte, aber vielleicht mit fortschreitendem Alter unter Vergesslichkeit leidet.

«Gastbeitrag» des eigenen Ombudsmanns beim «Tagblatt».

Er zählt nun ein paar Freiheitsrechte auf, die in «einer Pandemie» auch denjenigen zustünden, die «in der Öffentlichkeit von ihrer Freiheit Gebrauch machen wollen und deshalb eine Ansteckung zu vermeiden trachten oder sich das Ende der Pandemie herbeisehnen. Oder die wegen Ungeimpften, welche Spitalbetten belegen, auf ihre Operation warten müssen».

Hier bleibt der Professor etwas dunkel, welche Freiheitsrechte er hier genau meint. Beispielsweise die Freiheit, wegen Ungeimpften NICHT auf eine Operation warten zu müssen? Aber er hat’s glücklicherweise noch etwas konkreter:

«Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass mit dem Zertifikat die Freiheit im Kern ausgehebelt werden soll. Ein Vergleich mit undemokratischen Systemen weltweit würde die Relationen wiederherstellen. Das weissrussische Volk beispielsweise hat andere Vorstellung von Freiheit …»

Mit Verlaub interessieren in der Schweiz die Freiheitsvorstellungen des weissrussischen Volkes eher weniger. Da eigentlich niemand behauptet, mit dem Zertifikat würde die «Freiheit im Kern ausgehebelt», kann das der Professor auch gar nicht verstehen.

Lernen und staunen: Freiheit hat mit Verantwortung zu tun

Nun arbeitet sich Rhinow zum «Junktim von Freiheit und Verantwortung» vor. Auch dazu hat er eine originelle Übertragung auf die Seuche: «In einer Pandemie gilt das erst recht: die persönliche Verantwortung verlangt Sorge und Vorsorge, dass Viren nicht auf Andere übertragen werden.»

Das ist unbestreitbar richtig; wer absichtlich oder fahrlässig Viren auf andere überträgt, nimmt seine freiheitliche Verantwortung nicht wahr. Das sollten sich mal alle hinter die Maske schreiben, die auch in nicht pandemischen Zeiten zum Beispiel ungehemmt niessen oder eine feuchte Aussprache haben. Damit übertragen sie nämlich Viren im Multipack auf andere.

Aber den Höhepunkt hat sich Rhinow natürlich für den Schluss aufgespart: «Doch kennt Selbstverantwortung ihre Grenzen in der Verantwortungsunmöglichkeit: Ich kann nicht selbst darüber entscheiden, ob ich allenfalls angesteckt bin und damit Andere anstecke, weil ich es unter Umständen schlicht nicht wissen kann. Die Mitverantwortung gebietet, dass Jede und Jeder dazu beiträgt, das Risiko einer Virenübertragung zu minimieren und so die Freiheit Anderer zu schützen. Wo gebotene Verantwortung nicht oder nur eingeschränkt wahrgenommen werden kann, sind Regulierungen im Interesse der Komplexität von Freiheitsbedürfnissen gerechtfertigt.»

Nein, der geschätzte Leser muss nicht befürchten, dass man ihm ins Hirn geniesst hat, wenn er das nicht versteht. Diese «Komplexität von Freiheitsbedürfnissen» ist einfach zu komplex für durchschnittliche Köpfe. Entweder das, oder es ist schlichtweg tautologischer Unsinn. Oder ein pleonastischer. Oder ein verantwortungsunmöglicher.

Leider hat Rhinow etwas Apodiktisches in seiner Rechthaberei. Das steht ihm aber schlecht, da er mit seiner absonderlichen Auslegung von Freiheit in Bezug auf das Covid-Gesetz von amtierenden Verfassungsrechtlern kräftig in den Senkel gestellt wird.

Andere Verfassungsrechtler sehen das entschieden anders als Rhinow

«Die Änderung des Covid-19-Gesetzes ist ein weiterhin verfassungswidriges Vorhaben.» Schreibt Andreas Kley in der NZZ. Der Professor für öffentliches Recht, Verfassungsgeschichte sowie Staats- und Rechtsphilosophie an der Universität Zürich bemängelt, dass das Covid-Gesetz dem Bundesrat ein «Kompetenzgeschenk» mache: «Es will lediglich gesetzliche Grundlagen für schon bestehende (Not-)Verordnungen schaffen.»

Dieses «undemokratische Vorhaben» übergehe «den Verfassungsgeber und damit Volk und Stände». Die Schlussfolgerung des Rechtsprofessors:

«Das demokratisch gewählte höchste Organ des Bundes hat mit dem Covid-19-Gesetz und seinen Änderungen zwei wichtige Artikel der Bundesverfassung missachtet und die schweizerische Demokratie grob beschädigt.»

Natürlich muss Professor Kley mit seiner Ansicht nicht recht haben. Aber seine fundierte Kritik verweist das Gefuchtel von Rhinow doch in den Bereich von altersstarrsinniger Rechthaberei. Zudem mag der Hinweis genügen, dass auch der Präsident der Rechtskommission des Ständerats der Auffassung ist, dass das Gesetz ein «Missgriff» sei.

Im Gegensatz zu Rhinow meint Ständerat Beat Rieder, wir «bewegen uns eigentlich immer mehr in Richtung der Verletzung elementarster Grundrechte in der Schweiz».

Das sind nun zwei Stimmen, denen man keinesfalls unterstellen kann, dass sie die Verfassung nicht gelesen oder nicht verstanden hätten.

Unverständlich bleibt höchstens, wie Rhinow mit solchen unqualifizierten Kommentaren die letzten Reste seiner Reputation aufs Spiel setzt. Vielleicht sollte er stattdessen einfach mal wieder die Bundesverfassung lesen – und zu verstehen versuchen.

Ob die Literatur Zukker überlebt?

Nora Zukker ist Literaturchefin bei Tamedia. Gut für sie, schlecht für die Literatur.

Seit Anfang dieses Jahres hat der eine der beiden Duopolkonzerne im Medienbereich eine neue Literaturchefin. Ihr jugendliches Alter und die vielleicht damit einhergehende Unreife wollen wir ihr nicht vorwerfen. Es hat ja jeder Literaturchef mal klein angefangen. Auch so Leute wie Alfred Kerr, Frank Schirrmacher, Marcel Reich-Ranicki usw. Das waren dann alles erst noch Männer, im Fall. Und ihr sicherlich alle unbekannt, im Fall.

Also setzte Zukker schon früh ein erstes Zeichen, indem sie sich mit der Dumm-Literatin Simone Meier («Juden canceln») auf einem Friedhof mithilfe einer Flasche Chlöpfiwasser die Kante gab. Lassen wir das mal als erste Jugendsünde vorbeigehen.

Sie hat auch schon ein Buch geschrieben. Und mitsamt Crowdfunding – nun ja,  publiziert. Wir spürten kurz die Versuchung, Fr. 50.- für ein «Treffen mit der Autorin» zu investieren, konnten uns aber doch zurückhalten.

Dafür trifft die Autorin immer wieder Bücher, und das bekommt denen überhaupt nicht gut. Noch weniger den Lesern ihrer Berichte über solche Begegnungen. Streifen wir kurz, aber nur sehr kurz durch das literaturkritische Schaffen von Zukker. Sagen wir, so der letzten Wochen. Da hätten wir mal diesen da: «Claudio Landolt hat einen Berg vertont und dazu Prosaminiaturen geschrieben.» Oh, und wie tönt er denn so, der Berg? Nun, nach «grellem Pfeifen». Falsch, lieber Laie: «Das ist die absolute Aufnahme, das ist der ultimative Liebesakt zwischen den Ohren und dem Berg.»

Ohä, und wie tönt er denn, der Dichter?

«Da drüben sprechen zwei Männer mit Sand im Mund. Es scheint um Netze zu gehen.»

Ja, da knirscht der Leser auch mit den Zähnen, spuckt Sand und sucht das Weite.

Wir folgen der Schneise der Verwüstung

Wir folgen aber tapfer Zukker zum «Berner Autor Michael Fehr». Womit erfreut der uns? «Ein Mann brät in der Pfanne eine Katze, die sich in seiner Wohnung verirrt hat. Pistolen schiessen in offene Münder hinter dem Bankschalter, ein Paar plündert ein Lebensmittelgeschäft.» Was soll uns nun das sagen? «All das geschieht in den auf das Kreatürlichste destillierten Texten von Michael Fehr.» Oh, was löst das in Zukker aus? «Man möchte schreien und verstummen, man möchte tanzen und sich hinlegen. So unerbittlich uns Michael Fehr an unsere Begrenztheit und zutiefst menschliche Widersprüchlichkeit erinnert, so tröstlich fühlt sich der Raum an Möglichkeiten an.» Ohä, worum geht’s schon wieder? ««super light» ist unerbittlich und von brachialer Zartheit und die Einladung, sich einzulassen aufs Leben, weil es so oder so kein Entkommen gibt.»

Ja, den Eindruck hat der Leser inzwischen auch, aber wir flüchten nun zum «neuen Roman von Judith Keller». Das ist nämlich «Milena Moser auf Acid». Oh. Als ob Moser ohne Acid nicht schon schlimm genug wäre, aber worum geht’s denn hier? Natürlich kommen auch Roger Federer, Virginia Woolf, Hölderlin und die Odysee vor. Ohä, einfach, damit das klar ist: wir verneigen uns hier vor «Prosaminiaturen». Wie dieser:

«Dazu sagen sie Sätze wie: «Es ist so still. Was wollen wir reden?»»

Nichts, rufen wir erschöpft, aber unsere Odyssee, bei Hölderlin und Federer, ist noch nicht vorbei. Wir sind nun beim Debutroman von Andri Hinnen. Etwas Leichfüssiges über «unsere inneren Dämonen». Da könnte sich Dostojewski wohl noch eine Scheibe von abschneiden, wenn Zukker wüsste, wer das ist. So aber lobt sie: «Ein rasanter Roman, der durch den Einfall, die Psychose zur Figur «Rolf» zu machen, überrascht.» Vielleicht eine Schlaufe zu viel, meldet sich die strenge Literaturkritikerin aber: «Wenn es richtig reinknallt, sind wir am Leben.»

Überleben, das ist alles bei der Lektüre von Zukker

Wir sind hingegen froh, immer noch am Leben zu sein nach diesem Martyrium, nach diesen Stahlgewittern (Jünger, das war, aber wir haben ja schon aufgegeben). Noch ein letzter, matter Blick auf die Fähigkeiten von Zukker als Feuilletonistin. Da wird sie launig: «Sommer nach der Pandemie: 3, 2, 1 … Ausziehen!» Hui, wird’s jetzt noch sinnlich? «Ich bin in der Bar meines Vertrauens. Zwei Beine in einer kurzen Hose setzen sich neben mich, und ich komme nicht damit klar.» Oh, damit wäre die Frage nach Sinnlichkeit bereits beantwortet: Nein. Nach Sprachbeherrschung auch. Beine setzen sich? Aua.

Ist’s wenigstens unterhaltsam? «Ich bestelle einen weiteren Negroni sbagliato und frage mich, gibt es auf Ibiza eigentlich FKK-Strände, denn: Würde ich die Entwicklung dieser Entkleidungszeremonie weiterdenken, müsste die kurze Hose neben mir eigentlich auf der Baleareninsel nackt rumlaufen.» Ohä, auch nein.  Nochmal aua, eine kurze Hose läuft nackt herum? Gibt’s noch irgendwie eine Pointe, etwas, das «richtig reinknallt»? Na ja: «Ich rufe meinen guten Freund in Deutschland an und frage ihn: «Wie nackt sind die Beine im Norden?»»

Nein, die Antwort wollen wir nicht wissen. Aber immer noch besser, als wenn sich Zukker in Debatten einmischt, für die man lange Hosen anhaben müsste, um wirklich mitdiskutieren zu dürfen. Wie zum Beispiel das längst verstummte Geschrei um eine Provokation von Adolf Muschg. «Twitter richtete. Dass der Schweizer Intellektuelle die Cancel Culture mit Auschwitz verglich, löste harsche Kritik aus», blubberte Zukker damals. Schlimmer noch:«Dieses Wort lässt keinen spielerischen Umgang zu.» Entweder weiss sie auch hier nicht, was sie schreibt, oder sie unterstellte Muschg, er habe das Wort Auschwitz «spielerisch» verwendet. Wir regten damals an, dass sich Zukker wenigstens bei Muschg für diesen unglaublichen Ausrutscher entschuldigen sollte. Tat sie nicht.

Also bitte, bitte, lieber Arthur Rutishauser. Lieber Herr Supino. Liebe Minerva, liebe Hüter der letzten Reste von Niveau und Anspruch: wer sorgt wann dafür, dass diese Frau die deutsche Literatur nicht mehr länger quälen, zersägen, misshandeln darf – und den Leser auch noch?

 

Es darf gelacht werden: Lange Lunte im Puff

Valentin Landmann, Milieu-Anwalt. Feiert die Wiedereröffnung eines Bordells. Skandal!

Es ist zwar erst Anfang Juni. Aber die schwindende Möglichkeit, wegen der Pandemie mal wieder von Tausenden von Toten zu unken, strengere Massnahmen zu fordern, Lockerungen als grobfahrlässig, ja tödlich zu kritisieren, den zuvielten Wissenschaftler aufzubieten, der auch noch berühmt werden möchte – all das wirft einen Schatten aufs kommenden Sommerloch.

Oder so. Auch der ahnende und raunende Schriftsteller Lukas Bärfuss, der schon diagnostizierte, dass in der Schweiz Geld wichtiger als Menschenleben sei und daher bald Zustände wie in Norditalien herrschen werden, also wie in dem Videoschnipsel, wo ein paar Armeelastwagen Särge abtransportieren, belästigt längst andere Themen mit seinen unausgegorenen Zeilen.

Es kommt zu ersten Verzweiflungstaten der Medien

AHV-Alter für Frauen, nun ja, auch nicht so der Brüller in den News. Da kommt es zu Verzweiflungstaten. Und schon grüsst auch der Herdentrieb. Denn am 4. Juni kam die «Schweizer Illustrierte» ihrer Berichterstatterpflicht nach. Obwohl sie dafür keine Extra-Batzeli vom Steuerzahler kriegt, wagte sie die Investigativ-Recherche: «Endlich wieder ausgehen!» Die C- bis D-Prominenten Fabienne Bamert («Samschtig Jass») und Mario Gyr (rudert unglaublich schnell) schafften es aufs Cover der SI – und wagen ein «Candle Light Dinner» am helllichten Tag um 17.45. Oder gar 5.45 Uhr; weiss man’s?

Vorne Candle, hinten Sonne, in der Mitte Dreitagebart.

So weit, so schnarch. Aber als Nächster setzt sich Valentin Landmann in Szene. Länger nichts mehr gehört vom «Rotlicht-Anwalt», auch schon 71 Lenze alt. Aber nun wieder rein ins Vergnügen, er «steht im Globe in Schwerzenbach ZH, dem grössten Schweizer Sexclub», weiss die SI. Nun, auf dem Foto sitzt er, und auch der SI-Fotograf scheint das «riesige Nachholbedürfnis» zu spüren und lässt zwei Angestellte seinen Job tun.

Auf der nächsten Seite wird es dann richtig schlimm. Kaum ist die Pandemie auf dem Rückzug, sind neuerliche Attacken auf die hilflose deutsche Sprache zu befürchten – als ob ein virulenter Lukas Bärfuss nicht schon schlimm genug wäre. Zeichnet sich hier also ein Skandal ab?

Simone Meier, Sunil Mann und Milena Moser: Angriff der Killer-Literaten.

Aber nein, wir blättern eine Seite zurück, Dort sitzt der Skandal im Puff. Worin besteht nun der «Eklat» (Tamedia), wieso sorgt Landmann «für Empörung» (nau.ch)? Oder um es mit der NZZ entschieden staatstragender zu sagen:

«Der SVP-Kantonsrat Valentin Landmann lässt sich im Bordell fotografieren und verärgert damit Ratskolleginnen und -kollegen».

Wie man auf der Fotografie aber deutlich sieht, ist Landmann völlig bekleidet, begeht keinerlei unzüchtige Handlungen – aber er trägt weisse Socken!

Werden Landmann seine Prekariat-Socken zum Verhängnis?

Das geht nun gar nicht, nicht mal beim Puffbesuch. Aber darüber erregt sich die GLP-Kantonsrätin Andrea Gisler nicht in erster Linie. «Das ist eine degoutante Inszenierung mit einem Mann inmitten junger Frauen», kritisiert sie. Ohne näher zu erläutern, was daran degoutant sein soll. Hier werde eine «schummrig-plüschige Idylle im Rotlicht-Milieu geschildert», beschwert sich Gisler – mit 50 Mitunterzeichnern – gleich mal beim Ringier-Verlag. Denn den «Profiteuren der Prostitution» dürfe man keine mediale Plattform bieten.

Das bringt nun den allgemein als sanftmütig bekannten Landmann etwas in Rage: Es sei «unwürdig», ihn als «illegitimen Profiteur der Prostitution zu verunglimpfen». Schliesslich treibe ein Prostitutionverbot «die Frauen in die Unterwelt. Dort sind sie nicht geschützt, sondern Übergriffen und Ausbeutung ausgeliefert.»

Auch quer durch feministische Kreise geht der Streit, ob der Beruf der Sexarbeiterin Ausdruck weibliche Befreiung oder männlicher Ausbeutung sei. Was aber an Landmanns Auftritt – abgesehen von den weissen Socken – degoutant sein soll und was das andere Mitglieder (Pardon) des Kantonsrats angeht, ist unerfindlich.

In Bern wäre die verzögerte Reaktion normal – aber in Zürich?

Ebenso bleibt die verzögerte Reaktion ein Rätsel. Die SI erschien mit diesem Eklat-Foto letzten Freitag. Niemand machte einen Eklat draus. Erst am Montag schwoll der Protest im Kantonsrat an. Ob da alle 50 Mitunterzeichner des Schreibens an Tamedia wissen, was sie genau unterschrieben haben? Und wieso berichtet die Journaille flächendeckend erst ganze 5 Tage nach dem Bild des Anstosses? Auch bemerkenswert: niemand interessiert sich für das Schicksal der drei leicht- oder nicht bekleideten Damen auf der Fotografie.

Zwei von ihnen sind offenbar ganz nackt, dazu gesichtslos, also zum Sexobjekt herabgewürdigt. Und als Helferinnen beim Shooting (schon alleine dieser Ausdruck in dieser Umgebung, igitt) missbraucht. Wobei sie zudem die Handleuchten so falsch halten, dass sicherlich wieder Herrenwitze über «Frau und Technik» auf ihre Kosten gemacht wurden. Schliesslich: hat der Fotograf nur an seiner Kamera abgedrückt?

All das wäre doch einer investigativen Recherche wert. Eigentlich müssten in diesem Sexclub schon längst Massen von Journalisten stehen, die mit dem Presseausweis winken und Rabatt verlangen. Aber eben, kein Pfupf mehr in den Redaktionsstuben. Wo bleibt die knallharte Recherche über das traurige Schicksal der auf der Fotografie missbrauchten Frauen? Keine der 78 Unterzeichner des Protestschreibens hat Zeit dafür? Sehr bedauerlich.

Das ist bitter für ein Boulevardblatt

Blöd läuft’s nur für den «Blick». Die einzige Zeitung mit im Titel eingebauten Regenrohr kann nun schlecht in die Kritik einstimmen; schliesslich erscheint die SI im gleichen Verlag. Landmann den Rücken stärken, das könnte aber in der Verlagsetage auch nicht gut ankommen. Das ist natürlich voll den Bach runter für das Blatt der gehobenen Lebensart

Was könnte man da für Boulevard-Storys rausmelken. Besucht Landmann das Puff auch als Gast? Wenn ja, gibt’s Freifahrschein? Was sagen denn Damen, die ihn schon bedient haben, über sein Verhalten im Bett? Ist sein Alter denn kein Problem? Oder sein Bluthochdruck? Kann man ihm dabei juristische Fragen stellen?

All diese gnadenlos guten Storys werden nun nie erscheinen – dabei ist es noch mindestens einen Monat hin bis zum echten Sommerloch. Das kann noch heiter werden.

Es darf gelacht werden: diesmal über Interviews

Ein schriftlich geführtes Gefälligkeits-Interview ist die Hölle.

Wir betreten den ersten Kreis der Hölle, wie übrigens auch ein Roman von Alexander Solschenizyn heisst (Nora Zukker, aufgepasst, sollte man gelesen haben).

Aber während es da um sowjetische Gulags ging, geht es hier um die Hölle des «Blick»-Newsrooms. Das einzige Organ mit eingebautem Regenrohr hat mal wieder einen neuen Chef gekriegt. Zu den übrigen Häuptlingen (und immer weniger Indianern) gesellt sich Sandro Inguscio als neuer Chäf von blick.ch und Blick TV.

Interessiert zwar nicht wirklich, aber die Gelegenheit für ein schriftlich geführtes Interview. Schriftlich geführte Interviews sind gar keine, weil hier schon von Anfang an alles Spontane, alles, was eben den Unterschied zwischen Dialog und Geschriebenem ausmacht, wegradiert ist. Nun könnte man einwenden, dass das ja auch häufig während des Autorisierens geschieht. Schon, aber da kann sich eine Redaktion, so sie noch etwas Ehre im Leib hat, dagegen wehren oder auf die Publikation verzichten.

Aber schauen wir mal, mit welchen Antworten Inguscio die kritischen Fragen von persoenlich.com pariert hat. Nein, das war ein Scherz mit den kritischen Fragen.

  • «Ich freue mich wahnsinnig auf die Aufgabe und habe gleichzeitig grössten Respekt davor.»
  • «Es würde den grossartigen Teams nicht gerecht werden, wenn ich bereits vor meinem Start Änderungen ankündigen würde.»
  • «Jetzt gilt es, die Synergien noch besser zu nutzen.»
  • «Ich werde diese beiden digitalen Vektoren näher zusammenführen.»
  • «Als Teenager hatte ich mir zum Ziel gesetzt, eines Tages für den Blick arbeiten zu dürfen.»

Mit Wumms im «Blick»: Sandro Inguscio.

Immer mehr Leser winseln um Gnade? Also gut, lassen wir es bei diesen inhaltsschweren Brocken bewenden, die Inguscio über den Lesern abwirft. Wobei man den Verdacht nicht loswird, dass er einfach die Antworten anderer Antrittsinterviews aus dem Stehsatz geholt hat, kurz abgestaubt, leicht geschüttelt und gemixt, dann eiskalt serviert hat.

Resultat: wunderbar angemalte Luft. Vielleicht fürs nächste Mal; ein Aspekt fehlt: die Frauenförderung, der Einsatz für Inklusion, der Kampf gegen Rassismus, gerade auch in der Schweiz. Das Bekenntnis zur humanitären Tradition, zur Neutralität und zur EU. Aber das wird schon.

Wir kommen unten an: bei Simone Meier

Simone Meier, ja, die One and Only, hat auch ein Interview gemacht. Nämlich mit Xavier Naidoo. Der ehemalige Sänger der «Söhne Mannheims» entwickelt durchaus etwas schräge Ansichten über Gott, die Welt und das Virus. Dazu hat er zwei neue Songs veröffentlicht. Dem geht nun Meier nach und kommt nach vielen, vielen Buchstaben zum Schluss:

«Am Ende ist es ganz einfach: Der Körper, der sich niemals impfen lassen will, und die Heimat, in deren Boot kein Platz mehr ist, verschmelzen bei Naidoo und seinen Geschwistern auf beängstigende Weise zu einem Brandbeschleuniger. In Form eines aggressiven, abwehrbereiten und in allem selbstgerechten Volkskörpers.»

Wir versuchen, der Kulturjournalistin des Jahres zu folgen. Ein ungeimpfter Körper, eine Heimat als Boot ohne Platz verschmelzen zu einem Brandbeschleuniger. Der wiederum hat die Form eines Volkskörpers.

Ohne Durchblick: Simone Meier.

Wahnsinn, welche Bilderfülle, wie Meier es auf so engem Platz schafft, so ziemlich jedes verwendete Wort mit einem anderen kollidieren zu lassen. Wir sehen hier einer Massenkarambolage nichtssagender Gedankentrümmer zu. Einem sprachlichen Schrotthaufen, einem Versuch, Unsinn so zu schreddern, dass er den Verstand verliert.

Und hat Meier Naidoo echt interviewt? Natürlich nicht, da hat ZACKBUM gelogen. Wir beschäftigen uns hier schliesslich mit «watson», da muss man sich anpassen.

Jetzt noch der Aufschwung ins Gehirn

Wollen wir die Reihe mit einem richtig hochstehenden Interview abschliessen? Also gut, da nehmen wir doch Barbara Reye vom «Tages-Anzeiger» interviewt den «Neuropsychologen Lutz Jäncke» von der Uni Zürich. Der hat nämlich herausgefunden: «Viele Leute hängen wie Junkies an ihren Smartphones».

Will nur spielen: Lutz Jäncke.

Es wird gemunkelt, dass Jäncke für diese bahnbrechende Forschung auf der Shortlist für den nächsten Nobelpreis für Psychologen steht. Oh, den gibt es nicht? Na, dann wird es aber höchste Zeit.

Jäncke lässt es aber nicht nur bei dieser erschütternden Diagnose bewenden, er bietet auch Lösungen für dieses neue Problem: «Wir müssen unsere Selbstdisziplin trainieren und wieder lernen, uns nicht ständig ablenken zu lassen.» So paraphrasiert Reye den Wissenschaftler.

Den muss aber der Verdacht beschlichen haben, dass er vielleicht einen Tick zu wenig wissenschaftlich rüberkommt, wenn er schlichtweg eine Banalität rezykelt. Also gibt er mal kurz Gas auf die Frage, was sich eigentlich so alles im Hirn abspiele:

«Durch die emotionalen Impulse wird erst einmal das «Reptiliengehirn» aktiviert. Zu diesen evolutionär alten Hirnstrukturen des limbischen Systems gehört auch der Nucleus accumbens als Zentrum für Lust und Freude oder die Amygdala für negative Gefühle wie Angst und Wut. Anschliessend werden die Informationen gemäss dem Bottom-up-Prinzip nach oben etwa an das stammesgeschichtlich neu entstandene Stirnhirn, den Frontalkortex, geleitet.»

 

Die Amygdala  ist allerdings, soweit man das überhaupt mit Sicherheit sagen kann, auch für Lust und Freude zuständig, aber das würde wohl wissenschaftlich zu weit führen.

Wir wollen unsere Leser mit einer weiteren bahnbrechenden Erkenntnis des Wissenschaftlers verabschieden, die ihm Reye entlockte:

«Man sollte beim Lesen nicht in oberflächliches und schnelles Konsumieren verfallen. Denn das ist die Geissel der modernen Welt.»

Merken Sie sich das; hier bei ZACKBUM wird nicht oberflächlich und schnell konsumiert, okay?

Es darf gelacht werden: Über den Bauchnabel

Der entwickelt sich immer mehr zum wichtigsten Organ des Journalisten. Sein eigener, natürlich.

 

Tagi: Über die neuen 40

30 werden war früher, heute wird man 40. Hä? Muss man nicht verstehen. Aber man darf sich wundern, wieso Tamedia kein Extrablatt herausgebracht hat. Wir halten deshalb ein ganz heisses Thema für fürchterlich unterverkauft.

Denn: Haltet die Druckmaschinen an, die Seite eins kommt neu! Priska Amstutz, the one and only, hat ein Buch geschrieben. Das wurde auch gedruckt! Vom Knesebeck-Verlag in München, die Adresse für Buntes und Lebenshilfe. «Das neue 40» heisst das Meisterwerk. Unter Mithilfe einer Co-Autorin, mit vielen bunten Bildern und furchtbar interessanten Gesprächen mit schrecklich unbekannten Frauen – nur einer der Lieblinge von ZACKBUM ist dabei, die unvermeidliche Patrizia Laeri – lotet Amstutz aus, wie man sich denn so fühlt, ab 40. Als Frau.

«Das neue» oder «die neuen»? Ist doch egal

Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass diese Altersschallgrenze ja erst seit Kurzem immer wieder von Frauen durchbrochen wird. Man könnte nun entscheiden, ob man für die 240 Seiten stolze 39.90 bei Orell Füssli ausgeben will, oder 29.50 bei Exlibris. Oder ob man sich dafür nicht lieber einen neuen Lippenstift kauft. Ich als Mann würde Lippenstift wählen.

Kann nichts, muss weg.

Nun ist Amstutz (1977) auch noch Co-Chefredaktorin des «Tages-Anzeiger». Davon merkt man weiter nix, ausser, dass sie deswegen natürlich im eigenen Blatt von einer Untergebenen interviewt wird. Da gibt Silvia Aeschbach alles, um nicht ganz direkt zu sagen:

liebe Chefin, was wolltest du schon immer über dein tolles, neues Buch sagen?

Nein, natürlich wird zum strengen Sie gewechselt, und Amstutz werden Erkenntnisse von ewiger Gültigkeit und grosser Tiefe entlockt. Zum Beispiel; wie war’s denn so beim 40. oder 41. von Amstutz? «Ich realisierte plötzlich, dass ich am Anfang eines neuen Lebensjahrzehntes stand.»

Meiner Treu, ich gestehe plötzlich, dass ich diese Erfahrung auch schon machte. Sogar mehrfach. Aber deswegen schreibe ich doch kein Buch drüber. Und veranstalte auch nicht die Peinlichkeit, mich als Chef in meinem eigenen Blatt interviewen zu lassen. Selbst dann nicht, wenn sonst keiner von meinem Buch Notiz nimmt …

 

Eingeschlafene Füsse

Apropos niemand nimmt Notiz; was macht eigentlich die Kultur-Journalistin des Jahres? Simone Meier hatte doch auch ein Buch geschrieben, das immerhin auf Verkaufsrang 774 bei books.ch steht. Ach ja, das liebedienerische Interview auf «watson» ist schon durch, was gibt’s Neues?

Nun, als Kulturjournalistin muss man heute Allrounder sein, also hat Meier einen Film angeschaut. Der heisst «Sami, Joe und ich». Genau, drei Freundinnen aus der Agglo, ein wunderbarer Sommer, der dann doch nicht so wunderbar wird.

Das Werk hat nun nur ein – unverschuldetes – Problem. Es spielt 2019. Genau, seither hat sich auch bei Coming-of-Age-Filmen die Umwelt ein bitzeli verändert, was man nicht nur an den hier fehlenden Masken bemerkt. Nun hat sich Meier den Film aber angeschaut, dieses Erlebnis kann sie doch nicht einfach wegschmeissen. Gut, «warum nicht?» wäre eine Frage, die dem Leser viel Qual ersparen könnte. Also grübelte Meier lange, wie sie einen Film aus anderen Zeiten in die Gegenwart transportieren könnte. Glücklicherweise erinnerte sie sich an die Sentenz: dem Redaktör ist nichts zu schwör. Und da der Kampf gegen Sprachsexismus gerade Pause hat, bezog sie das auch auf sich.

Daraus entstand dann der wunderprächtige Titel: «Jugend ohne Corona ist auch ein Alptraum – im neuen Schweizer Teenie-Film».

Im nicht mehr so neuen Teenie-Film, während sich die Jugend heutzutage eher mit dem Problem rumschlägt, wie man dem Alptraum mit Corona entfliehen könnte. Aber vielleicht liegt es daran, dass Meier selbst diese Zielgruppe doch seit Kurzem verlassen hat.

Die NZZ und die letzten Fragen

Wie es sich für das Intellellenblatt für die geistig gehobenen Stände gehört, beantwortet die NZZ problemlos auch die letzten Fragen der Menschheit. Also zumindest in der Welt der Banker.

Denn, Überraschung, auch die UBS hat durch den Bankrott des Archegos-Fonds eine Stange Geld verloren. Aber die NZZ weiss Trost:

«800 Millionen sind nicht 5 Milliarden.»

Da sieht man mal wieder, was ein Black Belt in Accounting wert sein kann: auf diese messerscharfe Analyse kämen wir Banausen niemals. Aber die NZZ kann noch nachlegen: «Sie leichtfertig zu verspielen, ist dennoch nicht ratsam.»

Schade aber auch, nachdem ich gelernt hatte, dass schlappe 800 nicht 5 Mia. sind und gerade damit zum Casino aufbrechen wollte, erklärt mir die NZZ, dass das doch nicht ratsam sei. Gibt es denn sonst noch Fragen, vor denen wir wie der Ochs am Berg stünden, wenn die NZZ nicht Durchblick verschaffen würde?

Jein, muss man hier sagen. Denn schon der Titel dieses Ratgebers verwirrt: «Einmal keinen No Shrimp, bitte!». Leider reist die Autorin hier mit erkenntnistheoretisch eher leichtem Gepäck: «Wenn man ist, was man isst, was ist man dann, wenn man eine Nicht-Garnele isst? Oder ein Nicht-Ei, ein Nicht-Schwein oder ein Nicht-Chicken? Die vegane Küche konfrontiert uns mit verwirrenden Fragen.»

Wirklich? Das tut doch nicht erst die vegane Küche. Die Fragen waren damals auch überhaupt nicht verwirrlich, wenn der DDR-Bürger bei der Nahrungsaufnahme eine Sättigungsbeilage erhielt, zum damit gereichten Formfleisch. Der Name ist immerhin schon schöner als «Klebefleisch». Das bedeutete zum Beispiel, dass das «Jägerschnitzel» so wenig mit einem Jäger wie mit einem Schnitzel zu tun hatte. Es bestand aus zusammengeklebten Fleischstücken, die einfach in die Form eines Schnitzels gebracht worden waren.

Alte Erfahrungen, neu serviert: kalte Küche bei der NZZ

Das galt für viele Leckereien aus dem Nahrungsmittelfundus; auch für Fische, Wild, selbst für Mutters Klopse (Hamburger). Die bestünden ja schon aus gewolftem Fleisch, aber zum Strecken wurden gerne Produkte verwendet, die mit Fleisch eigentlich nichts zu tun hatten. Wenn sie auch farblich anders gestaltet waren, half die Lebensmittelchemie mit ein paar Farbtröpfchen nach. Das galt natürlich auch für die Delikatesse «Broiler» (Brathähnchen).

Steckte er am Drehspiess, konnte man einigermassen auf ein Originalprodukt vertrauen. Kam er aber in Einzelteilen auf den Teller, sah das schon ganz anders aus.

Also hier muss man leider sagen: NZZ, ungenügend. Das muss doch besser gehen. Der alte Scherz mit der Nicht-Existenz und deren existenzialistischen Folgen, da war ja Jean-Paul Sartre schon weiter.

 

«Blick» schickt Klartext durchs Rohr

Die einzige Zeitung der Welt mit einem Regenrohr im Titel verkünstelt sich nicht und überliefert glasklare Antworten. So ballert ein Titel: «Vanessa Mai platzt wegen der Kilo-Frage der Kragen». Weil der dann geplatzt ist, verwendet «Blick» ein Foto der Sängerin ohne Kragen, aber mit Einblick.

Wie äusserte sich denn das Platzen? Ziemlich ruppig:

«Geht Euch einen Scheiss an!»

Klare Frage, klare Antwort, völlig sinnbefreit. So lieben wir den Boulevard. Gibt er noch mehr Antworten? Aber hallo, jeden Menge. «Das sagen die Sterne». Exklusiv: Alpha Centauri plaudert im «Blick» aus dem Nähkästchen. «Die wichtigsten Grundsätze für den Roulette-Erfolg». Endlich, für alle Skeptiker, die immer noch meinen, dass nur die Bank gewinnt. Oh, ich sehe gerade, das ist ja eine «bezahlte Promotion mit jackpots.ch». Da kommt man doch ins Grübeln, wie objektiv diese Ratschläge sind.

Ein letztes Beispiel? Sicher, der «Blick» gibt ja nicht nur geistige Nahrung, er kümmert sich auch um die leibliche. «Das sollten Sie nicht täglich zum Frühstück essen», warnt Sonja Zaleski-Körner. Was denn nicht, und warum? Zum Beispiel «Pancakes mit Ahornsirup». Da werden Millionen von Schweizern aufhorchen, die sich das täglich gönnen. Aber es wird noch schlimmer: «Weissbrot oder Toast sättigen nicht lange und machen schnell dick.» Ob das Vanessa Mai weiss?

Aber wie steht es dann mit dem Inhalt einer brutzelnden Speckpfanne? «Wegen dem Fett und vielen Salz ist dieses Gericht leider nicht gesund.» Fett, was für Fett? Echt jetzt, das sollte man nicht zum Frühstück trinken? Wenn wir den «Blick» nicht hätten, wären viele von uns schon nach dem Z’morge halbtot.

 

Hilfe, mein Papagei onaniert VI

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

 

Über dem Nebelmeer

Wer springt schon in eine Nebeldecke?

Hundert Tage Bewährungsfrist, das ist im schnelllebigen Internet nichts. Eine Woche «neuer Nebelspalter», Gelegenheit für eine erste Zwischenbilanz.

Allerdings der besonderen Art. Wir sind nach wie vor der Auffassung, ein neues Medium muss seinen Inhalt, schliesslich die beste Eigenwerbung und die USP, einen Monat lang gratis anbieten. Solange zahlen wir nicht.

Aber wir können ja da und dort unters Nebelmeer schauen. Was wir dort sehen, hat einen hohen Wiedererkennungswert.

Neu und überraschend ist anders

Dominik Feusi interviewt Beda Stadler. In der Musik würde man das ein Traditional nennen. Eigentlich ist nur die Einstiegsfrage neu, nachdem Stadler selber eine schwere Erkrankung überstand. «Wie geht es Ihnen?», anschliessend fällt das Bezahlbeil.

Allerdings kann man sich die Fortsetzung genau wie bei Claudia WirzChina-Strategie: Luft nach oben»), Martin A. SennDas Rahmenabkommen zeigt Deutschlands Angst vor der direkten Demokratie») oder Milusz Matuschek («Die Freiheit stirbt zentimeterweise») vorstellen.

Satire oder Humor? Da scheint der Online-Nebelspalter der Auffassung zu sein: unfreiwillig ja, freiwillig niemals:

Nach 5 Stunden gemerkt: Korrektur oder Karikatur?

Aber es gibt ja die frei zugänglichen Videos, immerhin. Gioia redet zum zweiten mal «Klartext». Über das rasend originelle Thema: «Verbieten ist für Anfänger». Überzeugen natürlich für Fortgeschrittene. Allerdings wäre sie viel überzeugender, wenn das Video nicht sehr ruckelig geschnitten wäre und sie nicht ständig aufs Manuskript starrte. So anspruchsvoll sind die Sätze auch nicht, die sie abliest.

«Drei mögliche Antwortmöglichkeiten», da wäre trotz schriftlicher Vorbereitung noch Luft nach oben.

Sichtbar ablesen tut Tamara Wernli, in dem Sinn ein Profi, nicht. Sie griff das rasend aktuelle und neue Thema «Multidiskriminierung von Frauen» auf. Sie wehrt sich am Anfang dagegen, dass ihr Show eine Satire sei. Damit hat sie recht, denn der Ratschlag, dass Frauen ja nicht mehr als zwei Minuten in der Küche verbringen sollten, um keinen Rollenklischees zu entsprechen, kann weder als Satire, noch als lustig bezeichnet werden.

Kaminzimmer-Atmosphäre, aber nichts knistert oder knattert

Schliesslich schafft es Reto Brennwald auch in seinem zweiten Herrengespräch, die knisternde Langweile des Nachtbilds einer deutschen TV-Station zu erschaffen, das ein fröhlich flackerndes Kaminfeuer zeigt.

Beim «Nebelspalter» weder knisternd, noch feurig.

Das gelang ihm schon mit Markus Somm, aber das mit Oswald Grübel zu wiederholen, ist schon ein Kunststück. Nachdem Grübel auf die «übliche Einleitungsfrage» von Brennwald, wie es ihm gehe auf einer Skala von eins bis zehn, mit einem fröhlichen «zehn» geantwortet hatte, setzte Brennwald gnadenlos nach: «Warum?»

Das brachte dann selbst einen harten Knochen wie Grübel etwas aus der Fassung. Anschliessend wollte Brennwald Ossi G. offenbar von hinten aufrollen und begann mit dessen Jugenderfahrung im Nachkriegsdeutschland, genauer in der DDR.

Das interessierte nun Grübel nicht wirklich, also leierte er die üblichen Erzählungen herunter, und Brennwald musste sich von einem weiteren Zuschauer verabschieden.

Neu, überraschend, kontradiktorisch, breites Spektrum, viel Recherche, wenig Meinung? Kann alles noch kommen. Aber nach einer Woche sieht es mehr danach aus, dass man sich nicht in einer Bubble, sondern in einer Meinungswolke gemütlich einrichten wolle, wo Selbstbestätigung, Echokammer und «haben wir schon immer gesagt, deshalb sagen wir’s nochmal» herrschen.

Guerilla-Werbung?

«Unsere Protagonisten haben am Erscheinungstag auf jeden Fall für Aufsehen gesorgt», behauptet der neue «Nebelspalter» auf «Facebook». Gefährliche Aussage. Fast 22’000 Abonnenten hat diese Seite, ganze 5 Likes hat diese Super-Werbeaktion generiert. Da schafft es sogar Gioia auf 6. Die «China-Strategie» hat klar Luft nach oben: 1 Like. Alles übrigens völlig kommentarlos.

Bedauerlich, denn immerhin stehen 12 Redaktoren, 16 ständige Mitarbeiter und 5 Mitglieder des Overhead auf der Payroll. Damit wären wir bei 33 Nasen; fehlen noch 17 bis zur «Republik». Inhaltlich gespiegelt sieht’s schon ziemlich ähnlich aus.

Der einzige kleine Lichtblick ist der fleissige Stefan Millius, aber da sind wir mehr Partei als Michèle Binswanger gegenüber Jonas Projer. Millius schreibt ab und an bei ZACKBUM.ch, ich schreibe auf «Die Ostschweiz». Aber immerhin wäre damit Transparenz geschaffen.

Vom Nebelmeer ins Seichte.

«watson» kann’s einfach

Immer, wenn man denkt, der Bodensatz sei erreicht, gräbt «watson» tiefer. «Sex oder Heuschnupfen», fragt das Online Magazin für binäre Denker. Und konfrontiert den nicht vorgewarnten Leser mit Fotos, die an Widerlichkeit kaum zu überbieten sind. Um bei jedem zu fragen: Ist das ein Gesichtsausdruck, der beim Niesen oder beim Sex entsteht? Schön, das niemand meinen beim Betrachten sieht.

Aber immerhin, «watson» hat es mit einem Beitrag geschafft, die Intelligenz seiner Leser zu beleidigen. Nämlich mit Lobhudeleien über «unsere Kultur-und-Glamour- Simone», über «unsere hochgeschätzte Simone Meier». Obwohl für den irgendwas-am-meisten-Kommentar ein Buch als Geschenk ausgelobt wird (oder gerade deswegen), gibt es bei den obersten drei nur Gemecker: «und wieder eine nicht gekennzeichnete Publireportage». – «Müssen wir uns Sorgen machen?» – «Die Eigenwerbung wird auch immer aufdringlicher auf Watson.»

Hätte ich auch nicht besser formulieren können.

Vom Seichten ins Hochkulturelle.

Präventiv gegen Anonymität

CH Media hat einen ganz eigenartigen Fall von anonymer Beschimpfung am Köcheln. In drei Akten.

  1. Akt: Im Zusammenhang mit dem schnellen Abgang des vormaligen Opernhausdirektors im Januar sei eine «Untersuchung wegen sexueller Gewalt gestanden».
  2. Das sei aussergerichtlich und mit Schweigegelöbnis erledigt worden.
  3. Nun soll es ein Schreiben des aktuellen Intendanten des Opernhauses geben, in dem die Mitarbeiter davor gewarnt werden, dass ein anonymer Opernhausangestellter anonymisiert der Sendung «Kulturplatz» ein Interview gegeben habe. Das werde nach Ostern ausgestrahlt und enthalte weitere Vorwürfe über ein Klima der Angst, der Einschüchterung und dass Opernhaus-Angestellte nicht genügend vor Machtmissbrauch geschützt würden.

Nun führt hier die Leitung des Opernhauses sozusagen einen Präventivschlag, immer laut CH Media, und will in einer absolut anonymen Meinungsumfrage testen, wie denn das Betriebsklima wirklich sei. Keine schlechte Idee. Handelt es sich bei dem anonymen Denunzianten wieder einmal um einen Windmacher, könnte ihm so der Wind aus den Segeln genommen werden.

Wenn zwei Frauen in Champagnerlaune geraten

Dann erreicht der Kulturteil von Tamedia einen neuen Tiefpunkt. Denn es handelt sich um die neue Literaturchefin und eine «watson»-Kolumnistin.

 

«Sowas wie das RTL-Dschungelcamp 2021 hast du noch nie gesehen»

«Die dänische Sex-App ist gut gemeinter Schwachsinn»

«Ist Bill Kaulitz dauerspitz? Seine Autobiografie klingt ganz danach …»

«Der aufwühlende Dokfilm «Framing Britney Spears» und der Tod des Models Kasia Lenhardt sind beispielhaft für die Demütigung von Frauen in den Medien.»

Die Kolumne «Glamour, mon amour»: «Die Weihnachtsbeleuchtung hing noch, leuchtete aber schon lange nicht mehr, Regen begann zu fallen, und die erblindeten Leuchtkörper schimmerten von oben herab wie erstarrte Tropfen. Der silberne Schlangenkopf der Medusa, die neben dem Eingang von Versace auf der nassen Mauer prangte, blickte uns so hart ins Gesicht, dass wir fürchteten zu versteinern.»

Früher einmal gab es Literaturkritik

Ich weiss, das war ein Stahlbad für die Leser, aber da muss man durch. Eine kleine Auswahl aus dem aktuellen journalistischen Schaffen von Simone Meier. Um eines Gags willen kennt sie nichts. Wenn sie über Cancel Culture schreibt, dann hält sie es für einen passenden Geschichtsausflug, dass im Dritten Reich «die Juden gecancelt» wurden.

Früher einmal, ist gar noch nicht so lange her, gab es Literaturkritik. Wo ein flamboyanter Marcel Reich-Ranicki mit jeder Buchbesprechung bewies, ob mündlich oder schriftlich, dass Literaturkritiker Beruf und Berufung ist, die unter anderem sehr viel Bildung voraussetzt.

In der Schweiz prägten Hanno Helbling, Werner Weber und bis heute wache Geister wie Manfred Papst in der NZZ die Literaturkritik, bei der der Kritiker dem Schriftsteller mindestens auf Augenhöhe begegnet. Ich kann’s beurteilen, ich habe bei Weber Literaturkritik studiert.

Zwei Frauen zeigen, was sie können

Das schafft Nora Zukker auch. Ob sie über einen Liebesroman von Herzogin Fergie berichtet oder sich mit Simone Meier auf dem Friedhof Sihlfeld mit «einer Flasche Rosé-Champagner» die Kante gibt. Was für ein Einstieg: «Simone Meiers Romane sind Rosé-Champagner: Sie lesen sich leicht, man merkt kaum, wenn man nachschenkt, und zum Schluss ist man verzückt tipsy

Wie lautet schon wieder mein Lieblingstitel im «Blick», viele Jahre her: «Frauen, Alkohol, Wahnsinn». Wie wahr, denn auf 7100 Anschlägen zeigt die neue Literaturchefin von Tamedia, was sie kann. Gleich viel wie Simone Meier. Also eigentlich nichts. Meier versucht nicht ganz erfolglos, sich als eine Mischung zwischen Charlotte Roche (Feuchtgebiete) und Martin Suter (Allmen) zu verkaufen. Also als Gebrauchsliteratin mit noch weniger Tiefgang als Lukas Bärfuss, aber viel mehr Sex in ihren Werken.

In ihren Kolumnen bei CH Media und bei «watson» greift sie gelegentlich so was von daneben, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt. Dass sie vom abgetakelten «Schweizer Journalist» zur Kulturjournalistin des Jahres ernannt wurde, wird es zukünftig jedem Kulturjournalisten schwer machen, diesen Preis anzunehmen.

Mit welchem Alkoholpegel hat Zukker was geschrieben?

Was passiert, wenn Zukker ihr literaturkritisches Besteck auspackt?

«Die Dialoge sind nie meta, sondern nahe an der Alltagsrealität.»

Hä? Hier vermisse ich zum ersten Mal eine Angabe über die Promille, mit denen das geschrieben wurde. Vor den nächsten beiden Flachsätzen muss aber sicherlich ein grosser Schluck aus der Pulle erfolgt sein: «Meier kann Popkultur. Ihre Kritiken sind die wirkliche Unterhaltung. Echte Satire mit beinahe persiflierendem Charakter.» Hä? Was wäre dann unechte Satire, und wo genau liegt der Unterschied zu einer Persiflage? Oder was wäre Satire ohne persiflierenden Charakter?

Kann Zukker noch mehr? Locker: «Ob journalistisch oder literarisch: Ihre Texte sind sinnlich, sehnend und schlau.» Hicks. «Wenn in Meiers neuestem Buch «Reiz» ein Google-Street-View Männchen auftritt oder Herz-Emojis verschickt werden, ist das stilistisch konsequent.» Ich muss nun selber eine Flasche Dom Pérignon öffnen.

Gibt es denn kein Entkommen? Doch, dem Wettergott sei Dank und Preis: «Plötzlich regnet es frontal unter das Vordach.» Hä? Wie das wohl geht? Aber egal, das zwingt die beiden Wortschmiede (Pardon, Wortschmiedinnen) in die Flucht, wofür der Leser ausgesprochen dankbar ist.

Die Tragödie ist nicht, dass Meier sich bei CH Media bejubeln lässt: «Eine Schriftstellerin, die dank ihrer pointierten Formulierungslust sowohl das erschreckend Ruppige wie das Verträumte in Szene setzen kann. Immer im Auge: unsere Gegenwart, die sie in einem Panoptikum spiegelt.» Man kann nur hoffen, dass das weit jenseits von 0,8 Promille geschrieben wurde.

Eigentlich müsste man Schmerzensgeld verlangen

Die Tragödie ist, dass nicht Meier, aber Zukker schmerzlich zeigt, dass auch die Literaturkritik bei Tamedia erschreckend tiefergelegt keinerlei Orientierung dem nach Lektüre suchenden Leser gibt. Wer aufgrund dieser angetüterten Lobeshymne Lebenszeit verschwendet und den Roman wirklich liest, müsste eigentlich bei Tamedia Schmerzensgeld verlangen. Leider: In den USA stünden die Chancen nicht mal schlecht. In der Schweiz wäre das aussichtslos. So wie die Zukunft der Literaturkritik bei Tamedia.

Wer möchte nach Meier den Preis «Kulturjournalist des Jahres» entgegennehmen? Wer möchte sich von Nora Zukker rezensieren lassen? Vielleicht liegt die Rettung darin, dass beide wohl kaum einen Thomas Pynchon, Marcelo Figueras, einen Martin Cruz Smith, einen George Packer, einen Ismael Kadare kennen. Vielleicht haben sie von Hilary Mantel gehört, aber das sind verdammt dicke Wälzer. Alle diese Autoren dürften sowohl einem Schlammbad in Meiers Kolumnen wie auch einem Alkoholbad von Zukker entgehen. Darauf einen kräftigen Schluck Krug Rosé!