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Stimme der Vernunft

Eingestanden: es tut manchmal einfach gut, die NZZ zu lesen.

Gleichzeitig ist es so verblüffend wie beelendend, wie viele Meinungsträger sich zum Dokumentarfilm «Russians at War» äussern, ohne ihn überhaupt gesehen zu haben. Mit dem hirnrissigen Argument: muss ich gar nicht, das ist von Moskau bezahlte prorussische Propaganda.

Andreas Scheiner von der NZZ hat den Film, der dem Zürcher Publikum vorenthalten wurde, offenbar gesehen. Und stellt ruhig ein paar Dinge richtig:

«Der Film, der mit französischem und kanadischem Geld entstanden ist, ist keine Putin-PR. Auch wenn die kanadischrussische Regisseurin, Anastasia Trofimowa, bis 2020 für den Propagandasender Russia Today gearbeitet hat. Für dessen Dokumentarfilm-Abteilung war sie als Kriegsreporterin in Kongo, im Irak und in Syrien. «Russians at War» zeigt nun Russlands Krieg. In all seiner unsäglichen Sinnlosigkeit. Der Film ist erschütternd. Nichts daran ist glamourös, von der Stimmungsmache einer Leni Riefenstahl ist Trofimowa weit entfernt. Als Rekrutierungsvideo taugt «Russians at War» schon gar nicht. Etliche der Protagonisten, denen man im Verlauf von 129 Minuten begegnet, sind am Ende verstümmelt oder tot.»

Damit erfüllt Scheiner schon mal die Grundvoraussetzung von seriösem Journalismus. Er schreibt über etwas, das er kennt. Er hat auch für alle Schreihälse mögliche Banal-Recherchen gemacht, wie die, mit welchen Geldern der Film finanziert wurde.

Auch der Frage, inwieweit das russische Militär informiert oder gar einverstanden war, weicht Scheiner nicht aus:

«Die Männer sind Kanonenfutter. Als sie an die Front gerufen werden, rückt Trofimowa mit ihnen vor. Laut eigener Aussage ist sie ohne Genehmigung unterwegs. Vor dem Krieg war die kanadischrussische Regisseurin auch für amerikanische Netzwerke tätig, belieferte diese teilweise mit regimekritischem Material. Wie man hört, ging sie dabei recht weit. Während manche Beobachter ihre Version anzweifeln, hält es ein Journalist, der ihr seinerzeit begegnet ist, für plausibel, dass sie sich ohne Bewilligung an die Front vorgewagt habe. Angeblich sieben Monate verbringt Anastasia Trofimowa im Gefecht. Vor allem mit einer kleinen Gruppe von Sanitätern scheint sie unterwegs gewesen zu sein. Unter ihnen auch zwei Frauen. Ihr Tun blieb vom Regime kaum unbeobachtet. Wer sich monatelang bei den Truppen aufhält, wird registriert. Aber womöglich stellten sich die Überwacher einen anderen Film vor. Trofimowa zeigt den Krieg ungeschönt. Militärisch machen die Russen einen schlampigen Eindruck, alles wirkt unübersichtlich, unkoordiniert

Nun können Schlaumeier natürlich behaupten, das bedeute, dass es sich hier um eine besonders raffinierte Form von subversiver russischer Propaganda handle. Aber natürlich spart Scheiner auch nicht an Kritik. Trofimova stelle den Krieg als fatalistisches Ereignis dar, an dem niemand Schuld trägt.

Scheiner bemüht sich unaufgeregt um eine gerechte Darstellung: «Aber Anastasia Trofimowa ist keine Putin-Versteherin. In Interviews hat die Regisseurin, die Russland nach dem Dreh verlassen hat, den Krieg klar verurteilt. Auch an den russischen Kriegsverbrechen hegt sie keine Zweifel. Sie sieht sich als Anti-Kriegs-Reporterin. Ihr Anliegen ist es, zu zeigen, dass Krieg überall Verheerung anrichtet. Dass auch russische Soldaten Menschen, mehr noch: Opfer sind. Daran ist nichts falsch.»

Soweit eine aus all dem Schweigen und Geheule herausragende Einordnung. Aber auch mit dem Zurich Zensur Festival geht Scheiner kritisch um, wobei er einleitend erwähnt, dass es der NZZ gehört, aber völlig unabhängig von ihr operiert. Könnte man sich vorstellen, dass Tamedia, CH Media oder Ringier so mit einem eigenen Anlass umgingen?

«Bei aller Sympathie für das kriegsversehrte Land: Wenn es zutrifft, dass von ukrainischen Akteuren eine Schweizer Kulturveranstaltung mit Gewaltandrohungen gegängelt wurde, muss das diskutiert werden. Dann muss sich auch das Zurich Film Festival, das sich gerne als Hüterin gegen die Cancel-Culture bezeichnet (Polanski, Winnetou), wehren. Vielleicht wäre das Beste, was dem Festival jetzt passieren könnte, ein mutiger Jury-Entscheid.»

Zu diesem mutigen Entscheid (der Artikel wurde am Tag vor den Preisverleihungen publiziert) kam es dann nicht, der Dokumentarfilm, obwohl im Wettbewerb, erhielt keine Auszeichnung.

Aber dieser Artikel verdient Lob und Auszeichnung. Er verkörpert all das, was die NZZ nicht mehr immer, aber immer noch oft genug von allen anderen deutschsprachigen Organen unterscheidet. Der Autor weiss, worüber er schreibt. Der Autor wägt ab und schildert, ohne zu verurteilen. Wenn er urteilt, tut er das fundiert und faktenbasiert. Und schliesslich tut er all das ohne Rücksicht auf Verluste, denn dem Festival-Chef Christian Jungen dürfte dieser Artikel im Organ des Besitzers des Festivals überhaupt nicht gefallen haben. Vor allem, da die übrigen Medien den Zensurskandal totschweigen.

Also tut ZACKBUM ausdrücklich, was wir vielleicht zu selten tun: Applaus, Chapeau, anerkennendes Kopfwackeln und Note sechs.

Jubel, Trubel, Lächerlichkeit

Das Zurich Zensur Festival zieht Bilanz. Und keiner widerspricht.

Die Medien überschlagen sich: «Starschwemme – das Erfolgsrezept des Zürich Film Festival» (SRF), «ZFF-Hauptpreis für zwei Frauen» («Südostschweiz»), «Zurich Film Festival mit Zuschauerrekord» (CH Media), «VIP Lounge» («Blick»), Sendepause hingegen bei Tamedia. Wahrscheinlich war die «Kultur»-Redaktion gerade nicht besetzt.

Sehr aufrecht meckert die NZZaS: «Dass Filmfestivals Orte des Austauschs und Auseinandersetzung seien, ist bald nur noch eine Floskel. Denn sie geraten immer stärker unter Druck. Seit Putins Überfall auf die Ukraine 2022 und mehr noch seit dem Angriff der Hamas auf Israel 2023 gehören Proteste und Boykottaufrufe auf den roten Teppichen dazu. Festivals werden zum Schauplatz von ideologischen Machtkämpfen. Das führt zu Überforderung, schlimmstenfalls zu Selbstzensur.» Aufrecht deswegen, weil die NZZ Besitzerin des ZZF ist.

Völlig aus dem Häuschen ist das ZZF selbst. In einer Medienmitteilung jubiliert es in Cinemascope und auf der extra breiten Selbstlob-Leinwand.

«Historischer Meilenstein: mit 140’000 Besucherinnen und Besuchern … festigt seinen Ruf … an jedem Tag präsentierten Stars … ein Festival der Superlative … hochkarätige Filmvorführungen … unvergessliches Erlebnis … neues Festivalzentrum … neue Dimension der Professionalität und Exzellenz … fördert den Austausch zwischen aufstrebenden Regisseuren und dem Publikum

Da hat der PR-Manager Simon Keller schwer in die Harfe gegriffen und in die Schalmei gepustet. Zudem wurden jede Menge Preise verliehen, Hauptpreise in den Kategorien Spielfilm und Dokumentarfilm.

Verständlich, dass die Mannen (und Frauen and everybody beyond) um Big Boss Christian Jungen Lobeshymnen anstimmen. Das gehört sich so, und es wurde ja tatsächlich auch einiges geleistet. Nun ist es aber so, um es in den Worten des ehemaligen Festival-Financiers und CS-Versagerrats Urs Rohner zu sagen, dass das ZZF keineswegs eine weisse Weste hat.

Als im gepflegten Ambiente des Opernhauses die Hauptpreise verliehen wurden, fehlte selbst bei den Erwähnungen und der ellenlangen Preiseliste ein Dokumentarfilm, der absurderweise im Wettbewerb verblieben war, aber nicht gezeigt wurde. «Russians at War» ist eine Dokumentation über russische Soldaten an der Ukrainefront. Zunächst hatte Jungen noch tapfer getönt: «Filme sollen zu Diskussionen anregen», also zeige das ZZF die Arbeit von Anastasia Trofimowa.

Dann geschah Ungeheuerliches. Die ukrainische Regierung und die ukrainische Botschafterin in Bern mischten sich in innerschweizerische Angelegenheiten ein, schissen auf die Freiheit der Kunst und verlangten in harschen Worten, dass der Film nicht gezeigt werde. Begleitet wurde das, wie schon in Toronto, von Hassbotschaften anonymer, wahrscheinlich ukrainischer Feiglinge, die wüste Todesdrohungen ausstiessen.

Statt dass Politik und Festivalleitung diese Unverschämtheit mit kräftigen Worten verurteilt hätten und den Film als «jetzt erst recht» gezeigt hätten – zogen alle Beteiligten den Schwanz ein. Der Film wurde gecancelt; alle sich auf dem grünen Teppich in Begleitung von Hollywood-Promis spreizenden Politiker blieben stumm. Genau wie all die tapferen Künstler, die immer gerne für dieses und jenes Gute eintreten. So lubhudelte Richard Gere den Dalai Lama und beklagte Repressionen gegen diesen Gutmenschen.

Aber ein Wort zu diesem Skandal? Aber nein, mit dem Cüpli in der Hand und chauffiert in einer dicken ZZF-Limousine vom Luxushotel zum Teppich und zurück protestiert es sich schlecht.

Aber damit nicht genug. Die Medien, voller glamouröser Storys über das Festival, vermeldeten diese Zensur knapp – und schwiegen ansonsten verkniffen. Ausser, das ist ihr hoch anzurechnen, die NZZ. Die «Weltwoche» tat das, was alle anderen vermieden: sie gab der anderen Seite eine Stimme und interviewte die Autorin ausführlich.

Ist das die viel gerühmte Presse- und Kunstfreiheit in der Schweiz? Ist das das korrekte Verhalten von Regierungsverantwortlichen, wenn sie einmal im Blitzlichtgewitter Rückgrat beweisen könnten? Ehrt das die Stars und Sternchen, die von eigener Bedeutung besoffenen über den grünen Teppich wandeln, huldvoll posieren, bedeutungsschwangere Worte über Kunst und Film absondern – aber keinen Ton zu diesem Skandal dieses Festivals sagen?

Bei allem Respekt vor der organisatorischen und finanziellen Leistung von Jungen: dieser grosse, dunkle Fleck auf seiner blütenweissen Hemdbrust unter dem knapp sitzenden Smoking wird ihn von nun an begleiten. Statt Zurich Film Festival wird der Anlass Zurich Zensur Festival heissen müssen. Organisatoren, Gäste, Medien und Politiker haben versagt. Kein Happy-End in Sicht.

 

Was vom Zurich Zensur Festival vermeldet wird

Schaulaufen mit Prominenten und Cervelat-Prominenz …

Festival-Direktordarsteller  Christian Jungen, Cervelat-Prominenz Irina Beller mit durchsichtigem Unterschichtenkleid, daneben noch eine Grinsbacke namens Thomas Dürr. So sieht das Niveau des ZZF aus, des Zurich Zensur Festival.

Dazu Freakshow mit Nemo, Jungen in verschiedenfarbigen Smokings, die aber deutlich am Bauch spannten, Roger Köppel mit weisser Fliege (trägt man aber eher zum Frack, nicht zum Smoking), Bundespräsident Cassis, an seiner Seite Stadtpräsidentin Corine Mauch. Auch Nadja Schildknecht gibt sich die Ehre, allerdings fehlt ihr Gatte, der Versagerrat Urs Rohner, unter dessen Präsidium die altehrwürdige Credit Suisse in den Orkus fuhr.

Eine fröhlich grinsende Bundesrätin Baume-Schneider neben Jude Law, an seiner anderen Seite eine ebenfalls gut gestimmte Mauch, Jungen im nachtblauen Smoking. Dazu jede Menge Möchtegerns, Adabeis und Wichtigtuer. Und, Wahnsinn, eine fast nicht geschminkte Pamela Anderson, die sich sicher gewundert hat, wieso sie zu dieser Ehre kommt. Einfache Antwort: richtige Superstars kommen schon lange nicht mehr ans ZZF.

Ist das grosses Kino?

Der Tagi macht extra eine Rubrik draus, obwohl er ja damit der Konkurrenz NZZ hilft, der das Festival gehört. Auch der «Blick» berichtet fleissig dies und das, selbst die NZZ kommt auf Boulevard-Touren und berichtet, dass Kate Winslet das «Schweizer Label Yvy am ZFF trägt». Und auch CH Media vermeldet dies und das in Backfisch-Manier: «Pamela Anderson erscheint in Zürich wie ein märchenhafter Lichtblick».

Also allgemeines Hyperventilieren, weil Zürich endlich mal so tun kann, als sei etwas Glamouröses im Gange, als sei die Zwingli-Stadt doch irgendwie eine Grossstadt und nicht eine Ansammlung von Banken und Boutiquen mit Truffes du jour als kulinarischem und kulturellem Höhepunkt.

Dass das ZZF die Säle des bankrotten «Kosmos» bespielt, wo ein Traum der Erblinken an der Realität zerschellte (auf Kosten von 72 Angestellten, denen niemand eine Träne nachweinte), irgendwie typisch für Zürich.

Nur die NZZ (neben IP, «Weltwoche» und ZACKBUM) beschäftigt sich ausführlich mit dem Skandal, dass auf Druck der Ukraine ein angekündigter Dokumentarfilm aus dem Programm gekippt wurde; die zur Podiumsdiskussion eingeladene Autorin wurde wieder ausgeladen.

Das ist mutig und vorbildlich, wenn die NZZ schreibt: «Zu Versuchen von Zensur darf es nicht kommen, betont unser Filmredaktor. Doch genau das geschieht derzeit. Auch die Ukraine müsse die Meinungsfreiheit achten.»

Der Aufruf sollte sich allerdings auch an die Mainstream-Medien in der Schweiz richten. Denn alle, ausser den oben erwähnten, brachten eine mehr oder minder verkniffene Meldung, dass «Russians at War» nun doch nicht gezeigt werde. Zur Begründung brachte zum Beispiel CH Media einen an Objektivität nicht zu überbietenden Text:

«Filmschaffende werfen Trofimova unter anderem subjektive Haltung, Emotionalisierung des Publikums und mangelnden politischen Kontext vor. Der Film sei reine russische Propaganda und übernehme unkritisch das Narrativ der Soldaten, die keine Ahnung hätten, warum sie überhaupt in diesen Krieg gezogen seien

Wohlgemerkt hatte (ausser dem Filmkritiker der NZZ) keiner der Film- und Medienschaffenden den Dokustreifen gesehen, über den sich alle das Maul zerreissen.

Dass niemand der anwesenden Polit-Prominenz das Rückgrat hatte, wenigstens in einem Nebensatz darauf hinzuweisen, dass sich die Schweiz eine solche Einmischung von Seiten der ukrainischen Regierung und der Botschafterin in Bern nachdrücklich verbitte, eine Schande.

Dass auch keiner der anwesenden B- und C-Promis dazu ein Wort sagte, peinlich. Dass Festival-Direktor Jungen verbindlich lächelnd seine Garderobe ausführte und auch kein Wort des Bedauerns oder der Erklärung fand, dieser Makel wird ihn von nun an begleiten.

Freiheit der Kunst, Erforschung des Hybriden und Non-Binären, Schaulaufen der Eitelkeiten auf dem grünen Teppich, Limousinenflotte, mit der Wichtigkeiten herumkutschiert werden, VIPs, Selfie-Jäger, Blitzlichtgewitter, der übliche Blick aller Prominenz und Pseudoprominenz muss ich den kennen oder nicht eher der mich?, was für ein Jahrmarkt des Gehabes.

Und alle tragen eigentlich des Kaisers neue Kleider, so aufgemaschelt, aufgebürstet, hingefönt, professionell geschminkt und in nicht immer geschmackssicher gewählter Galarobe sie auch schaulaufen mögen. Wem es wirklich um die Freiheit der Kunst, um die Meinungsfreiheit gegangen wäre, der hätte unter lautstarkem Protest nicht teilgenommen oder den grünen Teppich für ein klares Statement benutzt.

Aber wenn alle besoffen von der eigenen oder der geliehenen Wichtigkeit sind, dann bleibt für Zivilcourage natürlich kein Platz. Dann merkt niemand, wie lächerlich doch alle Teilnehmer an diesem Zirkus sind.

 

Was sagt die russisch-kanadische Regisseurin?

Anastasia Trofimovas Dokumentarfilm «Russians at War» durfte aufgrund von Druck und Drohungen nicht gezeigt werden.

Weil auch die ukrainische Botschafterin in Bern intervenierte, knickte das Zurich Zensur Festival feige ein. Der von Kanada finanzierte und von renommierten Produzenten begleitete Dokustreifen wurde dem Publikum vorenthalten, die Regisseurin wieder ausgeladen. Für eine Freakshow mit Nemo war allerdings Platz und Gelegenheit.

Seither herrscht verkniffenes Schweigen zum Thema, niemand protestiert gegen diese ungeheuerliche Einmischung der Ukraine. Nur die «Weltwoche» machte das Selbstverständliche; sie interviewte Trofimova.

Hier die Verschriftlichung des Video-Interviews durch Roman Zeller:

Weltwoche: Frau Trofimova, was haben Sie sich gedacht, als Sie von der Entscheidung aus Zürich hörten?Anastasia Trofimova: Wir waren schockiert. Die Organisatoren haben uns über Drohungen informiert, die sie erhalten haben, sehr, sehr bösartig, wirklich beängstigend. Für mich ist es alarmierend, dass das durch Gewaltandrohungen durchgesetzt wurde.
Weltwoche: Worum geht es in Ihrem Film «Russians at War»?
Trofimova: Als ich begann, lautete meine Fragestellung: Wer sind die Soldaten, die diesen Krieg auf der Seite Russlands führen? Es gibt so viele Informationen über die Ukraine, nur sehr wenige über Russland und fast nichts über die Soldaten an der Front. Ich wusste nur, mein Land ist im Krieg. Mehr sah ich nicht durch den Nebel der Erzählungen, die in Russland aufgebaut wurden. Auf der einen Seite gab es die Helden, die nie bluten, nie sterben. Und dann gibt es die westliche Darstellung, die Russen seien Vergewaltiger, Mörder, Kriegsverbrecher. Daher beschloss ich, der Frage nachzugehen: «Wer sind diese Menschen wirklich?»
Weltwoche: Was war Ihr erster Eindruck, als Sie an der Front ankamen?
Trofimova: Mich hat die Banalität des Ganzen überrascht. Die meiste Zeit über herrscht Langeweile, dann wird es plötzlich blutig, dann wieder still, und dann geht es einfach weiter, immer weiter. Die Tage werden eins, endlos. Die Banalität von Leben und Tod im Krieg.
Weltwoche: Wie motiviert waren die Soldaten?
Trofimova: Paradoxerweise waren die ukrainischen Soldaten am meisten motiviert. Es gibt Ukrainer in der russischen Armee, hauptsächlich aus der Ostukraine. Für sie war klar: Wir kämpfen für unser Land. Was die russischen Soldaten angeht, so hatte jeder eine andere Erklärung. Einige waren der Meinung, dass die Nato die Ukraine benutze, um nach Russland vorzudringen. Andere sagten, dass sie nicht wollten, dass der Westen ihnen sagt, wie sie leben sollen. Wieder andere sagten, sie hätten im Fernsehen all diese Nazi-Bataillone gesehen, die wollten sie bekämpfen. Meine Schlussfolgerung war, dass die Politik dieses Krieges sehr unklar ist. Es herrschte viel Verwirrung.
«Die Tage werden eins, endlos. Die Banalität von Leben und Tod im Krieg.»
Weltwoche: Manche sprechen von einem Bruderkrieg.
Trofimova: Das stimmt. Die Frau eines Soldaten ist Ukrainerin aus Donezk. Sie hat drei Schwestern. Eine lebt in der Westukraine, sie spricht überhaupt nicht mehr mit ihr, weil sie sie für eine Separatistin hält – und umgekehrt. Die zweite Schwester lebt in Odessa, sie spricht noch mit ihr, aber nicht über Politik. Ihr Vater, der unweit von Donezk wohnt, sagt, er warte, dass ihn sein Schwiegersohn mit der russischen Armee von den Ukrainern befreie. Das ist nur eine Familie, mit völlig unterschiedlichen Meinungen. Die Cousins eines anderen Soldaten kämpfen auf der ukrainischen Seite. Sie hätten manchmal miteinander gesprochen, in der Art: Wir mögen uns zwar, aber ich werde dich töten.
Weltwoche: Was wissen Sie über die Zivilisten in der Ostukraine? Wie denken sie über die russische Armee
Trofimova: Für mich war es überraschend, dass ich die Frage hörte: «Warum hat das so lange gedauert, bis die russische Armee gekommen ist?» Natürlich denkt nicht jeder in der Ostukraine so. Offensichtlich leben viele Menschen, die gegen die russischen Truppen waren, nicht mehr dort, oder sie schweigen. Aber es war schon sehr überraschend, Zivilisten zu treffen, die der russischen Armee halfen.
Weltwoche: Wer westliche Medien liest, könnte glauben, die Russen werden an der Front verheizt. Was wissen Sie darüber?
Trofimova: Auch dazu gibt es keine einheitliche Meinung. Einige wollen kämpfen. Sie haben sich aus welchen Gründen auch immer freiwillig gemeldet. Einige hatten das Gefühl, dass sie den Menschen im Donbass, der russischsprachigen Bevölkerung, helfen würden, die von der ukrainischen Regierung angegriffen wurden. Einige sind eingerückt, die die Politik nicht wirklich verstehen. Aber wenn das Land ruft, gehen sie.
Weltwoche: Was wissen Sie über die gefallenen Soldaten? Haben Sie Zahlen?
Trofimova: Ich habe keine Zahlen, weil ich nicht an der gesamten Front war. Ich war nur mit einem Bataillon an zwei Abschnitten, in Krasnyj Lyman und Bachmut. Aber allein schon deswegen müssen die Leute diesen Film sehen, damit sie die Banalität des Todes im Krieg verstehen. Die Leichen, die in Schichten gestapelt auf den Feldern liegen. Man sieht, dies ist die Sommer-, dies die Winterschicht, das sind die Jungs der Offensive, die jene der Gegenoffensive, Ukrainer und Russen. Es gibt Familien auf beiden Seiten, die nie erfahren werden, wo ihr Sohn begraben liegt.
Weltwoche: Peter Maurer, Ex-Chef des Roten Kreuzes, sagte in einem Interview mit der Weltwoche unlängst: Die russische Seite kämpfe zivilisierter, als es in den Medien dargestellt werde. Was ist Ihr Eindruck?
Trofimova: Es gibt in jedem Krieg Kriegsverbrechen. Krieg ist, wenn Männer sich gegenseitig töten. Für mich ist das bereits ein Verbrechen. Ich habe über Kriegsverbrechen gelesen, aber ich habe persönlich nichts dergleichen gesehen. Ich habe auch nicht selektiv etwas zurückbehalten. Aber ich bin sicher, dass Kriegsverbrechen vorkommen.
Weltwoche: Was ist die grösste Fake News, die Sie über die russische Seite der Front gelesen haben?
Trofimova: Es gibt nicht genug Informationen. Es werden Geschichten nacherzählt, weil es auf der russischen Seite fast keine westlichen Journalisten gibt. Was die Menschen im Westen wissen, erfahren sie in der Regel durch die Augen ukrainischer Geheimagenten oder das ukrainische Militär. Da sieht man Zerstörung, was berechtigt ist. Aber gleichzeitig sollte nicht nur über, sondern auch von den Seiten berichtet werden, sonst ist man mit einer falschen Wahrnehmung konfrontiert.
Weltwoche: Was wissen Sie über die ukrainische Seite?
Trofimova: Ich habe die ukrainische Seite nie gesehen. Das ist auch das Paradoxe für die Soldaten: Im Moment ist die Front recht stabil. Es bewegt sich nicht wirklich viel. Beide Seiten sitzen in Schützengräben, dazwischen ist vielleicht ein 300-Meter-Feld, das vermint ist. Die Soldaten sitzen einfach nur da. Wie im Ersten Weltkrieg. Die meisten Soldaten haben bis vor einigen Monaten nie einen Ukrainer gesehen, zumindest das Bataillon, in dem ich war. Tod und Zerstörung, die sich beide Seiten gegenseitig zufügten, geschahen hauptsächlich aus der Luft. Mit Drohnen. Es ist ein Krieg der Artillerie.
Weltwoche: Was wissen Sie über die Ziele Russlands? Wie lautet der Auftrag an die Soldaten?
Trofimova: Das ist eine gute Frage. Dieser Krieg dauert nun schon über zweieinhalb Jahre, und zumindest vor Ort herrscht grosse Verwirrung, warum sie eigentlich hier sind und was sie erreichen wollen. In groben Zügen wird kommuniziert, dass versucht wird sicherzustellen, dass die Ukraine nicht der Nato beitritt. Ein neutrales Land schaffen, heisst es, mit Garantien, dass sie aufhören, den Donbass zu beschiessen. Was politisch gesagt wird und was vor Ort ankommt, ist verwirrend.
Weltwoche: Es heisst, Russland sei nicht zu Verhandlungen bereit. Stimmt das? Was ist die Meinung an der Front?Trofimova: So oft es ging, bin ich in eine Stadt gefahren, um im Internet zu surfen. Jedes Mal, wenn ich zurückkam, war ich von Soldaten umringt, die mich fragten, wer Verhandlungen führe. «Wie steht es? Was sind die Gerüchte in Moskau? Ist der Krieg zu Ende?» Wenn man die Leute fragt, will niemand an der Front sein. Ich kann mir vorstellen, dass die ukrainischen Soldaten auch nicht dort sein wollen. Für die russischen Soldaten gilt das definitiv. Nur glaube ich nicht, dass es den Wunsch gibt, zu verhandeln, auch nicht in bestimmten politischen Kreisen.

«Ja, ich stehe auf einer Abschussliste. Es gibt in der Ukraine eine Website. Sie listet die Feinde des Staates auf.»
Weltwoche: Was sagen Sie zum Vorwurf, dass Sie mit Ihrem Film russische Propaganda verbreiten?
Trofimova: Das ist verleumderisch, empörend, beleidigend. Für mich war es eine faszinierende Erfahrung, zu sehen, wie Falschinformationen auf der ganzen Welt aufgebauscht werden. Was ich dazu sagen kann, ist, wir haben hier eine Geschichte, die noch nie erzählt wurde und die Sie so definitiv nicht im russischen Staatsfernsehen sehen würden, denn in Russland wird selbst der Tod eines Soldaten nicht gezeigt.
Weltwoche: Es heisst, Sie seien auf der ukrainischen «Liste der Bedrohungen für die nationale Sicherheit» auf Platz 233. Ist das eine dieser ominösen Todeslisten?
Trofimova: Ja, ich stehe auf einer Abschussliste. Es gibt in der Ukraine eine Website, die ironischerweise «Peacekeeper» heisst, Friedensstifter. Sie listet die Feinde des Staates auf. Davon gibt es, soweit ich weiss, etwa 200 000. Die ganze Bevölkerung der Krim steht auf dieser Liste. Etwa 4000 Journalisten. Daneben stehen Fotos, Adressen, Telefonnummern, Social-Media-Daten, Passinformationen und so weiter. Das wird benutzt, um Journalisten und andere zu bedrohe
Weltwoche: Haben Sie Angst?
Trofimova: Mir ist definitiv nicht wohl dabei, ich schaue lieber einmal zu viel über meine Schulter.

Das ganze Interview sehen Sie auf www.weltwoche.ch


Mit freundlicher Genehmigung. Der Artikel ist auf der Webseite der «Weltwoche» hinter der Bezahlschranke

Feiges Filmfestival

Was für ein Wackelpudding ist Christian Jungen.

Es gibt einen Dokumentarfilm über «Russians at War». Festivaldirektor Jungen hatte noch vor Kurzen getönt: «Filme sollen zu Diskussionen anregen. Und wir verstehen diesen Film als Antikriegsfilm.»

Die russisch-kanadische Filmemacherin Anastasia Trofimova hatte während sieben Monaten russische Soldaten im Ukrainekrieg begleitet. Sie sagt, es handle sich dabei um eine menschliche Momentaufnahme von Soldaten, die sich in einem sinnlosen Krieg befinden; sie selbst verurteile die Invasion als ungerecht und illegal.

Der Streifen war bereits an den Internationalen Filmfestspielen von Venedig gezeigt worden – ohne Zwischenfälle. In Toronto war seine Vorführung allerdings zunächst wegen Drohungen abgesagt worden.

Am Zurich Film Festival (ZFF) laufen zudem zwei Dokumentarfilme, die die ukrainische Seite zeigen. Alleine die unverschämte Intervention eines Sprechers der ukrainischen Regierung hätte in einem Land, in dem Meinungsfreiheit hochgehalten wird, scharfe Zurückweisung erfahren müssen:

«Wir fordern die Organisatoren des ZFF dringend auf, die Reputation des Festivals nicht durch die Aufführung von «Russians at War» zu ruinieren. Das ist ein Propagandafilm, der Kriegsverbrechen weisswäscht. Wirkliche Russen sind Invasoren, Kriegsverbrecher und Vergewaltiger. Das zu überdecken macht jeden zum Komplizen.»

Dagegen hielt zunächst der pseudomutige Jungen, dass er sich auf ein «veritables Filmfest mit Substanz und Glamour» freue. Wer sich den Trailer der Dokumentation anschaut, sieht, dass es sich um alles andere als einen Jubel-Propagandafilm handelt. Er zeigt etwas, was ukrainischen Kriegsgurgeln und ihren dümmlichen Apologeten in der Schweiz nicht in den Kram passt: russische Soldaten als Menschen.

Am Donnerstagabend dann die Kehrtwende: «Die Sicherheit unseres Publikums, der Gäste, Partner und Mitarbeitenden steht für das ZFF an oberster Stelle.» Daher wird die Aufführung abgesagt, die angekündigte Podiumsdiskussion mit der Regisseurin, zu der auch der ukrainische Botschafter in der Schweiz eingeladen wurde, ebenfalls. Die Regisseurin wird nicht in die Schweiz reisen.

Das heisst also, dass die Leitung des ZFF einknickt, wenn Antidemokraten und Feinde der Meinungsfreiheit nur genug Lärm machen. Da hierzulande niemand den Film gesehen hat, kann keiner sich eine Meinung darüber bilden, ob es russische Propaganda sei oder nicht. Aber das ist nicht einmal entscheidend.

Entscheidend ist: in Russland und in der Ukraine herrscht Zensur. Kann von Meinungsfreiheit und freier Meinungsbildung keine Rede sein, werden oppositionelle Meinungen unterdrückt, auch mit drakonischen Mitteln. So hat das ukrainische Kulturministerium die Regisseurin Trofimova zu «einer Bedrohung der nationalen Sicherheit» erklärt. Echt jetzt?

In der Schweiz ist das anders. Im Gegensatz zur EU kann man hier auch Russia Today weiterhin empfangen, und das ist gut so. Wer mündige Staatsbürger für so blöd hält, dass sie sich von russischer Staatspropaganda einseifen liessen, sägt an den Fundamenten einer freien Gesellschaft. Wer einen Dokumentarfilm als «russische Propaganda» kritisiert, wie das auch Schweizer Journalisten tun, ohne ihn gesehen zu haben, ist ein Dummkopf und sollte die Lizenz zum Schreiben verlieren. Das wäre mal eine sinnvolle Zensur.

Immerhin schreibt die NZZ, deren Abgesandter nach Venedig den Film offenbar gesehen hat: «Dass sich das ZFF mithin gezwungen sah, die Filmvorführung zu streichen, ist erschreckend.»

Schon der ukrainische Botschafter in Deutschland benahm sich dermassen unmöglich, dass er von seinem Posten abberufen werden musste. Was sich hier die ukrainische Regierung erlaubt, ist ebenfalls unerhört und müsste sowohl vom ZFF wie auch von der Zürcher Regierung genauso scharf beantwortet werden.

Jungen ist es gelungen, den Ruf des ZFF mit leichter Hand zu ruinieren. An der Einladung eines Roman Polanski wird festgehalten, aber ein Dokumentarfilm wird zensiert, wenn genügend Rüpel dagegen protestieren, wenn es gar Drohungen gibt? Überlässt man also dem Pöbel die Entscheidung, was wir anschauen dürfen und was nicht?

Diese Drohungen richten sich nicht in erster Linie gegen das ZFF. Sondern gegen die Meinungsfreiheit. Feige einzuknicken, das ist unehrenhaft, unanständig und desavouiert Jungen als Windfahne ohne Rückgrat.

Nach dieser erbärmlichen Vorstellung müsste er eigentlich seinen Rücktritt erklären. Was er aber nicht tun wird. Das Publikum sollte sie eigentlich mit Buhrufen und Pfiffen quittieren und unter Protest den Saal verlassen. Was es auch nicht tun wird, denn dabei könnte man ja das Cüpli verschütten oder den Auftritt auf dem grünen Teppich versauen. Anstatt sich im Glanz von Hollywoodstars zu sonnen, sollte die Stadtpräsidentin Corine Mauch und jeder Politiker, der sich am ZFF rumtreibt, seine Missbilligung ausdrücken. Was keiner tun wird.

Und wo bleibt der Protest der mutigen Mannen (und Frauen) von Tamedia, vom «Blick», von CH Media?

Erbärmlich.