Schweizheute. Hä?
Ein neues Newsportal. Schaut jemand hin?
Zur Feier des 1. August (ohne Feuerwerk, schnief) eine erste Analyse des neuen Portals schweizheute.ch. Es wurde vor zwei Monaten von CH Media aus der Taufe gehoben und verzeichnet bereits hohen Zuspruch.

Oder auch nicht. Denn es sind keinerlei Zahlen über Nutzer oder Besucher vorhanden. CH Media, WEMF, Mediapuls, Similarweb, Semrush? Nix, keine Angaben.
Es ist eine typische Schreibtischidee von Managern, denen bis heute zur sinnvollen Nutzung des Internets oder zum Ausschalten des Mittelsmanns bei Inseraten nichts einfällt.
Bündelung der Arbeit von 350 Journalisten aus dem verzweigten Redaktionsnetzwerk der 18 CH-Media-Tageszeitungen. Von der Aargauer Zeitung bis zum Zofinger Tagblatt, von der Appenzeller Zeitung bis Urner und Zuger Zeitung. Alle Inhalte zweitverwertet.
Grosses Gedöns, wie immer: «Zudem investierte CH Media gezielt in die Redaktion. In den vergangenen Monaten wurde die Inlandredaktion neu aufgestellt: Lea Hartmann und Michael Graber übernehmen gemeinsam die Leitung. Anna Wanner und Doris Kleck fokussieren sich auf neue publizistische Aufgaben. Mit Fabian Schäfer von der «NZZ» und Céline Zahno vom «Blick» wurde die Redaktion zusätzlich verstärkt.» Zwei Nasen geholt, Wahnsinn.
Wobei Schäfer grummelnd abging, weil er mit der dann nicht erfolgten Anstellung von Dominik Feusi nicht einverstanden war. Und Zahno ist ein 25-jähriger Jungspund mit einem Jahr Erfahrung beim «Blick».
Es ist zudem nicht so, dass dieser Markt jungfräulich und der Eroberung harrend wäre. Da hätten wir SRF News, Blick, Tamedia, NZZ, «20 Minuten», blue news oder sogar «watson» aus dem gleichen Haus, aber nicht Teilnehmer an schweizheute.
Die Zahl der monatlichen Unique User aller CH-Newsportale zusammen wird nicht veröffentlicht. Es ist nach wie vor ein Dschungel im Online-Angebot.
Was soll nun schweizheute bieten, was ein Besuch der bisherigen Online-Portale von CH Media nicht böte? Es soll sich auf übergeordnete Themen wie Schweizer Politik, Wirtschaft, Ausland, Kultur und Sport konzentrieren, dazu natürlich «Hintergrundberichte und Analysen» sowie «ausgewählte regionale Geschichten».
Ein erster Blick aufs Angebot zeigt: Aufgewärmtes und Rezykliertes ist die Devise. Das ist auch kein Wunder, denn es gibt keine eigenständige Redaktion, sondern nur Abfüllgehilfen, die aus dem vorhandenen Angebot schöpfen. Das bei übergeordneten Themen sowieso schon von einer Zentralredaktion in Aarau stammt, die die gleiche Sauce in alle 18 Blätter giessen, die das dann noch mit ein paar lokalen Themen anreichern.
Auch dieses Angebot dürfte nicht allzu viel begeisterte Nachfrage finden:

Was interessiert den Leser der «Aargauer Zeitung», was die «Thurgauer Zeitung» Regionales bietet? Oder umgekehrt? Ernüchternde Ansage: null, nichts, nada.
Wie unausgegoren die Idee ist, zeigt noch ein weiterer Fakt. CH Media hat sich in den letzten Jahren 11 Radiosender und 7 TV-Stationen zusammengekauft und ist damit nach SRF unbestritten der grösste Anbieter. Statt einfach das Print- oder vorhandene Zeitung-Onlineangebot nochmals auf einer neuen Plattform zu bündeln, wäre es höchstens sinnvoll, das mit den elektronischen Medien zu verschmelzen.
Wie altmodisch das Denken der Manager ist, zeigt sich auch in der Werbestrategie. Traffic is king im Web, und wie schaufelt man Traffic auf eine völlig neue Seite, damit sie möglichst schnell eine kritische Masse erreicht, die sie für Werbung attraktiv macht? CH Media setzt hier auf die bestehenden Leser der Regionaltitel, interne Verlinkungen und als modernstes der Gefühle auf Push-Mitteilungen der App.
Social-Media-Strategie, wo man wenn schon junge Leser abholen könnte? Was ist das, wäre die Antwort der Manager aus dem Wanner-Clan.
Die zentrale Frage bei einem neuen Produkt ist immer: was ist die USP, was macht es einzigartig, was unterscheidet es von der existierenden und etablierten Konkurrenz, was ist sein Mehrwert, was löst «muss haben» aus.
Da lautet bislang die einzige Antwort von schweizheute: neu. Damit sieht man schnell einmal alt aus.
