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Wir Rechthaber

Geben wir’s doch zu: es gibt nur eine richtige Meinung.

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Wir leben in polarisierenden Zeiten. Zudem geht es immer ums grosse Ganze oder ums ganze Grosse. Die Pandemie war eine erste grosse Glaubensfrage. Nicht dafür oder dagegen. Aber: Leugner, Versteher, Gegner, Unterstützer?

Es gab und gibt die Fraktion der Staatsgläubigen. Die Unterstützer aller Massnahmen, die von Behörden angeordnet werden. Weil die doch wohl wissen, was für uns alle das Beste ist. Hierbei gibt es die Unterfraktion der fanatischen Gläubigen. Und die Fraktion der sich ständig in Todesgefahr Wähnenden.

Die Fraktion der Corona-Kreischen, die bis heute unermüdlich Marc Brupbacher anführt. Die Fraktion, die sich nicht vor Lächerlichkeit fürchtet. So wie der ehemalige Leiter des Wissensbunds bei Tamedia, der sich durch Kaffeetrinker und Speisenverzehrer im ÖV tödlich bedroht sah.

Und es gibt die Skeptiker, die bis zu Verschwörungstheoretikern reichen, denen die ganze Pandemiebekämpfung als Tarnung des Versuchs erscheint, uns alle einer totalen Kontrolle zu unterwerfen. Uns gezielt mit staatlichen Anordnungen umzubringen.

All diesen Ausformungen der Reaktion auf eine Pandemie ist eines gemeinsam: alle haben so furchtbar Recht. Bedingungslos. Ohne den geringsten Zweifel. Argumentative Auseinandersetzungen finden kaum mehr statt. Stattdessen wird aus dem Schützengraben geballert. Die Gedankengänge sind nicht dafür gemacht, andere zu überzeugen. Sie dienen nur der Selbstüberzeugung, der Selbstbestätigung, der Selbstversicherung. Ob dafür Zahlen herangezogen oder bezweifelt werden: sie sind nur Dekoration einer glasklaren Aussage: ich habe Recht. Unbezweifelbar. Vollständig. Unbeirrbar.

Erschwerend kommt hinzu, dass abweichende Meinungen nicht einfach der Ausdruck davon sind, dass halt alle anderen, die nicht ganz genau meiner Meinung sind, Tropenköpfe sind. Sondern abweichende Meinungen sind gefährlich. Sie gefährden mich. Wer die Pandemie nicht genau so bekämpfen will, wie ich es für richtig halte, ist ein potenzieller Mörder. Verantwortungslos. Fahrlässig. Im schlimmsten Fall gefährdet er den einzigen Menschen, auf den es wirklich ankommt: mich.

Aber all diese autistischen Streitereien waren nur das Vorspiel zum neuen, grossen Streit. Stehen wir vor einem Atomkrieg oder ist es richtig, der Ukraine so viel schwere Waffen zu liefern, wie es die Transportwege hergeben? Sollen die Gelder reicher Russen nicht nur beschlagnahmt, sondern gleich umgenutzt und für den Wiederaufbau der Ukraine verwendet werden? Macht es Sinn, sich in die Motive von Präsident Putin hineinzudenken oder reicht es, ihn als Kriegsverbrecher und gefährlichen Irren zu bezeichnen?

Was auch immer die Meinung des geschätzten Lesers sein mag: er hat damit natürlich völlig Recht. Und der Autor hat Glück, wenn er mit seiner Ansicht der Meinung des Lesers entspricht. Pech hat er hingegen, wenn das nicht der Fall ist. Auch da wird in den Kommentaren selten der Versuch unternommen, argumentativ Gegensteuer zu geben. Viel besser scheint doch eine kräftige Beschimpfung und als tödlichste Waffe die Ankündigung, solchen Unsinn zukünftig nicht mehr lesen zu wollen.

Zu ganz seltenen und kostbaren Sternstunden der Menschheit werden die Momente, wo mal einer zugibt: ich habe doch keine Ahnung. Ich weiss es schlichtweg nicht. Wer einmal davon gekostet hat, stellt verblüfft fest, dass es vielen anderen auch so geht. Nur traut sich keiner, das auch öffentlich zuzugeben.

Das gilt leider und insbesondere für Journalisten. Die haben geradezu zwanghaft eine feste Meinung und eine dahinterstehende Gewissheit zu eigentlich allem. Sie lassen sich auch nur ungern von des Gedanken Blässe ankränkeln. Wenn sie sich berufen fühlen, der Welt mal wieder den Marsch zu blasen, den Regierenden zu sagen, was sie zu tun und zu lassen hätten, daneben noch pandemische Fragen beantworten, militärstrategische Hinweise geben, gültige Worte zur einzig richtigen Ausgestaltung der Neutralität sagen, dann haben sie immer eine klare, wichtige und einzig richtige Meinung.

Die sie mehr oder minder eloquent, mehr oder minder intelligent, mit mehr oder weniger Niveau dem Leser um die Ohren schlagen.

Ohne sich dabei bewusst zu sein, dass sie immer häufiger wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern verbal vortanzen. Dem staunenden Publikum ihre Blösse zeigen, aber meinen, in edelsten Meinungsstoff gehüllt zu sein, mit feinen silbernen und güldenen Linien reiner Genialität durchwoben.

Sie verkennen völlig, dass sie im besten Fall ein Unterhaltungsprogramm abliefern. Der Erkenntnisgewinn nahe null bleibt. Aber der Meinungsfaktor auf volle Dröhnung eingestellt ist.

Ich weiss es nicht, ich bekenne mich zu Wissenslücken, Widersprüchlichkeiten und tastendem Suchen? Niemals, das wäre ja Schwäche. Das wäre ja dumm. Das wäre ja differenziert. Das wäre ja ein Steinbruch, aus dem sich der Leser vielleicht eigene Stücke zurechthauen könnte.

Ist das so? Natürlich ist das so, denn das ist meine Meinung und feste Überzeugung. Deshalb ist das so, ist meine Beschreibung unbezweifelbar richtig und jeder, der dem nicht mit vollem Herzen und aus voller Kehle zustimmt, dem ist ja nicht zu helfen.

Alles fliesst. Nur die Meinung nicht.