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Arroganter Gebührenfunk

Die «Rundschau» kritisiert gnadenlos. Nur nicht sich selbst.

Offensichtlich knistert es im kleinen, glücklichen Team der «Rundschau». Francesco Benini von CH Media wurde ein internes Papier zugespielt, in dem 8 der 17 Mitarbeiter sich unter dem Titel «Plattform zur Verbesserung des Klimas im Ponyhof» echauffierten.

In einem halben Jahr sei knapp ein Viertel der Belegschaft abgesprungen. Schlimmer noch:

«In den vergangenen zwei Jahren erlitten zwei Mitarbeiter des SRF-Magazins ein Burn-out. Ein dritter stand kurz vor einer Erschöpfungsdepression. Ein vierter erlitt bei Dreharbeiten im Winter schwere Erfrierungen an einer Hand und musste sich in Spitalpflege begeben

Der Chef Mario Poletti antworte auf Beschwerden jeweils, dass die «Rundschau» kein Ponyhof sei. Auf diesem Ponyhof herrsche aber ein ruppiger Ton, geringe Wertschätzung, jeder sei selber dafür verantwortlich, dass er nicht krank werde, abgefrorene Finger seien «bonusrelevant», «Feuerwehreinsätze», am schlimmsten aber: der Chef verlange Thesenjournalismus.

Poletti stelle eine These auf – und dann versuchten die Reporter, die Annahme «auf irgendeine erdenkliche Weise zu bestätigen, obwohl die Realität etwas anderes zeigt». Das sei «sehr bedenklich.»» Es gebe «vorgefertigte Ideen und Vorstellungen von Protagonisten, Szenen und Schauplätzen».

Noch schlimmer: «Die «Rundschau»-Mitarbeiter fragen sich, «wieso Chefredaktor Tristan Brenn und SRF-Direktorin Nathalie Wappler untätig bleiben.» Das alles stand in diesem Papier.

Blieben sie offenbar nicht. Denn die «Rundschau» veröffentlichte eine «Stellungnahme zur Berichterstattung bei CH Media».  Hoppla. Der Lead: «Der weitaus grösste Teil der 16 Reporter:innen, die für das Politmagazin tätig sind, hat im Nachgang zum Artikel die nachfolgende Stellungnahme verfasst. Darin distanzieren sie sich von der Berichterstattung und stellen sich hinter Redaktionsleiter Mario Poletti.»

Unterzeichnet ist das Teil von zwei Redaktoren, «im Namen der «Rundschau»-Redaktion». Das ist interessant, weil nirgends ausgewiesen wird, wie gross denn der «weitaus grösste Teil» ist.

Und der Inhalt? «Einige Passagen sind nicht korrekt, andere aus dem Zusammenhang gerissen.» Das ist der Stehsatz jeder Erwiderung auf eine kritische Berichterstattung, das würde von der «Rundschau» in der Luft zerrissen – ginge es nicht um sie selbst. Dann folgt der Schuss in den eigenen Fuss: «Das zitierte Papier war eine Diskussionsgrundlage für eine Retraite, die vor einem Jahr stattgefunden hat.» Also existiert es und die zitierten Äusserungen sind korrekt wiedergegeben.

Dann folgt die Nebelgranate eins: «Wir erleben Redaktionsleiter Mario Poletti als engagierten Chef, der mit Herzblut im Journalismus tätig ist.»  Das Gegenteil wurde nicht behauptet.

Nebelgranate zwei: «Einige der genannten Inhalte sind falsch. Dies hat sich in Gesprächen, die auf dieses interne Schreiben folgten, herausgestellt. Andere sind Momentaufnahmen und Aussagen einzelner Journalist:innen.» Welche Inhalte sind denn falsch? Und welche «Momentaufnahmen» ansonsten zurechnungsfähiger Journalisten?

Dann folgt Nebelgranate drei, die allerdings auch eine gehörige Portion Lachgas verströmt. Die Arbeitslast sei tatsächlich hoch. «Dies ist allerdings nicht der Redaktionsleitung geschuldet, sondern eine Folge des zunehmenden Drucks, den alle Medienhäuser der Schweiz erleben.» Beim gebührenfinanzierte Staatssender SRF, bei dem jede Menge Sesselfurzer beschäftigt sind, der sich keinesfalls dem gleichen Druck wie private Medienhäuser ausgesetzt sieht, herrsche deswegen «unbestritten hohe Arbeitslast»?

Und natürlich wehre man sich gegen «den beschriebenen Thesen-Journalismus». Indem man einfach behauptet: «Es ist nicht korrekt, dass die Redaktionsleitung dies fördert oder gar verlangt.» Nicht korrekt? Merkwürdige Formulierung.

Aber am allerschlimmsten ist: würde auf einen kritischen Beitrag der «Rundschau» so ein windelweiches Dementi erfolgen, die Redakteure würden sich – trotz hoher Arbeitslast – einen Spass daraus machen, das in der Luft zu zerreissen. Nicht ohne hämisches Mitleid zu verströmen, dass hier Lohnabhängige sich für ihren Chef in die Bresche werfen müssen. Wobei offensichtlich nicht einmal alle «Rundschau»-Redakteure an Bord geholt werden konnten. Trotzdem wird «im Namen der Redaktion» geantwortet.

Das Problem ist: wenn diese Redaktion dermassen unprofessionell, ausweichend und windelweich auf eine dokumentierte Kritik antwortet, was ist dann von ihren Recherchierkünsten bei ihren Beiträgen zu halten?

Benini weist zu recht auf den jüngsten Fall hin, wo die «Rundschau» eine wüste Gewaltanwendung gegen eine Frau dokumentierte, die auf Video festgehalten worden war und vor über zwei Jahren stattfand. Die kleine «Schaffhauser AZ» recherchierte dann nach und stiess auf eine ganze Reihe von Ungereimtheiten in diesem Beitrag.

Benini bilanziert: «Der Text der Wochenzeitung lässt den Schluss zu, dass die «Rundschau» in ihrem Beitrag relevante Fakten unterschlug, falsche Fährten legte und Vorwürfe präsentierte, die keiner Prüfung standhalten.» Auch auf diese Kritik reagierte die «Rundschau» ungnädig und dünnhäutig.

Eine Nabelschau bei der «Rundschau», ein kritisches Hinterfragen der eigenen Kritikfähigkeit, das wäre dringend nötig. Wird aber nicht stattfinden.

Was ist genau passiert?

Wie der Mainstream-Journalismus am Handwerk scheitert.

Die «Rundschau» zeigte schockierende Videoaufnahmen, wie eine Frau brutal verprügelt wird. Sie stellt den Zusammenhang her, dass diese Frau in die Wohnung eines stadtbekannten Schaffhauser Anwalts gelockt worden sei, um sie dort davon abzubringen, einen Kumpel des Anwalts wegen angeblicher Vergewaltigung weiter zu verfolgen. Sagt die Frau.

Die Aufnahmen stammen von den Überwachungskameras des Anwalts, der sie in seiner eigenen Wohnung installierte, weil er verhindern wollte, dass bei seinen häufigen Partys geklaut werde, wie er behauptet. Die Tat fand am 21. Dezember 2021 statt, also vor über zweieinhalb Jahren.

Wie sie in die Hände der «Rundschau» gerieten, ist unbekannt.

Die Frau sagt im Beitrag der «Rundschau», dieser Kollege des Anwalts habe sie zwölf Tage zuvor vergewaltigt, im Bericht wird insinuiert, dass es bei einer siebenminütigen Abwesenheit der Frau in einem Nebenzimmer, in dem es offenbar keine Videokamera gibt, nochmals zu einer Vergewaltigung gekommen sein könnte.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt, habe aber auch zweieinhalb Jahre nach den Vorfällen noch keine Anklage erhoben.

Soweit, so unappetitlich und übel. Das führte zu grosser Resonanz, in Schaffhausen demonstrierten gegen 500 Personen, eine Petition mit bislang 9000 Unterschriften fordert einen unabhängige Untersuchung der Vorkommnisse.

Auch in den Medien gab es grosses Hallo, einfach in Form einer Nacherzählung des «Rundschau»-Berichts. Die kleine Schaffhauser AZ machte dann ihre Hausaufgaben:

«Wir haben diverse Gespräche geführt und als erstes und bisher einziges Medium auch mit mehreren der mutmasslichen Täter gesprochen (die Rundschau hat sie – abgesehen vom Anwalt – nicht kontaktiert). Wir haben versucht, mit dem Opfer Fabienne W. und mit der Opfer­anwältin zu sprechen, diese wollen sich aber nicht mehr zum Fall äussern, weil in der Rundschau bereits alles für Fabienne W. Relevante gesagt worden sei. Schliesslich haben wir uns Zugang zu den polizeilichen Ermittlungsakten verschafft – darunter Tatbestandsrapporte, Einvernahmeprotokolle aller Beteiligten zu verschiedenen Zeitpunkten und medizinische Untersuchungsberichte. Zudem haben wir ungeschnittene Videoaufnahmen aus dem Wohnzimmer des Anwalts einsehen können, die lückenlos die Gewalttat und einen Zeitraum von über zwei Stunden vor der ersten Gewalthandlung zeigen

Daraus folgert die AZ:

«Das Gesamtbild, das durch die verschiedenen Beweismittel entsteht, lässt die brutale Prügelorgie in einem anderen Licht erscheinen: nicht als Resultat eines kühl geplanten Hinterhalts – sondern als albtraumhaften Höhepunkt eines Rauschabends, der plötzlich völlig ausser Kontrolle geriet.»

Es lohnt sich, die minutiöse Aufarbeitung in der kleinen AZ nachzulesen, für die alle grossen Medienkonzerne zu faul waren. Das macht das Vorgehen, das auf den Videos festgehalten ist, keinen Deut besser und will es auch in keiner Art und Weise entschuldigen, nebenbei.

Es lohnt sich auch, den «Rundschau»-Bericht anzuschauen, der der Auslöser für diese Affäre ist. Hier muss man dem Strafverteidiger Konrad Jeker zustimmen, der das Vorgehen der Schaffhauser Polizei scharf kritisiert und bezüglich der Sicherstellung von Beweismaterial eine «mehrfache Befehlsverweigerung» moniert, zudem sei das ganze Verhalten «unprofessionell» gewesen. Was man allerdings auch über die tendenziöse Darstellung der «Rundschau» sagen muss.

Bei den dokumentierten Handlungen handelt es sich einwandfrei um Straftaten. Dennoch ist es bei Straftaten – nicht zuletzt für die Strafzumessung – erheblich, den gesamten Ablauf zu rekonstruieren: Das ist selten so problemlos möglich gewesen wie hier, wo das meiste auf Video festgehalten ist.

Wieso die Schaffhauser Staatsanwaltschaft die Strafuntersuchung wegen der laut Aussagen des Opfers die ganzen Vorfälle auslösenden ersten Vergewaltigung einstellte, wogegen das Opfer Widerspruch einlegte, wird nicht erklärt. Der mutmassliche Vergewaltiger behauptet, es sei einvernehmlicher Sex gewesen.

Die ganze Affäre ist Abscheu erregend, ohne Zweifel. Dass aber eine kleine lokale Zeitung die Arbeit macht, die weder die «Rundschau», noch die grossen Medienkonzerne machten, ist einerseits befremdlich, andererseits bezeichnend für den aktuellen Zustand der Schweizer Medien.

Nicht alle Leser der AZ haben diese handwerklich einwandfreie Arbeit der Redaktion goutiert; sie stellt dem Artikel eine Einleitung voraus: «Dieser Bericht zu den brutalen Gewalttaten in der Schaffhauser Anwaltswohnung hat sehr viel Unverständnis, Wut und Kritik ausgelöst. Wir hören diese Kritik und werden sie als Redaktion intensiv diskutieren, unser Vorgehen bei der Berichterstattung analysieren und nächste Woche in der AZ die Schlüsse, die wir daraus ziehen, mit Ihnen teilen.»

Dann fühlt man sich bemüssigt, eine Selbstverständlichkeit zu unterstreichen: «Vorab möchten wir betonen, dass wir – die Redaktion und all ihre Mitglieder – Gewalt und Unterdrückung verurteilen und keine Rechtfertigung für sie tolerieren.»

Im aktuell aufgeheizten Klima sind offenbar einige Leser nicht in der Lage, eine Aufarbeitung der Ereignisse zu lesen, ohne der Redaktion zu unterstellen, sie nehme Partei gegen das Opfer und für die Täter. Was absurd ist. Wenn das die Reaktion auf solides Handwerk ist, dann feiert Blasen- und Gesinnungsjournalismus Urständ, gute Nacht Recherchierjournalismus.