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Schlagwortarchiv für: Sandro Benini

René Zeyer

Volle Dröhnung

12. September 2026/7 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Gequatsche von Meinungspluralismus bei Tamedia. Reine Fake News.

Schöne Worte: «Unsere Leserinnen und Leser erleben jeden Tag Vielstimmigkeit», behauptet CEO Jessica Peppel-Schulz (oder ihr plappernder Avatar). «Vielstimmig statt eintönig», so die knackige Kampagne, dazu der «Forumscharakter».

Hohles Geschwurbel, das nichts mit der elenden Realität zu tun hat.

Obwohl alle Meinungsumfragen besagen, dass die Neutralität-Initiative abgelehnt wird, schiessen die angeblichen Qualitätsorgane, der Kopfblattsalat aus dem Glashaus an der Werdstrasse, aus allen Rohren dagegen.

Kaum hat sich Roger de Weck ausgeschwurbelt, der nicht mal den Unterschied zwischen Bismarck und Hitler kennt, sind schon die nächsten dran. Konzern-Journalist Andreas Tobler, eine Schande für seinen Beruf, und schon wieder Haudegen Sandro Benini interviewen den Historiker Thomas Maissen, über dessen unwissenschaftliche Parteilichkeit kein Zweifel bestehen kann.

Das macht schon der Titel-Quote klar: «Christoph Blocher ist ein Überzeugungstäter». Abgesehen davon, dass das auch auf Maissen zutrifft: na und? Was soll diese demagogische Null-Aussage? Wäre es besser, wenn Blocher seinen Überzeugungen nicht nachleben würde? Was ist das für ein jämmerliches argumentatives Niveau.

So geht’s dann ungebremst weiter:

«Es ist sicher nicht nur eine Pro-Putin-Initiative, aber an dem Vorwurf ist dennoch etwas dran … Das Plakat und die Argumentation finde ich verlogen … Wenn die Initiative abgelehnt wird, bleibt die Schweiz so, wie sie ist, also neutral.»

Um zu illustrieren, was er an Neutralität problematisch empfindet, greift er zu einer verstiegenen Analogie, was man tun sollte, wenn ein Rowdy in einem Tram eine Frau mit Kinderwagen zu vergewaltigen versucht. Was für ein erbärmliches Niveau einer Denunziation.

Schon zuvor hatte Chefredaktorin Raphaela Birrer in einem ihrer gefürchteten Editorials mit kläglichen Argumenten Gegnern der Initiative Anlass geboten, an deren Position zu zweifeln: «Blochers Taube bringt keinen Frieden».

Dazu erklären die beiden merkwürdigen Gestalten Krogerus und Tschäppeler, «warum man Fake News mit Richtigstellungen nicht ungeschehen machen kann», meinen damit aber leider nicht ihr eigenes Organ. Die ungeliebte italienische Ministerpräsidentin kriegt auch ihr Fett ab: «Giorgia Meloni hat Grund zum Feiern, ihr Land jedoch nicht». Eine von der SZ-Redaktorin Elisa Britzelmeier geliehene Meinung.

Im Vorbeilaufen bekommt auch ein Abweichler von der richtigen Linie eine reingewürgt: «Umtriebiger Zürcher Ex-Politiker: Daniel Jositsch auf allen (rechten) Kanälen». Das darf der (linke) Kanalarbeiter und Chefredaktor der Brachial-Postille «Tsüri» Simon Jacoby kommentieren: «Daniel Jositsch sei «rechts abgebogen» und bezirze rechte Wählerinnen und Wähler». Eine wahrlich tiefgründelnde Analyse aus der Ecke übelsten Gesinnungsjournalismus.

Was noch im ausgewogenen Forumsjournalismus? «Das Völkerkundemuseum will sich umbenennen». Ja was ist denn an diesem Begriff nicht gut? «Auch der Begriff «Völkerkunde» sei in mehrfacher Hinsicht fragwürdig, sagt Alice Hertzog, Direktorin des Museums, das zur Universität Zürich gehört.» Statt sich über diese absurde Behauptung lustig zu machen, zitiert sie Gregor Schenker ehrfürchtig. Noch ein Gesinnungstäter.

Schliesslich geht es nicht nur der Schweiz, sondern erst recht der Welt ganz schlecht. Insbesondere dem Wald: «Luciana Gatti weint um den Regenwald». Das wird ihm aber schwer helfen. Obwohl: «Der Amazonas stirbt». Wenn der das bloss wüsste.

Das ist eine Blütenlese von einem einzigen Tag Tagi online.

Wer da noch ernsthaft behaupten kann, hier herrsche Vielstimmigkeit und Meinungspluralismus, der macht sich sogar noch mehr lächerlich als die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi, die Rausschmeissen als Beitrag zur Qualitätssteigerung umfaselt.

Die vielen weiteren Gesinnungstäter wollen wir hier gar nicht erwähnen, es nähme kein Ende.

Wundert sich noch jemand, dass diesen Blättern die Leser in Scharen davonlaufen?

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/09/Bildschirmfoto-2026-09-05-um-08.39.55.png 452 1226 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-09-12 05:00:512026-09-10 17:52:19Volle Dröhnung
René Zeyer

Elends-Interview

5. September 2026/11 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Was wollte Roger de Weck zwecks Werbung für sein neustes Buch schon immer mal sagen?

Früher, ja früher war das Interview eine Königsdisziplin des Journalismus. Gut vorbereitete Interviewer benützten die Gelegenheit, im offenen Austausch von Argumenten einer Person des öffentlichen Interesses auf den Zahn zu fühlen. Das war unterhaltsam, erkenntnisreich und eine Probe für die Schlagfertigkeit des Interviewten.

Unsterblich Antworten wie die des deutschen Elder Statesman Helmut Schmidt: «Das ist eine ganz falsche Frage.»

Aber in der allgemeinen Degeneration eines einstmals angesehenen Berufs sind Interviews heutzutage Abfrageveranstaltungen, bei denen der Interviewte auch mal ungestraft frech werden darf. Ein weiteres, unappetitliches Exemplar ist das Gespräch in der Gesinnungsblase der beiden Tamedia-Journalisten Sandro Benini und Sofiya Miroshnyk (ZACKBUM übernimmt die misogyne Reihenfolge vom Tagi) mit dem «Ex-SRG-Chef» Roger de Weck.

Statt ihn so zu betiteln, wäre schon mal eine einleitende Frage gewesen, wieso er eigentlich als designierter VR-Präsident der «Republik» Fersengeld gab, bevor er sein Amt angetreten hatte. Aber stattdessen ein lohudelnder Einstieg. Er lege «mit «Glanz und Elend der Konservativen» ein viel beachtetes Buch vor».
Schon den Titel hat er (schlecht) von Balzac geklaut.

Schon der erste Ausflug des Hobbyhistorikers de Weck in die Geschichte hätte kräftiges Kontra verdient. Anlässlich der Wahlen in Sachsen-Anhalt zeige sich eine «wachsenden Minderheit, die sich in preussischer Tradition nach Osten orientiert: nach Russland. Von Bismarck bis Hitler war Deutschland nirgends eingebunden, mit verheerenden Folgen. Es war das epochale Verdienst des konservativen Kanzlers Konrad Adenauer, die junge Bundesrepublik im Westen zu verankern».

Wo soll man anfangen? Dieses angeblich epochale Verdienst war von Anfang an hoch umstritten, weil es die deutsche Teilung zementierte und nahtlos zur Wiederbewaffnung der BRD führte, trotz aller Schwüre, dass es niemals mehr eine Wehrmacht geben solle.  Und es gibt eine historische Konstante in der europäischen Geschichte: wenn Preussen (oder andere Ausformungen Deutschlands) mit Russland in Frieden lebte, gab es keinen Krieg.

Daher bemühte sich Bismarck mit Dreikaiserabkommen und dem Rückversicherungsvertrag von 1887 um ein Bündnis mit Russland. Aber he, wer von den Drei hat schon eine Ahnung von Geschichte.

Statt ihm so auf den Zahn zu fühlen, darf de Weck ungehemmt weiter perseverieren: Sollte Deutschland  «eines Tages dazu neigen, sich Russland anzubiedern und den Westen gegen den Osten auszuspielen – dann wären neue Katastrophen unausweichlich». Wann hat es sich jemals angebiedert, und welche alte Katastrophen sind dadurch entstanden?

Stattdessen weiter im gemeinsamen Gesinnungsgalopp: «Die AfD ist eine Putin-Partei.» Ob Putin das weiss, was de Weck kühn und belegfrei behauptet? Oder doch ein Argument, oder gar zwei? «Sie will sämtliche Wirtschaftssanktionen gegen Russland streichen und in Sachsen-Anhalt den Russischunterricht fördern.»

Das ist höchstens im Streubereich der Wahrheit. Die lokale AfD fordert die Aufhebung der Sanktionen, wohlwissend, dass das eine Entscheidung auf Bundesebene wäre. Und in diesem Bundesland wird Russisch schon immer als Fremdsprache ganz normal unterrichtet.

Dann äussert sich de Weck mehr als merkwürdig zum Versuch, die AfD auszugrenzen: «Kein einziger Kritiker der Brandmauer hat bisher plausibel dargelegt, wie deren Beseitigung die AfD schwächen könnte. Hingegen würde die CDU implodieren, sobald sie die Brandmauer schleifen würde.»

Eine plausible Begründung wäre, dass ihre Regierungsbeteiligung aufzeigen könnte, dass auch die AfD nur mit Wasser kocht und ihre vollmundigen Versprechen nicht einlösen könnte. Und ob die CDU implodierte, was für haltloses Geschwätz.

Aber es wird noch schlimmer:

«Lassen sich die Christdemokraten auf die AfD ein, in der ein Björn Höcke bewaffnete Neonazis als Mitglieder begrüsst, begehen sie politischen Selbstmord.»

Würde jemand, der nicht ins ideologische Raster der hier Sprechenden passt, solche demagogische Überspitzungen, typische Fake News von sich geben, starker Gegenwind wäre ihm gewiss. Denn das hat Höcke einwandfrei nicht getan.

Korrekt wäre: er setzt sich für die Wiederaufnahme beziehungsweise Wiederherstellung der Mitgliedsrechte konkreter AfD-Mitglieder ein, denen die Bundesanwaltschaft die Mitgliedschaft in einer bewaffneten neonazistischen Terrorgruppe vorwirft. Solange das Strafverfahren nicht rechtskräftig abgeschlossen ist, sollte man ausserdem zwischen dem Vorwurf der Bundesanwaltschaft und erwiesenen Tatsachen unterscheiden.

Mit solchen Dreckeleien gegen politische Gegner disqualifiziert sich de Weck als ernstzunehmender Publizist. Jedenfalls ausserhalb des kleinen Tamedia-Universums.

Aber als Sahnehäubchen wird er sogar noch frech. Denn die Interviewer trauen sich eine einzige etwas kritische Feststellung: «Ein Intellektueller mit Ihrem sozioökonomischen Status ist mit den Aspekten der Realität, welche viele AfD-Wählerinnen und -Wähler umtreiben, kaum jemals konfrontiert.»

Da gibt’s aber einen zurück: «Sie glauben keine Sekunde lang an die Frage, die Sie gestellt haben.» Matte Gegenwehr: «Doch, natürlich.»

Dann halt eins über die Rübe: «Ich verweigere mich dieser Frage und der identitätspolitischen Logik, der Mensch sei dermassen von seiner Herkunft geprägt, dass er Erfahrungen und Denkweise anderer Milieus nicht erschliessen könne. Das ist populistisches Anti-Elite-Denken.»

Statt de Weck darauf aufmerksam zu machen, dass er sich mit solchem Schwulst-Schwurbel selbst entlarvt, wird das gesenkten Haupts hingenommen.

Dabei ist es eines von vielen Problemen de Wecks, dass er als wohlhabender Bonvivant keine Ahnung hat, was ein Prekariatsmitglied in Deutschland umtreibt.

Dann noch seine abschliessende Frechheit: «Bei der Kernkraft oder der Halbierungsinitiative versucht er (Bundesrat Albert Rösti, Red.), sich über Volksentscheide hinwegzusetzen. Die SVP hat sich trotz Regierungsverantwortung nicht etwa gemässigt, sondern radikalisiert – ähnlich wie die US-Republikaner.»

Man kann’s natürlich auch positiv sehen: dank dieses Interviews ist man sicher, dass man dieses Buch bestimmt nicht lesen muss.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/09/Bildschirmfoto-2026-09-04-um-15.13.44.png 460 1040 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-09-05 05:00:072026-09-04 16:26:25Elends-Interview
René Zeyer

Der Nachruf als Nabelschau

15. April 2025/3 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas LLosa ist gestorben.

Der Schriftsteller war auch politischer Aktivist, und das nicht immer glücklich. Aber er hat eine Kathedrale von Werk hinterlassen und tiefe Spuren in der lateinamerikanischen, ja in der Weltliteratur.

Von «Die Stadt und die Hunde» über «Das grüne Haus» (von einigen als wichtigster lateinamerikanischer Roman des 20. Jahrhunderts gelobt) oder «Das Fest des Ziegenbocks», immer fand er einen eigenen Weg neben Grössen wie Alejo Carpentier, Gabriel García Márquez, Julio Cortázar, Jorge Borges und so vielen anderen, die ab den 60er-Jahren auch im deutschen Sprachraum reüssierten.

Weil sie eine ganz neue Intensität, magischen Realismus, dazu die perfekte Beherrschung des Handwerks mitbrachten. Dabei Themen aus diesem geschundenen Kontinent bearbeiteten, neben denen viele europäische oder deutsche Werke blutleer wirkten.

Hugo Loetscher hatte ein grosses Verdienst dabei, vielen (auch mir) diese lateinamerikanische Literatur näherzubringen, eine echte Horizonterweiterung.

Nun ist Llosa mit 89 Jahren gestorben, und in seinen letzten Lebensjahren hat er nichts mehr publiziert, was an das Niveau seiner früheren Romane heranreichte. Aber als unermüdlicher Essayist und wortgewaltiger Kommentator politischer Ereignisse war er immer ein unterhaltsamer, kritischer, kantiger Geist.

Ein solches Monument von Hochliteratur zu würdigen, einen so vielschichtigen Menschen in all seinen labyrinthischen Irrwegen und in all seinen luziden Erkenntnissen, das ist nicht einfach.

Ganz einfach macht es sich mal wieder Tamedia. Deren ehemaliger Lateinamerika-Korrespondent Sandro Benini greift tief in sein Archiv und erinnert sich an zwei Interviews, die er 2004 und 2020 mit Llosa führte. Nicht ohne aus der Kammerdienerperspektive den grossbürgerlichgen Aufritt Llosas zu beschreiben, sein luxuriöses Ambiente mit livriertem Butler.

Da sich Llosa nicht mehr wehren kann, drischt Benini ungeniert auf ihn ein:

«Während des (zweiten, R.Z.) Interviews benutzte Vargas Llosa oft wortwörtlich identische Formulierungen und sogar ganze Sätze wie 16 Jahre zuvor. (Ich hatte Teile des damaligen Gesprächs als Vorbereitung nochmals abgehört). Offensichtlich griff er beim Reden auf – freundlich formuliert – sehr konsolidierte Versatzstücke zurück.
Vor allem aber war er auch argumentativ in den 1990er-Jahren stehen geblieben: Dieselbe ungeteilte Begeisterung für die Globalisierung, derselbe Fortschrittsoptimismus, derselbe Glaube, dass die freie Marktwirtschaft unweigerlich auch zu gesellschaftlicher Liberalisierung und politischer Demokratisierung führen müsse.»

Um als Schlusspointe zum tödlichen Streich anzusetzen:

«Mario Vargas Llosa war ein distinguierter Mann und ein grosser Schriftsteller. Aber ein drittes Mal hätte ich ihn nicht interviewen wollen.»

Wahrscheinlich hätte ein drittes Interview auch niemand mehr lesen wollen.

Nun ist es den Bauchnabelbetrachtern des modernen Elendsjournalismus unbenommen, auch den Tod eines grossen Schriftstellers an ihren eigenen, mediokren Erlebnissen mit ihm zu spiegeln. Offensichtlich war Llosa durch die Fragen nicht sonderlich animiert, sondern spulte sein Tonband für «muss halt PR für mein Werk machen, auch wenn’s weh tut und langweilt» runter.

Hätte Benini nicht den grössten Teil seiner 6000 A Nachruf auf die Beschreibung von Nebensächlichkeiten verwendet (was die Anekdote, dass Márquez 10’000 Dollar für eine Stunde Interview wollte, hier zu suchen hat?), hätte man vielleicht etwas mehr über die Ansichten von Llosa erfahren.

Aber schon im Titelzitat schimmert die Egoshooter-Perspektive des Autors durch. Dass Llosa mit «zornigem Lachen» Unsinn gerufen habe, hält Benini für berichtenswert. Ob der Schriftsteller vielleicht auch noch das eine oder andere Argument hatte, um diesen Ausruf zu untermauern – das liegt bereits ausserhalb der Egoblase von Benini.

Gut, dass Llosa dieses Stück Schmierenjournalismus nicht mehr erleben musste.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/04/Bildschirmfoto-2025-04-14-um-17.02.39.png 628 1924 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-04-15 05:00:382025-04-14 17:22:54Der Nachruf als Nabelschau
René Zeyer

Im Ernst jetzt?

17. November 2024/3 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Der Leser braucht psychologische Beratung, um mit Trump fertigzuwerden.

Es gibt Journalisten, die sehen Dunkelheit, die Rückkehr der Macht der alten Männer, den Faschismus, gar das Ende der Welt (wie wir sie kennen). Sie haben rabenschwarze Visionen, für sie gilt der gute Satz vom Elder Statesman Helmut Schmidt: Wer in der Politik Visionen hat, sollte zum Arzt.

Aber sie können sich immerhin auf Kosten ihrer Leser ausagieren, schreiben als Therapie. Schrecklich, und dafür gibt es nicht mal Schmerzensgeld, wenn man diesen Schrott lesen muss.

Diese Doomsday-Propheten denken dann doch auch an ihre Leser und nehmen an, dass die genauso «schockiert, verzweifelt, ratlos» sind wie sie selbst. Ein typischer Fall von Übertragung. Also bieten sie aller Orten Psychologen auf, die wohlmeinende Ratschläge geben. Das ist eigentlich schon überall passiert, vom «Spiegel» aufwärts und abwärts.

Mit der gehörigen verschnarchten Verspätung klappert nun auch noch Tamedia hinterher: «Die Psychologin Sabina Pedroli erläutert, was Menschen mit krankhafter Angst umtreibt. Und ob die Wahl Donald Trumps eine Depression auslösen kann.»

Therapie-Spezialist Sandro Benini stellt stellvertretend für den angegangenen Leser einfühlsame Fragen: «Frau Pedroli, könnte der Sieg Donald Trumps jemanden im klinischen Sinn in eine Depression stürzen?» Bevor der ZACKBUM-Leser an den Fingernägeln knabbert oder eine Sonderration von Aufhellern einwirft, es gibt Entwarnung:

«Zumindest in der Schweiz ist das eher unwahrscheinlich, weil hier niemand lebt, der sich beispielsweise durch angekündigte Ausschaffungen bedroht fühlen könnte. Einige meiner Patientinnen haben zwar erwähnt, dass ihnen Trumps Wahlsieg Sorgen bereite oder dieser sie wütend mache. Insofern könnte das Ereignis etwa eine bereits bestehende Depression verstärken.»

Allerdings, so sind Fachpsychologen halt, nur teilweise. Denn nicht alle haben volle Auftragsbücher, und wann kann man schon mal so ungehemmt Werbung in eigener Sache machen: «Das Weltgeschehen kann Gefühle wie Hilflosigkeit, Angst oder Ohnmacht provozieren, und in den letzten Jahren höre ich dies von meinen Patientinnen und Patienten deutlich häufiger als früher.»

Dann gleitet das Gespräch doch etwas in Fachkauderwelsch ab: «... beeinflussbare und nicht beeinflussbare Stressoren … erlernte Hilflosigkeit … Konzept der Selbstwirksamkeit … es gibt Leute, die vulnerabler sind als andere … generalisierten Angststörung …»

Die Antwort auf die Frage, was man denn gegen «quälende Weltangst» tun könne, ist allerdings fatal für den Fragenden und sein Medium: ein schnell wirksames Mittel bestehe darin, «den Medienkonsum einzuschränken». Allerdings entgeht einem dadurch der ganze Spass, wenn sich intellektuell Minderbemittelte in holpriger Sprache selbst zum Deppen machen.

Schliesslich gibt die Psychologin einen weiteren Ratschlag, dem sich (fast) die ganze Tamedia-Redaktion konsequent verweigert:

«Eine weitere therapeutische Massnahme besteht darin, das Gespräch mit anderen Leuten zu suchen, um aus der eigenen Blase herauszukommen und die eigenen Gedanken an der Realität zu messen. Die Überprüfung der eigenen Kognition ist ein wichtiger Bestandteil einer Verhaltenstherapie.»

Allerdings ist das Aussprechen eines Schreibverbots nicht gerade ein Zeichen, das hier Anlass für Optimismus gibt.

Man könnte nun eine ganze Latte von Tamedia-Redaktoren (generisches Maskulin) aufführen, die diese therapeutische Massnahme dringend nötig hätten. Da wäre doch mal Qualitätspapst Simon Bärtschi, die mütterliche Überchefredaktorin Raphaela Birrer oder gar mindestens der Avatar von Jessica Peppel-Schulz gefragt. Aber wo sind diese Führungskräfte, wenn man sie mal bräuchte. Vielleicht schon selbst in Therapie, nach dem vernichtenden Echo auf das grosse Rausschmeissen zur Qualitätssicherung und das völlig verunglückte Online-Redesign, nach dem sich der Verursacher blitzschnell wieder nach Berlin abseilte.

Aber, in dem Sinn ist das Interview durchaus lesenswert, allerdings nicht unbedingt für Leser, sondern für Redaktoren, die Psychologin beschreibt noch eine weitere Verhaltensweise, die typisch für viele Tamedia-Schreiber ist: «Eskapismus bedeutet, sich bewusst aus der Wirklichkeit auszuklinken, um in eine andere Welt einzutauchen und sich dort mit anderem zu beschäftigen. Eskapismus kann nützlich sein, wenn er bewusst und moderat als Auszeit und zur Selbstfürsorge genutzt wird.»

Den zweiten Teil beherzigen aber die Schreibkräfte von Tamedia nicht. Sie entblössen sich hemmungslos vor den Augen ihrer Leser, sofern die nicht schamvoll den Blick abwenden und sich die richtige Antwort auf die Frage geben, ob sie für diese selbsttherapeutische Nabelschau auch noch etwas bezahlen sollten.

In diesem Fall hier, denn diese Lebenshilfe ist hinter der Bezahlschranke versteckt, ist es doch gut, dass der Tamedia-Angestellte (noch) ein Gratisabo online hat. Nur: einen weiteren Aspekt seines Krankheitsbildes erwähnt die Psychologin nicht: rechthaberische Beratungsresistenz.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/11/Bildschirmfoto-2024-11-16-um-10.22.24.png 504 892 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-11-17 05:00:052024-11-16 10:55:47Im Ernst jetzt?
René Zeyer

Heuchler Friedman

29. Oktober 2024/12 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Ein neuer Tiefpunkt im Qualitätsjournalismus des Hauses Tamedia.

Andreas Tobler und Sandro Benini sind immer schnell zur Hand, wenn es um bissige und scharfe Kritik geht. Aber beim «deutschen Publizisten» Michel Friedman werden sie ganz handzahm und lassen den ungehemmt Flachheiten über die Schweiz, die Welt und vor allem über Moral verbreiten.

So stellen sie ihn vor: «Michel Friedman, zeitweiliger Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, gilt als ebenso streitbarer wie brillanter Publizist.»

Er war auch mal Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte seine eigen Talkshow und fiel schon immer damit auf, aggressiv und gnadenlos mit seinen Gesprächspartnern umzugehen. Bis er im Skandal versank.

Wird er hier interviewt, dann sind Tobler und Benini watteweich und anschmiegsam, auch wenn Friedman mehrfach unter Beweis stellt, dass er von der Schweiz keine grosse Ahnung, aber eine sehr abschätzige Meinung hat: «… wenn ich noch etwas hinzufügen darf: Ihr Schweizer habt es euch da zu einfach gemacht mit eurem Saisonnier-Statut.» Darauf hingewiesen, dass es das schon lange nicht mehr gibt, fährt Friedman unbeeindruckt fort: «Lange ist relativ. In der Schweiz dürfen nur die Nützlichen kommen, und selbst die nützlichen deutschen Ärzte erfahren rassistischen Gegenwind. Die Schweiz ist mit Sicherheit nicht das Vorbild einer weltoffenen Gesellschaft für Menschen.»

Es wurde 2002 abgeschafft. Deutsche Ärzte erfahren keineswegs «rassistischen Gegenwind», und im Vergleich zu Deutschland ist die Schweiz mit einem doppelt so hohen Ausländeranteil und ohne brennende Asylantenheime allerdings eine weltoffene Gesellschaft.

Dann salbadert Friedman weiter über Schweizer «Doppelzüngigkeit» bezüglich Vermummung von Frauen in der Öffentlichkeit, Darauf hingewiesen, dass es in der Schweiz verboten ist, eine Burka zu tragen, windet er sich: «Ich habe nicht von der klassischen Burka gesprochen. Mir geht es um die Doppelmoral und die Heuchelei. Mir geht es darum, dass man nicht einerseits für die Frauenrechte im Iran oder in Saudiarabien kämpfen kann und andererseits, in unserer modernen Gesellschaft, wenn es ums Geld geht, die Augen zumachen darf.»

Schliesslich greift Friedman zu seinem Allheilmittel, wenn in der Defensive: der polternde Angriff: «Eine kurze Frage an Sie: Sie haben doch auch Menschenhasser, Extremisten, Islamophobe, Antisemiten in der Schweiz, oder? Was machen Sie dagegen?»

Richtig widerlich wird Friedman aber gleich am Anfang: «Mit der Aufklärung ist neben der Freiheit eine unglaubliche und zugleich wunderbare Idee, die in der Philosophie schon lange im Gespräch war, gedacht worden: die Gleichheit der Menschen. Daraus entwickelten sich Humanismus, Menschenrechte und Demokratie.»

Welch wohlklingende Worte. Welch hohl klingende Worte, wenn sie aus dem Mund von jemandem purzeln, der ein verurteilter Straftäter ist. Ein Kokser mit einem unseligen Hang zu osteuropäischen Zwangsprostituierten.

2003 musste Friedman deswegen von all seinen öffentlichen Ämter zurücktreten, seine damalige Partnerin trennte sich angewidert von ihm.

Nun könnte man darüber den Schleier der Verjährung senken, wenn Friedman nicht – nach längerer Schweigepause – wieder genauso unerträglich moralisiert und rechhabert wir vor diesem Skandal. Da er das tut, hätten ihn die beiden Cracks vom Qualitätsorgan «SonntagsZeitung» unbedingt fragen müssen, woher er eigentlich die Chuzpe nimmt, die Dreistigkeit, dermassen ungeniert Betragensnoten zu verteilen und sich selbst als Bauchnabel der moralischen Superiorität aufzuspielen.

In diesem Interview verbindet Friedman Wissenslücken mit unqualifizierten Angriffen, redet von einem längst nicht mehr existierenden Saisonnier-Status, behauptet rassistischen Gegenwind und spricht der Schweiz ab, eine weltoffene Gesellschaft zu sein.

Aber den Höhepunkt erreicht er, wenn er über «Doppelmoral und Heuchelei» herzieht. Ausgerechnet er, dessen Doppelmoral und Heuchelei gerichtsnotorisch ist.

Aber statt ihm jede Berechtigung zu solch unqualifizierten Moralurteilen abzusprechen, haben die beiden Tagi-Journalisten den Weichzeichner eingeschaltet und weisen lediglich sanft auf grobe Falschbehauptungen hin. Lassen gleichzeitig Friedman eine Aufführung hinlegen, bei der Tartuffe vor Neid erbleichte.

Anlass für das Gesülze ist eine Buchtournee, bei der Friedman auch am Schauspielhaus Zürich auftritt. Moderiert wird er dabei von Roger de Weck. Wetten, dass auch dieser Qualitätsjournalist die grossen dunklen Flecken auf der Weste des Autors geflissentlich übersehen wird und stattdessen mit ihm über «Fremdheit, Gemeinschaft und Ausgrenzung» palavert.

Mit einem Menschen, der schlichtweg jedes Recht auf Moralurteile verwirkt hat.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2021/06/Tartuffe2.jpeg 515 339 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-10-29 05:00:042024-10-27 16:17:44Heuchler Friedman
René Zeyer

Ach du blödes Ei

8. April 2023/8 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Sandro Benini setzt den Tagi-Niedergang fort. Wenn auch auf höherem Niveau.

Vielleicht liegt es an den Kommentaren von Raphaela Birrer, Angela Barandun, Philipp Loser oder Andreas Tobler, dass dem Tagi die Leser in Scharen davonlaufen.

Vielleicht liegt es auch an einer verbohrten Grundhaltung, die Sandro Benini auf einem intellektuell und sprachlich durchaus höheren Niveau zum Ausdruck bringt. In seinem Essay rührt er einiges zu einem unbekömmlichen Brei zusammen.

Er beginnt damit, dass sich die Grenzen zwischen linkem staatlichem Interventionismus und rechter staatlicher Zurückhaltung aufgelöst hätten. Als Beweis führt er diverse Wahlkampfversprechen an, obwohl er wissen müsste, dass hier alle Politiker von links bis rechts so ziemlich alles versprechen.

Allgemeines Geschwurbel widerlegt man am besten konkret. Angesichts der CS-Katastrophe fordert die SVP, dass alle «too big to fail»-Banken in der Schweiz zerschlagen werden sollten, damit genau keine Staatsintervention mehr nötig würde. Lustigerweise wurde diese Motion von den Grünen und zunächst auch von der SP unterstützt, die dann aber auf dem Absatz kehrt machte und sie versenkte. Ist alles ein wenig komplizierter, als Benini es sich zurecht schnitzt.

Aber dieser Fehlstart ist nur die Einleitung zum Hauptthema, der angebliche «Woke-Warnartikel». Unter diesem Oberbegriff subsumiert Benini dann alle Schlagworte von Cancel-Culture, politische Korrektheit, Meinungsdiktatur, Gesinnungspolizei, Tugendterror und vor allem entrüstet er sich darüber, dass von «selbst ernannten» Moralwächtern die Rede sei.

Dabei übersieht er geflissentlich, welche gefährlichen Ausmasse genau diese Haltung, beispielsweise an US-Universitäten, bereits angenommen hat. Die Beispiele sind Legion, wozu sie hier aufzählen. Bücher sollen umgeschrieben werden, Professoren müssen für Äusserungen wie «hallo, China man» um ihre Stelle fürchten, Auftritte an Universitäten müssen wegen Tugendterror abgesagt werden, Rastalockenträger und viele andere werden beschimpft, dass sie damit «kulturelle Aneignung» betreiben würden.

Es gäbe keine nennenswerte Cancel-Culture? Das sollte Benini mal dem Pink-Floyd-Gründer Roger Waters erzählen, dessen Auftritt in Frankfurt gerade gecancelt wurde. Neben anderen. Weil der Mann Meinungen hat, die dem, Achtung, Fake News, Mainstream nicht passen.

Von dem auch bei Tamedia seitenweise betriebenen Sprachwahnsinn, dem Gendersternchen, der inkludierenden Sprache, der Vergewaltigung der deutschen Orthographie und Syntax ganz zu schweigen. Vielleicht sollte sich Benini mal kundig machen, welchen Unsinn sein Kollege Andreas Tobler dazu schon publiziert hat – bei Tamedia. Auch Benini widerlegt sich selbst in seinem Pamphlet, weil er seine woken Reflexe nicht im Griff hat:

«Es stimmt, dass Wörter, die vor kurzem noch selbstverständlich waren (wie das N-Wort), heute tabu sind – zu recht.» Was meint er damit? Nigger, Neger, Nazi? Wieso kann er das Wort nicht ausschreiben? Ist es plötzlich toxisch geworden, vergiftet es den Leser?

Mit diesem Unsinn ist er nicht alleine. Konkretes Beispiel: in einer angeblich wissenschaftlichen Studie über die Verwendung des historisch unbelasteten Wortes «Mohr» schreiben die «Wissenschaftler» doch tatsächlich «M***», also sie verwenden den zentralen Begriff ihre Untersuchung gar nicht. Grotesk. Kein Wort der Sprache kann «tabu» sein.

Der Kampf um die Verwendung des Wortes Mohr als Hausbezeichnung wird in Beninis Tagi so dümmlich wie den geschichtsvergessenen Sprachreinigern zustimmend begleitet und kommentiert, nebenbei.

Was all diesen Sprachreinigern nicht auffällt: erstens ist die Sprache nicht die Wirklichkeit, sondern unser Mittel, sie zu beschreiben. Zweitens ist Sprachreinigung etwas zutiefst Diktatorisch-Faschistisches. Orwellsche Diktaturen wollen Begriffe verbieten, nationalsozialistische Sprachreiniger wollten das arische Deutsch von der Verschmutzung durch jüdisches Untermenschentum befreien.

Wer heute noch von «Tabu»-Wörtern spricht und das sogar begrüsst, steht knietief in diesem braunen Sumpf postfaschistischer Sprachreinigungsversuche. Sie gäbe es nicht? Sie gibt es innerhalb und ausserhalb von Tamedia. Vielleicht mal den Leitfaden, das Sprachreglement der ZHAW durchlesen. Vielleicht mal die diktatorischen Anwandlungen vieler Inhaber von völlig überflüssigen Gender-Lehrstühlen zur Kenntnis nehmen.

Wieso fällt einem bei diesen Zensurversuchen immer der Islam ein, der jede Abbildung Allahs und seines Propheten bei Todesstrafe verbietet? Genau wie deren angebliche Beleidigung durch kritische Worte. Vielleicht sollte Benini mal Salman Rushdie fragen ob Cancel-Culture existiert oder nicht. Ach, das sei dann bloss im fundamentalistischen Islam der Fall? Abgesehen davon, dass der seinen Anschlag im freisten Westen verübte: kennt Benini wirklich keine Dichterlesungen in Deutschland oder der Schweiz, die unter Polizeischutz stattfinden? Vielleicht sollte er auch mal mit Andreas Thiel sprechen.

Vielleicht will Benini aber einfach auch nicht aus seiner Gesinnungsblase (Achtung, auch so ein verdorbenes Wort) in die frische Luft heraustreten. Bloss reine Idiotie hingegen ist die Verwendung von Formulierungen wie «Publizisten und Politikerinnen». Der Versuch der Vermeidung des generischen Maskulins führt zu einem grammatikalischen Blödsinn.

All diese Anstrengungen, Indianerspiele, Winnetou, angeblich «verletzende» Textstellen zu «reinigen», widerspiegeln einen voraufklärerischen Sprachwahn, führen direkt zurück ins Mittelalter der kirchlich vorgeschriebenen richtigen Auslegung des angeblich geoffenbarten Wortes. Absurd, dass am Anfang des zweiten Jahrtausends noch solche Rückfälle stattfinden und verteidigt werden.

Nachdem sich Benini mit vielen Beispielen, aber doch kleinem intellektuellem Besteck an diesen Kritiken der Wokeness abgearbeitet hat, kommt er zum Schluss ziemlich abrupt zu seinem eigentlich Anliegen:

«Was die offene demokratische Gesellschaft tatsächlich bedroht, sind nicht die Woken, sondern Rechtspopulisten in Regierungsgebäuden, wie Orban oder noch vor kurzem Trump und Bolsonaro. Indem ein Teil derjenigen, die am lautesten über den Woke-Wahn ablästern, solch autoritäre Figuren verteidigen oder verharmlosen, steuern sie eine realsatirische Fussnote zum Kapitel «Verlogenheit» bei.»

Lustig, dass Benini sich über Politiker erregt, die allesamt in demokratischen Abstimmungen in ihr Amt kamen. Ob man deren Wirken kritisiert oder verteidigt, hängt schlichtweg von der politischen Position des Autors ab. Was daran eine «Fussnote zum Kapitel «Verlogenheit»» sein soll?

Verlogen sind all die Moralwächter, deren Verhalten ganz einfach dargestellt werden kann. Wenn jemand ein Argument formuliert, ob bescheuert oder bedenkenswert, gehen sie niemals auf das Sachargument ein. Sondern behaupten immer, dass dahinter eine bestimmte, verächtliche Haltung stünde. Genau diese Verwechslung macht Benini auch.

Um die Ärmlichkeit seiner Argumentation zu camouflieren,  zitiert er zwar fleissig Werke und Autoren. In keinem einzigen Falle geht er aber über die Unterstellung gewisser Haltungen oder Ideologien oder Positionen hinaus und ins Konkrete. A sagt B, das ist falsch weil C. Das wäre ein Essay, das den Namen verdient.

Stattdessen schwurbelt Benini pseudogelehrt mit Beispielen aus den vergangenen Jahren, um seine Grundthese zu  belegen, dass die Kritik an Wokeness bescheuert sei, weil es sie gar nicht gäbe.

Dieser Ansatz krankt an zwei Fehlern: natürlich äussert sich Wokeness bis zur Absurdität. Natürlich gibt es vor allem innerhalb von Tamedia einen klaren Kanon von erlaubten und verbotenen Meinungen. Natürlich sind auch hier Sprachreiniger und Sprachdikatoren unterwegs, hier werden von selbst ernannten (!) Sprachwächtern gute Wörter von Pfui-Begriffen unterschieden. Wer Pfuibäh verwendet, ist zudem ein Populist, ein Rechtskonservativer, gerne auch ein Hetzer, auf jeden Fall verlogen.

Sollte Benini wirklich noch Zweifel daran haben, dass es bei Tamedia so zu und hergeht, sollte er sich doch, statt irgendwelche Werke zu zitieren, in die Berichtserstattung über die Pandemie und vor allem über Kritiker an staatlichen Massnahmen vertiefen. Da sollte er sich mal die antidemokratische Haltung seines Politchefs anschauen, der doch tatsächlich forderte, dass endlich zwangsgeimpft werden sollte – ohne jegliche gesetzliche Grundlage.

Das alles wären Themen und Beispiele, denen man durchaus ein Essay widmen könnte. Aber dafür bräuchte es natürlich eine Zivilcourage, die heutzutage kein angestellter Redaktor mehr aufbringt.

Daher gilt auch hier, angesichts eines biblischen Feiertags:

«Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht. Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!»

Oder noch einfacher: wer im Glashaus sitzt, sollte wirklich nicht mit Steinen werfen …

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2023/04/Bildschirm­foto-2023-04-06-um-10.29.09.png 423 856 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2023-04-08 05:30:232023-04-08 13:28:16Ach du blödes Ei
René Zeyer

Benini als Ameti-Verteidiger

2. Dezember 2022/8 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Der Tagi macht ein Pro und Kontra aus Ameti.

«Ich kann mir, politisch betrachtet, keinen von Ihnen schöntrinken.» Nüchtern betrachtet, sollte dieser Satz eigentlich die kurze und erfolglose Karriere der Co-Präsidentin der «Operation Libero» beenden.

Wer so etwas in einer TV-Diskussionsrunde zu zwei Bundesratskandidaten sagt, hat sich nicht nur selbst für jedes politische Amt disqualifiziert. Eine solch krude Beleidigung, schlimmer noch, ein so selten dämlicher Spruch müsste mehr Konsequenzen haben als das verlegene Grinsen von Sanija Ameti, als sie zu Recht von Hans-Ueli Vogt mit gewählten Worten niedergemacht wurde.

Hätten Vogt oder Rösti so etwas über Ameti gesagt, der Tagi hätte das als Aufmacher auf Seite eins geklatscht und sich vor Empörung nicht mehr eingekriegt. Arthur Rutishauser höchstpersönlich, oder, schlimmer noch, Andreas Tobler oder Philipp Loser hätten in einem Kommentar diesen neuerlichen Ausdruck einer Unkultur, einer Hetze, einer undemokratischen Rüpelei aufs schärfste verurteilt.

Aber so rum, was tun? Zunächst hoffte Tamedia, dass dieser üble Ausrutscher einfach verweht, verschwindet, kein Aufhebens verursacht. Als dem nicht so war, brauchte das Qualitätsorgan bis Donnerstagnachmittag um exakt 16.49 Uhr, um zu reagieren.

In höchster Qual, denn eine Verteidigung dieser Rüpelei ging ja auch nicht. Eine klare Verurteilung hätte beim woken Teil der Leserschaft zu gröberem «Unwohlsein» geführt. Was tun? Hach, ja keine Position beziehen, sondern ein Pro und Kontra machen.

«Nein», antwortet tapfer Sandro Benini auf die Frage, ob Ametis Aussage unverschämt und daneben war. Er versucht’s mit klassischer Sophisterei: ««Etwas schöntrinken» ist eine Metapher, die allenfalls beleidigend wäre, wenn sie sich auf Äusserlichkeiten bezöge.»

Dagegen habe Vogt die «beleidigte Leberwurst» gespielt, und weil Benini wohl selbst gemerkt hat, dass das etwas dünn ist, schob er noch hinterher, dass ja die SVP auch, und vom Gröberen, womit er in die Zielgerade einläuft: «Es fallen einem im Handumdrehen zwei Dutzend Politikerinnen und Politiker aus Vogts Partei ein, die für dessen im «Club» abgefeuerte Moralinkanonade die richtige Zielscheibe wären. Ameti ist es nicht.»

Das ist ungefähr auf dem gleichen infantilen Niveau wie der Schlötterli von Ameti. «Ich war’s nicht, und wenn doch, dann waren es die anderen auch», der beliebteste Spruch eines ertappten Primarschülers.

Es ist richtig, die SVP rüpelt auch, auf Plakaten und manchmal auch verbal. Aber Vogt und Rösti tun das nicht, also sind sie völlig legitimiert, Ameti in die Schranken zu weisen und darauf aufmerksam zu machen, dass solche dummen Sprüche einen Dialog, eine Debatte verhindern.

Wenn Benini dann noch behauptet, die Teilnahme von Ameti am «Club» beweise doch, dass sie durchaus zur Debatte bereit sei, unterbietet er noch infantile Gedankengänge. Denn sie wollte offenkundig in keiner Form eine Debatte, einen Meinungsaustausch, ein Ringen um mehr Erkenntnis. Sondern sie wollte ihren Auftritt nutzen, um geradezu autistisch ihre Argumente herunterzuspulen. Wobei sie so nervös war, dass sie auch schon mal Ukrainer und Russen verwechselte und davon faselte, dass einmal russische Panzer bei Kreuzlingen die Schweizer Grenze überrollen könnten.

Edgar Schuler ist es hoch anzurechnen, dass er sich dafür hergab, in diesem Schlammcatchen die richtige Position zu vertreten:

«Deplatziert, ungehörig, unanständig. Anders kann man Sanija Ametis Aussage im «Club» nicht bezeichnen. Akzeptiert würde so etwas, wenn überhaupt, höchstens auf dem Ballermann nachts um halb zwei.»

Allerdings muss man ihn da korrigieren: auch auf dem Ballermann erst um halb fünf, aber nur von Alkoholleichen.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/12/Bildschirm­foto-2022-12-01-um-19.37.04.png 456 711 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2022-12-02 05:30:372022-12-02 09:55:45Benini als Ameti-Verteidiger
René Zeyer

Ich, ich, ich

25. Oktober 2022/2 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Unseren täglichen Rassismus gib uns heute.

Der Lieblingssong vieler Journalisten muss «I and I» von Bob Dylan sein. Allerdings sind die meisten nicht gebildet genug, um den zu kennen. Auf jeden Fall nimmt die Betrachtung des Bauchnabels einen immer wichtigeren Bestandteil der täglichen Arbeitsimitation ein.

Dabei werden täglich neue Rekordversuche aufgestellt. Während der Journalist gemeinhin seinen eigenen Bauchnabel betrachtet und über dessen Befindlichkeit, Zustand, Grösse, Farbe und Veränderung seit gestern Auskunft gibt, stellt Sandro Benini im «Tages-Anzeiger» eine neue Perspektive in den Raum.

Ein Journalist betrachtet einen anderen Journalisten beim Betrachten dessen Bauchnabels. Konkret geht das so, dass Benini über eine Kollegin von «Finanz und Wirtschaft» schreibt – «die wie diese Zeitung zu Tamedia gehört». Diese Journalistin hatte getwittert: «Welcome to my Alltagsrassismus». Dieses merkwürdige Kauderwelsch entging nicht dem geschulten Augen Beninis, der sofort eine Story witterte, die man der Weltöffentlichkeit nicht vorenthalten kann.

Also bastelte er einen «Kopf des Tages» daraus, mit dem anklagenden Titel: «Sie hört pro Woche einen rassistischen Spruch». Denn sie sieht nicht wie ein reinrassiger Schweizer aus, wobei noch zu klären wäre, wie der aussähe. Seine Kollegin ist hingegen «Tochter einer Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln und eines Schweizers jüdischen Ursprungs».

Wir ersparen es Benini, diesen Satz einem Spezialisten für Diversity, Gendern und der Beurteilung von Inklusionen sowie Exklusionen und rassistischen Untertönen zur Beurteilung vorzulegen. Wir schliessen aber gerne Wetten ab, dass der (oder die oder es) einige Ansätze für Kritik sähe. Alleine «koreanische Wurzeln, jüdischer Ursprung», also wirklich.

Wie auch immer, ihr Aussehen provoziert offenbar Dumpfbacken dazu, anzügliche Bemerkungen zu machen. Behauptet sie. Wie sie sich wohl jede attraktive Frau (und auch viele nicht attraktive) immer wieder anhören muss. Nur haben die in ihrem Fall bedauerlicherweise gelegentlich auch rassistische Konnotationen. Behauptet sie.

Das ist ein sicherlich ärgerliches Begleitbrummen im Leben. Aber wirklich berichtenswert in allen Kopfblättern des Tagi? Muss nun wirklich jeder (und jede) jegliche Form von Diskriminierung, Alltagsrassismus, alle dummen Sprüche, zu denen leider minderbemittelte Mitbürger in der Lage sind, in den Schrumpfzeitungen ausbreiten, die eigentlich wichtigere Themen zu behandeln hätten?

Ist solcher Pipifax wirklich einen Artikel wert? Als René Zeyer im Appenzell lebte, schmiss ein Bekannter meines Nachbarn jeden Sonntagmorgen den Rasenmäher an und mähte nicht nur dessen Magerwiese nieder, sondern auch meine. Als ich mir das verbat und darum bat, auch beim Nachbarn den Lärm wenigstens nicht um 8 Uhr morgens zu veranstalten, bekam ich die Antwort: «Bei uns in der Schweiz macht man das so.»

Wenn ich genauer darüber nachdenke, bin ich also auch ein Rassismusopfer. Ganz zu schweigen davon, was ich mir in der Schule anhören musste, als ich der schweizerdeutschen Krachlaute noch nicht mächtig war. Allerdings: sollte es mir in den Sinn kommen, jemals einen Tweet mit dem Titel «Welcome to my Alltagsrassismus» abzusetzen, wäre ich sofort bereit, mich psychologisch beraten und behandeln zu lassen.

Es ist eine zunehmende gesellschaftliche Erkrankung, ansteckender als Covid, Vogelgrippe und Schweinepest, dass sich jeder (und jede) als Opfer von irgendwas inszenieren muss. Fällt einem dazu trotz grössten Bemühungen nichts ein, kann man wenigstens stellvertretend leiden. Für die Schwarzen. Die Transen. Die Queeren. Die Frauen. Die Kinder. Die Ausländer. Die Inländer. Die Hybriden, Schwulen, Asexuellen, die People of Color, die Nachfahren von Sklaven, die Nachfahren von Sklavenhaltern, die Rastaträger, die sich kulturell aneignenden Rastaträger.

Die Moslems, Juden, Adventisten, Katholiken, Reformierten, Scientologen. Überhaupt für jede Minderheit. Für SVP-Wähler, Covid-Leugner, Verschwörungstheoretiker, Befürworter der Behauptung, dass Donald Trump der Sieg bei den Präsidentschaftswahlen geklaut wurde. Mohrenkopf-Esser, Trinker von koffeinfreiem Kaffee, Träger von Brioni-Anzügen. Denn auch all die sind Minderheiten; diskriminiert, verlacht, von Ausschliessung bedroht.

Keiner zu klein, diskriminiert zu sein. Jeder ist ein Opfer von allem und allen. Wer multiple Diskriminierungen vorweisen kann, ist dem einfach Diskriminierten deutlich überlegen. Väter sind Täter, Frauen sind benachteiligt und unterdrückt. Durch Sprache, in der Medizin, am Arbeitsplatz, durchs Kinderkriegen. Die blosse Zugehörigkeit zu irgendwas legitimiert das Leiden unter Diskriminierung. Das blosse Zusehen, sogar die Einbildung eines Leidens anderer reicht schon.

Eine Frau ist diskriminiert und Opfer. Eine dunkelhäutige Frau ist mehrfach diskriminiert und Mehrfachopfer. Eine lesbische, dunkelhäutige Frau mit Migrationshintergrund und Endometriose ist multipel diskriminiert und Fünffachopfer.

Dass angeblich von fürchterlicher Diskriminierung Betroffene, in deren Namen kräftig gelitten wird, sich häufig wundern, was offensichtlich wohlstandsverwahrloste Menschen sich einbilden, um etwas Farbe ins langweilige Leben zu kriegen, hält hierzulande niemanden davon ab, auch stellvertretend zu leiden. Wie Patti Basler. Wie diese Redaktorin der FuW. Wie so viele, wie viel zu viele.

Was noch fehlt: das Leiden an der Diskriminierung durch sich selbst. Zum Beispiel, ein Schwarzer, Pardon, eine Person of color, sagt zu sich selbst: als Schwarzfahrer bist du immer der Neger. Damit hat er sich selbst diskriminiert, exkludiert und das Ganze erst noch mit einem rassistischen Unterton und unter Verwendung eines Pfui-Worts. Und jetzt? Muss er sich vor sich selbst fürchten? Einen Sensibilisierungskurs besuchen? Hundert mal in sein Smartphone tippen: ich darf nie mehr Neger sagen? Patti Basler, stellen Sie sich das vor und helfen Sie!

Es ist so ein Elend in der Schweiz, dass es jedes Bürgerkriegsopfer der Dritten Welt, jede Mutter mit einem verhungernden Kind auf dem Arm in Afrika mit tiefem Schmerz und Mitgefühl erfüllen muss.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/10/schwarz.png 325 556 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2022-10-25 05:00:332022-10-25 00:20:01Ich, ich, ich
René Zeyer

Wumms: Michèle Widmer

9. Juli 2022/2 Kommentare/in Allgemein, Meinung/von René Zeyer

Nachtreten ist in. Aus der geschützten Werkstatt.

Michèle Widmer ist Redaktorin bei persoenlich.com. Das sei das «Online-Magazin für Entscheider und Meinungsführer». Seine Grundhaltung ist: ja keine Lämpen mit niemandem. Denn wir müssen ja vom Wohlwollen der Entscheider und Meinungsführer leben.

Als Meinungsventil führt perssoenlich.com einen Blog. Hier äussern sich Entscheider und Meinungsführer im Westentaschenformat. Auch Redakteure dürfen ganz gelegentlich zum Griffel greifen, wenn Matthias Ackeret mal gerade nichts zu sagen hat. Daher kaut Widmer ein Stück Konzernjournalismus aus dem Hause Tamedia wieder:

Die beiden Lohnschreiber Andreas Tobler und Sandro Benini hatten versucht, aus dem Abgang des Kolumnisten Henryk M. Broder bei der «Weltwoche» eine Massenflucht herbeizufantasieren. Aber wie es bei den Rechercheriesen von Tamedia und «Republik» üblich ist: steile These, beinharter Haltungsjournalismus – aber nichts dahinter.

Das wäre sicherlich Anlass für ein paar kritische Worte einer Redaktorin, die sich professionell mit Kommunikation und Medien befasst. Kritische Bemerkungen fallen tatsächlich, allerdings:

«Im Falle der Weltwoche lassen sie sich von einem Medium bezahlen, das Partei für Wladimir Putin ergreift. Sie verhelfen mit ihren Texten einem Medium zu Reichweite, das den Krieg in der Ukraine verharmlost. Ihre Kolumnen erscheinen nicht im luftleeren Raum, Leserinnen nehmen die Schreibenden als Weltwoche-Autoren wahr. Sie sollten sich die Frage stellen: Wo liegt meine Schmerzgrenze?»

Die Schmerzgrenze gegenüber Widmer liegt da, wo sie bereits eingangs mit einem Falschzitat arbeitet. Der Kolumnist Broder habe sich «zum Abschied öffentlich von den «Russlandverstehern» in der Weltwoche distanziert». Er verwendete aber das böse Wort von «Putinverstehern». Wobei beides absurd ist, denn der Versuch, etwas verstehen zu wollen, ist der Offenlegung wie bei Widmer, dass sie nicht viel versteht, deutlich überlegen.

Im Qualitätsmedium persoenlich.com darf Widmer unkontrolliert behaupten, die WeWo ergreife Partei für Putin, verharmlose den Krieg in der Ukraine. Beide Anwürfe erhebt sie ohne den geringsten Beleg dafür. Sie übernimmt einfach unreflektiert das Narrativ der Verleumdung. Auch ihr fällt nicht auf, dass die WeWo, die nun wirklich Diversität der Meinungen lebt, von Konzernjournalisten kritisiert wird, die nicht mal im Alptraum daran denken würden, in ihren Organen von der vorgegebenen Linie abweichende Meinungen zu veröffentlichen.

Bevor die Lohnschreiber von Tamedia sich mal trauen, ihren Big Boss Supino zu kritisieren, weil der Profitdenken und die Aufteilung des Konzerns in unabhängige Profitcenter über alles stellt, bevor sie mal ihren Oberchefredaktor Rutishauser wegen seinen kriegerischen Tönen im Ukrainekrieg kritisieren, sollten sie einfach etwas kürzer treten, wenn sie gegen ein Magazin austeilen, in dem man sogar dem Verleger und Chefredaktor mit Anlauf Contra geben kann.

Wir sind gespannt, wann Widmer mal einen Blogbeitrag verfasst, in dem sie harte Worte zu Blocher TV findet … Aber das liegt sicherlich deutlich unterhalb ihrer Schmerzgrenze.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/01/Wumms.jpeg 438 882 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2022-07-09 05:00:342022-07-08 16:34:19Wumms: Michèle Widmer
René Zeyer

Balken im Auge

8. Juli 2022/9 Kommentare/in Allgemein, Blattkritik/von René Zeyer

Tamedia hämt gegen Köppels «Weltwoche». Ziemlich betriebsblind.

Andreas Tobler und Sandro Benini haben sich zusammengetan, um eine Breitseite gegen die «Weltwoche» abzufeuern:

Tobler hat eine lange Tradition als Köppel-Missversteher und -hasser. Er äusserte sich schon verständnisvoll zu einem angeblich künstlerischen Mordaufruf gegen den Chefredaktor, als es ein Brachial-Polemiker schick fand, «Roger Köppel tötet. Tötet Köppel Roger» zum Besten zu geben. Das Strassenmagazin «Surprise», das diese Schweinerei veröffentlichte, entschuldigte sich immerhin dafür. Tobler nicht.

Nun wollen Benini und Tobler den lautstarken Abgang des deutschen Publizisten Henryk M. Broder nützen, um eine Massenflucht aus der «Weltwoche» herbeizuschreiben.

Wie häufig, wenn Recherchierkünstler bei Tamedia (oder bei der «Republik») «recherchieren», wird’s allerdings schnell sehr dünn. Auch Claudia Schumacher habe «zwei Wochen nach Kriegsausbruch» bei der WeWo aufgehört. Ihre ausgeleierte Beziehungskolumne schreibt die begabte Selbstvermarkterin nun – bei Tamedia weiter.

Nun kann sie diesen Wechsel in wenigen Tagen gedeichselt haben. Oder aber, sie wollte schon länger eine grössere Plattform für ihre Plattitüden. Selbst sagt sie nichts, müssen die Autoren bedauernd festhalten. Aber man darf doch insinuieren …

Dann hätten wir den Kriegsreporter Kurt Pelda. Der habe im Juni zu CH Media «gewechselt», schreibe aber «weiterhin als freier Mitarbeiter» für die WeWo. Doch seine Artikel zeigten, dass er «Köppels Putin-freundlichen Kurs nicht mitträgt». Schon persoenlich.com versuchte, aus diesem Wechsel einen Tritt gegen Köppel herbeizuschreiben. ZACKBUM macht dann das, was diese beiden Recherchiergenies offensichtlich unterliessen: wir fragten bei Pelda nach. Und der gab Entwarnung. Aber wieso soll man sich durch unnötiges Recherchieren eine schöne Verleumdung kaputtmachen lassen.

Was kriegt Tobler, einer der übelsten Konzernjournalisten bei Tamedia, sonst noch gebacken? Zusammen mit Benini hat er eine Kollektion von tatsächlich fragwürdigen Köppel-Äusserungen zum Thema Putin und Russland zusammengestellt. Das wäre durchaus Anlass zu Kritik, aber der Tamedia-Thesenjournalismus will ja einen Massenexodus bei der WeWo herbeischreiben.

Leider wird man ausser bei Broder nicht fündig. Obwohl die beiden Schreibhelden inquisitorisch bei weiteren Kolumnisten der WeWo nachgefragt haben. Zuvorderst beim Genossen Peter Bodenmann. Aber im Gegensatz zu den beiden Tamedia-Inquisitoren sieht der es locker: «Wenn man im Zentralorgan der rechts vorherrschenden Dummheiten wöchentlich Widerspruch anmelden kann, muss man dies tun. Wo denn sonst?» Auch Peter Rothenbühler lobt die WeWo als «eine Insel», auf der immer noch möglich sei, was bei Ringier aus Gründen der «Diversity» untersagt sei. Kolumnist Zimi unterstreicht: «In der «Weltwoche» darf jeder schreiben, was er will.» Dem schliesst sich auch Jean-Martin Büttner an, der bei Tamedia aufs Übelste gekübelt wurde.

Den beiden Lohnschreibern im Dienste ihres Arbeitgebers kann man nur ein Jesus-Zitat vorhalten: «Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?» Damit ist gemeint: In der WeWo muss man nicht mit dem Chefredaktor und Verleger übereinstimmen, um dort publizieren zu dürfen. In der WeWo darf man ihn sogar im eigenen Blatt scharf kritisieren. Das schätzen viele Autoren, die dort publizieren.

Bei Tamedia wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, eine von der offiziellen Linie abweichende Meinung zu Russland, der Ukraine, Corona, der EU oder vielen anderen Themen zu publizieren. Weder Tobler noch Benini noch sonst jemand käme auch nur im Traum auf die Idee, einen kritischen Kommentar zu Supino, Rutishauser oder die Familie Coninx und ihre Bildersammlung zu schreiben.

In eigener Sache sind sie Eunuchen, aber statt zu loben, dass in der WeWo ein Kolumnist sogar auf zwei Seiten mit diesem und jenem abrechnen darf, um am Schluss seinen Abgang zu verkünden, regen sich die zwei Heuchler fürchterlich über die Ansichten des dortigen Chefredaktors auf. Das ist erlaubt, aber Köppel hätte sogar diesem Duo Infernal sicherlich die Möglichkeit zu einer Kritik in den Spalten der WeWo gegeben – hätten die beiden nur gefragt.

Stattdessen machen sie sich öffentlich lächerlich, indem sie den Abgang eines einzigen Kolumnisten zu einem Massenexodus hochschreiben wollen. Im gleichen Sinn und Geist wie die «Republik» mit ihrem Schwachsinn über die «Info-Krieger» ohne jeden Beleg. Es ist geradezu widersinnig: indem sie der WeWo ans Schienenbein treten wollen, erweisen sie der Reputation und Glaubwürdigkeit von Tamedia einen Bärendienst. Trost kann nur darin liegen, dass das Renommee dieser Blätter bereits dermassen angeknackst ist, dass es auf einen weiteren Anschlag auch nicht mehr ankommt.

Konzern- oder Schmierenjournalismus nennt man das, üble Haltungs- und Gesinnungsschreibe, eine Schandtat, für die sich jeder anständige Redaktor eigentlich schämen müsste. Ausser, er arbeitet für Tamedia und ist in dieser Hinsicht völlig schmerzfrei.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/07/BAlken.jpeg 241 418 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2022-07-08 05:30:522022-07-08 06:56:42Balken im Auge
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