Judenhass wie eh und je
Replik auf «Ach, Alex», eine Kritik an seinem Artikel in der «Weltwoche».
Von Alex Baur
In der Weltwoche habe ich kürzlich die UNO als antisemitische «Schwatzbude» bezeichnet und die Rede des israelischen Premiers Benjamin Netanyahu daselbst als Glanzstück «in einem Meer von Mittelmass und Heuchelei». Kollege René Zeyer qualifiziert mich deshalb als «geschichtsvergessen» und Netanyahu als «mutmasslichen Kriegsverbrecher».
Stichwort «Schwatzbude»: Weil der prominente Nazi Wilhelm Frick den deutschen Bundestag 1927 als «Schwatzbude» bezeichnete, darf man gemäss Zeyer diesen Begriff nicht mehr verwenden. Dazu kann ich nur sagen: Im Gegensatz zu René Zeyer bin ich kein Deutscher, ich teile diese Hemmungen nicht und nehme mir die Freiheit, die UNO-Vollversammlung, die im Übrigen nicht mit einem demokratisch legitimierten Parlament zu vergleichen ist, als das zu bezeichnen, was sie ist, eine Schwatzbude. Abgesehen davon haben die Nationalsozialisten kein Exklusiv-Recht auf den Begriff. Hitler war ein bekennender Vegetarier, was nicht heisst, dass alle Vegetarier Nazi wären.
Stichwort «Kriegsverbrecher»: Die hanebüchene Propaganda-Mär vom «Genozid» in Gaza, deren Absurdität Netanyahu in seiner Rede meisterhaft entzaubert hat, war das eigentliche Motiv meines Kommentars. Es war die Regierung von Gaza, welche diesen Krieg am 7. Oktober 2023 gegen Israel ohne jeden Anlass und ohne Warnung aus dem Hinterhalt losgetreten hatte; Hamas stellt die Regierung in Gaza seit 2006; Gaza ist ein autonomes Territorium, war nie ein Teil Israels und ist längst judenfrei; Israel hatte diesen Krieg nie gesucht; im Gegensatz zur israelischen Armee schützten die Hamas die eigenen Zivilbevölkerung nicht, sondern benutzen diese vielmehr als menschliches Schutzschild (was tatsächlich ein Kriegsverbrechen darstellt); unter den mutmasslich über 70 000 Kriegsopfern befanden sich neben Hamas-Terroristen zweifellos zahlreiche zivile Opfer; die Verantwortung für diese Opfer tragen ausschliesslich die Hamas, die alles daran setzten, möglichst viele zivile Opfer zu generieren und propagandistisch zu verwerten; die israelische Armee rief die Zivilbevölkerung über alle möglichen Kanäle auf, das Kriegsgebiet zu verlassen, was jedoch von Hamas, die sich vorzugsweise in Spitälern und Schulen verbunkerte, systematisch verhindert wurde; das gleiche gilt für die von Hamas sabotieren humanitären Hilfslieferungen an die Bevölkerung von Gaza. Das ganze Setting ist derart zynisch, dass es schwerfällt, ernsthaft darauf einzugehen.
Ich habe in jungen Jahren eine schöne Zeit in Israel verbracht, das Dilemma um dieses Land ist mir einigermassen geläufig. Traurig, dass Hunderttausende Palästinenser 1948 aus Israel vertrieben wurden, traurig, dass im selben Zeitraum eine halbe Million Juden aus arabischen Ländern vertrieben wurden (die seither weitgehend judenfrei sind), traurig auch die zwölf Millionen Volksdeutschen, die damals aus Osteuropa vertrieben wurden. Spätestens in der zweiten Generation fanden sich die deutschen und jüdischen Vertriebenen mit ihrem Schicksal ab. Wenigen Deutschen würde es heute einfallen, die Rückgabe von Ostpreussen, dem Sudetenland oder Siebenbürgen zu fordern (und wenn sie es tun, dann werden sie geächtet). Die arabischen Nachbarn haben mehrere Angriffskriege gegen Israel lanciert und, wie die Deutschen, alle verloren. Der Unterschied besteht darin, dass die UNO das Rückkehrrecht der Palästinenser faktisch als vererbbar erklärte – ein völkerrechtliches Unikum – und dafür sorgte, dass der Konflikt auf immer und ewig bestehen bleibt.
Die Israel-Debatten, mit denen ich vor 50 Jahren konfrontiert wurde, waren exakt dieselben wie heute. Ich gelangte damals zum Schluss, dass es sich um ein regionales Problem handelt, bei dem allen Beteiligten am meisten gedient wäre, wenn sich Unbeteiligte nicht einmischen. Im gelebten Alltag stellte ich damals fest, dass israelische Juden und Araber verblüffend gut miteinander zu Schlage kommen. Immerhin sind heute 21 Prozent der israelischen Staatsbürger Araber, von denen viele in der Armee dienen, die meisten sind zweisprachig, nehmen an Wahlen teil, in Israel gibt es mehr Moscheen als in den meisten europäischen Ländern. Das Palästina-Problem ist ein Vehikel für Despoten, an denen es in der arabischen Welt nie mangelte. Auch unter den Juden gibt es einige, die den Konflikt bewirtschaften. Ich habe mich deshalb über Jahrzehnte der leidigen Debatte verweigert.
Aus zwei Gründen habe ich diese neutrale Position in jüngerer Zeit aufgegeben. Zum einen ist es der unsägliche weltweite Palästina-Hype. Wenn der historische Nazi-Vergleich schon im Raum hängt, dann würde den Palästinensern die Rolle des deutschen Volkes am ehesten gerecht. Die meisten zivilen Opfer waren unschuldig, wie in jedem Krieg, doch die Palästinenser hatten, wie die Deutschen, die Regierung gewählt, die den Angriffskrieg lancierte. Die Vernichtung des Judenstaates ist das erklärte Ziel von Hamas und Konsorten, den Kindern in Gaza wird von klein auf eingetrichtert, dass nur ein toter Jude ein guter Jude ist. Möglichst viele Palästinenser zu töten war nie das Ziel Israels, weder explizit noch implizit. Wie es den Palästina-Aktivisten gelungen ist, diese Opfer-Täter-Symmetrie mit plumper Propaganda in ihr Gegenteil zu verkehren, ist mir ein Rätsel. Ich kann nur konstatieren, dass es ihnen auf der internationalen Bühne erschreckend gut gelungen ist.
Womit wir beim zweiten Punkt wären. In Europa geben sich die Palästina-Aktivisten noch Mühe, wenigstens rhetorisch zwischen Zionismus und Judentum zu unterscheiden. In Südamerika, wo ich lebe, ist dieser Schleier längst gefallen. Wenn die linken Aktivisten hier von Zionisten reden, dann meinen sie unverblümt den «ewigen Juden», diesen geldgierigen, heimatlosen Wucherer, der über mysteriöse kapitalistische Netzwerke die Welt beherrscht. Von Lula da Silva (Brasilien) über Gustavo Petro (Kolumbien), Luis Arce (Bolivien), Gabriel Boric (Chile) bis Nicolás Maduro (Venezuela) setzten die sozialistischen Staatschefs den Gaza-Krieg unisono mit dem Holocaust gleich; doch wer diesen fürchterlichen Krieg am 7. Oktober 2023 losgetreten hatte, erwähnten sie mit keinem Wort. Perus marxistischer Interims-Präsident José María Valcárcel verstieg sich ungestraft in die These, die Juden hätten schon den zweiten Weltkrieg vom Zaun gerissen. Adolf Hitler sah es nicht anders.
Ich habe mich stets dagegen gesträubt, Israel-Kritik leichtfertig mit Antisemitismus gleichzusetzen. Doch wenn ich mir die zynische Umkehr von Opfer- und Täterrolle nach dem 7. Oktober 2023 vor Augen halte, finde ich beim besten Willen keine andere Erklärung: Es ist der Judenhass von eh und je. In den letzten zehn Jahren erliess die UNO 188 Resolutionen gegen den winzigen Judenstaat, doppelt so viele als gegen den ganzen Rest der grossen weiten Welt (91), wo sich tagtäglich fürchterliche Tragödien zutragen. Rational ist das nicht nachvollziehbar. Mit den Israel-Hassern zu verhandeln ist sinnlos, sie wollen die Vernichtung einer Nation, die es ihrer Meinung nach nicht geben darf. Das ist es, was Benjamin Netanyahu vor der UNO in seiner brillanten Rede zum Ausdruck brachte. Die Vertreter von 77 Nationen verliessen die Schwatzbude demonstrativ, bevor er zu reden begann – und gaben ihm damit auf plastische Weise recht.
