Im Herbst fallen die Blätter
Im Elendsjournalismus heisst das: das nächste grosse Rausschmeissen.
Im Kopfblattsalat von der Werdstrasse herrscht das grosse Zittern. Einerseits fuchteln all die Besserwisser und Zurechtweiser weiterhin mit dem Zeigefinger in alle Richtungen.
Erklären der Welt und dem Leser, wie sie zu sein hätten. Schrecken auch vor übelster Demagogie und Fake News nicht zurück. Verspielen so die letzten Reste an Glaubwürdigkeit.
Es gibt ein Datum, auf das alle gebannt starren: der 1. Oktober 2026. Denn dann wird das nächste Fallbeil niedersausen. Denn dann endet die 2024 vereinbarte Beschäftigungsgarantie bei Tamedia.
Einen Vorgeschmack auf das kommende Massaker gab CEO Jessica Peppel-Schulz (oder ihr plappernder Avatar) bereits mit einem Interview im März dieses Jahres. Während ihr Terminator, die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi, sicherlich zur Qualitätssteigerung mal kurz die bewährte Produktionschefin Viviane Joyce feuerte.
Seither ist gegangen, wer konnte. Die Starschreiberin Michèle Binswanger. Bewährte Schreibkräfte wie Edgar Schuler. Auch Flachzangen wie Christian Brönnimann. Der geht ausgerechnet zur Trümmel-Behörde Bundesanwaltschaft. Und noch viele mehr.
Wer nicht kann, hält sich verzweifelt an seinem Schreibtisch im Glashaus fest, wo er unter Umständen arbeiten muss, die den Tierschutz auf die Barrikaden triebe, wenn es sich um Nutztiere handelte.
Noch rund 600 Kostenstellen umfasst das, was einstmals eine stolze Redaktion war. Wo es noch ein Feuilleton gab, während es heute nur noch Nora Zukker gibt. Wo es noch ernstzunehmende politische Analysen gab, wo es heute nur noch einen Adrian Schmid gibt.Wo ein Leitartikel kein Leid auslöste, während es heute nur noch eine Raphaela Birrer gibt.
2024 hatte nach langem Nachdenken Peppel-Schulz den unvermeidlichen Abbau von 90 Vollzeitstellen angekündigt, während sich Bärtschi damit lächerlich machte, das als Beitrag zur Steigerung des Qualitätsjournalismus zu verkaufen. Am Schluss waren es dann lediglich 17. So sorgt man für Stimmung in der Belegschaft.
In diesem Herbst dürften es einige mehr werden. Wie hiess es noch im Juni so schön: «Aktuell sind keine weiteren Massnahmen geplant.» Aktueller wird das dann am 1. Oktober.
Denn bei Tamedia sieht es nach den neusten Halbjahreszahlen noch schütterer aus als bei der TX Group. 8,6 Prozent Umsatzrückgang, minus 27,1 Prozent EBIT, bei Print-Abos und im Einzelverkauf um 10,9 Millionen geschrumpfter Umsatz. Das sei «deutlich höher als erwartet».
Und was kann man von dieser Führungsriege schon erwarten. Die EBIT-Marge beträgt schlappe 2,7 Prozent, das auch wieder von Peppel-Schulz verkündete Ziel von 8 bis 10 Prozent liegt in weiter Ferne, wenn der Umsatz gleichzeitig um 8,6 Prozent fällt.
Also was tun?
Dumme Frage. Dumme Antwort: weiter runterholzen. Weil einem sonst nichts einfällt. Noch mehr KI, noch mehr Übernahme von der «Süddeutschen» aus München, da ist die Schmerzgrenze längst überschritten.
Also weiter im Todesmarsch. Mit dem Irrwitz-Geschäftsmodell, dem Konsumenten immer weniger für immer mehr Geld zu bieten. Begleitet vom untauglichen Versuch, ihn für dumm zu verkaufen, indem man das als angebliche Qualitätssteigerung anpreist.
Mehr bieten, um mehr Einnahmen zu generieren? So ginge es eigentlich im normalen Geschäftsleben zu und her. Aber doch nicht bei TX, doch nicht bei Tamedia.
Da wird viel einfacher gerechnet. Jeder gefeuerte Journalist spart mit allem Drum und Dran 200’000 Franken im Jahr. Sind bei zehn Nasen bereits 2 Millionen. Bei 60, das wären dann zehn Prozent, bereits 12 Millionen.
Von der neuerlichen Qualitätssteigerung ganz zu schweigen. Denn viele würden eine Lücke hinterlassen, die sie vollständig ersetzt.
Allerdings ist es auch eine Negativauslese. Zurück bleiben nur die Schleimer, die Angepassten, die Mietmäuler, die Opportunisten, die es problemlos schaffen, ein freundliches Gesicht aufzusetzen, wenn die Totengräber in der Chefetage vorbeihuschen.
























