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Müngers Wunderwelt

Die gute Nachricht: er lebt. Die schlechte: er schreibt.

Es gibt ganze Horden von wichtigtuerischen Meinungsträgern in den Medien, die die Welt unablässig mit guten Ratschlägen versorgen, was zu tun und was zu lassen sei.

Der Auslandchef einer Auslandberichterstattung von Tamedia, die fast ausschliesslich von München aus erledigt wird, hat lange geschwiegen. Und offenbar tief nachgedacht, um endlich zur ultimativen Lösung des Gemetzels im Gazastreifen zu kommen:

«Israel soll den Sieg verkünden und raus aus Gaza».  Heureka, dass darauf noch niemand gekommen ist. Jetzt weiss das israelische Kriegskabinett endlich, was zu tun ist. Denn, wie Christof Münger auch noch weiss: «Das Kalkül der Hamas ist aufgegangen

Welches Kalkül? Da schwirrt Münger allerdings in eine Parallewelt ab, die nicht von dieser Welt ist: «Die Täter-Opfer-Umkehr ist vollzogen, heute steht Israel am globalen Pranger, nicht die Hamas.» Echt jetzt? Weil einige randalierende Studenten und paar intellektuelle Tiefflieger ihre Kritik auf Israel konzentrieren?

Aber weil Münger wohl reiflich und länglich nachgedacht hat, klappert er nun mit der bereits ausgeleierten Litanei hinterher: «Auch der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag lässt Augenmass vermissen. Wenigstens will der Chefankläger nicht nur den israelischen Premier und seinen Verteidigungsminister wegen mutmasslicher Kriegsverbrechen anklagen, sondern auch drei Hamas-Führer. Die implizierte Tätersymmetrie ist jedoch ein weiterer Affront gegenüber Israel: Benjamin Netanyahu und Yoav Gallant gehören einer demokratisch gewählten Regierung an, ungeachtet aller berechtigten Kritik an ihrem Vorgehen, die übrigens nirgends so laut erhoben wird wie in Israel selbst.»

Wieso die beiden israelischen Politiker die Tatsache, dass sie einer gewählten Regierung angehören, gegenüber dem Vorwurf immun machen soll, dass sie Kriegsverbrechen begangen haben könnten, dieses Geheimnis wird wohl nur in Müngers Parallelwelt aufgelöst.

Nun muss er auch noch den Stolperstein aus dem Weg schaffen, dass andere UNO-Gremien sich ebenfalls gegen Israel wenden:

«Das UNO-Weltgericht gab am Freitag einem Antrag Südafrikas statt, das den «sofortigen» Rückzug der israelischen Truppen aus dem Gazastreifen einschliesslich der Stadt Rafah gefordert hatte. Das Kalkül der Hamas-Terroristen ist somit vollständig aufgegangen. Obwohl sie am 7. Oktober mehr als 1200 Menschen bestialisch ermordeten. Obwohl sie immer noch mehr als 100 israelische Geiseln in ihrer Gewalt haben. Und obwohl der Genozid an Jüdinnen und Juden in der Charta der Hamas festgeschrieben ist

Das war das Kalkül der Hamas bei dem bestialischen Terrorangriff auf Israel? Interessant, wie weit fundamentalistische Fanatiker denken können.

Weiter in einer Parallelwelt:

«Zu diesem Kalkül gehören auch die gemäss Hamas 35’000 getöteten Palästinenserinnen und Palästinenser. Demnach sind Tausende Zivilisten darunter, Frauen, Alte und Kinder. Nichts ist den Hamas-Führern lieber als tote Kinder. Das grosse Leid kümmert sie nicht. Bilder von kleinen Leichensäcken lassen weltweit niemanden unberührt. Wie viele Terroristen unter den Toten sind, ist hingegen kaum ein Thema.»

Es mag durchaus sein, dass den zynischen Hamas-Führern «tote Kinder» als Propagandawaffe zupass kommen. Natürlich kann man ihnen auch eine gewisse Mitschuld zusprechen, da sich die Hamas-Kämpfer in der Zivilbevölkerung des Gazastreifens verstecken. Aber umgebracht werden die Kinder dann doch immer noch von israelischen Soldaten. Also zumindest in unserer Wirklichkeit.

Nach diesen Fantasien gibt Münger nun ungefragt gute Ratschläge. Aber auch sie baut er auf fragwürdigen Voraussetzungen auf: «Die israelischen Streitkräfte haben die Islamisten zwar nicht besiegt, aber zweifelsohne geschwächt.» Geschwächt, das ist so ein Allerweltswort, wenn man nicht eingestehen will, dass das erklärte Kriegsziel – die Vernichtung der Hamas – zwar auch von Irrwischen wie Markus Somm gefordert wird, aber völlig unrealistisch ist.

Also was tun, Netanyahu? Wenn dem Ministerpräsidenten nichts Besseres einfällt, dann halt das: «Der Zeitpunkt scheint gekommen, um den Sieg zu verkünden und sich zurückzuziehen, sobald die Hamas alle Geiseln freigelassen hat.» Absurde Voraussetzung; wieso sollte die Hamas bedingungslos die Geiseln freilassen? Wobei völlig unklar ist, wie viele von ihnen noch am Leben sind. Kürzlich veröffentlichte Videoaufnahmen von Bodycams von Hamaskämpfern lassen da Übles ahnen, wenn sie echt sind.

Gut, aber weiter in der Parallelwelt von Münger. Nach Sieg, Freilassung und Rückzug, wie geht’s dann weiter? Da führe dann «kein Weg an der Idee der Zweistaatenlösung vorbei». Die zwar von Netanyahu strikt abgelehnt wird, aber nur in dieser Welt hier.

Am Schluss schwingt sich Münger noch zu einem getragen staatsmännischen Ton auf: «Ein Miteinander zwischen Israelis und Palästinensern ist undenkbar geworden, ein Nebeneinander muss denkbar werden.» Wunderbare Idee, und wie soll das Nebeneinander im weitgehend zerstörten Gazastreifen, im zerstückelten und von illegalen israelischen Siedlungen zerhackten Westjordanland gehen? Sollen dort im Nebeneinander die Ermordung von Palästinensern durch jüdische Siedler auch weitergehen?

ZACKBUM wünscht Tamedia, dass sein Auslandchef nun wieder in tiefes Schweigen zurückfällt. Und das wie ein Mönch in Nepal unverbrüchlich durchhält. Wäre besser so.